Allerlei zu entgegen

Frage

Im Lied „Über den Wolken“ von Reinhard Mey steht der Satz:

Wie ein Schleier staubt der Regen, / bis sie abhebt und sie schwebt / der Sonne entgegen.

Ich wurde nun gefragt in welchem Fall „der Sonne entgegen“ steht. Meiner Meinung nach ist es der Dativ und „entgegen“ ist ein Adverb. Ist das richtig oder ist es der Genitiv?

Antwort

Guten Tag K.,

Sie haben recht: In sie schwebt der Sonne entgegen ist der Sonne ein Dativ. Bei entgegen steht immer der Dativ.

Als Präposition (Bedeutung: im Gegensatz zu, im Widerspruch zu) verlangt entgegen den Dativ:

Entgegen allen Erwartungen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren entgegen eurem Rat heute noch weg.

Auch nachgestellt:

Allen Erwartungen entgegen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren eurem Rat entgegen heute noch weg.

Auch wenn es adverbiell verwendet wird (Bedeutung: in Richtung auf etwas zu), steht bei entgegen der Dativ:

Dem Wind entgegen!
Neuen Abenteuern entgegen!

In Verbindung mit einem einfachen Verb gilt dieses entgegen als Verbzusatz, das heißt, es wird ggf. mit dem Verb zusammengeschrieben:

der Sonne entgegenschweben
dem Himmel entgegenfliegen
Ich will euch gerne entgegenkommen.
das wichtige Fußballspiel, dem du seit Tagen entgegenfieberst

Mehr zu entgegen finden Sie zum Beispiel hier und hier. Und zu guter Letzt sei noch dies erwähnt: Im Standarddeutschen steht entgegen nicht mit dem Genitiv. Es heißt also nicht:

*entgegen des Uhrzeigersinns
*entgegen ihres Willens

sondern:

entgegen dem Uhrzeigersinn
entgegen ihrem Willen
oder
dem Uhrzeigersinn entgegen
ihrem Willen entgegen

Ich konnte es einfach nicht lassen, hier kurz den Auffassungen gewisser übereifriger Genitivanhänger und –anhängerinnen entgegenzutreten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommas richtig setzen ist nicht immer einfach – Infinitivgruppen als Subjekt

Frage

„Die Elekotromobilität effektiv fördern(,) ist ein wichtiger Schritt bei der Reduktion der CO2-Emissionen.“ Muss nach „fördern“ eine Komma stehen?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

erweiterte Infinitive am Satzanfang stehen meistens mit zu. Dann gilt die Regel, dass die Infinitivgruppe durch ein Komma abgetrennt werden kann, um die Struktur des Gesamtsatzes zu verdeutlichen. In den folgenden Sätzen kann das eingeklammerte Komma also stehen, es kann aber auch weggelassen werden:

Mit dem Finger auf Leute zu zeigen[,] gilt als unhöflich.
Den ganzen Tag zu arbeiten[,] macht hungrig.
Kommas richtig zu setzen[,] ist nicht immer einfach.
Die Elekotromobilität effektiv zu fördern[,] ist ein wichtiger Schritt bei der Reduktion der CO2-Emissionen.

Ihr Satz ist aber nicht ganz gleich formuliert. Er zeigt, dass es natürlich wieder ein Aber gibt: Wenn ein erweiterter Infinitiv Subjekt des Satzes ist und vor dem Verb steht, kann er auch ohne zu verwendet werden. Er zählt dann nicht zu den Infinitivgruppen, die in der Rechtschreibregel gemeint sind, und kann nicht durch ein Komma abgetrennt werden. Ohne zu heißt hier auch ohne Komma:

Mit dem Finger auf Leute zeigen gilt als unhöflich.
Den ganzen Tag arbeiten macht hungrig.
Kommas richtig setzen ist nicht immer einfach.

Und damit sind wir endlich auch bei Ihrem Satz, der ohne Komma geschrieben wird:

Die Elekotromobilität effektiv fördern ist ein wichtiger Schritt bei der Reduktion der CO2-Emissionen.

Es ist wirklich nicht immer einfach, Kommas richtig zu setzen! Und warum die Infinitivgruppe im vorhergehenden Satz durch ein Komma abgetrennt werden muss, lesen Sie hier (resp. §75.3 der amtl. Rechtschreibregelung).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Etwas in Kauf nehmen

Heute mache ich es mir einmal ganz einfach. Ich zitiere zuerst die schöne Frage von Herrn P. und verwende für die Antwort ein Zitat aus dem Redensarten-Index, einem Wörterbuch, auf das wir in Canoonet für Angaben zu Redewendungen und Redensarten verweisen und das ich für solche Fragen sehr empfehlen kann. 

Frage

Woher stammt die Redewendung „etwas in Kauf nehmen“? Sie erinnert mich an die ehemalige Sowjetunion. Wie überall in den sozialistischen Ländern herrschte hier Planwirtschaft. Wer den Plan erfüllte oder übererfüllte, bekam eine Prämie. Das  führte zu folgenden Erscheinungen: Beim Kauf von Kaviar musste man zusätzlich Sprotten nehmen, [eine Art Heringe,] die keiner haben wollte. Kaviar war zwar nicht sehr teuer, kam aber selten auf den Ladentisch. Hier musste man  wörtlich beim Kaviarkauf die Sprotten in Kauf nehmen.

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

Ihre Vermutung ist richtig. Die Redewendung etwas in Kauf nehmen (etwas hinnehmen; etwas Unangenehmes bei einer sonst vorteilhaften Angelegenheit dulden) hat offenbar genau diesen Ursprung.

Ich mache es mir diesmal ganz einfach und zitiere hier den Redensarten-Index, auf den wir auch von unseren Seiten aus verweisen:

Die Wendung geht auf die Form „etwas mit in den Kauf nehmen“ zurück. Ein Käufer bekam früher gelegentlich etwas Ware zusätzlich mit in den Kauf, wenn der Händler nicht genug Kleingeld zum Herausgeben hatte. „In den Kauf geben“ bezeichnete also eine Zugabe des Verkäufers. Auch bürdeten Wucherer dem Entleiher oft für einen Teil des geborgten Geldes Waren auf, die dieser zwar nicht gebrauchen konnte, die er aber abnahm, um überhaupt ins Geschäft zu kommen. Dies führte zu der Bedeutung: unliebsame Zugabe zu etwas Vorteilhaftem hinnehmen. Der Käufer nahm etwas Unliebsames mit „in (den) Kauf“. Ein Beispiel für die übertragene Bedeutung findet sich 1785 bei Friedrich Wilhelm Gotter in dem Gedicht „Liebeserklärung“: „Ach, Einen Kuß von dir (und ging auch eine Dachtel [=Ohrfeige] / In Kauf) bezahlt‘ ich gern mit meines Lebens Achtel“
Quelle: Redensarten-Index, Eintrag etwas in Kauf nehmen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Seit Anbringen des Schildes – substantivierte Infinitive erkennen

Frage

Wenn seit dem Anbringen des Schildes kein Unfall passiert ist, dann trifft es doch zu, dass auch seit Anbringen des Schildes kein Unfall passiert ist. Wäre es dann immer noch richtig, wenn im zweiten Beispiel „Anbringen“ kleingeschrieben würde?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

auch in seit Anbringen des Schildes muss Anbringen großgeschrieben werden. Es handelt sich auch hier um eine Substantivierung. Substantivierte Infinitive erkennt man am einfachsten, wenn sie mit einem Artikel stehen:

das Anbringen, beim Anbringen
das Öffnen, zum Öffnen
durch das Drücken, mit dem Drücken

Aber auch wenn sie mit einem gebeugten Adjektiv stehen, sind Infinitive substantiviert:

illegales Anbringen
fachgerechtes Öffnen
spontanes Drücken

Ein nicht substantivierter Infinitiv ist eine Verbform und kann als solche nur durch ein ungebeugtes Adjektiv näher bestimmt sein:

illegal anbringen
fachgerecht öffnen
spontan drücken

Auch in Ihrem Beispiel wird der Infinitiv von etwas begleitet, das nur bei einem Substantiv stehen kann: ein Genitivattribut. Eine nachgestellte Genitivgruppe kann nur ein Substantiv näher bestimmen.

seit Anbringen des Schildes

Sie kann nicht ein Verb näher bestimmen:

nicht: dass wir anbringen des Schildes
sondern: dass wir das Schild anbringen

Ebenso zum Beispiel:

Verb: die Fenster öffnen
Substantivierung: Öffnen der Fenster verboten

Verb: den Knopf drücken
Substantivierung: durch Drücken des Knopfes

Einen substantivierten Infinitiv erkennt man also daran, dass er sich im Satz wie ein Substantiv benimmt, das heißt in diesem Fall, dass er Ergänzungen bei sich hat, die bei einem Substantiv, nicht aber bei einem Verb stehen können. Häufig ist das ein Artikel, es kann aber auch ein gebeugtes Adjektiv oder wie in Ihrem Beispiel ein Genitivattribut sein.

substantivierte Infinitive einfach erkennen
einfaches Erkennen substantivierter Infinitive

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Grippe und Ostern

Grippewelle um Grippewelle kam diese Saison vorbei – und ich habe sie alle unbeschadet überstanden. Man achtet ja auf gute Ernährung und versucht auch sonst gesund zu leben, dann kriegt man keine Grippe. Seit vorgestern weiß ich (wieder), dass ich entweder nicht gesund genug lebe oder dass man auch trotz guter Ernährung die Grippe kriegen kann: Ich huste und pruste, habe einen schweren Kopf und fühl mich auch sonst alles andere als wohl. Mit etwas Ruhe, Tee und ein paar Mittelchen aus der Hausapotheke werde ich es bestimmt bald hinter mir haben, aber regelmäßige Besucherinnen und Besucher des Blogs muss ich leider auf die Zeit nach Ostern vertrösten. Diese Woche kommt nichts mehr von Dr. Bopp.

Ostereier

Ich wünsche allen schöne (und gesunde) Ostertage!

Dr. Bopp

Warum in und nicht auf Polynesien?

Immer wieder gibt es Fragen dazu, welche Präpositionen bei Inseln zu verwenden sind (siehe zum Beispiel hier und hier). Immer wieder erstaunt mich das, denn das deutsche Sprachgebiet ist ja nicht besonders inselreich. Vielleicht erklärt gerade die relative Inselarmut die Popularität dieser Frage. Die Regel, die die meisten irgendwann einmal lernen, ist ganz einfach: bei Namen von Orten, Regionen und Ländern verwendet man in (in Dresden, in Osaka, in Sachsen, im Burgund, in Deutschland, in den Niederlanden), bei Inseln aber auf (auf Sylt, auf Curaçao, auf der Mainau). Dass es aber nicht immer ganz so eindeutig ist, sehen Sie  hier und hier. Und heute ein weiteres Beispiel, weshalb es trotz der Einfachheit der Regel zu Fragen kommen kann.

Bora Bora

Inselfrage

Polynesien scheint unter den Sonderfällen ein Sonderfall zu sein. Man ist „in“ Polynesien, obwohl man „auf“ den Inseln weilt. Man kann auf den Kanaren geboren sein, aber nicht auf Polynesien. Die geopolitischen Ansätze funktionieren hier nicht mehr. (Quantengrammatik ?)

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

um die Verwendung von in bei Polynesien zu erklären, braucht man keine „Quantengrammatik“. Der Name Polynesien bezeichnet anders als zum Beispiel Kanaren, Azoren und Bahamas nicht eine Inselgruppe, sondern eine ganze Region, die aus verschiedenen eigenständigen Inseln und Inselgruppen besteht. Das sieht man auch daran, dass Polynesien zwar viele Inseln umfasst, als Name aber in der Einzahl steht (Polynesien hat/ist…). Man lebt nicht auf einer Region, sonder in einer Region. So lebt man zum Beispiel auf Hawaii, auf Samoa oder auf den Cook-Inseln, die alle in Polynesien liegen. Dasselbe gilt für Melanesien und Mikronesien – und auch für Inselstaaten wie Indonesien und Japan.

Auch bei Japan und Indonesien heißt es nicht auf Japan, sondern in Japan und nicht auf Indonesien, sondern in Indonesien, obwohl es sich, wie ein Blick auf die Karte zeigt, um Inselgruppen handelt. Die Namen Japan und Indonesien werden also als Name eines Landes oder einer Region aufgefasst und entsprechend behandelt.

Als Faustregel kann gelten: Namen von aus Inselgruppen bestehenden Ländern und Regionen werden nur dann mit auf verwendet, wenn der Name ein Plural ist:

auf den Kanaren, auf den Azoren, auf den Philippinen
in Polynesien, in Indonesien, in Japan

Es ist nicht die brisanteste aller deutschen Grammatikfragen, sie zeigt aber gut, dass es auch bei so etwas Übersichtlichem wie Inselgruppen mehr als eine Betrachtungsweise und entsprechend mehr als eine sprachliche Ausdrucksweise geben kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige Komma im Titel

Frage

Ich habe eine simple Frage. Der Claim meines Blogs lautet: Produktmanagement das funktioniert. Ich bin mir jetzt unsicher. Kommt noch Produktmanagement ein Komma oder nicht? Was ist korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die Frage klingt simpel, doch bei den Satzzeichen in Titeln u. Ä. werden viele hin und wieder unsicher. Die Antwort ist übrigens gleich simpel wie die Frage: Vor das muss ein Komma stehen. Natürlich kann ich es nicht lassen, noch ein paar erklärende Worte hinzuzufügen:

Dieses das ist ein Relativpronomen, das einen Relativsatz (das funktioniert) einleitet. Ein Relativsatz ist ein Nebensatz und muss als solcher durch ein Komma abgetrennt werden. Das gilt auch dann, wenn er nicht von einem ganzen Satz, sondern wie hier nur von seinem Bezugswort begleitet wird. Und Titel, Slogans, Claims usw. sind nicht davon ausgenommen. So hartnäckig kann das Komma sein:

Ich zeige Ihnen Projektmanagement, das funktioniert.
Ich zeige Projektmanagement, das funktioniert.
Zeige Projektmanagement, das funktioniert.

Projektmanagement, das funktioniert

Ganz allgemein werden die Satzzeichen in Titeln, Überschriften usw. gleich gesetzt wie in „normalem“ Text. Ein paar Beispiele:

Irrungen, Wirrungen (Roman)
Wetten, dass …? (Fernsehsendung)
Good bye, Lenin! (Film)
Der Mann, der zu viel wusste (Der Mann, der zuviel wußte; Film)
Von einem, der auszog[,] das Fürchten zu lernen (Märchen)

Die einzige Ausnahme ist der Schlusspunkt: Er wird in Titeln u. Ä. nicht gesetzt. Außerdem gilt auch hier: Dichterischer Freiheit sind keine Grenzen gesetzt. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie Titeln und Überschriften begegnen, die es mit der offiziellen Zeichensetzung nicht so genau nehmen:

punkt punkt komma strich (Roman)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal das Komma vor „und“

Im Prinzip wäre es ja ganz einfach: Vor und steht kein Komma. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahmen, die ich in einem früheren Eintrag schon einmal erwähnt habe. Hier folgt noch ein solcher Spezialfall: 

Frage

Wie lauten hier die Kommaregeln? Gibt es eine einfache Faustregel? Ich bin etwas irritiert. Zum Beispiel:

Wenn du es zeichnest ist es rund, und wenn du es schreibst ist es gerade.
Wenn du es zeichnest, ist es rund und wenn du es schreibst, ist es gerade.
Wenn du es zeichnest, ist es rund, und wenn du es schreibst, ist es gerade.

Was ist richtig? Können Sie mir weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

in Ihrem Satz würde ich den dritten Vorschlag wählen und die Kommas wie folgt setzen:

Wenn du es zeichnest, ist es rund, und wenn du es schreibst, ist es gerade.

Das und verbindet hier zwei selbstständige Satzgefüge:

Wenn du es zeichnest, ist es rund
und
wenn du es schreibst, ist es gerade

In einem solchen Fall ist das Komma vor und im Prinzip fakultativ (es verbindet zwei gleichrangige selbstständige Sätze, vgl. hier). Wenn der zweite Satz aber ein Satzgefüge ist, das mit einem Nebensatz beginnt, ist es zu empfehlen, zur Verdeutlichung der Satzstruktur ein Komma zu verwenden.

Hier noch ein paar Beispiele:

Die Tür war aus Holz gefertigt, und wenn er sie öffnete, knarrte sie.
Sie diskutierten bis tief in die Nacht, und weil sie ein paar Gläser Wein getrunken hatte, nahm sie ein Taxi nach Hause.
Wir speisten darauf beim Gouverneur, und nachdem wir von ihm Abschied genommen hatten, gingen wir auf das Schiff zurück.
Zu guter Letzt bekam der brave Geselle Hans seine Appolonia zur Frau, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Bei Unsicherheit wäre es natürlich am einfachsten, solche Formulierungen zu vermeiden. Doch so sehr sollte man sich nicht durch eine Komma-Unsicherheit einschüchtern lassen, und wenn man es einmal weiß, ist es ja gar nicht so kompliziert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

10-Prozent-Anteil und 10-Euro-Schein mit % und €

Frage

Wie sind Wortbildungen mit Sonderzeichen wie „die 30°C-Marke“ oder „der 10%-Anteil“ oder „der 10€-Schein“ korrekt zu schreiben? Und lassen sich solche Bildungen auch ausschreiben? Also: „die Dreißiggradcelsiusmarke“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Bildungen zu schreiben. So können sie ganz in Worten oder mit einer Ziffer geschrieben werden:

Dreißig-Grad-Celsius-Marke
30-Grad-Celsisus-Marke
(Dreißiggradcelsiusmarke ist möglich, aber nicht sehr gut lesbar)

Zehnprozentanteil
10-Prozent-Anteil

Zehneuroschein
10-Euro-Schein

Vgl. hier und hier.

Komplizierter wird es, wenn die Maßeinheit mit einer Abkürzung wiedergegeben wird. Es wird zwar sehr(!) häufig anders geschrieben, aber man sollte auch dann Bindestriche zwischen allen Teilen der Zusammensetzung verwenden (siehe hier):

100-g-Beutel
10-km-Lauf

Und nun kommen wir endlich zu Ihrer eigentlichen Frage: Es gibt keine feste Regel mehr, wenn nicht Buchstaben und Ziffern, sondern Sonderzeichen und Symbole in einer Zusammensetzung vorkommen. Die Rechtschreibregelung macht nämlich keine Angaben dazu. Es gibt drei mögliche Schreibweisen, von denen ich keine als wirklich falsch bezeichnen würde:

(geschützter) Leerschritt Zusammenschreibung Bindestrich
30° C-Marke* 30°C-Marke 30°-C-Marke*
10 %-Anteil 10%-Anteil 10-%-Anteil
10 €-Schein 10€-Schein 10-€-Schein
1 £-Note 1£-Note 1-£-Note

Beim Prozentzeichen empfehlen die Wörterbücher die Schreibung mit einem (geschützten, schmalen) Leerzeichen zwischen Ziffer und %: 10 %-Anteil. Zu den anderen Symbolen machen sie keine Angaben.

Weiter ist noch zu bemerken, dass beim Eurozeichen die Schreibung mit einem Leerzeichen zu Missverständnissen führen kann:

10 €-Scheine = Zehneuroscheine oder zehn Euroscheine

10 €-Scheine

Es gibt also keine einfache, allgemein verbindliche und alle Fälle abdeckende Regel. Alles in allem würde ich deshalb empfehlen, wenn möglich in Zusammensetzungen keine Sonderzeichen zu verwenden:

30-Grad-Celsius-Marke
10-Prozent-Anteil
10-Euro-Schein
1-Pfund-Note

Diese Wörter lassen sich problemlos schreiben, sind gut lesbar und nicht furchtbar viel länger als die Varianten mit Symbolen und Sonderzeichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Fachsprachlich auch 30 °C-Marke, 30-°C-Marke

Vorzukunft in der Vergangenheit

Von der Vorzukunft in der Vergangenheit haben Sie wahrscheinlich noch nie gehört. Es ist auch eine Zeitform, die kaum jemand täglich verwendet.

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen: „Sie beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.“

Zuerst dachte ich, das wäre „Zukunft in der Vergangenheit“, aber das passt nicht. […] Ich frage mich auch, was die einfachere Alternative für den gegebenen Satz wäre. Es könnte nur „…sobald der Regen aufhört“ sein, denn „sobald der Regen aufgehört hätte“ hat eine andere Bedeutung. Sehr gerne würde ich den grammatikalischen Kontext des Satzes besser verstehen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die würde-Form aufgehört haben würde ist hier trotz Ihrer Zweifel eine Art Zukunft in der Vergangenheit. Es ist also keine Ersatzform für den Konjunktiv II. Deshalb würde aufgehört hätte nicht gut in den Satz passen.

Die würde-Form kommt häufig vor, wenn etwas Vergangenes in Bezug auf etwas anderes Vergangenes zukünftig war (Zukunft in der Vergangenheit):

Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.
Als ihr in Nizza Rodolfo vorgestellt wurde, vermutete sie nicht, dass sie schon wenige Monate später mit ihm verheiratet sein würde.
Er nahm auf niemanden Rücksicht. Das würde er noch bereuen.

Um die Zeitverhältnisse in Ihrem recht komplexes Satz besser zu verstehen, nehmen wir ihn zuerst einmal auseinander:

Sie beschloss,
= Zeitpunkt X in der Vergangenheit
dass sie dorthin fahren würde, sobald der Regen aufgehört haben würde.
= zukünftig in Bezug auf den Zeitpunkt X

Dann ersetzen wir den dass-Satz durch eine Infinitivkonstruktion

Sie beschloss,
dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zukünftigkeit sieht man gut, wenn man den Hauptsatz zuerst ins Präsens setzt:

Wir wissen, dass Marianne um 17 Uhr ankommen wird.
Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.

Sie beschließt, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
Sie beschloss, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zeitverhältnisse sind in Ihrem Satz deshalb so kompliziert, weil der mit sobald eingeleitete Satz in Bezug auf dorthin fahren vorzeitig ist, in Bezug auf beschließen aber immer noch „zukünftig“. Die Form aufgehört haben würde ist also eigentlich nicht Zukunft in der Vergangenheit, sondern so etwas wie „Vorzukunft in der Vergangenheit“:

Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören wird.
aufhören wird = Zukunft
Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
aufgehört haben wird = Vorzukunft, vorzeitige Zukunft

Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören würde.
aufhören würde = Zukunft in der Vergangenheit
Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.
aufgehört haben würde = Vorzukunft in der Vergangenheit

Wie so oft, wenn es um die Verwendung von Zeitformen im Deutschen geht, sind dies keine eisernen Regeln. Genauso wie die Zukunft im Deutschen nicht immer mit dem Hilfsverb des Futurs werden ausgedrückt wird, wird auch die Zukunft in der Vergangenheit nicht immer mit der würde-Form gebildet. Die Struktur des Satzes, der Sie beschäftigt, sollte damit aber erklärt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp