Das hartnäckige »zu«

Sprachökonomie (≈ etwas mit möglichst wenig Aufwand sagen) heißt unter anderem, dass vieles weggelassen statt wiederholt wird. Vieles kann und sollte auch weggelassen werden, aber es ist nicht immer möglich. 

Frage

„Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und organisieren.“ Meines Erachtens müsste es heißen: „… zu koordinieren und zu organisieren.“ Was ist richtig und wie lässt sich das begründen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie haben recht. Das zweite zu darf nicht weggelassen werden. Wenn Wörter in einem Satz wiederholt werden, ist es oft möglich und auch anzuraten, sie einmal wegzulassen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und die Veranstaltung zu organisieren.

Problemlos ist hier das Weglassen des Akkusativobjekts die Veranstaltung. Es ist nicht nur gut möglich, diese Wortgruppe wegzulassen, es ist stilistisch sogar viel besser, sie beim zweiten Verb nicht noch einmal zu nennen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren,

Es ist viel ökonomischer, etwas nicht zwei- oder sogar dreimal zu erwähnen, wenn dies nicht notwendig ist. Wir lassen deshalb in unserem täglichen Sprachgebrauch andauernd Satzteile, Wörter und Wortteile weg. Zum Beispiel (Weglassbares in eckigen Klammern):

Mein Laptop ist alt und [mein Laptop] sollte ersetzt werden.
Die Firma bestellt [ihn] und bezahlt ihn.
Ich finde das eine gute Idee, die Firma [findet das] vielleicht eher nicht [eine gute Idee].
Ich muss mich einmal aufraffen und [ich muss einmal] nachfragen.

Vieles kann und wird also weggelassen. Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Zu diesen nicht weglassbaren Wörtern gehört das zu, das bei einem Infinitiv steht. Wenn mehrere Infinitive in einem Satz vorkommen, muss das zu bei jedem Verb wiederholt werden:

Es begann zu stürmen und zu regnen.
Wie ist es, berühmt zu sein und viel Geld zu verdienen?
Nutzen Sie die Zeit, um das restliche Gemüse zu waschen, zu schälen und zu schneiden.

Und eben:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren.

In all diesen Sätzen können die fett hervorgehobenen zu nicht weggelassen werden. Weitere Beispiele dazu, was nicht weggelassen werden kann, finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Warum genau dieses zu nicht wegfallen darf, weiß ich leider nicht. Viel mehr, als dass es offenbar ein hartnäckiges kleines Wörtchen ist, kann ich dazu nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In die oder in der Akte notieren

Schon wieder die Wechselpräpositionen! Wer sie im Griff hat, wundert sich vielleicht, aber sie geben häufig zu Fragen Anlass. Deshalb hier gleich noch eine Frage zu diesem Thema. Verben wie notieren in Frau W.s Frage lassen nämlich auch mich immer wieder zweifeln.

Frage

Ich bin mir gerade sehr unsicher, welche der folgenden Varianten richtig ist: „in die Akte notieren“ (wie „in die Akte schreiben“) oder „in der Akte notieren“ (wie „in der Akte vermerken/festhalten“)? Oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort geben Sie bereits selbst: Beide Varianten sind möglich und richtig:

in der Akte notieren  – wo aufschreiben?
in die Akte notieren – wohin  schreiben?

Im Dativ (in der Akte) ist die Akte der Ort des Schreibens. Im Akkusativ (in die Akte) ist die Akte der Zielort des Geschriebenen. Oder so. Es ist immer schwierig, diese Unterschiede in eindeutige und leicht verständliche Worte zu fassen. Es gibt einen Bedeutungsunterschied, aber sehr oft sind beide Sehensweisen und somit sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Zum Beispiel:

Ich notiere die Adresse schnell in meiner Agenda.
Ich notiere die Adresse schnell in meine Agenda.

Das Verb notieren ist übrigens bei Weitem nicht das einzige Verb, bei dem sowohl eine statische Ortsangabe im Dativ als auch eine dynamische Zielangabe im Akkusativ stehen können. Hier noch ein paar Beispiele, weil es so schön ist:

ein Schild an die Fassade anbringen
ein Schild an der Fassade anbringen

Rouge auf die Wangen auftragen
Rouge auf den Wangen auftragen

sich in ein neues Gebiet einarbeiten
sich in einem neuen Gebiet einarbeiten

die Stiefmütterchen in das Beet einpflanzen
die Stiefmütterchen im Beet einpflanzen

die Schnapsflasche in den Schrank einschließen
die Schnapsflasche im Schrank einschließen

das Bücherregal an die Wand montieren
das Bücherregal an der Wand montieren

sich auf den Sitzsack niederlassen
sich auf dem Sitzsack niederlassen

die Beute in große Kisten verpacken
die Beute in großen Kisten verpacken

ins Nichts verschwinden
im Nichts verschwinden

sich unter das Bett verstecken
sich unter dem Bett verstecken

u. a. m.

Nicht immer sind beide Fälle gleich üblich. Beim letzten Beispiel, verstecken, ist der Akkusativ zwar möglich, aber üblich ist vor allem der Dativ.

Nicht immer sind bei allen Bedeutungen eines Verbs beide Fälle möglich. So kann man sich auf einem oder auf einen Sitzsack niederlassen, aber in übertragenem Sinne kann man sich nur in einem Land niederlassen.

Nicht immer ist der Bedeutungsunterschied so gering wie anfangs gesagt. Ein schönes Beispiel ist verteilen:

Die Schüler verteilen sich in ihre Klassen (sie gehen in ihre jeweilige Klasse)
Die Schüler verteilen sich in ihren Klassen (sie setzen sich in ihrer jeweiligen Klasse auseinander)

Ganz so einfach, wie die Grundregel vermuten lässt, sind die Wechselpräpositionen also nicht. Vieles ist nicht über einfache Regeln ableitbar. Was das eigene Sprachgefühl nicht spontan eingibt, muss man sich ins Gedächtnis einprägen – oder etwa im Gedächtnis einprägen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im oder ins Restaurant essen gehen

Die sogenannten Wechselpräpositionen (Präpositionen, die mit dem Akkusativ und mit dem Dativ stehen können) haben es hin und wieder in sich. Manchmal sogar beim Restaurantbesuch. Was für Deutschlernende schwierig sein kann, ist für Muttersprachige meist problemlos – bis in gewissen Fällen eine einigermaßen einleuchtende Erklärung gefunden werden sollte. Hier wieder einmal ein Fall, in dem es mehr als eine korrekte Formulierung gibt:

Frage

Ich bin auf Zusammensetzung mit dem Verb „gehen“ gestoßen, die mir Schwierigkeiten bereitet. Hier zwei Beispiele, die ich gefunden habe:

essen gehen: Ich würde lieber abends in einem guten Restaurant essen gehen.
baden gehen: Nach der Arbeit gehen wir im See baden.

Meine Frage: Warum „in einem guten Restaurant“ und „im See“ und nicht „in ein gutes Restaurant“ und „in den See“? Für mich verlangt das Verb „gehen“ den Akkusativ und nicht den Dativ. Denkt man vielleicht bei dieser Konstruktion nicht an das Verb „gehen“, sondern an die Verben „essen“ und „baden“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bei Konstruktionen dieser Art sind sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Welcher Fall in Ihren Beispielen steht, hängt davon ab, welche Konstruktion verwendet wird:

a) gehen, um irgendwo etwas zu tun:
Wo esse ich? – Ich esse im Restaurant.
Wo bade ich? – Ich bade im See.

b) irgendwohin gehen, um etwas zu tun
Wohin gehe ich? – Ich gehe ins Restaurant.
Wohin gehe ich? – Ich gehe in den See. (vgl. Bemerkung unten)

Sie haben den Unterschied also richtig erkannt. Im ersten Fall ist die mit in eingeleitete Wortgruppe von essen resp. baden abhängig. Im zweiten Fall ist sie von gehen abhängig.

Oft sind ohne größeren Bedeutungsunterschied beide Konstruktionen möglich:

a) Ich gehe in einem guten Restaurant essen.
b) Ich gehe in ein gutes Restaurant essen.

a) Wir gehen im See baden
b) Wir gehen in den See baden (meist eher: Wir gehen an den See baden).

Bei der Verwendung des Akkusativs (b) wird mehr betont, dass man sich irgendwohin begibt, um etwas zu tun. Bei der Verwendung des Dativs (a) wird der Ort, an dem etwas getan wird, stärker hervorgehoben. Sie können also – und hier folgt für alle, die es bereits vermisst haben, dás Standardbeispiel – sowohl im Supermarkt als auch in den Supermarkt einkaufen gehen. In beiden Fällen begehen Sie keinen Verstoß gegen die deutsche Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird durchabfertigen konjugiert?

Herr P. hatte eine Frage zu einem Verb, das modernes Reisen erheblich vereinfacht – falls alles klappt: durchabfertigen (bei Umsteigen oder Unterbrechung der Reise bis zum Endziel abfertigen).

Frage

In einer Diskussion bin ich auf das Verb „durchabfertigen“ gestoßen. Es geht darum, wie es konjugiert wird: „ich durchabfertige“, „ich abfertige durch“ oder vielleicht „ich fertige durch ab“?

Wenn man das Wort mit Verben wie „wiederherstellen“ und „miteinbeziehen“ vergleicht, so ist „ich fertige durch ab“ naheliegend, ähnlich wie „ich stelle wieder her“ und „ich beziehe mit ein“. Allerdings klingt es in meinen Ohren doch falsch. […] Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?  Warum ist „ich stelle wieder her“ akzeptabel, „ich fertige durch ab“ aber nicht (sofern nicht nur ich das so sehe)?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Verb durchabfertigen könnte als direkte Übersetzung von check through oder als Rückbildung von Durchabfertigung entstanden sein. Genaue Angaben dazu habe ich leider nicht. Entstanden ist jedenfalls ein sehr ungewöhnliches Verb mit zwei im Prinzip abtrennbaren Teilen: durch+ab+fertigen.

In Anlehnung an ähnliche Konstrukte wie miteinbeziehen (ich beziehe etwas mit ein) und wiederherstellen (ich stelle etwas wieder her), müssten die finiten Hauptsatzformen von durchabfertigen lauten: ich fertige etwas durch ab.

Diese Form kommt aber nicht nur Ihnen und mir äußerst seltsam vor, sondern offenbar allen Sprachbenutzern. Sie wird (vorläufig?) nicht gebraucht. Durch diese Unsicherheit beim Gebrauch gehört durchabfertigen zu den Verben, die nur im Infinitiv und im Partizip gebräuchlich sind:

durchabfertigen, durchabzufertigen
durchabgefertigt

sowie eventuell die zusammengeschriebenen Nebensatzformen:

Möchten Sie, dass ich Ihr Gepäck durchabfertige?

Damit steht durchabfertigen keineswegs alleine da. Von beispielsweise den folgenden Verben sind ebenfalls nur die zusammengeschriebenen Wortformen üblich: bergsteigen, gegensprechen, punktschweißen, rückerstatten, seiltanzen, weitspringen.

Ein Unterschied zwischen einerseits dúrchabfertigen und andererseits wiederhérstellen und mitéínbeziehen ist die Betonung (auf dem ersten bzw. dem zweiten Element). Wichtiger erscheint mir hier aber die Tatsache, dass mit und wieder im Gegensatz zu durch auch als selbstständige Adverbien verwendet werden, und zwar mit der gleichen Bedeutung wie das Verbelement. In getrennt geschriebener Hauptsatzstellung fallen sie also allein stehend weniger auf:

miteinbeziehen – ich beziehe es mit ein
vgl.

mit aufladen – ich lade es mit auf
mit dazugehören – das gehört mit dazu

wiederherstellen – ich stelle es wieder her
vgl.
wieder mitnehmen – ich nehme es wieder mit
wieder zurücklegen – ich lege es wieder zurück

Im Gegensatz dazu kann durch nicht mit der gleichen Bedeutung allein stehen, die es in durchabfertigen hat:

durchabfertigen – ??ich fertige durch ab
nicht: durch xyen

Dieser Unterschied zeigt sich indirekt auch darin, dass immer eine gewisse Unsicherheit besteht, ob man mit einbeziehen oder miteinbeziehen resp. wieder herstellen oder wiederherstellen schreiben soll. Diese Unsicherheit besteht bei durchabfertigen nicht, das heißt, die Schreibung durch abfertigen kommt gar nicht in Frage.

Die fehlende relative Selbstständigkeit des ersten Wortteils ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die getrennten Wortformen von durchabfertigen nicht verwendet werden. Man könnte umgekehrt aber auch sagen, dass die getrennten Formen von miteinbeziehen und wiederherstellen nur dank der relativen Selbstständigkeit von mit und wieder möglich sind. Verben mit zwei abtrennbaren Präfixen sind nämlich in der deutschen Sprache große Ausnahmen, die eigentlich nicht oder eben nur schlecht in unsere Wortbildungs- und Konjugationsmuster passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dort vorn oder dort hinten?

Frage

„Vorn“ und „hinten“, ich frage mich schon seit langer Zeit, was nun eigentlich richtig ist. Zum Beispiel: Man wird am Sonntagmorgen von jemandem nach dem Weg gefragt, der wissen möchte, wo die Kirche in Kirchhausen steht. Glücklicherweise sieht man die Kirchturmspitze schon von weitem, deutet auf sie und sagt:

„Die Kirche sehen Sie dort vorne“ – oder vielleicht „dort hinten“?

Was stimmt? Oder kann man beides sagen ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

man kann sowohl dort vorn als auch dort hinten sagen. Man kann außerdem auch dort drüben oder einfach dort sagen. Die Verwendung von Orts- und Richtungsadverbien ist stark vom sprachlichen Kontext und von der realen Umgebung abhängig. Wenn man auf die Kirche zeigt, lautet eine mehr oder weniger neutrale begleitende Aussage:

Die Kirche sehen Sie dort.
Die Kirche sehen Sie dort drüben.

Wenn vorn oder hinten verwendet wird, können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

Die Kirche sehen Sie dort vorn.
Die Kirche sehen Sie dort hinten.

  • in Fahrt- oder Gehrichtung → dort vorn
  • entgegen der Fahrt- oder Gehrichtung → dort hinten
  • in einem Tal Richtung Talausgang → dort vorn
  • in einem Tal Richtung oberes Talende → dort hinten
  • teilweise oder ganz durch andere Gebäude oder etwas anderes verdeckt → dort hinten
  • In vielen Ortschaften wissen die Leute „einfach“, wo vorn im Dorf und wo hinten im Dorf ist, weil es schließlich immer so war. Dabei können wiederum verschiedene Aspekte die Grundlage für die Unterscheidung sein. (Manchmal sind sich aber die Leute vorn im Dorf und hinten im Dorf nicht darüber einig, welcher Teil des Dorfes vorn und welcher hinten ist.)

Diese Aspekte sind oft nicht allzu klar. Es kann deshalb vorkommen, dass zwei Personen auf der Straße zwar in die gleiche Richtung zeigen, aber nicht die gleiche Wortwahl treffen. Die eine sagt dort vorn, die andere dort drüben. Deshalb ist das Zeigen viel wichtiger als der begleitende Text.

Im Gegensatz zu oben und unten sind vorn und hinten keine festliegenden Größen. In hügeligen und bergigen Gegenden hat man es deshalb meist einfacher: Die Kirche ist entweder dort oben oder dort unten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sätze ohne Verb

Für heute ausnahmsweise einmal eine theoretische Frage:

Frage

Aus meinem privaten Umfeld wurde die Frage an mich herangetragen, ob Sätze notwendigerweise immer ein Verb enthalten müssen.  […] Wie sieht es zum Beispiel mit dem folgenden Beispiel von Frage und Antwort in wörtlicher Rede aus? Frage: „Wie geht es dir?“ – Antwort: „Gut.“  Ist diese elliptische Antwort satzwertig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Begriff Satz wird meist so definiert, dass ein Satz aus einem Verb (Prädikat) und von ihm abhängigen Satzteilen besteht, die nach den Regeln der Syntax zusammengefügt werden. Eine Äußerung ohne Verb ist nach dieser Definition also kein Satz.

Dennoch gibt es eigenständige Äußerungen ohne ein Verb. Die Dudengrammatik zum Beispiel nennt sie „satzwertige Ausdrücke“. Sie können in zwei Gruppen eingeteilt werden:

1) Interjektionen (Ausrufe) und Anreden gelten als satzwertige Ausdrücke:

au! hallo, Achtung!; Holger!

2) Ellipsen sind Äußerungen, in denen Redeteile weggelassen werden. Sie können als satzwertige Ausdrücke bezeichnet werden, wenn sie allein stehen, obwohl sie kein Verb enthalten. Sie werden aber auch unvollständige Sätze genannt, weil das zugehörige Verb einfach weggelassen wird. Sie unterscheiden sich dadurch von Interjektionen und Anreden, dass ein Verb ergänzt werden kann und dass evtl. vorhandene flektierbare Wörter sich nach diesem weggelassenen Verb richten. Sie stehen in dem Fall, in dem sie auch stehen, wenn das Verb nicht weggelassen wird. Zum Beispiel:

a) Ist es ein großer Schrank? – Ja, ein ganz großer.
b) Willst du einen Kaffe? – Ja, einen ganz großen.
c) Bist du einem Elefanten begegnet? – Ja, einem ganz großen.

Die Form der Wortgruppe ein_ ganz groß_ richtet sich hier danach, ob sie a) Subjekt, b) Akkusativobjekt oder c) Dativobjekt zum weggelassenen Verb ist.

Weitere Beispiele von Ellipsen:

Ganz interessant, dieser Blogeintrag. [Er ist …]
Wer da? [… ist …]
Schönes Wochenende! [Ich wünsche dir ein …]
Ende gut, alles gut. [Ist das …, ist …]

Die Antwort gut auf die Frage Wie geht es dir? ist eine Ellipse (vgl. [Mir geht es] gut) und als solche satzwertig. Man kann sie also als Satz bezeichnen, sollte dann aber der Deutlichkeit halber ergänzen, dass es sich um einen elliptischen oder unvollständigen Satz handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Allerheiligen

Diesmal ein paar Bemerkungen zum heutigen kirchlichen Feiertag. Wie es sich für ein Sprachblog gehört, geht es dabei weder um Besinnliches noch um Religiöses, sondern nur um den Namen des Feiertages: Allerheiligen.

Allerheiligen

Es ist Ihnen bestimmt auch aufgefallen, aber ich sage es trotzdem noch einmal: Der Name Allerheiligen ist eigentlich ein Genitiv. Er ist eine Verkürzung von Allerheiligentag, also Tag aller Heiligen. Am 1. November wird in der katholischen Kirche aller Heiligen, der bekannten und der unbekannten, gedacht. Der auf Allerheiligen folgende Tag trägt einen in gleicher Weise geformten Namen: Allerseelen. Es ist der Tag, an dem der Seelen aller Verstorbenen gedacht wird. (Anfang November ist der Genitiv also keineswegs bedroht!)

Wenig erstaunlich für einen katholischen Feiertag ist, dass der Name lateinischen Ursprungs ist: Sollemnitas Omnium Sanctorum (wörtl. Feierlichkeit aller Heiligen). Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch, dass dieser Feiertag in allen Sprachen, für die ich es einigermaßen kontrollieren konnte, eine wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen ist. Das war zwar zu erwarten, aber ein bisschen mehr Eigensinnigkeit hätte ich mir bei der einen oder anderen Sprache doch erhofft. Bei zum Beispiel Weihnachten, Ostern und Pfingsten haben die verschiedenen Sprachen ja ein bisschen mehr Abwechslung zu bieten. Hier ein paar Beispiele:

Niederländisch: Allerheiligen (nur die Aussprache ist etwas anders als bei uns)
Dänisch: Allehelgensdag
Norwegisch: Allehelgensdag
Schwedisch: Alla helgons dag
Isländisch: Allraheilagramessa

Englisch: All Saints’ Day

Französisch: Toussaint
Italienisch: Ognissanti
Katalanisch: Tots Sants
Spanisch: Día de Todos los Santos
Portugiesisch: Dia de Todos-os-Santos

Polnisch: Wszystkich Świętych
Russisch: Всех святых
Tschechisch: Všech svatých
Kroatisch: Svi Sveti
Serbisch: Сви свети

Griechisch: Agioi Pantes ( Άγιοι Πάντες)

Mit Allerheiligen hat auch einer der schönsten Städtenamen zu tun, die ich kenne. Am 1. November 1501, also an Allerheiligen, „entdeckte“ der Florentiner Amerigo Vespucci für die Portugiesen an der Küste Südamerikas eine große Bucht, die er nach dem Tag der Entdeckung Bahia de Todos os Santos (Allerheiligenbucht) nannte. Knapp fünfzig Jahre später wurde an dieser Bucht eine Kolonie gegründet, die heutige Stadt Salvador da Bahia. Sie heißt mit vollem Namen São Salvador da Bahia de Todos os Santos (Heiliger Erlöser der Allerheiligenbucht). Für Adressangaben ist dieser Name zwar unpraktisch lang, aber São Salvador da Bahia de Todos os Santos klingt für meine germanischen Ohren einfach viel melodiöser und eindrücklicher als unsere zweisilbigen Namen wie Frankfurt, Leipzig, Salzburg oder Zürich.

Salvador

Den in vorwiegend katholischen Ländern und Kantonen Wohnenden wünsche ich einen schönen Feiertag, und für die anderen gilt: Nur noch ein Tag und dann ist Wochenende!

 

Makrogesteuert, kundenorientiert, sauerstoffarm

Frage

Meine Suche nach der korrekten Rechtschreibung für „makrogesteuert“ ergab keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Ich habe die oben stehende Schreibweise als die richtige angenommen, analog zu zum Beispiel „computerbasiert“. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

das Wort makrogesteuert gehört zu einer Gruppe von Wörtern, die man sehr häufig falsch geschrieben antrifft: Verbindungen von einem Nomen und einem Adjektiv oder adjektivischen Partizip. Sie werden nämlich zusammengeschrieben, wenn das erste Element für einen Wortgruppe steht (Regel).

Ihre Annahme ist also richtig. Mit makrogesteuert ist gemeint durch Makros/ein Makro gesteuert. Hier steht makro-  somit nicht nur für sich allein, sondern für durch Makros oder durch ein Makro. Entsprechend wird zusammengeschrieben:

eine makrogesteuerte Anwendung
Die Datenausgabe ist makrogesteuert.

Nicht richtig also die relativ häufig anzutreffende Getrenntschreibung:

*eine Makro gesteuerte Anwendung
*Die Datenausgabe ist Makro gesteuert.

Weitere Beispiele:

ein abbruchreifes Haus (reif für den Abbruch)
die amerikafreundliche Politik (Amerika freundlich gesinnt)
die comuptergesteuerte Anlage (durch [einen] Computer gesteuert)
die kundenorientierte Beratung (an den Kunden orientiert)
eine sauerstoffarme Umgebung (arm an Sauerstoff)
systembedingte Schwierigkeiten (durch das System bedingt)

All diese Begriffe trifft man häufig in der getrennt geschriebenen Form an, die nach den Rechtschreibregeln nicht korrekt ist.

Dann noch ein Zusatz für den Fall, dass Sie den „verdeutlichenden“ Bindestrich mögen: Er ist hier meiner Meinung nach zwar meistens nicht notwendig, aber man kann ihn benutzen. Achten Sie dann aber darauf, dass ein Substantiv in einer Verbindung mit Bindestrich großgeschrieben werden sollte (Regel). Also zum Beispiel:

eine Makro-gesteuerte Anwendung (nicht: *eine makro-gesteuerte A.)
die Kunden-orientierte Beratung (nicht: *die kunden-orientierte B.)
eine Sauerstoff-arme Umgebung (nicht: *eine sauerstoff-arme U.)

Mir gefallen allerdings die zusammengeschriebenen Formen einfach besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn sich fakultative Kommas häufen

Achtung: Nur für diejenigen, die „Kommapuzzles“ mögen:

Frage

Ich habe eine Frage zur Kommasetzung. Wird in folgenden Sätzen ein Komma gesetzt:

In Essen angekommen fuhren wir gleich zur Uni.
Wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen machte er sich auf den Weg

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

im ersten Satz ist das Komma fakultativ:

In Essen angekommen, fuhren wir gleich zur Uni. oder
In Essen angekommen fuhren wir gleich zur Uni.

Die Partizipgruppe in Essen angekommen kann durch ein Komma abgetrennt werden, um die Struktur des Satzes zu verdeutlichen. (Regel)

Beim zweiten Satz ist die Lage etwas komplexer. Nicht weniger als drei der folgenden Varianten sind korrekt. Und welche ist falsch?

a) Wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen machte er sich auf den Weg.
b) Wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen, machte er sich auf den Weg.
c) Wild entschlossen, dem Alltag zu entfliehen machte er sich auf den Weg.
d) Wild entschlossen, dem Alltag zu entfliehen, machte er sich auf den Weg.

Wanderer

Auch hier haben wir es mit fakultativen Kommas zu tun:

Das Komma nach entfliehen schließt eine Partizipgruppe ab (wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen). Wie wir oben schon gesehen haben, ist es also fakultativ, das heißt, es kann stehen, muss aber nicht gesetzt werden.

Das Komma nach entschlossen trennt eine Infinitivgruppe ab (dem Alltag zu entfliehen). Auch dieses Komma ist fakultativ. Diese Infinitivgruppe gehört nicht zu denjenigen, die obligatorisch durch Kommas abgetrennt werden. (Regel)

Das Komma nach entschlossen und das Komma nach entfliehen sind also fakultativ. Daraus ergeben sich theoretisch die oben stehenden vier Möglichkeiten. Trotzdem ist die Kommasetzung in einem der Sätze nicht korrekt.

Das liegt daran, dass die Infinitivgruppe dem Alltag entfliehen vorn und hinten abgetrennt werden muss, wenn sie abgetrennt wird. Wenn wir also nach entschlossen ein Komma setzen, muss auch nach entfliehen ein Komma stehen. Es ist das abschließende Komma der Infinitivgruppe. Der Satz c) ist nicht korrekt, weil ihm dieses abschließende Komma fehlt.

Das zweite Komma in Satz d) ist das Komma, das die Infinitivgruppe abschließt. Es könnte gleichzeitig auch das Komma sein, das wie in Satz b) die ganze Partizipgruppe abtrennt. Diese Entscheidung müssen wir aber nicht auch noch treffen: Wenn zwei Kommas aufeinandertreffen, schreibt man immer nur eines.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp