Es muss nicht unbedingt „zu der Zeit, zu der“ sein

Frage

Ich frage mich schon länger, ob man „zu der Zeit, als/wenn“ sagen kann oder ob man „zu der Zeit, zu der“ sagen muss?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

man kann zu der Zeit, zu der sagen, es ist aber wegen der Wiederholung von zu der nicht die schönste Formulierung, die das Deutsche je hervorgebracht hat:

zu der Zeit, zu der die Müllabfuhr noch mit Pferdewagen unterwegs war
zu dem Zeitpunkt, zu dem  er verhaftet wurde

Es gibt daneben zum Glück noch verschieden andere Möglichkeiten:

Mit zu der Zeit ist meistens ein Zeitpunkt in der Vergangenheit gemeint (zu der Zeit = damals). Dann ist ein Anschluss mit als sehr gebräuchlich, aber auch da, in der und wo sind möglich:

zu der Zeit, als die Müllabfuhr noch mit Pferdewagen unterwegs war
zu der Zeit, da die Müllabfuhr noch mit Pferdewagen unterwegs war
zu der Zeit, in der die Müllabfuhr noch mit Pferdewagen unterwegs war
(zu der Zeit, wo die Müllabfuhr noch mit Pferdewagen unterwegs war)

zu dem Zeitpunkt, als er verhaftet wurde
zu dem Zeitpunkt, da er verhaftet wurde
zu dem Zeitpunkt, an dem er verhaftet wurde
zu dem Zeitpunkt, in dem er verhaftet wurde
(zu dem Zeitpunkt, wo er verhaftet wurde)

Dabei gehört da eher zum gehobenen Sprachgebrauch. Bei wo scheiden sich die Geister. Es ist im Prinzip auch standardsprachlich akzeptiert, aber manche schließen wo aus, wenn es sich auf eine Zeitangabe bezieht. Sie müssen deshalb auf mögliche Kritik mehr oder weniger wohlwollender Mitmenschen gefasst sein, wenn Sie hier wo verwenden.

Mit zu der Zeit kann seltener auch ein allgemeiner Zeitpunkt oder ein gegenwärtiger oder zukünftiger Zeitpunkt gemeint sein (zu der Zeit = dann). Dann kann mit wenn oder wie oben mit da, in der oder wo angeschlossen werden:

zu der Zeit, wenn die Rosen blühen
zu der Zeit, da die Rosen blühen
zu der Zeit, in der die Rosen blühen
(zu der Zeit, wo die Rosen blühen)

bis zu dem Zeitpunkt, wenn der Vertrag aufgelöst wird
bis zu dem Zeitpunkt, da der Vertrag aufgelöst wird
bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Vertrag aufgelöst wird
bis zu dem Zeitpunkt, in dem der Vertrag aufgelöst wird
(bis zu dem Zeitpunkt, wo der Vertrag aufgelöst wird)

Man muss also nicht unbedingt zu der Zeit, zu der sagen. Es gibt eine Auswahl an Alternativen für zu der: allgemein übliches als oder wenn, eher gehobenes da, neutrales in der und „urtümliches“, aber nicht von allen gleichermaßen akzeptiertes wo.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das „es“ als Lückenbüßer in unvollständigen Vergleichssätzen

Frage

Meine Frage bezieht sich auf die Verwendung von „es“ in Vergleichssätzen mit „als“ oder „wie“. Ich finde Beispiele sowohl mit „es“ als auch ohne „es“. Beispiele:

Der Film ist besser, als ich erwartet habe.
Der Film ist besser, als ich es erwartet habe.

Der Film ist genauso gut, wie ich vermutet habe.
Der Film ist genauso gut, wie ich es vermutet habe.

Die Verben „erwarten“ und „vermuten“ sind hier nur als Beispiele zu verstehen, dasselbe gilt für „denken“, „annehmen“ usw. Ich verstehe das ehrlich gesagt überhaupt nicht. Welche Regel steckt hier dahinter?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

hier bin ich eigentlich ein bisschen überfragt. Was folgt, ist deshalb als vorsichtiger Versuch einer Erklärung zu verstehen.

Viele Vergleichssätzen mit als oder wie können tatsächlich ein es enthalten, das allerdings häufig nicht steht:

Der Film ist besser, als ich [es] erwartet habe.
Der Film ist genauso gut, wie ich [es]vermutet habe.
Die Sache ist komplizierter, als du [es] denkst.
Es hat sich genau so zugetragen, wie ich [es] vermutet habe.

Die Aufgabe ist schwieriger, als [es] ihm lieb ist.
Es sich anders zugetragen, als [es] (von ihr) behauptet/gesagt/geschrieben/geschildert/… wird.

Dieses es hat die Funktion eines formalen Akkusativobjekts oder Subjekts:

Wen oder was habe ich erwartet? – es
Wer oder was ist ihm lieb? – es

Ohne dieses es fehlt dem Vergleichssatz also eigentlich ein Akkusativobjekt oder ein Subjekt:

Der Film war besser, als ich erwartet hatte.
Die Aufgabe ist schwieriger, als ihm lieb ist.

Das Verb erwarten verlangt nämlich obligatorisch ein Akkusativobjekt und die Wendung jemandem lieb sein hat normalerweise ein Subjekt. Die beiden Vergleichssätze oben sind also unvollständig. Sie haben kein Akkusativobjekt bzw. kein Subjekt.

Die „Regel“, die Sie suchen, scheint zu lauten: In Vergleichssätzen, in denen das Akkusativobjekt oder das Subjekt nicht genannt wird, kann fakultativ ein formales es eingefügt werden, das diese Rolle übernimmt.

Der Film war besser, als ich es erwartet hatte.
Die Aufgabe ist schwieriger, als es ihm lieb ist.

Ein ähnlicher Fall wird hier beschrieben.

Zusammenfassend: Vergleichssätze sind insofern unvollständig, als ihnen der Satzteil fehlt, um den es beim Vergleich geht. Wenn der fehlende Satzteil das Akkusativobjekt oder das Subjekt ist, übernimmt (mehr oder weniger selten) ein formales es diese Rolle.

Es handelt sich dabei übrigens oft um Fälle, bei denen auch eine Konstruktion mit dem Perfektpartizip möglich ist:

Der Film ist besser als erwartet.
Der Film ist genauso gut wie angenommen.
Die Sache ist komplizierter als gedacht.
Es hat sich genau so zugetragen wie vermutet.
Es hat sich anders zugetragen als (von ihr) behauptet/gesagt/geschrieben/geschildert.

Alles in allem ist es komplizierter geworden, als ich (es) gehofft hatte, oder einfach komplizierter als gehofft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichem?

Frage

Ich bin unsicher, welcher  Kasus in diesem Satz bei „etwas Ähnliches“ verwendet wird:

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.

Spontan würde ich hier den Dativ „etwas Ähnlichem“ für richtig halten. Müsste aber nicht der Genitiv stehen, weil Grippe ja auch Genitiv ist?

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichen unwohl.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

der zweite Satz ist nicht möglich. Wir stoßen hier wieder einmal an die Grenzen dessen, was im Deutschen mit dem Genitiv möglich ist. Im Genitiv kann nämlich nicht etwas Ähnlichen stehen. Als Begründung kann hier diese „Genitivregel“ genannt werden:

Eine Nominalgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn sie von einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv begleitet wird und mindestens ein Wort mit der Genitivendung er oder (e)s enthält (Ausnahmen: u. A. Eigennamen).

Die Wortgruppe etwas Ähnlichen enthält kein Wort mit einer Genitivendung er oder (e)s. Die Formulierung aufgrund etwas Ähnlichen ist deshalb nicht möglich.

Der erste Satz ist – zumindest standardsprachlich – auch nicht zu empfehlen, weil aufgrund den Genitiv oder eine von-Gruppe verlangt. Die von-Gruppe steht dann, wenn der Genitiv nicht möglich bzw. nicht ersichtlich ist.

mit Genitiv: aufgrund einer Krankheit
mit von-Gruppe: aufgrund von etwas Ähnlichem

Für Ihren Beispielsatz müssen Sie also auf eine andere Formulierung ausweichen. Am einfachsten ist es, einfach von zu ergänzen:

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder von etwas Ähnlichem unwohl.
Das Kind fühlt sich sich aufgrund von einer Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.
Das Kind fühlt sich sich aufgrund von Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.

Da dies nicht immer zu stilistischen Meisterwerken führt, kann es oft auch helfen, ganz anders zu formulieren:

Das Kind fühlt sich unwohl, weil es eine Erkältung oder etwas Ähnliches hat.

Noch ein Beispiel, wie man besser nicht formuliert:

nicht: die Verlosung eines Geschenks oder etwas Ähnlichem

Sondern:

die Verlosung eines Geschenks oder von etwas Ähnlichem
die Verlosung von einem Geschenk oder etwas Ähnlichem
verlosen wir ein Geschenk oder etwas Ähnliches
wird ein Geschenk oder etwas Ähnliches verlost

Natürlich ist oder etwas Ähnlichem nicht immer falsch. Es kann oder muss stehen, wenn die Konstruktion den Dativ verlangt:

an einer Erkältung oder etwas Ähnlichem leiden
den Nagel mit einem Hammer oder etwas Ähnlichem einschlagen
Sie standen vor einem Eisentor oder etwas Ähnlichem.

Mit freundlichen Grüßen (oder etwas Ähnlichem)

Dr. Bopp

„Ungeheuer“ in „Das steht dir Ungeheuer gut“

Frage

Das Problem:

Diese Farbe steht dir ungeheuer gut.
Diese Farbe steht dir Ungeheuer gut.

Eine Gegenüberstellung dieser Art wird gerne verwendet, um die Relevanz der Großschreibung zu veranschaulichen.

Frage: Was ist „dir Ungeheuer“ grammatisch gesehen? Es ist wohl eine Pronominalphrase. Aber was ist darin „Ungeheuer“? Ist das eine Apposition? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

richtig ist hier üblicherweise die Kleinschreibung, weil mit ungeheuer nicht  Monstrum, sondern außerordentlich gemeint ist.

Die Farbe steht dir ungeheuer (= außerordentlich) gut.
Die Farbe steht dir Ungeheuer (= Monstrum) gut.

Das ist aber nicht Ihre Frage. Sie möchten wissen, was Ungeheuer grammatisch gesehen ist, wenn scherzhaft oder ausnahmsweise doch das Substantiv gemeint ist.

Im Satz Diese Farbe steht dir Ungeheuer gut ist dir Ungeheuer das Dativobjekt. Es ist eine Pronomengruppe (Pronominalphrase), die aus dem Kern dir und der Apposition (näheren Bestimmung) Ungeheuer besteht. Es handelt sich dabei um eine enge Apposition, die ohne Pausen gesprochen und ohne Kommas geschrieben wird:

Diese Farbe steht dir Ungeheuer gut.

Vgl.

Damit hast du Schurke nichts zu tun.
Ich muss ein ernstes Wörtchen mit euch frechen Schlingeln reden.
Sie haben ein offenes Ohr für uns Bewohner.
Habt Erbarmen mit mir armem Sünder!
Was ist mit euch Deutschen los?

Im Satz, um den es geht, könnte man Ungeheuer auch als direkte Anrede verwenden. Das Dativobjekt ist dann nur dir. Die Anrede gehört nicht zur eigentlichen Satzstruktur. Sie steht im Nominativ, wird mit Pausen gesprochen und mit Kommas geschrieben:

Diese Farbe steht dir, Ungeheuer, gut.

Vgl.

Diese Farbe steht dir, du Ungeheuer, gut.
Damit hast du, [du] Schurke, nichts zu tun.
Ich muss ein ernstes Wörtchen mit euch, [ihr] freche Schlingel, reden.
Was ist mit euch, Deutsche, los?

Es handelt sich also beim großgeschriebenen Ungeheuer in Ihrer Frage um eine Apposition (nähere Bestimmung) zum Pronomen dir. Die beiden Wörter bilden zusammen eine Pronomengruppe (Pronominalphrase), die im Satz das Dativobjekt ist. Trotz der vielen Fachbegriffe ist es hoffentlich nicht ungeheuer kompliziert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ihrer Meinung nach sei oder ist …?

Frage

Ich würde gerne wissen, ob es bei den folgenden Sätzen einen Unterschied in der Verwendung des Konjunktivs I gibt:

Ihrer Meinung nach bestehe kein Zweifel, dass er die Tat begangen habe.

So hätte ich den Satz gesagt, doch auf einer Internetseite über Grammatik stand, dass nach „seiner Meinung nach“ der Indikativ stehe. Ich habe gelesen, dass nach bestimmten Wörtern der Indikativ statt des Konjunktivs I verwendet werden soll. […] Ist das auch der Fall bei „der Meinung sein“?

Der Arzt ist der Meinung, dass der Patient operiert werden soll/solle“

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es gibt bei der Verwendung des Konjunktivs im Bereich der indirekten Rede fast keine festen Regeln. Vieles ist möglich und vieles kommt auch standardsprachlich vor. Im Folgenden beschreibe ich „nur“, was üblich ist und was oft in Grammatiken o. Ä. zu lesen ist. Das heißt, dass man auch von diesen Angaben abweichen kann, ohne dass man immer gleich einen Riesenfehler macht.

Es ist üblich, bei Einleitungen mit laut, gemäß, zufolge, nach und so den Indikativ zu verwenden:

Laut/gemäß/nach Berichten in der Presse besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.
Berichten in der Presse zufolge besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.
Es besteht kein Zweifel, so Berichte in der Presse, dass er die Tat begangen hat.

Ebenso:

Die Journalistin meint: „Es besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.“
Ihrer Meinung nach besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.

Anders sieht es allerdings aus, wenn Meinung nach nicht wie oben eine Einleitung, sondern wie unten Teil der Rede ist:

Die Journalistin schrieb: „Meiner Meinung nach besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.“
Die Journalistin schrieb, ihrer Meinung nach bestehe kein Zweifel, dass er die Tat begangen habe.

Bei der Meinung sein ist der Indikativ oder der Konjunktiv möglich (der Indikativ kommt häufiger vor), wenn ein dass-Satz folgt:

Der Arzt ist der Meinung, dass der Patient operiert werden muss/müsse.

Wählt man den Konjunktiv müsse, ist es wahrscheinlich, dass der Arzt seine Meinung (ungefähr) so ausgedrückt hat: „Der Patient muss operiert werden.“ Aber auch wenn er es genau so gesagt hat, kann man den Indikativ muss verwenden, wenn man die Meinung des Arztes wiedergibt.

Wie laut, gemäß, nach, zufolge, so oder auch der Meinung sein zeigen, ist es nicht so, dass immer der Konjunktiv stehen muss, wenn wir die Meinung oder Aussage einer anderen Person indirekt wiedergeben. Oft sollte oder kann auch der Indikativ stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

»Damals wie heute« und die Zeitform des Verbs

Frage

Geschwätz gab es damals wie heute.

ist der Satz, bei dem ich ein Problem habe. Nämlich, heute „gab“ es ja kein Geschwätz, es „gibt“ Geschwätz. Oder ist „damals wie heute“ eine stehende Wendung?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

es handelt sich hier um einen Vergleich, den man – wie meistens bei Vergleichen – auch als eine Zusammenziehung betrachten kann. Dabei fällt in in einem der beiden zusammengezogenen Teilsätze einiges aus:

Geschwätz gab es damals wie heute.
Geschwätz gab es damals[,] wie [es] heute [Geschwätz gibt].

Geschwätz gibt es heute wie damals.
Geschwätz gibt es heute[,] wie [es] damals [Geschwätz gab].

In Vergleichen wie diesen ist das Weglassen von einer der beiden Verbformen auch dann möglich, wenn die Verbformen sich im Tempus voneinander unterscheiden (gab und gibt).

Ebenso oder ähnlich auch zum Beispiel:

Das gilt heute ebenso wie vor hundert Jahren.
Das galt vor hundert Jahren ebenso wie heute.

Gas kostet aktuell weniger als zu Kriegsbeginn.
Gas kostete zu Kriegsbeginn mehr als jetzt.

Der persönliche Kontakt war damals noch wichtiger als heute.
Der persönliche Kontakt ist heute weniger wichtig als damals.

Ehrenamtliche Arbeit sei heutzutage noch wichtiger als in der Vergangenheit.

Es ist also möglich, Gegenwärtiges und Vergangenes zu vergleichen, ohne ggf. die Verbformen wiederholen zu müssen.

Ich wünsche auch dieses Jahr wie in vergangenen Jahren allen schöne Weihnachtstage!

Dr. Bopp

Der Infinitivsatz steht ohne aufforderndes „sollen“

Frage

Warum fällt im folgenden Satz das Modalverb weg, wenn man aus ihnen einen Infinitivsatz mit „zu“ macht:

Das Kind bittet sein Eltern, sie sollen ihm eine neues Fahrrad kaufen.

Das wird als Infinitivsatz mit „zu“:

Das Kind bittet seine Eltern, ihm ein neues Fahrrad zu kaufen.

Das Modalverb „sollen“ fällt im Infinitivsatz mit „zu“ weg.

Im zweiten Satz fällt das Modalverb nicht weg:

Das Mädchen wünscht sich, dass es am Samstag auf die Party gehen darf.
Das Mädchen wünscht sich, am Samstag auf die Party gehen zu dürfen.

Wie heißt die Grammatikregel, dass das Modalverb im Infinitivsatz wegfällt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

eine Regel, die diesen Fall beschreibt, gibt es nicht. Ich kann aber trotzdem versuchen, aufzuzeigen, worum es hier geht.

Das Modalverb sollen hat in Ihrem Beispielsatz eine spezielle Funktion. Der Satz enthält einen uneingeleiteten Nebensatz mit einer indirekten Aufforderung. In dieser indirekten Aufforderung hat sollen die Aufgabe, den Aspekt der Aufforderung auszudrücken (mehr dazu hier).

Vergleichen Sie die folgenden Sätze mit jeweils einer direkten und einer indirekten Aufforderung oder Bitte. Das Modalverb sollen steht nur in der indirekten Aufforderung/Bitte:

Das Kind bittet seine Eltern: „Kauft mir ein neues Fahrrad!“
Das Kind bittet seine Eltern, sie sollen ihm ein neues Fahrrad kaufen.

Die Polizei fordert die Leute auf: „Bleiben Sie hinter der Absperrung!“
Die Polizei fordert die Leute auf, sie sollen hinter der Absperrung bleiben..

Wenn die (indirekte) Aufforderung in einem Infinitivsatz ausgedrückt wird, geschieht dies wie in der direkten Aufforderung ohne das Modalverb sollen:

Das Kind bittet seine Eltern: „Kauft mir ein neues Fahrrad!“
Das Kind bittet seine Eltern, ihm ein neues Fahrrad zu kaufen.

Die Polizei fordert die Leute auf: „Bleiben Sie hinter der Absperrung!“
Die Polizei fordert die Leute auf, hinter der Absperrung zu bleiben.

Modalverben haben sonst nicht diese Funktion. Dann stehen sie auch in Infinitivsätzen (soweit es möglich ist, einen Infinitivsatz zu bilden):

Das Mädchen wünscht sich, dass es am Samstag auf die Party gehen darf.
Das Mädchen wünscht sich, am Samstag auf die Party gehen zu dürfen.

Sie befürchtet, sie müsse zu Hause bleiben.
Sie befürchtet, zu Hause bleiben zu müssen.

Die Eltern meinen, dass sie es ihr nicht erlauben können.
Die Eltern meinen, es ihr nicht erlauben zu können.

Sie behauptet, sie dürfe nie irgendwohin.
Sie behauptet, nie irgendwohin zu dürfen.

Es nützt ihr aber nichts, dass sie es so sehr will.
Es nützt ihr aber nichts, es so sehr zu wollen.

Modalverben werden im Allgemeinen also auch in Infinitivsätzen verwendet. Für das Beispiel in Ihrer Frage gilt dann: Anstatt zu sagen, dass sollen im Infinitivsatz wegfällt, kann man besser sagen, dass bei indirekten Aufforderungen sollen in den Nebensatz eingefügt wird, um dort den Aspekt der Aufforderung auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „eines deren Produkte“ falsch klingt

Frage

Es geht um diesen Satz:

Ich wollte eine Nachricht an die Hersteller schreiben mit einem Hinweis bezüglich eines deren Produkte.

Das „bezüglich eines deren Produkte“ klingt für mich irgendwie falsch, aber ich weiß auch nicht, wie es anders heißen könnte. Es geht mir speziell um das „deren“. […]

Antwort

Guten Tag Herr V.,

die Formulierung bezüglich eines deren Produkte ist tatsächlich problematisch. Die „Schuldige“ ist die Genitivregel. Das ist keine Grammatikregel, die uns von Grammatikbüchern vorgeschrieben und an Schulen beigebracht wird, sondern eine Erklärung dafür, warum gewisse Formulierungen nicht möglich oder nicht üblich sind.

Diese Genitivregel sagt unter anderem, dass eine Wortgruppe nur dann im Genitiv stehen kann, wenn sie mindestens ein Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthält. Das ist bei der Wortgruppe deren Produkte nicht der Fall.

Wie steht es dann mit eines und seiner Genitivendung es? – Das Pronomen eines gehört nicht direkt zur Wortgruppe deren Produkte. Es ist hier nämlich kein Artikelwort, sondern ein Pronomen, das durch ein Attribut näher bestimmt wird. Dieses Attribut kann nicht „deren Produkte“ sein, weil es eine Genitivattribut sein müsste, also eine Wortgruppe im Genitiv. Das ist aber wegen der oben genannten Genitivregel nicht möglich.

Dies ist eine recht komplizierte (aber noch nicht wirklich vollständige) Darstellung, die zeigt, weshalb die Formulierung bezüglich eines deren Produkte Ihnen zu Recht falsch vorkommt. Wortgruppen mit vorangestelltem deren und dessen, die kein anderes Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthalten, können/sollten nicht im Genitiv stehen:

nicht: nach dem Tod deren Nachfolgerin
nicht: mit Hilfe dessen Brüder

Nicht möglich/üblich ist entsprechend:

nicht: mit einem Hinweis bezüglich eines deren Produkte
nicht: mit einem Hinweis zu einem deren Produkte

Möglich wird die Formulierung zum Beispiel dann, wenn man deren durch ein Possessiv mit der Genitivendung er ersetzt:

mit einem Hinweis bezüglich eines ihrer Produkte
mit einem Hinweis zu einem ihrer Produkte

Oder man weicht auf eine Formulierung mit „von“ aus:

mit einem Hinweis bezüglich eines von deren Produkten
mit einem Hinweis zu einem von deren Produkten

Ich hoffe dass der Fragesteller findet, dass eine seiner Fragen oder eine von seinen Fragen (aber nicht *eine dessen Fragen) so zufriedenstellend beantwortet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Parallel oder nicht: Förderung talentierter Mitarbeitender oder Mitarbeitenden?

Frage

Welche Schreibeweise ist richtig: „die Förderung talentierter Mitarbeitender/Mitarbeitenden“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wenn mehrere talentierte Mitarbeitende gemeint sind – und davon gehe ich hier aus – ist die parallele Beugung richtig. Das Adjektiv und das substantivierte adjektivische Partizip haben dieselbe Endung:

die Förderung talentierter Mitarbeitender
die Förderung der talentierten Mitarbeitenden
Liebe talentierte Mitarbeitende

Diese parallele Beugung sorgt hier immer wieder für Unsicherheit, sie sollte aber in der Standardsprache eingehalten werden:

ein entfernter Verwandter aus Amerika
die Mail einer lieben Verwandten
Unzufriedene Studierende besetzen die Uni
der Anteil zufriedener Studierender sinkt
Liebe Auszubildende aller Fachrichtungen …
6 Millionen Ankünfte deutscher Reisender

Nur im Dativ Singular ist bei männlichen und weiblichen Formen die Wechselflexion üblicher:

Probleme mit entferntem Verwandten aus Amerika
bei Annas liebster Verwandten
Fluggesellschaft bezahlt deutschem Reisenden Rückflug
Firma schuldet ehemaliger Angestellten drei Monate Lohn

Bei sächlichen Formen hingegen kann auch parallel gebeugt werden:

mit interessantem Neuem / interessantem Neuen

Siehe auch die Angaben unter „Auf ein Adjektiv folgendes substantivisch verwendetes Adjektiv“ auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Gerne würde ich einfacheres Wissenswertes aufzeigen, aber wenn es um die Adjektivbeugung geht, ist das leider oft nicht möglich. Ich hoffe auf das Verständnis freundlich gesinnter Lesender.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus Angst oder vor Angst?

Frage

Erlauben Sie bitte die folgende Frage: Wo liegt in Bezug auf die Semantik der Unterschied zwischen „aus Angst“ und „vor Angst“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

man kann sagen, dass aus Angst den Grund für eine bewusste Handlung angibt. Man hat Angst und diese Angst ist die Ursache für eine bewusste Reaktion:

aus Angst schweigen
aus Angst handeln
aus Angst vor etwas flüchten

Mit vor Angst gibt man den Grund für eine unwillkürliche Reaktion an. Man hat Angst und diese Angst löst eine Reaktion aus, auf die man selbst keinen Einfluss hat:

vor Angst zittern
vor Angst weinen
vor Angst außer sich sein

Die Trennung wird aber nicht immer von allen genau so eingehalten. Sie ist auch nicht immer so eindeutig. So wäre es zum Beispiel bei einem verängstigten Hund schwierig zu entscheiden, ob er sich bewusst aus Angst oder unbewusst vor Angst hinter dem Sofa versteckt.

Auch der bildliche Sprachgebrauch, dessen wir uns häufig bedienen, steht einer genauen Trennung im Weg. Wenn wir aus Angst wegrennen, haben wir Angst und beschließen wir selbst, wegzurennen. Wenn wir vor Angst wegrennen, haben wir Angst und rennen unwillkürlich weg, ohne dass wir dies vorher bewusst entscheiden. Im ersten Fall entscheiden wir selbst, im zweiten Fall übernimmt bildlich die Angst die Entscheidung. Und wenn die Angst groß genug ist oder unerwartet schnell aufkommt, lässt sich wahrscheinlich kaum entscheiden, ob wir nun aus oder vor Angst wegrennen.

Mehr hierzu und dass es auch für zum Beispiel aus/vor Freude, aus/vor Zorn, aus/vor Leidenschaft, aus Überzeugung und vor Anstrengung gilt, finden Sie in diesem schon ziemlich alten Blogartikel.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Bopp