Wenn der Bus im anhaltenden Regen anhält

Vielleicht weil es gerade aufgehört hat zu regnen, kommt mir etwas Kurioses in den Sinn, das mir letzthin aufgefallen ist: Es ist nicht das Gleiche, ob ein Bus anhält oder der Regen anhält. Das eine Anhalten ist sogar ziemlich genau das Gegenteil des anderen! Wenn ein Bus anhält, dann stoppt er. Wenn der Regen anhält, dann stoppt er eben gerade nicht. Wer soll das noch verstehen? Das muss ja zu grauenvollsten Missverständnissen führen!

Das Schöne an der Sprache ist, dass es in der Regel nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Zum Ersten bietet der Satzzusammenhang in solchen Fällen meistens genügend Informationen, um ein mehrdeutiges Wort eindeutig zu verstehen. Natürlich gibt es Fälle wie Du solltest die Absperrung umfahren (darum herum oder voll drüber?), aber sie kommen nur selten vor und lassen sich einfach vermeiden.

Im Fall von anhalten kommt als Zweites hinzu, dass dieses Verb nur in Verbindung mit einer bestimmten Art von Wörtern stoppen bedeutet und nur mit einer bestimmten anderen Art von Wörtern fortdauern. Nur wenn Menschen und von Menschen gesteuerte oder bediente konkreten Sachen wie Fahrzeuge, Maschinen und Ähnliches anhalten, bedeutet das Verb stoppen. Bei Abstrakterem oder nicht unter unserer Kontrolle Stehendem wie zum Beispiel guter Laune, Applaus, Kritik, Kopfschmerzen, Nervosität, Trockenheit, Herzenskälte oder eben Regen bedeutet es fortdauern.

Diese beiden Gruppen verdienten natürliche eine genauere Umschreibung. Die Beispiele sollen nur zeigen, weshalb es hier praktisch nie zu Missverständnissen kommt. Ich habe in meiner Laufbahn als Sprachler“ und meiner noch längeren Laufbahn als Deutschsprechender dann auch erst vor kurzem bemerkt, dass dieses Verb zwei so unterschiedliche Bedeutungen hat. Eigentlich fällt es einem erst bei ungewöhnlichen (und im letzten Fall nicht korrekten) Konstruktionen wie den folgenden auf:

Der Bus hält im anhaltenden Regen an.
Der Automobilist hielt an, weil seine Kopfschmerzen anhielten.
Die Kritik an seinem Fahrstil hielt an, er aber nicht.

Und dann haben wir noch nicht davon geredet, dass man jemanden zur Arbeit anhalten und um jemandes Hand anhalten kann …

Der Monatsname April

Draußen sehe ich schönstes Frühlingswetter mit frühblühenden Bäumen im Sonnenschein, während meine Kollegen am anderen Ende des Landes Aussicht auf strömenden Regen haben; so richtig schön wie sich das für den April gehört. Und wie mir das öfter passiert, fragte ich mich plötzlich, wo denn der Monatsname herkommt. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich weiß es immer noch nicht genau.

Die deutschen, kaum oder nicht mehr verwendeten Namen wie zum Beipiel Ostermond oder Launing erklären sich fast von selbst: Ostern fällt anders als in diesem Jahr oft in den April und den launischen Charakter des Aprilwetters habe ich ja schon angetönt. Aber woher kommt der Name April?

Alle Quellen sind sich einig, dass April vom lateinischen Namen für diesen Monat, nämlich aprilis stammt. Dann aber wird es undeutlich. Der Fremdwörterduden meint dazu einfach „weitere Herkunft unbekannt“. Wikipedia weiß da schon mehr zu berichten: „Wird abgeleitet von lat. aperire „öffnen“, der Monat der Öffnung bzw. des Aufblühens.“

Damit sind aber nicht alle Quellen einverstanden. Eigentlich gar keine. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man die zu Recht vielgepriesene Wikipedia immer mit Vorsicht genießen sollte und dass man, wenn es wirklich wichtig ist, auch noch andere Quellen hinzuziehen sollte. So nennt ein französisches Wörterbuch die Erklärung, aprilis komme von aperire, „reine Phantasie“. Es gibt aber leider wie die meisten Wörterbücher keine weiteren Angaben zur Herkunft des Namens.

Ein italienisches Wörterbuch führt uns auf eine andere Spur: eine etruskische Gottheit. Jacob Grimm verweist in seiner Geschichte der deutschen Sprache, Kapitel „Monate“, auf einen hypothetischen etruskischen Gott Aper oder Aprus. Andere Forscher meinen – und jetzt wird es etwas komplizierter –, dass der Name April auf die etruskische Göttin Apru zurückzuführen sei. Diese wiederum verdanke ihren Namen der griechischen Göttin Aphrodite. Und Aphrodite entspricht der römischen Göttin Venus, der Göttin also, der der Monat April geweiht war. Der Kreis ist geschlossen! Aber ob es auch wirklich stimmt?

Ganz gleich ob der Monat seinen Namen nun einem hypothetischen etruskischen Gott, auf Umwegen oder direkt der Aphrodite oder vielleicht doch dem Verb aperire (öffnen) zu verdanken hat, er ist schon bald wieder vorbei. Möge er Ihnen noch ein paar schöne Sonnenstunden bringen!

Soll man sich auf oder über etwas freuen?

Es ist vielleicht keine besonders originelle Frage, aber sie wird oft von Deutschlernenden gestellt. Und als Muttersprachige haben wir dann spontan ein kleines Problem: Es gibt eindeutig einen Unterschied, aber wie erkäre ich ihn?

Frage

Wie heißt es richtig: Wir freuen uns über Ihre Nachricht oder Wir freuen uns auf Ihre Nachricht?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

ob man sich auf etwas oder über etwas freut, hängt davon ab, was gemeint ist. Der Unterschied zwischen sich freuen über und sich freuen auf lässt sich relativ einfach mit dem Zeitpunkt erklären, zu dem das Sichfreuen stattfindet. Das klingt relativ kompliziert, aber mit Hilfe einiger Beispiele sollte es einfacher werden:

Wenn man sich auf etwas freut, dann weiß man, dass es geschehen wird, aber es hat zum Zeitpunkt, an dem man sich freut, noch nicht stattgefunden. Man empfindet Vorfreude:

  • Ich freue mich auf deinen Besuch.
    Der Besuch ist angekündigt, muss aber noch stattfinden.
  • Ich freue mich auf die Geburtstagsgeschenke.
    Ich habe die Geschenke noch nicht erhalten.

Wenn man sich über etwas freut, dann hat es zum Zeitpunkt, an dem man sich freut, bereits stattgefunden oder findet dann gerade statt:

  • Ich freue mich über deinen Besuch.
    Der Besuch findet gerade statt.
  • Ich freue mich über die Geburtstagsgeschenke.
    Ich habe die Geschenke bereits erhalten.

Für Ihre Beispielsätze bedeutet dies:

  • Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.
    Wir habe die Nachricht noch nicht erhalten, nehmen aber an, dass wir sie erhalten werden. Wir empfinden Vorfreude.
  • Wir freuen uns über Ihre Nachricht.
    Wir haben die Nachricht bereits erhalten. Sie bereitet uns Freude.

Für die Liebhaber der gehobenen Sprache hält das Deutsche noch eine dritte Variante bereit: Neben sich über etwas freuen kann man auch sich einer Sache freuen sagen. Zum Beispiel:

Wir freuen uns des sonnigen Wetters.
Ich freue mich Ihres Besuches, meine liebe Komtess.
Freut euch des Lebens!
(ein Volkslied)

Auch wenn das Deutsche nicht des Genitivs verlustig gehen sollte, empfehle ich Deutschlernenden und eigentlich auch Muttersprachigen diese Form nur dann zu verwenden, wenn man höhere literarische Ambitionen hat, regelmäßigen Umgang mit Komtessen und Grafen der alten Schule pflegt oder das erwähnte Volkslied singt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert, ein Lektor …?

Frage

Wie lautet die Verbentsprechung zum Beruf Lektor? Ein Lektor …?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

hier gibt es leider keine schnittige „Einwortantwort“. Ursprünglich konnte man sagen: Ein Lektor liest. Das Wort geht auf das lateinische lector zurück, das Leser, Vorleser bedeutete. Das entsprechende Verb war legere (u.a. lesen), das es – soweit ich weiß – nicht als fremdes Verb ins Deutsche geschafft hat. Auf legere gehen aber direkt oder indirekt auch Wörter wie Legende, Lektion und Lektüre zurück. Obwohl es verdächtig ähnlich klingt, hat das Wort legieren im Sinne von binden (von z.B. Saucen), miteinander verschmelzen (vgl. Legierung) einen anderen Ursprung: Es geht über italienisch legare auf lateinisch ligare (binden, festbinden, verbinden) zurück.

Im modernen deutschen Sprachgebrauch hängt es vom Beruf oder der Funktion ab, was Lektoren und Lektorinnen genau tun. Es hat allerdings immer irgendetwas mit Lesen zu tun. An einer Universität geben sie Kurse oder leiten sie praktische Übungen. In einem Verlagshaus lesen, prüfen und bearbeiten sie Manuskripte. In Gottesdiensten lesen sie Texte vor. In evangelischen Kirchen können sie auch anstelle des Pfarrers Lesegottesdienste halten.

Es gibt also für Lektor nicht eine so schöne Entsprechung wie zum Beispiel bei ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert oder ein Revisor revidiert. Das kommt auch bei anderen alten Verbableitungen vor (zum Beispiel Aggressor, Autor, Professor). Und selbst wenn es das Verb, von dem ein Nomen ursprünglich abgeleitet worden ist, im modernen Deutschen noch gibt, ist die direkte Entsprechung manchmal nicht mehr gegeben: Heutzutage ist es üblich, dass eine Direktorin ihr Unternehmen führt und ein Rektor sein Bildungsinstitut leitet. Dirigiert und regiert wird meist an anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Berichtigung

In der Zwischenzeit hat eine aufmerksame Blogleserin mich unten in einem Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass es doch eine Einwortantwort gibt: lektoriert. Man sagt: Ein Lektor lektoriert (das Wort steht sogar in Canoonet!). Dies gilt jedenfalls, wenn der Lektor oder die Lektorin für einen Verlag tätig ist. Dieser Kommentar zeigt zwei Dinge, nämlich erstens dass man nicht nur in eine Richtung schauen soll und zweitens dass die Sprache so flexibel ist, dass es meistens keine Lücken gibt, wenn man etwas wirklich braucht.

Ich habe beim Verfassen dieses Beitrags den Fehler gemacht, in Analogie mit den anderen Beispielen auch bei Lektor nur nach hinten zu schauen, nämlich dorthin, wo das Wort herkommt. Ich hätte auch vorwärtsschauen müssen. Wörter haben nicht nur einen Ursprung, sondern sie können selber auch wieder Ursprung sein. Man kann nämlich mit -ieren von Fremdwörtern neue Verben bilden, also lektorieren von Lektor ableiten.

Das Verb lektorieren zeigt auch sehr schön, dass wenn es in der Sprache Lücken gibt, diese oft sehr effizient aufgefüllt werden. Wie ich oben so umständlich dargestellt habe, fehlt im heutigen Deutsch die moderne Variante des Verbs, von dem Lektor abgeleitet ist. Davon lassen sich die Menschen der Verlagsbranche aber nicht beeindrucken. Sie haben ganz korrekt ein neues Verb gebildet, damit sie ein Wort haben, mit dem sie ihre Tätigkeit benennen können. Das nennt man dann Sprachwandel und gehört für mich zu den faszinierendsten Aspekten der Sprache.

Ich bedanke mich herzlich bei Marion K. für ihren Hinweis und bitte Frau M. für meine gelinde gesagt unvollständigen Recherchen um Entschuldigung.

Le courriel: die französische Antwort auf die E-Mail

Es ist zwar schon einen Monat her, aber ich habe erst dieses Wochenende etwas darüber gelesen: Am 10. März dieses Jahres hat Christine Albanel, die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation, den Netzauftritt (Näheres über dieses Wort folgt) FranceTerme eingeweiht. Dort sind die von der Commission générale de terminologie et de néologie vorgeschlagenen und im Journal officiel veröffentlichten neuen Wörter und Ausdrücke zu finden. Es geht hier um eine Kommission, die neue Ausdrücke für neue Sachen und Konzepte vorschlägt, für die es noch keine französischen Wörter gibt oder gab. Das aus deutschsprachiger Sicht besonders Interessante hieran ist, dass die Vorschläge dieser Kommission nicht einfach Vorschläge sind. Nach einem Dekret vom 3. Juli 1996 gilt nämlich in Frankreich das Folgende: Wenn die genannte Kommission einen neuen Ausdruck im Journal officiel veröffentlicht hat, sind alle staatlichen Instanzen verpflichtet, ihn zu verwenden. So etwas Ähnliches gilt im deutschen Sprachbereich nur für die amtliche Rechtschreibung.

Auch für das Deutsche gibt es Instanzen, die sich um die Eindeutschung neuer Begriffe bemühen. Es geht hierbei wie in Frankreich vor allem um die Übersetzung englischer Ausdrücke. Es gibt aber zwei große Unterschiede: Während das erklärte Ziel der französischen Kommission „die Bereicherung der französischen Sprache“ ist, will zum Beispiel der Verein Deutsche Sprache „der Durchmischung der deutschen Sprache mit Anglizismen entgegenwirken“. Auch wenn das in der heutigen globalisierten Sprachlandschaft ungefähr auf das Gleiche herauskommt, finde ich „bereichern“ doch positiver klingen als „entgegenwirken“. Den zweiten und wichtigsten Unterschied habe ich bereits angetönt: Es gibt für das Deutsche keine staatliche Terminologiekommission, deren Vorschläge für neue Wörter einen verpflichtenden Charakter hätten.

Was schlagen denn die Commission und der Verein Deutsche Sprache (VDS) so vor? Hier einige Beispiele aus dem Bereich, in dem Sie sich gerade bewegen:

Das Web muss im amtlichen Frankreich toile genannt werden. Das bedeutet (Spinnen-)Netz und kommt mit dem Vorschlag des VDS überein: Netz. Eine Website ist ein site (ausgesprochen siet), aber das war einfach, denn das englische site und das französische site bedeuteten schon vor dem Internet-Zeitalter zum Teil das Gleiche. (Das englische Wort ist ohnehin ein altes Lehnwort aus dem Französischen – es ist sozusagen wieder zum Ursprung zurückgekehrt.) Die deutschen Vorschläge für site sind übrigens das eingangs verwendete Wort Netzauftritt sowie Netzstandort oder Netzplatz. Die home page wird zur page d’acueil page d’accueil (Empfangsseite), die etwas einladender, aber nicht unbedingt besser klingt als Startseite oder Hauptseite. Beim Weblog oder Blog trifft je nach Art des Inhaltes das französische bloc-notes (Notizblock) oder das deutsche Netztagebuch den Nagel besser auf den Kopf. Für den Webbrowser kommt man in beiden Sprachen zur gleichen Lösung: navigateur respektive Navigator. Besonders schwierig ist wohl das Chatten zu umschreiben, denn dialogue en ligne (Onlinegespräch) klingt zu förmlich und Netzplaudern nach etwas, was eher die Großeltern der heutigen Chatter getan hätten. Besonders gefällt mir die französische Bezeichnung für Spamming: arrosage. Wörtlich bedeutet es Begießen, Berieselung, Beregnen. So wird Spam ja über das Internet verteilt: einfach mit der größtmöglichen Gießkanne über alles gießen. Allerdings passt der deutsche Vorschlag besser zu dem, was ich wirklich von Spam finde: E-Müll. Dann gibt es im Französischen sogar noch eine Wortneuschöpfung: le courriel. Es ist eine Zusammenziehung von courrier électronique, die e-mail ersetzen soll. Dieses Wort könnte es in die französische Allgemeinsprache schaffen, was den deutschen Pendants E-Brief oder Netzbrief wohl nicht gelingen wird. Dafür klingen sie irgendwie zu handgestrickt.

Hat dieses französische Vorgehen Erfolg? Zum Teil scheint das der Fall zu sein, auch wenn noch andere Einflüsse eine wichtige Rolle spielen. Wörter wie ordinateur für Computer, ordinateur portable für Laptop (VDS: Klapprechner!) und logiciel für Software sind völlig eingebürgert. Es finden sich auf französischen Websites auch häufiger pages d’accueil als Homepages, aber ob der dialogue en ligne (Chatten) und der bloc-notes (Blog) dies auch schaffen werden, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sich auch im Französischen letztlich nur das durchsetzt, was die Sprachbenutzer praktisch und treffend finden.

Kon-trol-le und Kont-rol-le

Letzte Woche fragte Frau H., wie denn Kontrolle zu trennen sei. Die Antwort lautet: Kon-trol-le oder Kont-rol-le. Das Wort gehört zu den Fremdwörtern, die nach der Rechtschreibreform auf zwei verschiedenen Arten getrennt werden können, je nachdem ob man „gebildet“ fremdwörtlich oder „nüchtern“ deutsch trennen möchte. Dabei gibt es zwei Gruppen:

  • Zusammengesetzte Wörter und Wörter mit Vorsilben, die nicht mehr als solche erkannt werden (Regel). Zum Beispiel:
    fw. Syn-onym oder dt. Sy-no-nym
    fw. in-ter-es-sant oder dt. in-te-res-sant
    fw. kon-stant oder dt. kons-tant
  • Wörter mit einer Buchstabenfolge Konsonant + l, n oder r (Regel). Zum Beispiel:
    fw. Re-pu-blik oder dt. Re-pub-lik
    fw. ma-gne-tisch oder dt. mag-ne-tisch
    fw. Ma-tro-ne oder dt. Mat-ro-ne

Soweit war mir eigentlich alles klar. Dann aber wäre Dr. Bopp beinahe über seine eigene Bildung gestolpert. Ich wollte nämlich Frau H. auf die erste, das heißt die Rechtschreibregel mit der Vorsilbe hinweisen. Schließlich fängt ja Kontrolle mit Kon- an wie Konfirmand, Konzentration und konstant. Ich hatte die Antwort schon beinahe abgeschickt, als mir auffiel, dass es wirklich nicht klar ist, wo denn der zweite Wortteil -trolle herkommen soll, wenn man Kon- als Vorsilbe anschaut. Gibt es vielleicht eine Erklärung aus der germanischen Mythologie, in der Trolle in irgendeiner mehr oder weniger unergründlichen Weise mit dem Überprüfen zu tun haben? Gemäß Tolkiens „Herr der Ringe“ sollen Trolle zwar furchterregend, aber nicht besonders intelligent und zuverlässig sein. Für den Erklärungsweg von Trolle zu Kontrolle wären wohl ein paar Schritte zu viel nötig. Deshalb habe ich statt die germanische Mythologie und Tolkiens Werk einfach ein paar Wörterbücher mit etymologischen Angaben zu Rate gezogen.

Das Wort Kontrolle kommt vom Französischen contrôle, das eine Verkürzung von contre-rôle ist. Der Ausdruck contre-rôle lässt sich ungefähr mit Gegenregister übersetzen. Ein contre-rôle und später contrôle war ein Buch oder ein Register, das neben dem eigentlichen Register, rôle (= Rolle) genannt, geführt wurde. Die Kontrolle ist also ursprünglich eine im Französischen verkürzte „Gegenrolle“, die der Überprüfung der registrierten Angaben diente.

Es handelt sich beim Kon- in Kontrolle somit nicht um eine Vorsilbe (diese war ja ursprünglich contre). Ich habe Frau H. deshalb nicht auf die erste, sondern auf die zweite der beiden obengenannten Trennregeln hingewiesen (Trennung der Konsonatengruppe -tr-). Auch für „Sprachler“ gilt also: Vertrauen (in die eigene Kenntnis) ist gut, Kontrolle ist besser.

Ist die Sache die oder der Mühe wert?

Frage

Ist es der Mühe wert? Oder ist es vielleicht die Mühe wert? Ich weiß es nicht…

Wie Sie sehen, bin ich im Zweifel befangen, und um mich nicht zu verhaspeln, frage ich lieber gleich einen Gstudierten: Wenn es der Mühe wert ist, müsste es auch eines Versuches wert sein. Ebenso sollte Rom einer Reise wert sein. Viel gebräuchlicher hingegen scheint mir, dass Rom eine Reise und es einen Versuch wert ist. Ich vermute einmal, dass wohl beide Varianten vertretbar sind, allein welche ist die richtigere?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

auch der „Gstudierte“ wusste nicht gleich die Antwort auf diese Frage. Zum Glück gibt es aber „gscheite“ Bücher, die einem wieder auf die Sprünge helfen. Der Ausdruck wert sein kann mit dem Akkusativ und mit dem Genitiv stehen. Mit dem Akkusativ (etwas wert sein) bedeutet er einen bestimmten Wert haben oder den Aufwand, die Mühe lohnen:

Das ist viel Geld wert.
Das ist keinen Cent wert.

Rom ist eine Reise wert
Das ist einen Versuch wert.

Mit dem Genitiv (einer Sache wert sein) ist die Bedeutung würdig sein, verdienen:

Sie sind unseres Vertrauens wert.
Ihr Verhalten ist größter Bewunderung wert.
Das ist nicht der Rede wert. (= Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden.)

Unsere Unsicherheit ist wohl darauf zurückzuführen, dass man viele Wörter mit beiden Bedeutungen von wert sein verwenden kann und dass die Bedeutungen die Mühe lohnen und würdig sein manchmal gar nicht so weit auseinanderliegen:

Diese Sache ist die Mühe wert. = Es lohnt sich, sich für diese Sache Mühe zu geben.
Diese Sache ist der Mühe wert. = Diese Sache verdient es, dass man sich Mühe gibt.

Je nachdem, welche dieser beiden Bedeutungen Sie eher meinen, verwenden Sie also den Akkusativ (die Mühe wert sein) oder den Genitiv (der Mühe wert sein).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Semmel

Frage

Ich hätte eine Frage und zwar: Schreibt man 1 Paar Wienerle im Semmel oder 1 Paar Wienerle in der Semmel?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

im Standarddeutschen ist Semmel weiblich: die Semmel. Sehen Sie hierzu die Angaben auf Canoonet. Richtig ist somit: 1 Paar Wienerle in der Semmel. Falls Sie es noch etwas hochdeutscher formulieren wollen, lautet die Formulierung: 1 Paar Wiener Würstchen in der Semmel. Wienerle gilt nämlich als umgangssprachlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

—–

So weit die „offizielle“ Antwort. Mit der Semmel bewegen wir uns aber im Bereich des Essens und der Küche. Es gibt wohl keinen anderen Bereich – mit Ausnahme vielleicht der Namen für einheimische Blumen und andere Pflanzen – in dem Bezeichnungen so viele regionale Varianten kennen. Es ist deshalb nicht unmöglich, dass es Regionen gibt, in denen man mundartlich oder umgangssprachlich die Wiener Würstchen nicht in die, sondern in das Semmel klemmt. Irgendwie kann ich mir in den Semmel nicht vorstellen, denn das klingt nicht mehr so lecker. Bei uns zu Hause war es das Semmeli, aber das heißt nicht viel, denn alles auf -li ist dort eine sächliche Verkleinerungsform (wie im Hochdeutschen alles auf -lein und -chen). Eine nicht verkleinerte Form kenne ich im Zürichdeutschen nicht.

Das ist aber noch nicht alles. Die „Übersetzung“ des vor allem im süddeutschen Sprachraum verwendeten Wortes Semmel ins Allgemeindeutsche lautet Brötchen. Aber was für ein Brötchen? Um gleich wieder in die Schweiz zurückzukehren: Gemäß vielen Quellen soll die Semmel in der Schweiz Weggli heißen. Nein! In einem Land, in dem sich die über zwanzig Kantone erst vor einigen Jahren auf einen gemeinsamen Schuljahresbeginn einigen konnten, ist diese Aussage nur schon wegen des Teils „in der Schweiz“ nicht haltbar. Es gibt wohl beinahe so viele Bezeichnungen für die verschiedenen Arten von Brötchen, wie es Kantone gibt, in denen man Deutsch spricht. Was in Zürich ein Semmeli ist, ist im Apenzellerland ein Bürli. Das Wort Bürli verwenden die Zürcher auch (es ist dunkler und knuspriger als ein Semmeli), aber was der Zürcher einfach ein Bürli nennt, ist beim Appenzell ein St. Galler Bürli. In der Zentralschweiz, aber auch in anderen Gebieten, nennt man ein Semmeli ein Mutschli (das ist allerdings auch noch ein Käse, sonst wäre es ja viel zu einfach …). Weggli bezeichnet übrigens nur eine Brötchenart, die man andernorts Milchbrötchen nennt.

Dieser Exkurs sollte nur dazu dienen, anzuzeigen, dass das Wort Semmel an verschiedenen Orten verschieden verwendet wird und unterschiedliche Arten von Brötchen bezeichnen kann. Machen Sie einmal einen Test. Sie kennen wahrscheinlich verschiedene Arten von Brötchen mit unterschiedlichen Namen. Fragen Sie nun ein paar andere Leute, wie sie diese Brötchen nennen. Tun Sie dies vielleicht nicht gerade bei Ihren Geschwistern oder der alten Schulfreundin, die Sie schon seit vor dem Kindergarten kennen, sondern am besten bei Menschen, die in einem anderen Dorf aufgewachsen sind. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie sich dann über die Antwort wundern.

So haben sich auch einmal ein paar niederländische Freunde in einem Kölner Restaurant darüber gewundert, dass der „studierte“ Deutschsprachige ihnen die Antwort schuldig bleiben musste, als sie wissen wollten, was die auf der Menükarte stehenden Röggelchen denn seien. Davon hatte ich noch nie gehört. Wissen Sie es? Da es in diesem Beitrag um Brötchen geht, ist die Lösung des Rätsels nicht gar so schwierig: ein Röggelchen ist ein Roggenbrötchen („aus zwei zusammengebackenen Hälften bestehend“ präzisiert mein Wörterbuch).

Schaltjahr und Schalttag

Zum heutigen 29. Februar (endlich kann unser Nachbarsjunge wieder einmal seinen „echten“ Geburtstag feiern – ich grautliere!) erlaube ich mir einen kleinen mehrsprachigen Exkurs, denn die deutschen Wörter Schaltjahr und Schalttag geben nicht viel Interessantes her. Es geht schließlich einfach um einen speziellen Tag, der in speziellen Jahren eingeschaltet wird.

Wenn wir sprachfamiliär in der Nähe bleiben, dann haben wir zum Beispiel im Niederländischen den schrikkeldag und das schrikkeljaar und im Schwedischen den skottdagen und das skottår. Während die niederländische Variante noch wenig spektakulär ist (Mittelniederländisch schrikken = springen), wird es beim Schwedischen und den anderen skandinavischen Sprache schon etwas poetischer: Wenn man wörtlich übersetzt, kommt man nämlich auf Schusstag und Schussjahr (oder Sprosstag und Sprossjahr? – mein Skandinavisch lässt leider viel zu wünschen übrig).

Wie die Niederländer und die Flamen springen auch die Englischprachigen: leap day und leap year (leap = springen, Sprung). Aber wie so oft kann sich der englische Wortschatz natürlich nicht einfach auf einen Ausdruck beschränken. Weitere Wörter sind: intercalary day und intercalary year oder bissextile day und bissextile (year). Sie bilden die Brücke zu den romanischen Sprachen, die fast alle fast die gleichen Bezeichnungen verwenden

Französich:
jour bissextil – anée bissextile
jour intercalaire – année intercalaire

Italienisch
giorno intercalare – anno bisestile

Spanisch
día del año bisiesto, día intercalar – año bisiesto,

Das Adjektiv intercalaire, intercalar(e) geht auf das lateinische intercalaris oder intercalarius zurück, das eingeschaltet, eingeschoben bedeutet und auch damals offenbar viel im Zusammenhang mit im Kalender eingeschalteten Tagen und Monaten verwendet wurde.

Das andere Wort ist interessanter. Es hat nicht mit sexus (Geschlecht), sondern mit bis (zweimal, doppelt) und sextus (sechste) zu tun. Das Wort bissextilis könnte man frei mit doppelsechste übersetzen. Es geht auf den römischen Kalender zurück, in dem auch schon geschoben werden musste, um ihn wieder parallel zum Sonnenjahr verlaufen zu lassen. Was hat nun der 29. Februar mit einem Doppelsechsten zu tun? Eigentlich nichts. Die Römer zählten nämlich rückwärts. So hieß unser 24. Februar der sechste Tag vor Anfang März. In einem Schaltjahr wurde nun vor diesen sechsten Tag vor Anfang März noch ein sechster Tag vor Anfang März eingeschoben, so dass es zweimal hintereinander einen sechsten Tag vor Anfang März gab. Der eigentliche Schalttag war also nicht der 29., sondern der 24. Februar.

So interessant das auch sein mag, wenn dieses Jahr kein Schaltjahr wäre, wäre es heute schon Samstag und brauchte ich nicht zu arbeiten.

Wörther und der Wörthersee

Frage

In Ihrer Datenbank ist mir folgender Eintrag aufgefallen: Wörther. Mir ist dieses Wort nur als Name (Wörthersee), aber nicht als Adjektiv bekannt. Was bedeutet es?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Adjektiv Wörther bedeutet von/aus Wörth. So spielt in Wörth am Main die Wörther Blasmusik auf und erscheint in Wörth an der Donau der Wörther Anzeiger. Wie alle mit -er von geographischen Namen abgeleiteten Adjektive ist Wörther unveränderlich und muss großgeschrieben werden (siehe Rechtschreibregel).

Zur Diskussion über die korrekte Schreibung von Wörthersee, um die es hier vielleicht geht, das Folgende: Der Duden schreibt Wörther See vor, lässt aber auch Wörthersee zu. Da es in der Nähe des Sees kein Wörth gibt, von dem das Adjektiv abgeleitet sein könnte, ist die Schreibung Wörthersee sicher korrekt. Ich überlasse es aber den Einwohnern der Region, wie sie den Namen des Sees schreiben wollen. Und allen anderen bleibt nicht viel anderes übrig, als den Angaben des Wörterbuches zu vertrauen und davon auszugehen, dass Wörther See auch richtig ist. Bei der Schreibung von Eigennamen „versagen“ nämlich die Rechtschreibregeln ohnehin des Öfteren. In diesem Sinne kann das Adjektiv Wörther auch im Namen des schönen Wörther Sees verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp