Zur Kuh degradiert

Sind Sie schon einmal zur Kuh in der Weide degradiert worden. Uns ist das diesen Sommer passiert. Das Verb degradieren ist übrigens nicht allzu negativ zu verstehen – ich möche hier ja nicht den Kühen zu nahe treten. Ich meine damit nur, dass unser Gefährlichkeitsgrad auf denjenigen einer Kuh in der Weide zurückgestuft wurde. Und das durch eine Amselfamilie!

In den Koniferen beim Ferienhäuschen brütet jedes Jahr ein Amselpaar. Der Rest des Gartens dient als Jagdgebiet, in dem Würmer, Raupen, Käfer, Mücken, Fliegen und andere Schnabelfreuden erbeutet werden. Inzwischen hat der zweite Amselnachwuchs dieses Jahres das Pubertätsalter erreicht. Das heißt, sie hüpfen selbstständig im Garten herum, picken in alles, was auch nur im Entferntesten essbar sein könnte, und fordern laut piepsend und flügelflatternd jeden Wurm für sich ein, den Vater oder Mutter Amsel gefunden hat. Kurzum, man tut, als sei man schon groß, lässt sich aber noch von den Eltern durchfüttern.

Nun kommen wir zur „Degradation“: Die Amseleltern haben sich an unsere Anwesenheit im Garten gewöhnt. Sie ziehen sich nicht gleich zurück, wenn wir das Häuschen verlassen, halten aber immer einen Sicherheitsabstand von mindestens vier bis fünf Metern ein. Wenn man auf sie zugeht, fliegen sie gleich weg. Sie verhalten sich also, wie sich das für Amseln im Umgang mit Menschen gehört: Sie zeigen Respekt vor unserer potenziellen Gefährlichkeit. Nicht so der Nachwuchs! Wir waren schon ihr ganzes kurzes Leben immer da und niemals gefährlich. Wir sind einfach Teil ihrer natürlichen Umgebung. Sie beachten uns kaum und hüpfen bis zu einem Meter Abstand vor unseren Füßen herum. Wenn man auf sie zugeht und wirklich keine Anstalten macht, einen Bogen um sie herum zu machen, räumen sie mit zwei, drei müden Hüpfern und einem überdeutlichen Mangeln an Begeisterung die Durchgangsroute. Sie verhalten sich uns gegenüber wie Vögel sich im Allgemeinen auf einer Weide gegenüber Kühen verhalten. Mir gefällt das!

Sprachliche Äußerungen erhalten ihre Bedeutung zu einem großen Teil durch den Zusammenhang, in dem sie stehen. Auch anfänglich absurd klingende Aussagen können ganz plausibel sein, wenn man den Kontext herbeizieht – auch dann, wenn jemand schreibt, er sei zur Kuh degradiert worden.

Noch einmal bis einschließlich

Frage

Heute bin ich beim Verfassen einer Nachricht über folgenden Satz gestolpert: „Ich bin bis einschließlich nächste(r) Woche im Urlaub.“ Wie heißt es richtig? Den Genitiv findet man häufig, der Akkusativ scheint mir jedoch logischer – es heißt ja auch „bis einschließlich nächsten Freitag/fünfzehnten Oktober“.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es heißt üblicherweise tatsächlich:

bis einschließlich nächsten Freitag
bis einschließlich fünfzehnten Oktober

In der Verbindung bis einschließlich wird einschließlich nicht als Präposition, sondern als Adverb verwendet. Als solches hat es keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Substantivs. Den Fall bestimmt hier also bis, das den Akkusativ verlangt. Wenn dies bei nächsten Freitag und fünfzehnten Oktober der Fall ist, wählt man auch bei einer weiblichen Zeitangabe besser den Akkusativ:

Ich bin bis einschließlich nächste Woche im Urlaub.

Etwas ganz anderes ist, dass die Wendung bis einschließlich zumindest in meinen Ohren recht unschön klingt (Papierdeutsch). Besser wäre zum Beispiel:

bis nächsten Freitag
bis zum 15. Oktober

Sehr oft ist nämlich die Bedeutung bis einschließlich in einem einfachen bis enthalten. Wenn ich für einen Artikel bis nächsten Freitag Zeit habe, kann ich ihn nach dem allgemeinen Verständnis auch noch am Freitag abgeben. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch bei Angaben, bei denen bis weniger deutlich ist, kann man mit etwas schöneren Formulierungen als mit bis einschließlich Klarheit schaffen:

Ich bin bis Ende nächster Woche im Urlaub.

Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch bis einschließlich verwenden. Falsch ist es nicht. Und für den Fall, dass es sich nicht nur um einen Beispielsatz handelt, wünsche ich Ihnen, dass Sie bis Ende nächster Woche eine schöne Urlaubszeit verbringen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der erhabene August

Heute, am 1. August, muss ich eigentlich nicht arbeiten. Die Schweiz feiert ihren Nationalfeiertag, den Schweizer Bundesfeiertag. Da ich weiter gerade erst aus einer „halb arbeitsfreien Sommerflaute“ zurückgekehrt bin, halte ich es heute kurz und unspektakulär:

Ich fragte mich, ob wirklich alle wissen, dass der Monat August seinen Namen dem ersten „offiziellen“ römischen Kaiser, Augustus (63 v. Chr – 14 n. Chr.), zu verdanken hat. Augustus war der Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars und wurde nach den jahrelangen Machtkämpfen, die auf dessen Ermordung folgten, der Alleinherrscher Roms. Geboren wurde er unter dem Namen Gaius Octavius. Den Ehrennamen Augustus (der Erhabene) verlieh im der Senat im Jahre 27 v. Chr. Einige Jahre spätere nannte Augustus den Monat Quintilius zu Ehren seinen Vorgängers Julius Cäsar, der in diesem Monat geboren worden war, in Iulius um. Da Bescheidenheit wohl nicht eine seiner stärksten Charaktereigenschaften war, nannte er auch den darauffolgenden Monat Sextilius um, und zwar in Augustus.

Es wurde behauptet, dass der erhabene Kaiser dem Monat Februar einen Tag gestohlen habe, um „seinen“ Monat auf 31 Tage zu verlängern. Schließlich hatte der Julius Cäsar geweihte Monat auch so viele Tage. Diese Geschichte scheint aber erfunden zu sein. Man kann Augustus zwar als unbescheiden, aber nicht auch noch als „Tagedieb“ bezeichnen.

Der Monat August ist also nach dem erhabenen Kaisers Augustus benannt. Möge er Ihnen noch ein paar schöne Tage bringen!

Das Regenschirmsyndrom

Kennen Sie das Regenschirmsyndrom? Es ist die Überzeugung, dass es immer dann regnet, wenn man keinen Regenschirm bei sich hat, und dass es nie dann regnet, wenn man einen Schirm mitgenommen hat. Bei einem Besuch im Elsass habe ich gestern wieder daran „gelitten“.

In Murbach (schöne romanische Abteikirche!) drohten Regenwolken am Himmel. Wir haben also die fröhlich blauen Regenschirme aus dem Kofferraum geholt, sie in die Kirche mitgetragen und auch noch über den Kreuzweg zur Loretokapelle hinaufgeschleppt. Es fiel „natürlich“ kein Tropfen Regen.

Danach ging es nach Colmar. Trotz grauen Wolken ließen wir die Regenschirme im Kofferraum. Wir waren nun ja Erfahrungsexperten in Sachen Elsässer Wetter, und wer trägt schon gerne einen Schirm mit sich herum, wenn es doch nicht regnet? Selbstverständlich begann es zu tröpfeln, kurz nachdem wir den spezifischen Punkt erreicht hatten, an dem es sich einfach nicht mehr lohnt, zum Auto zurückzugehen. Wir setzten unseren Weg also fort, aßen – wie es sich für rechtschaffene Touristen gehört – einen Flammkuchen mit einem Glas Elsässer Riesling und sahen uns dann mit eingezogenem Kopf und hochgeschlagenem Kragen den Rest der Stadt im Regen an.

Kein Wunder also, dass mich das Regenschirmsyndrom beschlich. Es ist selbstverständlich kein echtes Syndrom. Es ist nicht mehr als eine irrige Annahme, die wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass einem nur dann etwas auffällt, wenn Regen und Regenschirm nicht gleichzeitig anwesend oder nicht gleichzeitig abwesend sind. Regnet es und der Schirm ist bei der Hand, fällt nichts auf. Regnet es nicht und man hat keinen Schirm dabei, fällt ebenfalls nichts auf. An die Situationen, in denen etwas auffällt, erinnert man sich, an die anderen nicht. Und schon ist der hier beschriebene falsche Eindruck entstanden.

Wenn Sie dieses Gefühl kennen, aber keinen Namen dafür haben: Ich schlage den Ausdruck Regenschirmsyndrom vor. Man kann ihn auch für „Erfahrungen“ wie die folgenden verwenden:

Die Milch geht immer erst nach Ladenschluss aus.
Diese Ampel steht immer auf Rot, wenn ich ankomme.
Ich bin immer am Wochenende krank. (= Arbeitnehmerversion)
Er/sie ist immer an Wochentagen krank. (= Arbeitgeberversion)
u. v. a. m.

Manchmal würde man sich ja wünschen, dass dieses „Syndrom“ kein Irrtum wäre, sondern der Wirklichkeit entsprechen würde. Ich wäre dann in diesem Sommer des Öfteren MIT einem Regenschirm aus dem Haus gegangen …

Das Klischee vom holländischen Wohnwagen

Wenn Sie in eher südlichen Regionen weilen, wenn Sie Menschen hören, die beim Sprechen kratzende Rachengeräusche von sich geben, obwohl sie keine Deutschschweizer sind, wenn diese Menschen bei Nieselregen und 15 Grad zwar bunte Regenjacken aber trotzdem unbeirrt kurze Hosen tragen, wenn alle Zeltplätze voll sind, dann wissen Sie: Die Holländer sind da.

Das sind natürlich nur Klischees, die nicht auf alle Niederländer zutreffen. Ich nenne sie hier nicht nur, weil es einfach schön ist, manchmal hemmungslos in Klischees zu schwelgen, sondern auch deshalb, weil es Klischees gibt, die einfach stimmen: holländische Wohnwagen. Wie ich heute wieder einmal feststellen musste, sind an Ferienwochenenden auf europäischen Autobahnen (zu!) viele Wohnwagen und Wohnmobile unterwegs. Da ich nicht am Steuer saß, im fahrenden Auto nicht länger als dreißig Sekunden lesen kann, ohne dass mir unweigerlich schlecht wird, und weil ich etwas gegen die aufkommende Langweile tun musste, habe ich für Sie auf die Nummernschilder geachtet: Nicht alle Wohnwagen und Wohnmobile kommen aus den Niederlanden, aber ich kann ohne allzu stark zu übertreiben sagen, dass auf der Nord-Süd-Strecke, die wir befuhren, bei vier von fünf dieser Fahrzeuge ein NL auf dem Nummernschild steht.

Ich wusste gar nicht, dass es so viele Campingplätze gibt, dass für all diese Wohnwagen Platz ist! Aber was weiß ich schon davon? Mir persönlich sagt ein Zimmer mit gemauerten Wänden und direkt anschließendem Bad auch im Urlaub mehr als Vorzelte und Sanitärgebäude. Aber das ist – um ein weiteres Klischee zu bemühen – reine Geschmackssache. Ich gönne natürlich allen, auch den Niederländern und Niederländerinnen, ihren Campingurlaub.

Um dann doch noch etwas eher Sprachliches herbeizuziehen, stelle ich die Frage, ob man diese Art Klischees auch so nennt, wenn sie zutreffen? In anderen Worten: Ist das Klischee der Holländer mit ihren Wohnwagen ein Klischee oder einfach nur die Wahrheit? Meine Antwort lautet: Wenn viele, wie ich hier, es jeden Sommer wieder sagen und schreiben, ist es wohl auch ein Klischee, wenn es zutrifft.

Ich wünsche allen schöne Tage!

Dr. Bopp

Es tut mir leid wegen …

Frage

Ich such die deutsche Entsprechung für folgenden Satz „I’m sorry about last Saturday“:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.            .
Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

Beides klingt immer komischer, je länger ich draufschaue. Was schlagen Sie vor? Ginge auch „Tut mir leid wegen letzten Samstag“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

eine nicht umgangssprachliche Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ist etwas wortreicher als das englische Original. Je nachdem, was genau gemeint ist, zum Beispiel:

Der Vorfall von letztem Samstag tut mir leid.
Ich bedauere, was letzen Samstag geschehen ist.
Ich möchte mich für den letzten Samstag entschuldigen.

Die Formulierung (es) tut mir leid wegen etwas ist umgangssprachlich. Standardsprachlich heißt es eher: etwas tut mir leid. Deshalb will der „hehre“ Genitiv hier nicht passen, auch wenn er grammatikalisch noch zu verteidigen wäre. So spricht niemand:

nicht: Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

In einer umgangssprachlichen Formulierung klingt der nach wegen standardsprachlich bei vielen so verpönte Dativ – zumindest in meinen Ohren – etwas besser:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.

Auch der Akkusativ kommt vor. Die Zeitangabe letzten Samstag bleibt dann als adverbiale Bestimmung ähnlich wie unflektierbare Adverbien (gestern, damals) „ungebeugt“:

Es tut mir leid wegen letzen Samstag.

Diese Verwendung eines „unveränderlichen Akkusativs“ nach einer Präposition ist aber standardsprachlich ebenfalls nicht üblich.

Wenn Sie in der deutschen Übersetzung eine standardsprachliche Formulierung wählen müssen, sollten Sie umformulieren (Beispiele oben). Nur dann, wenn eine umgangssprachliche Übersetzung passend ist, können Sie hier auch (es) tut mir leid wegen mit dem Dativ (letztem Samstag) oder sogar mit dem Akkusativ (letzten Samstag) wählen.

Wieder einmal gibt es nicht nur „eindeutig richtig“ und „grundsätzlich falsch“. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie bei der Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ein bisschen ins Zweifeln gekommen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwarzfahren und sich schwarz ärgern

Schwarzfahren und sich schwarz ärgern

Frage

Woher kommt eigentlich der Ausdruck schwarzfahren? Wahlweise auch Schwarzarbeit, schwarzsehen usw. […] Wie kam es zu dieser Ableitung? Und was war zuerst da? Das Schwarzsehen, -fahren, -arbeiten? Und passt sich schwarz ärgern in die Systematik?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

nach dem etymologischen Wörterbuch von Pfeifer1 kann das Wort schwarz in der Bedeutung illegal mit einem alten Verb schwärzen = schmuggeln in Verbindung gebracht werden. Pfeifer umschreibt die Entstehung ungefähr wie folgt:

Das Verb schwärzen bedeutete im Rotwelschen (der deutschen „Gaunersprache“) schmuggeln, dies wahrscheinlich in Anlehnung an etwas bei Nacht, im Dunkeln tun. Daran schließt die Verwendung von schwarz mit der Bedeutung ungesetzlich an. Dieses Adjektiv tauchte in den Verbindungen schwarzer Markt, Schwarzmarkt und Schwarzhandel auf, mit denen illegaler Valutahandel und dann auch unerlaubter Handel mit rationierten Lebensmitteln und Waren gemeint waren. Dies geschah während des Ersten Weltkriegs oder eventuell in der Inflationszeit um 1923. Später wurde der Anwendungsbereich auf Begriffe wie Schwarzarbeit, schwarzhören, schwarzfahren und schwarzschlachten ausgeweitet.

Das Wort Schwarzmarkt war eventuell sogar ein Exportschlager: So sollen unter anderem englisch black market, französisch marché noir, italienisch mercato nero und polnisch czarny rynek (alle mit derselben Bedeutung) auf diesen deutschen Ausdruck zurückgehen.

In der Wendung sich schwarz ärgern hat schwarz wohl einen anderen Ursprung. Ich habe aber leider nirgendwo entsprechende Angaben finden können und müsste deshalb raten. Man kann sich übrigens auch grün und gelb ärgern oder grün und blau ärgern und man kann auf etwas warten, bis man schwarz wird. Unnatürliche Farbveränderungen scheinen also auszudrücken, dass man etwas sehr intensiv oder sehr lange empfindet. Es gibt hier vielleicht einen Bezug zur früheren Lehre der Körpersäfte. Nach dieser Lehre mit dem schönen Namen Humoralpathologie sind die vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim beim gesunden Menschen im Gleichgewicht und entsprechend bei Kranken aus dem Gleichgewich geraten. Dabei wurde allerdings ein Zuviel an gelber Galle für Wut und Aufbrausen verantwortlich gemacht. Bei zu viel schwarzer Galle war man melancholisch. Ein direkter Bezug zwischen sich schwarz ärgern und diesen Körpersäften ist also eher unwahrscheinlich. Finanzverantwortliche des öffentlichen Verkehrs müssten sich demnach ja – wenn überhaupt – nicht schwarz, sondern gelb über Schwarzfahrer ärgern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer) im DWDS. Die gleiche Erklärung auch in: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Gruyter, 2002, unter dem Stichwort schwärzen.

Informanten informieren Informanden

Frage

Warum werden Reaktanten am Ende mit einem t geschrieben? Diese Frage taucht regelmäßig auf, wenn es um chemische Reaktionen geht. Nun hatte ich nie Latein, aber denke, dass es etwas mit dem „Vorgang“ zu tun haben könnte, denn ein Doktorand ist ja jemand, der gerade dabei ist, seinen Doktortitel anzustreben; er ist im Prozess des Doktorwerdens. Bei einem Konfirmanden kann man ähnlich argumentieren. Ist ein Reaktant nun etwas, was einfach reagiert?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Reaktant bedeutet wörtlich Reagierender. Die Endung –ant geht auf die Endung des lateinischen Partizip Präsens Aktiv (–ans/–antis) zurück. Es gibt im Deutschen relativ viele Fremdwörter dieser Form. Zum Beispiel:

Demonstrant/-in = demonstrierende Person
Informant/-in  = informierende Person
Simulant/-in  = simulierende Person
Sympathisant/-in  = sympathisierende Person
Repräsentant/-in  = repräsentierende Person

Es gibt auch „Nichtpersonen“ auf –ant:

Hydrant = Zapfstelle am Wasserleitungsnetz; wörtlich: Hydrierender (Wassergebender)
Reaktant = Stoff, der mit einem anderen eine chemische Reaktion eingeht; wörtlich: Reagierender
Konsonant = Mitlaut; wörtlich: Mitklingender

Die Variante –ent (lat. -ens/–entis) hat die gleiche Bedeutung:

Assistent/-in = assistierende Person
Dirigent/-in  = dirigierende Person
Konkurrent/-in  = Konkurrierende(r)
Produzent/-in  = Produzierende(r)
Student/-in  = studierende Person
Substituent = Atome, die in einem Molekül andere Atome ersetzten können; wörtlich: Substituierender (Ersetzender)

Nun kommen wir zur zweiten Endung, die Sie erwähnen: Ein Doktorand ist wörtlich genommen eine Person, die zum Doktor gemacht werden soll. Die Endung –and geht auf die Endung des lateinische Gerundivs (–andus) zurück. Diese Verbform entspricht im Deutschen einer Umschreibung mit zu + Partizip Präsens (…and = zu …end). Sie drückt aus, dass etwas mit jemandem oder einer Sache getan werden sollte. Weitere Beispiele sind:

Konfirmand/-in = Person, die konfirmiert wird/werden soll
Informand/-in = zu informierende Person
Multitplikand = zu multiplizierende Zahl

Promovend/-in = zu promovierende Person
Subtrahend = zu subtrahierende Zahl

Der Informant ist also der Informierende und der Informand der zu Informierende. Das ist eine klare Rollenverteilung: Informanten informieren Informanden. Trotzdem begegnen sich die beiden in der Sprachrealität erstaunlich selten. Das hat damit zu tun, dass Fremdwörter, wie auch Ihr Beispiel Reaktant zeigt, oft in einem bestimmten Zusammenhang verwendet werden. Informanten versorgen in der Regel die Polizei und (wissenschaftliche) Untersuchungen mit Informationen. Der Begriff Informand hingegen kommt vor allem im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung vor – es sei denn, es handle sich, wie recht oft, um einen falsch geschriebene Informanten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Entgegen der Regel nicht wiederholen

Frage

Wie verhält es sich mit Sätzen wie:

Ich bin nachhause gefahren und jetzt sehr müde.
Ich bin (metaphorisch) gestorben und jetzt im Paradies.

Muss „bin“ wiederholt werden, weil es bei der ersten Aussage als Hilfsverb fungiert (von „gefahren“ bzw. „gestorben“), aber bei der zweiten als Kopulaverb resp. als Vollverb?

Ich bin nachhause gefahren und bin jetzt sehr müde.
Ich bin (metaphorisch) gestorben und bin jetzt im Paradies.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

in den meisten Grammatiken steht – wenn überhaupt etwas zu diesem Thema –, dass man wiederholte gebeugte Verbformen nicht weglassen kann, wenn sie unterschiedliche Funktionen haben (Vollverb, Hilfsverb, Kopulaverb, Modalverb, Teil einer festen Wendung; für Genaueres siehe hier). Zum Beispiel:

Nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit nach Hause gebracht.
Nicht: Die Stimmung drohte umzuschlagen und die Präsidentin mit dem Rücktritt.
Nicht: Er nahm auf niemanden Rücksicht und den ganzen Kuchen für sich allein.
Nicht: Er lebt in München und auf großem Fuß.

Man muss hier die kursiv geschriebene Verbform wiederholen oder den Satz umformulieren.

Dies ist eine Regel, die es sich zu merken lohnt, vor allem wenn man gerne (zu) kurz und bündig formuliert.

So weit, so gut. Nun kommen wir zu Ihren Beispielen. Nach der genannten Regel sind auch Ihre Sätze nicht korrekt, denn bin hat tatsächlich jeweils eine andere Funktion (Hilfsverb/Kopulaverb resp. Hilfsverb/Vollverb):

Ich bin nachhause gefahren und jetzt sehr müde.
Ich bin gestorben und jetzt im Paradies.

Die Beispiele zeigen aber, dass die Regel in dieser Form keine eiserne Regel ist. Ihre Sätze kommen mir nämlich (wie Ihnen?) recht akzeptabel vor. Je nachdem, wie groß der Unterschied zwischen Funktion oder Bedeutung ist, scheint ein Verstoß gegen die Grundregel zumindest bei haben und sein mehr oder weniger „schlimm“ zu sein:

sicher nicht: Ich habe einen Hund und ihn sehr gern.
nicht?: Ich habe gegessen und jetzt keinen Hunger mehr.

sicher nicht: Ich bin aus Hamburg angereist und ein Staubsaugervertreter.
nicht?: Ich bin aus Hamburg angereist und jetzt sehr müde.

Die mit nicht? markierten Sätze halte ich spontan für richtig. Wenn ich sie als falsch bezeichnen würde, dann vor allem, weil mir die oben genannte Grundregel bekannt ist, und nicht etwa, weil mir mein Sprachgefühl dies eingeben würde.

Es scheint also in diesem Bereich zumindest für haben und sein keine haarscharfe Grenze zwischen korrekten und falschen Formulierungen zu geben. Liebhabern und Liebhaberinnen strenger Regeln kann ich an dieser Stelle leider nicht weiterhelfen: Ich kenne keine genaueren Untersuchungen in diesem Bereich – und mir fehlt leider die Zeit dazu.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Griechischer Salat vs schottischer Whisky

Frage

Worin besteht der Unterschied zwischen einem „griechischen Salat“ und einem „Salat griechischer Machart“? Meiner Meinung nach kann ein Salat griechischer Machart von jedem gemacht werden, ein griechischer Salat jedoch muss in Griechenland gezogen und geerntet oder von einem Griechen zubereitet sein!

Antwort

Guten Tag F.,

griechischer Salat und Salat griechischer Machart bezeichnen sehr oft dasselbe. In Griechenland geernteten Salat nennt man zwar tatsächlich nur griechischen Salat, aber ein Salat griechischer Machart wird meistens ebenfalls einfach griechischer Salat genannt. Diese Bezeichnung hat sich für ein Salatgericht, das unter anderem Tomaten, Gurken, Feta und Oliven enthält, eingebürgert.

Geografische Adjektive bezeichnen nicht immer die direkte Herkunft, sondern manchmal, wie hier, die ursprüngliche oder sogar nur die vermeintliche Herkunft. Gerade bei Gerichten kommt dies häufiger vor:

griechischer Salat
französische Salatsauce
chinesische Nudeln
russische Eier
Wiener Schnitzel
Frankfurter Würstchen

All diese Gerichte müssen nicht aus dem entsprechenden Land oder der entsprechenden Stadt kommen. Sie können sie selbst in Ihrer Küche zubereiten, in Ihrem Lebensmittelgeschäft kaufen oder in einem Restaurant in Ihrer Umgebung bestellen.

Bezeichnungen dieser Art kommen auch im „Non-Food-Bereich“ vor (insbesondere Pflanzen- und Tiernamen):

Appenzeller Sennenhund (eine Hunderasse)
Sibirische Schwertlilie (eine Lilienart)
amerikanische Buchhaltung (Art der doppelten Buchführung)
englische Krankheit (Rachitis)
russisches Roulette (lebensgefährlich!)

Gewisse Namen sind allerdings geschützte geografische Angaben, das heißt, die Produkte müssen aus der im Namen genannten Region kommen. Zum Beispiel:

Bündnerfleisch
Dresdener Stollen
Nürnberger Lebkuchen
Kölnisch Wasser

Ganz allgemein ist man bei der Verwendung von geografischen Bezeichnungen an strengere Regeln gebunden, wenn man Produkte verkaufen will. Wenn es sich nicht um eine gebräuchliche Bezeichnung für etwas handelt, darf eine Herkunftsbezeichnung nur dann verwendet werden, wenn das Produkt auch tatsächlich aus der entsprechenden Region kommt. Toskanisches Olivenöl muss aus der Toskana kommen, spanische Wurst aus Spanien, schottischer Whisky aus Schottland usw.

Über die Begriffe italienischer Fußball und deutscher Fußball schreibe ich heute, „am Tag danach“, besser nichts .

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp