»Damals wie heute« und die Zeitform des Verbs

Frage

Geschwätz gab es damals wie heute.

ist der Satz, bei dem ich ein Problem habe. Nämlich, heute „gab“ es ja kein Geschwätz, es „gibt“ Geschwätz. Oder ist „damals wie heute“ eine stehende Wendung?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

es handelt sich hier um einen Vergleich, den man – wie meistens bei Vergleichen – auch als eine Zusammenziehung betrachten kann. Dabei fällt in in einem der beiden zusammengezogenen Teilsätze einiges aus:

Geschwätz gab es damals wie heute.
Geschwätz gab es damals[,] wie [es] heute [Geschwätz gibt].

Geschwätz gibt es heute wie damals.
Geschwätz gibt es heute[,] wie [es] damals [Geschwätz gab].

In Vergleichen wie diesen ist das Weglassen von einer der beiden Verbformen auch dann möglich, wenn die Verbformen sich im Tempus voneinander unterscheiden (gab und gibt).

Ebenso oder ähnlich auch zum Beispiel:

Das gilt heute ebenso wie vor hundert Jahren.
Das galt vor hundert Jahren ebenso wie heute.

Gas kostet aktuell weniger als zu Kriegsbeginn.
Gas kostete zu Kriegsbeginn mehr als jetzt.

Der persönliche Kontakt war damals noch wichtiger als heute.
Der persönliche Kontakt ist heute weniger wichtig als damals.

Ehrenamtliche Arbeit sei heutzutage noch wichtiger als in der Vergangenheit.

Es ist also möglich, Gegenwärtiges und Vergangenes zu vergleichen, ohne ggf. die Verbformen wiederholen zu müssen.

Ich wünsche auch dieses Jahr wie in vergangenen Jahren allen schöne Weihnachtstage!

Dr. Bopp

Der Infinitivsatz steht ohne aufforderndes „sollen“

Frage

Warum fällt im folgenden Satz das Modalverb weg, wenn man aus ihnen einen Infinitivsatz mit „zu“ macht:

Das Kind bittet sein Eltern, sie sollen ihm eine neues Fahrrad kaufen.

Das wird als Infinitivsatz mit „zu“:

Das Kind bittet seine Eltern, ihm ein neues Fahrrad zu kaufen.

Das Modalverb „sollen“ fällt im Infinitivsatz mit „zu“ weg.

Im zweiten Satz fällt das Modalverb nicht weg:

Das Mädchen wünscht sich, dass es am Samstag auf die Party gehen darf.
Das Mädchen wünscht sich, am Samstag auf die Party gehen zu dürfen.

Wie heißt die Grammatikregel, dass das Modalverb im Infinitivsatz wegfällt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

eine Regel, die diesen Fall beschreibt, gibt es nicht. Ich kann aber trotzdem versuchen, aufzuzeigen, worum es hier geht.

Das Modalverb sollen hat in Ihrem Beispielsatz eine spezielle Funktion. Der Satz enthält einen uneingeleiteten Nebensatz mit einer indirekten Aufforderung. In dieser indirekten Aufforderung hat sollen die Aufgabe, den Aspekt der Aufforderung auszudrücken (mehr dazu hier).

Vergleichen Sie die folgenden Sätze mit jeweils einer direkten und einer indirekten Aufforderung oder Bitte. Das Modalverb sollen steht nur in der indirekten Aufforderung/Bitte:

Das Kind bittet seine Eltern: „Kauft mir ein neues Fahrrad!“
Das Kind bittet seine Eltern, sie sollen ihm ein neues Fahrrad kaufen.

Die Polizei fordert die Leute auf: „Bleiben Sie hinter der Absperrung!“
Die Polizei fordert die Leute auf, sie sollen hinter der Absperrung bleiben..

Wenn die (indirekte) Aufforderung in einem Infinitivsatz ausgedrückt wird, geschieht dies wie in der direkten Aufforderung ohne das Modalverb sollen:

Das Kind bittet seine Eltern: „Kauft mir ein neues Fahrrad!“
Das Kind bittet seine Eltern, ihm ein neues Fahrrad zu kaufen.

Die Polizei fordert die Leute auf: „Bleiben Sie hinter der Absperrung!“
Die Polizei fordert die Leute auf, hinter der Absperrung zu bleiben.

Modalverben haben sonst nicht diese Funktion. Dann stehen sie auch in Infinitivsätzen (soweit es möglich ist, einen Infinitivsatz zu bilden):

Das Mädchen wünscht sich, dass es am Samstag auf die Party gehen darf.
Das Mädchen wünscht sich, am Samstag auf die Party gehen zu dürfen.

Sie befürchtet, sie müsse zu Hause bleiben.
Sie befürchtet, zu Hause bleiben zu müssen.

Die Eltern meinen, dass sie es ihr nicht erlauben können.
Die Eltern meinen, es ihr nicht erlauben zu können.

Sie behauptet, sie dürfe nie irgendwohin.
Sie behauptet, nie irgendwohin zu dürfen.

Es nützt ihr aber nichts, dass sie es so sehr will.
Es nützt ihr aber nichts, es so sehr zu wollen.

Modalverben werden im Allgemeinen also auch in Infinitivsätzen verwendet. Für das Beispiel in Ihrer Frage gilt dann: Anstatt zu sagen, dass sollen im Infinitivsatz wegfällt, kann man besser sagen, dass bei indirekten Aufforderungen sollen in den Nebensatz eingefügt wird, um dort den Aspekt der Aufforderung auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „eines deren Produkte“ falsch klingt

Frage

Es geht um diesen Satz:

Ich wollte eine Nachricht an die Hersteller schreiben mit einem Hinweis bezüglich eines deren Produkte.

Das „bezüglich eines deren Produkte“ klingt für mich irgendwie falsch, aber ich weiß auch nicht, wie es anders heißen könnte. Es geht mir speziell um das „deren“. […]

Antwort

Guten Tag Herr V.,

die Formulierung bezüglich eines deren Produkte ist tatsächlich problematisch. Die „Schuldige“ ist die Genitivregel. Das ist keine Grammatikregel, die uns von Grammatikbüchern vorgeschrieben und an Schulen beigebracht wird, sondern eine Erklärung dafür, warum gewisse Formulierungen nicht möglich oder nicht üblich sind.

Diese Genitivregel sagt unter anderem, dass eine Wortgruppe nur dann im Genitiv stehen kann, wenn sie mindestens ein Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthält. Das ist bei der Wortgruppe deren Produkte nicht der Fall.

Wie steht es dann mit eines und seiner Genitivendung es? – Das Pronomen eines gehört nicht direkt zur Wortgruppe deren Produkte. Es ist hier nämlich kein Artikelwort, sondern ein Pronomen, das durch ein Attribut näher bestimmt wird. Dieses Attribut kann nicht „deren Produkte“ sein, weil es eine Genitivattribut sein müsste, also eine Wortgruppe im Genitiv. Das ist aber wegen der oben genannten Genitivregel nicht möglich.

Dies ist eine recht komplizierte (aber noch nicht wirklich vollständige) Darstellung, die zeigt, weshalb die Formulierung bezüglich eines deren Produkte Ihnen zu Recht falsch vorkommt. Wortgruppen mit vorangestelltem deren und dessen, die kein anderes Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthalten, können/sollten nicht im Genitiv stehen:

nicht: nach dem Tod deren Nachfolgerin
nicht: mit Hilfe dessen Brüder

Nicht möglich/üblich ist entsprechend:

nicht: mit einem Hinweis bezüglich eines deren Produkte
nicht: mit einem Hinweis zu einem deren Produkte

Möglich wird die Formulierung zum Beispiel dann, wenn man deren durch ein Possessiv mit der Genitivendung er ersetzt:

mit einem Hinweis bezüglich eines ihrer Produkte
mit einem Hinweis zu einem ihrer Produkte

Oder man weicht auf eine Formulierung mit „von“ aus:

mit einem Hinweis bezüglich eines von deren Produkten
mit einem Hinweis zu einem von deren Produkten

Ich hoffe dass der Fragesteller findet, dass eine seiner Fragen oder eine von seinen Fragen (aber nicht *eine dessen Fragen) so zufriedenstellend beantwortet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Parallel oder nicht: Förderung talentierter Mitarbeitender oder Mitarbeitenden?

Frage

Welche Schreibeweise ist richtig: „die Förderung talentierter Mitarbeitender/Mitarbeitenden“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wenn mehrere talentierte Mitarbeitende gemeint sind – und davon gehe ich hier aus – ist die parallele Beugung richtig. Das Adjektiv und das substantivierte adjektivische Partizip haben dieselbe Endung:

die Förderung talentierter Mitarbeitender
die Förderung der talentierten Mitarbeitenden
Liebe talentierte Mitarbeitende

Diese parallele Beugung sorgt hier immer wieder für Unsicherheit, sie sollte aber in der Standardsprache eingehalten werden:

ein entfernter Verwandter aus Amerika
die Mail einer lieben Verwandten
Unzufriedene Studierende besetzen die Uni
der Anteil zufriedener Studierender sinkt
Liebe Auszubildende aller Fachrichtungen …
6 Millionen Ankünfte deutscher Reisender

Nur im Dativ Singular ist bei männlichen und weiblichen Formen die Wechselflexion üblicher:

Probleme mit entferntem Verwandten aus Amerika
bei Annas liebster Verwandten
Fluggesellschaft bezahlt deutschem Reisenden Rückflug
Firma schuldet ehemaliger Angestellten drei Monate Lohn

Bei sächlichen Formen hingegen kann auch parallel gebeugt werden:

mit interessantem Neuem / interessantem Neuen

Siehe auch die Angaben unter „Auf ein Adjektiv folgendes substantivisch verwendetes Adjektiv“ auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Gerne würde ich einfacheres Wissenswertes aufzeigen, aber wenn es um die Adjektivbeugung geht, ist das leider oft nicht möglich. Ich hoffe auf das Verständnis freundlich gesinnter Lesender.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus Angst oder vor Angst?

Frage

Erlauben Sie bitte die folgende Frage: Wo liegt in Bezug auf die Semantik der Unterschied zwischen „aus Angst“ und „vor Angst“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

man kann sagen, dass aus Angst den Grund für eine bewusste Handlung angibt. Man hat Angst und diese Angst ist die Ursache für eine bewusste Reaktion:

aus Angst schweigen
aus Angst handeln
aus Angst vor etwas flüchten

Mit vor Angst gibt man den Grund für eine unwillkürliche Reaktion an. Man hat Angst und diese Angst löst eine Reaktion aus, auf die man selbst keinen Einfluss hat:

vor Angst zittern
vor Angst weinen
vor Angst außer sich sein

Die Trennung wird aber nicht immer von allen genau so eingehalten. Sie ist auch nicht immer so eindeutig. So wäre es zum Beispiel bei einem verängstigten Hund schwierig zu entscheiden, ob er sich bewusst aus Angst oder unbewusst vor Angst hinter dem Sofa versteckt.

Auch der bildliche Sprachgebrauch, dessen wir uns häufig bedienen, steht einer genauen Trennung im Weg. Wenn wir aus Angst wegrennen, haben wir Angst und beschließen wir selbst, wegzurennen. Wenn wir vor Angst wegrennen, haben wir Angst und rennen unwillkürlich weg, ohne dass wir dies vorher bewusst entscheiden. Im ersten Fall entscheiden wir selbst, im zweiten Fall übernimmt bildlich die Angst die Entscheidung. Und wenn die Angst groß genug ist oder unerwartet schnell aufkommt, lässt sich wahrscheinlich kaum entscheiden, ob wir nun aus oder vor Angst wegrennen.

Mehr hierzu und dass es auch für zum Beispiel aus/vor Freude, aus/vor Zorn, aus/vor Leidenschaft, aus Überzeugung und vor Anstrengung gilt, finden Sie in diesem schon ziemlich alten Blogartikel.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Bopp

Die Prozentangabe und das Verb

Frage

Ich plage mich gerade mit einem Satz herum und weiß nicht, ob man hier das Verb in der Einzahl oder der Mehrzahl verwendet:

In dunklen Räumen wird/werden 50 Prozent mehr künstliches Licht benötigt.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

hier können Sie sowohl den Singular als auch den Plural verwenden:

In dunklen Räumen werden 50 Prozent mehr künstliches Licht benötigt.
In dunklen Räumen wird 50 Prozent mehr künstliches Licht benötigt.

Das Verb richtet sich nach dem Subjekt (50 Prozent mehr künstliches Licht). Weshalb ist dann beides möglich? Der Plural werden richtet sich formal nach der Mehrzahl der Prozentangabe 50 Prozent mehr. Der Singular wird richtet sich sinngemäß nach der Einzahl künstliches Licht. Beides ist bei Formulierungen dieser Art (Prozentangabe mit Substantiv im Nominativ) standardsprachlich möglich.

Ebenso zum Beispiel:

Pro Millimeter Kalkablagerung geht/gehen etwa 10 Prozent Energie verloren.
Acht Prozent mehr Lohn ist/sind nicht zu viel verlangt.
Im letzten Jahr wurde/wurden 20 % weniger Gas verbraucht.

In den Beispielen oben folgt der Prozentangabe ein Substantiv im Nominativ. Auch wenn ihr ein Genitiv im Singular folgt, kann das Verb sowohl im Singular als auch im Plural stehen.

Dabei gehen/geht etwas zehnProzent der Energie verloren.
80 % der Kohle werden/wird auf dem Schienenweg transportiert.

Der Singular gehört dann aber eher zur gesprochenen Sprache und wird von einigen sogar als falsch angesehen. Wer gut gemeinte Verbesserungen oder weniger gut gemeinte Rügen vermeiden will, wählt deshalb in der geschriebenen Sprache besser den Plural für das Verb. Mich persönlich stört der Singular hier allerdings nicht, das heißt, ich halte ihn auch für korrekt. Ich vermute aber, dass nicht 100 Prozent der Leserschaft einverstanden sein werden/wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr zum komplexen Thema der Kongruenz zwischen Subjekt und Verb, wenn das Subjekt eine Mengenangabe ist, finden Sie hier.

Warum „Sich zu schämen, gibt es keinen Grund“ nicht richtig ist

Frage

Ich habe eine Frage zur Topikalisierung [ungefähr: im Satz an die erste Stelle vor das Verb stellen].

Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.
Sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Der zweite Satz kommt mir falsch vor. Es ist ein betonter Objektsatz, ich wüsste deshalb  nicht, was daran grammatikalisch falsch sein sollte, in voranzustellen. Wenn man die Infinitivgruppe mit dafür ankündigt, ist er sicher richtig:

Dafür, sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Ist der Satz ohne das Verweiswort dafür grammatikalisch richtig?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

es geht hier um die Besetzung des Vorfeldes, das heißt darum, was in einem Satz vor der finiten Verbform steht. Dort können im Prinzip alle Arten von Satzgliedern stehen.

Dort können im Prinzip alle Arten von Satzgliedern stehen.
Im Prinzip können alle Arten von Satzgliedern dort stehen.
Alle Arten von Satzgliedern können im Prinzip dort stehen.

Nicht im Vorfeld stehen können u. a. Wörter oder Wortgruppen, die keine vollständigen Satzglieder sind.

Nicht: Alle Arten können von Satzgliedern im Prinzip dort stehen.
Nicht: Von Satzgliedern können alle Arten im Prinzip dort stehen.

Diese Sätze sind nicht möglich, weil alle Arten von Satzgliedern als Ganzes ein Satzglied ist und ein Satzglied nur als Ganzes verschoben werden kann.

Das ist auch in Ihrem ersten Beispielsatz der Fall. Die Infinitivgruppe sich zu schämen ist nicht ein Objekt, sondern ein Attribut zu einem Substantiv.

Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.
Wen oder was gibt es?
keinen Grund, sich zu schämen

Die Infinitivgruppe sich zu schämen bestimmt als Attribut das Substantiv Grund näher (mehr dazu hier). Es ist Teil des Akkusativobjekts keinen Grund, sich zu schämen. Das Akkusativobjekt kann nur als Ganzes ins Vorfeld verschoben werden (auch wenn das ohne Kontext zu einem eher seltsamen Satz führt):

Keinen Grund, sich zu schämen, gibt es.
nicht: Sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Bei einer Formulierung mit dafür hingegen ist die Erststellung im Satz möglich. Es liegt ihr aber eine andere Konstruktion zugrunde:

Es gibt keinen Grund dafür, sich zu schämen (keinen Grund für Scham)
Wofür gibt es keinen Grund?
dafür, sich zu schämen (für Scham)

Die Präpositionalgruppe dafür, sich zu schämen ist ein individuell erfragbares Satzglied. Entsprechend kann sie ins Vorfeld verschoben werden:

Dafür, sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Die Infinitivgruppe kann im zweiten Satz oben nicht an erster Stelle stehen, weil sie kein eigenständiges Satzglied, sondern „nur“ eine nähere Bestimmung innerhalb eines Satzgliedes ist. Der Satz Sich zu schämen, gibt es keinen Grund ist also nicht richtig, aber wenn er trotzdem einmal rausrutscht: Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welcher Fall stimmt: im Namen unserer Mitglieder, den Sportvereinen / der Sportvereine?

Frage

Mein Sprachempfinden suggeriert mir gerade, von der Kasuskongruenz abzuweichen. Was ist richtig:

Wir tun dies im Namen unserer Mitglieder, der 128 Sportvereine (kongruent).
Wir tun dies im Namen unserer Mitglieder, den 128 Sportvereinen (mein Sprachempfinden)

Antwort

Guten Tag Herr O.,

es handelt sich hier um eine Apposition, das heißt eine Substantivgruppe  (die 128 Sportvereine), die eine andere Substantivgruppe (hier: unsere Mitglieder) näher bestimmt. Wenn das Substantiv der Apposition wie in Ihrem Satz einen Artikel bei sich hat, steht die Apposition im gleichen Fall wie die Bezugsgruppe:

Unsere Mitglieder, die 128 Sportvereine, haben uns beauftragt.
Wir tun dies für unsere Mitglieder, die 128 Sportvereine.
Wir tun dies zusammen mit unseren Mitgliedern, den 128 Sportvereinen.
Wir tun dies im Namen unserer Mitglieder, der 128 Sportvereine.

Standardsprachlich gilt hier nur die Übereinstimmung im Kasus als korrekt. Es muss also heißen:

Wir tun dies im Namen unserer Mitglieder, der 128 Sportvereine.

Sie stehen aber mit Ihrem Sprachempfinden keineswegs allein. Immer häufiger wird bei Appositionen dieser Art der Dativ anstelle des eigentlich geforderten Falles verwendet:

Wir tun dies im Namen unserer Mitglieder, den 128 Sportvereinen. [?]

Vor allem bei längeren Sätzen fällt das oft gar nicht auf, aber es gilt standardsprachlich (noch?) nicht als korrekt. Hier noch ein paar Beispiele:

die Preiserhöhung für Erdöl, den wichtigsten Grundstoff in der Reifenproduktion
(besser nicht: die Preiserhöhung für Erdöl, dem wichtigsten Grundstoff in der Reifenproduktion)

Er reiste in Begleitung seines Freundes, eines sehr erfahrenen Rangers.
(besser nicht: Er reiste in Begleitung seines Freundes, einem sehr erfahrenen Ranger.)

Das lässt sich am besten am Beispiel Brasiliens, des größten Landes des Subkontinents, zeigen.
(besser nicht: Das lässt sich am besten am Beispiel Brasiliens, dem größten Land des Subkontinents, zeigen.)

Vielleicht finden Sie beim Lesen der Beispiele, dass die „falschen“ Formulierungen gar nicht so falsch klingen. Dennoch gilt – wie gesagt – die Verwendung des Dativs dort, wo er sich nicht auf einen Dativ bezieht, standardsprachlich nicht als korrekt. Das wird sich vielleicht einmal ändern, denn Fragen zu diesem Thema tauchen hartnäckig immer wieder auf. So gab es schon vor Jahren einmal einen Blogartikel mit dem Titel Die Apposition und der Dativ.

Mehr Informationen über das komplexe Thema der Fallkongruenz bei Appositionen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hilfsverb „werden“ am Satzende: „dass er ins Kino wird gehen müssen“ oder „dass er ins Kino gehen müssen wird“ oder …?

Frage

Wir haben ein sprachliches Problem. Was ist korrekt, was ist möglich?

Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.
Peter glaubt, dass er wird mit der Freundin ins Kino gehen müssen.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin wird ins Kino gehen müssen.

Konkret gefragt: Wo steht das konjugierte Verb „werden“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wenn mehrere Verbformen am Ende eines Nebensatzes stehen, kann die Wortstellung tatsächlich zur Herausforderung werden. Häufig geht es spontan gut, aber wenn man einmal anfängt darüber nachzudenken …

Nach den Angaben in den Grammatiken sind diese beiden Formulierungen richtig:

a) Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino gehen müssen wird.
b) Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.

a) Wenn das Hilfsverb werden in Kombination mit zwei oder mehr Infinitiven in einem Nebensatz steht, kann die konjugierte Verbform von werden nach der allgemeinen Regel ganz am Schluss stehen. Die allgemeine Regel sagt, dass die konjugierte Verbform in einem eingeleiteten Nebensatz am Schluss steht:

Das ist nicht etwas, woran man sich erinnern können wird.
Ich werde nicht überrascht sein, weil ich euch kommen hören werde.
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht gehen lassen wird.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino gehen müssen wird.

b) Nach einer Sonderregel kann das Hilfsverb werden auch vor den Infinitiven stehen, wie dies beim Hilfsverb haben der Fall ist (siehe hier).

Mit haben:

Das ist nicht etwas, woran man sich hätte erinnern können.
Ich bin nicht überrascht, weil ich euch habe kommen hören (auch: kommen hören habe).
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht hat gehen lassen (auch: gehen lassen hat).
Peter ist froh, dass er mit der Freundin ins Kino hat gehen dürfen.

Mit werden entsprechend auch:

Das ist nicht etwas, woran man sich wird erinnern können.
Ich werde nicht überrascht sein, weil ich euch werde kommen hören.
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht wird gehen lassen.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.

Andere Wortstellungen kommen ebenfalls mehr oder weniger häufig vor (siehe die Beispiele in Ihrer Frage). Sie gelten aber als regional und/oder umgangssprachlich.

Es ist nicht erstaunlich, dass es bei Sätzen dieser Art oft zu einer gewissen Verunsicherung kommt. Ich hoffe, dass diese Ausführungen dann hilfreich sein können werden oder hilfreich werden sein können – oder ganz einfach: hilfreich sind. Häufig kann man das Problem vermeiden, indem man einfacher formuliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer weiß/wusste, wozu er imstande ist/war?

Frage

Ich möchte in einem Text in der personalen Perspektive die Gedanken einer Figur aufschreibe und ausdrücken, dass sie sich fragt: „Wer weiß, wozu er imstande ist?“ Im Präsens ist das ja ganz einfach, aber im Präteritum? „ Wer weiß, wozu er imstande war“, geht das? Ich habe noch nie gelesen „Wer wusste, wozu er imstande war“.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Formulierung „Wer wusste, wozu er imstande war?“ ist korrektes und gebräuchliches Deutsch:

Sei fragt sich, wer weiß, wozu er imstande ist?
Sie fragte sich, wer wusste, wozu er imstande war?

Wer weiß, wozu sie fähig ist?
Wer wusste, wozu sie fähig war?

Wer wusste, wozu es gut sein konnte?

Wer wusste schon, wozu es gut war?

Bei Gegenwartsbezug, also wenn das Imstandesein auch im Sprechzeitpunkt noch gilt, ist auch das Präsens möglich:

Wer wusste, wozu er imstande ist.
(vgl. Wer wusste [damals], wozu er [auch heute noch] imstande ist.)

Auch die folgende Formulierung ist möglich. Damit wird aber gesagt, dass man sich heute fragt, wozu er früher imstande war:

Wer weiß, wozu er imstande war.
(vgl. Wer weiß [heute], wozu er [damals] imstande war.)

Wirklich feste Regeln zum Tempusgebrauch gibt es im Deutschen übrigens nicht. Deshalb kommen – auch im Standarddeutschen – weitere Formulierungsarten vor.

Sie zweifeln vielleicht, weil  Sie dieses wer weiß als rein formelhafte Verstärkung eines Zweifels verstehen und wusste deshalb für Sie nicht richtig passen will. Dann können Sie auch erwägen, schon einzufügen oder bei der direkten Rede zu bleiben:

Wer wusste schon, wozu er imstande war.
Sie fragte sich: „Wer weiß, wozu er imstande ist?“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp