Von und vom: von Mittwoch bis … / vom 9. März bis …

Frage

Erlauben Sie bitte die folgende Frage:

Satz 1: Von Montag bis Dienstag …
Satz 2: Vom 9. März bis zum 10 März …

Weshalb heißt es „von Montag“ und „vom 9. März“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

bei der Angabe von Wochentagen und Daten ist vieles möglich, was manchmal zu einiger Unsicherheit führen kann.

Die Wochentage können als Zeitangabe mit und ohne am bzw. mit und ohne Artikel stehen:

Der Mittwoch ist ein guter Tag.
Mittwoch ist ein guter Tag.

Am Montag fahren wir nach Linz.
Montag fahren wir nach Linz.

Was machst du am nächsten Dienstag?
Was machst du nächsten Dienstag?

Wir bleiben bis zum Donnerstag.
Wir bleiben bis Donnerstag.

Vom Freitag bis zum Sonntag habe ich frei.
Von Freitag bis Sonntag habe ich frei.

Ein Datum als Zeitangabe kann nur mit einem Artikel und ggf. einer Präposition stehen:

Der 9. März ist ein guter Tag.

Am 7. März fahren wir nach Linz.

Was machst du am 15. März?

Wir bleiben bis zum 10 März.

Vom 11. bis (zum) 13. März habe ich frei.

Das heißt, dass es für den ersten Beispielsatz zwei Möglichkeiten gibt:

Vom Montag bis zum Dienstag
Von Montag bis Dienstag

Für den zweiten Satz gibt es nur die Möglichkeit mit vom:

Vom 9. März bis zum 13. März

Die Antwort auf die Frage, warum genau das so ist, muss ich Ihnen schuldig bleiben. So wird im Deutschen üblicherweise formuliert.

Außerdem sollte man sich wieder einmal davor hüten, das Gesagte als eiserne Regel zu verstehen. Manchmal kann nämlich auch das Datum ohne Artikel stehen. Dies ist in Datumsangaben in Briefen u. Ä. oder nach bis in Angaben mit vom – bis möglich:

München, den 11. März (den elften März)
München, 11. März (elfter März)

vom 9. bis zum 13. März
vom 9. bis 13. März

Freitag oder der Freitag ist für mich wie für viele der letzte Arbeitstag der Woche. Das gilt auch am 11. März 2022.

Schönes Wochenende!

Dr. Bopp

Nominativ oder Kasusangleichung: ein Tipp von Thomas, engagierter/engagiertem Leiter des Verkehrsvereins?

Frage

Wie muss bei den folgenden Sätzen jeweils die Kongruenz lauten?

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, engagierter Leiter des örtlichen Verkehrsvereins.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, billiges Raumspray aus dem Supermarkt.
  • Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, eine Attraktion nicht nur für Kinder.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es geht hier um sogenannte lockere Appositionen. Das sind Substantive, die als nähere Bestimmungen eines anderen Substantivs diesem nachgestellt sind. Als Grundregel gilt, dass die Apposition und das Substantiv, das sie näher bestimmt, im Fall übereinstimmen (Kasuskongruenz). Ganz so einfach ist es natürlich wieder einmal nicht, denn die Übereinstimmung ist bei Weitem nicht immer die Regel. Man kann hier grob zwei verschiedene Fälle unterscheiden:

a) Appositionen mit Artikel stehen in der Regel im gleichen Fall wie das Wort, das sie näher bestimmen (Kasuskongruenz):

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, dem örtlichen Leiter des regionalen Fremdenverkehrsbüros.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, einem billigen Raumspray aus dem Supermarkt.
  • Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, einer Attraktion nicht nur für Kinder.*

b) Appositionen ohne Artikel stehen meistens im Nominativ. Wenn sie ein gebeugtes Adjektiv bei sich haben, stehen sie seltener auch im gleichen Fall wie das Wort, das sie näher bestimmen:

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, örtlicher Leiter des regionalen Fremdenverkehrsbüros.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, billiges Raumspray aus dem Supermarkt.
  • Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, Attraktion nicht nur für Kinder.

Seltener auch:

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, örtlichem Leiter des regionalen Verkehrsbüros.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, billigem Raumspray aus dem Supermarkt.

Mehr zu den lockeren Appositionen und der Übereinstimmung im Fall finden Sie  auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ich finde übrigens bei allen drei Sätzen die Variante a) stilistisch besser und allgemein etwas leichter verständlich. Das ist allerdings auch eine Geschmacksfrage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ebenfalls möglich:  „Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, eine Attraktion nicht nur für Kinder.“ Das Bezugswort ist dann aber nicht des Freizeitparks, sondern den Besuch (des Freizeitparks), das heißt, die Attraktion ist nicht der Freizeitpark, sondern der Besuch des Freizeitparks.

Ist „nichts weniger als einladend“ sehr oder gar nicht einladend?

Frage

Kann es sein, dass ein und derselbe Ausdruck zwei entgegengesetzte Bedeutungen hat? Ich meine nichts Geringeres als »nichts weniger als«. Angeblich kann diese Formulierung sowohl »nichts Geringeres als« als auch »alles andere als« zum Ausdruck bringen. Erstere Bedeutung war mir bekannt, letztere ist mir aber erst neulich begegnet, als ich in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert las, wie ein angebranntes Essen als »nichts weniger als einladend« empfunden wurde. Das hat mich verwirrt, denn das Essen war ganz bestimmt nicht einladend. […]

Antwort

Guten Tag Herr M.,

ein interessantes Phänomen! Es geht um eine Wendung, die auf zwei verschiedene Arten verstärkend sein kann. Sie kann eine verstärkende Verneinung sein und bedeutet dann alles andere als:

Mit dem Misserfolg bin ich nichts weniger als glücklich
= alles andere als glücklich

Sie kann aber auch als Ganzes eine Verstärkung sein und bedeutet dann nichts Geringeres als:

Mit dem tollen Erfolg bin ich nichts weniger als glücklich
= sehr glücklich

Dieselbe Formulierung kann zwei gegenteilige Bedeutungen haben. Das ist erstaunlich, und trotzdem fällt es mir im Alltag kaum je auf. Das liegt daran, dass Formulierungen dieser Art – anders als die Beispiele oben – kaum je nebeneinanderstehen und sich meist aus dem Kontext ergibt, was gemeint ist: Wenn das angebrannte Essen nichts weniger als einladend war, kann es eigentlich nur alles andere als einladend gewesen sein, denn angebranntes Essen schmeckt in der Regel niemandem. Wenn das, was ein Unternehmen braucht, nichts weniger als eine umfassende digitale Marketing-Plattform ist, kann eigentlich nur gemeint sein, dass es dringend eine umfassend digitale Marketing-Plattform braucht – vor allem wenn der Text von einer Firma stammt, die solches entwickelt und verkauft.

Beide Verwendungen sind gebräuchlich und beide sind im allgemeinen Sprachgebrauch als richtig anzusehen – auch wenn manche strengeren Zeitgenossen und Zeitgenossinnen mit der „Sprachlogik“ im Anschlag meinen, nichts weniger als mit der Bedeutung nichts Geringeres als sei falsch. Wenn sich allerdings nicht aus dem Kontext ergibt, was gemeint ist, kann man nichts weniger als besser nicht verwenden:

Der Film ist nichts weniger als langweilig
= alles andere als langweilig / sehr langweilig?

Ich habe heute Abend Filmabend und hoffe deshalb, dass die Bedeutung alles andere als zutreffen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mittel- und Schwarzes Meer: Wie eng lassen sich Mittelmeer und Schwarzes Meer zusammenziehen?

Frage

Unlängst bin ich im Zuge einer Diskussion um den Ergänzungsstrich auf ein Problem gestoßen, bei dem ich im „Lehrbuch“ keine Lösung finde. Es geht dabei um Formulierungen wie „die Maul- und Klauenseuche“. Nun ist die Frage aufgetaucht, ob man „das Mittelmeer und das Schwarze Meer“ der Vereinfachung halber mit „das Mittel- und Schwarze Meer“ abkürzen darf. Intuitiv sträuben sich bei mir die Nackenhaare bei solchen Eigennamen. Ich würde beides ausschreiben.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

oft ist nicht genau geregelt, was man abkürzen bzw. zusammenziehen darf und was nicht. Wie in diesem Fall ist es häufig eine Frage des Geschmacks und des Stils. Ich persönlich würde hier nicht abkürzen:

das Mittelmeer und das Schwarze Meer
das Schwarze Meer und das Mittelmeer

Für akzeptabel halte ich allerdings auch diese Verkürzung:

das Mittel- und das Schwarze Meer
das Schwarze und das Mittelmeer

Nicht empfehlen würde ich eine Verkürzung, in der der zweite Artikel weggelassen wird. Der Artikel wird in einer Aufzählung in der Regel dann weggelassen, wenn die aufgezählten Begriffe zu einer Einheit zusammengefasst werden. Da die beiden Meere normalerweise als zwei selbständige Einheiten angesehen werden, ist es besser, den Artikel nicht wegzulassen:

besser nicht: das Mittelmeer und Schwarze Meer
besser nicht: das Mittel- und Schwarze Meer

Im Allgemeinen werden aufgezählte Eigennamen mit identischen Namensteilen vor allem dann verkürzt, wenn die Zusammensetzung sehr durchsichtig ist und an erster Stelle ein allgemeiner Begriff wie Nord-, Hinter-, Ober- usw. steht:

in Nord- und Westdeutschland
der Vorder- und der Hinterrhein
Ober- und Niederösterreich

Unüblich ist die Zusammenziehung dann, wenn die Einzelteile nicht oder weniger durchsichtig sind und ein allgemeiner Begriff wie -burg, -dorf, -heim usw. an zweiter Stelle steht. Zusammenziehungen wie die folgenden sind nicht üblich:

*Mann- und Weinheim
*von Straß- nach Freiburg
*zwischen Frank- und Erfurt

Das sind, wie eingangs angedeutet, keine eindeutigen und festen Regeln, die immer eingehalten werden. Die Verbindung das Mittel- und das Schwarze Meer liegt irgendwo zwischen den beiden oben genannten „Extremen“ und ist entsprechend ein stilistischer Zweifelsfall: Einige finden die Zusammenziehung problemlos, anderen gefällt sie nicht.

Weiter sei noch gesagt, dass kaum etwas wirklich ausgeschlossen ist, wie ein letzte Beispiel zeigt. Obwohl man üblicherweise von den Schweizer Kantonen Aargau und Thurgau spricht, ist die Zusammenziehung nicht völlig unmöglich:

Doch mehr als seine Reiter hilft ihm zu selber Stell
Die Kraft von Aar- und Thurgau und flinkes Volk aus Appenzell1

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Abraham Emanuel Fröhlich, Ulrich Zwingli: 21 Gesänge, 1840, 3. Gesang

Ist „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ auch „Ihr Einverständnis voraussetzend“?

Frage

Es gibt die Ausdrücke „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ und „Ihr Einverständnis voraussetzend“. In meinen Augen bedeuten sie nicht dasselbe. Bei Ersterem muss ich noch auf das Einverständnis warten, bei Letzterem setze ich es einfach voraus.

Allerdings sind nicht alle derselben Meinung wie ich. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

im Prinzip haben Sie recht: Mit Ihr Einverständnis vorausgesetzt ist in der Regel gemeint, dass das Einverständnis noch gegeben werden muss. Ihr Einverständnis voraussetzend bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass man einverstanden ist. Es gibt also einen wesentlichen Unterschied:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt werde ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weiterleitet.
= Unter der Voraussetzung/Bedingung, dass Sie einverstanden sind …

Ihr Einverständnis voraussetzend habe ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weitergeleitet.
= In der Annahme / Davon ausgehend, dass Sie einverstanden sind …

ABER: Wie Sie selbst festgestellt haben, sind bei diesen sehr ähnlich aussehenden Formulierungen nicht alle derselben Meinung, wenn es darum geht, was sie genau bedeuten. Ich vermute, dass dies daran liegt, dass vorausgesetzt unterschiedlich verstanden werden kann:

Einerseits kann vorausgesetzt mit der Bedeutung verstanden werden, das es als Einleitung eines Bedingungssatzes hat (vorausgesetzt [dass] = unter der Bedingung, dass):

Vorausgesetzt, dass Sie Ihr Einverständnis geben …
= Falls Sie Ihr Einverständnis geben …

Andererseits kann vorausgesetzt wörtlich als das Partizip des Verbs voraussetzen verstanden werden (voraussetzen = als gegeben annehmen):

Ich habe Ihr Einverständnis vorausgesetzt …
= Ich bin davon ausgegangen, dass Sie einverstanden sind …

Obwohl „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ üblicherweise die erste Bedeutung hat, ist es nicht auszuschließen, dass manchmal auch die zweite gemeint ist.

Diese Zweideutigkeit könnte auch einen Einfluss auf die sehr ähnlich klingende Wendung „Ihr Einverständnis voraussetzend“ haben. Bei den Beispielen, die ich an verschiedenen Orten finden konnte ist nicht immer klar, ob das Einverständnis als gegeben angenommen oder noch erwartet wird.

Man kann hier allerlei Begründungen anführen, weshalb welche Wendung welche Bedeutung haben „muss“, aber in der Sprachrealität halten sich nicht alle daran. Ich würde deshalb empfehlen, in wichtigen Fällen auf eine Formulierung auszuweichen, die von allen gleich verstanden wird. Zum Beispiel:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt
→ falls Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihr Einverständnis voraussetzend
→ davon ausgehend, dass Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihre Zustimmung voraussetzend melde ich mich jetzt ins Wochenende ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

100 x 1 Filmtablette(n)

Frage

Was würden Sie sagen: 100 x 1 Filmtablette oder 100 x 1 Filmtabletten?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier ist die Einzahl zu empfehlen:

100 x 1 Filmtablette

Es geht zwar insgesamt um 100 Filmtabletten, aber in Worten ausgeschrieben bedeutet dies ja:

hundertmal eine Filmtablette

So kann man ausdrücken, dass man nicht zum Beispiel ein Glas mit hundert Tabletten, sondern hundert (separat verpackte) Einheiten von je einer Tablette meint.

Ob ich zehn Fragen oder zehnmal eine Frage beantworte, kann, aber muss nicht dasselbe sein. Grammatisch ist beides richtig formuliert. Nicht richtig hingegen wäre es, *zehnmal eine Fragen zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige „zu“

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wiederholung von Wörtern durch Weglassen zu vermeiden. Diese sprachliche „Sparmethode“ ist wichtig, hilfreich und effizient, aber sie hat ihre Grenzen. So sträubt sich zum Beispiel das zu einem Infinitiv gehörende zu erfolgreich dagegen, weggelassen zu werden:

Frage

In einem Buch habe ich diesen Satz gelesen: „Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und lösen.“ Ich verstehe nicht, warum kein „zu“ vor dem Verb „lösen“ steht […].

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn der Satz ist so nicht richtig formuliert. Ein zum Infinitiv gehörendes zu kann auch bei Aufzählungen nicht weggelassen werden, das heißt, es muss immer bei jedem Infinitiv wiederholt werden:

nicht: Ich freue mich darauf dich zu sehen und sprechen.
sondern: Ich freue mich darauf, dich zu sehen und zu sprechen.

nicht: Es begann zu stürmen, donnern und blitzen.
sondern: Es begann zu stürmen, zu donnern und zu blitzen.

nicht: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder verkaufen
sondern: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder zu verkaufen

Der Satz, den Sie zitieren, lautet also richtig:

Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und zu lösen.

So einfach kann es manchmal sein. Diese und weitere Einschränkungen beim Weglassen von gemeinsamen Wörtern in Zusammenziehungen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbform bei Subjekt mit verschiedenen Personen: du und er wirst/werdet/werden?

Frage

Wir haben hier wieder einmal große Diskussionen, wie es richtig heißt. Unsere Sätze lauten:

  1. Der Platzanweiser wird Ihnen zeigen, wo Sie und Ihr Neffe sitzen werden.
  2. Der Platzanweiser wird euch zeigen, wo ihr und euer Neffe sitzen werden/werdet[?]
  3. Der Platzanweiser wird dir zeigen, wo du und dein Neffe sitzen wirst/werdet/werden[?]

Der erste Satz scheint klar zu sein. In den Sätzen 2 und 3 wäre von der Logik her wohl „werdet“ angebracht, aber „werden“ klingt auch nicht falsch. „Wirst“ klingt falsch in Satz 3.

Antwort

Guten Tag Frau L.,

der erste Satz wird tatsächlich wie folgt formuliert:

  1. Der Platzanweiser wird Ihnen zeigen, wo Sie und Ihr Neffe sitzen werden.

Die dritte Person Sie und die dritte Person Ihr Neffe bilden zusammen ein Subjekt. Ein Subjekt mit zwei durch und verbundenen dritten Personen verlangt ein Verb in der dritten Person Plural, also werden.

Der zweite und der dritte Satz sind etwas schwieriger, weil sie ein mehrteiliges Subjekt haben, in dem unterschiedliche Personen miteinander verbunden sind. Das und verbindet nicht zwei gleiche Personen wie im ersten Satz, sondern eine zweite und eine dritte Person. In welcher Person steht dann das Verb? – Wenn von zwei Subjektteilen einer eine zweite und einer eine dritten Person ist, wählt man für das Verb die zweite Person Plural:

ihr und er = ihr
du und er = ihr

Es heißt also:

  1. Der Platzanweiser wird euch zeigen, wo ihr und euer Neffe sitzen werdet.
  2. Der Platzanweiser wird dir zeigen, wo du und dein Neffe sitzen werdet.

Weitere Informationen zu mehrteiligen Subjekten mit unterschiedlichen Personen stehen auf dieser Seite in der LEO-Grammatik, damit Sie und ich, wenn nötig, alles nachschlagen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplexe Modalverbkonstruktionen: „Es müsste operiert worden sein“

Frage

Um was für eine Konstruktion handelt es sich hierbei: „Es müsste gestern operiert worden sein“? „Es müsste“ scheint mir Konjunktiv II zu sein. Aber der Rest? Ich freue mich, wenn Sie Licht in die Sache bringen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es handelt sich hier um eine Modalverbkonstruktion. Bei einer Modalverbkonstruktion wird ein Modalverb (dürfen, können, müssen, mögen, sollen, wollen) mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Hier wird müsste mit operiert worden sein verbunden:

müsste = Konjunktiv II Präteritum 3. Person Singular von „müssen“ (vgl. hier)
operiert worden sein = Infinitiv Perfekt Passiv von „operieren“  (vgl. hier)

Nach seiner Bedeutung wird der Konjunktiv II Präteritum auch Konjunktiv II Gegenwart genannt. Hier drückt müssen im Konjunktiv II zusammen mit einem Partizip Perfekt eine Vermutung in der Gegenwart über etwas Vergangenes aus:

Es müsste operiert worden sein.
= Es ist anzunehmen/wahrscheinlich, dass operiert worden ist.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik zu dieser Verwendung von müssen.

Das ist nicht dasselbe wie:

Es hätte operiert werden müssen.

Damit wird gesagt, dass in der Vergangenheit nicht operiert wurde, obwohl hätte operiert werden müssen. Es ist also keine Vermutung, sondern eine Aussage über etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, obwohl es hätte geschehen müssen (vgl. diesen älteren Blogartikel).

Noch komplexer ist diese Formulierung:

Es hätte operiert worden sein müssen.

Wenn die Formulierung überhaupt noch entzifferbar ist, bedeutet sie, dass zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit nicht operiert worden war, obwohl dies hätte geschehen sein müssen (verstehen Sie’s noch?). Es ist jedenfalls auch keine Vermutung.

Und wie sieht es mit einer Vermutung in der Vergangenheit aus? Sie lässt sich u. a mit dem Indikativ Präteritum von müssen ausdrücken:

Es musste operiert worden sein.
= Es war wahrscheinlich, dass operiert worden war.

Der langen Abschweifung kurzer Sinn: Das Problem bei komplexeren Modalverbkonstruktionen ist weniger, wie man sie korrekt benennt, als vielmehr, was genau mit ihnen gesagt wird oder gesagt werden soll. Häufig ist dann eine Umschreibung mit anderen Worten anzuraten, damit nicht diese Kritik laut wird: „Es hätte leichter verständlich formuliert werden können“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Onkel Jack im Genitiv: ein Brief ihres Onkel[s] Jack[s]?

Frage

Ich habe eine grammatikalische Frage zu folgendem Satz:

An einem jener Tage bescherte ihr ein Brief ihres Onkel Jacks[?] eine große Überraschung.

Ich weiß, dass bei Namen im Genitiv oft kein ’s‘ verwendet wird
. […] Kann ich davon ausgehen, dass es sich in diesem Fall ebenso verhält, also „ihres Onkel Jack“?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

Sie zweifeln zu Recht an der Formulierung ihres Onkel Jacks. Die richtige Formulierung lautet hier nämlich ihres Onkels Jack:

An einem jener Tage bescherte ihr ein Brief ihres Onkels Jack eine große Überraschung.

Es geht hier nicht um einen mehrteiligen Eigennamen, sondern um die Verbindung einer Verwandtschaftsbezeichnung (Onkel) und eines Namens (Jack). Dann ist es bei der Beugung entscheidend, ob bei der Verbindung ein Artikelwort steht.

Bei der Verbindung eines Titel, einer Berufsbezeichnung, einer Verwandtschaftsbezeichnung u. Ä. mit einem Namen wird der Name gebeugt, wenn die Verbindung OHNE Artikelwort steht:

am Hofe König Edwards
Bundeskanzlerin Angela Merkels Nachfolger
Bürgermeister Anton Hubers Chauffeur
Tante Marthas Testament / das Testament von Tante Marta
Onkel Jacks Brief / ein Brief von Onkel Jack

Steht die Verbindung MIT einem Artikelwort, wird ggf. der Titel usw. gebeugt und der Name bleibt ungebeugt:

am Hofe des Königs Edward
die Nachfolge der Bundeskanzlerin Angela Merkel
der Chauffeur unseres Bürgermeisters Anton Huber
das Testament meiner Tante Martha
der/ein Brief ihres Onkels Jack

Der endungslose Genitiv des König Edward, unseres Bürgemeister Anton Huber bzw. ihres Onkel Jack gilt hier (noch?) nicht als korrekt. Siehe auch hier.

Soweit Linguist Bopps Antwort bzw. die Antwort des Linguisten Bopp.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Auch hier gibt es – wie könnte es anders sein – ein paar Ausnahmen:

Die Anrede Herr wird immer gebeugt, also auch dann, wenn kein Artikel verwendet wird:

Der Chauffeur fährt Herrn Huber nach Hause.
ein Brief von Herrn Huber
Herrn Hubers Chauffeur

Umgekehrt bleibt ausgerechnet der Titel Doktor auch mit Artikel ungebeugt:

Doktor Bopps Antwort
die Antwort des Doktor Bopp