Wegen etwas anderen? – Manchmal passt der Genitiv einfach nicht

Frage

Ich bin gerade sehr verwirrt. Schreibe ich „wegen etwas anderem“ oder „wegen etwas anderen“?

Antwort

 

Guten Tag M.,

am besten schreiben Sie wegen einer anderen Sache oder aus einem anderen Grund.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

– nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
– nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Zurück zu Ihrer Frage: Wenn nach wegen nur der Genitiv verwendet werden darf, muss es heißen: wegen etwas anderen. Diese Formulierung erfüllt aber die genannten Bedingungen nicht: etwas ist unveränderlich und die Genitivendung von ander- ist hier weder es noch er, sondern en. Deshalb hat diese Wendung Sie in Verwirrung gebracht und deshalb ist sie auch im Standarddeutschen unüblich. Man weicht hier oft auf den Dativ aus: wegen etwas anderem. Weil viele den Dativ nach wegen leider grundsätzlich für falsch halten, empfehle ich Ihnen, in der schriftlichen Standardsprache vorsichtshalber auf eine Formulierung wie wegen einer anderen Sache auszuweichen. Das Gleiche gilt für zum Beispiel *wegen nichts anderen, für das man üblicherweise wegen nichts anderem oder (vor allem wenn der Dativ nach wegen einem grundsätzlich ein Gräuel ist) aus keinem anderen Grund verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kiefer

Vergangene Woche war ich beim Kieferchirurgen. Mein Zahnarzt meinte, dass das unerlässlich sei, denn sonst hätte ich bestimmt von einem Besuch bei einem Vertreter oder einer Vertreterin dieses Berufsstandes abgesehen. Es  ging um die Behandlung einer Entzündung und die dadurch bedingte Extraktion (klingt besser als Ziehen, läuft aber exakt aus dasselbe hinaus) eines Backenzahns im rechten Unterkiefer. Das Resultat des halbstündigen Besuches ist, dass ich zurzeit nicht nur Linkshänder, sondern auch Linkskauer bin.

An Zahnarztphobie Leidende müssen diesen Beitrag nicht unbedingt sofort wegklicken. Weitere Einzelheiten werden nicht erwähnt. Es geht hier eigentlich um das Wort Kiefer. Es war mir nie besonders aufgefallen, außer als Beispiel für gleich klingende Wörter, die nichts miteinander zu tun haben: der Kiefer und die Kiefer. Um es gleich vorwegzunehmen: Die beiden Wörter haben abgesehen von der Form wirklich nichts miteinander zu tun. Die Wortgeschichte der beiden Kiefer ist zum Teil ungeklärt und zum Teil zu komplex, als dass ich sie wirklich verstehen würde. Auch hier erspare ich uns deshalb die Details.

Die Kiefer verdankt ihren Namen wahrscheinlich einer undurchsichtig gewordenen Zusammenziehung von Kien und Föhre: kienforha → Kiefer. Kiefernholz war (und ist es bestimmt immer noch) für die Herstellung von Kienspänen und Fackeln geeignet, weil es sehr harzreich ist. Kien ist ein altes Wort für Kienspan, Fackel. Föhre diente schon in althochdeutscher Zeit als Baumname (forha) und wird auch heute noch vor allem im südlichen deutschen Sprachraum für Kiefer verwendet.

Beim anderen Kiefer ist die Herkunft dunkler: Das männliche Wort Kiefer wird in unterschiedlicher Weise auf Wörter im Bedeutungsbereich Mund, Rachen, kauen, essen zurückgeführt. Es soll mit Wörtern wie kauen, Kieme und Käfer[!] verwandt sein. Mit Käfer wurden zuerst vor allem fresssüchtige schädliche Insekten wie die Heuschrecken bezeichnet. Erst später wurde es allgemeiner im heutigen Sinne verwendet.

Das Wort der Kiefer hat also schon lange etwas mit Essen und Kauen zu tun. Das erstaunt mich zurzeit gar nicht. Erst wenn man beim Kauen aufpassen muss, merkt man so richtig, dass dies die Hauptfunktion eines Kiefers ist. Nur bei Schauspielern, deren markanter Unterkiefer ihnen ein besonders männliches Aussehen verleiht, hat der Kiefer eine weitere Funktion: Er verhilft zu Machoheldenrollen und zu Auftritten in Werbespots für Rasierprodukte. Die Brötchen, die diese „Breitkinnigen“ damit verdienen, müssen dann allerdings auch wieder gekaut werden.

Zu guter Letzt noch ein Stoßseufzer, den man mir bitte verzeihen möge: Linkshänder will ich gerne bleiben – ich bin es schon mein Leben lang –, aber ich habe jetzt schon genug davon, Linkskauer zu sein! Es wird hoffentlich nicht allzu lange dauern.

Die Radiorubrik

Am Freitag, dem 2. September, ziemlich genau um 08:45 startet bei Radio Basel eine Serie von Kurzbeiträgen mit „Dr. Bopp“. Ich werde dort jeweils am Freitag kurz (es dauert nicht länger als zwei Minuten) eine Sprachfrage beantworten. Wenn Sie Schweizerdeutsch verstehen – oder einfach mal hören wollen, dass es wirklich möglich ist, auf Schweizerdeutsch über Fragen der deutschen Grammatik zu reden – können Sie sich die Sendung gerne einmal anhören. Falls Ihnen die Sendezeit nicht zusagt: Man kann sich den Beitrag danach als Podcast auf der Website von Radio Basel (www.radiobasel.ch) anhören:

Seit Anfang 2012 sendet Radio Basel nicht mehr aus.

Auch große Zahlen bleiben klein

Frage

Ich habe eine Frage, die mich schon geraume Zeit foltert. Es handelt sich dabei um die Groß- oder Kleinschreibung von ausgeschriebenen Zahlen in einer bestimmen Begriffskonstellation. Beispielsweise:

– Heißt es „Flug dreiunddreißig“ oder „Flug Dreiunddreißig“?
– Heißt es „Camp einhundertzwei“ oder „Camp Einhundertzwei“?
– Heißt es „Sektor fünf“ oder „Sektor Fünf“?

Ich habe einmal gehört, dass in solchen Fällen die Kleinschreibung richtig ist. Allerdings kommt mit sehr oft die Großschreibung unter. Was stimmt denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

darf ich annehmen, dass „foltern“ nur eine rhetorische Übertreibung ist? Rechtschreibfragen sind nämlich nicht so wichtig, dass Sie zu schlaflosen Nächten oder gar geistiger Folter führen sollten. Ich hoffe, dass ich Sie aus dieser quälenden Ungewissheit erlösen kann:

Nach der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Grundzahlen unter einer Million klein:

Flug dreiunddreißig
Camp einhundertzwei
Sektor fünf
Buslinie zwölf
Kapitel zwanzig

Oft stellt sich die Frage der Groß- und Kleinschreibung bei Verbindungen dieser Art gar nicht, weil Ziffern verwendet werden:

Flug AF5201
Camp 102
Sektor 5
Buslinie 12
Kapitel 20

Auch in anderen Zusammenhängen haben Grundzahlen meist einen kleinen Anfangsbuchstaben, wenn man sie in Worten schreibt:

drei Grad über null
eins und zwei gibt/ist/macht drei
Wir treffen uns um halb vier.
Er ist gestern fünf geworden.
Mit siebzehn hat man noch Träume.
Die ersten zehn können hereinkommen.
Euch drei will ich hier nicht mehr sehen!

Auch große Zahlen bleiben klein:

Auf diese dreitausend mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an.
eine Einwohnerzahl von mehr als zweihundertfünfzigtausend

Nur wenn die Zahl an und für sich gemeint ist, schreibt man sie groß:

die Ziffer Drei
Schreibt eine Zwei auf euren Zettel!
Im letzten Zeugnis hatte ich eine Vier in Französisch.
Du hast dreimal hintereinander eine Sechs gewürfelt!
Er hat alles auf die Dreizehn gesetzt.
ein rundes Schild mit rotem Rand und einer schwarzen Hundert auf weißem Hintergrund

Wenn Sie mehr wissen möchten (zum Beispiel zu Sonderfällen, die es ja immer gibt …), finden Sie in Canoonet die entsprechenden Regeln und weitere Beispiele für Zahlen wie fünf, dreißig und hundert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reib(e)käse

Wenn Sie heute Abend Spaghetti essen oder einen Auflauf mit Käse überbacken, verwenden Sie dann Reibkäse oder Reibekäse?

Frage

Heißt es Reibkäse oder Reibekäse? Nach meiner bisherigen Recherche scheint es so zu sein, dass mit Reibe- Substantive beginnen, die etwas bezeichnen, das durch Reibung entstanden ist, z. B. Reibekuchen oder Reibelaut. Reib- hingegen scheint Verwendung zu finden, wenn das Substantiv etwas bezeichnet, das unmittelbar mit Reibung zu tun hat, wie z. B. das Reibeisen.

Nach dieser Folgerung wäre der Reibkäse ein Produkt, welches zur Verwendung in geriebener Form gedacht, also noch am Stück ist. Dagegen wäre Reibekäse Käse in geriebener Form.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

Ihr Gedankengang klingt einleuchtend. Ich kann Ihre Schlussfolgerung leider trotzdem nicht teilen. Ob man in Zusammensetzungen mit einem Verb an erster Stelle ein e verwendet oder nicht, hängt meist nicht von der Bedeutung ab. Entscheidend ist die Form des Verbstammes – und was üblich ist.

Zur Form: Bei Verbstämmen, die wie reib(en) auf ein b enden, wird manchmal ein e eingefügt und manchmal nicht. Zum Beispiel:

Werbeagentur – Webstuhl
Lebewesen – Lebzeiten
gebefreudig – schreibgewandt.

Was ist üblich: Bei reiben kommen sowohl Bildungen mit e als auch Bildungen ohne e vor. Die Bedeutung spielt hierbei keine Rolle:

Reibeisen = Eisen, das zum Reiben dient
Reibebrett = Brett, das zum Reiben dient

Reibkäse = Käse der gerieben wird/gerieben werden kann
Reibeputz = Putz der aufgerieben wird/aufgerieben werden kann

Reibelaut, Reibekuchen – Reibfläche, Reibrad

Es gibt also keine feste Regel, nach der man entscheiden könnte, ob Reib- oder Reibe- richtig ist.

Gehen wir nun zum Ausgangswort zurück: Die häufiger in Wörterbüchern verzeichnete Form lautet Reibkäse, weil es wahrscheinlich die etwas häufiger verwendete Variante ist. Man nennt dabei sowohl den Käse, der gerieben werden kann, als auch den bereits geriebenen Käse Reibkäse. Daneben wird aber auch sehr häufig – und nicht weniger korrekt – Reibekäse gesagt und geschrieben; dies ebenfalls sowohl für den reibbaren als auch für den geriebenen Käse. Es könnte hier regionale Unterschiede geben, doch dazu habe ich keine Angaben finden können. In meinem persönlichen Wortschatz kommt nur Reibkäse vor.

Meine Schlussfolgerung lautet: Sowohl Reibkäse als auch Reibekäse sind korrekte Formen. Einen Bedeutungsunterschied gibt es nicht. Sowohl reibbarer Käse am Stück als auch bereits geriebener Käse wird jeweils mit dem gleichen Wort bezeichnet.

Mehr zum Fugenlaut e bei Verben finden Sie hier. Und ob Sie nun Reibkäse oder Reibekäse verwenden: Achten Sie auf gute Qualität! Es lohnt sich!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Andreas‘ A

Nein, es geht hier nicht um den Apostroph!

Frage

Heute bin ich über die Pluralform von Buchstaben gestolpert und habe gemerkt, dass es „die A“ und nicht die „As“ heißt. Somit schreibt man also: „Andreas aß alle A aus der Buchstabensuppe“. Ich hoffe, so weit, so richtig. Wie ist das in einem Genitiv-Fall? Heißt es dann: „Anna aß Andreas‘ A aus der Buchstabensuppe“? Dann wäre ja nicht klar, ob die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Buchstaben sind in der Standardsprache unveränderlich. Umgangssprachlich werden sie im Genitiv der Einzahl und in der Mehrzahl auch mit der Endung s gesprochen. Geschrieben wird diese Endung aber nicht (siehe hier). In Ihrem Beispielsatz

Anna aß Andreas‘ A aus der Buchstabensuppe

ist deshalb tatsächlich nicht klar, ob es sich bei A um eine Einzahl- oder um eine Mehrzahlform handelt. Der Genitiv spielt hier insofern eine Rolle, als die Genitivform eines Eigennamens vor dem A steht und dabei den Artikel ersetzt. (Mehr dazu finden Sie hier.) Der Satz enthält also nichts mehr, das es erlauben würde, den Numerus von A zu bestimmen. Wenn man diese Unklarheit vermeiden will, muss man den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

Anna aß alle von Andreas‘ A aus der Buchstabensuppe.
Anna aß das A von Andreas aus der Buchstabensuppe.

oder ohne von:

Anna aß alle A aus Andreas‘ Buchstabensuppe.
Anna aß das A aus Andreas‘ Buchstabensuppe.

Unklarheiten dieser Art gibt es übrigens nicht nur bei Buchstaben. Sie entstehen immer dann, wenn ein Nomen ohne ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv steht, dieses Nomen nicht Subjekt des Satzes ist und seine Singular- und Pluralform sich im verlangten Kasus nicht voneinander unterscheiden:

Anna spricht mit Andreas‘ Neffen.
Anna bezahlt Andreas‘ Berater.
Andreas sorgt für Annas Kaninchen.
Andreas hasst Annas Kater.

Spricht Anna mit einem oder mit mehreren Neffen? Bezahlt sie einen oder mehrere Berater? Sorgt Andreas für ein oder für mehrere Kaninchen? Hasst er nur einen oder mehr als einen Kater? Bei solchen isolierten Beispielsätzen lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Sehr oft verdeutlicht allerdings der Satzzusammenhang, ob die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint ist. Wenn nicht, sollte man umformulieren.

Es zeigt sich hier, dass Sätze nicht immer eindeutig sind, wenn man sie einzeln betrachtet. Ganz ohne Kontext ist übrigens auch ziemlich unklar, warum Anna Andreas‘ A aus der Suppe aß, ganz gleich, ob nun ein oder mehrere A in der Buchstabensuppe schwammen. Sie tat es wohl um des Stabreimes willen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bei hältst behältst du das t

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner in allen Hitparaden der häufig vorkommenden Schreibfehler:

Frage

Jahrelang schrieb ich „du erhälst“ auf diese Art und fühlte mich dabei ganz sicher, bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das eigentlich falsch sei und „erhältst“ geschrieben werden sollte. Meine Nachforschungen auf canoonet bestätigen das zwar, aber in der Praxis sehe ich fast nur die erste Variante. Hat das eventuell etwas mit einer schweizerischen Schreibweise zu tun?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

richtig ist nur du erhältst. Das t vor der Endung st gehört zum Stamm erhalt/erhält des Verbs erhalten. Dies gilt für den gesamten deutschen Sprachraum vom Nord- und Ostseestrand bis hin zum Alpenrand (und darüber hinaus). Alle Formen von erhalten sehen Sie hier.

Die Schreibung erhälst kommt deshalb häufig vor, weil man bei der Aussprache das t vor der Endung st oft nicht (gut) hört. Sie gilt aber allgemein als falsch. Dasselbe gilt für halten und andere von ihm abgeleitete Verben. Man schreibt zum Beispiel:

Du hältst einen Vortrag (nicht: du hälst)
Du behältst die Übersicht (nicht: du behälst)
Du verhältst dich sonderbar (nicht: du verhälst dich)
…, wo immer du dich aufhältst (nicht: dich aufhälst)
…, wenn du die Augen zuhältst (nicht: die Augen zuhälst)

Oder ganz einfach gesagt: „Du hältst dich an die Regel, wenn du bei hältst das t behältst.“ Ich habe allerdings schon bessere Eselsbrücken gehört …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Blogspektrogramm 4

Die vierte Ausgabe des Blogspektrogramms finden Sie diesen Monat im Texttheater.

Diesmal geht es um das Wort Titelhuberei, um das sch, um Euro(s), um die Frauenfußballweltmeisterschaft, passend dazu um sicksche Kommentare zur Sprache in Frauenfußballkommentaren und darum, worauf er und sie sich beziehen. Es gibt also vieles, das an der deutschen Sprache Interessierte interessieren könnte!

Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1

Von Amphoren zu Eimern

Frage

Woher kommt das Wort „Eimer“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort Eimer hat eine interessante Entstehungsgeschichte, bei der Entlehnung, Umdeutung und lautliche Entwicklung eine Rolle spielen.

Seinen Ursprung findet Eimer bei einem Lehnwort, das schon in alter germanischer Zeit aus dem Lateinischen übernommen wurde und das wir viel später noch einmal ins Deutsche übernommen haben: amphora. Das ursprünglich griechische Wort bezeichnet ein zweiohriges Gefäß oder ein Gefäß, das mit zwei Händen getragen wird. Im Althochdeutschen hatte es die Form amber, im heutigen Deutschen die lateinische Form Amphora oder Amphore. Die erste Entlehnung wurde bereits im althochdeutschen Volksmund zu einer Zusammensetzung aus dem Zahlwort ein und einer Form von beran umgedeutet. Das Verb beran bedeutete tragen. (Das Wort Bahre geht auch auf dieses beran zurück.) Der Hintergrund für die Umdeutung war, dass der Eimer nur einen Henkel hat, den man zum Tragen benutzt. Über Formen wie eimbar und eimber entstand dann das heutige Wort Eimer.

Wir haben es also bei Eimer mit einem Wort zu tun, das nicht nur einen Teil seiner ursprünglichen Bedeutung verloren hat, sondern sich durch volksetymologische Umdeutung und jahrhundertelange „ungenaue“ Aussprache auch ganz anders anhört. Trotz „Fehlern“ bei der Bedeutung (einhenkelig statt zweiohrig), bei der Herkunftsbestimmung (germanische Zusammensetzung statt griechisch-lateinisches Lehnwort) und bei der Aussprache (u. a. amber statt amphora) ist im Laufe der Zeit ein nützliches und brauchbares Wort entstanden und erhalten geblieben. Dank dieser Verselbständigung des Wortes Eimer konnten wir das Wort amphora später sogar noch einmal „importieren“ – diesmal mit seiner klassischen Bedeutung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Brücken, Tunneln, Unter- und Überführungen

Frage

Für die Kreuzung nicht niveaugleicher Verkehrswege oder von Verkehrswegen mit Hindernissen (Täler, Berge) finden sich in der deutschen Sprache die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung, Überführung und vielleicht weitere.

Was ist nun was?

Eine Brücke führt über etwas hinweg, ein Tunnel unter oder durch etwas hindurch. Aber wird eine Brücke zum Tunnel, wenn man unter ihr hindurch geht? Und was ist eine Unterführung/Überführung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

verschiedene Wörter haben sehr oft nicht genau voneinander abgegrenzte Bedeutungen. Dies ist auch hier der Fall.

  • Eine Brücke führt einen Verkehrsweg über Wasser, eine Tiefe, einen anderen Verkehrsweg u. Ä. hinweg.
  • Ein Tunnel ist ein langer, unterirdisch angelegter Verkehrsweg oder Gang.
  • Eine Überführung führt einen Verkehrsweg über einen anderen Verkehrsweg hinweg.
  • Eine Unterführung führt einen Verkehrsweg unter einem anderen Verkehrsweg hindurch.

Daraus kann man schließen:

  • Eine Überführung ist in der Regel eine Brücke, aber längst nicht jede Brücke ist eine Überführung.
  • Eine Unterführung kann ein Tunnel sein. Nicht jede Unterführung ist ein Tunnel und längst nicht jeder Tunnel ist eine Unterführung.

Und zum Beispiel auch:

  • Der Weg unter einer Brücke hindurch ist kein Tunnel. Dafür ist der Durchgang in der Regel einfach nicht lang, schmal und unterirdisch genug.

Die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung und Überführung bezeichnen also unterschiedliche Konzepte, die sich teilweise überschneiden.

Das Interessante daran finde ich, dass man diese Wörter im Alltagsleben problemlos benutzt. Erst wenn man genaue, deutlich gegeneinander abgegrenzte Definitionen geben möchte, kommt man ein bisschen ins Schleudern. Die obenstehenden Definitionen decken nämlich längst nicht alle Fälle ab: Eine Autobahnbrücke, die in 136 Meter Höhe das Moseltal überspannt, ist keine echte Überführung, auch wenn sie über zwei Straßen, eine Eisenbahnlinie und einen als Verkehrsweg genutzten Fluss führt. Genauso wenig werden die beiden Straßen und die Eisenbahnlinie, die durch das Moseltal führen, an dieser Stelle Unterführungen genannt. Warum nicht? Eine andere zu klärende Frage ist zum Beispiel: Wie lange (und schmal?) muss eine Fußgängerunterführung sein, damit man sie einen Fußgängertunnel nennt? Oder muss sie einfach unterirdisch sein?

Die Definitionen müssten also verfeinert werden, damit sie auch diese und weitere Fälle abdecken. Für den normalen Sprachgebrauch ist das aber gar nicht notwendig. Wir sind, auch ohne bewusst eine genaue Definition zu kennen, in der Lage, die Wörter Brücke, Tunnel, Überführung und Unterführung richtig zu benutzen. Selbst die Tatsache, dass es zum Beispiel Brücken gibt, die einige eine Überführung nennen und andere nicht, führt in der Regel zu keinen größeren Verständigungsschwierigkeiten. Das ist, wenn man darüber nachdenkt, eines der Wunder der Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp