Verständnis einer Sache, Verständnis von einer Sache, Verständnis für eine Sache

Frage

Ich stolpere ständig über Sätze, in denen der Begriff „Verständnis“ vorkommt. Klar ist mir eigentlich, dass mit „Verständnis für etwas“ eher ein Einfühlungsvermögen gemeint ist.

Nun scheint es aber gemäß meiner wiederholten Recherche keinen Unterschied zwischen „Verständnis von etwas“ und „Verständnis + Genitivattribut“ zu geben. Angeblich ist die Genitivkonstruktion üblicher und zu bevorzugen, womit ich jedoch oft ein Problem habe.

Meines Erachtens wird es schlimm, wenn sowohl eine Person als auch ein Gegenstand genannt werden, z. B. „Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur“.

Auch die folgende Formulierung klingt für mich komisch: „Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.“ […]

Antwort

Guten Trag Frau B.,

mit Verständnis für jemanden/etwas wird gesagt, dass man sich in eine Person oder eine Sache hineinversetzen kann. Mit Verständnis einer Sache wird gesagt, dass man etwas versteht, begreift.

Mit der zweiten Bedeutung von Verständnis steht das Objekt (dasjenige, was verstanden wird) im Prinzip im Genitiv:

Viele Fremdwörter erschweren das Verständnis des Textes.
Das Verständnis seiner Motive ist wichtig.

Auch das Subjekt des Verstehens (die Person, die versteht) steht im Prinzip im Genitiv:

das Verständnis des Dichters (der Dichter versteht)
das Verständnis der Schüler fördern (die Schüler verstehen)

Ob der Genitiv das Objekt oder das Subjekt bezeichnet, ergibt sich aus dem Zusammenhang. In der Regel sind bei Verständnis mit dieser Bedeutung Personen Subjekt und Nichtpersonen Objekt. Deshalb ist in Fällen wie den folgenden (mehr oder weniger) klar, was gemeint ist:

das Verständnis des Richters der Motive des Täters
das Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Ebenso zum Beispiel:

die Beurteilung des Richters der Motive des Täters
die Kenntnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Formulierungen dieser Art werden dennoch häufiger vermieden, das heißt, man weicht auf andere Formulierungen aus. Manchmal wird mit für formuliert. Das ist aber nicht zu empfehlen, da Verständnis für eine andere Bedeutung hat (siehe oben):

das Verständnis des Richters für die Motive des Täters (andere Bedeutung)
das Verständnis des Dichters für die mittelalterliche Literatur (andere Bedeutung)

Es ist ebenfalls nicht zu empfehlen auf eine Formulierung mit von auszuweichen. Wenn die Wortgruppe wie hier einen Artikel enthält, gilt dies als umgangssprachlich:

das Verständnis des Richters von den Motiven des Täters (umgangssprachlich)
das Verständnis der Dichters von der mittelalterlichen Literatur (umgangssprachlich)

(Mehr dazu, wann man auch standardsprachlich von statt des Genitiv verwenden kann oder muss, siehe hier.)

Weder für noch von bieten hier also eine gute Lösung. Es ist deshalb standardsprachlich besser, a) den doppelten Genitiv stehen zu lassen oder b) ganz anders zu formulieren, wenn man ihn vermeiden will. Zum Beispiel:

  1. Das Verständnis des Richters der Motive des Täters ist wichtig.
  2. Es ist wichtig, dass der Richter die Motive des Täters versteht.
  1. Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur.
  2. Darin zeigt sich, dass der Dichter ein großes Verständnis der mittelalterlichen Literatur hat.
    Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters im Bereich der mittelalterlichen Literatur.
  1. Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.
  2. Wir sollten den Menschen die Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz besser verständlich machen.

Der Genitiv ist schön, man sollte es aber innerhalb eines Satzes nicht damit übertreiben. Das Verständnis der Lesenden des Inhaltes des Textes könnte darunter leiden – wie dieser letzte Satz zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Buchstaben im Genitiv: A’s Haus, As Haus oder das Haus von A?

Frage

Ich würde gerne wissen, wie der Genitiv bei Einzelbuchstaben korrekt lautet. Es geht um ein Beispiel mit zwei Personen A und B und deren Besitz, also zum Beispiel „A’s Haus“. Ist hier der Apostroph korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

wenn Sie sich strikt an die Rechtschreibregelung halten wollen oder müssen, schreiben Sie diese Genitivformen ohne Apostroph:

As Haus
Ist dies As oder Bs Haus?
Das ist weder in As noch in Bs oder Cs Interesse.

Ohne Zusammenhang sieht dies ungewöhnlicher aus als in einem Zusammenhang, in dem klar ist, dass die Buchstaben A, B und C stellvertretend für jemanden oder etwas gemeint sind. Wenn es auch mit einem entsprechenden Zusammenhang nicht ganz deutlich ist oder wenn Sie an der Deutlichkeit zweifeln, können Sie auch auf eine (weniger elegante) Formulierung mit von ausweichen:

das Haus von A
Ist dies das Haus von A, B oder C?
Das ist weder im Interesse von A noch von B oder C.

Die Schreibung mit Apostroph ist nach der Rechtschreibregelung nicht vorgesehen. Siehe hierzu das Kapitel zum Apostroph in der Rechtschreibregelung. Ohne Apostroph schreibt man auch zum Beispiel des Pkws (oder des Pkw), das Erlernen des Abcs (oder des Abc), H&Ms Bademode.

Etwas anders sieht es aus, wenn A eine Abkürzung für einen mit A beginnenden Namen ist. Dann steht das Genitiv-s üblicherweise nach dem Abkürzungspunkt:

A.s Haus
Ist dies A.s oder M.s Haus?
Das ist weder in A.s noch in F.s oder M.s Interesse.

Zu guter Letzt noch dies: Wenn der Buchstabe gemeint ist, ist der Genitiv normalerweise endungslos:

die Großschreibung des A
die Kleinschreibung des b

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Jede Menge trockene/trockener Äste

Frage

Ich hätte wieder einmal eine Frage, Sie können mir sicherlich helfen. Was ist richtig?

Am Waldrand fand er jede Menge trockene/trockener Äste.

Antwort

Guten Tag Frau R.

nach einer ungenauem Mengenangabe wie Anzahl, Fülle, Reihe, Menge usw. kann das Gemessene/Gezählte im Genitiv oder im gleichen Fall wie die Mengenangabe stehen. Dies allerdings nur dann, dann wenn es im Plural steht.

Mit Genitiv (partitiver Genitiv, häufig):

Wir haben Fragen zu einer Anzahl kleinerer Probleme.
Sie stellte eine Reihe neuer Produkte vor.
Eine Gruppe Demonstrierender besetzte das Gebäude.
Am Waldrand fand er eine große Menge trockener Äste.

Mit Kasusangleichnung (partitive Apposition; seltener):

Wir haben Fragen zu einer Anzahl kleineren Problemen.
Sie stellte eine Reihe neue Produkte vor.
Eine Gruppe Demonstrierende besetzte das Gebäude.
Am Waldrand fand er eine große Menge trockene Äste.

Es gibt sogar noch eine dritte Variante (häufig):

Wir haben Fragen zu einer Anzahl von kleineren Problemen.
Sie stellte eine Reihe von neuen Produkten vor.
Eine Gruppe von Demonstrierenden besetzte das Gebäude.
Am Waldrand fand er eine große Menge von trockenen Ästen.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik.

In Ihrem Satz steht aber keine „gewöhnliche“ Mengenangabe, sondern die umgangssprachliche Wendung jede Menge = sehr viel. Das oben Gesagte gilt im Prinzip auch hier, aber am üblichsten ist doch die Kasusangleichung, das heißt, man formuliert gleich, wie wenn sehr viel stünde:

Am Waldrand fand er jede Menge trockene Äste.
(vgl. Am Waldrand fand er sehr viel[e] trockene Äste.)

Das ist eher umgangssprachlich. Etwas formeller gibt es, wie oben gezeigt, diese Varianten:

Am Waldrand fand er eine große Menge trockener Äste.
Am Waldrand fand er eine große Menge trockene Äste.
Am Waldrand fand er eine große Menge von trockenen Ästen.

Es sind also jede Menge verschiedene Formulierungen möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mehrere solche(r) Berichte – Genitiv oder gleicher Fall?

Frage

Ist der folgende Satz korrekt?

Demnach konnte er sich auf mehrere solcher schriftlicher Berichte stützen.

Die Präposition „auf“ verlangt hier den Akkusativ, aber „solcher“ und „schriftlicher“ stehen im Genitiv. Müsste es nicht heißen: „Demnach konnte er sich auf mehrere solche schriftliche Berichte stützen“?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

die einfache Antwort lautet: Beides ist hier möglich.

mehrere solche schriftliche Berichte
mehrere solcher schriftlicher Berichte
auch: mehrere solcher schriftlichen Berichte1

Komplizierter wird es, wenn man erklären möchte, warum das so ist.

Wenn auf mehrere direkt ein Adjektiv folgt, ist mehrere ein Artikelwort, das zur nachfolgenden Wortgruppe gehört. Artikelwort und Wortgruppe stehen im gleichen Fall:

Er ist mit mehreren guten Freunden verreist.
Der Text enthält mehrere kleine Fehler.
Er konnte sich auf mehrere schriftliche Berichte stützen.

Wenn nach mehrere eine Wortgruppe mit einem „eigenen“ Artikelwort folgt, ist mehrere ein Pronomen und die Wortgruppe steht im Genitiv:

Er ist mir mehreren seiner Freunde verreist.
Der Text enthält mehrere dieser kleinen Fehler.
Er konnte sich auch mehrere der genannten schriftlichen Berichte stützen.

Das „Problem“ bei solche ist, dass es sich nicht einfach einer Wortklasse zuordnen lässt. Es hat die Eigenschaften eines Adjektivs, aber auch die Eigenschaften eines Pronomens und Artikelwortes.

So kann solch- zum Beispiel wie ein Adjektiv nach unbestimmten Artikelwörtern wie ein, kein, einige, mehrere stehen:

ein solcher Freund
keine solchen Fehler
einige/mehrere solche Berichte

Anders als ein Adjektiv kann solch- aber nur nach unbestimmten Artikelwörtern stehen, also:

nicht: *der solche Freund
nicht: *meine solchen Fehler
nicht: *diese solchen Berichte

Dann verhält es sich also wie ein „gewöhnliches“ Artikelwort.

Je nachdem ob man solche nun a) als Adjektiv oder b) als Artikelwort empfindet, seht die Wortgruppe, die es einleitet a) im gleichen Fall wie das unbestimmte Artikelwort vor ihm oder b) im Genitiv:

a) mehrere solche schriftliche Berichte
b) mehrere solcher schriftlicher Berichte
b) auch: mehrere solcher schriftlichen Berichte1

Ich ziehe hier die Übereinstimmung im Kasus vor, aber der Genitiv kommt ebenfalls häufig vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zur Deklination des Adjektivs nach solch- siehe Kommentare.

Leipziger Allerlei im Genitiv

Frage

Heute eine Frage zur (Weglassung der) Flexionsendung: Heißt es „wie im Falle des ‚Leipziger Allerlei‘“ oder „wie im Falle des Leipziger Allerleis“? „Leipziger Allerlei“ steht in dem betreffenden Text in Anführungszeichen, deshalb bin ich mir nicht sicher. Meiner Meinung nach müsste es „Allerleis“ heißen. Stimmen Sie mir zu?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

richtig ist hier eigentlich die Beugung des Namens des Gerichtes:

im Falle des Leipziger Allerleis
im Falle des „Leipziger Allerleis“

Immer häufiger kommt aber bei Bezeichnungen dieser Art – wie bei Eigennamen mit Artikel (siehe hier) – auch in der Standardsprache die Variante ohne Genitiv-s vor:

im Falle des Leipziger Allerlei
im Falle des „Leipziger Allerlei“

Wie die Beispiele zeigen, spielt es dabei im Prinzip keine Rolle, ob der Name in Anführungszeichen steht oder nicht.

Ich würde hier die Varianten mit der Genitivendung empfehlen, aber bei Leipziger Allerlei ist die endungslose Variante mindestens ebenso üblich. Nicht empfehlen würde das Weglassen der Endung bei Gerichten u. Ä. die noch näher an „gewöhnlichen“ Wörtern liegen. Sie sagen und schreiben also besser nicht des Schwarzwälder Schinken oder eines Wiener Schnitzel, sondern des Schwarzwälder Schinkens und eines Wiener Schnitzels.

Ob mit oder ohne Genitiv-s: Hauptsache, es schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Wer nicht weiß, was Leipziger Allerlei ist, schaut zum Beispiel hier nach.

Titel und Eigenname im Genitiv: im Leben des Pater[s] Pio

Frage

Ich bin Korrektorin und versuche mich gerade zu rechtfertigen, warum ich den Titel „Ein Tag im Leben des Pater Bio“ (ohne Genitiv-s bei „Pater“) habe durchgehen lassen. […] Ich selbst hätte zwar das Genitiv-s gesetzt, es klang aber ohne nicht völlig falsch, und ich hatte wohl auch Hochachtung vor dem Autor, der sich im Gegensatz zu mir in Kirchenbelangen auskennt.

Antwort

Guten Tag Frau Z.,

bei erweiterten Eigennamen im Genitiv ist es gar nicht so einfach, ob und wie man beugen soll. Entscheidend ist dabei, ob ein Artikel mitspielt oder nicht.

Verwandtschaftsbezeichnungen, Berufsbezeichnungen, Anredeformen, Titel u. Ä. gehören zum Namen, wenn sie ohne Artikelwort verwendet werden. Dekliniert wird der ganze Name:

Tante Annas Cabriolet
König Arthurs Tafelrunde
die Tafelrunde König Arthurs
Pater Browns Geheimnisse
Pater Pios Leben

Wenn sie von einem Artikelwort begleitet werden, sind Verwandtschaftsbezeichnungen, Berufsbezeichnungen, Anredeformen, Titel u. Ä. in der Regel nicht Teil des Namens und werden gebeugt. Der Name ist Apposition und bleibt ungebeugt:

das Cabriolet meines Onkels Anton
die Tafelrunde des Königs Arthur
die Geheimnisse des Paters Brown
das Leben des Paters Pio

In formeller oder gehobener Sprache können solche Verbindungen aber auch mit Artikel als Ganzes als Name aufgefasst werden. Allgemein gilt, dass nachgestellte Personennamen mit Artikel im heutigen Deutschen ungebeugt bleiben:

das Spielzeugauto des kleinen Joachim
das sagenhafte Reich der Kleopatra

Entsprechend bleiben auch diese Verbindungen endungslos, wenn sie als Ganzes als Eigennamen aufgefasst werden:

das Vermögen des Onkel Dagobert
die Tafelrunde des König Arthur
die Geheimnisse des Pater Brown
das Leben des Pater Pio

Immer zum Namen gerechnet wird übrigens der Titel Doktor, auch wenn er mit einem Artikel daherkommt:

der Blog des Doktor Bopp

Sie haben also Ein Tag im Leben des Pater Pio zu Recht durchgehen lassen. Es klingt nicht falsch, weil es in eher gehobenem/formellem Sprachgebrauch möglich ist, die Verbindung ‚Titel + Name‘ auch mit Artikel als Ganzes wie einen Eigennamen zu behandeln. In „neutralerem“ Sprachgebrauch hätte auch ich Ein Tag im Leben des Paters Pio gewählt – oder ohne Artikel: Ein Tag in Pater Pios Leben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn der Genitiv nicht passt: „mittels welches“

Frage

Ich hätte eine Frage zum Kasus bei Verwendung der Präposition „mittels“ und zur Deklination des Pronomens „welcher“. Der fragliche Satz lautet in etwa:

a) Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels welches der Sitz verstellt werden kann.
b) Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels welchen der Sitz verstellt werden kann.
c) Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels welchem der Sitz verstellt werden kann.

Die Präposition „mittels“ wird normalerweise mit dem Genitiv verwendet. Das wäre dann also „mittels welches“ oder „mittels welchen“ […] Zudem gibt es noch die Regel, dass der Dativ verwendet wird, wenn der Genitiv nicht erkennbar ist. Welche Formulierung ist nach Ihrer Ansicht richtig?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Relativpronomen welcher/welche/welches wird je nach der Form nur selten oder gar nicht im Genitiv verwendet. Selten ist die Verwendung der Genitivform welcher (Singular weiblich und Plural):

die Frau, welcher wir gedenken
(üblicher: deren/derer wird gedenken)
die Vorrichtungen, mittels welcher …
(üblicher: mittels deren/derer …)

Nicht gebraucht wird die Genitivform welches (Singular männlich und sächlich). Das gilt auch für die Genitivform welchen. Man weicht dann auf die Genitivform dessen von der/die/das aus:

der Mann, dessen wir gedenken
(nicht: welches o. welchen wir gedenken)
das Instrument, mittels dessen …
(nicht: mittels welches o. welchen …)

Es hier ist standarsprachlich nicht üblich, auf den Dativ auszuweichen (mittels welchem), da es die Möglichkeit gibt, dessen zu verwenden.

Für Ihren Satz bedeutet dies, dass Sie zum Beispiel wie folgt formulieren können:

Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels dessen der Sitz verstellt werden kann.
Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mit dem der Sitz verstellt werden kann.
Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mit welchem der Sitz verstellt werden kann

Dasselbe oder Ähnliches gilt auch für andere allein stehende Pronomen wie zum Beispiel dieser, keiner, jeder, alles.

nicht: Ich bediene mich dieses statt jenes.
sondern: Ich bediene mich dieser statt jener Sache.

nicht: Das kommt im Leben jedes vor.
sondern: Das kommt im Leben eines jeden / jedes Menschen vor.

nicht: das Beste alles
sondern: das Beste von allem

Das ist bei weitem nicht alles, was es zu diesem Thema zu sagen gäbe. Eine Schlussfolgerung dieses könnte sein – nein – eine Schlussfolgerung hieraus könnte sein: Wen wundert es, dass der Genitiv es manchmal schwer hat, wenn er sich so „zickig“ verhält!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So schön es klingt, „inbegriffen der Voruntersuchung“ ist nicht richtig

Frage

Ich habe ein Frage zur Kommasetzung:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit ? inbegriffen der Voruntersuchung ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Kann ich davon ausgehen, dass das Komma vor „inbegriffen“ freigestellt ist?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

bei dieser Kommafrage muss eigentlich zuerst eine Fallfrage behandelt werden, und zwar im Zusammenhang mit inbegriffen.

Wenn inbegriffen oder einbegriffen mit der Bedeutung einschließlich verwendet wird, sollte es nach dem Substantiv stehen, das eingeschlossen werden soll.

Die Teilnahme kostet 35 Euro, Verpflegung und Unterkunft inbegriffen.

Weiter gilt, dass dieses Substantiv im Nominativ steht, wenn es wie in Ihrem Satz an das Subjekt angebunden wird:

Aus persönlichen Gründen warf fast der gesamte Vorstand, der Vorsitzende inbegriffen, das Handtuch.
Die ganze Familie, mein Hund inbegriffen, wird mich begleiten.
Der größte Teil der Büroeinrichtung, ein ergonomischer Sessel inbegriffen, wird zum Kauf angeboten.

Wie die Beispiele zeigen, wird eine solche Wortgruppe vorn und hinten durch Komas abgetrennt.

Für Ihren Satz bedeutet dies alles, dass wie folgt formuliert und geschrieben werden sollte:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit, die Voruntersuchung inbegriffen, ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Man verwendet also inbegriffen anders als die Präpositionen einschließlich und inklusive, die beide mit dem Genitiv stehen:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit, einschließlich/inklusive der Testamentseröffnung, ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Auch ohne Kommas:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit einschließlich/inklusive der Voruntersuchung ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Es ist verständlich, dass inbegriffen bzw. einbegriffen manchmal wie einschließlich verwendet wird, denn große Bedeutungsunterschiede gibt es nicht. Vorangestelltes inbegriffen oder einbegriffen mit Genitiv gilt aber trotzdem nicht als richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Wohlergehen eines Knirpses wie mir / wie meiner / wie ich?

Frage

Ich hätte wieder einmal eine (zumindest für mich grad sehr) knifflige Frage. Der Satz lautet:

Es war ein magischer Ort, wo man sich für das Wohlergehen eines Knirpses wie mir interessierte.

Hier tönt „wie mir“ für mich seltsam, aber „wie ich“ irgendwie auch. Was ist richtig?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Die Frage ist nicht nur für Sie knifflig, sie tauch immer wieder auf. Auch ich habe keine einfache Antwort, die ich mit voller Überzeugung präsentieren kann.

In Formulierungen dieser Art kommt der Dativ wie mir zwar vor und er klingt auch gar nicht so falsch, aber er gilt hier standardsprachlich als nicht korrekt. In einer wie-Gruppe wie dieser gilt im Prinzip die Übereinstimmung im Kasus:

ein Knirps wie der kleine Schlingel
einen Knirps wie den kleinen Schlingel
einem Knirps wie dem kleinen Schlingel
eines Knirpses wie des kleinen Schlingels

ein Knirps wie ich/du/er/sie
einen Knirps wie mich/dich/ihn/sie
einem Knirps wie mir/dir/ihm/ihr

Und wie steht es in der zweiten Beispielgruppe mit dem Genitiv? – Wenn die wie-Gruppe sich auf ein Genitivattribut bezieht und kein Artikelwort enthält, steht sie im Nominativ, nicht im Genitiv. Das ist u. a. bei Eigennamen und Pronomen der Fall:

das Leben eines Knirpses wie ich (nicht: wie meiner, wie mir)

das Leben eines Bengels wie du (nicht: wie deiner, wie dir)
das Leben eines Mannes wie er (nicht: wie seiner, wie ihm)
das Leben einer Frau wie sie (nicht: wie ihrer, wie ihr)

das Leben eines Knirpses wie Leon (nicht: wie Leons)
das Leben einer Politikerin wie Thatcher (nicht: wie Thatchers)

Demnach muss es ist hier also heißen:

Es war ein magischer Ort, wo man sich für das Wohlergehen eines Knirpses wie ich interessierte.

Das klingt tatsächlich ein bisschen ungewohnt. Wenn Sie das „stört“, können Sie auf eine andere Formulierung ausweichen (das würde ich auch tun). Je nachdem was genau gemeint ist, ginge zum Beispiel:

Es war ein magischer Ort, wo man sich für das Wohlergehen eines Knirpses, wie ich es war, interessierte.
Es war ein magischer Ort, wo man sich für das Wohlergehen des Knirpses, der ich war, interessierte.

Manche Fragen übersteigen auch das Sprachgefühl eines Linguisten wie ich – oder eben eines Linguisten, wie ich es bin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichem?

Frage

Ich bin unsicher, welcher  Kasus in diesem Satz bei „etwas Ähnliches“ verwendet wird:

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.

Spontan würde ich hier den Dativ „etwas Ähnlichem“ für richtig halten. Müsste aber nicht der Genitiv stehen, weil Grippe ja auch Genitiv ist?

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichen unwohl.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

der zweite Satz ist nicht möglich. Wir stoßen hier wieder einmal an die Grenzen dessen, was im Deutschen mit dem Genitiv möglich ist. Im Genitiv kann nämlich nicht etwas Ähnlichen stehen. Als Begründung kann hier diese „Genitivregel“ genannt werden:

Eine Nominalgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn sie von einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv begleitet wird und mindestens ein Wort mit der Genitivendung er oder (e)s enthält (Ausnahmen: u. A. Eigennamen).

Die Wortgruppe etwas Ähnlichen enthält kein Wort mit einer Genitivendung er oder (e)s. Die Formulierung aufgrund etwas Ähnlichen ist deshalb nicht möglich.

Der erste Satz ist – zumindest standardsprachlich – auch nicht zu empfehlen, weil aufgrund den Genitiv oder eine von-Gruppe verlangt. Die von-Gruppe steht dann, wenn der Genitiv nicht möglich bzw. nicht ersichtlich ist.

mit Genitiv: aufgrund einer Krankheit
mit von-Gruppe: aufgrund von etwas Ähnlichem

Für Ihren Beispielsatz müssen Sie also auf eine andere Formulierung ausweichen. Am einfachsten ist es, einfach von zu ergänzen:

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder von etwas Ähnlichem unwohl.
Das Kind fühlt sich sich aufgrund von einer Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.
Das Kind fühlt sich sich aufgrund von Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.

Da dies nicht immer zu stilistischen Meisterwerken führt, kann es oft auch helfen, ganz anders zu formulieren:

Das Kind fühlt sich unwohl, weil es eine Erkältung oder etwas Ähnliches hat.

Noch ein Beispiel, wie man besser nicht formuliert:

nicht: die Verlosung eines Geschenks oder etwas Ähnlichem

Sondern:

die Verlosung eines Geschenks oder von etwas Ähnlichem
die Verlosung von einem Geschenk oder etwas Ähnlichem
verlosen wir ein Geschenk oder etwas Ähnliches
wird ein Geschenk oder etwas Ähnliches verlost

Natürlich ist oder etwas Ähnlichem nicht immer falsch. Es kann oder muss stehen, wenn die Konstruktion den Dativ verlangt:

an einer Erkältung oder etwas Ähnlichem leiden
den Nagel mit einem Hammer oder etwas Ähnlichem einschlagen
Sie standen vor einem Eisentor oder etwas Ähnlichem.

Mit freundlichen Grüßen (oder etwas Ähnlichem)

Dr. Bopp