Für Babys wie mich

Frage

Wir haben eine Frage zur aktuellen Milupa-Werbung. Dort heißt es wörtlich: „Für lebhafte Babys, wie mich, oder mich, ist Muttermilch …“. Dabei sieht man Babys, die die jeweiligen Satzteile oder Wortfolgen als Schilder vor sich halten. Ich bin der Meinung, ohne eine korrekte Begründung dafür nennen zu können, dass „wie mich“ im Zusammenhang mit der Darstellung hier falsch ist. Ich denke, dass die Babys „wie ich“ auf ihren Tafeln halten müssten […].

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Formulierung wie mich in der Werbung des Babynahrungsherstellers ist nicht falsch. Ein mit wie eingeleitetes Attribut (Attribut = nähere Bestimmung) steht im Prinzip im gleichen Fall wie die Wortgruppe, auf die es sich bezieht (vgl. hier):

ein Mensch wie du
ein Baby wie ich
Babys wie ich

für einen Menschen wie dich
für ein Baby wie mich
für Babys wie mich

mit einem Menschen wie dir
mit einem Baby wie mir
mit Babys wie mir

Wenn man nun die einzelnen Schilder zu einem Satz zuzsammenfügt, sieht man, dass die Werbung ganz korrekt formuliert:

Für lebhafte Babys wie mich ist Muttermilch …
Für lebhafte Babys wie mich – oder mich – ist Muttermilch …

Es wäre auch möglich, hier wie ich zu verwenden. Die wie-Gruppe wird dann als verkürzter Vergleichssatz interpretiert (vgl. hier):

Für lebhafte Babys wie ich ist Muttermilch …
= Für lebhafte Babys, wie ich eines bin, ist Muttermilch …

In der Standardsprache wird die Übereinstimmung im Fall (für Babys wie mich) im Allgemeinen vorgezogen. Auch wenn der Werbebranche oft – und manchmal zu Recht – vorgeworfen wird, sie „verhunze“ die Sprache, ist also gegen die Texte dieser süßen schildertragenden Babys zumindest grammatisch nichts einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Dativus Judicantis

Heute einmal keine Grammatikhürde und keine orthografische Finesse, sondern ein lateinischer Fachbegriff, den Sie auch gleich wieder vergessen können, ohne dass Ihre Deutschkenntnisse darunter leiden: der Dativus Judicantis (oder Dativus Iudicantis).

Frage

Steht der Dativus iudicantis wirklich nur in Verbindung mit Gradpartikeln? Beispiel: „Grammatik lernen ist mir angenehm.“ Oder ist MIR in diesem Fall gar kein D. iudicantis?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der Dativus Judicantis ist auf Deutsch der Dativ der beurteilenden Person. Er bezeichnet die Person, die ein Urteil abgibt:

Du fährst mir viel zu schnell. = Nach meinem Urteil fährst du viel zu schnell.

Als Dativus Judicantis wird im Allgemeinen nur ein Dativ bezeichnet, der im Zusammenhang mit Gradpartikeln wie zu und genug steht. Weshalb diese Sonderbehandlung? ­– Sätze mit einem Dativus Judicantis haben die besondere Eigenschaft, dass sie nicht mehr grammatisch sind, wenn die Gradpartikel weggelassen wird:

Du fährst mir zu schnell.
nicht: *Du fährst mir schnell.

Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm genug.
nicht: *Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm.

Die Musik war ihm zu laut.
nicht: *Die Musik war ihm laut.

Er war ihr nicht unternehmungslustig genug.
nicht: *Er war ihr nicht unternehmungslustig.

Nur solche „beurteilende Dative“ sind in der Regel gemeint. Es geht also nicht um jeden Dativ, der (im weitesten Sinne) eine berurteilende Person bezeichnet. Im Beispiel Grammatik lernen ist mir angenehm ist mir kein freier Dativ, sondern ein vom Adjektiv angenehm resp. vom verbalen Ausdruck angenehm sein abhängiges fakultatives Dativobjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So weit die Antwort an Herrn H. Wenn der Begriff Dativus Judicantis Ihnen (Dativobjekt) nichts sagt, weil er Ihnen (freier Dativ: Dativus Judicantis) zu fachchinesisch klingt, ist mir (Dativobjekt) das alles andere als unbegreiflich. Dieser Satz allein schon zeigt es! Ich hätte aber meinen Beruf verfehlt, wenn ich es nicht doch interessant fände.

Rund ein Dutzend und ein rundes Dutzend

 Frage

„… präsentierte die Geschäftsführung einem runden Dutzend Vertretern …“

Müsste es nicht heißen: „… rund einem Dutzend …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das hängt davon ab, was im Text, den Sie zitieren, genau gesagt werden soll. Beide Formulierungen sind möglich, es gibt aber einen kleinen Bedeutungsunterschied:

rund ein Dutzend = ungefähr/etwa ein Dutzend
ein rundes Dutzend = ein ganzes/volles Dutzend

Ebenso zum Beispiel:

Rund eine Woche ist vergangen = ungefähr eine Woche
Eine runde Woche ist vergangen = eine volle Woche

Sie hat damit rund eine Million verdient = etwa eine Million
Sie hat damit eine runde Million verdient = eine ganze Million

Es hängt also davon ab, ob ein ganzes Dutzend oder ungefähr ein Dutzend gemeint ist, welche der beiden Formulierungen in Ihrem Text stehen sollte.

In vielen Fällen ist das aber gar nicht so wichtig. Ob sie nun ungefähr eine Million oder eine ganze Million verdient hat, macht nicht viel aus; der Nachdruck liegt in einer solchen Aussage gewöhnlich auf eine Million. Ob ich nun eine runde Stunde oder rund eine Stunde über diesem Text gebrütet habe, ist nicht so interessant; eine Stunde ist so oder so (zu) lang.

Das erklärt auch, warum der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wendungen beim Formulieren nicht immer streng eingehalten wird und umgekehrt für das Verständnis häufig gar nicht relevant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn ich du wäre – wenn ich dich wäre

Frage

„Wenn ich du wäre …“
„Wenn ich dich wäre …“

Die Menschen hier in Süddeutschland verwenden letztere Variante mit Vorliebe. Würden Sie bitte, bitte die Freundlichkeit haben und ihnen erklären, weshalb jene nicht richtig ist? Ich wäre Ihnen wirklich unsäglich dankbar – man glaubt mir einfach nicht (das Problem ist eben, daß ich keine grammatikalische Regel „aufsagen“ kann).

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

im südlichen deutschen Sprachraum heißt es umgangssprachlich korrekt:

wenn ich dich wäre

Mit diesem etwas provokativen Anfang möchte ich Sie nur darauf hinweisen, dass es mehr als eine Variante der deutschen Sprache gibt. Worum es Ihnen geht, ist die als Standardsprache bezeichnete Variante – und dann haben Sie recht. Auf gut Standarddeutsch heißt es nur und ausschließlich:

wenn ich du wäre

Das du ist ein prädikativer Nominativ (siehe Prädikativ zum Subjekt). Es heißt ja auch:

wenn ich wer wäre? (nicht: *wenn ich wen wäre?)
wenn ich dein Bruder wäre. (nicht: *wenn ich deinen Bruder wäre)

Analog steht standardsprachlich auch bei den Personalpronomen der Nominativ und nicht der Akkusativ:

wenn ich du wäre
wenn du ich wärst
wenn ich er wäre

Dennoch ist hier in vielen Dialekten und Regionalsprachen der Akkusativ gebräuchlich:

wenn ich dich wäre
wenn du mich wärst
wenn ich ihn wäre

In der Umgangssprache dieser Regionen ist dies eine mindestens gleichwertige, wenn nicht sogar die „richtigere“ Variante. Ich würde deshalb empfehlen, die Leute dort nur dann zu korrigieren, wenn Sie als Lehrerin, Korrektorin, Lektorin oder in einer ähnlichen Funktion auftreten oder wenn Sie gefragt werden, was standardsprachlich als korrekt gilt. Wenn es standardsprachlich wirklich einwandfrei sein soll, heißt es ohnehin besser:

an deiner Stelle

Interessant finde ich weiter, dass die Regionalsprachen mit diesem „Fehler“ nicht allein dastehen. Auch im Englischen heißt es:

if you were me

Die Verwendung des Nominativs I ist ebenfalls möglich, aber if you were I scheint für die meisten Englischsprachigen eher gestelzt zu klingen. Auch in anderen germanischen Sprachen kann Ähnliches beobachtet werden. In zum Beispiel dem Niederländischen und dem Norwegischen steht das Personalpronomen bei dieser Formulierung auch im Akkusativ statt im Nominativ:

als ik jou was
als jij mij was

hvis jeg var deg.
hvis du var meg.

Warum es eine Tendenz gibt, hier den Akkusativ zu verwenden, weiß ich leider nicht. Ich konnte keine Erklärung finden. Es zeigt aber, dass die deutschsprachigen dich-Sagenden nicht die einzigen sind.

Und damit mir nun niemand vorwerfen kann, ich propagiere falsches Deutsch, sei noch einmal gesagt, dass im Standarddeutschen nur der Nominativ als korrekt gilt:

wenn ich du wäre

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nur weil es nicht ganz stimmt, heißt das nicht unbedingt, dass es falsch ist.

Frage

Wir haben hier eine Diskussion über einen Satz, von dem ich vermute, dass er grammatikalisch falsch ist. Der Satz lautet:

(1) Nur weil jemand dich nicht versteht, heißt das nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Ich denke, dass der erste Satz falsch ist und dass diese Alternative funktionieren würde:

(2) Dass jemand dich nicht versteht, heißt nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Können Sie mir bitte sagen ob der Satz (1) grammatikalisch richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

Sie haben recht: Satz (1) klingt bei genauerem Hinhören tatsächlich etwas sonderbar. Die alternative Formulierung, die Sie vorschlagen ist hingegen problemlos:

Dass jemand dich nicht versteht, heißt nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Der erste dass-Satz ist hier ein Subjektsatz, das heißt ein Nebensatz, der im Gesamtsatz die Rolle des Subjekts hat. Vgl.

Dass jemand dich nicht versteht, ist nicht erstaunlich.
Dass jemand dich nicht versteht, wird es immer geben.

Ein Begründungssatz mit weil kann diese Funktion nicht haben.

Nicht: *Nur weil jemand dich nicht versteht, ist nicht erstaunlich
Nicht: *Nur weil jemand dich nicht versteht, wird es immer geben.

Diesen Sätzen fehlt ein Subjekt. Dieses Subjekt wird oft mit es oder das eingefügt:

Nur weil jemand dich nicht versteht, heißt es/das nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Das ist eine häufig vorkommende Ausdrucksweise.

Nur weil ich es nicht sage, heißt es nicht, dass ich es nicht weiß.
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
Nur weil die Welt untergeht, heißt das noch lange nicht, dass es auch die Schweiz betrifft.

Sind Sätze dieser Art nun durch die Einführung eines unpersönlichen das/es-Subjekts „gerettet“? Wenn man die Ausdrucksweise genauer analysiert, ist sie auch mit das oder es nicht ganz richtig. Mit weil wird eine Begründung für das im Hauptsatz Gesagte eingeleitet. Das ist hier aber nicht der Fall. Mit nur weil wird nicht die Begründung dafür eingeleitet, weshalb es nicht heißt, dass … Mit nur weil wird vielmehr der Umstand angegeben, der nicht falsch interpretiert werden darf. Der Satz

Nur weil ich es nicht sage, heißt das nicht, dass ich es nicht weiß.

bedeutet:

Die Tatsache allein, dass ich es nicht sage, bedeutet nicht, dass ich es nicht weiß.

Die Verwendung von nur weil lässt sich durch eine andere Umschreibung erklären:

Nur weil ich es nicht sage, darfst du nicht denken, dass ich es nicht weiß.

Es handelt sich also um eine Zusammenziehung verschiedener Ausdrucksweisen, die zu einer Art festen Redewendung geworden ist:

nur weil …., heißt das/es [noch lange] nicht, dass …
nur weil …., bedeutet das/es [noch lange] nicht, dass …

So häufig diese Ausdrucksweise auch vorkommt und so prägnant sie oft auch klingt, sie sollte stilistisch gesehen mit Vorsicht verwendet werden, weil ihre Konstruktion grammatisch doch eher etwas zweifelhaft ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird oder werden mehr als eine Frage gestellt?

Frage

Wird das Verb im unten angegebenen Beispiel im Plural oder Singular benutzt?

„Mehr als eine Frage werden/wird gestellt?“

Antwort

Guten Tag A.,

im Prinzip ist es ganz einfach: Die gebeugte Verbform richtet sich nach dem Subjekt des Satzes. Ihre Frage zeigt aber, dass es doch nicht immer ganz so einfach ist.

Das Subjekt ist mehr als eine Frage. Die Person ist eindeutig: Es handelt sich um eine dritte Person. Beim Numerus wird es dann aber schwieriger: Ist mehr als eine Frage Einzahl oder Mehrzahl? Rein nach der Bedeutung ist es eine Mehrzahl. Schließlich ist eine Frage eine Einzahl, also muss mehr als eine Frage eine Mehrzahl sein. Trotzdem heißt es normalerweise:

Mehr als eine Frage wird gestellt.
Mehr als ein Gast hat sich beklagt.
In diesem Bericht wurde mehr als eine Datenquelle benutzt.

Es ist nicht üblich, hier das Verb im Plural zu verwenden. Das liegt daran, dass die Gegenwart der Einzahlform eine Frage so stark ist, dass sich das Verb nach dieser singularischen Form und nicht nach dem pluralischen Sinn richtet. Wenn wir nämlich eine Frage durch zwei Fragen ersetzen, muss das Verb auch im Plural stehen:

Mehr als zwei Fragen werden gestellt.
Mehr als zehn Gäste haben sich beklagt.
Im Bericht wurden mehr als hundert Datenquellen benutzt.

Das Verb richtet sich also bei Subjekten der Form mehr als nach der Substantivgruppe, die nach als steht. Dass Wendungen mit mehr als ein(e) eine pluralische Bedeutung haben, hat dabei keinen Einfluss auf die Verbform. Sie steht in der Einzahl. Das Substantiv ist also der Kern der Subjektgruppe – und mehr als ist „nur“ eine adverbialen Wendung, die das Zahlwort genauer bestimmt.

Ähnlich sind Formulierungen mit manche(r) und manch ein(e) im Singular:

Mancher Gast hat sich beklagt.
Manch eine Frage konnte nicht beantwortet werden.
Mancher Mensch lernt es nie.

Auch hier sind eindeutig mehrere Gäste, Fragen resp. Menschen gemeint. Trotzdem formulieren wir alles in der Einzahl. Das liegt daran, dass wir mit manch im Singular das Folgende ausdrücken (ich zitiere aus dem Duden, so schön kann ich selbst nicht formulieren):

einzelne Person od. Sache, die sich mit andern ihrer Art zu einer unbestimmten, aber ins Gewicht fallenden Anzahl summiert

Hier ist gewissermaßen der Nachdruck auf das Individuum / die individuelle Sache so stark, dass alles trotz pluralischer Gesamtbedeutung im Singular steht.

Ob es nun um mehr als ein oder manche(r) geht, in beiden Fällen richten wir uns bei der Formulierung des Satzes nach etwas anderem als der reinen Gesamtbedeutung. Und jetzt kommt, wie „Eingeweihte“ bereits vermuten, eine meiner Lieblingsschlussfolgerungen: Mit reiner Logik kommt man in der Sprache oft nicht weit. Manche Frage wurde mir aus diesem Grund gestellt und mehr als ein Blogeintrag schließt mit dieser Feststellung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wohin mit »schon« und »noch«?

Heute wieder einmal etwas, woran Muttersprachige nie denken und das Deutschlernenden und –lehrenden häufig Kopfzerbrechen bereitet: eine Frage zur Wortstellung.

Frage

Ich habe eine Frage zur Stellung von „noch“. Wieso kann in einigen Sätzen „noch“ sowohl vor als auch nach dem Objekt stehen, in manchen aber nicht? Beispiel:

Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
Aber nicht: Ich muss eine Fahrkarte noch kaufen.
Sondern: Ich muss noch eine Fahrkarte kaufen.

Ich muss die E-Mails noch beantworten.
Aber nicht: Ich muss E-Mails noch beantworten.
Sondern: Ich muss noch E-Mails beantworten.

Während es beim bestimmten Artikel wohl geht:

Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
Ich muss noch die Fahrkarte kaufen.

Ist das nur Sprachgewohnheit oder gibt es dafür eine Erklärung?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig sind die folgenden Formulierungen:

a) Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
b) Ich muss noch eine Fahrkarte kaufen.

a) Ich muss die E-Mails noch beantworten.
b) Ich muss noch E-Mails beantworten.

a) Ich habe meinen Kamillentee schon getrunken.
b) Ich habe schon einen Kamillentee getrunken.

Bei der Wortstellung im Deutschen gelten verschiedene, sich zum Teil widersprechende Tendenzen. Wichtig ist dabei oft der Mitteilungswert oder einfach gesagt, ob eine Wortgruppe ein „neues“ Satzglied ist, mit dem neue Information eingeführt wird. Solche neuen Satzglieder stehen im deutschen Satz tendenziell weit rechts hinter der „alten“ Information (vgl. alt vor neu). Zum Beispiel:

Wem schenkt die Großmutter das Fotoalbum?
1) Sie schenkt das Fotoalbum ihrem Enkel.

Was schenkt die Großmutter ihrem Enkel?
2) Sie schenkt ihrem Enkel ein Fotoalbum.

Im ersten Satz ist die neue Information ihrem Enkel. Im zweiten Satz ist die neue Information ein Fotoalbum. Deshalb steht in Satz 1) das „neue“ Dativobjekt hinter dem „alten“ Akkusativobjekt. In Satz 2) hingegen steht das „neue“ Akkusativobjekt hinter dem „alten“ Dativobjekt.

Diese Tendenz verläuft parallel zur Tendenz, dass bestimmte Objekte im Satz eher links stehen und unbestimmte Objekte eher rechts (vgl. bestimmt vor unbestimmt). Unbestimmte Objekte sind Objekte mit einem unbestimmen oder keinem Artikel. Sie stehen deshalb weiter rechts im Satz, weil sie (fast) immer „neu“ sind. Den unbestimmten Artikel resp. keinen Artikel verwenden wir in der Regel für etwas Neues, noch nicht vorher Erwähntes.

Ein Enkel hat Geburtstag.
Was schenkt sie dem Enkel?
Sie schenkt dem Enkel ein Fotoalbum.

Sie verschenkt ein Fotoalbum.
Wem schenkt sie das Fotoalbum?
Sie schenkt das Fotoalbum einem Enkel.

Neues steht also weiter hinten im Satz als Altes, und Unbestimmtes steht weiter hinten als Bestimmtes. Und nun kommen wir endlich wieder auf Ihre Beispiele zurück. Hier gelten nämlich die folgenden Tendenzen:

a) Freie Adverbialbestimmungen stehen tendenziell hinter Subjekt, Dativobjekt und/oder Akkusativobjekt.

Die Adverbien noch und schon sind freie Adverbialbestimmungen. Die Objekte die Fahrkarte, die E-Mails und meinen Kamillentee sind bestimmte Objekte. Nach der Tendenz a) stehen die Adverbien oben in den Sätzen a) hinter den Objekten:

Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
Ich muss die E-Mails noch beantworten.
Ich habe meinen Kamillentee schon getrunken.

Aber:

b) Freie Adverbialbestimmungen stehen vor unbestimmtem Dativobjekt und/oder unbestimmtem Akkusativobjekt.

Die Objekte eine Fahrkarte, E-Mails und einen Kamillentee sind unbestimmte Objekte. Nach der Tendenz b) stehen die Adverbien in den Sätzen b) vor den Objekten:

Ich muss noch eine Fahrkarte kaufen.
Ich muss noch E-Mails beantworten.
Ich habe schon einen Kamillentee getrunken.

Tendenz b) lässt sich nun dadurch erklären, dass unbestimmte Objekte „neue“ Information sind und deshalb, wie wir oben gesehen haben, lieber weiter rechts, d. h. weiter hinten im Satz stehen.

Weitere Beispiele:

Vermutlich haben wir die Prüfung heute.
Vermutlich haben wir heute eine Prüfung.

Sie hat den Nagel mit dem Hammer eingeschlagen.
Sie hat mit dem Hammer einen Nagel eingeschlagen.

Das ist aber noch nicht alles (und hiermit sind wie beim letzten Teil Ihrer Frage): Während die Tendenz b) für die unbestimmten Objekte sehr stark ist, kann von der Tendenz a) für die bestimmten Objekte auch abgewichen werden. Das ist häufig dann der Fall, wenn das bestimmte Objekt „neue“ Information ist.

Was musst du noch tun?
Ich muss noch die E-Mails beantworten.
Ich muss noch die Fahrkarte kaufen.

Hier gehören die bestimmten Objekte im Satz zur neuen Information und können entsprechend hinter der Adverbialbestimmung stehen.

Mehr zu dieser Frage (und natürlich zu den unvermeidlichen Ausnahmen) finden Sie hier. Und wenn Ihnen nun immer noch nicht alles ganz klar ist oder wenn Sie denken, dass Sie es nie lernen werden: Keine Sorge, es ist alles nur eine Sache der Übung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unbeständige Temporaladverbien: Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Frage

Diesmal geht es um die indirekte Rede. Temporaladverbien (gestern, heute usw.) werden ja geändert:

Er sagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagt, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.

Wäre es falsch, auch in der indirekten Rede „gestern“ zu schreiben? Mich hätte das absolut nicht gestört…

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

es gibt praktisch keine Regel, die uneingeschränkt gilt. So auch hier. Zeitangaben, die sich unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt beziehen, müssen in der indirekten Rede tatsächlich geändert werden – aber nur dann, wenn sie zum Sprechzeitpunkt nicht mehr aktuell sind:

Er sagte am 25. Januar: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagte am 25. Januar, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.“

Sie hat vor einigen Tagen gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat vor einigen Tagen gesagt, dass sie am Tag danach zahle.

Das liegt daran, dass es bei einem Zitat in direkter Rede zwei Sprechzeitpunkte gibt: den Zeitpunkt, an dem zitiert wird, und den Zeitpunkt, an dem das Zitierte gesagt wird. Wenn nun die direkte Rede in die indirekte Rede umgewandelt wird, verliert das Zitierte sozusagen seinen Sprechzeitpunkt. Es gibt nur noch den Sprechzeitpunkt des Zitierens.

Zeitangaben wie gestern, heute und morgen beziehen sich immer unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt. Wenn bei der Umsetzung von der direkten in die indirekte Rede ein Sprechzeitpunkt verschoben wird, geschieht es häufig, dass dieser Bezug nicht mehr stimmt. Das morgen am Tag X ist ein paar Tage später nicht mehr morgen, sondern der Tag nach X. Deshalb müssen oben das gestern und das morgen der direkten Rede in der indirekten Rede durch z. B. am Tag zuvor und am Tag darauf ersetzt werden.

Wenn nun aber gestern in der zitierten Aussage der gleiche Tag ist wie gestern zum Zeitpunkt des Zitierens, kann es auch in der indirekten Rede stehen bleiben. Der Sprechzeitpunkt der direkten Rede wird zwar durch den Sprechzeitpunkt des einleitenden Satzes ersetzt, der Tag und somit die zeitlichen Bezüge von heute, gestern und morgen bleiben aber dieselben:

Er hat heute Morgen gesagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er hat heute Morgen gesagt, er sei gestern nicht in Köln gewesen.

Sie hat heute gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat heute gesagt, dass sie morgen zahle.

Temporaladverbien wie heute, gestern, morgen beziehen sich also immer auf den Sprechzeitpunkt, das heißt auf den Zeitpunkt, an dem die Aussage gemacht wird. Manchmal sind der Sprechzeitpunkt der Zitateinleitung und der Zeitpunkt der Zitataussage wie oben fast identisch. Dann muss auch in der indirekten Rede nichts angepasst werden. In allen anderen Fällen ist eine Anpassung der Adverbien notwendig.

So kann es umgekehrt auch vorkommen, dass gestern, heute oder morgen in der indirekten Rede erscheinen, obwohl sie in der direkten Rede gar nie vorkamen. Ich kann zum Beispiel am 25. Juni (und nur an diesem Tag) sagen:

Er hat vor ein paar Tagen gesagt: „Ich werde am 26. Juni kommen.“
Er hat vor ein paar Tagen gesagt, dass er morgen kommen werde.

Ein anderes Beispiel:

Sie sagte gestern:  „Übermorgen werde ich zahlen.“
Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Das klingt alles ziemlich kompliziert. Es lässt sich jedenfalls nicht mit einer für alle Fälle geltenden einfachen Regel beschreiben. Solche Bezüge stellen wir zum Glück aber meistens automatisch her, ohne dass wir uns den Kopf über sich verschiebende Sprechzeitpunkte zerbrechen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Personalabteilung als Businesspartner(in)

Frage

Muss in „die Personalabteilung als Business-Partner“ das Wort „Business-Partner“ zwingend in „Business-Partnerin“ geändert werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

im Allgemeinen gilt, dass bei Bezug auf eine Institution mit weiblichem Genus sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet werden kann:

die Personalabteilung als Businesspartner
die Personalabteilung als Businesspartnerin

die Universität als Antragssteller
die Universität als Antragstellerin

Lieferant ist die Firma B.
Lieferantin ist die Firma B.

Siehe auch hier.

Es ist aber im Rahmen der Verwendung geschlechtergerechter Sprache zunehmend üblich, hier nur die weibliche Form zu benutzten. Theoretisch ist das zwar auch aus geschlechtergerechter Sicht nicht notwendig, da diese Bezeichnungen sich ja nicht auf Männer oder Frauen beziehen. Das Umgekehrte ist aber nicht üblich:

*der Staat als Businesspartnerin
*Lieferantin ist der Betrieb B.

Die Verwendung der männlichen Form bei Institutionen mit weiblichem Genus ist also eine Art generisches Maskulinum, und gerade das soll ja in der geschlechtergerechten Sprache vermieden werden. Wohl deshalb schreibt zum Beispiel der Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen der Schweizerischen Bundeskanzlei vor, dass hier im amtlichen Sprachgebrauch die weibliche Form zu verwenden sei (Abs. 7.48, S. 127).

Im Prinzip muss also in Ihrem Beispiel Businesspartner nicht in Businesspartnerin geändert werden. Es ist vielleicht anzuraten, aber nicht zwingend. Wenn Sie allerdings an einen Leitfaden wie zum Beispiel den gerade genannten gebunden sind, ist die Verwendung der weiblichen Form zwingend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das teure Hotel und der Gegenwartsbezug

Frage

Es geht darum, zwei Sätze zu verbinden: „Ihr wart in einem Hotel in New York“ und „Das Hotel ist/war teuer“.  Nun ist die Frage, ob es da zwei Möglichkeiten gibt oder die eine besser als die andere ist?

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Oder heißt es am Ende:

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Ich meine, dass beide Lösungen i. O. sind. Und was meinen Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Ihre Frage zielt eigentlich darauf, ob es eine obligatorische Zeitenfolge gibt. Zuerst die allgemein Antwort, die für Liebhaber und Liebhaberinnen strenger Regeln enttäuschend, aber für „Freiheitsliebende“ eher erfreuliche sein mag: Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt das Deutsche keine streng geregelte Folge der Zeiten. In längeren geschriebenen Texten herrscht zwar gewöhnlich das Präsens oder das Präteritum vor, aber es gibt keine obligatorische Zeitenabfolge in aufeinanderfolgenden Sätzen (Consecutio Temporum; wenn Satz a im Tempus x, dann Satz b „zwangsläufig“ im Tempus y). Nur bei Nebensätzen und den ihnen übergeordneten Sätzen gibt es gewisse Tendenzen, die hier angedeutet werden.

In Ihrem Beispielsatz haben wir es mit zwei möglichen Sehensweisen oder Aspekten zu tun, die bei der Wahl der Verbform zu einem unterschiedlichen Resultat führen. Damit meine ich eigentlich nur: Auch ich finde beide Formulierungen richtig.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Bei der Verwendung der Präsensformt ist wird davon ausgegangen, dass es das Hotel zum Sprechzeitpunkt noch gibt und dass es immer noch teuer ist. Es gibt einen deutlichen Gegenwartsbezug. Eine mögliche Gesprächssituation wäre, dass jemand ebenfalls an Hotels in New York interessiert ist.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Bei der Verwendung der Präteritumsform war wird nichts über den gegenwärtigen Zustand des Hotels gesagt. Es gibt keinen direkten Gegenwartsbezug. Das Hotel kann noch bestehen und immer noch teuer sein, es kann aber auch geschlossen oder ausgesprochen billig geworden sein. Die Formulierung bleibt innerhalb der Schilderung von etwas Vergangenem. Sie könnte zum Beispiel ein interessierter oder höflicher Kommentar zu einem Reisebericht sein.

Die Wahl der Zeitform hängt also vom weiteren Kontext ab. Wichtig ist hier nicht ein zeitliches Verhältnis zwischen zwei Teilsätzen (z.B. Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit), sondern die Frage, ob in einem Teilsatz ein Bezug zur Gegenwart besteht. Das ist auch in den folgenden, „selbstgestrickten“ Beispielsätzen der Fall:

Ohne direkten Gegenwartsbezug:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitete.
Er sang ein Lied, das mir gut gefiel.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnte.

Mit Bezug auf die Gegenwart:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitet.
Er sang ein Lied, das mir gut gefällt.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp