Wohin soll das Komma bei »einige Monate nachdem«

Frage

Wohin soll das Komma? Wir sind ratlos.

Er starb, einige Monate nachdem dieses Foto 1901 gemacht worden war?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

das Komma ist richtig gesetzt. Im Prinzip steht das Komma vor der Nebensatzeinleitung nachdem:

Er starb, nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Es kommt aber häufiger vor, dass nachdem Teil einer Verbindung ist, die als eine Einheit erfahren wird. Das Komma steht dann vor der ganzen Fügung und nicht vor nachdem. Zum Beispiel:

Er starb, kurz nachdem dieses Foto gemacht worden war.
Er starb, einen Tag nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Ebenso:

Er starb, einige Monate nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Ich gebe zu, dass dies nicht das „intuitivste“ aller jemals gesetzten Kommas ist, aber Alternativen wären kein Komma oder ein Komma nach einige Monate. Kein Komma ist orthografisch nicht möglich, weil wir dann einen Nebensatz hätten, der nicht durch ein Komma abgetrennt wird:

Nicht: Er starb einige Monate nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Setzt man das Komma nach einige Monate, ergibt das einen langen Sterbensprozess, weil man dann annehmen müsste, dass er einige Monate (wie lange?) starb, nachdem das Foto 1901 gemacht worden war.

Nicht: Er starb einige Monate, nachdem dieses Foto gemacht worden war.
Vgl.: Er lebte nur noch einige Monate, nachdem dieses Foto gemacht worden war.

Und weil die ganze Fügung als eine Einheit aufgefasst wird, stehen auch nicht zwei Kommas:

Nicht: Er starb, kurz, nachdem das Foto gemacht worden war.
Nicht: Er starb, einige Monate, nachdem das Foto gemacht worden war.

Weitere Beispiele:

Ich habe dir um 10 Uhr geantwortet, also gleich nachdem ich deine E-Mail erhalten habe.
Sie bezahlte die Rechnung, kurz bevor der Gerichtsvollzieher kam.
Schon viele Jahre bevor Bio zum Trend wurde, begann sie die Produkte der Bio-Bauern zu vermarkten.

Siehe auch hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn es unmöglich wird, wird es unmöglich sein

Frage

Trotz langen Suchens habe ich keine eindeutige Erklärung für folgendes Problem finden können. Ist bei dem Ausdruck „es wird (un)möglich (sein)“ die Verwendung von „sein“ erforderlich? Beispiel:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …
Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

beide Formulierungen sind richtig, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Wir haben es hier mit dem Futur des Verbs sein zu tun, das heißt, werden ist hier das Hilfsverb des Futurs. Ein zukünftiger Zustand wird beschrieben.

Ohne sein sieht der Satz so aus:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …

Hier haben wir es mit dem Präsens des Verbs werden zu tun, das für die Angabe einer Zustandsveränderung verwendet wird. In diesem Satz wird somit nicht wie im ersten Satz ein zukünftiger Zustand, sondern eine gegenwärtige Zustandsveränderung beschrieben.

Rein formal sind also beide Formulierungen möglich. Wie sieht es nun mit der Bedeutung aus? Eine Zustandsveränderung hat einen zukünftigen anderen Zustand zur Folge. Der Vorgang des Unmöglichwerdens resultiert in zukünftigem Unmöglichsein. Da also – in Normalsprache ausgedrückt – etwas, das unmöglich wird, danach unmöglich ist, können in gewissen Situationen beide Formulierungen zutreffend sein.

Bei zu später Bestellung wird es unmöglich, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.
Bei zu später Bestellung wird es unmöglich sein, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.

Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund.
Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund sein.

Das gilt aber nur dann, wenn es keine Rolle spielt, ob ein gegenwärtiger Vorgang oder ein zukünftiger Zustand gemeint ist.

Weil diese Erklärung langsam zu lang wird, höre ich jetzt auf und hoffe, dass sie trotz ihrer Länge einigermaßen verständlich für Sie sein wird (oder einfach ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Höchstbezahlt und höchst interessant

Frage

Heute einmal eine Anfrage zur Zusammen- bzw. Getrenntschreibung bei dem Ausdruck „höchst“: Man schreibt „der höchstbezahlte Star“, aber „ein höchst interessanter“ Film. Ist die Lösung des Problems etwa folgende: Wenn ich statt „höchst“ „äußerst“ einsetzen kann, schreibe ich auseinander?

Wobei ich aber dann das Problem mit einem „höchstbegabten“ Schüler habe: Der ist zwar „äußerst begabt“, trotzdem heißt es nicht „höchst begabt“, sondern eben „höchstbegabt“.

Antwort

Sehr geehrter A.,

man schreibt höchst mit einem Adjektiv oder Partizip zusammen, wenn die Hauptbetonung der Verbindung auf „höchst“ liegt. Seine Bedeutung ist dann am höchsten. Es gibt den höchsten Grad einer Eigenschaft an (vgl. Superlativ):

der höchstbezahlte Star = der am höchsten bezahlte (bestbezahlte) Star
der höchstgelegene Ort = der am höchsten gelegene Ort
der höchstbegabte Schüler = der am höchsten begabte Schüler

Man schreibt getrennt, wenn höchst nicht die Hauptbetonung der Verbindung trägt. Die Bedeutung ist dann verstärken wie sehr, äußerst, außerordentlich. Es gibt einen sehr hohen Grad einer Eigenschaft an (vgl. Elativ):

der höchst interessante Film = der sehr interessante Film
es kommt höchst gelegen = es kommt äußerst gelegen
der höchst begabte Schüler = der außerordentlich begabte Schüler

Es gibt also einen Unterschied zwischen höchst begabt und höchstbegabt. Die höchst begabten Schülerinnen sind zwar äußerst begabt, aber im Gegensatz zu den höchstbegabten Schülerinnen nicht unbedingt die allerbegabtestesten von allen. Ihre Annahme war also richtig: Wenn höchst die Bedeutung äußerst, außerordentlich hat, schreiben Sie getrennt.

Wenn der Star, der am meisten von allen verdient, in einem sehr interessanten Film spielt, dann spielt also der höchstbezahlte Star in einem höchst interessanten Film. Und der Linguistenberuf ist zwar höchst interessant, gehört aber nicht zu den best- oder höchstbezahlten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „haben geöffnet gehabt“ doch richtig sein kann

Frage

Ein Kursteilnehmer fragte im Deutschunterricht einer Freundin von mir, was der Satz „Wir haben bis 19 Uhr geöffnet“ bedeute und ob das Perfekt sei. Wie erklärt man die möglichen und unterschiedlichen Verwendungen von „wir haben geöffnet“ (Präsens bzw. Perfekt) am besten?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

in Wir haben bis 19 Uhr geöffnet ist haben geöffnet tatsächlich kein Perfekt. Hier wird das Partizip geöffnet in Verbindung mit haben gleich verwendet wie das Adjektiv offen oder, eher umgangssprachlich, die Adverbien auf und zu.

Wir haben geöffnet/offen/auf. (= Unser Geschäft/Schalter ist geöffnet.)
Wir haben geschlossen/zu. (= Unser Geschäft/Schalter ist geschlossen.)

Es handelt sich hier also um das Präsens der mehr oder weniger festen Wendung geöffnet haben.

Präsens: Wir haben geöffnet.
Präteritum: Wir hatten geöffnet.
Perfekt: Wir haben geöffnet gehabt.

Und hiermit sind wir beim Unterschied zum Perfekt von öffnen. Es lautet ebenfalls wir haben geöffnet:

Präsens: wir öffnen
Präteritum: wir öffneten
Perfekt: wir haben geöffnet

Was im konkreten Fall gemeint ist, das Präsens der Wendung geöffnet haben oder das Perfekt des Verbs öffnen, gibt der Satzzusammenhang an. In diesem Fall ist es ganz einfach: Das Verb öffnen kann nicht ohne ein Akkusativobjekt stehen. Auch im Perfekt muss also immer angegeben werden, was geöffnet wird. Zum Beispiel:

Wir haben den Laden/die Fenster/eine Dose/ein paar Flaschen geöffnet.

Ohne einen Akkusativobjekt handelt es sich um die Wendung geöffnet haben = offen haben.

Wir haben bis 19 Uhr/heute/den ganzen Tag geöffnet.

Den Unterschied kann man also einfach daran erkennen, ob angegeben wird, was geöffnet wird, das heißt, ob ein Akkusativobjekt von geöffnet haben abhängig ist.

Für weniger fortgeschrittene Deutschlernende wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, für alle anderen nicht sehr wichtig, aber für diejenigen, die ab und zu gerne mit Formen jonglieren, vielleicht doch interessant ist diese abschließende Feststellung: Auch wenn man das standardsprachlich verpönte doppelte Perfekt wie in

Wir haben heute Morgen die Fenster geöffnet gehabt

besser vermeiden sollte, kann man also sagen

Wir haben heute Morgen geöffnet gehabt

Letzteres ist zwar auch nicht die allereleganteste Formulierung, aber ein „erlaubtes“ einfaches Perfekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tauschen mit und tauschen gegen

Frage

Wenn an einem Wintertag die Angestellten nicht ins Büro, sondern auf die Piste gehen, haben sie dann das Büro mit der Piste getauscht oder haben sie das Büro gegen die Piste getauscht?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

dass alle mit und gegen beim Verb tauschen immer genau so verwenden, wage ich zu bezweifeln, aber die allgemein gebräuchlichen Konstruktionen mit diesem Verb sind die folgenden.

Wenn man angibt, was wodurch ersetzt wird, verwendet man gegen:

etwas gegen etwas tauschen
Sie tauschten Pelze gegen Nahrungsmittel.
Sie will ihr Auto gegen ein größeres tauschen.

Wenn man angibt, welche Person beim Tausch von etwas auch beteiligt ist, verwendet man mit:

etwas mit jemandem tauschen
Er hat die Wohnung mit einem Freund getauscht.
Sie haben ein paar freundliche Worte miteinander getauscht.

Die Person kann auch weggelassen werden. Dann steht weder mit noch gegen:

etwas tauschen
Sollen wir die Plätze tauschen?
Nach dem Jawort tauschten sie die Ringe.

Und wenn man angibt, dass man gerne an jemandes Stelle wäre, ist mit die richtige Wahl:

mit jemandem tauschen
Ich möchte nicht mit ihm tauschen!

In Ihrem Beispiel haben also die Angestellten das Büro gegen die Piste getauscht. Das konnten sie tun, weil sie ihren freien Tag mit anderen Angestellten getauscht hatten. Und die im Büro Zurückgebliebenen würden gerne mit ihnen tauschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Offen bleibt, ob die Frage offenbleibt

Suchen Sie nicht allzu lange nach einer tiefgründigen Aussage dieses Titels! Es gibt keine. Der Titel soll nur eine kleine Rechtschreibfrage illustrieren, die regelmäßig auftaucht.

Frage 

Ich weiß, dass Fragen „offenbleiben“. Aber schreibe ich auch: „Offenbleibt, ob die Frage“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort lautet nein. Richtig ist hier die Getrenntschreibung:

Offen bleibt, ob die Frage …

Bei einigen trennbaren Verben kann der abtrennbare Teil in einem Hauptsatz an erster Stelle vor der gebeugten Verbform stehen (im „Vorfeld“; siehe hier). Man schreibt dann getrennt. Hier drei Beispiele mit den Verben feststehen, hinzukommen und zurückfahren:

Fest steht, dass …
Hinzu kommt, dass …
Zurück fahren wir über B.

Die Getrenntschreibung ergibt sich indirekt aus § 34 der amtlichen Rechtschreibregelung, weil diese Satzstellung dort nicht bei den zusammenzuschreibenden Formen genannt wird:

§ 34: Partikeln, Adjektive, Substantive oder Verben können als Verbzusatz mit Verben trennbare Zusammensetzungen bilden. Man schreibt sie nur in den Infinitiven, den Partizipien sowie im Nebensatz bei Endstellung des Verbs zusammen.

Da diese Frage immer wieder vorbeikommt, habe ich schon früher einmal etwas dazu geschrieben. Dort finden Sie auch eine Begründung dafür, weshalb die Zusammenschreibung hier nicht vorgesehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deutschlands Wörter des Jahres 2015

Die Wahl des Anglizismus des Jahres hat diese Woche die deutschen Wortwahlen für das Jahr 2015 abgeschlossen. Auffallend ist, dass sie alle aus dem Themenbereich rund um die Flüchtlingsfrage stammen:

Wort des Jahres: Flüchtling
Unwort des Jahres: Gutmensch
Anglizismus des Jahres: Refugees Welcome

Nur ein gekürtes Wort passt nicht in diese Reihe:

Jugendwort des Jahres: Smombie

Dessen, deren und deren nachfolgende Nachbarn

Frage

Ich habe Probleme bei der Deklination des Adjektivs „zurückhaltend“ in folgendem Satz:

Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und dessen zurückhaltendem(?) Engagement in dieser Frage.

Ist diese Form korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die Form zurückhaltendem ist hier nicht korrekt. Das Problem, über das Sie hier stolpern, ist wahrscheinlich die Beugung des Adjektivs nach dessen. Dieses Phänomen sorgt nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei vielen anderen häufiger zu Unsicherheiten. Aber gehen wir der Reihe nach vor:

Die Wortgruppe, zu der zurückhaltend gehört, ist von über abhängig. Die Präposition über verlangt hier den Akkusativ (über wen oder was verärgert?). Weiter gilt, dass dessen keinen Einfluss auf das ihm folgende Adjektiv hat. Damit ist gemeint, dass das Adjektiv gleich gebeugt wird, wie wenn gar kein Artikelwort vor ihm steht (starke Beugung, siehe auch hier).

Viele Menschen sind verärgert über zurückhaltendes Engagement.
Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und [über] zurückhaltendes Engagement.
Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und [über] dessen zurückhaltendes Engagement.

Richtig ist also die stark gebeugte Form zurückhaltendes:

Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und dessen zurückhaltendes Engagement in dieser Frage.

Wie bereits gesagt, ist hier die Hauptschwierigkeit für viele, dass ein Adjektiv nach dessen und übrigens auch deren stark gebeugt wird. Wenn Sie einmal unsicher sind, wie es nach dessen oder deren weitergehen soll, lassen Sie dessen oder deren einfach weg, achten Sie sich nicht allzu sehr auf den Sinn des verbleibenden Satzes(!) und sehen Sie, wie das Adjektiv dann gebeugt würde. Das ist die zu wählende Form. Zum Beispiel:

Sie lebt mir ihrer Mutter und deren neuem Freund in H.
vgl. mit neuem Freund

ein alter Lastwagen, auf dessen kleiner Ladefläche vier Schafe standen
vgl. auf kleiner Ladefläche standen vier Schafe

Das ist nicht gut für die Firmen und deren Angestellte.
vgl. Das ist nicht gut für Angestellte

Die Bestrafung des Jungen war wegen dessen unerlaubter Online-Bestellung von Waren erfolgt.
vgl. wegen unerlaubter Online-Bestellung

Die Wörtchen deren und dessen machen es uns deshalb schwierig, weil sie auf –en enden und so wie ganz normale Artikelwörter aussehen. Sie sind aber unveränderlich und haben keinen Einfluss auf das ihnen folgende Adjektiv (vgl. hier). Häufig geht es trotzdem spontan gut. Und wenn Sie doch einmal nicht wissen, wie dessen und deren und deren nachfolgende Nachbarn behandelt werden sollten, kennen Sie nun einen kleinen Trick.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Herr Doppler und sein Effekt: Eigennamen in Zusammensetzungen

Frage

Christian Doppler war Mathematiker und Physiker. „Doppler-Effekt“ lässt sich schön mit Bindestrich schreiben. Jedoch stolpere ich über die Schreibweise von „dopplersonografisch“.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

in Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle kann zur Verdeutlichung ein Bindestrich verwendet werden. Er muss also nicht stehen.

Ohne Bindestrich:

der Dopplereffekt
die Dopplersonografie
dopplersonografisch
eine dopplersonografische Untersuchung

Mit Bindestrich:

der Doppler-Effekt
die Doppler-Sonografie
Doppler-sonografisch
eine Doppler-sonografische Untersuchung

Zu beachten ist, dass der Eigenname in der zusammengeschriebenen Variante einen kleinen Anfangsbuchstaben hat, in der Variante mit Bindestrich aber großgeschrieben wird. Siehe auch hier.

Zusammensetzungen dieser Art mit einem einfachen Eigennamen werden häufiger falsch geschrieben. Es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, es falsch zu machen. Man schreibt nicht:

die extrem *Obama feindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem *Obamafeindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem *obama-feindliche Tea-Party-Bewegung

sondern:

die extrem obamafeindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem Obama-feindliche Tea-Party-Bewegung

Nach den Rechtschreibregeln schreibt man nicht:

*Moskau freundliche Staaten und *Russland kritische Regierungen
*Moskaufreundliche Staaten und *Russlandkritische Regierungen
*moskau-freundliche Staaten und *russland-kritische Regierungen

sondern:

moskaufreundliche Staaten und russlandkritische Regierungen
Moskau-freundliche Staaten und Russland-kritische Regierungen

Im Prinzip ist es gar nicht so kompliziert, man muss nur wissen, wie’s geht. Und wenn es im Schreibstress einmal schiefgeht, bedeutet das ja nicht gleich den Untergang unserer Schreibkultur. Es stellt sich hier nämlich die Frage, was „schlimmer“ ist: dass man weiß, wie man dopplersonografisch schreibt, aber wie ich keine Ahnung hat, was es bedeutet, oder dass man weiß, wovon man redet, und einen kleinen Verstoß gegen die Rechtschreibregeln begeht. Am besten weiß man immer beides, aber wer ist schon perfekt?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Topmodel und sein Freund

Frage

In einem Artikel der Yellowpress heißt es:

… das Topmodel ist glücklich mit seinem Freund.

Ist das richtig oder heißt es „mit ihrem Freund“

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

streng nach der Grammatik stimmt die Form seinem. Nach der allgemeinen Regel richtet sich die Form des besitzanzeigenden Wortes (Possessivs) nach dem grammatischen Geschlecht (Genus) des Wortes, auf das es sich bezieht:

der Wald und seine Funktionen
die Wiese und ihre Bewohner

Auch bei Lebewesen gilt im Prinzip diese Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht. So heißt es zum Beispiel

die Amsel mit ihrem schwarzen Federkleid

obwohl viele auch ohne Ornithologiestudium wissen, dass nur die Amselmännchen schwarz sind.

Ein bisschen anders sieht es bei Menschen aus. Auch hier gilt im Prinzip die Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht:

Das Topmodel ist glücklich mit seinem Freund.
Das Mädchen spielt mit seiner Schwester.

Bevor Sie nun vielleicht anfangen sich zu wundern oder gar zu ärgern, kommt das große Aber. Diese Übereinstimmung des Possessivums mit dem grammatischen Geschlecht war gang und gäbe, als man unverheiratete Frauen noch ungeniert Fräulein nannte:

Er hätte nicht sagen können, ob das Fräulein mit seinem traurigen oder mit seinem erschrockenen Gesicht hübscher aussah.

Nach dieser artigen Rede setzte das Fräulein seinem Vater die Blumenkrone auf, und er umarmte es zärtlich.

Im heutigen Deutsch hingegen ist die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht in solchen Fällen immer üblicher:

Das Topmodel ist glücklich mit ihrem Freund.
Das Mädchen spielt mit ihrer Schwester.

Die Form seinem in Ihrem Beispiel ist also nicht falsch, aber immer weniger üblich. Persönlich empfehle ich hier immer die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht, also ihrem. Nur wenn die Bezeichnung Topmodel sich entgegen dem üblichen Sprachgebrauch auf einen Mann bezieht, ist mit seinem Freund die einzige richtige Formulierung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp