Ich gelang?

Frage

[…] Es geht um:

Ich gelang (te) auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werkes.

Beim ersten Durchblättern der Grammatiktabellen in einem Werk des […]-Verlages stellte ich fest, dass die Formulierung „ich gelang“ dort nicht vorgesehen ist. Das verwirrt mich sehr, denn sowohl Canoo als auch Wiktionary sehen diese Form vor.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Wortform ich gelang ist tatsächlich in Canoonet zu finden. Warum sie nicht im Werk steht, das Sie konsultiert haben, weiß ich natürlich nicht genau. Wichtig sind hier jedenfalls die folgenden beiden Präzisierungen:

Erstens: Die Form ich gelang gehört zum Verb gelingen. Das Verb gelangen wird regelmäßig gebeugt. Es heißt also korrekt:

Ich gelangte auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werks.

Die Form ich gelang kann nur als (umgangssprachlich oder poetisch) verkürzte Präsensform zu gelangen gehören:

Wie gelang[e] ich in den Besitz dieses Werks?

Zweitens: Die Vergangenheitsform ich gelang kommt äußerst selten vor. Das Verb gelingen wird vor allem in der dritten Person verwendet: etwas gelingt (jemandem). Die Formen der zweiten Person kommen selten vor, zum Beispiel wenn Gegenständliches personifiziert und direkt angesprochen wird:

Was soll ich tun, neuer Tag, dass du gut gelingst?
Lied, wie schlecht gelingst du mir!

Die Formen der ersten Person sind noch seltener. Sie sind wohl vor allem theoretisch möglich:

Lied, wie schlecht gelangst du mir! – Ich gelang dir nicht, weil …

Damit stellt sich die Frage, ob man solche Formen in Konjugationstabellen aufnehmen soll oder nicht. Nimmt man sie auf, könnte der Eindruck entstehen, sie seien allgemein üblich. Nimmt man sie nicht auf, sieht es so aus, als seien sie grundsätzlich falsch. Beides ist nicht der Fall.

Wenn man sie wie Canoonet anzeigt, müsste idealerweise auch eine recht detaillierte Beschreibung der Verwendungsmöglichkeiten von Formen dieser Art hinzugefügt werden. Solche detaillierten Angaben zur Verwendung „problematischerer“ Formen stehen schon lange auf meiner Wunschliste der Dinge, um die ich unsere Wörterbücher gerne ergänzt sehen würde. Aus Kapazitätsgründen verschiedener Art müssen Sie und ich uns aber leider noch gedulden und ohne sie auskommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fremdsprachige Grüße: mit einem „à bientôt“

Frage

Mich quält da eine Frage. Ich habe folgenden Satz vorliegen:

Sie verabschiedete sich mit einem a bientot – bis bald – von ihm.

Mit Accents? In Anführungszeichen? Groß oder klein? Mit Bindestrichen (mit einem à-bientôt)? Gibt es eine elegantere Lösung als die Gedankenstriche?

Ich gestehe, ich bin etwas überfordert. Wie würden Sie diesen Satz schreiben?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

da der Abschiedsgruß französisch ist und auch noch übersetzt wird, würde ich ihn ganz einfach als Zitat behandeln, der in den Text integriert ist. Sie schreiben in gleich wie im Französischen und kennzeichnen ihn mit Anführungszeichen oder Kursivdruck als fremdsprachigen Ausdruck:

Sie verabschiedete sich mit einem „à bientôt“ von ihm
(auch: mit einem „À bientôt!“, vgl. unten)

Wenn Sie die deutsche Übersetzung auch angeben, können Gedankenstriche verwenden. Es gibt aber auch andere Möglichkeit wie zum Beispiel Klammern oder Kommas:

Sie verabschiedete sich mit einem „à bientôt“ – bis bald – von ihm.
Sie verabschiedete sich mit einem „à bientôt“ (bis bald) von ihm.
Sie verabschiedete sich mit einem „à bientôt“, bis bald, von ihm.

Ähnliches gilt auch für andere Wendungen, die viele aus dem Urlaub kennen:

sein kurzes „hasta la vista“
ihr fröhliches „come stai“
mit einem „kali nichta“
Er hat nicht einmal „good morning“ gesagt
Sie warf ihm ein „dzień dobry“ zu.

Da diese Wendungen auch als verkürzte Ganzsätze gesehen werden können, kann auch großgeschrieben werden: ein kurzes „Hasta la vista!“, ihr fröhliches „Come stai?“, mit einem „Kali nichta“, nicht einmal „Good morning“ sagen, ein „Dzień dobry“.

Mit freundlichen Grüßen, ciao und „à bientôt“

Dr. Bopp

Unklarer Bezug: Notwehrfälle mit Schusswaffen aus Österreich

„Warnung“: Wer immer und überall eindeutige Formulierungen haben will, wird enttäuscht sein.

Frage

Es geht um Notwehrfälle die in Österreich stattgefunden haben, bei welchen eine Schusswaffe verwendet wurde. Die Formulierung ist:

Es sind bereits viele Fälle von Notwehr mit Schusswaffen aus Österreich in die Medien gekommen.

Nun wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass man den Satz auch so verstehen könnte, dass nicht die Fälle in Österreich stattgefunden haben, sondern dass lediglich die Schusswaffen aus Österreich waren. Ist die ursprüngliche Formulierung wirklich dermaßen unverständlich? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Ihr Satz kann ohne weiteren Zusammenhang tatsächlich zweierlei bedeuten:

– viele Fälle aus Österreich, in denen es um Notwehr mit Schusswaffen geht
– viele Fälle von Notwehr mit aus Österreich stammenden Schusswaffen

Rein grammatisch gibt es sogar eine dritte Variante, die nur durch ihre Bedeutung relativ unwahrscheinlich ist:

– viele Fälle von österreichischer Notwehr mit Schusswaffen

Beim spontanen ersten Lesen Ihres Satzes habe ich den Satz so verstanden, wie Sie ihn gemeint haben. Die zweite Interpretationsmöglichkeit habe ich erst beim Weiterlesen erkannt. Ich bin der Meinung, dass Sie Ihren Satz nicht anpassen müssen, weil ich annehme, dass er nicht allein steht. Vorher oder nachher (oder eventuell in einem Text, auf den verwiesen wird) steht der weitere Zusammenhang, aus dem hervorgeht, ob es um Notwehrfälle aus Österreich oder um Schusswaffen aus Österreich geht. Eine solche Formulierung steht selten wie oben im Titel ganz allein für sich. Wenn Sie sich trotzdem eindeutig und ebenso kurz ausdrücken möchten, können Sie den Satz auch wie folgt abfassen. Er ist nicht sehr elegant, aber eindeutig:

Es sind bereits viele Fälle aus Österreich von Notwehr mit Schusswaffen in die Medien gekommen.

Es kommt übrigens sehr häufig vor, dass ohne weiteren Kontext nicht eindeutig ist, worauf sich ein Teil des Satzes bezieht.

Sie fuhr mit den Nachbarn und ihren Kindern weg.
Wessen Kinder sind das?
Ich nehme den Kuchen und den Kaffee ohne Sahne.
Nehme ich nur den Kaffee oder beides ohne Sahne?
Herr M. kam mit einem Auto aus Deutschland.
Kam Herr Müller aus Deutschland oder kam er mit einem deutschen Auto?

Das Deutsche lässt uns hier bei der Formulierung oft viel Freiheit und gelegentlich – wenn man sehr auf exakte Formulierungen besteht – sogar im Stich. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn normalerweise steht ein Satz ja innerhalb eines Zusammenhangs, aus dem sich ergibt, welche Lesung gemeint ist. Und manchmal ist es ja auch egal, wie der Bezug genau aussieht: Ob sie nun aus Rio zurückkommen mit Medaillen oder ob sie zurückkommen mit Medaillen aus Rio, Hauptsache:

Sie kommen erfolgreich mit Medaillen aus Rio zurück.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Stellt man etwas wieder her oder wiederher?

Frage

Ich habe einmal eine Frage zu dem Wort „wiederherstellen“ wie beispielsweise im Satz:

So stellt man den alten Zustand wieder her / wiederher.

Da sehen Sie auch schon das Dilemma: Eine Korrekturleserin meinte, das „wiederher“ werde in diesem Fall zusammengeschrieben und der Duden bestätigt diese Aussage sogar. Ich finde diese Schreibweise jedoch sehr ungewöhnlich und möchte behaupten, das in dieser Form noch nie gesehen zu haben […]. Haben Sie eine Erklärung?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

Sie haben recht. Die korrekte Schreibweise ist:

So stellt man den alten Zustand wieder her.

Siehe zum Beispiel hier (weit unten auf der Seite), hier und hier.

Das Verb wiederherstellen gehört zu den wenigen Verben, bei denen ein abtrennbarer Verbteil vor einem bereits trennbaren Verb steht (wieder+herstellen). Weitere Beispiele sind:

wiederaufbauen, wiederaufnehmen, wiedereinstellen, wiedergutmachen, miteinbeziehen u.a.m.

Das Besondere an diesen „doppelt trennbaren“ Verben ist, dass sie im Hauptsatz nicht wie gewöhnliche trennbare Verben in zwei, sondern in drei Teile auseinanderfallen:

Man stellt den alten Zustand wieder her. (nicht *wiederher)
Sie bauten das Haus wieder auf. (nicht *wiederauf)
Wie mache ich das nur wieder gut? (nicht *wiedergut)
Beziehen Sie das in Ihre Überlegungen mit ein! (nicht *mitein)

Die meisten von uns schreiben diese Formen spontan richtig. Man begegnet ihnen aber dennoch hin und wieder, insbesondere in automatisch erzeugten Konjugationstabellen. Im Allgemeinen sind deutsche Verben in dieser Hinsicht entweder einteilig (wiederholen – ich wiederhole) oder zweiteilig (wiederkehren – ich kehre wieder). Die meisten Programme können damit problemlos umgehen. Einige von ihnen „stolpern“ aber über diese dreiteiligen Verben (wiederherstellen – ich stelle wieder her), weil sie im Programm nicht vorgesehen sind, und behandeln sie fälschlich gleich wie die zweiteiligen Verben (*ich stelle wiederher).

Ich vermute, dass im Wörterbuch, das Sie in Ihrer Frage erwähnen, ein ähnlicher Fehler passiert ist. Man findet dort in der Konjugationstabelle des Verbs wiederherstellen tatsächlich die Form ich stelle wiederher. Dasselbe Wörterbuch gibt dann aber bei zum Beispiel wiederherrichten in der Tabelle korrekt ich richte wieder her an. Fehler können überall vorkommen (auch bei uns …).

Ich hoffe, dass das Vertrauen in Ihr Schreibgefühl durch diese Antwort gänzlich wiederhergestellt ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dick und dünn groß oder klein?

Frage

Ich tue mich etwas schwer mit der Schreibunge von „dick und dünn“ bzw. „Dick und Dünn“. Gibt es da Regeln?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

ob man „dick und dünn“ oder „Dick und Dünn“ schreibt, hängt vom Kontext ab. In der Wendung

durch dick und dünn

schreibt man die Adjektive wie oben klein. Nach der Rechtschreibregelung schreibt man feste adverbiale Wendungen, die aus einer Präposition und einem ungebeugten Adjektiv bestehen, klein (siehe hier). Die Wendung durch dick und dünn = in allen Situationen, in allen Lebenslagen entspricht dieser Regel, auch wenn sie zwei Adjektive enthält. Beispiele:

Man sah den Turm schon von fern.
Reparaturen nur gegen bar
Sie arbeitete von früh bis spät.
Die Zuschauer kamen von nah und fern.
Wir werden uns über kurz oder lang entscheiden müssen.
Echte Freunde gehen miteinander durch dick und dünn.

Die Großschreibung Dick und Dünn kann aber auch vorkommen, zum Beispiel dann, wenn alle Menschen ungeachtet ihrer Leibesfülle gemeint sind:

Sportliche Aktivitäten für Jung und Alt und Dick und Dünn.

Nicht gebeugte Paarformeln von ungebeugten Adjektiven werden großgeschrieben (siehe hier). Weitere Beispiele:

ein Programm für Alt und Jung
Alt und Jung
war(en) begeistert.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant.
Supermarkt für Arm und Reich
jenseits von Gut und Böse
der Kampf zwischen Gut und Böse
Aktivitäten für Dick und Dünn

Es wäre schön, wenn damit alle Zweifelsfälle aus der Welt geschafft wären. Dem ist natürlich nicht so, aber für heute soll es genügen, dass sich mit diesen beiden Regeln sehr viele der Zweifelsfälle in diesem Teilbereich bewältigen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Basilikum und Basilika

Heute einmal eine Frage zur Wortherkunft, die bei uns am Tisch auftauchte. Sie passt gut zum Sommer und zur Urlaubszeit. Man denke an Sonne, gutes Essen, Italien und Kultur.

Das sommerlichste aller Küchenkräuter ist Basilikum. Vor allem mit Tomaten schmeckt es ausgezeichnet. Das war auch gestern Abend der Fall. Es gab Insalata caprese, die italienische Vorspeise mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum. Aber ums Kochen und um Rezepte soll es hier ja nicht gehen (leider …). Also zurück zur Sprache: Beim Essen kam die Assoziation Basilikum – Basilika auf. Die Wörter klingen fast gleich und sie haben beide etwas Mediterranes, aber was hat eine aromatische Pflanze mit Kirchenbauten gemein?

Die Antwort lautet: Sie haben beide etwas Königliches.

Basilika

Eine Basilika ist ein mehrschiffiger Kirchenbau mit einem erhöhten Mittelschiff. Dieser Bautypus war vor allem im Mittelalter beliebt, kam aber schon in frühchristlicher Zeit vor. Architektonisches Vorbild waren öffentliche Markt- und Gerichtshallen in Rom. Eine solche basilica richtete sich wiederum nach einem griechischen Muster, der basilikḗ (stoá), was so viel wie königliche Wohnung bedeutet. Das Adjektiv basilikós ist eine Ableitung von basilé͞us = König.

Basilikum

Das Wort Basilikum ist die sächliche Form des lateinischen Adjektivs basilicus = königlich, fürstlich. Die Lateiner haben es, wie wir bereits gesehen haben, von den Griechen übernommen, die das Kraut basilikon phytón nannten, d. h. königliche Pflanze.

Basilikum ist also eine königliche Pflanze und eine Basilika ein königliches Bauwerk – jedenfalls was ihre Wortherkunft betrifft.

Basilisk

Harry-Potter-Fans, sonstige Kenner von Fabelwesen sowie Reptilienkundige wissen, dass es ein weiteres sehr ähnlich klingendes Wort gibt: Basilisk. Das Fabelwesen mit tödlichem Blick und die Echsenart tragen ebenfalls einen griechischen Namen: basilískos bedeutet kleiner König, Prinz. Es war wahrscheinlich der Name einer Echsenart mit einem weißen Fleck auf dem Kopf, der einer Krone glich.

Die Frage, die beim gestrigen Abendessen aufkam, ist so weit beantwortet. Und wenn ich an den Tomaten-Mozzarella-Salat zurückdenke, muss ich sagen, dass frisches Basilikum wirklich königlich schmeckt.

Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Könnte er es reparieren lassen haben?

Heute wieder einmal etwas für die Fans von Verbformenpuzzles:

Frage

Wie heißt es richtig?

Er könnte es repariert haben lassen.
Er könnte es reparieren haben lassen.

Für mich ist nur die erste Variante korrekt. Aber ein Kollege plädiert für die zweite Lösung. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig ist hier theoretisch der Infinitiv reparieren, denn es geht um die Formulierung etwas reparieren lassen. Die Form haben sollte aber an einer anderen Stelle stehen: 

Er lässt es reparieren.
Er hat es reparieren lassen.
Er könnte es reparieren lassen haben.

Solche komplexen „Verbanhäufungen“ kommen aber praktisch kaum vor, weil (fast) niemand sie spontan bilden kann, ohne mindestens dreimal neu ansetzen zu müssen. In der Regel formuliert man anders. Zum Beispiel:

Es ist möglich, dass er es hat reparieren lassen oder (vgl. hier)
Es ist möglich, dass er es reparieren lassen hat.
Er hat es vielleicht/wahrscheinlich reparieren lassen.

Es wäre also auch nicht ganz richtig gewesen, wenn Sie sich von Ihrem Kollegen hätten überzeugen lassen können – oder so …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wiedersehen und wieder sprechen

Eine kleine orthografische Spitzfindigkeit:

Frage

Wie würden Sie schreiben:

Ich möchte dich wiedersehen und sprechen.

Gemeint ist „dich wiedersehen“ und „dich wieder sprechen“. Was muss da wie zusammen- bzw. getrennt geschrieben werden?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

je nach Betonung schreiben Sie:

a) Ich möchte dich wiedersehen und wieder sprechen.
b) Ich möchte dich wieder sehen und [wieder] sprechen.

Man schreibt wiedersehen zusammen, wenn die Hauptbetonung auf der ersten Silbe liegt. Man schreibt getrennt, wenn die Hauptbetonung auf dem Verb liegt:

wiedersehen (wieder treffen)
wieder sehen (noch einmal sehen; aufs Neue sehen)

Je nach Kontext ist der Bedeutungsunterschied groß (eine blinde Person, die wieder sieht) oder kaum merkbar (eine Person, die man gerne wieder sieht/wiedersieht). In Ihrem Beispiel gibt es nach meinem Empfinden keinen großen Bedeutungsunterschied.

Weil es kein zusammengeschriebenes bzw. auf der ersten Silbe betontes wiedersprechen gibt, kann nicht zusammengezogen werden, wenn das erste Verb wiedersehen ist. Das wieder muss dann wiederholt werden (a). Wenn das erste Verb wieder sehen ist, kann das zweite, ebenfalls weniger betonte wieder wegfallen [aber es muss nicht weggelassen werden] (b). Beide Varianten sind ohne wesentlichen Bedeutungsunterschied möglich.

Ihre Lösung ist übrigens nicht falsch, hat aber genau genommen eine leicht andere Bedeutung:

c) Ich möchte dich wiedersehen und sprechen.

Damit wünschen Sie, jemanden wiederzusehen und diese Person zu sprechen, nicht aber wie in a) und b) sie wieder zu sprechen. Der Unterschied ist aber in den meisten Fällen nicht wirklich weltbewegend groß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gekochtes Fleisch und Gemüse oder der Bezug des attributiven Adjektivs

Frage

Ich hätte eine grundlegende Frage zur Ellipse: Bei einem gemeinsamen Attribut (hier Adjektiv) zu zwei Substantiven muss das Attribut nur einmal genannt werden, z. B. „gekochtes Fleisch und Gemüse“. Wenn ich das Attribut nur auf das erste Substantiv beziehen möchte, müsste ich doch einige Worte umstellen, also „Gemüse und gekochtes Fleisch“ schreiben.

Ist dies eine feste Regelung, die selbst dann gilt, wenn sich das Adjektiv inhaltlich nur auf das erste Substantiv beziehen kann?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

ein gemeinsames Attribut kann, aber muss nicht weggelassen werden. Umgekehrt bezieht sich ein Adjektiv, das vor zwei Substantiven steht, nicht automatisch auf beide Substantive. Es gibt keine einfache Regel, die den Bezug eines Adjektivs in solchen Reihungen eindeutig festlegt.

So bezieht sich das Adjektiv in:

gekochtes Fleisch und Gemüse
junge Männer und Frauen

sehr wahrscheinlich auf beide Substantive, die ihm folgen. Dieser Bezug ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter und wahrscheinlich auch aus dem weiteren Zusammenhang. Wenn Sie aber unbezweifelbar angeben wollen, dass sowohl das Fleisch als auch das Gemüse gekocht sind resp. dass alle Leute jung sind, müssen Sie das Adjektiv wiederholen:

gekochtes Fleisch und gekochtes Gemüse
junge Männer und junge Frauen

Wenn Sie umgekehrt eindeutig angeben wollen, dass sich das Adjektiv nur auf das Substantiv bezieht, vor dem es steht, müssen Sie tatsächlich die Reihenfolge ändern oder ein anderes Adjektiv ergänzen:

Gemüse und gekochtes Fleisch
Frauen und junge Männer

gekochtes Fleisch und rohes/gedämpftes/… Gemüse
junge Männer und ältere Frauen

Solche Eingriffe sind aber meist nicht notwendig, weil der weitere Satzzusammenhang angibt, worauf sich ein Adjektiv genau bezieht.

Gewisse Regeln gibt es aber doch, zum Beispiel dann, wenn ein Artikelwort mit ins Spiel kommt. Wenn das Adjektiv zusammen mit einem Artikelwort weggelassen wird, bezieht es sich in der Regel auf beide Substantive

das gekochte Fleisch und Gemüse (beides ist gekocht)
diese jungen Männer und Frauen (Männer und Frauen sind jung)

Steht beim zweiten Substantiv ein Artikelwort, kann sich das Adjektiv nur dann auch darauf beziehen, wenn es wiederholt wird:

das gekochte Fleisch und das gekochte Gemüse
die jungen Männer und die jungen Frauen

aber:

das gekochte Fleisch und das Gemüse
(nur das Fleisch ist gekocht, der Zustand des Gemüses ist unbestimmt)
die jungen Männer und die Frauen
(die Männer sind jung, die Frauen unbestimmten Alters)

Wenn man es in Worte und Regeln fassen will, kann der Bezug des Adjektivs in Reihungen also recht kompliziert werden. Normalerweise ergibt sich aber – wie oben schon gesagt – problemlos aus dem Kontext, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp