Die Inselfrage

Aus irgendeinem Grund wird Deutschlernenden immer wieder gerne die Verwendung der Präpositionen bei Inselnamen vorgelegt; meist in etwas gar vereinfachter Form. Ganz so eindeutig und einfach, wie viele es gerne hätten, ist es nämlich nicht. Es kommt deshalb immer wieder zu Fragen – und gelegentlich sogar zu erhitzten Diskussionen.

Frage

Ich habe gelernt, dass ich die Präposition „aus“ verwenden muss, wenn ich nach meinem Heimatland gefragt werde: „Ich komme aus Kolumbien, aus Deutschland, aus den USA, aus der Schweiz, usw.“ Aber jetzt sagt jemand, dass nicht die Präposition „aus“, sondern die Präposition „von“ verwenden muss, wenn ich in den Kanarischen Inseln oder in den Philippinen geboren wurde: Ich komme von den Philippinen, von den Kanarischen Inseln. Stimmt es und warum?

Insel

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die unterschiedliche Wahl der Präpositionen hat damit zu tun, dass man bei Ländern im Allgemeinen das Bild hat, dass man sich innerhalb von ihnen befindet. Bei Inseln hingegen ist das Bild, dass man sich oben auf ihnen befindet:

Wo?
Ich bin in Deutschland / in Österreich / in Spanien.
Ich bin in der Schweiz / in der Türkei / in den Niederlanden.

Ich bin auf Sardinien / auf Sylt.
Ich bin auf der Mainau / auf den Kanarischen Inseln.

Bei Richtungsangaben wird es komplizierter. Hier muss man zwischen Namen mit Artikel und Namen ohne Artikel unterscheiden:

Wohin?
Ich fahre nach Deutschland / nach Österreich / nach Spanien.
Ich fahre in die Schweiz / in die Türkei / in die Niederlande.
Ich fahre in das schöne Österreich.

Ich fliege nach Sardinien/ nach Kreta.
Ich fahre auf die Mainau / auf die Kanarischen Inseln.
Ich fliege auf das schöne Sardinien.

Bei Herkunftsangaben machen die Grammatiken keine Angaben mehr.  Entsprechend(?) ist die Unterscheidung nicht mehr so streng. Es gilt im Allgmeinen:

Woher?
Ich komme aus Deutschland / aus Österreich / aus Spanien.
Ich komme aus der Schweiz / aus der Türkei / aus den Niederlanden.

Ich komme aus Sardinien / aus Kreta / aus dem schönen Sardinien.**
Ich komme von/(aus) den Antillen / von/(aus) den Kanarischen Inseln.

Die „Grundregel“ ist also schon recht kompliziert. Es halten sich auch lange nicht alle immer daran, und nicht immer sind dies einfach „Leute, die kein Deutsch können“. Wenn eine Insel nämlich als Land oder größere Verwaltungseinheit gesehen wird, können die Präpositionen wie bei Ländern auf dem Festland verwendet werden, ohne dass man gleich von einem Regelverstoß sprechen muss. Es geht dann weniger um die geografische Gestalt als um die politische Verwaltungseinheit. Zum Beispiel:

die Menschenrechtssituation auf Jamaika oder in Jamaika
arbeitslos auf Grönland oder in Grönland

Autofahren auf den Philippinen oder in den Philippinen
von den Philippinen kommen oder aus den Philippinen kommen

Wenn eine Insel ein ganzer Kontinent ist, verschwindet das „Inselgefühl“ sogar ganz. Es heißt immer

in Australien
nach Australien
aus Australien

Ich hätte es gerne einfacher gehalten, aber ganz so eindeutig, wie einige es behaupten, ist die Situation in dieser Inselfrage leider(?) nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Je kleiner und deutscher die Insel, desto stärker offenbar die Tendenz, hier von zu verwenden:

Ich komme von/(aus) Sylt

Was Pax Christi, Alfred Hitchcock und Alfa Romeo (in Zusammensetzungen) gemeinsam haben

Das Thema Bindestriche und mehrteilige Namen beschäftigt viele immer wieder.

Frage

Rechtschreibung:

Pax Christi Leute oder Pax Christi-Leute
Pax Christi Bewegung oder Pax Christi-Bewegung

… mit oder ohne Bindestrich?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

die korrekte Schreibweise verlangt sogar zwei Bindestriche:

Pax-Christi-Leute
die Pax-Christi-Bewegung

In Zusammensetzungen mit einer Wortgruppe setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich (Regel). Zum Beispiel:

der Erste-Hilfe-Kurs
die Social-Media-Expertin
das Oben-ohne-Lokal (so nannte man früher eine »Topless Bar«)
die Berg-und-Tal-Bahn
die Mund-zu-Mund-Beatmung

Das gilt im Gegensatz zu dem, was viele meinen, auch für Zusammensetzungen mit mehrteiligen Personennamen und Namen von Firmen, Organisationen, Veranstaltungen usw. (Regel). Man darf, nein muss nach der Rechtschreibregelung auch mehrteilige Eigennamen durch Bindestriche „grafisch verändern“:

in einem Alfred-Hitchcock-Film
eine Niky-de-Saint-Phalle-Figur
das Mies-van-der-Rohe-Haus
Marilyn-Monroe-artig
ein Rolling-Stones-Album
der New-Orleans-Jazz
die Rio-de-la-Plata-Mündung
die Opus-Dei-Bewegung
die Academy-Award-Gewinnerin
die dritte Tour-de-France-Etappe
der Deutsche-Bank-Chef
das Microsoft-Word-Dokument (MS-Word-Dokument)
die Alfa-Romeo-Vertretung
die Coca-Cola-Werbung

Wir sind also in durchlaufenden Texten nicht dazu verpflichtet, die Leerschritte in Eigennamen und Logos zu respektieren, ganz egal ob sie nun deutschen oder fremdsprachigen Ursprungs sind. Sie schreiben also regelkonform nicht:

*in einem Alfred Hitchcock-Film
*das Microsoft Word-Dokument
*die Alfa Romeo-Vertretung

und auch nicht:

*in einem Alfred Hitchcock Film
*das Microsoft Word Dokument
*die Alfa Romeo Vertretung
*die Coca-Cola Werbung

Nun gibt es Leute, denen es ein Gräuel im Auge ist, gewohnte Schriftbilder und Logos durch Bindestriche zu verändern. Wenn Sie zu diesen Leuten gehören und trotzdem regelkonform schreiben möchten, bleibt immer noch die Möglichkeit, den Ausdruck umzugestalten. Beispiele:

in einem Film von Alfred Hitchcock
die dritte Etappe der Tour de France
die Gewinnerin des Academy Awards
der Chef der Deutschen Bank

Das ist aber – wie inzwischen wahrscheinlich zur Genüge gesagt – auch bei Eigennamen nicht notwendig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Unterschied zwischen Christoph Kolumbus und George Clooney

Außer dass Kolumbus und Clooney beide Männer sind, die außerdem etwas mit Amerika zu tun haben – der eine hat es für die Europäer (wieder)entdeckt und der andere wurde dort geboren –, gibt es wohl vor allem Unterschiede. Hier geht es darum, dass wir im Deutschen sehr unterschiedlich mit den anderssprachigen Namen der beiden Herren umgehen.

Frage

Eigennamen werden ja allgemein nicht an die Sprache angepasst. Somit sind Sie auch in New York Mr. Bopp, und Mr. Clooney ist auch in Italien Sig. Clooney.  Dennoch schreibt man bspw. Aristoteles, Platon oder Kolumbus im Englischen anders (Aristotle, Plato, Columbus). Warum ist das so? Und gibt es hierfür eine Regel, die ich nicht erkennen kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

eine Regel gibt es nicht, eine Erklärung aber schon: Der Unterschied liegt darin, dass Namen aus anderen Sprachen, insbesondere Namen historischer Persönlichkeiten, früher an die eigene Sprache angepasst wurden, dies aber heute bei Personen „jüngeren Datums“ nicht mehr geschieht. Früher war der Umgang mit Namen aus anderen Sprachen also freier als heute.

Anhand der Beispiele, die Sie anführen, lässt sich gut zeigen, dass dies nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen Sprachen so war und ist:

de: Aristoteles
en: Aristotle
fr: Aristote
it: Aristotele
sp: Aristóteles
pl: Arystoteles

Bei Aristoteles kommt hinzu, dass der Name ursprünglich mit griechischen Buchstaben geschrieben wurde: Αριστοτέλης. Bei der Übertragung vom griechischen ins lateinischen Alphabet haben verschiedene Sprachen verschiedene Methoden entwickelt. Beim ursprünglich italienischen Entdecker der Neuen Welt spielt das allerdings keine Rolle:

it: Cristoforo Colombo
de: Christoph Kolumbus
en: Christopher Columbus
fr: Christophe Colomb
sp: Cristóbal Colón
pl: Krzysztof Kolumb

Im Gegensatz dazu werden neuere Namen in allen Sprachen (mit lateinischem Alphabet) gleich geschrieben:

George Clooney
Margaret Thatcher
Jeanne Moreau
Giuseppe Verdi

Zwei Ausnahmen gibt es auch hier: Namen von Herrschern und original nicht mit lateinischen Buchstaben geschriebene Namen werden ebenfalls meist an die eigene Sprache angepasst.

it: Vittorio Emanuele III (1869-1947)
de: Viktor Emanuel III.
en: Victor Emmanuel III
fr: Victor-Emmanuel III
sp: Víctor Manuel III
pl: Wiktor Emanuel III

Bei den aus anderen Schriftsystemen übernommenen Namen geht es eigentlich „nur“ um die lautliche Wiedergabe des ursprünglichen Namens. Es geht also weniger um eine wirkliche Anpassung des Namens an die eigene Sprache als um die Wiedergabe des Namens in der eigenen Schrift:

ru: Михаил Горбачёв
de: Michail Gorbatschow
en: Mikhail Gorbachev
fr: Mikhaïl Gorbatchev
sp: Mijaíl Gorbachov
pl: Michaił Gorbaczow

Abgesehen davon, dass die historische Bedeutung von George Clooney etwas geringer ist (und voraussichtlich auch bleiben wird) als diejenige von Christoph Kolumbus, ist es vor allem die Tatsache, dass er aus unserer eigenen Epoche stammt, dass er hierzulande nicht zu Georg Kluhni wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Gurgelbacher gegen die Mönche

Das Einzige, was ich als Sportmuffel erster Klasse zum morgigen Duell in London beitragen kann, ist ein wenig Namenkunde:

Bayern

Wo die Bayern herkommen ist ungeklärt. Lange Zeit wurde angenommen, dass sie im 5. Jahrhundert aus Böhmen eingewandert waren und sich mit ein paar Germanen und der verbleibenden römisch-keltischen Bevölkerung vermischt hatten. Der Name Bayern wäre demnach über Bajuwaren aus einem alten Wort mit der ungefähren Bedeutung Männer aus Böhmen entstanden. Neuere Forschungen zeigen aber, dass dies nicht so sein kann, werfen damit aber mehr Fragen auf, als sie beantworten.* Sicher und recht bekannt ist, dass die heutige Schreibung mit y auf einen Beschluss König Ludwigs I. im Jahre 1825 zurückgeht. Bevor der große Verehrer der antiken Griechen das griechische Ypsilon einführte, war die Schreibung Baiern üblich.

*Die Anfänge Bayerns, Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria, hrsg. von Hubert Fehr und Irmtraut Heitmeier, EOS Verlag, 2012

Borussia

Mit einer klassischen Sprache hat auch dieser Name zu tun. Borussia ist die neulateinische Bezeichnung für Preußen. In der Zeit, als man wichtige Texte noch in lateinischer Sprache abfasste, wurden auch die Ortsbezeichnungen latinisiert. So wurde zum Beispiel Hessen in lateinischen Texten zu Hassia, Leipzig zu Lipsia, Bayern zu Bavaria und Preußen zu Borussia. Der Fußballclub wurde aber – so will es zumindest die Legende – nicht direkt nach Preußen, sondern nach einer Brauerei mit dem Namen Borussia benannt.

Dortmund

Dieser Name ist wahrscheinlich germanischen Ursprungs. Die älteste Nennung von Dortmund stammt aus dem Jahr 889: Throtmanni. Darüber, wo dieser Name herkommt, herrscht – wie könnte es anders sein – Uneinigkeit. Der erste Teil des Namens könnte auf das altgermanische Wort throt (Kehle, Gurgel, Schlund, Hals) zurückgehen, das heute noch im englischen throat fortlebt. Der zweite Teil könnte vom altsächsischen Wort manni (Gewässer) oder einer altgermanischen Form *munt (Berg, Hügel, Anhöhe) kommen. Dortmund bedeutete dann also Gurgelbach oder Berg mit einem Einschnitt o. Ä. Problematisch ist allerdings, dass nicht nachgewiesen werden kann, dass es dort einen Gurgelbach oder einen Hügel mit Einschnitt gegeben hat. Eine weitere Theorie meint dann auch, dass Dortmund ursprünglich einem Mann namens Throtmann gehört haben könnte. Der neulateinische Name ist übrigens Tremonia, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

München

Der Name München wird üblicherweise aus bei den Mönchen hergeleitet. Im Jahr ihrer Gründung, 1158, wurde die Stadt in einem Dokument apud Munichen genannt (apud = lateinisch bei, munich = althochdeutsch Mönch). Auf dem dortigen Petersbergl gab es schon seit dem 8. Jahrhundert eine Siedlung von Mönchen. Der Mönch im Stadtwappen sowie der neulateinische Name Monacum o. Monachum (lat. monachus = Mönch) gehen auf diese Erklärung zurück.

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Den eingefleischten Fans mag dies alles ganz egal sein, Hauptsache, ihre Mannschaft gewinnt. Ich meine dazu ganz diplomatisch: Ob es nun die Gurgelbacher oder die Mönche sind, möge die bessere Mannschaft gewinnen!

Guineisch und guineanisch

Kommentar

Leider vermisse ich einen Eintrag zu guineanisch, in Bezug auf Guinea.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Sie finden das Wort guineanisch nicht in Canoonet, weil das im Deutschen übliche Adjektiv zu Guinea anders lautet: guineisch. Die Menschen aus Guinea sind Guineerinnen und Guineer. Das Gleiche gilt für Äquatorialguinea: äquatorialguineisch, Äquatorialguineer, Äquatorialguineerin. Nicht nur in Afrika, sondern auch auf einem anderen Kontinent geht es wortbildungsmäßig gleich zu, jedenfalls auf Deutsch: Die Einwohner des neuguineischen Staates Papua-Neuginea werden offiziell Papua-Neuguineer und Papua-Neuguineerinnen genannt.

Auch wenn guineanisch nicht die „korrekte“ Form ist, klingt es eigentlich gar nicht so falsch. Zu vielen Ländernamen, die auf a enden, gehört nämlich ein Adjektiv auf anisch. Aber offensichtlich nicht zu allen. Um der Sache einmal etwas genauer nachzugehen, habe ich im „Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland“ nachgesehen. Dort habe ich u. a. die folgenden Angaben gefunden:

Viele Namen, die auf a enden, haben tatsächlich ein Adjektiv auf anisch:

Andorra, andorranisch, Andorraner/-in
Angola, angolanisch, Angolaner/-in
Antigua, antiguanisch, Antiguaner/-in
Costa Rica, costa-ricanisch, Costa Ricaner/-in o. Costa-Ricaner/-in
Jamaika, jamaikanisch, Jamaikaner/-in
Kambodscha, kambodschanisch, Kambodschaner/-in
Korea, koreanisch, Koreaner/-in
Kuba, kubanisch, Kubaner/-in
Liberia, liberianisch, Liberianer/-in
Nicaragua, nicaraguanisch, Nicaraguaner/-in
Nigeria, nigerianisch, Nigerianer/-in
Samoa, samoanisch, Samoaner/-in
Südafrika, südafrikanisch, Südafrikaner/-in

Bei den folgenden Namen ist es zweifelhaft, ob man beim Adjektiv von der Endung anisch oder isch sprechen muss:

Botsuana, botsuanisch, Botsuaner/-in
Guayana, guayanisch, Guayaner/-in
Guyana, guyanisch, Guyaner/-in
Tansania, tansanisch, Tansanier/-in

Nur die Endung isch haben die Adjektive der folgenden Ländernamen auf a:

Bermuda(s), bermudisch, Bermuder/-in
Burkina Faso, burkinisch, Burkiner/-in
Eritrea, eritreisch, Eritreer/-in
Gambia, gambisch, Gambier/-in
Guinea, guineisch, Guineer/-in
Kanada, kanadisch, Kanadier/-in
Malaysia, malaysisch, Malaysier/-in
Namibia, namibisch, Namibier/-in
Ruanda, ruandisch, Ruander/-in
Sambia, sambisch, Sambier/-in
Sri Lanka, sri-lankisch, Sri Lanker/-in o. Sri-Lanker/-in
Uganda, ugandisch, Ugander/-in

Wie man sieht, fällt das a am Ende des Namens vor isch in der Regel weg. Manchmal aber auch nicht:

Ghana, ghanaisch, Ghanaer/-in
Panama, panamaisch, Panamaer/-in
Tonga, tongaisch, Tongaer/-in

Noch komplizierter wird die ganze Angelegenheit durch Fälle wie diese:

Venezuela, venezolanisch, Venezolaner/-in
China, chinesisch, Chinese/Chinesin
Malta, maltesisch, Malteser/-in
Guatemala, guatemaltekisch, Guatemalteke/Guatemaltekin

Es gibt also keine feste Regel, wie zu geographischen Namen gehörende Adjektive und Einwohnerbezeichnungen gebildet werden müssen. Und dann reden wir hier nur von den auf a endenden Namen von Ländern! Das liegt daran, dass die deutschen Bezeichnungen sich teilweise, aber lange nicht immer und schon gar nicht konsequent nach den Bezeichnungen der am entsprechenden Ort (oder anderswo) gesprochenen Sprache richten. Dieses Durcheinander haben wir also den „Ausländern“ zu verdanken. Weit gefehlt! Die Bezeichnungen haben „wir“ selbst gewählt – und bei unserem eigenen Kontinent erlauben wir uns sogar einen ziemlich unsystematischen Umlaut: Europa, europäisch, Europäer/-in.

Es heißt also guineisch und nicht guineanisch, aber wirklich logisch ist das nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aßlar, Esslingen, Pressburg

Die Rechtschreibreform liegt einige Jährchen zurück und die Wogen haben sich zumindest in der öffentlichen Diskussion seit einiger Zeit wieder geglättet. Auch an dieser Stelle werden kaum mehr Fragen dazu gestellt. Hier folgt doch noch ein Thema, das vielleicht noch für diejenigen neu sein könnte, die nicht in oder neben einem Ort wohnen, der mit ß geschrieben wird:

Frage

Heute geht es mir um eine Diskussion darüber, wie die deutsche Version von Bratislava zu schreiben ist. Da es sich um einen historischen Namen handelt, meine ich, dass es Preßburg heißen muss, also die Regeln der Rechtschreibreform in diesem Spezialfall nicht greifen. Allerdings sieht das die Redaktion der zweibändigen Ausgabe von „WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung“, 2007, anders. Auf Seite 1360 steht blau hervorgehoben „Pressburg“ […].

Ein weiteres Argument für Preßburg: Auch die Schreibweise von Altjeßnitz, Aßlar, Aßling, an der Riß, Eßbach, Faßberg, Saßnitz und etlicher anderer Orte müssten – wenn Preßburg neuerdings Pressburg hieße, wohl geändert werden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die aktuellen Ausgaben von Wahrig, Duden und Canoonet geben die Schreibung Pressburg an. Wie kommen sie dazu? Die Schreibung von Eigennamen ist nur bedingt an die Rechtschreibregelung gebunden. Eine wichtige Rolle spielt dabei, ob es sich um einen offiziellen Ortsnamen in einem deutschsprachigen Gebiet handelt oder nicht.

Bei offiziellen Ortsnamen (Städte, Dörfer, Länder, Landkreise, Bezirke usw.) in Regionen mit Deutsch als Amtssprache ist die Schreibung juristisch festgelegt. Diese amtlich festgelegte Schreibung kann nur durch einen Rechtsakt geändert werden, wenn sie zum Beispiel der Reformschreibung angepasst werden soll. Deshalb gelten an vielen Orten noch die hergebrachten Schreibungen: Aßlar, Aßling, Haßloch, Meßkirch. Bei Esslingen am Neckar und Sassnitz wurde der offizielle Name übrigens schon vor der Reform geändert: Eßlingen wurde 1964 offiziell zu EsslingenSaßnitz 1993 zu Sassnitz. Diese beiden Namen werden also seit der Reform sozusagen wieder „richtig“ geschrieben.

Bei anderen geografischen Namen (Weiler, Höfe, Berghütten, Flurnamen usw.) wird die Schreibung durch die Eigentümer oder durch verantwortliche Institutionen bestimmt. Es wird empfohlen, die Namen der reformierten Schreibung anzupassen, es gibt aber keine Verpflichtung dazu, denn auch die amtliche Regelung lässt bei geografischen Bezeichnungen Schreibungen zu, die nicht mit den allgemeinen Rechtschreibregeln übereinstimmen (Amtl. Regelung, Laut-Buchstaben-Zuordnung, Vorbemerkungen, Absatz 3.2.).

Es bleiben noch die deutschen Namen für Orte in Regionen, die nicht Deutsch als Amtssprache haben. Es wird empfohlen und es ist auch üblich, hier die neue Schreibung zu verwenden. Beispiele sind Elsass, Russland, Parnass (Griechenland), Pressburg, Schässburg (Rumänien) statt wie vor der Reform Elsaß, Rußland, Parnaß, Preßburg, Schäßburg.

Dies erklärt die unterschiedliche Handhabung der ss/ß-Schreibung bei zum Beispiel Aßlar und Pressburg.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Genitivendung des modernen Mitteleuropa(s)

Frage

Ich kann mich nicht entscheiden, ob in folgendem Beispiel das Genitiv-s stehen muss oder nicht:

Bildband des kulturellen Mitteleuropa(s)

Was ist richtig? Vielleicht ist beides möglich? Im heutigen Sprachgebrauch ist ja zu beobachten, dass das Genitiv-s in vielen Fällen nicht mehr gesprochen oder geschrieben wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beides ist möglich:

Bildband des kulturellen Mitteleuropas
Bildband des kulturellen Mitteleuropa

Grundsätzlich haben geografische Namen, die ohne Artikel verwendet werden, im Genitiv die Endung s:

Mitteleuropas Kultur
Abu Dhabis Erdölreserven
Hausbootferien auf Mecklenburgs Seen
Canoo, Basels beste Firma

Das gilt auch dann, wenn der Name nachgestellt ist:

die Kultur Mitteleuropas
die Erdölreserven Abu Dhabis
Hausbootferien auf den Seen Mecklenburgs
Canoo, die beste Firma Basels

Geografische Namen dieser Art werden mit Artikel verwendet, wenn sie eine nähere Bestimmung haben. Im Genitiv fällt die Endung s dann häufig weg:

ein Bildband des modernen Europa o. des modernen Europas
die Wirtschaft des erdölreichen Abu Dhabi o. (selten) des erdölreichen Abu Dhabis
im Herzen des ländlichen Mecklenburg o. des ländlichen Mecklenburgs
eine Karte des mittelalterlichen Basel o. des mittelalterlichen Basels

Siehe auch hier.

Dann noch eine Nebenbemerkung: Wenn Sie einmal ganz, ganz sicher sein wollen, dass niemand, aber auch wirklich niemand Ihnen einen Fehler ankreidet, können Sie die Version mit s verwenden. Seit häufiger geklagt wird, dass der Genitiv bedroht sei, gibt es immer wieder Leute, die alle endungslosen Formen im Genitiv verurteilen, auch wenn diese wie hier wirklich nicht falsch sind. Und sonst nehmen Sie einfach die Form, die Ihnen am meisten zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein wenig der Milch

Eine Frage, die schon vor einiger Zeit gestellt worden ist:

Frage

Ich denke über „mit ein wenig Milch“ nach. Warum wird „ein wenig“ nicht dekliniert? Und warum wird „Milch“ unverbunden angeschlossen und kein Genitiv- oder präpositionales Attribut (mit von) verwendet? Den gleichen Befund zeigen Wörter wie „viel“ oder „genug“.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

es würde der Struktur des Deutschen nicht grundsätzlich widersprechen, wenn man statt ein wenig Milch auch ein wenig der Milch oder ein wenig von Milch sagen würde, doch man tut dies nicht. Warum genau sich eine Sprache für eine von mehreren Möglichkeiten entscheidet, ist oft schwierig oder unmöglich zu ergründen. Hier folgen zumindest ein paar Angaben dazu, wie man die im Deutschen übliche Ausdrucksweise analysieren kann:

  • Das unbestimmte Pronomen und Artikelwort ein wenig ist immer unveränderlich (siehe hier).
  • Die unbestimmten Zahlwörter viel und wenig bleiben im Singular vor einem Nomen meist ungebeugt (siehe hier).
  • Das Wort genug wird meist bei den Adverbien eingeteilt. In zum Beispiel genug Milch hat es aber wie viel und wenig die Funktion eines unbestimmten Zahlwortes. Auch als unbestimmtes Zahlwort ist es unveränderlich.

Es handelt sich hier also um unbestimmte Artikelwörter oder Zahlwörter, die vor dem Nomen stehen und in der Regel unveränderlich sind.

(Es ist übrigens nicht immer unmöglich, ein wenig der Milch zu sagen. Man hat dann schon von einer bestimmten Art oder Menge von Milch gesprochen und fährt dann zum Beispiel wie folgt weiter: „Gießen Sie ein wenig der Milch in eine Tasse und …“)

Nach dem Grund, warum viel und wenig im Singular meist ungebeugt bleiben, müsste ich raten. Die Wendung ein wenig hat im Laufe ihrer Entwicklung den substantivischen Charakter verloren und ist zum unveränderlichen Artikelwort resp. Pronomen „degradiert“ worden. Das spiegelt sich auch in der Rechtschreibung wieder: ein wenig wird kleingeschrieben. Eine ähnliche Entwicklung haben auch ein bisschen und ein paar durchlaufen.

Wie Sie sehen, ist es gut möglich, eine Entwicklung oder ein Phänomen zu beschreiben. Die Frage danach, warum eine Entwicklung so und nicht anders verlaufen ist und warum man etwas so und nicht anders sagt, kann aber sehr oft nicht beantwortet werden. Das ist ein bisschen frustierend, wenn man wie ich lieber schöne Erklärungen anbieten möchte, aber es muss auch einmal gesagt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Carinthischer Sommer im Kärntner Sommer

Frage

Ich war 10 Tage in Kärnten und es hat mir gut gefallen. In Kärnten spricht man über den „Carintischen Sommer“. Ich verstehe das nicht. Der carinthische Sommer oder der kärntnerische Sommer??

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wenn man ein Adjektiv zu Kärnten braucht, steht eine relativ große Auswahl zur Verfügung. Am häufigsten wird das unveränderliche, großgeschriebene Kärntner verwendet. Daneben gibt es kärntnerisch, insbesondere im Zusammenhang mit den in Kärnten gesprochenen Mundarten. Sonst gibt es keinen eindeutigen Anwendungsunterschied zwischen Kärntner und kärntnerisch (vgl. Schweizer vs schweizerisch). Weiter kommt offenbar seltener auch noch kärntisch vor.

Das Adjektiv carinthisch ist eine neuere Bildung, die von Carinthia, der neulateinischen Bezeichnung für Kärnten, abgeleitet ist. Sie kommt vor allem in gehobeneren und kulturellen Kontexten vor. Carinthischer Sommer ist dann auch der Name eines Musik- und Kulturfestivals. Wenn man vom Sommer in Kärnten spricht, heißt es in der Regel einfach Kärntner Sommer oder kärntnerischer Sommer.

Ob diese Angaben wirklich ganz genau dem Gebrauch dieser Adjektive in Kärnten entsprechen, wage ich nicht zu behaupten. Dafür kenne ich Kärnten bei Weitem nicht gut genug. Aus allgemeinsprachlicher Sicht sollten sie aber zutreffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Gerne würde ich an Ort und Stelle der Frage nachgehen, ob die obenstehenden allgemeinen Angaben auch für Kärnten selbst gelten. Der Sommer ist zwar vorbei (zumindest der meteorologische), aber einer „Studienreise“ nach Kärnten wäre ich auch im Herbst keineswegs abgeneigt. Da dies leider heuer nicht möglich ist, bin ich für eventuelle Berichtigungen auf Kärntner Leserinnen und Leser (oder andere Kärntenkundige) angewiesen.

Der ungebeugte Präsident

Frage

Mir ist aufgefallen, dass es bei „von“ scheinbar unerklärliche Ausnahmen gibt. Dabei geht es mir um folgenden Satz: „Ich halte nichts von Präsident XY.“ Das „von“ sollte doch eigentlich den Dativ fordern, tut es hier aber offensichtlich nicht, da es sonst „PräsidentEN“ heißen müsste. Bildet man den Satz mit einem bestimmten Artikel, so kann man auf einmal korrekt formulieren: „Ich halte nichts von dem Präsidenten XY.“ Könnten Sie mich hier aufklären?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

diese „Ausnahme“ kann man nicht nur bei von und nicht nur bei Präsident beobachten. Sie hat mit der Funktion zu tun, die Wörter wie Präsident (Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandschaftsbezeichnungen u. Ä.) innerhalb einer Personenbezeichnung haben können.

Wenn Präsident ohne Artikel vor einem Namen steht, ist es eine Ergänzung (Apposition) zum Namen. Der Name ist der Kern der Wortgruppe und wird gebeugt. Der Titel bleibt ungebeugt:

Die Bundeskanzlerin empfängt Präsident Hollande.
Europa hat von Präsident Hollande nicht zu fürchten.
Präsident Hollandes Lebensgefährtin

Ebenso zum Beispiel:

der von Fürst Metternich geleitete Kongress
Krimiautor Mario Puzos berühmter Roman
Onkel Bernhards Fiat und Tante Lindas Volvo
Königin Elisabeths Thronjubiläum

Wenn man ein Wort wie Präsident mit einem Artikelwort verwendet, werden die Rollen umgedreht. Der Titel ist der Kern der Wortgruppe und der Name eine Ergänzung (Apposition). Dann wird der Titel gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Die Bundeskanzlerin empfängt den Präsidenten Hollande.
Europa hat vom Präsidenten Hollande nicht zu fürchten.
die Lebensgefährtin des Präsidenten Hollande

Ebenso zum Beispiel:

der vom Fürsten Metternich geleitete Kongress
der berühmte Roman des Krimiautors Mario Puzo
der Fiat meines Onkels Bernhard und der Volvo deiner Tante Linda
das Thronjubiläum der Königin Elisabeth

Mehr zu diesem Thema finden Sie, wenn Sie möchten, in der Canoonet-Grammatik hier und hier.

Es ist also nicht nur bei Präsidenten so, dass ohne Artikel der Name und mit Artikel der Titel gebeugt wird. Das Deutsche behandelt ganz demokratisch auch Königinnen, Krimiautoren und normalsterbliche Onkel und Tanten in dieser Weise.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Natürlich gibt es auch hier wieder Ausnahmen: Die Anrede Herr wird immer gebeugt, also auch dann, wenn kein Artikel verwendet wird:

Frau Merkel empfängt Herrn Hollande.
Europa hat von Herrn Hollande nichts zu befürchten.
Herrn Hollandes Lebensgefährtin.

Umgekehrt bleibt der Titel Doktor auch mit Artikel ungebeugt:

Doktor Bopps Blog
der Blog des Doktor Bopp