Verschlungene Sätze ohne Kommas

Frage

Können Sie mir erklären, warum im Satz

Der Fahrer hatte vergessen, die Ausweise mitzunehmen

ein Komma gesetzt wird, im Satz

Der Fahrer hatte die Ausweise mitzunehmen vergessen

jedoch keines?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

im ersten Satz kann ein Komma stehen. Man kann eine Infinitivgruppe durch Kommas abtrennen, um die Gliederung des Satzes zu verdeutlichen (siehe hier). Ihr Satz ist aber auch ohne Komma korrekt geschrieben:

Der Fahrer hatte vergessen, die Ausweise mitzunehmen.
Der Fahrer hatte vergessen die Ausweise mitzunehmen.

Eine Infinitivgruppe wird nicht durch Kommas abgetrennt, wenn sie eng in den übergeordneten Satz eingebettet ist. Das ist bei Ihrem zweiten Beispiel der Fall. Der übergeordnete Satz ist hier Der Fahrer hatte vergessen:

Der Fahrer hatte die Ausweise zu kontrollieren vergessen

Ebenso zum Beispiel:

Sie hatte versprochen(,) früher zu kommen.
Sie hatte früher zu kommen versprochen.

… weil er nicht immer vermag(,) alle zu überzeugen.
weil er nicht immer alle zu überzeugen vermag.

Auch dann, wenn die Infinitivgruppe den übergeordneten Satz umschließt, werden keine Kommas gesetzt:

Wir verlangen(,) für unsere Arbeit angemessen bezahlt zu werden.
Für unsere Arbeit verlangen wir angemessen bezahlt zu werden.

Ich versuche(,) Ihre Kommafrage verständlich zu beantworten.
Ihre Kommafrage versuche ich verständlich zu beantworten.

Und mit einer noch engeren Verschlingung von Hauptsatz und Infinitivgruppe:

Ich habe versucht(,) Ihre Kommafrage zu beantworten.
Ihre Kommafrage habe ich zu beantworten versucht.

Ich hoffe, dass das auch einigermaßen gelungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vom New-York-Event zum Kaiser-Franz-Josef-Land

Es geht wieder einmal um Bindestriche, die in der „freien Wildbahn“ gerne einmal weggelassen werden.

Frage

Schreibt man Begriffe wie „das New York-Event“ (in einem Blog gefunden) tatsächlich nur mit einem Bindestrich? Mein Sprachgefühl sagt mir, dass zwischen jedem Wort einer sein müsste.

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

richtig ist hier tatsächlich die Schreibung mit zwei Bindestrichen:

das New-York-Event

In Zusammensetzungen mit einem mehrteiligen Eigennamen steht zwischen allen Teilen der Zusammensetzung ein Bindestrich. Die entsprechende Regel finden Sie in Canoonet bei den Angaben zum Bindestrich bei Eigennamen (Ortsnamen zählen auch zu den Eigennamen). Man darf also bedenkenlos in das Wortbild eines Namens eingreifen, indem man ihn mit einem Bindestrich (verun)ziert.

Weil Beispiele oft mehr sagen als eine Regel, folgt hier eine ganze Reihe von Zusammensetzungen dieser Art:

der New-Orleans-Jazz
die Puerto-Rico-Reise
die Hudson-River-Mündung
das Grand-Canyon-Erlebnis

Mit Heiligen:

der Sankt-Andreas-Graben (St.-Andreas-Graben)
die Sankt-Barbara-Kirche (St.-Barbara-Kirche)
das Sankt-Florians-Prinzip (St.-Florians-Prinzip)
der San-Bernardino-Tunnel (S.-Bernardino-Tunnel)

Und mit (mehr oder weniger) Normalsterblichen:

ein Marilyn-Monroe-Film
die Van-Gogh-Ausstellung (aber: van-Gogh-artig)
der Da-Vinci-Code (aber: da-Vinci-ähnlich)
die Katharina-die-Große-Schule

Zum Schluss noch zwei meiner Lieblingsbeispiele aus den Rechtschreibbüchlein:

die Rio-de-la-Plata-Bucht
Kaiser-Franz-Josef-Land

So viel im Dr.-Bopp-Blog zum Thema Zusammensetzungen mit mehrteiligen Eigennamen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Punkte, wo?

Ein grammatisch-stilistischer Dauerbrenner: der Relativanschluss wo.

Frage

Mich interessiert, in welchen Fällen ich einen Nebensatz mit „wo“ beginnen kann. Ist ausschließlich eine Ortsbezeichnung gemeint oder kann das „wo“ auch eine Sache näher bezeichnen? Mein Beispielsatz lautet:

… wollen wir Punkte beleuchten, wo wir uns Änderungen vorstellen könnten.

Bin ich hier einem süddeutschen Fehlgebrauch aufgesessen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

manche meinen zwar, ein mit wo beginnender Relativsatz sei immer falsch, ganz recht haben sie damit aber nicht. Ein Relativsatz kann auch im Standarddeutschen mit wo eingeleitet werden, wenn das Bezugswort im übergeordneten Satz ein Nomen oder ein Adverb mit lokaler oder zeitlicher Bedeutung ist. Das Einleitewort wo muss sich also auf eine Orts- oder eine Zeitangabe beziehen. Siehe die letzten beiden Abschnitte auf dieser Seite.

Zeitlich zum Beispiel:

Jetzt, wo alle hier sind, können wir anfangen.

In Ihrem Satz geht es aber mehr um räumliches wo. Hier ein paar Beispiele:

Sie arbeitet in Hamburg, wo sie auch studiert hat, als Rechtsanwältin.
Er arbeitet immer noch in dem Laden, wo sie einander kennen gelernt haben.
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?*

In Ihrem Beispiel liegt die Schwierigkeit bei der Bestimmung, ob es sich im Hauptsatz um eine Ortsangabe (im übertragenen Sinne) handelt oder um ein „gewöhnliches“ Nomen. Dieser Übergang ist nämlich fließend. Problemlos sollte wo hier sein:

Das ist die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde.

Schon mehr Zweifel kommen hier auf:

Das ist die Stelle im Text, wo die Autorin den Leichenfund beschreibt.
… wollen wir die Stellen beleuchten, wo wir uns Änderungen vorstellen können.

Auch in Ihrem Satz kann man mit etwas gutem Willen von einer räumlichen Verweisung im übertragenen Sinne sprechen:

Wo könnten wir uns Änderungen vorstellen? – Bei verschiedenen Punkten.
→ … wollen wir Punkte beleuchten, wo wir uns Änderungen vorstellen könnten.

Wobei könnten wir uns Änderungen vorstellen? – Bei verschiedenen Punkten.
→ … wollen wir Punkte beleuchten, bei denen (o. wobei) wir uns Änderungen vorstellen könnten.

Ich halte das wo in Ihrem Beispielsatz für gut vertretbar (nicht nur im süddeutschen Sprachraum!). Es handelt sich aber um einen Grenzfall. Außerdem vermeiden, wie oben gesagt, manche wo immer in Relativsätzen, weil sie fälschlich oder der Einfachheit halber annehmen, wo sei dort immer „verboten“. Es ist deshalb vielleicht zu empfehlen, hier nicht wo, sondern bei denen (oder wobei) zu verwenden – oder gut gewappnet in einen eventuellen Rechtfertigungsstreit zu ziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Johann Wolfgang von Goethe: Willhelm Meisters Lehrjahre; 1795/96; 3. Buch, 1. Kapitel.

Versucht [Komma] durchzuhalten!

Frage

Ich streite mich gerade mit einer Freundin über ein Komma. Streitpunkt ist folgender Satz: „Versucht, durchzuhalten!“ Ich behaupte, das Komma gehört da nicht hin. Sie behauptet, das sei ein „Kann-Komma“.

Antwort

Guten Tag E.,

es handelt sich hier tatsächlich um ein „Kann-Komma“. Eine Infinitivgruppe kann in vielen Fällen durch ein Komma abgetrennt werden. Mit oder ohne Komma richtig ist zum Beispiel:

Versucht, den Kampf durchzuhalten!
Versucht den Kampf durchzuhalten!

Dies gilt auch dann, wenn der übergeordnete Satz nur aus einer einzigen Verbform besteht und der Infinitiv allein steht:

Versucht, zu gewinnen!
Versucht zu gewinnen!

Und damit sind wir bei Ihrem Fall, der übrigens viele verunsichert. Das Komma kann selbst dann stehen, wenn das zu im Verb integriert ist:

Versucht, durchzuhalten!
Versucht durchzuhalten!

Manchmal ist es sogar sehr zu empfehlen, ein Komma zu verwenden, dann nämlich, wenn es verdeutlichen kann, was genau gemeint ist.

Versucht, so lange wie möglich durchzuhalten.
Versucht so lange wie möglich, durchzuhalten.

Siehe auch hier. Und weil es so schön ist, gleich noch ein paar Beispiele:

Ich bin dafür[,] mitzumachen.
Hör auf[,] herumzurennen!
Es ist nicht immer einfach[,] aufzugeben.
Ihre Gegner fürchteten[,] zu verlieren.

Ihre Freundin hat also recht. Als schwacher „Trost“ kann höchstens dienen, dass ich persönlich in Ihrem Beispiel die Schreibung ohne Komma vorziehen würde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Verschwörer erbostes Geschrei und was daran stark ist

Frage

Ich habe zwei Fälle mit Genitiv, bei denen ich sehr unsicher bin, was nun korrekt wäre. Es geht eher in die freie literarische Richtung:

Es ertönt der Verschwörer erboste Geschrei.

Noch unsicherer bin ich mir hier:

ungeachtet des Monarchen hässlichen/hässlicher Visage

Ich tendiere zur ersten Variante, weil es ja auch heißt: „ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen“. Können Sie mir da vielleicht irgendwie weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

diese Art der Genitivkonstruktion ist außer bei Eigennamen veraltender oder poetischer Sprachgebrauch. Eine nähere Bestimmung im Genitiv (Genitivattribut) steht in der heutigen Sprache normalerweise nicht vor, sondern nach dem Wort, das sie bestimmt. Wenn Sie dennoch so formulieren möchten, dann wie folgt:

Es ertönt der Verschwörer erbostes Geschrei.
ungeachtet des Monarchen hässlicher Visage

Im ersten Satz ist es die starke Endung des sächlichen Nominativs Singular, im zweiten Beispiel ist er die starke Endung des weiblichen Genitivs Singular. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es sich um eine starke Endung handelt. Die Adjektive stehen nämlich mit den entsprechenden schwachen Endungen e resp. en, wenn man das Ganze etwas moderner formuliert:

Es ertönt das erboste Geschrei der Verschwörer.
ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen

Worin liegt der Unterschied? Mit Artikel wird das Adjektiv schwach gebeugt:

das erboste Geschrei
(ungeachtet) der hässlichen Visage

Wenn Sie nun ein Genitivattribut voranstellen, ersetzt es den bestimmten Artikel das resp. der. Ohne einen zu ihm gehörenden Artikel wird das Adjektiv stark gebeugt:

der Verschwörer erbostes Geschrei
(ungeachtet) des Monarchen hässlicher Visage

Diese Wortstellung kommt heute vor allem mit Eigennamen vor:

Frau Boltes erbostes Geschrei
(wegen) Gollums hässlicher Visage

Siehe auch hier die Angaben zur starken Flexion unter „ohne Artikel“.

Ob ein Genitivattribut vor oder nach dem Substantiv steht, das es bestimmt, hat also ganz konkret auch einen Einfluss auf die Endung eines Adjektivs, das dasselbe Substantiv bestimmt. Um mit einem bescheidenen Beispiel zu schließen:

der tolle Service des Canoonet-Teams
Canoonets toller Service

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum Marschrhythmus nicht konkurrenzfähig ist

Thema ist hier nicht, wie der Titel vielleicht vermuten lässt, ein Vergleich zwischen verschiedenen Musikstilen. Es geht um einen möglichen Kandidaten im Wettstreit um das Wort mit der höchsten Anzahl aufeinanderfolgender Konsonanten.

Feststellung

Bei Wörtern mit langer Konsonantenfolge ist das Wort Marschrhythmus durchaus konkurrenzfähig … Ich denke, dass Y sehr wohl ein Konsonant ist

Reaktion

Sehr geehrter Herr P.,

es ist nicht üblich, das y einfach als Konsonant zu bezeichnen. Es ist nämlich „nur“ eine Schreibvariante von j, i oder ü, die in Fremdwörtern vorkommt. Abhängig davon, wie das y ausgesprochen wird, gilt es wie i und ü als Vokal (zum Beispiel in Baby, Ägypten, Ypsilon) oder wie j als Halbvokal (zum Beispiel in Yoga, Youtube). Nur wenn man das j zu den Konsonanten rechnet, kann auch das y bei entsprechender Aussprache als ein solcher bezeichnet werden.

Das y in Marschrhythmus wird wie der Vokal ü ausgesprochen (von einigen auch wie i). Es zählt deshalb als Vokal. (Wenn dies nicht so wäre, hätte Marschrhythmus nach der üblichen Definition nur zwei statt drei Silben.) Das Wort Marschrhythmus ist somit mit seinen sechs aufeinanderfolgenden Konsonanten -rschrh- zwar eindrücklich, aber leider kein Kandidat für das Siegerpodest. Dort stehen Wörter wie Angstschrei und Borschtschschmand (siehe hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kapstadt, seine Einwohner/-innen und der Umlaut

Frage

Wir rätseln, wie die korrekte Bezeichnung für die Einwohner(innen) Kapstadts ist: Kapstadter, Kapstädter oder ganz anders?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

Kapstadter, Kapstädter, beide Bezeichnungen sind im Prinzip vertretbar, eine allgemein bindende Bezeichnung gibt es nicht. Die meisten Städte mit einem Namen auf -stadt haben Einwohner auf -städter/-städterin. Von Albstadt über Darmstadt, Eisenhüttenstadt, Friedrichstadt und viele andere bis hin zu Wörrstadt, alle haben Einwohner und Einwohnerinnen mit ä: Albstädter/in, Darmstädter/in, Eisenhüttenstädter/in, Friedrichstädter/in, Wörrstädter/in usw. Einwohnernamen auf -stadter/-stadterin sind eine Ausnahme. So wohnen in Neustadt an der Weinstraße nicht Neustädter und Neustädterinnen wie in anderen Neustadt genannten Städten, sondern Neustadter und Neustadterinnen.

Entsprechend ist auch viel häufiger von Kapstädtern und Kapstädterinnen die Rede als von Kapstadtern und Kapstadterinnen. Da wir einen deutschen Namen für Cape Town, Kaapstad oder iKapa verwenden, würde ich empfehlen, auch bei Ableitungen die im deutschen üblicherer Variante mit Umlaut zu verwenden: Kapstädter und Kapstädterin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Meine Lieblings-neue-Freundin

Noch eine Frage im Bereich der Wortbildung:

Frage

Ich habe eine Frage in Bezug auf das Wort „Lieblings-“ in seiner Bildung mit einem Substantiv. Und zwar: Kann man das Wort mit einem Nomen immer noch zusammenbilden, wenn es zwischen ihm und dem dazu gehörigen Substantiv ein Adjektiv gibt? Wenn ja, wie? Z.B. ich wollte gerade eine Freundin zum Geburtstag gratulieren, die ich vor einigen Monaten kennengelernt habe, und ich wollte ihr sagen „Du bist meine Lieblings neue Freundin“, was klarerweise zu unterscheiden ist von „Du bist meine neue Lieblingsfreundin“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

im Standarddeutschen kann Lieblings- nur direkt mit einem Substantiv kombiniert werden (Lieblingsfilm, Lieblingsessen, Lieblingsfreundin). Es gibt kein Wortbildungsmuster, nach dem ein Substantiv mit einer Wortgruppe, die aus einem gebeugten Adjektiv und einem Substantiv besteht, eine Zusammensetzung bilden kann. Formulierungen wie meine Lieblings-neue-Freundin sind standardsprachlich nicht möglich.

Solche Formulierungen kommen allerdings in der (gesprochenen) Umgangssprache vor. Zum Beispiel:

mein Lieblings-schnelles-Abendessen
in seinem Lieblings-warmen-Pullover
ihr Lieblings-neuer-Film

Da solche Konstruktionen standardsprachlich nicht vorgesehen sind und sie umgangssprachlich offenbar nicht allzu häufig vorkommen, gibt es (noch?) keine Rechtschreibregel, die auf sie zutrifft. Ich empfehle hier die Schreibung mit Bindestrichen, wenn man sie schriftlich wiedergeben will:

meine Lieblings-neue-Freundin

Es würde meiner Meinung nach zu einer vorläufig noch allzu ungewöhnlichen Schreibung führen, die Form lieblings ähnlich wie das umgangssprachliche super als unveränderliches Adjektiv zu behandeln (vgl. hier): meine lieblings neue Freundin. Es wäre allerdings eine erwägenswerte und vertretbare Lösung, falls sich diese Art der Formulierung etablieren sollte.

Eine Frage bleibt noch: Wie drückt man dasselbe standardsprachlich aus? Sie sagen zu Recht, dass meine Lieblings-neue-Freundin und meine neue Lieblingsfreundin nicht ganz dieselbe Bedeutung haben. Die neue Lieblingsfreundin ist eine Freundin, die neu den Platz der bevorzugten Freundin einnimmt. Die Lieblings-neue-Freundin hingegen ist eine Freundin, die die bevorzugte Stellung unter den neuen Freundinnen hat (und neben der es noch eine andere oder sogar eine absolute Lieblingsfreundin geben kann). Wie also drücke ich solche umgangssprachlichen Formulierungen standardsprachlich aus? Ein paar Versuche:

die liebste meiner neuen Freundinnen
mein bevorzugtes schnelles Abendessen
der neue Pullover, der mir am liebsten ist
der neue Film, der mir am besten gefällt

Aber wie häufig, wenn man Umgangssprachliches oder Mundartliches in die Standardsprache übersetzt, haben diese Formulierungen vielleicht nicht ganz dieselbe gefühlsmäßige Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp
(Autor Ihrer Lieblings-deutschen-Onlinegrammatik)

Von fossil zu Fossil und andere Ableitungsfragen

Frage

Im Canoo-Lexikon findet sich im Bereich Wortbildung (genauer: Konversion) folgendes Beispiel zur Nomenableitung aus Adjektiven: Fossil von fossil. Meine Frage dazu: Woher meint man zu wissen, dass sich das Nomen vom Adjektiv herleitet und nicht etwa umgekehrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei Wörtern, zwischen denen ein Ableitungsverhältnis besteht, ist es manchmal schwierig oder sogar unmöglich, zu sagen, wie genau dieses Wortbildungsverhältnis aussieht. In vielen Fällen ist die Bestimmung des Ableitungsverhältnisses einfach: Das Wort mit dem zusätzlichen Präfix oder Suffix ist die Ableitung.

ableiten + ung → Ableitung
Wort + lich → wörtlich
be + fragen → befragen

Manchmal ist es aber nicht ganz so einfach. Ist zum Beispiel ein Roggenbrötchen ein kleines Roggenbrot oder ist es ein Brötchen aus Roggenmehl?

Roggenbrot + chen → Roggenbrötchen
Roggen + Brötchen→ Roggenbrötchen

Ist eine Tierärztin ein weiblicher Tierarzt oder eine Ärztin für Tiere?

Tierarzt + in → Tierärztin
Tier + Ärztin → Tierärztin

Ist Kindergärtner wirklich das Basiswort und Kindergärtnerin die Ableitung? Kindergärtner hat zwar ein Suffix weniger, aber es gab zuerst Kindergärtnerinnen und erst später haben auch Männer angefangen, diesen Beruf auszuüben:

Kindergärtner → Kindergärtnerin
Kindergärtnerin → Kindergärtner

Gerade bei der Konversion, das heißt bei der Ableitung ohne Präfixe oder Suffixe, ist es nicht immer gleich offensichtlich, in welcher Richtung die Ableitung verlaufen ist. Das Verb würfeln kommt von Würfel, während das Substantiv Schmuggel von schmuggeln abgeleitet ist. Das Substantiv Rot kommt vom Adjektiv rot, während das Adjektiv orange vom Substantiv Orange kommt.

Würfel → würfeln
schmuggeln →  Schmuggel

rot → Rot
Orange → orange

In vielen Fällen lässt sich aus formalen Kriterien, der Bedeutung oder der Wortgeschichte erschließen, welches Ableitungsverhältnis besteht oder am wahrscheinlichsten ist. In anderen Fällen wie zum Beispiel Tierärztin muss man entweder einfach beide Ableitungsvarianten angeben oder, wenn dies wie in unseren Wortbildungsbäumen nicht möglich ist, ein rein pragmatisches Vorgehen wählen. (In Canoonet: Weibliche Personenbezeichnungen mit in werden von der männlichen Personenbezeichnung abgeleitet.)

Im Fall von fossil – Fossil ist das Ableitungsverhältnis unklar, wenn man nur das Deutsche anschaut. Hier kommt uns die Wortgeschichte zu Hilfe. Der Wortausgang il geht nämlich auf die lateinische Adjektivendung ilis zurück, die u. A. auch in agil, infantil, taktil und viril vorkommt.

Unser Adjektiv fossil kommt über das französische fossile vom lateinischen fossilis = ausgegraben, auszugraben. Es ist eine Ableitung vom Partizip fossum des Verbs fodere = graben. Auch die Substantivierung Fossil haben wir aus dem Französischen übernommen. Die Ableitung fossil → Fossil hat also wortgeschichtlich gesehen schon im Französischen oder sogar schon im Lateinischen stattgefunden. Da dieses Ableitungsverhältnis im Deutschen einfach nachvollziebar ist, geben wir es auch in Canoonet so an.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann man stolz auf einen selbst sein?

Frage

Ist der Satz „Am Ende ist man stolz auf einen selbst“ grammatikalisch richtig oder muss es heißen „Am ist man stolz auf sich selbst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es sich in der dritten Person auf das Subjekt des Satzes bezieht. Das gilt auch dann, wenn das unpersönliche man Subjekt ist. In Ihrem Satz ist die Person, auf die man stolz ist, identisch mit dem Subjekt man. Das Pronomen, das nach auf folgt, bezieht sich somit auf das Subjekt. Die richtige Wahl ist hier deshalb sich (evtl. mit verstärkendem selbst), nicht einen selbst:

Am Ende ist man stolz auf sich [selbst].

Vgl.

Am Ende ist er/sie stolz auf sich [selbst].
Am Ende sind sie stolz auf sich [selbst].

Auch in den folgenden Beispielen steht nicht einen oder einem, sondern sich:

Vor dem Essen sollte man sich die Hände waschen.
(nicht: … sollte man einem selbst die Hände waschen)
Man darf sich nicht wundern, dass …
(nicht: Man darf einen selbst nicht wundern, dass …)
Wenn man mit sich und der Welt zufrieden ist …
(nicht: Wenn man mit einem selbst und der Welt zufrieden ist …)

Das unpersönliche Pronomen einen steht dann, wenn es sich nicht auf das Subjekt des Verbs bezieht:

Es darf einen nicht wundern, dass …
Man möchte ja, das jemand auf einen stolz ist.

Solche Formulierungen mit einen und einem werden heute allerdings von vielen vermieden, weil sie eine allgemein gemeinte Aussage mit einem rein männlichen Pronomen ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp