Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komma vor „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“?

Frage

Eine Kommafrage zu:

Ich gehe heute schwimmen, und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Muss das Komma vor „und“ stehen oder ist es freigestellt? Welcher Paragraph der amtlichen Regelung entscheidet, was hier gilt?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es ist zu empfehlen, hier vor und ein verdeutlichendes Komma zu verwenden. Die Kommas in Ihrem Satz sind also richtig gesetzt:

Ich gehe heute schwimmen, und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Dieses Komma ist aber nicht obligatorisch, das heißt, es kann auch weggelassen werden:

Ich gehe heute schwimmen und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Mit und werden hier zwei selbstständige Sätze verbunden, von denen der zweite mit einem Nebensatz beginnt:

  • Ich gehe heute schwimmen
  • und
  • Wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino

Dann greift § 73 der amtlichen Rechtschreibregelung, der sagt:

Bei der Reihung von selbständigen Sätzen, die durch und […] verbunden sind, kann man ein Komma setzen, um die Gliederung des Ganzsatzes deutlich zu machen.

Genau das tut das Komma vor und in Ihrem Satz wie auch in den folgenden Beispielen. Es verdeutlicht die Struktur des relativ komplexen Satzes:

Ich bin spät nach Hause gekommen, und weil ich Hunger hatte, habe ich mir noch ein Spiegelei gebacken.
Wenn du recht hast, ist es gut, und wenn ich recht habe, ist es auch gut.
Da waren die Kinder herzlich froh und gingen zusammen nach Hause, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Wie bereits gesagt, gilt allerdings das Folgende: In diesen Fällen ist das Komma vor und nicht obligatorisch, und wenn Sie es lieber weglassen, verstoßen Sie gegen keine Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wenn“ und „als“ und warum „als der Korb voll ist“ doch nicht falsch ist

Frage

Ist als in diesem Satz korrekt?

Sie sammeln Beeren. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Die ganze Erzählung ist in der Gegenwart gehalten.

Antwort

Guten Tag Herr G.

bei Zeitsätzen dieser Art gilt im Prinzip, dass man wenn verwendet, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder der Zukunft ausgedrückt wird, und als, wenn es um Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit geht:

Du darfst gehen, wenn du fertig bist.
Wir werden euch besuchen, wenn wir Ferien haben.

Du durftest gehen, als du fertig warst.
Wir wollten euch besuchen, als wir Ferien hatten.

Wahrscheinlich führt diese „Grundregel“ zu Ihrem Zweifel. Sie sagt nämlich, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausgedrückt wird. Sie sagt nicht, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit im Präsens ausgedrückt wird. Präsens und Gegenwart sind in der Sprache oft nicht dasselbe. Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall.

Man kann eine Erzählung, die sich in der Vergangenheit abspielt, ganz oder teilweise im Präsens ausdrücken. Das ist das Erzählpräsens oder historische Präsens. Dann steht trotz des Präsens als und nicht wenn. Die Wahl der Konjunktion richtet sich also nach der Bedeutung (Vergangenheit) und nicht nach der Form (Präsens):

Wir schreiben das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckt.
Als Sherlock Holmes den Auftrag erhält, verlängert er seinen Aufenthalt in …

Wenn Ihre Erzählung sich in der Vergangenheit abspielt, aber im Präsens geschrieben ist, heißt es somit richtig:

Sie sammeln Beeren im Wald. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
= Sie sammelten Beeren im Wald. Als der Korb voll war, kehrten sie zurück.

Dieses als ist nur dann richtig, wenn es sich beim Präsens um ein Erzählpräsens handelt. Ist es ein „echtes“ Präsens, kann nur wenn verwendet werden:

nicht: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
sondern: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Wenn der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Dies ist kein welterschütternd kompliziertes Phänomen, aber es zeigt schön, dass Form und Bedeutung in der Sprache nicht immer parallel verlaufen und dann um den Vorrang streiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Würde der Patient operiert oder würde der Patient operiert werden? – Konjunktiv II im Passiv

Frage

Wir lernen zurzeit den Konjunktiv II – kein einfaches Thema. Jetzt sind wir sogar beim Konjunktiv II im Passiv angekommen und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass im Internet verschiedene Varianten des Konjunktivs II Passiv Präsens angegeben werden. So sieht man „Das Tor würde nun geschlossen werden“, aber auch „Der Mann würde vom Arzt operiert“. Gehört das „werden“ nicht als Zeichen der Passivform unbedingt dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die schnelle Antwort lautet: Beides kommt vor, aber einfaches würde ist besser. Für eine genauere Antwort muss ich etwas weiter ausholen.

Im Konjunktiv II verwendet man standardsprachlich vor allem dann die würde-Formen, wenn die eigentlichen Formen des Konjunktivs II sich nicht von den Formen des Indikativs unterscheiden:

Ich hätte Zeit (nicht: Ich würde Zeit haben)
Ich wäre bereit (nicht: Ich würde bereit sein)
Ich sähe noch andere Möglichkeiten (besser nicht: Ich würde noch andere Möglichkeiten sehen)
Ich ginge lieber etwas früher (besser nicht: Ich würde lieber etwas früher gehen)

Wenn aber die Formen des Konjunktivs II und des Indikativs Präteritum identisch sind, werden auch in der Standardsprache die würde-Formen verwendet (vgl. hier):

Der Arzt würde ihn operieren (statt: Der Arzt operierte ihn)
Ich würde gerne deine Meinung hören (statt: Ich hörte gerne deine Meinung)
Ich würde noch nicht heizen (statt: Ich heizte noch nicht)
Die Lehrerin würde den Text korrigieren (statt: Die Lehrerin korrigierte den Text)

Der Konjunktiv II von werden ist würde. Diese Form unterscheidet sich vom Indikativ Präteritum wurde. Deshalb ist es eigentlich besser, nicht die würde-Form würde werden zu verwenden:

Indikativ: Der Mann wird vom Arzt operiert
Konjunktiv II: Der Mann würde vom Arzt operiert

Indikativ: Das Tor wird jetzt geschlossen
Konjunktiv II: Das Tor würde jetzt geschlossen

Diese Regeln werden allerdings nicht immer so streng beachtet, das heißt, auch würde werden kommt häufig vor, offensichtlich sogar in Grammatiktabellen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Konjunktiv II von werden mit dem Hilfsverb für die Ersatzform des Konjunktivs II identisch ist: würde. Es ist deshalb schwierig, „alles auseinanderzuhalten“.

Zusammenfassend: Beide Formen kommen vor, und dies in der Regel ohne Bedeutungsunterschied:

Der Patient würde vom Arzt operiert, wenn er Dienst hätte
Der Patient würde vom Arzt operiert werden**, wenn er Dienst hätte

Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen
Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen werden

Die zweite Form ist nicht falsch, ich halte aber die erste für stilistisch besser (nur schon weil sie einfacher ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Rein Formal ist die Form würde operiert werden eigentlich ein Futur:

Indikativ: Der Patient wird vom Arzt operiert werden
Konjunktiv II: Der Patient würde vom Arzt operiert werden

Fährt man nach Berlin, der Hauptstadt, oder nach Berlin, in die Hauptstadt?

Frage

Mich interessiert die Frage, ob in Sätzen wie

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean

wie ich sie häufig in Texten von Reiseveranstaltern antreffe, die Apposition tatsächlich im Dativ stehen sollte. Ich verstehe, dass „nach“ in temporaler Bedeutung den Dativ verlangt, aber wie verhält es sich, wenn „nach“ lokale Bedeutung hat? Ich tendiere dazu, in solchen Fällen „der“ durch „in die/das“ zu ersetzen, aber nur, weil ich mir bezüglich des richtigen Falls nicht sicher bin. […] Vielleicht könnten Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau K.,

die Präposition nach steht mit dem Dativ, auch wenn sie die lokale Bedeutung einer Zielangabe hat. Das sieht man in standardsprachlichen Äußerungen kaum, es lässt sich aber anhand regionalsprachlicher und älterer Formulierungen aufzeigen:

Das Zimmer geht nach der Straße
nach der Bahn gehen (nordd. = zur Bahn gehen)
… dass jeder, der an der Schweiz etwas auszusetzen hatte, nach jenem sagenhaften Moskau gehen sollte, dem Ort, wo … (Fritz Zorn, Mars)
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters (Gustav Freytag, Die Ahnen)
Die Alte war nach der Tür gegangen (Theodor Storm, Im Schloss)
Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? (Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua)

In Weiter geht es nach Berlin und Heute fahren Sie nach Sansibar stehen Berlin und Sansibar also im Dativ, der von nach gefordert wird. Es ist deshalb möglich, eine Apposition im Dativ anzuschließen:

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Da es nicht üblich ist, vor einer Ortsangabe mit Artikel die Präposition nach zu verwenden (sondern in, zu, an, auf wie z. B. in die Schweiz, zum Bahnhof, an den Rhein fahren) und da bei Namen ohne Artikel der Fall nicht ersichtlich ist, bringt dieser Dativ verständlicherweise manche zum Zweifeln. Es ist möglich, der Apposition eine „eigene“ Präposition mitzugeben und sie so zur nachgestellten Erläuterung zu machen:

Weiter geht es nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, auf das Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, in das Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Beides ist möglich und grammatisch vertretbar. Nicht alle halten aber beide Formulierungen (stilistisch) für gleich gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind die Wochentage Eigennamen?

Frage

Sind Wochentage nicht auch Eigennamen? Wenn nein, weshalb nicht? Wenn ja, weshalb werden sie auf dieser Seite nicht erwähnt und weshalb heißt es dann nicht „An Sonntag gehen wir in die Berge“, sondern „Am Sonntag gehen wir in die Berge“? Vor Eigennamen wird doch kein Artikel benötigt.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

die Bezeichnungen für die Wochentage sind keine eigentlichen Eigennamen, sondern Zeitbegriffe. Deshalb werden sie nicht auf der Seite, die Sie erwähnen, aufgeführt. Mit Sonntag wird nicht ausschließlich ein einzelner, einmalig vorkommender Tag bezeichnet. Jede Woche hat einen Sonntag.

Die Bezeichnungen für die Wochentage sind den Eigennamen aber sehr ähnlich. So kann man sie ohne Artikel und ohne Präposition verwenden, wenn ein ganz bestimmter Tag wie zum Beispiel der soeben vergangene oder der erstfolgende so bezeichnete Tag gemeint ist:

Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin Montag angekommen
Ihr habt bis Mittwoch Zeit
in der Nacht von Montag auf Dienstag

Ebenfalls ohne Artikel z. B.:

Heute ist Dienstag

Sonst werden sie in der Regel mit Artikel verwendet, meist auch dann, wenn der soeben vergangene oder der erstfolgende so genannte Tag gemeint ist:

Am Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin am Montag angekommen
Ihr habt bis zum Mittwoch Zeit
in der Nacht vom Montag auf den Dienstag

Dass Ihr Zweifel sehr berechtigt ist, zeigt sich auch darin, wie die Wochentage in anderen Sprachen behandelt werden: Im Englischen werden sie wie Eigennamen großgeschrieben (Today is Tuesday), im Französischen aber wie „gewöhnliche“ Substantive klein (Aujourd’hui, c’est mardi).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie der ganze Satz, so der Auslassungssatz

Frage

Bei uns kam heute die Frage auf, ob das Komma bei dieser Redensart erforderlich ist. Eine Google-Suche lieferte mitunter selbst Buchtitel ohne Komma.

Wie der Vater so der Sohn.
Wie der Vater, so der Sohn.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

das Komma sollte gesetzt werden. Es handelt sich um einen Auslassungssatz (einen unvollständig formulierten Satz). Auslassungssätze werden bei der Kommasetzung in der Regel wie vollständige Sätze behandelt:

Wie der Vater ist, so ist auch der Sohn.
Wie der Vater, so der Sohn.

Hier einige ähnliche Fälle:

Wie du mir, so ich dir.
Heute so, morgen anders.
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Ende gut, alles gut.

Und hier ein paar weniger sprichwortartige Beispiele:

Ich weiß nicht, was tun.
Schön, dass du da bist.
Hauptsache, ihr seid gesund.
Wie gestern am Telefon besprochen, hier mein Bericht.

Natürlich geht es nicht ohne Zweifels- und andere Fälle. Nach der Rechtschreibregelung können „formelhafte Nebensätze“ (stark verkürzte Nebensätze mit wenn und wie) auch ohne Komma stehen:

Wenn nötig, schicken wir Ihnen ein anderes Exemplar.
Wenn nötig schicken wir Ihnen ein anderes Exemplar.

Sie sollten, wenn möglich, sofort kommen.
Sie sollten wenn möglich sofort kommen.

Wie bereits gesagt, sind sie gestern abgereist.
Wie bereits gesagt sind sie gestern abgereist.

Immer ohne Komma stehen Vergleiche mit als oder wie, die keine Nebensätze sind. Sie gelten nicht als Auslassungssätze, auch wenn man sie als solche interpretieren könnte (vgl. hier):

Das ging besser als erwartet.
Du fährst schneller als nötig.
Sie ist genauso schlau wie er.
Wie schon letztes Jahr machten sie auch dieses Jahr wieder mehr Gewinn.

Im Prinzip gilt aber, dass Auslassungssätze bei der Kommasetzung gleich behandelt werden wie vollständig ausformulierte Sätze. Wie der ganze Satz, so der Auslassungssatz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Walnuss und der Walfisch

Auch diesen Herbst sind zwei Eichhörnchen fleißig damit beschäftigt, auf einer erstaunlich geraden Linie über eine Hecke, einen Felsenbirnenbaum, einen japanischen Ahorn und das Garagendach des einen Nachbarn, Walnüsse vom Walnussbaum des anderen Nachbarn in den Wald zu befördern, wo sie ihre Beute wahrscheinlich irgendwo als Wintervorrat vergraben. Das hat dieses Jahr bei mir nicht nur zu amüsiert-bewunderndem Zuschauen, sondern auch zur folgenden Frage geführt: Woher kommt das Wal- in Walnuss?

Der Name hat mir der Herkunft der Nuss zu tun: Sie ist aus Italien und/oder Frankreich zu uns gelangt und wurde im Unterschied zur einheimischen Haselnuss *walhnut genannt. Ins heutige Deutsch übertragen bedeutet dies welsche Nuss oder Welschnuss. Das Adjektiv welsch wird heute in der Schweizer Alltagssprache noch für aus dem Welschland, das heißt aus der französischen Schweiz Stammende und Stammendes verwendet. Allgemeindeutsch bedeutete es aus dem romanischen Bereich (insbesondere Italien, Frankreich und Spanien) stammend. Ursprünglich ist das Adjektiv eine Ableitung vom Namen eines keltischen Stammes (Volcae/*Walhos). Zuerst wurden damit die Kelten bezeichnet und nach der Eroberung durch die Römer die romanische Bevölkerung Galliens, aber auch die Bewohner Italiens. Der langen Erklärung Höhepunkt: Sprachgeschichtlich ist die Walnuss mit Namen wie Wales, Cornwall, Wallonien und Welschland verwandt.

Hat die Walnuss auch etwas mit dem Wal oder umgangssprachlich auch Walfisch genannten Meeressäugetier zu tun? Höchstwahrscheinlich nicht. Der genaue Ursprung des Wortes Wal ist zwar ungewiss, aber die Erklärungen haben alle etwas mit Fischnamen und nichts mit welsch zu tun. Und auch der Name des Schweizer Kantons Wallis hat eine andere Herkunft. Er liegt zwischen den Bergen und leitet seinen Namen von vallis, dem lateinischen Wort für Tal, ab.

Wenn die Walnuss auch nichts mit dem Walfisch zu tun hat, war ich doch überrascht, dass ihre historische Wortverwandtschaft von Wales über Wallonien bis ins Welschland anzutreffen ist. Den Eichhörnchen wird das allerdings eher egal sein.

Knifflige Adjektivbeugung: „dessen eines fehlende[s?] Bein“

Keine Angst, hier werden keine Insekten gequält, Frösche seziert oder frankensteinsche Monster zusammengesetzt. Es geht nur um ein fehlendes Tischbein und die Adjektivbeugung.

Frage

Ich habe mal wieder eine knifflige Frage und komme leider nicht weiter. Ist der folgende Satz grammatikalisch richtig?

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Ich bin der Meinung, es müsste „… dessen eines fehlende Bein ersetzt …“ heißen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Antwort ist einfach: Der Satz ist mit dessen eines fehlendes Bein richtig formuliert. Etwas schwieriger ist die Erklärung, weshalb das so ist. Es geht um die Adjektivbeugung nach dessen und ein Zahlwort, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Auch wenn eines wie ein unbestimmter Artikel aussieht, ist es hier ein Zahlwort, das wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es kann wie ein Adjektiv starke und schwache Endungen annehmen:

schwache Endung:
das eine Bein
dieses eine Bein
der eine Traum
dieser eine Traum

starke Endung:
sein eines Bein
dessen eines Bein
sein einer Traum
dessen einer Traum

Wie die Beispiele zeigen, wird ein Adjektiv – und in diesem Fall das Zahlwort ein… – nach dessen wie nach zum Beispiel sein stark gebeugt (vgl. hier und hier)

Das gilt auch auch für ein nachfolgendes Adjektiv, das heißt, ein weiteres Adjektiv wird gleich gebeugt (parallele Beugung):

schwache Endung:
das eine fehlende Bein
dieses eine fehlende Bein
der eine große Traum
dieser eine große Traum

starke Endung:
sein eines fehlendes Bein
dessen eines fehlendes Bein
sein einer großer Traum
dessen einer großer Traum

Der Satz ist also so, wie Sie in zitiert haben, richtig formuliert:

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier ins Zweifeln geraten sind. Formulierungen wie diese kommen nur selten vor. Weiter werden bei der Beugung von Adjektiven nach dessen und deren viele unsicher. Und wenn man dann einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, hilft es nicht viel, dass eines ein Zahlwort ist, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von „seit“ und „ab“

Frage

Wir lektorieren Texte [..] und es gibt eine Frage, die uns (und andere Lektoren, wie wir festgestellt haben) beschäftigt: der Gebrauch von „ab“ und „seit“ bei Angaben von Zeitspannen. Ich war stets der Meinung, dass „seit“ das Präsens verlangt, weil es sich immer um Umstände handelt, die noch andauern:

Seit 1992 ist er Geschäftsführer …,

Mit „ab“, und das ist bei historischen Texten ja meistens der Fall, wird eine Zeitspanne in der Vergangenheit ankündigt:

Ab 1938 war er Geschäftsführer

Auch wenn es evtl. nicht erwähnt wird, ist sehr wahrscheinlich, dass er es nicht mehr ist, daher Imperfekt.

Nicht möglich ist meiner Meinung nach:

Seit 1938 war er Geschäftsführer“

[…]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Verwendung von ab und seit ist etwas komplexer, als sie oft dargestellt wird. Fangen wir mit seit an:

Die Präposition seit dient a) der Angabe eines Zeitpunktes, an dem etwas angefangen hat, das noch andauert, oder b) der Angabe eines Zeitraumes, an dessen Beginn etwas angefangen hat, das noch andauert:

a) Seit 2009 ist er Geschäftsführer
b) Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer

Der Zeitpunkt, an dem etwas noch andauert, ist häufig der Sprechzeitpunkt, was die häufige Verwendung des Verbs im Präsens erklärt:

Seit 2009 ist er Geschäftsführer
Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer
(In beiden Fällen ist er jetzt immer noch Geschäftsführer)

Ich kenne sie schon seit meiner Kindheit.
(Ich kenne sie jetzt immer noch)

Sie wohnen schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus
(Sie wohnen jetzt immer noch in diesem Haus)

Er raucht schon seit über zwanzig Jahren
(Er raucht jetzt immer noch)

Der Zeitpunkt, an dem etwas immer noch fortdauert, kann aber auch in der Vergangenheit liegen:

Er war seit 1930 Geschäftsführer, als der Krieg ausbrach
(Er war bei Kriegsausbruch immer noch Geschäftsführer)

Sie traf dort einen Mann, der seit 10 Jahren Geschäftsführer war
(Er war immer noch Geschäftsführer, als sie ihn traf)

Die Nachbarin, die ich schon seit meiner Kindheit kannte, zog plötzlich aus
(Zum Zeitpunkt des Auszugs kannte ich die Nachbarin noch)

Sie wohnten schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus, aber niemand grüßte sie
(Zum Zeitpunkt, an dem niemand sie grüßte, wohnten sie immer noch in diesem Haus)

Er rauchte schon seit über zwanzig Jahren, als er beschloss, damit aufzuhören
(Zum Zeitpunkt seines Beschlusses rauchte er noch)

Ob die Formulierung

Seit 1938 war er Geschäftsführer

möglich ist oder nicht, hängt somit vom weiteren Kontext ab. Die Wortstellung legt nahe, dass die Formulierung nicht richtig ist, aber unmöglich ist sie nicht:

Seit 1938 war er Geschäftsführer, als er 1945 endlich auch Mitinhaber wurde.
[üblicher: Er war seit 1938 Geschäftsführer, als er 1945 …]

Nicht richtig ist die Verwendung von seit, wenn die Zeitangabe nicht im Zusammenhang mit etwas noch Andauerndem gemacht wird. In den folgenden Sätzen sollte deshalb nicht seit verwendet werden:

*Seit 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. *Seit 1948 war er dann …

Sie wohnten *seit der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Hier sollte mit ab oder von … an formuliert werden:

Ab 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. Von 1948 an war er dann …

Sie wohnten ab der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Die Präposition seit verlangt also nicht unbedingt das Präsens. Sie sollte aber im Zusammenhang mit etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt noch Andauerndem verwendet werden.

Ist dies nicht der Fall und soll dennoch angegeben werden, wann etwas angefangen hat oder anfängt, dann kommen – wie die Beispiele oben zeigen – ab oder von … an ins Spiel. Das ist auch der Grund, weshalb Lehrbücher manchmal angeben, ab stehe bei Angaben in der Zukunft. Das ist tatsächlich häufig der Fall. Etwas, das noch nicht angefangen hat, kann in der Regel nicht noch andauern, so dass seit nicht in Frage kommt:

Ab nächster Woche gehen alle wieder zur Schule
Wir werden vom nächsten Monat an mehr für das Abonnement bezahlen
Wer weiß, ob es Canoonet ab Januar 2020 noch geben wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp