U. a. am Satzanfang

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob dieser Satz grammatisch ist?

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Frage: Kann man „U. a.“ so verwenden, damit der Satz grammatisch ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

der Satz ist so im Prinzip korrekt:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Die Wendung unter anderem ist hier eine adverbiale Bestimmung und kann als solche im Satz an erster Stelle vor dem Verb stehen. So zum Beispiel auch:

Beispielsweise wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Nicht immer sind aber Wendungen wie unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls eigenständige Satzglieder. Wenn nach ihnen das folgt, was unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls gemeint ist, bestimmen sie als adverbiale Wendung ein Satzglied näher. Dann können sie zusammen mit diesem am Satzanfang stehen. Genau betrachtet ist der folgende Satz deshalb nicht eindeutig:

Am Zoll wird unter anderem Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Er kann bedeuten, dass

  1. am Zoll eine Prüfung des Reisedokuments auf Gültigkeit und Echtheit sowie andere Vorgänge stattfinden;
  2. am Zoll das Reisedokument sowie andere Dokumente/Dinge auf Gültigkeit und Echtheit geprüft werden.

Den Unterschied sieht man bei Verschiebung an den Satzanfang gut:

a) Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
b) Unter anderem Ihr Reisedokument wird am Zoll auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Wahrscheinlich ist die Variante a) gemeint und Ihr Satz entsprechend korrekt. Ohne Kontext ist die Variante b) aber nicht auszuschließen.

Dann noch Folgendes: Es gilt als stilistisch weniger gut, einen Satz mit einer Abkürzung mit Punkt zu beginnen. Deshalb standardsprachlich eher nicht:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Z. B. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Ggf. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Sondern besser zum Beispiel:

Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Zum Beispiel wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Mit freundlichen Grüßen (= besser als M. f. G.)

Dr. Bopp

Verbformenreiche Formulierung:
Soll er sich haben ansprechen lassen, ansprechen haben lassen oder ansprechen lassen haben?

Frage

Wie sollte man Ihrer Meinung nach in diesem Satz die Verben anordnen? „Er soll sich mit ,Boss‘ ansprechen haben lassen“ („haben ansprechen lassen“, „ansprechen lassen haben“?). Ich finde im Duden leider nichts dazu und auch nicht in Ihrem Blog-Archiv unter dem Stichwort „Infinitiv(e)“.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

hier haben wir es wieder einmal mit einer Anhäufung von Verbformen zu tun, die nicht allzu oft vorkommt und bei der man leicht ins Stolpern geraten kann – vor allem wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier:

Er soll sich mit Boss haben ansprechen lassen.
Er soll sich mit Boss ansprechen lassen haben.

Die allgemeine Regel lautet so:

Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv von heißen, lassen, helfen, sehen, fühlen, hören enthält und dieser Ersatzinfinitiv vom Hilfsverb haben abhängig ist, wird das finite Hilfsverb im Nebensatz in der Regel vor die Verbgruppe gestellt. Zumindest bei lassen, sehen, fühlen, hören gilt aber die Endstellung des finiten Hilfsverbs auch als korrekt.

dass er sich mit Boss hat ansprechen lassen
dass er sich mit Boss ansprechen lassen hat

ob jemand die Verdächtigen habe weggehen sehen
ob jemand die Verdächtigen weggehen sehen habe

obwohl er das Kind hatte weinen hören
obwohl er das Kind weinen hören hatte

Die Regel gilt auch im folgenden Fall, in dem noch eine Verbform hinzukommt:

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst im Infinitiv steht.

Er soll sich mit Boss haben ansprechen lassen.
Er soll sich mit Boss ansprechen lassen haben.

Jemand musste die Verdächtigen haben weggehen sehen.
Jemand musste die Verdächtigen weggehen sehen haben.

Er will das Kind haben weinen hören.
Er will das Kind weinen hören haben.

Siehe hierzu auch die LEO-Grammatik; Duden, Grammatik, 9. Auflage, 2016, Randnummer 684; Duden, Grammatik, 10. Auflage, 2022, Randnummer 658 ff.

Wie die Beispiele zeigen, sind Formulierungen dieser Art schwierig zu verwenden, ebenso schwierig zu erklären und manchmal auch gar nicht so einfach zu verstehen. Wenn sie nicht spontan der Tastatur entspringen oder wenn man zweifelt, ist es oft besser, etwas weniger verbformenreich zu formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viele Verben am Satzende: in Gefahr gebracht hätten werden können, hätten in Gefahr gebracht werden können, in Gefahr hätten gebracht werden können?

Frage

In einem Nachrichtenartikel bin ich auf einen Nebensatz mit vier Verben gestoßen. Die Wortstellung verstehe ich allerdings nicht.

Für Kritiker ist das ein klarer Beleg dafür, dass dadurch US-Militärs in Gefahr gebracht hätten werden können.

So wie ich das verstehe, ist das ein Ersatzinfinitiv in einem Nebensatz, also sollte „hätten“ als Hilfsverb vor allen anderen Verben stehen, also:

… dass dadurch US-Militärs hätten in Gefahr gebracht werden können

Weil „in Gefahr“ eng mit „gebracht“ verbunden ist, sollte „hätten“ auch schon davor stehen. Irre ich mich?

Antwort

Guten Tag N.,

Sie irren sich nicht. Standardsprachlich sollte das Hifsverb hätten in diesem Satz am Anfang der Verbgruppe stehen. Dabei kann das eng mit dem Vollverb bringen verbundene in Gefahr (vgl. in Gefahr bringen) zwischen hätten und dem Vollverb stehen

Für Kritiker ist das ein klarer Beleg dafür, dass dadurch US-Militärs hätten in Gefahr gebracht werden können.

Man kann aber in Gefahr auch aus der Verbgruppe herauslösen und vor hätten stellen:

Für Kritiker ist das ein klarer Beleg dafür, dass dadurch US-Militärs in Gefahr hätten gebracht werden können.

Ganz ähnlich zum Beispiel:

Es liegt nahe, dass die Verteidigung auf die Entscheidung hätte Einfluss nehmen können.
Es liegt nahe, dass die Verteidigung auf die Entscheidung Einfluss hätte nehmen können.

Dies hat zur Folge, dass der Kläger sich vor dem Verkauf mit der Beklagten hätte in Verbindung setzen müssen.
Dies hat zur Folge, dass der Kläger sich vor dem Verkauf mit der Beklagten in Verbindung hätte setzen müssen.

Man hätte Zelte aufbauen müssen, wenn die Gemeinde dieses Gebäude nicht hätte zur Verfügung stellen wollen.
Man hätte Zelte aufbauen müssen, wenn die Gemeinde dieses Gebäude nicht zur Verfügung hätte stellen wollen.

Weil diese Vergruppen am Satzende ziemlich komplex sind, geraten die Verbformen manchmal durcheinander, so dass auch Formulierungen, wie Sie sie in Ihrer Frage zitieren, häufiger vorkommen, auch wenn sie streng genommen nicht korrekt sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wortstellung: Gehört das Auto dir oder gehört dir das Auto?

Frage

Wir haben im Grundkurs gelernt, dass in Fragesätzen das Verb vor dem Subjekt steht, nicht aber, dass man auch ein Dativobjekt dazwischenschieben kann. „Gehört dir das Auto?“ scheint mir die üblichere Variante im Vergleich zu „Gehört das Auto dir?“ zu sein. Gibt es eine offizielle grammatikalische Regel, die die Wortfolge Verb-Dativobjekt-Subjekt im Fragesatz als „erlaubt“ festlegt?

Antwort

Guten Tag Frau T.,

diese Frage stellt sich nicht nur bei Fragesätzen, sondern allgemein für das sogenannte Mittelfeld. Kann das Dativobjekt vor dem Subjekt stehen?

Eine offizielle Regel gibt es nicht. Die Wortstellung im Deutschen ist sehr komplex. Außer bei der Stellung der gebeugten Verbform gibt es (fast) keine festen Regeln, nur mehr oder weniger starke Tendenzen. Häufig spielen dabei mehrere Tendenzen eine Rolle, die einander zum Teil widersprechen.

Bei Ihrer Frage spielen die folgenden Wortstellungstendenzen eine Rolle:

a) Subjekt steht vor Objekt

Gehört das Auto dir?
… weil das Kind ihnen nicht gehorcht.
Danach las der Lehrer uns ein Märchen vor.

b) Pronomen steht vor Nomen

„Gehört dir das Auto?
…weil ihnen das Kind nicht gehorcht.
Danach las uns der Lehrer ein Märchen vor.

Keine dieser beiden Tendenzen ist so viel stärker, dass sie die andere verdrängen könnte. Beide Wortstellung sind deshalb möglich.

Ich hoffe, dass diese Erklärung Ihnen hilft oder dass Ihnen diese Erklärung hilft.

Mehr dazu finden Sie in der LEO-Grammatik im Kapitel zur Wortstellung unter Subjekt und Pronomen vor Nomen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vergleiche mit „als“ und „wie“ im Nachfeld

Frage

Was ist richtig?

Ich finde, dass Kinder mehr als Eltern fernsehen.
Ich finde, dass Kinder mehr fernsehen als Eltern.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

beide Sätze sind korrekt. Im Prinzip steht in einem Nebensatz die konjugierte (finite) Verbform ganz am Schluss. Das ist in diesem Satz fernsehen:

dass Kinder fernsehen.
dass Kinder viel zu viel fernsehen.
dass Kinder zusammen mit ihren Eltern fernsehen.

Zu dieser an und für sich sehr starken Regel gibt es – wie könnte es auch anders sein! – ein paar Ausnahmen. Eine davon betrifft Ihren Beispielsatz.

In Vergleichen wird der mit als oder wie eingeleitete Satzteil sehr häufig ganz an den Schluss ins sogenannte Nachfeld gesestzt:

Ich finde, dass Kinder mehr fernsehen als Eltern.
Sie ist gestern schneller gelaufen als je zuvor.
Hast du die Aufgabe gleich gelöst wie ich?
… weil die Firma doppelt so viel Gewinn gemacht hat wie im letzten Jahr.

Die Stellung im Mittelfeld ist allerdings auch möglich:

Ich finde, dass Kinder mehr als Eltern fernsehen.
Sie ist gestern schneller als je zuvor gelaufen.
Hast du die Aufgabe gleich wie ich gelöst?
… weil die Firma doppelt so viel Gewinn wie im letzten Jahr gemacht hat.

Siehe auch die Angaben zum sogenannten Nachfeld in der LEO-Grammatik.

Die Vergleichsgruppe mit als oder wie wird häufig deshalb ins Nachfeld gestellt, weil der Satz so leichter verständlich ist. Das sieht man vor allem bei längeren Sätzen. Vgl.:

Dieser Artikel soll zeigen, dass Vergleichsgruppen mit als und wie häufiger im Nachfeld als vor der rechten, abschließenden Satzklammer stehen.

Dieser Artikel soll zeigen, dass Vergleichsgruppen mit als und wie häufiger im Nachfeld stehen als vor der rechten, abschließenden Satzklammer.

Es lässt sich allerdings meistens darüber diskutieren, welche Variante wirklich leichter verständlich ist…

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So schön es klingt, „inbegriffen der Voruntersuchung“ ist nicht richtig

Frage

Ich habe ein Frage zur Kommasetzung:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit ? inbegriffen der Voruntersuchung ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Kann ich davon ausgehen, dass das Komma vor „inbegriffen“ freigestellt ist?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

bei dieser Kommafrage muss eigentlich zuerst eine Fallfrage behandelt werden, und zwar im Zusammenhang mit inbegriffen.

Wenn inbegriffen oder einbegriffen mit der Bedeutung einschließlich verwendet wird, sollte es nach dem Substantiv stehen, das eingeschlossen werden soll.

Die Teilnahme kostet 35 Euro, Verpflegung und Unterkunft inbegriffen.

Weiter gilt, dass dieses Substantiv im Nominativ steht, wenn es wie in Ihrem Satz an das Subjekt angebunden wird:

Aus persönlichen Gründen warf fast der gesamte Vorstand, der Vorsitzende inbegriffen, das Handtuch.
Die ganze Familie, mein Hund inbegriffen, wird mich begleiten.
Der größte Teil der Büroeinrichtung, ein ergonomischer Sessel inbegriffen, wird zum Kauf angeboten.

Wie die Beispiele zeigen, wird eine solche Wortgruppe vorn und hinten durch Komas abgetrennt.

Für Ihren Satz bedeutet dies alles, dass wie folgt formuliert und geschrieben werden sollte:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit, die Voruntersuchung inbegriffen, ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Man verwendet also inbegriffen anders als die Präpositionen einschließlich und inklusive, die beide mit dem Genitiv stehen:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit, einschließlich/inklusive der Testamentseröffnung, ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Auch ohne Kommas:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit einschließlich/inklusive der Voruntersuchung ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Es ist verständlich, dass inbegriffen bzw. einbegriffen manchmal wie einschließlich verwendet wird, denn große Bedeutungsunterschiede gibt es nicht. Vorangestelltes inbegriffen oder einbegriffen mit Genitiv gilt aber trotzdem nicht als richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wortstellung: „weil’s sich“ oder „weil sich’s“?

Frage

Können Sie mir sagen, warum es zwar eher „ich kann’s mir denken“ als „ich kann mir’s denken“ heißt, die Wortstellung allerdings nicht mehr der ursprünglichen ohne Verkürzung folgt, wenn „sich“ ins Spiel kommt wie in „er kann sich’s denken“? Liegt das nur an der etwas schwierigeren Aussprache oder gibt es hier eine Regel, die ich nur nicht finden konnte? Und wie steht es mit Beispielen, bei denen auf beiden Seiten „s“ zusammenstoßen wie in „besser schläft sich’s so“ bzw. „besser schläft’s sich so“? […]

Antwort

Guten Tag Frau S.,

eine feste Regel hierfür kenne ich nicht. Es ist aber tatsächlich so, dass es und seine Verkürzung ’s nicht ganz denselben Wortstellungsregeln folgen. Für es gilt, dass es als Akkusativobjekt oder als Subjekt vor anderen Objekten steht, wenn alle Wörter Pronomen sind:

Ich kann es mir denken.
Er kann es sich denken.
… weil es mir egal ist.
… weil es sich lohnt.
Besser schläft es sich so.

Die umgekehrte Reihenfolge ist unüblich.

Für die verkürzte Form ’s gilt, dass sie an der gleichen Stelle stehen kann wie es:

Ich kann’s mir denken.
Er kann’s sich denken.
… weil’s mir egal ist.
… weil’s sich lohnt.
Besser schläft’s sich so.

Die verkürzte Form kann auch nach dem Pronomen stehen:

Ich kann mir’s denken.
Er kann sich’s denken.
… weil mir’s egal ist.
… weil sich’s lohnt.
Besser schläft sich’s so.

Nicht alles ist aber gleich üblich. Es gelten die folgenden Tendenzen:

Wenn weder vor noch nach der Verkürzung ’s ein anderes s steht, ist die Wortstellung häufiger, die für es gilt:

Ich kann’s mir denken (vgl. ich kann es mir denken)
… weil’s mir egal ist (vgl. … weil es mir egal ist)

Wenn nach ’s ein anderes s steht, ist die Wortstellung häufiger, die dieses Zusammentreffen von zwei s vermeidet:

Er kann sich’s denken (statt: Er kann’s sich denken)
… weil sich’s lohnt (statt: … weil’s sich lohnt)

Wenn das wie im folgenden Satz nicht möglich ist, ist die Lage sozusagen unentschieden:

Besser schläft sich’s so / Besser schläft’s sich so.

Wenn vor ’s ein anderes s stehen würde, wird das Zusammentreffen von zwei s immer vermieden:

… dass mir’s egal ist. (nicht: dass’s mir egal ist)
… dass sich’s lohnt. (nicht: dass’s sich lohnt)
… dass sich’s so besser schläft (nicht: dass’s sich so besser schläft)

Welche Wortstellung für ’s in Kombination mit anderen Pronomen üblich oder üblicher ist, hängt also von zwei Kriterien ab: von der normalen Wortstellung mit es und – wie Sie richtig gesehen haben – von der unmittelbaren Nähe eines anderen s.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Überall ist auch die Schreibung ohne Apostroph möglich: kanns, weils, mirs, sichs.

Warum „Sich zu schämen, gibt es keinen Grund“ nicht richtig ist

Frage

Ich habe eine Frage zur Topikalisierung [ungefähr: im Satz an die erste Stelle vor das Verb stellen].

Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.
Sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Der zweite Satz kommt mir falsch vor. Es ist ein betonter Objektsatz, ich wüsste deshalb  nicht, was daran grammatikalisch falsch sein sollte, in voranzustellen. Wenn man die Infinitivgruppe mit dafür ankündigt, ist er sicher richtig:

Dafür, sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Ist der Satz ohne das Verweiswort dafür grammatikalisch richtig?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

es geht hier um die Besetzung des Vorfeldes, das heißt darum, was in einem Satz vor der finiten Verbform steht. Dort können im Prinzip alle Arten von Satzgliedern stehen.

Dort können im Prinzip alle Arten von Satzgliedern stehen.
Im Prinzip können alle Arten von Satzgliedern dort stehen.
Alle Arten von Satzgliedern können im Prinzip dort stehen.

Nicht im Vorfeld stehen können u. a. Wörter oder Wortgruppen, die keine vollständigen Satzglieder sind.

Nicht: Alle Arten können von Satzgliedern im Prinzip dort stehen.
Nicht: Von Satzgliedern können alle Arten im Prinzip dort stehen.

Diese Sätze sind nicht möglich, weil alle Arten von Satzgliedern als Ganzes ein Satzglied ist und ein Satzglied nur als Ganzes verschoben werden kann.

Das ist auch in Ihrem ersten Beispielsatz der Fall. Die Infinitivgruppe sich zu schämen ist nicht ein Objekt, sondern ein Attribut zu einem Substantiv.

Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.
Wen oder was gibt es?
keinen Grund, sich zu schämen

Die Infinitivgruppe sich zu schämen bestimmt als Attribut das Substantiv Grund näher (mehr dazu hier). Es ist Teil des Akkusativobjekts keinen Grund, sich zu schämen. Das Akkusativobjekt kann nur als Ganzes ins Vorfeld verschoben werden (auch wenn das ohne Kontext zu einem eher seltsamen Satz führt):

Keinen Grund, sich zu schämen, gibt es.
nicht: Sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Bei einer Formulierung mit dafür hingegen ist die Erststellung im Satz möglich. Es liegt ihr aber eine andere Konstruktion zugrunde:

Es gibt keinen Grund dafür, sich zu schämen (keinen Grund für Scham)
Wofür gibt es keinen Grund?
dafür, sich zu schämen (für Scham)

Die Präpositionalgruppe dafür, sich zu schämen ist ein individuell erfragbares Satzglied. Entsprechend kann sie ins Vorfeld verschoben werden:

Dafür, sich zu schämen, gibt es keinen Grund.

Die Infinitivgruppe kann im zweiten Satz oben nicht an erster Stelle stehen, weil sie kein eigenständiges Satzglied, sondern „nur“ eine nähere Bestimmung innerhalb eines Satzgliedes ist. Der Satz Sich zu schämen, gibt es keinen Grund ist also nicht richtig, aber wenn er trotzdem einmal rausrutscht: Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hilfsverb „werden“ am Satzende: „dass er ins Kino wird gehen müssen“ oder „dass er ins Kino gehen müssen wird“ oder …?

Frage

Wir haben ein sprachliches Problem. Was ist korrekt, was ist möglich?

Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.
Peter glaubt, dass er wird mit der Freundin ins Kino gehen müssen.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin wird ins Kino gehen müssen.

Konkret gefragt: Wo steht das konjugierte Verb „werden“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wenn mehrere Verbformen am Ende eines Nebensatzes stehen, kann die Wortstellung tatsächlich zur Herausforderung werden. Häufig geht es spontan gut, aber wenn man einmal anfängt darüber nachzudenken …

Nach den Angaben in den Grammatiken sind diese beiden Formulierungen richtig:

a) Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino gehen müssen wird.
b) Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.

a) Wenn das Hilfsverb werden in Kombination mit zwei oder mehr Infinitiven in einem Nebensatz steht, kann die konjugierte Verbform von werden nach der allgemeinen Regel ganz am Schluss stehen. Die allgemeine Regel sagt, dass die konjugierte Verbform in einem eingeleiteten Nebensatz am Schluss steht:

Das ist nicht etwas, woran man sich erinnern können wird.
Ich werde nicht überrascht sein, weil ich euch kommen hören werde.
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht gehen lassen wird.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino gehen müssen wird.

b) Nach einer Sonderregel kann das Hilfsverb werden auch vor den Infinitiven stehen, wie dies beim Hilfsverb haben der Fall ist (siehe hier).

Mit haben:

Das ist nicht etwas, woran man sich hätte erinnern können.
Ich bin nicht überrascht, weil ich euch habe kommen hören (auch: kommen hören habe).
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht hat gehen lassen (auch: gehen lassen hat).
Peter ist froh, dass er mit der Freundin ins Kino hat gehen dürfen.

Mit werden entsprechend auch:

Das ist nicht etwas, woran man sich wird erinnern können.
Ich werde nicht überrascht sein, weil ich euch werde kommen hören.
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht wird gehen lassen.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.

Andere Wortstellungen kommen ebenfalls mehr oder weniger häufig vor (siehe die Beispiele in Ihrer Frage). Sie gelten aber als regional und/oder umgangssprachlich.

Es ist nicht erstaunlich, dass es bei Sätzen dieser Art oft zu einer gewissen Verunsicherung kommt. Ich hoffe, dass diese Ausführungen dann hilfreich sein können werden oder hilfreich werden sein können – oder ganz einfach: hilfreich sind. Häufig kann man das Problem vermeiden, indem man einfacher formuliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gleiche Funktion, andere Wortstellung: denn ich bin / deshalb bin ich

Frage

Ich habe eine Frage zu den Konjunktionen „denn“ und „deshalb“. Die Konjunktion „denn“ leitet einen Hauptsatz ein. In der Regel steht das konjugierte Verb an zweiter Stelle.

Ich gehe schlafen, denn ich bin müde.

Mit „deshalb“ wird ebenfalls einen Hauptsatz eingeleitet. Jedoch folgt nach der Konjunktion das Verb und nicht das Personalpronomen:

Ich bin müde, deshalb gehe ich zu Bett.

Gibt es eine Erklärung, weshalb bei den genannten Konjunktionen die Syntax anders ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die beiden Wörter haben die gleiche oder eine ähnliche Funktion. Sie verbinden Sätze miteinander. Sie gehören aber nicht der gleichen Wortklasse an: denn ist eine Konjunktion, deshalb ist ein Konjunktionaladverb.

Nebenordnende Konjunktionen stehen zwischen den Teilsätzen die sie verbinden und gehören zu keinem von ihnen. Sie haben keinen Einfluss auf die Wortstellung des ihnen folgenden Hauptsatzes:

Ich gehe zu Bett.
Ich bin müde
→ Ich gehe zu Bett, denn ich bin müde.

Konjunktionaladverbien verbinden ebenfalls Sätze miteinander. Im Gegensatz zu den Konjunktionen gehören sie aber zu einem der beiden verbundenen Sätze. Wenn sie am Anfang des Satzes stehen, besetzen sie die erste Position im Satz. Unmittelbar darauf folgt dann also das Verb:

Ich bin müde.
Ich gehe zu Bett.
→ Ich bin müde, deshalb gehe ich zu Bett.

Wie andere Adverbien bzw. Adverbialbestimmungen können Konjunktionaladverbien auch im Innern des Teilsatzes stehen:

Ich bin müde.
Ich gehe zu Bett.
→ Ich bin müde; ich gehe deshalb zu Bett.

Sie können „sogar“ zusammen mit einer Konjunktion stehen:

→ Ich bin müde und deshalb gehe ich zu Bett.

Hier noch ein paar Beispiele:

Konjunktion damit:
Hilf mir bitte, damit ich mit der Arbeit fertig werde.

Konjunktionaladverb sonst:
Hilf mir bitte, sonst werde ich nicht mit der Arbeit fertig.
Hilf mir bitte, ich werde sonst nicht mit der Arbeit fertig.
Hilf mir bitte, denn sonst werde ich nicht mit der Arbeit fertig.

Konjunktion jedoch:
Es gibt also einen Unterschied, jedoch man muss ihn kennen.

Konjunktionaladverb jedoch:
Es gibt also einen Unterschied, jedoch muss man ihn kennen.
Es gibt also einen Unterschied, man muss ihn jedoch kennen.

Das letzte Beispiel zeigt, dass es auch Wörter gibt, die beide Rollen erfüllen können. Mehr zu dieser Frage finden Sie auf dieser Seite der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp