Vom Haushalten, Staubsaugen und Gewährleisten

Frage

Wie heißt es richtig: „dass du mit deinen Kräften haushältst“ oder „dass du mit deinen Kräften haushaltest“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei haushalten gilt Ähnliches wie bei u. a. staubsaugen und gewährleisten. Diese Verbindungen können nämlich sowohl untrennbare Verbkomposita als auch trennbare Verbverbindungen sein.

Bei untrennbar gewährleisten und trennbar Gewähr leisten ändert sich auch die Satzkonstruktion:

etwas gewährleisten
Wir gewährleisten die pünktliche Lieferung der Waren.
Wir können einen reibungslosen Ablauf gewährleisten.
Wir tun alles, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Die Richtigkeit der Angaben wird nicht gewährleistet.

für etwas Gewähr leisten
Wir leisten für die pünktliche Lieferung der Waren Gewähr.
Wir können für einen reibungslosen Ablauf Gewähr leisten.
Wir tun alles, um für die Sicherheit Gewähr zu leisten.
Für die Richtigkeit der Angaben wird keine Gewähr geleistet.

Wenn staubsaugen ohne Akkusativobjekt steht, kann es auch Staub saugen sein:

staubsaugen
Er staubsaugt im ganzen Haus.
Ich muss noch staubsaugen und die Küche putzen.
Vergiss nicht zu staubsaugen!
Ich habe gestern schon gestaubsaugt.

Staub saugen
Er saugt im ganzen Haus Staub.
Ich muss noch Staub saugen und die Küche putzen.
Vergiss nicht Staub zu saugen!
Ich habe gestern schon Staub gesaugt.

Mit Akkusativobjekt ist nur die untrennbare Variante üblich:

etwas staubsaugen
Er staubsaugt das ganze Haus.
Ich muss noch den Teppich staubsaugen.
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen!
Ich habe es gestern schon gestaubsaugt.

Und nun sind wir endlich bei „Ihrem“ Verb: Neben dem untrennbaren haushalten gibt es auch das trennbare Haus halten. Anders als bei den vorhergehenden Verben gibt es hier keine Unterschiede auf der Ebene der möglichen Ergänzungen. Die Unterschiede zeigen sich bei den Wortformen: Das Verb haushalten ist regelmäßig, halten in Haus halten aber unregelmäßig:

(mit etwas) haushalten
Er haushaltet nicht gut mit seiner Zeit.
Ich kann einfach nicht haushalten.
Versuche, besser mit deinen Mitteln zu haushalten.
Die Kieler Mannschaft haushaltete klug mit ihren Kräften und gewann.
Es muss vorausschauend mit den Vorräten gehaushaltet werden.

(mit etwas) Haus halten
Er hält nicht gut mit seiner Zeit Haus.
Ich kann einfach nicht Haus halten.
Versuche, besser mit deinen Mitteln Haus zu halten.
Die Kieler Mannschaft hielt klug mit ihren Kräften Haus und gewann.
Es muss vorausschauend mit den Vorräten Haus gehalten werden.

Der vielen Beispiele und der langen Rede kurzer Sinn: Diese beiden Formulierungen sind korrekt:

dass du mit deinen Kräften haushaltest
dass du mit deinen Kräften Haus hältst

So, und jetzt widme ich mich dem Frühlingsputz und gehe Staub saugen bzw. staubsaugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Anredenominativ macht nicht richtig mit

Frage

Eine Frage:

Für Sie, liebe Studienkollegen, beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
liebe Studienkollegen = lockere Apposition

Wie schaut es aus, wenn ich umstelle?

Liebe Studienkollegen, für Sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Wie kann ich den Satz analysieren?

Liebe Studienkollegen = Anrede
für Sie = Präpositionalobjekt
beginnt = Prädikat
ein neuer Lebensabschnitt = Subjekt

Könnte, ganz weit gefasst, die Anrede auch als Apposition verstanden werden?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im ersten Satz könnte die Anrede auf den ersten Blick als lockere Apposition gesehen werden. Es ist aber üblich, Anreden als relativ eigenständige Einheiten zu betrachten, die außerhalb der eigentlichen Satzkonstruktion stehen. So stehen sie zum Beispiel immer im „neutralen“ Nominativ (Anredenominativ). Man sieht das allerdings wie in Ihren Beispielen häufig nicht, deshalb hier zwei andere, anschaulichere Beispiele:

Für dich[Akk], lieber Studienkollege[Nom], beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Lieber Studienkollege[Nom], für dich[Akk] beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Zusammen mit Ihnen[Dat], liebe Studienkolleginnen[Nom], beginnen wir ein neues Jahr.
Liebe Studienkolleginnen[Nom], zusammen mit Ihnen[Dat] beginnen wir ein neues Jahr.

Ein zweites Indiz dafür, dass Anreden im Satz nicht richtig mitmachen, ist die Satzstellung. In einem Aussagesatz kann immer nur ein Satzglied im Vorfeld (vor der konjugierten Verbform) stehen. Wenn eine Anrede am Anfang eines Aussagesatzes steht, folgt nicht das Verb, sondern immer zuerst ein anderer Teil des Satzes:

nicht: Lieber Freund, habe ich gelesen deine Mail.
sondern: Lieber Freund, ich habe deine Mail gelesen.

Anreden stehen immer im Nominativ, können nicht das Vorfeld besetzen und gehören somit nicht zur eigentlichen Satzkonstruktion. Sie machen im Satz gewissermaßen nicht richtig mit. Es ist deshalb besser, liebe Studienkollegen in beiden Sätzen als Anrede zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Man selbst sein und sich selbst sein

Frage

Mein Kollege im Korrektorat hat den Satz „Man kann sich selbst sein“ in „Man kann man selbst sein“ korrigiert. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich glaube nicht, dass „man“ die Funktion eines Reflexivpronomens übernehmen kann.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Formulierung Ihres Kollegen ist nicht falsch. Die standardsprachlich korrekte Formulierung ist tatsächlich:

Man kann man selbst sein.

Hier steht nicht das Reflexivpronomen, sondern ein Personalpronomen oder im Fall von man ein unbestimmtes Pronomen im Nominativ. Wir haben es nämlich mit einer Konstruktion zu tun, in der das Verb sein zwei Nominative, das Subjekt und ein Prädikativ, miteinander verbindet:

Wer kann wer oder was sein?

Das Problem: Ein Reflexivpronomen im Nominativ gibt es nicht (vgl. hier).

Standardsprachlich steht hier deshalb zweimal das Personalpronomen:

Wer bin ich? – Ich bin ich selbst.
Wer willst du sein? – Du willst du selbst sein.
Wer kann sie sein? – Sie kann sie selbst sein.
Wer dürfen wir sein? – Wir dürfen wir selbst sein.

Das gilt auch für das unbestimmte man:

Wer kann man sein? – Man kann man selbst sein.

Soweit die grammatisch korrekte Version in der Standardsprache. Wahrscheinliche Reaktionen sind nun zustimmendes „Ja, natürlich“ oder zweifelndes „Wirklich?“.

Mehr oder weniger umgangssprachlich verwendet man in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz bei dieser Wendung nämlich häufig „trotzdem“ das Reflexivpronomen:

Ich kann mich selber sein.
Er kann sich selbst sein
Man kann sich selber sein.

Auch wenn sie anderswo mit viel Skepsis empfangen wird, kommt diese „falsche“ Formulierung im südlichen deutschen Sprachraum vermutlich mindestens so häufig vor wie die korrekte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie in Ihren Ohren gar nicht falsch klingt. Wenn in einem Text eher Umgangssprachliches erlaubt ist, kann insbesondere im südlichen deutschen Sprachraum auch Man kann sich selbst sein stehen. In einem formellen, standardsprachlichen Text wählen Sie besser Man kann man selbst sein (oder noch besser eine andere Formulierung).

In der Wendung sich selbst sein wird das Reflexivpronomen sich also auch im Nominativ verwendet. Das kann man nun sehr abwegig finden, aber wir verwenden sich problemlos auch im Dativ, obwohl es ursprünglich nur im Akkusativ vorkam (vgl. mit den Formen mich und dich). Was ist also „falscher“, das Personalpronomen ausnahmsweise auch einmal rückbezüglich zu verwenden oder das Reflexivpronomen ausnahmsweise auch einmal im Nominativ zuzulassen? In der Standardsprache gilt nur man selbst sein als richtig, „im Süden“ findet man (auch) sich selbst sein akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Steht ein Komma vor »als etwas zu essen«?

Frage

Es geht um diesen Satz:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig,(??) als etwas zu essen.

Mir ist unklar, ob diese Infinitivkonstruktion mit Komma abgetrennt wird, weil mit „etwas zu essen“ ja eigentlich ein Substantiv gemeint ist, wenn man schreiben würde „als Essen“. Vergleichbar hier ein Satz aus dem Netz: „Eine Jause ist mehr als etwas zu essen.“

Antwort

Guten Tag Herr E.,

Sie zweifeln zu Recht, denn richtig ist die Schreibung ohne Komma:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als etwas zu essen.

Das liegt daran, dass „etwas zu essen“ zwar wie eine Infinitivgruppe aussieht, hier aber  eine Pronomengruppe ist:

Infinitivgruppe:
etwas zu essen = dass man etwas isst
(engl. to eat something, frz. manger quelque chose)

Pronomengruppe
etwas zu essen = etwas, das man essen kann
(engl. something to eat, frz. quelque chose à manger)

Vor vergleichendem „als“ steht dann ein Komma, wenn es einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe einleitet (siehe hier und hier). In Ihrem Satz ist aber eine Pronomengruppe gemeint. Deshalb setzen Sie kein Komma:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als etwas zu essen.
vgl. Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als Essen.

Es gab nicht mehr als etwas zu trinken.
vgl. Es gab nicht mehr als ein Getränk.

Aber zum Beispiel:

Sie kann besser schlafen, als etwas zu essen.
vgl. Sie kann besser schlafen, als zu essen.

Sie konnten nichts anderes mehr tun, als etwas zu trinken.
vgl. Sie konnten nichts anderes mehr tun, als zu trinken.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, den Unterschied zwischen Pronomengruppe und Infinitivgruppe festzulegen, weil beides möglich ist:

Eine Jause ist mehr als etwas zu essen  (vgl. mehr als nur Esswaren)
Eine Jause ist mehr, als etwas zu essen (vgl. mehr, als nur zu essen)

Ob mit oder ohne Komma: Hauptsache, es gibt etwas zu essen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die doppelte Menge wie sonst oder als sonst?

Frage

Muss es „die doppelte Menge wie sonst“ oder „die doppelte Menge als sonst“ heißen? Wenn ich paraphrasiere, ginge beides: „doppelt so viel wie sonst“ und (mit leicht geändertem Inhalt) „mehr als sonst“. Aber was ist korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

kein Wunder, dass Sie zweifeln, denn beides will nicht so recht passen:

Ich nehme die doppelte Menge wie sonst. [?]
Ich nehme die doppelte Menge als sonst. [?]

Manche entscheiden sich sogar für als wie, was in der Standardsprache ganz bestimmt nicht richtig ist:

*Ich nehme meist etwa die doppelte Menge als wie auf der Packung steht.

Die Unsicherheit kommt daher, dass es weder die doppelte Menge wie sonst noch die doppelte Menge als sonst heißt, sondern doppelt so viel wie sonst. So heißt es zum Beispiel auch nicht die dreifache Menge als/wie sonst, sondern dreimal so viel wie sonst. Sie sagen also viel besser:

Ich nehme doppelt so viel wie sonst.

Wenn man nicht auf das Wort Menge verzichten will, sind auch andere Formulierungen möglich, zum Beispiel:

Ich nehme das Doppelte der Menge, die ich sonst nehme.
Ich nehme das Doppelte der üblichen Menge.

Und weil es so schön ist, gleich noch ein paar Beispiele:

statt: *Für vier Personen nehmen Sie die doppelte Menge wie oben angegeben.
besser: Für vier Personen nehmen Sie doppelt so viel wie oben angegeben.
oder: Für vier Personen nehmen Sie das Doppelte der oben angegebenen Menge.

statt: *Wir haben diesmal die doppelte Summe wie beim letzten Mal bezahlt.
besser: Wir haben diesmal doppelt so viel wie beim letzten Mal bezahlt.
oder: Wir haben diesmal das Doppelte der Summe vom letzten Mal bezahlt.

statt: *Es gab mindestens die doppelte Anzahl Anmeldungen als verfügbare Plätze.
besser: Es gab mindestens doppelt so viele Anmeldungen wie verfügbare Plätze.
oder: Die Anzahl Anmeldungen war mindestens doppelt so hoch wie die der verfügbaren Plätze.

Und wenn Sie großer Fan des Karnevals, des Faschings und der Fas(t)nacht sind: Feiern Sie schön, aber trinken Sie nicht viel mehr als die doppelte Menge wie sonst – ähh – nicht viel mehr als doppelt so viel wie sonst. Ich erlaube mir diese onkelhaft ermahnenden Worte hier nur deshalb, weil echte Fans des Narrentreibens in dieser Zeit des Jahres ohnehin keine Zeit für Sprachblogs haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Meldepflicht der Berufskrankheiten und die Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags

Frage

Laut Duden 9 „Kompositum“ ist es nicht korrekt, zu einer Zusammensetzung ein Genitivattribut zu stellen, das inhaltlich nur zum ersten Bestandteil der Zusammensetzung gehört. Also nicht: „Meldepflicht der Berufskrankheiten“, weil nicht die Berufskrankheiten die Pflicht zur Meldung haben; sie sollen gemeldet werden. Richtig heißt es: „die Pflicht zur Meldung von Berufskrankheiten“.

Ich frage mich, wie streng diese Regel auszulegen ist, z. B. bei Genitivattributen, die inhaltlich eher zum ersten Bestandteil gehören, etwa „Finanzierungsquelle der Behörden“.

Antwort

Guten Tag Frau N.,

Ein Genitivattribut darf sich tatsächlich nicht nur auf den ersten Teil einer Zusammensetzung beziehen. Ein Genitivattribut bezieht sich immer auf die ganze Zusammensetzung:

nicht: *Meldepflicht der Berufskrankheiten
sondern: Pflicht zur Meldung von Berufskrankheiten

Wie schon in Ihrer Frage gesagt: Die Berufskrankheiten haben nicht Plicht, etwas zu melden, sondern es geht darum, dass es eine Pflicht gibt, Berufskrankheiten zu melden.

nicht: *Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags
sondern: Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags

Die Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags ist nicht korrekt, weil sich das Genitivattribut eines Meteoriteneischlags nur auf Wahrscheinlichkeit bezieht (die Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags wird berechnet).

Wahrscheinlichkeitsberechungen des astronomischen Institutes (hinsichtlich eines Meteoriteneinschlags)

Die Wahrscheinlichkeitsberechung des astronomischen Institutes hingegen ist hier korrekt, denn das Genitivattribut des astronomischen Institutes bezieht sich auf die ganze Zusammensetzung Wahrscheinlichkeitsberechung (das astronomische Institut macht eine Wahrscheinlichkeitsberechnung).

Dieses Prinzip wird eigentlich immer eingehalten, es gibt aber Zweifelsfälle. Nehmen wir den ebenfalls im Duden genannten Finanzverwalter dieser Gesellschaft. Er ist der Verwalter der Finanzen der Gesellschaft. Das Genitivattribut bezieht sich so gesehen auf Finanzen, den ersten Teil der Zusammensetzung. Trotzdem ist diese Formulierung richtig: Da man auch sagen kann, dass der gute Mann Finanzverwalter bei dieser Gesellschaft ist, bezieht sich das Genitivattribut dieser Gesellschaft auch auf die ganze Zusammensetzung Finanzverwalter.

Kommen wir nun endlich zu Ihrem Zweifelsfall: Finanzierungsquellen der Behörden. Ob diese Formulierung akzeptabel ist, hängt davon ab, was genau gemeint ist.

nicht richtig: Finanzierungsquellen der Behörden = Quellen für die Finanzierung der Behörden
richtig: Finanzierungsquellen der Behörden = Quellen der Behörden für die (eigene) Finanzierung

Wenn die Regierung  Quellen für die Finanzierung der Behörden sucht, kann man nicht sagen:

Die Regierung sucht Finanzierungsquellen der Behörden.

Damit würde gesagt, dass die Regierung danach forscht, aus welchen Quellen sich die Behörden finanzieren. Wenn die Regierung sich aber Sorgen darüber macht, aus welchen Quellen die Behörden sich finanzieren, kann man sagen:

Die Regierung macht sich sorgen über die Finanzierungsquellen der Behörden.

Diese Formulierung ist wiederum nicht korrekt, wenn gemeint ist, dass sich die Regierung Sorgen macht, wie sie die Behören finanzieren soll …

Der Kontext ist also sehr wichtig bei der Beurteilung, ob in diesen Fällen ein Genitivattribut möglich ist oder nicht.

Ich hoffe, dass nun klarer geworden ist, warum der *Erklärungsversuch dieses Phänomens nicht richtig ist, der Erklärungsversuch des Sprachdoktors (zumindest diese Formulierung) hingegen schon.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenig, weniger, wenigerer

Wenn der Genitiv tatsächlich vom Untergang bedroht ist – man hört zwar in letzter Zeit nicht mehr so viel davon –, ist er auch ein bisschen selbst schuld daran, dass er weniger verwendet wird. Manchmal macht er uns nämlich das Sprachleben nicht einfacher, wie Herrn M.s Frage zur Form weniger zeigt:

Frage

Meist bleibt das Wort „wenig“ ungebeugt, obwohl man die Beugung eventuell auch anwenden könnte. Mit dem Wort „weniger“ verhält es sich da schon etwas anders, da dieses anscheinend immer ungebeugt bleibt:

Es erschienen immer weniger Menschen zu den Vorträgen.
Man kommuniziert mit deutlich weniger Personen.
Man kämpfte gegen weitaus weniger Richtlinien an.

[…] Problematisch verhält es sich meines Erachtens, wenn man hier den Genitiv anzuwenden versucht, da es ja „wenig“ von „weniger“ zu unterscheiden gilt:

Sie nimmt sich weniger Menschen an.
(Es sind wenige Menschen, deren sie sich annimmt.)

Man könnte ja dann – um den Unterschied deutlich zu machen – auch folgende Formulierung anwenden:

Sie nimmt sich wenigerer Menschen an, als es im Vorjahr der Fall war.
(Es sind weniger Menschen, deren sie sich annimmt, als …)

Erachten Sie diese Formulierung als korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Komparativform weniger ist unveränderlich. Die Form wenigerer ist nicht korrekt. Daraus ergibt sich, wie Sie richtig beschrieben haben, eine Schwierigkeit im Genitiv.

Abgesehen vom Problem der Unterscheidung mit dem Genitiv von wenig, gibt es noch eine Schwierigkeit: Im Deutschen kann eine Wortgruppe u. a dann nicht im Genitiv stehen, wenn sie nicht mindestens ein Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthält. Die Steigerungsform weniger hat keine solche Endung, denn das er markiert ja die Steigerung, nicht einen Fall.

Eine Lösung für diese Form im Genitiv könnte dann sein, einfach ein er anzuhängen, doch die Steigerungsform weniger beharrt nun einmal darauf, unveränderlich zu sein. Man muss deshalb – wie in anderen Fällen auch – auf eine andere Formulierung ausweichen. Bei den folgenden Beispielen gebe ich auch die Form mehr an, für die dasselbe gibt:

Bei Genitivattributen und einigen Präpositionen weicht man auf eine Präpositionalgruppe mit von aus:

nach der Ansicht von mehr/weniger Menschen als früher
aufgrund von mehr/weniger Hinweisen als beim letzten Fall

Bei einigen Präpositionen kann auf den Dativ ausgewichen werden:

während mehr/weniger Tagen als im letzten Monat

(Vgl. die Angaben hier und hier)

Bei Genitivobjekten wie in Ihrem Beispiel muss eine andere Formulierung gewählt werden:

Sie nimmt sich einer größeren/geringeren Anzahl Menschen an.
Sie kümmert sich um mehr/weniger Menschen.

Die Lösung für dieses Genitivproblem ist also nicht die Form *wenigerer, sondern eine andere Formulierung. Einen hiermit verwandten Fall beschreibt dieser ältere Blogeintrag.

Der Genitiv kann sich also ziemlich eigensinnig benehmen. Zum Glück merken wir das beim Sprechen und Schreiben meistens nicht, weil wir die oben stehenden Ausweichmanöver unbewusst ganz gut beherrschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Gegenwartsdeutsch und das Gegenwartsdeutsche

Kurz vor Weihnachten wiederhole ich wieder einmal einen Wunsch: Bitte achten Sie darauf, dass Sie Ihre E-Mail-Adresse richtig eingeben! Nur so kann ich Ihnen auch antworten. Wenn Sie im vergangenen Jahr keine Antwort von mir erhalten haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich Ihnen schlicht nicht antworten konnte. Da aber auch ich nicht unfehlbar bin, kann es auch sein, dass ich die eine oder andere Mail versehentlich habe untergehen lassen. Für diesen Fall bitte ich Sie natürlich um Entschuldigung.

Hier die Antwort an Herrn A., dem ich nicht antworten konnte, weil die E-Mail-Adresse nicht stimmte. Als speziellen Weihnachtsservice veröffentliche ich seine Frage hier und hoffe, dass er sie auch liest.

Frage

Werden Substantive wie „Hochdeutsch“ und „Gegenwartsdeutsch“ wie Adjektive dekliniert? Muss es richtig heißen „im Gegenwartsdeutsch“ oder „im Gegenwartsdeutschen“?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

beides kommt vor. Sprachbezeichnungen werden häufig endungslos verwendet, wenn es um eine bestimmte, näher gekennzeichnete Art der Sprache geht:

ein gepflegtes Hochdeutsch
im alltäglichen Gegenwartsdeutsch
das Französisch des 15. Jahrhunderts
Mein Italienisch ist ein bisschen eingerostet.

Sprachbezeichnungen werden meist mit Adjektivendung verwendet, wenn die Sprache im Allgemeinen gemeint ist, insbesondere im Gegensatz zu anderen Sprachen oder Sprachvarianten:

das Hochdeutsche im Vergleich zum Niederdeutschen
der Kasusverfall im Gegenwartsdeutschen
aus dem Französischen ins Italienische übersetzen

Vgl. hier. Das ist aber keine in Stein gemeißelte Regel. Die Trennung wird nicht immer streng in dieser Weise eingehalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Ich wünsche Ihnen allen schöne und geruhsame Weihnachtstage!


 

Ich und kein anderer werde/wird?

Frage

Im folgenden Satz bin ich mir unsicher, ob das Verb „werden“ richtig konjugiert ist:

Ich und kein anderer wird das Buch lesen.

[…] Ich würde das fragliche Verb im Deutschen nach dem Subjekt „ich“ ausrichten.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

in diesem speziellen Fall, bei dem man sofort ins Stolpern gerät, wenn man den „Fehler“ macht, darüber nachzudenken, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann die Formulierung a) als zusammengezogenen Satz oder b) als einen Satz mit einer Apposition oder einem Einschub interpretieren.

a) Ich und kein anderer wird das Buch lesen.
b) Ich – und kein anderer – werde das Buch lesen.

Im Fall a) behandelt man den Satz als eine (krasse) Zusammenziehung von zwei Sätzen:

Ich und kein anderer wird das Buch lesen.
Ich [werde das Buch lesen] und kein anderer wird das Buch lesen.

Du und niemand anders wird bei uns einziehen.
Du [wirst bei uns einziehen] und niemand anders wird bei uns einziehen.

Meine Nachbarn, nicht Christina hat mir geholfen.
Meine Nachbarn [haben mir geholfen,] nicht Christina hat mir geholfen.

Im Fall b) sind und kein anderer, und niemand anders und nicht Christina lockere Appositionen oder verstärkende Einschübe, die man mit Kommas oder Gedankenstrichen abtrennt. Das Verb richtet sich dann nach dem Subjekt und nicht nach der Apposition oder dem Einschub:

Ich, und kein anderer, werde das Buch lesen.
Ich – und kein anderer – werde das Buch lesen.

Du, und niemand anders, wirst bei uns einziehen.
Du – und niemand anders – wirst bei uns einziehen.

Meine Nachbarn, nicht Christina, haben mir geholfen.
Meine Nachbarn – nicht Christina – haben mir geholfen.

In a) bleibt die Verbform ein Stolperstein und in b) ist das Komma vor „und“ zumindest gewöhnungsbedürftig. Deshalb empfiehlt es sich, solche Formulierungen, wenn überhaupt, mit Maßen zu benutzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gleichzeitiges und vorzeitiges Abnehmen im Infinitiv

In den letzten Tagen ist mir gleich zweimal eine Frage begegnet, die sich Muttersprachige kaum je stellen, die aber Deutsch Unterrichtenden vielleicht bekannt vorkommt. Hier die Frage von Frau W.:

Frage

Es geht um den Infinitivsatz „Mir war es immer wichtig, mehr abgenommen zu haben als meine Freundin“. Finden die Geschehen im Haupt- und Infinitivsatz gleichzeitig statt oder findet das Geschehen im Infinitivsatz vorher statt?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

der Infinitivsatz in Ihrem Beispiel ist vorzeitig. Das Geschehen im Infinitivsatz findet vorher statt. Zum Zeitpunkt, in dem es der sprechenden Person wichtig ist, hat das Abnehmen bereits stattgefunden. Das liegt am Infinitiv Perfekt abgenommen zu haben.

In einem Infinitivsatz drückt der einfache Infinitiv (Infinitiv Präsens) Gleichzeitigkeit und der Infinitiv Perfekt Vorzeitigkeit in Bezug auf den übergeordneten Satz aus. Dies ist unabhängig davon der Fall, in welchem Tempus der übergeordnete Satz steht.

Gleichzeitigkeit:
Mir ist wichtig, mehr abzunehmen als meine Freundin.
Mir war wichtig, mehr abzunehmen als meine Freundin.

Vorzeitigkeit:
Mir ist wichtig, mehr abgenommen zu haben als meine Freundin.
Mir war wichtig, mehr abgenommen zu haben als meine Freundin.

Bei Gleichzeitigkeit steht in einem Infinitivsatz also der Infinitiv Präsens, auch wenn das Geschehen in der Vergangeheit stattgefunden hat.

Ein weiteres Beispiel:

Gleichzeitigkeit:
Wir fahren nach Graz, um unsere Freunde zu besuchen.
Wir fuhren nach Graz, um unsere Freunde zu besuchen.

Vorzeitigkeit:
Wir verlassen Graz, ohne unsere Freunde besucht zu haben.
Wir verließen Graz, ohne unsere Freunde besucht zu haben.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der einfache Infinitiv auch Nachzeitigkeit ausdrücken kann:

Nachzeitigkeit:
Ich freue mich heute schon, euch nächste Woche in Graz zu besuchen

In Infinitivsätzen drückt der Infinitiv Präsens also nicht Gegenwart, sondern Gleichzeitigkeit (o. Nachzeitigkeit) aus. Der Infinitiv Perfekt drückt weniger Vergangenheit als Vorzeitigkeit in Bezug auf etwas anderes aus. Wie so oft bei den Verbformen hat der Name der Form nur bedingt etwas mit der Bedeutung zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp