ungut, unteuer, unblau

Frage

Ich habe letztens eine Person kennen gelernt, die sämtliche Adjektive mit der Vorsilbe un verneint. Z.B. ungut, unteuer, unhell, unblau, unschnell usw. Für mich ist es jedoch völlig klar, dass man einige Adjektive mit dem Wort nicht verneint. Also nicht teuer, nicht hell. Gibt es in diesem Fall eine Regelung oder etwas Ähnliches?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es ist natürlich nicht verboten, alle Adjektive mit un zu verneinen, aber es ist in gewissen Fällen unüblich bis unmöglich. Die Vorsilbe un hat die Funktion, die Bedeutung des Adjektivs, mit dem es verbunden ist, zu verneinen. Es wird nicht oder nur selten bei Adjektiven verwendet, für deren verneinte Bedeutung es bereits ein anderes Wort gibt:

gut – schlecht
teuer – billig
hell – dunkel
schnell – langsam
schön – hässlich

Dies ist aber keine absolute Regel. Während es unschlecht und unhässlich normalerweise tatsächlich nicht gibt, kann man zum Beispiel problemlos ein ungutes Gefühl oder eine unschöne Szene sagen. Im ersten Fall ist ungut weniger stark als schlecht. Im zweiten Fall ist unschön eine oft ironisch gemeinte beschönigende Umschreibung für hässlich. In gleicher Weise sagt der höfliche Mensch unklug, wenn er das Wort dumm vermeiden will.

Ein anderer Fall ist Ihr Beispiel unblau. Der Grund, weshalb man Farbadjektive nicht mit un verneinen kann, ist mir leider nicht bekannt. Dafür müsste ich länger nachforschen. Man sagt jedenfalls nicht unblau, ungrün, unviolett oder unbeige. Dasselbe gilt für zum Beispiel unviereckig, unoval, unsteinern und ungehäkelt.

Ebenfalls nicht oder nur sehr bedingt mit un verneinbar sind Adjektive, die – grob gesagt – nicht eine Eigenschaft, sondern eine Beziehung ausdrücken (Relativadjektive):

*unbetriebsärztlich
*ungeologisch
*unstaatlich

Sehr schön lässt sich dies anhand von geografischen Adjektiven aufzeigen:

nicht englisch = nicht aus England/dem Englischen stammend
unenglisch = nicht der englischen Art entsprechend

Wie Sie sehen, könnte man zu diesem Thema ganze Bücher füllen. Klar ist, dass nicht alle Adjektive sich mit un verneinen lassen. Auch wenn wir die Regeln dafür nicht kennen, sagt uns in den meisten Fällen unser Sprachgefühl, wann dies möglich ist und wann nicht. Wenn jemand also einfach alle Adjektive mit un verneint, handelt es sich wohl um eine bewusst angelernte, wahrscheinlich witzig gemeinte Marotte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Punkt, Klammer, Punkt: aufeinanderfolgende Satzzeichen

Frau M. stellt die folgende Frage: „Wenn ein Satz mit einer Klammer endet, in der als letztes (oder einziges) eine Abkürzung mit einem Punkt steht, wird dann nach der Klammer noch ein Punkt gesetzt (als Abschluss des Satzes) oder nicht?“ Frau M. schreibt weiter, dass sie annimmt, man könne den Punkt nicht weglassen. Sie hat recht. Der Punkt der Abkürzung kann nicht weggelassen werden und der Punkt des Satzes, in den der Klammerausdruck eingebettet ist, darf ebenfalls nicht wegfallen. Zum Beispiel:

Es ging um einen großen Betrag (mehr als 5 Mio.).
Dies gilt auch für alle anderen Marken (Audi, BMW, Mercedes usw.).

Um eine solche Häufung von Satzzeichen zu vermeiden, können Abkürzungen an dieser Stelle auch ausgeschrieben werden. Also:

Es ging um einen großen Betrag (mehr als 5 Millionen).
Dies gilt auch für alle anderen Marken (Audi, BMW, Mercedes und so weiter).

Ganz so schlimm sind aber drei aufeinanderfolgende Satzzeichen auch wieder nicht. Sie können einemg vor allem beim Schreiben einiges Kopfzerbrechen bereiten, aber beim Lesen fallen solche Interpunktionstrios eigentlich gar nicht auf. Sie kommen übrigens auch ohne Abkürzungen vor:

Das war vor zehn Jahren (es ist schon so lange her!), als wir noch hier wohnten.
„Wer ist da?“, fragte er.
Sagte er wirklich: „Schrei doch nicht so!“?
Kennst du den Film „Quo vadis?“?

Die letzten beiden Beispiele fallen wohl auch beim Lesen auf, aber sie sind immer noch völlig korrekt nach den Regeln der Rechtschreibung verfasst. Dies gilt auch für die folgenden, zugegebenermaßen selbstgestrickten Beispielsätze:

Noch einmal das bekannte Dreiergrüppchen .).

Es ging um einen großen Betrag (mehr als 5 Mio.).

Man kann diese Aussage auch zitieren: Vierergruppe .).“

Da stand: „Es ging um einen großen Betrag (mehr als 5 Mio.).“

Sie lässt sich auch als Frage umformuliert zitieren: ebenfalls vier Zeichen .)?“

Da stand die Frage: „Ging es um einen großen Betrag (mehr als 5 Mio.)?“

Nach der zitierten Frage kann man auch fragen: fünf Zeichen .)?“?

Stand da wirklich: „Ging es um einen großen Betrag (mehr 5 Mio.)?“?

Auch andere Fünfergruppen sind möglich:

„Lass doch dein ewiges ,Ist es noch weit?‘!“, schrie er.
Fragte er wirklich: „Kennst du den Film ,Quo vadis??“?

Und wenn man die Sache wirklich forciert, gelingt es sogar, das halbe Dutzend vollzumachen:

Wer stellte diese Frage (gemeint ist: „Kennst du den Film ,Quo vadis??“)?

Wie ich schon erwähnt habe, bin ich diesen Beispielen nicht in freier Wildbahn begegnet. Und das ist auch gut so, denn sich selber und den Lesern zuliebe verzichtet man besser auf Formulierungen mit solchen Interpunktionsungetümen!

Wörther und der Wörthersee

Frage

In Ihrer Datenbank ist mir folgender Eintrag aufgefallen: Wörther. Mir ist dieses Wort nur als Name (Wörthersee), aber nicht als Adjektiv bekannt. Was bedeutet es?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Adjektiv Wörther bedeutet von/aus Wörth. So spielt in Wörth am Main die Wörther Blasmusik auf und erscheint in Wörth an der Donau der Wörther Anzeiger. Wie alle mit -er von geographischen Namen abgeleiteten Adjektive ist Wörther unveränderlich und muss großgeschrieben werden (siehe Rechtschreibregel).

Zur Diskussion über die korrekte Schreibung von Wörthersee, um die es hier vielleicht geht, das Folgende: Der Duden schreibt Wörther See vor, lässt aber auch Wörthersee zu. Da es in der Nähe des Sees kein Wörth gibt, von dem das Adjektiv abgeleitet sein könnte, ist die Schreibung Wörthersee sicher korrekt. Ich überlasse es aber den Einwohnern der Region, wie sie den Namen des Sees schreiben wollen. Und allen anderen bleibt nicht viel anderes übrig, als den Angaben des Wörterbuches zu vertrauen und davon auszugehen, dass Wörther See auch richtig ist. Bei der Schreibung von Eigennamen „versagen“ nämlich die Rechtschreibregeln ohnehin des Öfteren. In diesem Sinne kann das Adjektiv Wörther auch im Namen des schönen Wörther Sees verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich war zum Fußball?

Frage

Ist es grammatikalisch richtig zu sagen Ich war zum Fußball? Unsere Studenten-WG streitet sich seit Wochen darüber. Ich bin der Meinung, dass das grammatikalisch vollkommen falsch ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

ganz persönlich finde ich den Satz insofern schon falsch, als ich nie und nimmer so etwas sagen würde. Ich mag nämlich Fußball schlichtweg nicht. Doch das ist natürlich kein grammatikalisch stichhaltiges Argument. Aber auch sonst befürchte ich, dass Ihre Studenten-WG auch nach dieser Antwort das Streitbeil nicht ganz begraben wird. Die Streitfrage wird dann sein, ob Sie nur die Standardsprache oder auch die Umgangssprache als richtig akzeptieren. In der Sprache kann man sich nämlich verschiedener Register bedienen.

Standardsprachlich korrekt sind wohl u. a. diese Formulierungen:

Ich war Fußball spielen.
Ich bin zum Fußballspielen (weg)gegangen.

Umgangssprachlich lässt sich dies je nach Sprachregion zu der folgenden Aussage verkürzen:

Ich war zum Fußball.

Dabei ist mit Fußball nicht das runde Ding Fußball sondern die Handlung, das Geschehen Fußballspielen gemeint. In der gleichen Art kann man umgangssprachlich auch sagen: Ich war zum Einkaufen/Friseur/…

Wenn Sie mit „grammatikalisch richtig“ meinen, dass es gemäß der deutschen Standardsprache korrekt sein muss, ist Ihr Beispielsatz nicht richtig. Als Deutschlehrer würde ich ihn als umgangssprachlich anstreichen.

Wenn Sie aber akzeptieren, dass die Umgangssprache auch so ihre eigene Grammatik hat, dann ist der Satz nicht ungrammatisch. In formelleren Briefen, Aufsätzen, Gesprächen usw. sollte er – wie gesagt – nicht verwendet werden, aber als Aussage unter Freunden in der WG ist er durchaus akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragezeichen bei höflicher Aufforderung in Frageform

Frage

Heute rief mich meine Schwägerin an, da meine Nichte (3. Kl.) Probleme mit ihrer Deutschhausaufgabe hatte. Dabei ging es um Zeichensetzung, insbesondere um Fragesätze, die eigentlich höfliche Aufforderungen sind:

Kannst du bitte den Tisch abräumen?

Der Satz ist als Frage formuliert, beinhaltet aber eigentlich eine Aufforderung. Weder im Duden noch unter den Canoo-Zeichensetzungsregeln konnte ich Beispiele finden, die zu dem Sachverhalt gepasst hätten.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

eine Frage kann tatsächlich eine höfliche Aufforderung oder eine Bitte sein. Damit der Charakter der höflichen Aufforderung/Bitte auch schriftlich erhalten bleibt, sollte ein Fragezeichen verwendet werden. Also:

Kannst du bitte den Tisch abräumen?
Würden Sie bitte das Fenster schließen?

Sehen Sie hierzu auch die Beispielsätze auf den folgenden Grammatikseiten:

Dies gilt, wenn die Frage als höfliche Aufforderung gemeint ist. Eine Frage kann aber auch ausdrücklich als Vorwurf oder empörter Ausruf gemeint sein. Dann sollte man den Satz mit einem Ausrufezeichen abschließen:

Kannst du nicht besser aufpassen!
Wie lange dauert das denn noch!

Sehen Sie hierzu diese Rechtschreibregel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Pauschale, pauschalieren und pauschalisieren

Frage

Gibt es einen Unterschied zwischen pauschalieren (meiner Meinung nach: zusammenfassen) und pauschalisieren (meiner Meinung nach: verallgemeinern)? Ich finde diesen – falls es ihn gibt – leider nirgends belegt.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Bedeutungen von pauschalieren und pauschalisieren unterscheiden sich voneinander, und zwar genau so, wie Sie es beschreiben. Auch gemäß Wörterbüchern wie Duden und Wahrig haben die beiden Verben die folgenden Bedeutungen:

pauschalieren: zu einer Pauschale zusammenfassen
pauschalisieren: stark verallgemeinern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag zum Ursprung von Pauschale
Die beiden Verben sind von Pauschale abgeleitet. Das ist wieder einmal so ein Wort, das meine Neugierde kitzelt. Es hat auf den ersten Blick mit keinem anderen Wort zu tun. So etwas bringt mich immer wieder auf die Idee, ein Wort komme von weit her. Es tönt irgendwie russisch oder vielleicht auch ungarisch: Gulasch hat ja auch ein sch und die entfernt ähnlich klingende Puszta ist in ihrer Größe zwar nicht alles, aber immerhin viel umfassend. (Die Kenner des Ungarischen mögen mir diese allzu freien Assoziationen verzeihen.) Wie bei der Dusche, von der ich dachte, dass sie aus exotischen Gefilden komme, täusche ich mich aber sehr. Während die Dusche wenigstens noch aus dem Italienischen stammt, ist die Pauschale fast gänzlich deutschen Ursprungs.

Pauschale ist eine latinisierende Bildung zu Pauschsumme (Gesamtsumme). Latinisiert, das heißt auf Lateinisch getrimmt wurde früher des Öfteren. Das klang gewichtiger. Es ist wohl ein bisschen damit zu vergleichen, wie man heute vieles anglisiert, um up to date zu erscheinen. Das Substantiv Pauschale entstand in der österreichischen Amtssprache und wird seit dem 19. Jahrhundert im kaufmännischem Bereich verwendet.

Pausch ist eine Nebenform von Bausch, das wir heute zum Beispiel in aufbauschen und Wattebausch verwenden. Das Wort gab es schon im Mittelhochdeutschen, wo es Wulst, Bausch bedeutete, aber zu meinem Erstaunen anscheinend auch Schlag mit einer Keule. Gemäß Duden soll es über das Althochdeutsche sogar mit Beule verwandt sein. Und hier trifft sich die sehr alte mögliche Bedeutung mit einer viel neueren: Wenn man pauschalisiert, geht man ja irgendwie mit der Finesse eines Keulenschlags vor. Doch diese letzte Interpretation – so schön abrundend sie auch klingen mag – hat leider nur wenig mit seriöser Wortforschung zu tun.

Alte Wörter: alldieweil

Frage

Ich nutze Ihr Wörterbuch häufig und bin sehr zufrieden. Nur, warum fehlt dort die schöne deutsche Konjunktion alldieweil? Musste dafür eigens in einem Papierbuch nachschlagen.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

da sieht man wieder einmal, dass Papierbücher immer noch ganz nützlich sein können. Ich denke auch, dass sie ihre Rolle – wenn es überhaupt je so weit kommt – in vielen „Anwendungsbereichen“ nicht so bald ausgespielt haben werden. Aber Ihre Frage war ja eine ganz andere.

Die schöne Konjunktion alldieweil steht nicht in unserem Wörterbuch, weil sie nach unseren Quellen veraltet ist und wir im Prinzip keine veralteten Wörter aufnehmen. Für einen historischeren Blick auf den deutschen Wortschatz verweisen wir Sie auf das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag
Für Blogleser und -leserinnen, die diese Konjunktion nicht mehr so richtig einordnen können: Sie bedeutet weil. Ich musste diese Bedeutung auch erst nachschlagen, alldieweil ich sie nicht kannte.

Blutbäder oder Blutbade?

Bemerkung

Anfang Jänner berichtete Ingrid Turnherr im ORF in der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ über Blutbäder im Irak. Grammatikalisch stimmt es so. Aber gefühlsmäßig hätte ich Blutbade gesagt um einen Unterschied zu Badeanstalten mit Bademeistern herzustellen.

Reaktion

Sehr geehrter Herr W.,

nach allen mir zur Verfügung stehenden Quellen lautet die korrekte Mehrzahlform von Blutbad: die Blutbäder. So auch in Canoonet. Dies entspricht der allgemeinen im Deutschen geltenden Regel, dass zusammengesetzte Wörter gleich gebeugt werden, wie der rechts stehende Wortbestandteil (siehe Wortbildung).

Das Wort Bad hat in allen Bedeutungen (Flüssigkeitsmenge, das Baden, Badezimmer, Badeanstalt) den Plural Bäder. Auch ein Bad in der Menge muss – wenn Prominente so gerne im Mittelpunkt stehen, dass sie es einfach nicht lassen können – in der Mehrzahl Bäder in der Menge lauten. Bei der Form Bäder handelt es sich also nicht nur um Badeanstalten, sondern ebenfalls um die Mehrzahl von Bad in anderen, auch übertragenen Bedeutungen. Ein neue, differenzierende Mehrzahlform anstelle von Blutbäder ist in diesem Sinne also gar nicht notwendig.

Es steht Ihnen im Rahmen der dichterischen Freiheit natürlich frei, trotzdem den Plural Blutbade zu verwenden. Strengere Grammatiker und Deutschlehrer werden Sie dann allerdings darauf hinweisen, dass dies nicht die grammatikalisch korrekte Mehrzahlform ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Einen anderen Aspekt zusammengesetzter Wörter behandelt der Blogeintrag Stahlaktenschrank.

Auf der oder auf dem Plaza de España?

Frage

Seit einer Weile versuche ich herauszufinden, ob es eine feste Regel gibt, die den Gebrauch des Artikels für fremde Namen von Gebäuden, Plätzen, Straßen usw. gibt. Sagt man zum Beispiel die Plaza de España, weil der Lehnbegriff weiblich ist (la plaza), oder behält man den für ein deutsches Wort (in diesem Fall der Platz) stehenden Artikel bei und sagt entsprechend der Plaza de España?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

wie schon ein früherer Blogeintrag erläutert, gibt es keine feste Regeln dafür, welches Geschlecht Fremdwörter im Deutschen erhalten. Es gibt verschiedene Tendenzen, die sich zum Teil widersprechen, so dass es häufig Wörter gibt, die mit mehr als einem Artikel verwendet werden. Ganz besonders gilt dies im Bereich, der Sie interessiert: Namen von Plätzen, Straßen usw. Hier sind zwei Tendenzen wichtig, die Sie ganz richtig bereits erwähnt haben:

  • Der Name hat das gleiche Geschlecht wie in der Ursprungssprache.
  • Der Name hat des gleiche Geschlecht wie seine deutsche Übersetzung.

Bei Namen wie zum Beispiel die Calle Mayor und die Rue de Rivoli ergeben sich daraus keine Probleme, denn calle und rue sind wie die deutsche Übersetzung Straße weiblich. Auch dann, wenn Substantive in der Ursprungssprache kein Geschlecht haben, ist es einfach, da dann nur die zweite Tendenz wirkt: der Trafalgar Square wie der Platz.

Wo diese Tendenzen einander aber widersprechen, sind in der Regel beide Varianten als richtig anzusehen:

die Plaza de España – wie sp. la plaza (weiblich)
der Plaza de España – wie dt. der Platz

die Place de la Concorde – wie frz. la place (weiblich)
der Place de la Concorde – wie dt. der Platz

der Ponte Vecchio – wie it. il ponte (männlich)
die Ponte Vecchio – wie dt. die Brücke

Keine der beiden Tendenzen ist „logischer“ oder „besser“ als die andere. Welche Variante man wählt, hängt vor allem von der Kenntnis der Sprache ab, aus der der Name stammt. Für jemanden, der gut Französisch kann, klingt Wir treffen uns am Place de la Concorde vielleicht seltsam oder sogar falsch. Umgekehrt kann für jemanden, der kein Französisch spricht, Wir treffen uns an der Place de la Concorde sehr gestelzt klingen (so ähnlich wie Zwei Espressi, bitte).

Sie können also sowohl So gelangen Sie zum Ponte Vecchio als auch So gelangen Sie zur Ponte Vecchio sagen, ohne dass man Ihnen einen Verstoß gegen die Grammatik des Deutschen vorwerfen darf. Innerhalb eines Textes, eines Buches usw. sollte man allerdings immer die gleiche Variante verwenden.

Sehen Sie hierzu auch die entsprechende Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

nicht müssen und nicht brauchen

Frage

Seit langem versuche ich die Frage zu klären, ob verneintes müssen und verneintes brauchen völlig gleichbedeutend sind und gleich gebraucht werden. Auf der entsprechenden Webseite von Canoonet und in vielen Grammatiken steht, dass verneintes müssen mit der Bedeutung Notwendigkeit häufig durch nicht brauchen ersetzt wird. In der Grammatik der deutschen Sprache von D. Schulz und H. Griesbach kann man aber lesen, dass auf die unterschiedliche Wirkungsweise der Negation zu achten ist:

Inge muss ihrer Mutter nicht helfen.
(= Es besteht für sie kein Zwang, es ist ihrer freien Entscheidung überlassen.)

Inge braucht ihrer Mutter nicht zu helfen.
(= Diese Forderung ist nicht an sie gestellt worden.)

Besteht also im modernen Deutsch ein Unterschied zwischen verneintem müssen und verneintem brauchen?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

im Allgemeinen werden nicht brauchen und nicht müssen als Synonyme behandeltn (vgl. unsere Grammatik). Es gibt allerdings – wie die von Ihnen zitierte Grammatik es auch angibt – einen leichten Bedeutungsunterschied:

Du musst nicht kommen (= es besteht kein Zwang)
Du brauchst nicht zu kommen (= es ist nicht notwendig)

Dieser feine Bedeutungsunterschied ist aber lange nicht immer ersichtlich. So haben die folgenden Beispielpaare eigentlich die gleiche Bedeutung:

Du musst deswegen doch nicht weinen.
Du brauchst deswegen doch nicht zu weinen.

Ich muss morgen nicht arbeiten, weil ich frei habe.
Ich brauche morgen nicht zu arbeiten, weil ich frei habe.

Das Problem ist gelöst, du musst also nicht mehr kommen.
Das Problem ist gelöst, du brauchst also nicht mehr zu kommen.

Niemand hat es dir befohlen, du musst es also nicht tun.
Niemand hat es dir befohlen, du brauchst es also nicht zu tun.

Es liegt deshalb im täglichen Spachgebrauch oft eher an einer stilistischen Entscheidung als an der Bedeutung, dass im konkreten Fall die eine Ausdrucksweise der anderen vorgezogen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp