Gelenkschmerzen oder Gelenksschmerzen?

Heute geht es wieder einmal um regionale Unterschiede, die es überall und in allen Bereichen der Sprache gibt. Diesmal ist weder die Rechtschreibung noch die Schweiz betroffen. Wir bleiben allerdings im Süden:

Frage

Wie schreibt man zusammengesetzte Wörter mit dem Wort Gelenk als Teil, wie z.B. Gelenk(s)arthroskopie, Gelenk(s)kapsel, Gelenk(s)kollaps, Gelenk(s)knorpel etc. – mit oder ohne Fugen-s? Ich bin aus Österreich. Kann es sein, dass es da Unterschiede zu Deutschland gibt?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Ihre Vermutung ist richtig. Im Allgemeinen werden Zusammensetzungen mit Gelenk an erster Stelle ohne Fugen-s gebildet:

Gelenkentzündung
Gelenkkapsel
Gelenkschmerzen
usw.

In Österreich sind aber auch die Formen mit Fugen-s üblich:

Gelenksentzündung
Gelenkskapsel
Gelenksschmerzen
usw.

Die letzten Worte richten sich an eingefleischte Teutonen: Die Formen mit Fugen-s sind in Österreich nicht nur üblich, sondern auch korrekt! Regionale Unterschiede gibt es eben auch im Bereich der Wortbildung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Banken Bankrott … oder bankrott …?

Heute wieder einmal etwas Aktuelles: die Bankenkrise. Keine Angst, ich werde sie weder genauestens analysieren, noch haarfein darlegen, wer die Schuld daran trägt und wie sie hätte vermieden werden können. Auch Prognosen über Dauer, Ausmaß und mögliche weitere „Opfer“ dürfen Sie von mir nicht erwarten. Das überlasse ich Finanzexperten und anderen Wahrsagern. Nein, da ich Sprachler bin (und über keine nennenswerten risikovollen Finanzanlagen verfüge), ist mir beim Lesen der Zeitung heute Morgen das folgende Wort aufgefallen: Bankrott.

Warum Bankrott? – Weil es auch bankrott gibt und ich mich an seine Entstehungsgeschichte erinnerte. Doch der Reihe nach: Neben dem großgeschriebenen Substantiv Bankrott gibt es auch das kleinzuschreibende Adjektiv bankrott. Das führt vorerst zu keinen größeren Schwierigkeiten:

Die Bank steht vor dem Bankrott.
Sie mussten den Bankrott anmelden.
Er wird des betrügerischen Bankrotts beschuldigt.

Die Bank ist bankrott.
Diese Politik wird das Geschäftsleben noch bankrott machen.
Der bankrotte Giftmüllbetrieb gefährdet das Grundwasser.

Nun gibt es aber auch feste Wendungen, bei denen man tief nachdenken muss, ob man nun ein großes B oder ein kleine b schreiben muss. Bankrott gilt in den folgenden Wendungen als Substantiv:

Bankrott machen
Bankrott anmelden
seinen Bankrott erklären.

Und in diesen Wendungen ist es ein Adjektiv:

bankrott sein
sich bankrott erklären
sich für bankrott erklären

Das ist aber noch nicht alles: In Verbindung mit gehen muss bankrott klein- und wo nötig mit dem Verb zusammengeschrieben werden:

bankrottgehen
Die Bank ging bankrott.
Sie spekulierten so lange, bis sie bankrottgingen.
Das Geschäft ist bankrottgegangen.
Der Konzern drohte bankrottzugehen.

Wenn Sie einen Artikel über Zahlungsunfähigkeit schreiben wollen, wissen Sie nun, wann Sie Bankrott und wann bankrott schreiben müssen. Und wenn Sie bei dieser Variantenfülle wie ich nach spätestens einer Viertelstunde den Bankrott Ihres Erinnerungsvermögens anmelden müssen, dann gibt es zum Glück noch Canoonet. Sehen Sie hier.

Viel wichtiger als die Groß- und Kleinschreibung ist natürlich, dass in nächster Zeit nicht allzu viele Banken bankrott machen, bankrottgehen oder Bankrott anmelden müssen.

Nun noch kurz zur Herkunft des Wortes: Wie das Wort Bank für das Finanzinstitut kommt auch Bankrott aus dem Italienischen: banco rotto = gebrochene Bank. Die Bank war früher vor allem in Italien ein Tisch auf dem Markt, auf dem die ersten Bankiers ihr Geld ausliehen, ihre Wechsel schrieben usw. Wenn ein solcher Banker nun zahlungsunfähig war, wurde sein Tisch gebrochen (ob buchstäblich oder in irgendeinem übertragenen Sinne, das konnte ich leider nicht herausfinden), um anzugeben, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Geschäfte zu führen.

Ich wiederhole es in entsprechend historisierenden Worten: Es ist zu hoffen, dass in näherer Zukunft nicht allzu viele Bänke gebrochen werden.

Der angekommene Urlaub und die beschwipste Konsulin

Es gibt seit kurzem die Möglichkeit, Fragen auch mit Hilfe eines Kontaktformulars zu stellen. Diese Fragen kann ich aber nur dann beantworten, wenn Sie Ihre korrekte E-Mail-Adresse angeben. Alle Fragesteller und Fragestellerinnen erhalten nämlich immer eine persönlich an sie gerichtete Antwort. Canoonet verspricht Ihnen, dass wir Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse weder veröffentlichen noch an Dritte weitergeben. Wie belästigen Sie noch nicht einmal mit Post von uns.

Diese Einleitung richtet sich auch an Frau H., deren Frage ich wegen einer wahrscheinlich falsch eingegebenen E-Mail-Adresse nicht beantworten konnte. Hier dann also ausnahmsweise eine „unpersönliche“ Antwort direkt im Blog:

Frage:

Wie ist die Kommasetzung bei diesem Satz:

In Kuba angekommen, beginnt sein Urlaub.

Oder:

In Kuba angekommen beginnt sein Urlaub.

Antwort

Guten Tag Frau H.,

der Satz kann sowohl mit als auch ohne Komma geschrieben werden. In Kuba angekommen ist eine Partizipgruppe (Partizipialkonstruktion), die zur Verdeutlichung oder zur Hervorhebung durch ein Komma abgetrennt werden kann.

Es gibt aber ein anderes Problem: Partizipialkonstruktionen haben kein Subjekt. Normalerweise ist das Subjekt des Partizips dasselbe wie das Subjekt des Hauptsatzes. Das bedeutet – wenn man streng sein will –, dass in Ihrem Beispiel nicht er, sondern sein Urlaub in Kuba angekommen ist. Das Subjekt des Hauptsatzes ist nämlich sein Urlaub (Wer oder was begann?).

Am besten formulieren Sie deshalb den Satz wie folgt um:

In Kuba angekommen beginnt er seinen Urlaub.

Oder mit Komma:

In Kuba angekommen, beginnt er seinen Urlaub.

In dieser Weise ist das Subjekt zu angekommen identisch mit dem Subjekt des Hauptsatzes, nämlich er.

Ein vielleicht noch aussagekräftigereres Beispiel ist das folgende:

Mit Wein gefüllt[,] überreichte die Konsulin ihrem Gatten das Glas.

Hier wird nicht, wie es wahrscheinlich beabsichtigt ist, ausgedrückt, dass das Glas mit Wein gefüllt war. Wegen der oben beschriebenen Subjektigleichheit unterstellt dieser Satz vielmehr, dass die Konsulin schon ziemlich beschwipst gewesen sein muss.

Hier noch die Angaben zu den entsprechenden Regeln:
Rechtschreibung
Grammatik

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Frau Weiß und Herr Strauß in der Schweiz

Herr M. hatte noch eine Ergänzungsfrage zu seiner gestrigen Frage zum Eszett in der Schweiz:

Frage

In meinem Nachnamen steckt auch ein ß. Wird ein ß im Nachnamen einer in der Schweiz lebenden Person auch „eingeschweizt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

auch Ihr Name wird in der Schweiz orthographisch „eingebürgert“. Auf Schweizer Tastaturen (ja, das gibt es!) ist das Eszett nämlich schlichtweg nicht vorhanden. Da man den Buchstaben im Schreibunterricht auf der Schule nicht lernt, fließt er auch von Hand geschrieben – wenn überhaupt – nur ganz harzig und ungewohnt aus Feder, Kugelschreiber oder sonstigem Schreibinstrument. Deshalb wird in der Regel das ß auch in Eigennamen zu einem doppelten s.

Leider weiß ich aber nicht, wie das ß amtlich gehandhabt wird, wenn eine Frau Weiß oder ein Herr Strauß sich bei einer schweizerischen Gemeinde als Einwohner anmeldet oder gar den roten Pass mit dem weißen Kreuz erhält. Ich vermute, dass sie dann als Frau Weiss und Herr Strauss durchs amtliche Leben gehen. Es ist auch nicht völlig unmöglich, dass das ganz föderalistisch von Gemeinde zu Gemeinde oder von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt ist. Wenn zufällig eine in der Schweiz wohnhafte Frau Weiß, ein zum Schweizer gewordener Herr Strauß oder sonst jemand, der damit zu tun hat(te), diesen Beitrag liest: Erlösen Sie uns bitte von dieser Ungewissheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Maße und die Masse in der Schweiz

Frage

Wie unterscheidet ein Schweizer die Worte Masse und Maße?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Schweizer unterscheiden Masse und Maße tatsächlich nicht im Schriftbild, aber dadurch entstehen keine Probleme. Normalerweise gibt nämlich schon der direkte Satzzusammenhang an, was gemeint ist (N.B.: Schweizer Leser sind sich im Gegensatz zu anderen Lesern von vornherein gewöhnt, dass ein Vokal vor ss kurz ODER lang ausgesprochen werden kann):

die idealE Masse eines Atoms
die idealEN Masse eines Models
Die Masse IST eineS der Masse, die …
Die Masse SIND nicht bekannt.

Auch wenn die Beugung der umstehenden Wörter nicht angibt, welches der beiden Wörter gemeint ist, gibt der weitere Satzzusammenhang Aufschluss: Man spricht selten von der Masse eines Mannequins und ebenso selten von den Maßen eines Atoms. Wenn es zu Wartezeiten kommt, weil die Menschen in Massen zuströmen, ist recht eindeutig, dass damit nicht in Maßen gemeint ist. In den äußerst seltenen Fällen, in denen auch das nichts hilft, kann man immer noch zu anderen Mitteln greifen. Zum Beispiel:

Masse (in cm) = Maße
Masse (Länge x Breite x Höhe) = Maße
Masse (in kg) = Masse
in grossen Massen = in Massen
mit (statt in) Massen geniessen = in Maßen (mit Massen genießen = unwahrscheinlich)

Das Gleiche gilt auch für Busse-Buße und Russen-Rußen. So außergewöhnlich ist dieser Fall übrigens nicht. Der Rest der Deutsch schreibenden Welt geht nämlich auch problemlos mit Fällen wie den folgenden um:

das Heroin – die Heroin
das Band – die Band
der Gang – die Gang
modern (Verb) – modern (Adjektiv)
die Gründung (das Gründen) – der Gründung (Grün-Dung)
die Hochzeit (Trauung) – die Hochzeit (Blütezeit)
umfahren – umfahren
der anhaltende Zug (stoppt) – der anhaltende Regen (stoppt nicht!!)

Die menschliche Sprache ist viel zu robust, als dass sie sich schon wegen einer kleinen Zweideutigkeit aus der Bahn werfen ließe. Es lassen sich natürlich immer mehr oder weniger theoretische Fälle konstruieren, in denen diese Zweideutigkeit tatsächlich zu Verständigungsproblemen führen kann, aber dann muss man halt ein anderes Wort wählen oder ein kurze Erläuterung mitliefern. Nicht einmal im Physikunterricht an Schweizer Schulen oder in schweizerischen Patentbüros, wo man sich regelmäßig sowohl mit Massen als auch mit Maßen abgibt, hat das Fehlen des Buchstabens ß je zu größeren Problemen geführt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Saufen, das Komma und das Koma

Frage

In der Schule meines Sohnes läuft derzeit eine Aktion gegen den Alkoholmißbrauch durch Jugendliche. Auf dem entsprechenden Plakat ist als Aufmacher „Saufen bis der Arzt kommt“ gedruckt. Ein Deutschlehrer ist nun der Meinung, nach Saufen müßte ein Komma stehen. Ist das richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

der Deutschlehrer hat recht. Es handelt sich zwar nicht um einen vollständigen Satz, aber zwischen Saufen, das für den Hauptsatz steht, und dem Nebensatz bis der Arzt kommt muss man eigentlich ein Komma setzen:

Saufen, bis der Arzt kommt

Das ist das gleiche Komma, das auch bei einem vollständigen Satz stehen muss (Regel):

Sie saufen, bis der Arzt kommt.

Auf Postern, in Überschriften und so weiter steht aber bei solchen verkürzten Formulierungen oft (bewusst?) kein Komma, vielleicht weil es grafisch als störend empfunden wird. Wenn man die Rechtschreibregeln streng anwendet, ist dies aber nicht korrekt. Man muss sich dann als Texter oder Grafikerin die Frage stellen, ob man die Regeln immer so streng anwenden will. Auf einer Schule empfiehlt es sich aber schon, die Rechtschreibregeln zu berücksichtigen.

Das Wichtigste ist allerdings nicht, ob hinter Saufen ein Komma steht, sondern dass das Koma nach dem Saufen – und das Saufen ganz allgemein – verhindert wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Bogen und die Bögen

Frage

In unserer örtlichen Presse, aber auch in der Öffentlichkeit wird der Plural von Bogen immer wieder mit Bögen gebildet. Ich meine, gelernt zu haben, dass der Plural von Bogen auch Bogen ist. Oder unterscheidet man sogar zwischen dem Papierbogen und dem architektonischen Bogen bei der Mehrzahlbildung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

der Plural von der Bogen lautet in der Standardsprache die Bogen. Dass eine Variante korrekt ist, heißt aber nicht unbedingt, dass eine andere falsch sein muss. Vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird nämlich neben die Bogen auch in der Standardsprache oft die umgelautete Form die Bögen verwendet. Das gilt offensichtlich nicht nur für den südlichen deutschen Sprachraum, denn Sie wohnen in der Nähe von Braunschweig (Niedersachsen) und treffen diese Form in Ihrer lokalen Presse an. Bei der Wahl zwischen o und ö spielt die Bedeutung übrigens (fast) keine Rolle. Neben die Triumphbogen, die Papierbogen und die Geigenbogen gibt es auch die Triumphbögen, die Papierbögen und die Geigenbögen. Bei die Ellbogen oder die Ellenbogen sind die Formen mit Umlaut standardsprachlich allerdings nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Niederlande und die Mehrzahl

Frage

Ich schreibe gerade eine Seminararbeit über das Steuerrecht der Niederlande. Hierzu meine Frage: Warum heißt es Die Niederlande liegen in Westeuropa und nicht Die Niederlande liegt in Westeuropa? Warum verwende ich den Plural? Die Niederlande sind kein föderalistischer Staat. Es kann also nicht daran liegen, dass die Niederlande in mehreren Teilstaaten unterteilt sind (oder ist?).

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Niederlande sind heute tatsächlich kein föderalistischer Staat, aber sie sind aus einem Verbund verschiedener Länder (alter Plural: Lande) entstanden und hießen früher auch einmal Republik der Sieben Vereinigten Niederlande. (Mehr Geschichtliches dazu finden Sie unter anderem in Wikipedia, und zwar hier und hier.) Aus diesem Grund ist Niederlande im Deutschen ein Ländername, der wie Vereinigte Staaten im Plural verwendet wird:

Die Niederlande gehören zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt.
Wir fahren in die schönen Niederlande.
Viele Blumen werden aus den Niederlanden importiert.
politische Bedenken seitens der Niederlande

Und nicht nur im Deutschen:

les Pay-Bas (Französisch, Plural)
los Países Bajos (Spanisch, Plural)
i Paesi Bassi (Italienisch, Plural)
The Netherlands (Englisch, Singular oder Plural)

Aber ausgerechnet im Niederländischen wird dieses Land mit dem in der Einzahl verwendeten Namen Nederland bezeichnet. Hochoffiziell heißt der Staat aber Koninkrijk der Nederlanden (wörtliche Übersetzung: Königreich der Niederlande). Man kennt also auch dort eine Pluralform für das Land.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Praxisgebühr(en)befreiung

Frage

Wie heißt es richtig: Praxisgebührenbefreiung oder Praxisgebührbefreiung?

Sind folgende Ausdrücke akzeptabel?

Der Patient ist praxisgebührenbefreit bis…
Der Patient ist praxisgebührbefreit bis…

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

beide Begriffe kommen vor und beide Wörter sind korrekt nach den deutschen Wortbildungsregeln gebildet. Praxisgebührbefreiung ohne en scheint allerdings üblicher zu sein.

Wenn Sie diese Variante wählen, können Sie entsprechend auch praxisgebührbefreit bilden. Diesen Ausdruck finde ich aber stilistisch so unschön, dass ich Ihnen dringend eine andere Formulierung empfehlen möchte:

Der Patient ist bis … von der Praxisgebühr befreit.

Oder, wenn es in eine Tabelle o. Ä. passen muss:

Der Patient ist von der Praxigebühr befreit bis: …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp