Geografische Namen und ihr Genitiv-s: „des modernen Europa(s)“

Frage

Ich bin unsicher beim Gebrauch des Genitiv-s bei Ländernamen, die mit einem Attribut daherkommen. Beispiel:

Die ständische Rechtsordnung des historischen Ungarn ist aus Kompromissen entstanden.

Würden dort Artikel und Attribut nicht stehen, wäre der Fall klar: Ungarns. Aber so …? Mir wäre in dem Fall das „s“ lieber, doch man liest es heutzutage sehr oft auch ohne. Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr G.,

geografische Namen, die in der Regel ohne Artikel verwendet werden, haben im Genitiv immer ein s:

die Geschichte Europas
die Reisterrassen Balis
die Rechtsordnung Ungarns

Wenn solche geografische Namen ein Attribut bei sich haben, stehen sie mit Artikel. Dann fällt im Genitiv die Endung s häufig aus. Das ist auch standardsprachlich üblich (vgl. hier). Richtig ist also beides:

die Geschichte des modernen Europas
die Geschichte des modernen Europa

die Reisterrassen des geheimnisvollen Balis
die Reisterrassen des geheimnisvollen Bali

die Rechtsordnung des historischen Ungarns
die Rechtsordnung des historischen Ungarn

Dies gilt auch dann, wenn das Attribut nachgestellt ist. Dann scheinen aber die Formen mit Endung noch häufiger vorzukommen:

das Konzept des Europas der Regionen
das Konzept des Europa der Regionen

die Romantik des Wiens der Jahrhundertwende
die Romantik des Wien der Jahrhundertwende

Wenn Ihnen die Variante mit s lieber ist, können Sie diese also problemlos verwenden. Die Variante ohne s gilt aber ebenfalls als korrekt.

Bei den Personennamen ist diese Entwicklung übrigens schon viel weiter fortgeschritten. Sie werden im heutigen Deutschen nur noch endungslos verwendet, wenn sie einen Artikel und ein Adjektiv bei sich haben:

die Dramen des jungen Goethe
das Spielzeug des kleinen Joachim
die Geschichte des selbstverliebten Felix Krull

(Bei weiblichen Namen war das Genitiv-s hier sowieso nie üblich: das Leben der heiligen Elisabeth, auf den Spuren der mächtigen Kleopatra).

Es gibt also eine Tendenz, bei Eigennamen das Genitiv-s wegzulassen, wenn sie mit einem Artikel stehen. Wie die Beispiele oben zeigen, ist diese Tendenz noch unterschiedlich weit fortgeschritten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hat das neue Jahrzehnt schon angefangen?

Alle zehn, hundert und tausend Jahre wieder:

Frage

Aktuell hört und liest man, dass mit dem Jahr 2020 eine neue Dekade angefangen hat. Dekade bedeutet 10 Tage, 10 Jahre etc. Kann dann die alte Dekade vom Jahr 2010 bis zum Jahr 2019 gerechnet werden oder müsste vielmehr diese Dekade ab dem Jahr 2011 bis zum Jahr 2020 gehen. Es wäre so ähnlich wie der Jahrtausendwechsel, der irrtümlich bereits 1999/2000 gefeiert wurde.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

eine Dekade, ein Dezennium oder ein Jahrzehnt dauert zehn Jahre. Wann genau diese Periode anfängt und endet, ist dabei nicht relevant. Jeder zehn Jahre dauernde Zeitabschnitt kann im Prinzip Dekade, Dezennium oder Jahrzehnt sein.

Bei der Zeitrechnung kann man die „historisch-mathematische“ Zählung verwenden, die davon ausgeht, dass es das Jahr null nach der traditionellen christlichen Zeitrechnung nicht gibt und entsprechend vom 1. Januar des Jahres 1 an rechnet. Das erste Jahrzent ist dann am Ende des Jahres 10 vorbei und das zweite beginnt am 1. Januar des Jahres 11. Nach dieser Methode fängt ein Jahrzehnt also am Anfang eines auf 1 endenden Jahres an und dauert bis zum Ende des darauffolgenden auf 0 endenden Jahres. Demzufolge sind wir noch im Dezennium, das am 1. Januar 2011 angefangen hat und bis zum 31. Dezember 2020 dauert.

Viel üblicher ist hier aber die „dezimale“ Zählung, bei der alle mit derselben Zehnerzahl beginnenden Jahre zu einem Jahrzehnt zusammengefasst werden. Dann fängt ein Jahrzehnt am Anfang eines auf 0 endenden Jahres an und dauert bis zum Ende des darauffolgenden auf 9 endenden Jahres. Nach dieser Methode war am vergangenen 31. Dezember das Dezennium 2010–2019 zu Ende und hat am vergangenen 1. Januar 2020 ein neues Jahrzehnt angefangen, das bis zum Ende des Jahres 2029 dauert.

Eine entsprechende Begründung gilt auch für Jahrhunderte und Jahrtausende. Nach der „historisch-mathematischen“ Zählung hat dieses Millennium am 1. Januar 2001 angefangen, nach der viel gebräuchlicheren „dezimalen“ Zählung aber schon am 1. Januar 2000.

Beide Zählarten haben ihre eigene Begründung und keine von beiden ist grundsätzlich falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Am Berg dem Himmel näher kommen oder näherkommen?

Frage

Heißt es „Am Berg dem Himmel näherkommen“ oder „Am Berg dem Himmel näher kommen“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

man schreibt Verbindungen von näher und einem Verb getrennt, wenn mit näher eine geringere örtliche oder zeitliche Distanz ausgedrückt wird:

Du kannst ruhig näher treten.
Sie kamen dem Abgrund immer näher.
Wir sind dem Ziel unserer Reise schon näher gekommen.
Als der Termin näher rückte, wurden sie nervös.

Zusammengeschrieben wird dann, wenn näher und das Verb zusammen in einem übertragenen Sinne verwendet werden, der sich nicht direkt aus den Bedeutungen der einzelnen Teile ergibt:

Die beiden sind sich wieder nähergekommen.
(näherkommen = vertrauter werden)
Ich habe ihm früher nähergestanden.
(näherstehen = in engerer Beziehung stehen)
Sie wollte den Schülern das Theater näherbringen.
(näherbringen = vertraut machen)
Bevor ich Ihrem Anliegen nähertrete, möchte ich …
(nähertreten = seine Aufmerksamkeit einer Sache zuwenden)
Ich glaube, dass es näherliegt, es selbst zu tun, als jemanden zu beauftragen.
(näherliegen = sich eher anbieten)

Sie haben hier also die Wahl, je nachdem, ob man am Berg dem Himmel näher kommt, weil man sich auf größerer Höhe befindet, oder ob man am Berg dem Himmel näherkommt, weil man durch diese Erfahrung mit dem Himmlischen oder etwas Himmlischem vertrauter wird. Beides ist möglich.

Wie geschrieben wird, hängt hier also von der Bedeutung ab. Rein rechtschreiblich wird es dann schwierig oder eigentlich unlösbar, wenn als Wortspiel beides gemeint ist. Da die Feinheiten der Schreibung von Verbindungen wie näher+Verb nicht allen gleich gut bekannt sind, sollte es sich ohnehin unabhängig von Getrennt- oder Zusammenschreibung aus dem weiteren Zusammenhang ergeben, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Des Fragilen-X-Syndroms oder des Fragiles-X-Syndroms?

Frage

Es geht um den medizinischen Begriff „Fragiles-X-Syndrom“. Im Text, den ich bearbeite, wird das Adjektiv immer mitdekliniert, also „dem Fragilen-X-Syndrom“, „das Fragile-X-Syndrom“, „des Fragilen-X-Syndroms“ usw., und dies nicht nur im mir vorliegenden Text, sondern auch im Ärzteblatt und auf der […]-Website.

Aber die Beugung des Adjektivs ist doch nicht korrekt. Oder liege ich hier völlig falsch?

Antwort

Mit Fragiles-X-Syndrom wird eine Erbkrankheit bezeichnet, die durch eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom verursacht wird. Fragil ist nicht das Syndrom, sondern das X. Es ist das Syndrom des fragilen X. Die Zusammensetzung hat also diese Struktur:

fragiles X + Syndrom

Nach dieser Analyse ist die Beugung des Adjektivs tatsächlich nicht richtig, denn fragiles bezieht sich nicht auch Syndrom oder X-Syndrom, sondern nur auf X. Korrekt ist deshalb:

das Fragiles-X-Syndrom
dem Fragiles-X-Syndrom
des Fragiles-X-Syndroms

Zusammensetzungen mit einem Adjektiv mit Endung an erster Stelle sind im Deutschen sehr selten. Wenn Sie vorkommen, werden Sie häufig so gebeugt, wie wenn sich das Adjektiv auf den Wortkern und nicht nur auf das vor ihm stehende Substantiv beziehen würde. Das führt zu den Formen, die Sie in Ihrer Frage angeben:

das Fragile-X-Syndrom
dem Fragilen-X-Syndrom
des Fragilen-X-Syndroms

Ich zögere, diese Formen als wirklich falsch zu bezeichnen. Sie sind zwar rein formal betrachtet nicht korrekt. Sie klingen aber auf Anhieb natürlicher und sind, wie ein kurzer Blick ins Netz zeigt, viel üblicher als die Formen mit Fragiles-. Dies gilt auch für Fachtexte.

Auch bei zum Beispiel Saure-Gurken-Zeit (saure Gurken + Zeit) und Rote-Armee-Fraktion (Rote Armee + Fraktion) kommen häufig Formen vor, bei denen das Adjektiv gebeugt wird, obwohl es sich nicht auf den Wortgruppenkern bezieht:

der Sauren-Gurken-Zeit statt der Saure-Gurken-Zeit
der Roten-Armee-Fraktion statt der Rote-Armee-Fraktion

Auch hier werden die rein formal nicht korrekten Formen häufig als „alltagssprachlich“ toleriert (vgl. hier).

Wenn Sie im Text, den Sie bearbeiten, das Fragile-X-Syndrom und des Fragilen-X-Syndroms überall in das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms umändern, haben Sie zwar formal recht, es könnte aber sein, dass die Fachleute, die diesen Begriff in ihrem Beruf verwenden, nicht damit einverstanden sind. Und wer hat dann recht, die theoretische Grammatik oder der praktische Gebrauch? Ich würde für das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms plädieren, aber ich bin halt ein „Sprachler“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kakophonie – Pubertäres Grinsen liegt doch nicht ganz daneben

Heute bin ich wieder einmal dem Wort Kakophonie (o. Kakofonie) begegnet. Das schöne bildungssprachliche Wort, das Kindern bis hin zu Spätpubertierenden jeden Alters ein Lachen bzw. Grinsen entlockt, bedeutet Missklang, hässlicher Klang, Dissonanz. Es kommt von griechisch kakos (schlecht, schlimm, böse) und ebenfalls griechisch phon (Ton, Klang). Es gibt eigentlich nichts, worüber man lächeln, lachen oder grinsen könnte, denn mit dem gleich klingenden derben deutschen Wort hat es nichts zu tun. Wirklich?

Der erste Teil kak(o)- kommt auch in anderen schönen Fachwörtern wie Kakogeusie (alle Geschmacksreize als unangenehm empfinden), Kakosmie (Gerüche fälschlich als unangenehm empfinden) und Kakostomie (übler Mundgeruch) vor. Es geht, wie bereits gesagt, auf das griechische Adjektiv kakos (κακός = schlecht, übel, böse) zurück. Die Wortherkunft dieses Adjektivs ist ungeklärt, aber es wird allgemein davon ausgegangen, dass es auf einen Wortstamm kak(k)a mit der Bedeutung den Darm entleeren zurückgeht.

Das kako- in Kakophonie hat also indirekt doch etwas mit Kacke (ich muss das Wort hier doch einmal erwähnen) zu tun. Die Wörter sind „weit hinten“ miteinander verwandt. Die beiden Verwandten gehören aber unterschiedlichen Sprachebenen an. Während im Griechischen κακός zum normalen Sprachgebrauch gehört und man ungeniert von zum Beispiel einer κακή ιδέα (kaki idea) reden kann, ist Kackidee im Deutschen ein derbes Wort, bei dem man sich zweimal überlegen sollte, ob man es wirklich verwenden möchte. Das eingangs erwähnte (spät)pubertäre Grinsen beim Wort Kakophonie ist aber nicht nur klanglich, sondern auch wortgeschichtlich nicht ganz unbegründet.

Das Komma, wenn der Nebensatz Subjekt ist

Eigentlich ist das Komma bei Nebensätzen ganz einfach. Dennoch kommen in bestimmten Fällen manche ins Zweifeln:

Frage

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie wieder einmal einen Knoten lösen könnten: Ist hier ein Komma nach „produzieren“ zwingend erforderlich?

Wie wir produzieren(,) ist vor allem auch eine Frage der unternehmerischen Haltung.

Antwort

Guten Tag Herr V.,

das Komma nach produzieren muss stehen. Es trennt den mit wie eingeleiteten Nebensatz ab. Nebensätze werden auch dann durch ein Komma abgetrennt, wenn sie wie hier im übergeordneten Satz die Rolle des Subjekt haben (Wer oder was ist eine Frage der unternehmerischen Haltung?):

Wie wir produzieren, ist vor allem auch eine Frage der unternehmerischen Haltung.

Hier weitere Beispiele von Satzgefügen mit einem Subjektnebesatz:

Dass er gekommen ist, erstaunt uns.
Ob er die Wahrheit sagt, wird bezweifelt.
Wann sie aus den Ferien zurückkommen, ist unbekannt.
Wer nicht mitkommt, verpasst viel.

Vor allem wenn Subjektnebensätze wie hier an erster Stelle stehen, zweifeln manche, ob ein Komma stehen muss. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der verbleibende Satz aussieht, als würde ihm etwas fehlen, nämlich das Subjekt. Hier kommt aber eine Kommaregel zur Anwendung, die eigentlich ganz einfach und sehr stark ist: Nebensätze werden durch Kommas abgetrennt. Das gilt unabhängig davon, welche Rolle der Nebensatz im Gesamtsatz hat – und Nebensätze können viele verschiedene Funktionen haben:

Akkusativobjekt: Sie lernen, wie sie ein Dokument sichern müssen.
Dativobjekt: Ich verrate das Geheimnis nur, wem ich wirklich vertraue. (selten)
Genitivobjekt: Sind Sie sich (dessen) bewusst, dass Rauchen schädlich ist?
Präpositionalobjekt: Wir zweifeln (daran), ob dies die richtige Lösung ist.
Adverbialbestimmung: Wenn es regnet, spielen die Kinder spielen im Haus.
Attribut: Hunde, die bellen, beißen nicht.
Prädikativ: Alles bleibt, wie es ist.
Subjekt: Wie wir produzieren, ist eine Frage der unternehmerischen Haltung.

Dass der Nebensatz Subjekt ist, befreit uns nicht von der Kommapflicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komma vor „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“?

Frage

Eine Kommafrage zu:

Ich gehe heute schwimmen, und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Muss das Komma vor „und“ stehen oder ist es freigestellt? Welcher Paragraph der amtlichen Regelung entscheidet, was hier gilt?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es ist zu empfehlen, hier vor und ein verdeutlichendes Komma zu verwenden. Die Kommas in Ihrem Satz sind also richtig gesetzt:

Ich gehe heute schwimmen, und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Dieses Komma ist aber nicht obligatorisch, das heißt, es kann auch weggelassen werden:

Ich gehe heute schwimmen und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Mit und werden hier zwei selbstständige Sätze verbunden, von denen der zweite mit einem Nebensatz beginnt:

  • Ich gehe heute schwimmen
  • und
  • Wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino

Dann greift § 73 der amtlichen Rechtschreibregelung, der sagt:

Bei der Reihung von selbständigen Sätzen, die durch und […] verbunden sind, kann man ein Komma setzen, um die Gliederung des Ganzsatzes deutlich zu machen.

Genau das tut das Komma vor und in Ihrem Satz wie auch in den folgenden Beispielen. Es verdeutlicht die Struktur des relativ komplexen Satzes:

Ich bin spät nach Hause gekommen, und weil ich Hunger hatte, habe ich mir noch ein Spiegelei gebacken.
Wenn du recht hast, ist es gut, und wenn ich recht habe, ist es auch gut.
Da waren die Kinder herzlich froh und gingen zusammen nach Hause, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Wie bereits gesagt, gilt allerdings das Folgende: In diesen Fällen ist das Komma vor und nicht obligatorisch, und wenn Sie es lieber weglassen, verstoßen Sie gegen keine Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wenn“ und „als“ und warum „als der Korb voll ist“ doch nicht falsch ist

Frage

Ist als in diesem Satz korrekt?

Sie sammeln Beeren. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Die ganze Erzählung ist in der Gegenwart gehalten.

Antwort

Guten Tag Herr G.

bei Zeitsätzen dieser Art gilt im Prinzip, dass man wenn verwendet, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder der Zukunft ausgedrückt wird, und als, wenn es um Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit geht:

Du darfst gehen, wenn du fertig bist.
Wir werden euch besuchen, wenn wir Ferien haben.

Du durftest gehen, als du fertig warst.
Wir wollten euch besuchen, als wir Ferien hatten.

Wahrscheinlich führt diese „Grundregel“ zu Ihrem Zweifel. Sie sagt nämlich, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausgedrückt wird. Sie sagt nicht, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit im Präsens ausgedrückt wird. Präsens und Gegenwart sind in der Sprache oft nicht dasselbe. Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall.

Man kann eine Erzählung, die sich in der Vergangenheit abspielt, ganz oder teilweise im Präsens ausdrücken. Das ist das Erzählpräsens oder historische Präsens. Dann steht trotz des Präsens als und nicht wenn. Die Wahl der Konjunktion richtet sich also nach der Bedeutung (Vergangenheit) und nicht nach der Form (Präsens):

Wir schreiben das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckt.
Als Sherlock Holmes den Auftrag erhält, verlängert er seinen Aufenthalt in …

Wenn Ihre Erzählung sich in der Vergangenheit abspielt, aber im Präsens geschrieben ist, heißt es somit richtig:

Sie sammeln Beeren im Wald. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
= Sie sammelten Beeren im Wald. Als der Korb voll war, kehrten sie zurück.

Dieses als ist nur dann richtig, wenn es sich beim Präsens um ein Erzählpräsens handelt. Ist es ein „echtes“ Präsens, kann nur wenn verwendet werden:

nicht: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
sondern: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Wenn der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Dies ist kein welterschütternd kompliziertes Phänomen, aber es zeigt schön, dass Form und Bedeutung in der Sprache nicht immer parallel verlaufen und dann um den Vorrang streiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp