Aßlar, Esslingen, Pressburg

Die Rechtschreibreform liegt einige Jährchen zurück und die Wogen haben sich zumindest in der öffentlichen Diskussion seit einiger Zeit wieder geglättet. Auch an dieser Stelle werden kaum mehr Fragen dazu gestellt. Hier folgt doch noch ein Thema, das vielleicht noch für diejenigen neu sein könnte, die nicht in oder neben einem Ort wohnen, der mit ß geschrieben wird:

Frage

Heute geht es mir um eine Diskussion darüber, wie die deutsche Version von Bratislava zu schreiben ist. Da es sich um einen historischen Namen handelt, meine ich, dass es Preßburg heißen muss, also die Regeln der Rechtschreibreform in diesem Spezialfall nicht greifen. Allerdings sieht das die Redaktion der zweibändigen Ausgabe von „WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung“, 2007, anders. Auf Seite 1360 steht blau hervorgehoben „Pressburg“ […].

Ein weiteres Argument für Preßburg: Auch die Schreibweise von Altjeßnitz, Aßlar, Aßling, an der Riß, Eßbach, Faßberg, Saßnitz und etlicher anderer Orte müssten – wenn Preßburg neuerdings Pressburg hieße, wohl geändert werden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die aktuellen Ausgaben von Wahrig, Duden und Canoonet geben die Schreibung Pressburg an. Wie kommen sie dazu? Die Schreibung von Eigennamen ist nur bedingt an die Rechtschreibregelung gebunden. Eine wichtige Rolle spielt dabei, ob es sich um einen offiziellen Ortsnamen in einem deutschsprachigen Gebiet handelt oder nicht.

Bei offiziellen Ortsnamen (Städte, Dörfer, Länder, Landkreise, Bezirke usw.) in Regionen mit Deutsch als Amtssprache ist die Schreibung juristisch festgelegt. Diese amtlich festgelegte Schreibung kann nur durch einen Rechtsakt geändert werden, wenn sie zum Beispiel der Reformschreibung angepasst werden soll. Deshalb gelten an vielen Orten noch die hergebrachten Schreibungen: Aßlar, Aßling, Haßloch, Meßkirch. Bei Esslingen am Neckar und Sassnitz wurde der offizielle Name übrigens schon vor der Reform geändert: Eßlingen wurde 1964 offiziell zu EsslingenSaßnitz 1993 zu Sassnitz. Diese beiden Namen werden also seit der Reform sozusagen wieder „richtig“ geschrieben.

Bei anderen geografischen Namen (Weiler, Höfe, Berghütten, Flurnamen usw.) wird die Schreibung durch die Eigentümer oder durch verantwortliche Institutionen bestimmt. Es wird empfohlen, die Namen der reformierten Schreibung anzupassen, es gibt aber keine Verpflichtung dazu, denn auch die amtliche Regelung lässt bei geografischen Bezeichnungen Schreibungen zu, die nicht mit den allgemeinen Rechtschreibregeln übereinstimmen (Amtl. Regelung, Laut-Buchstaben-Zuordnung, Vorbemerkungen, Absatz 3.2.).

Es bleiben noch die deutschen Namen für Orte in Regionen, die nicht Deutsch als Amtssprache haben. Es wird empfohlen und es ist auch üblich, hier die neue Schreibung zu verwenden. Beispiele sind Elsass, Russland, Parnass (Griechenland), Pressburg, Schässburg (Rumänien) statt wie vor der Reform Elsaß, Rußland, Parnaß, Preßburg, Schäßburg.

Dies erklärt die unterschiedliche Handhabung der ss/ß-Schreibung bei zum Beispiel Aßlar und Pressburg.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Textrecycling am Dreikönigstag

Am heutigen Dreikönigstag mache ich mich wieder einmal des „Textrecylings“ schuldig: Falls Sie orthographische Zweifel haben, wie nach den Rechtschreibregeln Dreikönigstag, Dreikönigssingen und die morgenländischen Weisen Kaspar, Melchior und Balthasar als Heilige Drei Könige zu schreiben sind, finden Sie die Antwort in diesem älteren Blogeintrag.

Adorazione dei Magi, Andrea Mantegna, 1497-1500

Und wenn Sie aus einer Gegend kommen, in der man einen Dreikönigskuchen mit Porzellan- oder Plastikfigürchen backt, wünsche ich Ihnen, dass Sie das Figürchen in Ihrem Kuchenstück finden, sich nicht daran verschlucken und zum König oder zur Königin für einen Tag gekrönt werden!

Was soll denn das! Wo ist das Fragezeichen geblieben?

Während man die korrekte Verwendung des Kommas im Deutschen zweifellos zu den mittleren Katastrophen rechnen kann, gibt es zum Glück auch einfachere Satzzeichen: das Fragezeichen und das Ausrufezeichen. Ein Fragezeichen schließt eine Frage ab und ein Ausrufezeichen steht nach Ausrufen und Befehlen. Viel komplizierter ist es wirklich nicht. Unsere Rechtschreibung wäre aber nicht unsere Rechtschreibung, wenn es nicht doch ein paar Zweifelsfälle gäbe. Einen davon nennt Frau D. ganz zu Recht in der folgenden Frage :

Frage

Welches Satzzeichen setzt man nach folgendem Satz?

Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?/!

Das Fragezeichen oder das Ausrufezeichen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

bei Ausrufen, die wie eine Frage formuliert sind, aber nicht als Frage gemeint sind, steht ein Ausrufezeichen:

Was soll denn das!
Kannst du nicht endlich damit aufhören!
Wie lange soll das denn noch dauern!
Bist du von allen guten Geistern verlassen!

Hier wird keine Antwort auf die Frage im wörtlichen Sinne erwartet. Solche „Fragen“ dienen z. B. dazu, seinem Unmut Luft zu machen.

Es ist auch möglich, Fragezeichen und Ausrufezeichen zu verbinden. Wenn auf eine Frage eine Antwort erwartet wird, sie aber wie oben auch ein Ausruf ist, kann dem Fragezeichen noch ein Ausrufezeichen folgen:

Gehst du schon wieder weg?!
Warum ausgerechnet ich?!
Wer hat die denn eingeladen?!

Weiter kann man mit der Wahl zwischen dem Fragezeichen und dem Ausrufezeichen in gewissen Fällen angeben, ob etwas als höfliche Frage oder eher als strenge Aufforderung gemeint ist. Das Fragezeichen entspricht dabei einem freundlichen Ton, das Ausrufezeichen einem eher bestimmten Ton in der gesprochenen Sprache:

Könntest du bitte still sein?
Könntest du bitte still sein!

Würden Sie bitte zur Seite treten?
Würden Sie bitte zur Seite treten!

Die auf den ersten Blick widersprüchlichen Kombinationen von Satzart und Satzzeichen sind dadurch begründbar, dass wir Fragen, Ausrufe und Aufforderungen nicht immer in Frage-, Ausrufe- und Aufforderungssätze gießen (vgl. hier). Ob ein Fragesatz als Frage, als Aufforderung oder als Ausruf gemeint ist, merken gute Zuhörer und Zuhörerinnen am Ton. In der Schrift können die Satzzeichen den Lesern und Leserinnen helfen, die richtige Nuance zu erfassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sondern und die Kommas

Endlich einmal eine Kommafrage, die sich ganz einfach beantworten lässt! Oder doch nicht?

Frage

Mir begegnet beim Schreiben deutscher Texte und beim Übersetzen fremdsprachiger Texte immer wieder der Ausdruck „nicht nur … sondern auch“. In dem Fall, dass zwei Substantive verbunden werden, bin ich unsicher, ob vor das Wort „sondern“ ein Komma gesetzt werden muss. Ein Beispiel:

Fritz ist nicht nur ein leidenschaftlicher Wanderer(,) sondern auch ein passionierter Angler.

Antwort

Guten Tag F.,

es ist im Zusammenhang mir einer Kommafrage kaum zu glauben, aber für einmal ist es ganz einfach: Vor der Konjunktion sondern steht immer ein Komma.

Fritz ist kein Wanderer, sondern ein Angler.
Nicht nur Fritz, sondern auch Anton ist ein leidenschaftlicher Angler.
Fritz ist nicht nur ein leidenschaftlicher Wanderer, sondern auch ein passionierter Angler.
Das ist kein Süßwasser-, sondern ein Salzwasserfisch.
Fritz fährt in den Ferien nicht in den Schwarzwald, sondern (er) bleibt zu Hause.

Siehe auch sondern in Canoonet.

Und jetzt fühle ich mich wie ein Spielverderber. Wenn Nebensätze und Infinitivgruppen ins Spiel kommen, wird es nämlich doch komplizierter – nicht vor sondern, sondern dahinter.

Bei nicht … sondern ist es noch relativ übersichtlich:

Anton fährt nicht an den See, um zu angeln, sondern um zu wandern.
Anton fährt nicht zum Angeln an den See, sondern weil er wandern möchte.
Fritz fährt nicht in den Schwarzwald, weil er wandern will, sondern weil er angeln möchte.

Bei nicht nur … sondern auch hängt die Kommasetzung davon ab, ob nicht nur und sondern auch a) zum Hauptsatz oder b) zu den Nebensätzen gehören:

a) Anton fährt nicht nur an den See, um zu angeln, sondern auch, um zu wandern.
b) Anton fährt an den See, nicht nur um zu angeln, sondern auch um zu wandern.

a) Fritz fährt nicht nur in den Schwarzwald, weil er wandern will, sondern auch, weil er angeln möchte.
b) Fritz fährt in den Schwarzwald, nicht nur weil er wandern will, sondern auch weil er angeln möchte.

Die Regel, dass vor sondern immer ein Komma steht, bleibt aber erhalten. Insofern habe ich Ihnen also oben doch nicht zu viel „versprochen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tastaturorientiert

Frage

Heute habe ich eine neue Frage zur Getrennt- und Zusammenschreibung. Sicher können Sie hier weiterhelfen!

Sie schreibt Tastatur-orientiert
Sie schreibt tastaturorientiert
Sie schreibt Tastatur orientiert

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

die Formulierung vermag mich stilistisch nicht ganz zu überzeugen, aber das ist aus mehreren Gründen irrelevant: Erstens ist es Geschmackssache; zweitens gibt es fachsprachliche Formulierungen, die zwar nicht den Nobelpreis für Literatur verdienen, dafür aber  knapp und präzise und damit sehr praktisch sind; drittens haben nicht alle immer die Freiheit, den Text, den sie schreiben, nach eigenem Gutdünken zu formulieren (Stichwort: weniger flexible Vorgesetzte und Auftraggeber/-innen); und viertens haben Sie mich nicht um eine Stilkorrektur gebeten, sondern eine Frage zur Rechtschreibung gestellt. Es wird dann auch Zeit, dass ich mich an die Beantwortung dieser Rechtschreibfrage mache.

Am besten schreiben Sie zusammen:

Sie schreibt tastaturorientiert
der tastaturorientierte Zugang
eine maus- und tastaturorientierte Steuerung

Zusammensetzungen werden im Deutschen grundsätzlich zusammengeschrieben. Wenn ein Wort sehr lang, unübersichtlich oder missverständlich ist, kann man einen verdeutlichenden Bindestrich verwenden (Regel). Das ist hier nicht nötig. Ich finde, dass die Schreibung mit Bindestrich hier im Gegenteil sogar den Lesefluss stört. Wenn Sie aber anderer Meinung sind, können Sie auch wie folgt schreiben:

Sie schreibt Tastatur-orientiert
der Tastatur-orientierte Zugang
eine Maus- und Tastatur-orientierte Steuerung

Die Getrenntschreibung (Tastatur orientiert) ist nach den geltenden Rechtschreibregeln nicht richtig. Verbindungen von einem Substantiv und einem Adjektiv oder Partizip müssen zusammengeschrieben werden, wenn das erste Wort für eine Wortgruppe steht:

abbruchreif = reif für den Abbruch
computergesteuert = von einem Computer gesteuert
gewerbetreibend = ein Gewerbe treibend
tastaturorientiert = an der Tastatur / auf die Tastatur orientiert

Mehr zu dieser Frage finden Sie bei den Rechtschreibregeln und in einem noch gar nicht so alten anderen Blogeintrag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Le-gostein

Frage

Ich bin mir nicht sicher, wie die Silbentrennung von Legosteinen ist? Hat es nur zwei Silben?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort Legostein hat drei Silben, die Mehrzahl Legosteine hat vier Silben:

Le-go-stein
Le-go-stei-ne

Im Prinzip kann man Eigennamen und Markennamen gleich wie andere Wörter trennen, wenn dies sinnvoll und nach den allgemeinen Trennregeln möglich ist. Auch Le-go darf also getrennt werden. Weitere  Bespiele:

Goe-the-haus
Düs-sel-dorf
Mo-sel-wein
Deut-sche Bank
Volks-wa-gen-werk
Raiff-ei-sen-bank
Mac-in-tosh
Mi-cro-soft o. Mic-ro-soft

Dennoch ist es hier zu empfehlen, wenn möglich erst nach Lego zu trennen. Der Text ist dann besser lesbar. Also besser

Lego-stein
Lego-steine

als:

Le-gostein
Le-gosteine

Die letzten Trennungen sind nicht falsch, aber ich würde beim Lesen wahrscheinlich zuerst einmal zweifeln, ob hier Werbe- oder Marketingfachleute aus irgendeinem Grund den Steinen für das japanische Brettspiel Go den französischen Artikel le verpasst haben: Le‑gostein! Es ist ja in den letzten Jahren sehr beliebt, mit Groß- und Kleinbuchstaben, (fehlenden) Leerzeichen, Satzzeichen usw. zu „spielen“, wenn neue Namen und Logos entwickelt werden (iPhone, WordNet, LeShop, ver.di, adidas, canoonet …). Ich übertreibe hier allerdings etwas mit dem Zweifel, denn meist verdeutlicht der Kontext, was gemeint ist, sodass es gar nicht zu solchen Fehlinterpretationen kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vom Tour-de-France-Gewinner über die Berg-und-Tal-Bahn zum iPhone-5-Verkauf

Auch wenn normalerweise Ende Oktober niemand mehr vom Tour-de-France-Fieber geplagt wird, taucht die Königin der Radrennen diesen Herbst „dank“ Dopingskandalen doch in den Schlagzeilen auf. Ich kann den Radrennsport im Allgemeinen und Herrn Armstrong im Besonderen natürlich nicht mit guten Ratschlägen welcher Art auch immer unterstützen. Das ist nicht der Grund, weshalb ich die Tour erwähne. Es geht hier ganz banal um die Bindestriche, die auch im Zusammenhang mit der Tour de France immer wieder Anlass zu orthografischen Unsicherheiten geben.

Frage

Laut Wörterbuch schreibt man „die Tour de France“, „das Eau de Cologne“ – also ohne Bindestrich. Wie ist es aber mit Kompositen: „der Tour de France-Sieger“ oder „der Tour-de-France-Sieger“; „die Eau de Cologne-Flasche“ oder „die Eau-de-Cologne-Flasche“? Man findet beide Schreibungen im Web – aber das will nicht viel sagen.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Zusammensetzungen dieser Art werden mit Bindestrichen geschrieben:

der Tour-de-France-Sieger
die Eau-de-Cologne-Flasche
die Law-and-Order-Politik
das Spaghetti-bolognese-Rezept

Wenn eine Zusammensetzung eine Wortgruppe enthält, setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich:

Tour de France + Sieger → der Tour-de-France-Sieger
Eau de Cologne + Flasche → die Eau-de-Cologne-Flasche

Wie die Beispiele oben zeigen, kommt dieser Fall oft bei Zusammensetzungen mit fremdsprachlichen Ausdrücken vor. Die gleiche Regel gilt aber auch für Zusammensetzungen mit heimischen Wortgruppen:

Berg und Tal + Bahn → die Berg-und-Tal-Bahn
Mund zu Mund + Beatmung → die Mund-zu-Mund-Beatmung
Erste Hilfe + Kurs → der Erste-Hilfe-Kurs
Vitamin C + -haltig → Vitamin-C-haltig

Auch im Zusammenhang mit mehrteiligen Namen aller Art kommen diese Bindestriche vor:

Heinrich von Kleist + Bibliothek → die Heinrich-von-Kleist-Bibliothek
New Orleans + Jazz → der New-Orleans-Jazz
Alfa Romeo + Fahrerin → die Alfa-Romeo-Fahrerin
iPhone 5 + Verkauf → der iPhone-5-Verkauf

Die Regeln finden Sie hier (allgemein), hier (Fremdwörter) und hier (Eigennamen).

So viel zu den Bindestrichen, die – wenn überhaupt – nur gerade für die Rechtschreibung interessant sind. Als Lance Armstrong erfuhr, dass er die sieben Tour-de-France-Titel verlieren würde, waren die Bindestriche in der deutschen Rechtschreibung wohl die geringste seiner Sorgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum Gewerbetreibende immer Gewerbetreibende sind, Arbeitsuchende aber auch Arbeit Suchende sein können

Eine des Öftern auftauchende Frage im Zusammenhang mit der Zusammen- und Getrenntschreibung:

Frage

Könnten Sie mir bitte mitteilen, weshalb „arbeitsuchend“ auch getrennt „Arbeit suchend“ geschrieben werden kann, während „gewerbetreibend“ zusammengeschrieben werden muss? Oder geht auch die Schreibweise „Gewerbe treibend“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Verbindungen von einem Substantiv und einem Partizip müssen nach den Rechtschreibregeln zusammengeschrieben werden, wenn das erste Wort für eine Wortgruppe steht:

computergesteuert = von einem Computer gesteuert
abendfüllend = den Abend füllend
gewerbetreibend = ein Gewerbe treibend

Verbindungen mit einem Partizip können getrennt oder zusammengeschrieben werden, wenn ihnen als Ganzes eine Wortgruppe zugrunde liegen kann:

sogenannt = so genannt
erdölexpotierend = Erdöl exportierend
arbeitsuchend = Arbeit suchend

Der Unterschied liegt anders gesagt darin, dass man im ersten Fall etwas hinzufügen muss, um eine vollständige Infinitivgruppe zu erhalten, während dies im zweiten Fall nicht notwendig ist:

EIN Gewerbe treiben
Die Leute treiben EIN Gewerbe. (nicht: *Die Leute treiben Gewerbe.)
die gewerbetreibenden Leute

Arbeit suchen
Die Leute suchen Arbeit.
die Arbeit suchenden Leute / die arbeitsuchenden Leute.

Was hier zur Getrennt- und Zusammenschreibung gesagt wurde, gilt auch bei Substantivierungen:

die Gewerbetreibenden
die Arbeit Suchenden / die Arbeitsuchenden

Das ist jetzt etwas gar kurz und bündig. Für die entsprechenden Regeln und weitere Beispiele verweise ich Sie deshalb auf diese und diese Stelle in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Abkürzungspunkt bleibt stehen

Wenn es um die Satzzeichen geht, ist das Komma zweifellos das größte Sorgenkind. Manchmal gibt aber auch der Punkt zu Fragen Anlass.

Frage

Folgt bei der Abkürzung eines Namens, wenn dieser lediglich mit einem Buchstaben geschrieben wird, also zum Beispiel „Herr K.“ oder “Frau F.“, ein Beistrich oder wird der Punkt weggelassen, wenn ein Beistrich folgt? Beispiel: 
“Manuel wartet inzwischen immer noch auf Post aus H., weil er denkt, dass Linda ihm doch noch antworten wird.“ Mein automatisches Wordkorrekturprogramm weist mir das als Fehler aus.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Abkürzungspunkt bleibt immer stehen. Die anderen Satzzeichen setzt man gleich, wie wenn ein nicht abgekürztes Wort steht. Sie werden auch nach einem Abkürzungspunkt geschrieben. Beispiele:

Manuel wartet auf Post aus H., weil er denkt, dass Linda …
Liebe Frau F., ich möchte Ihnen eine Frage stellen.
Rentnerin gewinnt 14 Mio.!
Kennst du Herrn K.?
Das Folgende sah ich in H.: das Kunstmuseum, das Rathaus und die Kathedrale.
Ich sorge für alles (Essen, Trinken, Geschirr usw.).
Die Salontür wurde aufgerissen auf und herein stürzte Lady L. …

Ausnahme: Unmittelbar nach einem Abkürzungspunkt wird kein Schlusspunkt gesetzt (vgl. hier):

Manuel wohnt in H. Er wurde auch dort geboren.
Die erste Frage stellte Frau F. Die Antwort gab Frau K.
Ich sorge für Essen, Trinken, Geschirr usw. Du kümmerst dich um die Musik.

Das automatische Korrekturprogramm hat also nicht immer recht, auch nicht das der Firma M.!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Sich-sehr-Wundern und die sich sehr Wundernden

Warnung: Es folgt trockener Stoff. Er könnte diejenigen Interessieren, die sich wie Herr F. wundern, warum man „offiziell“ das Sich-sehr-Wundern und die sich sehr Wundernden schreibt.

Frage

[…] Immer noch unsicher bin ich in folgendem Fall:

Das Sich-Weiterbilden/Sichweiterbilden ist heute sehr wichtig.
Das Angebot richtet sich an Sich-Weiterbildende/Sichweiterbildende/sich Weiterbildende.

Irgendwie wird mir nicht klar, ob und wenn ja warum sich die Schreibung von substantivierten Infinitivgruppen von derjenigen substantivierter Partzipgruppen (erweitert oder nicht) unterschiedet:

das Sich-Verändern – das Sich-schnell-Verändern
ABER
das sich schnell Verändernde – das sich schnell Verändernde

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich wundert – oder stilistisch unschön, aber zur Frage passend: Sie sind nicht der einzige sich Wundernde. Bei einer als Substantiv verwendeten Infinitivgruppen gilt (Regel):

zwei Elemente → Zusammenschreibung
mehr als zwei Elemente → Schreibung mit Bindestrichen

Also:

sich verändern → das Sichverändern
sich schnell verändern → das Sich-schnell-Verändern

Deutlich anders sieht die Schreibung bei einer substantivierten Partizipgruppe aus:

sich verändernd → das sich Verändernde
sich schnell verändernd → das sich schnell Verändernde

Die einfache Antwort auf die Frage nach der unterschiedlichen Schreibung von substantivierten Infinitivgruppen und substantivierten Partizipgruppen lautet: Weil es so in der amtlichen Rechtschreibregelung steht. Das ist aber eine wenig befriedigende Auskunft.

Eine etwas ausführlichere Begründung könnte die folgende sein: Der Hauptunterschied liegt in der Veränderung der syntaktischen Rolle der Wortgruppe, die bei der Substantivierung auftreten kann. Das klingt recht kompliziert – und sehr einfach ist es tatsächlich nicht. Im Einzelnen gilt:

Bei der Substantivierung einer Infinitivgruppe wird eine verbale Gruppe zu einer nominalen Gruppe. Die ganze Wortgruppe erhält im Satz eine andere Funktion. Entsprechend wird die ganze Gruppe in der Rechtschreibung als Substantiv gekennzeichnet. Dies geschieht durch Großschreibung sowie Zusammenschreibung oder Schreibung mit Bindestrichen.

Verbgruppe wird Nomengruppe:
sich schnell verändern → das Sich-schnell-Verändern

Bei der Substantivierung einer Partizipgruppe wird im Prinzip einfach der Kern einer nominalen Gruppe verschoben. Der (gedachte) substantivische Kern fällt weg und das adjektivisch verwendete Partizip übernimmt die Rolle des Wortgruppenkerns. Die Gruppe hat im Satz immer noch die gleiche Funktion. Orthografisch wird nur der verschobene Kern gekennzeichnet, und zwar durch Großschreibung:

Nomengruppe bleibt Nomengruppe:
das sich schnell verändernde Etwas → das sich schnell Verändernde

Es folgen ein paar Beispiele:

sich weiterbilden müssen
→ die Verpflichtung des Sichweiterbildens
die Wünsche der sich weiterbildenden Menschen
→ die Wünsche der sich Weiterbildenden

Er möchte Rad fahren.
→ Sein Wunsch ist das Radfahren.
Die Rad fahrenden o. radfahrenden Leute leben gesund.
Die Rad Fahrenden o. Radfahrenden leben gesund.

den Text sehr klein drucken
das Sehr-klein-Drucken des Textes
das sehr klein gedruckte Etwas
das sehr klein Gedruckte

Man kann sich sehr über die Rechschreibung wundern.
→ Die Rechtschreibung gibt Anlass zum Sich-sehr-Wundern.
Sie sind nicht der einzige sich sehr wundernde Mensch.
→ Sie sind nicht der einzige sich sehr Wundernde.

Die hier beschriebenen Unterschiede bedingen nicht logisch zwingend, dass in dieser Weise unterschiedlich geschrieben werden muss. Es ist aber in der deutschen Rechtschreibung so üblich. Gerne würde ich es einfacher machen, ich weiß aber leider nicht wie. Nur dies: Oft lohnt es sich, substantivierte Infinitivgruppen und Partizipgruppen zu vermeiden. Man umgeht dann nicht nur diese Rechtschreibfrage, sondern formuliert in vielen Fällen auch stilistisch besser. Die letzten Beispielsätze zeigen es deutlich!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp