Deretwegen, derentwegen oder wegen der?

Immer dieses „wegen“ und der Genitiv! Auch heute geht es wieder einmal um diesen Stolperstein:

Frage

Ich war mir heute bei einem Satz bei einem Wort unsicher und stelle mir die Frage, welche der drei Varianten nun die richtige ist:

1) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet.
2) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.
3) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.

Mein erster Gedanke war „deretwegen“, obwohl ich das Wort, wie ich meine, noch nie verwendet habe. Als ich dann ein bisschen recherchiert habe, bin ich noch auf „derentwegen“ gestoßen, aber im Duden steht als Bedeutung „wegen deren“, was in meinem Satz ja nicht passen würde. Woanders habe ich noch gelesen, dass „deretwegen“ und „derentwegen“ dasselbe bedeuten. Bedeutet das dann, dass beide Varianten in meinem Fall falsch sind?

Antwort

Guten Tag L.,

alle drei Varianten sind möglich, sie werden allerdings nicht gleich bewertet. Die älteste Form ist deretwegen. Heute wird vor allem das gleichbedeutende derentwegen verwendet:

eine Kleinigkeit, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
eine Kleinigkeit, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/veraltend]

Ebenfalls möglich ist hier wegen der. Es wird aber meistens als umgangssprachlich bezeichnet. Das der ist nämlich ein Dativ (Dativ Singular weiblich des Relativpronomens die), und der Dativ nach wegen ist vielen ein Gräuel:

eine Kleinigkeit, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]

Die Umschreibung im Duden ist schon richtig. Mit derentwegen ist wegen deren/derer gemeint. Als Einleitung eines Relativsatzes wird aber derentwegen vorgezogen:

eine Kleinigkeit, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Das Gesagte gilt auch für den Plural, bei dem hier im Genitiv die gleichen Formen verwendet werden wie für weibliche Bezugswörter:

Kleinigkeiten, derentwegen/(deretwegen) ihr euch keine Sorgen machen solltet
Kleinigkeiten, wegen denen ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
Kleinigkeiten, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Im Plural kommt manchmal auch wegen der vor (Kleinigkeiten, wegen der …). Diese Form sollte vermieden werden (auch wenn sie vielleicht gar nicht so falsch klingt). Es gibt für den Plural des Relativpronomens weder im Genitiv noch im Dativ eine Form der, sondern nur deren und derer bzw. denen.

Der Vollständigkeit halber folgen hier noch die Formen für männliche und sächliche Bezugswörter:

ein Problem, dessentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
ein Problem, wegen dem ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
ein Problem, wegen dessen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Eine Frage, derentwegen man manchmal ins Zweifeln geraten kann. Im Zweifelsfall nehmen Sie am besten derentwegen oder dessentwegen. Das klingt manchen ziemlich gehoben in den Ohren, aber wegen der und wegen dem beschränken Sie besser auf eher alltags- und umgangssprachliche Äußerungen. Und wenn keines von beiden gefällt, gibt es immer noch die Umformulierung. In diesem Fall wäre die einfachste Lösung eine Formulierung mit worüber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als ersten/erster Schritt wollte sie eine Kampagne unterstützen – Akkusativ oder Nominativ?

Frage

Ich war heute in eine Diskussion zu dieser Konstruktion verwickelt:

Als ersten/erster Schritt wolle sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen.

Muss hier der Akkusativ oder der Nominativ stehen?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

weil auch für mich spontan beides nicht wirklich falsch klingt, wurde ich zuerst einmal unsicher. Nach einiger Überlegung komme ich aber zum Schluss, dass der Akkusativ hier am besten passt.

Eine als-Gruppe steht im gleichen Fall wie das, worauf sie sich bezieht (es gibt viele Ausnahmen, aber dieser Fall gehört nicht dazu). Worauf bezieht sich die als-Gruppe hier?

Was (Akk.) wollte sie als ersten Schritt?
Als ersten Schritt wollte sie X

Die als-Gruppe bezieht sich auf die von wollen abhängige Wortgruppe, also einen Akkusativ (wen oder was wollte sie?). Hier ist dies die von wollen abhängige Infinitivgruppe, der man den Akkusativ natürlich nicht ansieht:

Als ersten Schritt wollte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen.

Der Nominativ würde in einer Konstruktion wie zum Beispiel dieser passen:

Als erster Schritt war geplant, mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen..
(Wer oder was war als erster Schritt geplant?)

Falls Sie wieder einmal zweifeln, hilft Ihnen dieser „Fragetest“ vielleicht weiter. Wenn der Test Sie nicht weiterbringt, könnten Sie die Frage auch einfach umgehen, indem Sie zum Beispiel in einem ersten Schritt statt als ersten/erster Schritt wählen. Das ist für mich dann der Fall, wenn der Satz ohne wollen formuliert wird:

Als ersten/erster Schritt unterstützte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche. [?]

Es ist mir nicht klar, worauf die als-Gruppe sich hier eigentlich bezieht. Auf das, was sie tat? In Ermangelung eines direkten Bezugs, würde ich eher den „neutralen“ Nominativ erwägen. Noch besser finde ich es allerdings, bei nicht vorhandenem oder undeutlichem Bezug die als-Gruppe fallen zu lassen:

In einem ersten Schritt unterstützte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche.

Mit als wird ein Bezug zu einem anderen Satzteil hergestellt. Wenn ein solcher Bezug nicht vorhanden oder unklar ist, nimmt man besser etwas anderes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Für Mensch und Tier“ – Wo sind Artikel und Endung geblieben?

Frage

Ich habe eine Frage zur Wendung „Mensch und …“. Mir sind die folgenden Sätze begegnet:

Die Folgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.
Die Lärmbelastung für Mensch und Tier ist erheblich.

Ich frage mich, ob die Wendung erstens richtig und zweitens umgangssprachlich ist. Kann ich dies auch in einer wissenschaftlichen Arbeit stehen lassen oder muss ich dann auf den (richtigen) Akkusativ „den/die Menschen“ ausweichen?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die beiden Formulierungen sind korrekt und auch standardsprachlich akzeptiert:

für Mensch und Natur
für Mensch und Tier

Sie können sie also in einer wissenschaftlichen Arbeit stehen lassen. Ihr Zweifel ist aber nicht unbegründet, denn wo sind Artikel und Endung geblieben?

Hier kommen zwei Phänomene zusammen:

1) Wenn zwei (oder mehr) Substantive mit und verbunden werden, können die Artikel weggelassen werden (siehe hier):

mit Nadel und Faden
für Land und Leute
Anfahrt mit Auto und Bahn
Das ist schädlich für Landwirtschaft, Fischfang, Handel und Tourismus.

2) Schwach gebeugte Substantive (en/en-Klasse) stehen im Singular sehr häufig ohne die Endung en, wenn sie ohne Artikelwort oder gebeugtes Adjektiv verwendet werden. Dies geschieht, weil sich der Singular sonst nicht vom Plural unterscheidet:

das Gespräch zwischen Arzt und Patient
David, seine Herde gegen Bär und Löwe verteidigend
von Mensch zu Mensch
Das Orchester spielt ohne Dirigent

Ein schwach gebeugtes Substantiv wie Mensch kann in solchen Aufzählungen also sowohl den Artikel als auch die Endung „verlieren“:

Die Folgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.
Die Lärmbelastung für Mensch und Tier ist erheblich.

Sobald allerdings ein Artikelwort oder ein gebeugtes Adjektiv hinzutritt, kann die Endung nicht weggelassen werden:

für den Menschen und die Natur
für jeden Menschen und jedes Tier

Mehr zur Endungslosigkeit schwach gebeugter Substantive finden Sie in diesem schon etwas älteren Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reflexivpronomen oder Personalpronomen: Fragte er die Frau vor sich oder vor ihm in der Reihe?

Frage

Beim Lektorieren eines Werkes stieß ich einerseits auf Sätze wie:

Er sah die Lampe über sich
Er hörte die Frau hinter sich.

und andererseits:

Er fragte die Frau vor ihm in der Schlange.

Oder könnte auch „Er sah die Glocke über ihm“, „Er hörte die Frau hinter ihm“ oder „Er fragte die Frau vor sich in der Schlange“ richtig sein? Seit Tagen zermartere ich mein Hirn, weil ich dieses Phänomen einfach nicht logisch für mich klären kann und weil ich einfach nicht weiß, was richtig ist. […]

Antwort

Guten Tag Frau W.,

im Prinzip verwendet man das Reflexivpronomen sich dann anstelle des Personalpronomens, wenn das Pronomen sich auf das Subjekt bezieht. Dazu gibt es einige Ausnahmen (siehe hier), aber der Fall, um den es hier geht, gehört nicht dazu. Dennoch sind Ihre Zweifel gut verständlich.

Sicher richtig ist:

Er sah die Lampe über sich.
Er hörte die Frau hinter sich.
Er fragte die Frau vor sich in der Schlange.

Bezugswort des Pronomens ist jeweils das Subjekt des Satzes (Er). Die Verwendung des Reflexivpronomens sich ist also gerechtfertigt.

Warum zweifeln Sie trotzdem? Es ist bei diesen Sätzen in mehr oder weniger starkem Maße möglich, die Präpositionalgruppe zu einem Nebensatz zu erweitern. Das Pronomen bezieht sich dann nicht mehr auf das Subjekt dieses Nebensatzes, sondern auf das Subjekt des nun übergeordneten Satzes. Dann steht das Personalpronomen:

Er sah die Lampe [die] über ihm [hing]
Er hörte die Frau [die] hinter ihm [stand]
Er fragte die Frau [die] vor ihm in der Schlange [stand]

Vgl.

Er sah die über ihm hängende Lampe.
Er hörte die hinter ihm stehende Frau.
Er frage die vor ihm in der Schlange stehende Frau.

Möglich sollten also auch diese verkürzten Varianten sein:

Er sah die Lampe über ihm.
Er hörte die Frau hinter ihm.
Er fragte die Frau vor ihm in der Schlange.

Ich zweifle allerdings, ob die Varianten mit ihm von allen akzeptiert werden, zumal ohne Kontext nicht klar ist, ob dieses ihm sich nicht auch auf ein anderes männliches Substantiv beziehen könnte. Obwohl ich die Formulierung mit dem Personalpronomen ihm (insbesondere beim dritten Beispielsatz) nicht für falsch halte, würde ich empfehlen, in Fällen wie diesen das Reflexivpronomen sich zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von und vom: von Mittwoch bis … / vom 9. März bis …

Frage

Erlauben Sie bitte die folgende Frage:

Satz 1: Von Montag bis Dienstag …
Satz 2: Vom 9. März bis zum 10 März …

Weshalb heißt es „von Montag“ und „vom 9. März“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

bei der Angabe von Wochentagen und Daten ist vieles möglich, was manchmal zu einiger Unsicherheit führen kann.

Die Wochentage können als Zeitangabe mit und ohne am bzw. mit und ohne Artikel stehen:

Der Mittwoch ist ein guter Tag.
Mittwoch ist ein guter Tag.

Am Montag fahren wir nach Linz.
Montag fahren wir nach Linz.

Was machst du am nächsten Dienstag?
Was machst du nächsten Dienstag?

Wir bleiben bis zum Donnerstag.
Wir bleiben bis Donnerstag.

Vom Freitag bis zum Sonntag habe ich frei.
Von Freitag bis Sonntag habe ich frei.

Ein Datum als Zeitangabe kann nur mit einem Artikel und ggf. einer Präposition stehen:

Der 9. März ist ein guter Tag.

Am 7. März fahren wir nach Linz.

Was machst du am 15. März?

Wir bleiben bis zum 10 März.

Vom 11. bis (zum) 13. März habe ich frei.

Das heißt, dass es für den ersten Beispielsatz zwei Möglichkeiten gibt:

Vom Montag bis zum Dienstag
Von Montag bis Dienstag

Für den zweiten Satz gibt es nur die Möglichkeit mit vom:

Vom 9. März bis zum 13. März

Die Antwort auf die Frage, warum genau das so ist, muss ich Ihnen schuldig bleiben. So wird im Deutschen üblicherweise formuliert.

Außerdem sollte man sich wieder einmal davor hüten, das Gesagte als eiserne Regel zu verstehen. Manchmal kann nämlich auch das Datum ohne Artikel stehen. Dies ist in Datumsangaben in Briefen u. Ä. oder nach bis in Angaben mit vom – bis möglich:

München, den 11. März (den elften März)
München, 11. März (elfter März)

vom 9. bis zum 13. März
vom 9. bis 13. März

Freitag oder der Freitag ist für mich wie für viele der letzte Arbeitstag der Woche. Das gilt auch am 11. März 2022.

Schönes Wochenende!

Dr. Bopp

Nominativ oder Kasusangleichung: ein Tipp von Thomas, engagierter/engagiertem Leiter des Verkehrsvereins?

Frage

Wie muss bei den folgenden Sätzen jeweils die Kongruenz lauten?

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, engagierter Leiter des örtlichen Verkehrsvereins.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, billiges Raumspray aus dem Supermarkt.
  • Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, eine Attraktion nicht nur für Kinder.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es geht hier um sogenannte lockere Appositionen. Das sind Substantive, die als nähere Bestimmungen eines anderen Substantivs diesem nachgestellt sind. Als Grundregel gilt, dass die Apposition und das Substantiv, das sie näher bestimmt, im Fall übereinstimmen (Kasuskongruenz). Ganz so einfach ist es natürlich wieder einmal nicht, denn die Übereinstimmung ist bei Weitem nicht immer die Regel. Man kann hier grob zwei verschiedene Fälle unterscheiden:

a) Appositionen mit Artikel stehen in der Regel im gleichen Fall wie das Wort, das sie näher bestimmen (Kasuskongruenz):

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, dem örtlichen Leiter des regionalen Fremdenverkehrsbüros.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, einem billigen Raumspray aus dem Supermarkt.
  • Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, einer Attraktion nicht nur für Kinder.*

b) Appositionen ohne Artikel stehen meistens im Nominativ. Wenn sie ein gebeugtes Adjektiv bei sich haben, stehen sie seltener auch im gleichen Fall wie das Wort, das sie näher bestimmen:

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, örtlicher Leiter des regionalen Fremdenverkehrsbüros.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, billiges Raumspray aus dem Supermarkt.
  • Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, Attraktion nicht nur für Kinder.

Seltener auch:

  • Wir folgen einem Tipp von Thomas, örtlichem Leiter des regionalen Verkehrsbüros.
  • Verwechseln Sie dieses exklusive Raumparfüm nicht mit „Tropical Lemon“, billigem Raumspray aus dem Supermarkt.

Mehr zu den lockeren Appositionen und der Übereinstimmung im Fall finden Sie  auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ich finde übrigens bei allen drei Sätzen die Variante a) stilistisch besser und allgemein etwas leichter verständlich. Das ist allerdings auch eine Geschmacksfrage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ebenfalls möglich:  „Wir freuen uns auf den Besuch des Freizeitparks, eine Attraktion nicht nur für Kinder.“ Das Bezugswort ist dann aber nicht des Freizeitparks, sondern den Besuch (des Freizeitparks), das heißt, die Attraktion ist nicht der Freizeitpark, sondern der Besuch des Freizeitparks.

Ist „nichts weniger als einladend“ sehr oder gar nicht einladend?

Frage

Kann es sein, dass ein und derselbe Ausdruck zwei entgegengesetzte Bedeutungen hat? Ich meine nichts Geringeres als »nichts weniger als«. Angeblich kann diese Formulierung sowohl »nichts Geringeres als« als auch »alles andere als« zum Ausdruck bringen. Erstere Bedeutung war mir bekannt, letztere ist mir aber erst neulich begegnet, als ich in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert las, wie ein angebranntes Essen als »nichts weniger als einladend« empfunden wurde. Das hat mich verwirrt, denn das Essen war ganz bestimmt nicht einladend. […]

Antwort

Guten Tag Herr M.,

ein interessantes Phänomen! Es geht um eine Wendung, die auf zwei verschiedene Arten verstärkend sein kann. Sie kann eine verstärkende Verneinung sein und bedeutet dann alles andere als:

Mit dem Misserfolg bin ich nichts weniger als glücklich
= alles andere als glücklich

Sie kann aber auch als Ganzes eine Verstärkung sein und bedeutet dann nichts Geringeres als:

Mit dem tollen Erfolg bin ich nichts weniger als glücklich
= sehr glücklich

Dieselbe Formulierung kann zwei gegenteilige Bedeutungen haben. Das ist erstaunlich, und trotzdem fällt es mir im Alltag kaum je auf. Das liegt daran, dass Formulierungen dieser Art – anders als die Beispiele oben – kaum je nebeneinanderstehen und sich meist aus dem Kontext ergibt, was gemeint ist: Wenn das angebrannte Essen nichts weniger als einladend war, kann es eigentlich nur alles andere als einladend gewesen sein, denn angebranntes Essen schmeckt in der Regel niemandem. Wenn das, was ein Unternehmen braucht, nichts weniger als eine umfassende digitale Marketing-Plattform ist, kann eigentlich nur gemeint sein, dass es dringend eine umfassend digitale Marketing-Plattform braucht – vor allem wenn der Text von einer Firma stammt, die solches entwickelt und verkauft.

Beide Verwendungen sind gebräuchlich und beide sind im allgemeinen Sprachgebrauch als richtig anzusehen – auch wenn manche strengeren Zeitgenossen und Zeitgenossinnen mit der „Sprachlogik“ im Anschlag meinen, nichts weniger als mit der Bedeutung nichts Geringeres als sei falsch. Wenn sich allerdings nicht aus dem Kontext ergibt, was gemeint ist, kann man nichts weniger als besser nicht verwenden:

Der Film ist nichts weniger als langweilig
= alles andere als langweilig / sehr langweilig?

Ich habe heute Abend Filmabend und hoffe deshalb, dass die Bedeutung alles andere als zutreffen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mittel- und Schwarzes Meer: Wie eng lassen sich Mittelmeer und Schwarzes Meer zusammenziehen?

Frage

Unlängst bin ich im Zuge einer Diskussion um den Ergänzungsstrich auf ein Problem gestoßen, bei dem ich im „Lehrbuch“ keine Lösung finde. Es geht dabei um Formulierungen wie „die Maul- und Klauenseuche“. Nun ist die Frage aufgetaucht, ob man „das Mittelmeer und das Schwarze Meer“ der Vereinfachung halber mit „das Mittel- und Schwarze Meer“ abkürzen darf. Intuitiv sträuben sich bei mir die Nackenhaare bei solchen Eigennamen. Ich würde beides ausschreiben.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

oft ist nicht genau geregelt, was man abkürzen bzw. zusammenziehen darf und was nicht. Wie in diesem Fall ist es häufig eine Frage des Geschmacks und des Stils. Ich persönlich würde hier nicht abkürzen:

das Mittelmeer und das Schwarze Meer
das Schwarze Meer und das Mittelmeer

Für akzeptabel halte ich allerdings auch diese Verkürzung:

das Mittel- und das Schwarze Meer
das Schwarze und das Mittelmeer

Nicht empfehlen würde ich eine Verkürzung, in der der zweite Artikel weggelassen wird. Der Artikel wird in einer Aufzählung in der Regel dann weggelassen, wenn die aufgezählten Begriffe zu einer Einheit zusammengefasst werden. Da die beiden Meere normalerweise als zwei selbständige Einheiten angesehen werden, ist es besser, den Artikel nicht wegzulassen:

besser nicht: das Mittelmeer und Schwarze Meer
besser nicht: das Mittel- und Schwarze Meer

Im Allgemeinen werden aufgezählte Eigennamen mit identischen Namensteilen vor allem dann verkürzt, wenn die Zusammensetzung sehr durchsichtig ist und an erster Stelle ein allgemeiner Begriff wie Nord-, Hinter-, Ober- usw. steht:

in Nord- und Westdeutschland
der Vorder- und der Hinterrhein
Ober- und Niederösterreich

Unüblich ist die Zusammenziehung dann, wenn die Einzelteile nicht oder weniger durchsichtig sind und ein allgemeiner Begriff wie -burg, -dorf, -heim usw. an zweiter Stelle steht. Zusammenziehungen wie die folgenden sind nicht üblich:

*Mann- und Weinheim
*von Straß- nach Freiburg
*zwischen Frank- und Erfurt

Das sind, wie eingangs angedeutet, keine eindeutigen und festen Regeln, die immer eingehalten werden. Die Verbindung das Mittel- und das Schwarze Meer liegt irgendwo zwischen den beiden oben genannten „Extremen“ und ist entsprechend ein stilistischer Zweifelsfall: Einige finden die Zusammenziehung problemlos, anderen gefällt sie nicht.

Weiter sei noch gesagt, dass kaum etwas wirklich ausgeschlossen ist, wie ein letzte Beispiel zeigt. Obwohl man üblicherweise von den Schweizer Kantonen Aargau und Thurgau spricht, ist die Zusammenziehung nicht völlig unmöglich:

Doch mehr als seine Reiter hilft ihm zu selber Stell
Die Kraft von Aar- und Thurgau und flinkes Volk aus Appenzell1

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Abraham Emanuel Fröhlich, Ulrich Zwingli: 21 Gesänge, 1840, 3. Gesang

Ist „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ auch „Ihr Einverständnis voraussetzend“?

Frage

Es gibt die Ausdrücke „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ und „Ihr Einverständnis voraussetzend“. In meinen Augen bedeuten sie nicht dasselbe. Bei Ersterem muss ich noch auf das Einverständnis warten, bei Letzterem setze ich es einfach voraus.

Allerdings sind nicht alle derselben Meinung wie ich. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

im Prinzip haben Sie recht: Mit Ihr Einverständnis vorausgesetzt ist in der Regel gemeint, dass das Einverständnis noch gegeben werden muss. Ihr Einverständnis voraussetzend bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass man einverstanden ist. Es gibt also einen wesentlichen Unterschied:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt werde ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weiterleitet.
= Unter der Voraussetzung/Bedingung, dass Sie einverstanden sind …

Ihr Einverständnis voraussetzend habe ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weitergeleitet.
= In der Annahme / Davon ausgehend, dass Sie einverstanden sind …

ABER: Wie Sie selbst festgestellt haben, sind bei diesen sehr ähnlich aussehenden Formulierungen nicht alle derselben Meinung, wenn es darum geht, was sie genau bedeuten. Ich vermute, dass dies daran liegt, dass vorausgesetzt unterschiedlich verstanden werden kann:

Einerseits kann vorausgesetzt mit der Bedeutung verstanden werden, das es als Einleitung eines Bedingungssatzes hat (vorausgesetzt [dass] = unter der Bedingung, dass):

Vorausgesetzt, dass Sie Ihr Einverständnis geben …
= Falls Sie Ihr Einverständnis geben …

Andererseits kann vorausgesetzt wörtlich als das Partizip des Verbs voraussetzen verstanden werden (voraussetzen = als gegeben annehmen):

Ich habe Ihr Einverständnis vorausgesetzt …
= Ich bin davon ausgegangen, dass Sie einverstanden sind …

Obwohl „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ üblicherweise die erste Bedeutung hat, ist es nicht auszuschließen, dass manchmal auch die zweite gemeint ist.

Diese Zweideutigkeit könnte auch einen Einfluss auf die sehr ähnlich klingende Wendung „Ihr Einverständnis voraussetzend“ haben. Bei den Beispielen, die ich an verschiedenen Orten finden konnte ist nicht immer klar, ob das Einverständnis als gegeben angenommen oder noch erwartet wird.

Man kann hier allerlei Begründungen anführen, weshalb welche Wendung welche Bedeutung haben „muss“, aber in der Sprachrealität halten sich nicht alle daran. Ich würde deshalb empfehlen, in wichtigen Fällen auf eine Formulierung auszuweichen, die von allen gleich verstanden wird. Zum Beispiel:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt
→ falls Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihr Einverständnis voraussetzend
→ davon ausgehend, dass Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihre Zustimmung voraussetzend melde ich mich jetzt ins Wochenende ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

100 x 1 Filmtablette(n)

Frage

Was würden Sie sagen: 100 x 1 Filmtablette oder 100 x 1 Filmtabletten?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier ist die Einzahl zu empfehlen:

100 x 1 Filmtablette

Es geht zwar insgesamt um 100 Filmtabletten, aber in Worten ausgeschrieben bedeutet dies ja:

hundertmal eine Filmtablette

So kann man ausdrücken, dass man nicht zum Beispiel ein Glas mit hundert Tabletten, sondern hundert (separat verpackte) Einheiten von je einer Tablette meint.

Ob ich zehn Fragen oder zehnmal eine Frage beantworte, kann, aber muss nicht dasselbe sein. Grammatisch ist beides richtig formuliert. Nicht richtig hingegen wäre es, *zehnmal eine Fragen zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp