Vom Tour-de-France-Gewinner über die Berg-und-Tal-Bahn zum iPhone-5-Verkauf

Auch wenn normalerweise Ende Oktober niemand mehr vom Tour-de-France-Fieber geplagt wird, taucht die Königin der Radrennen diesen Herbst „dank“ Dopingskandalen doch in den Schlagzeilen auf. Ich kann den Radrennsport im Allgemeinen und Herrn Armstrong im Besonderen natürlich nicht mit guten Ratschlägen welcher Art auch immer unterstützen. Das ist nicht der Grund, weshalb ich die Tour erwähne. Es geht hier ganz banal um die Bindestriche, die auch im Zusammenhang mit der Tour de France immer wieder Anlass zu orthografischen Unsicherheiten geben.

Frage

Laut Wörterbuch schreibt man „die Tour de France“, „das Eau de Cologne“ – also ohne Bindestrich. Wie ist es aber mit Kompositen: „der Tour de France-Sieger“ oder „der Tour-de-France-Sieger“; „die Eau de Cologne-Flasche“ oder „die Eau-de-Cologne-Flasche“? Man findet beide Schreibungen im Web – aber das will nicht viel sagen.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Zusammensetzungen dieser Art werden mit Bindestrichen geschrieben:

der Tour-de-France-Sieger
die Eau-de-Cologne-Flasche
die Law-and-Order-Politik
das Spaghetti-bolognese-Rezept

Wenn eine Zusammensetzung eine Wortgruppe enthält, setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich:

Tour de France + Sieger → der Tour-de-France-Sieger
Eau de Cologne + Flasche → die Eau-de-Cologne-Flasche

Wie die Beispiele oben zeigen, kommt dieser Fall oft bei Zusammensetzungen mit fremdsprachlichen Ausdrücken vor. Die gleiche Regel gilt aber auch für Zusammensetzungen mit heimischen Wortgruppen:

Berg und Tal + Bahn → die Berg-und-Tal-Bahn
Mund zu Mund + Beatmung → die Mund-zu-Mund-Beatmung
Erste Hilfe + Kurs → der Erste-Hilfe-Kurs
Vitamin C + -haltig → Vitamin-C-haltig

Auch im Zusammenhang mit mehrteiligen Namen aller Art kommen diese Bindestriche vor:

Heinrich von Kleist + Bibliothek → die Heinrich-von-Kleist-Bibliothek
New Orleans + Jazz → der New-Orleans-Jazz
Alfa Romeo + Fahrerin → die Alfa-Romeo-Fahrerin
iPhone 5 + Verkauf → der iPhone-5-Verkauf

Die Regeln finden Sie hier (allgemein), hier (Fremdwörter) und hier (Eigennamen).

So viel zu den Bindestrichen, die – wenn überhaupt – nur gerade für die Rechtschreibung interessant sind. Als Lance Armstrong erfuhr, dass er die sieben Tour-de-France-Titel verlieren würde, waren die Bindestriche in der deutschen Rechtschreibung wohl die geringste seiner Sorgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Erstmalig aufführen oder nicht?

Frage

Auf der Seite www.korrekturen.de wird behauptet, dass das Adjektiv „erstmalig“ nicht adverbial gebraucht werden könne.

Das Adjektiv erstmalig kann nicht adverbial verwendet werden, so kann man zwar von einer „erstmaligen Aufführung“ sprechen, es heißt aber nur „Das Stück wurde erstmals aufgeführt“ und nicht „Das Stück wurde erstmalig aufgeführt“.

Ich halte diese Aussage für falsch. Meines Wissens kann man jedes Adjektiv adverbial verwenden (eben, wie oben, durch Weglassen der Flexionsendung). Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag S.,

die Angabe, die Sie zitieren, ist nicht falsch. Ich finde nur, dass sie etwas zu streng formuliert ist. Man hört und liest zwar häufiger wurde erstmalig aufgeführt, aber standardsprachlich kann man diese Formulierung besser vermeiden. Warum?

Das Adjektiv erstmalig gehört zu einer Gruppe von Adjektiven, die üblicherweise nicht adverbial verwendet werden, weil sie selbst schon von Adverbien abgeleitet sind. Sie stehen sehr häufig vor Substantiven, die von Verben abgeleitet sind:

heute besuchen → der heutige Besuch
den Vertrag bald abschließen → der baldige Vertragsabschluss
oben erwähnen → die obige Erwähnung
einmal zahlen → einmalige Zahlung
erstmals aufführen → die erstmalige Aufführung

Man verwendet diese Gruppe von Adjektiven also dann, wenn in einem Satz „etwas Verbales“ durch ein Substantiv ausgedrückt wird. Ein Adverb, das ein Verb begleitet, wird zu einem Adjektiv, das ein entsprechendes Substantiv begleitet. Diese Aufgabe übernehmen, wie die Beispiele oben zeigen, u. a. mit ig gebildete Ableitungen (z. B. heute → heutig, ersmals → ersmalig).

Wenn wir nun wieder den umgekehrten Weg gehen, wird das Adjektiv, das beim Substantiv steht, wieder zu einem das Verb begleitenden Adverb. Dabei wird bei dieser Gruppe von Adjektiven nicht wie bei gewöhnlichen Adjektiven die endungslose Form gewählt, sondern das ursprüngliche Adverb, von dem das Adjektiv ja abgeleitet wurde:

der heutige Besuch → heute besuchen (nicht: heutig besuchen)
der baldige Vertragsabschluss → den Vertrag bald abschließen (nicht: baldig abschließen)
die obige Erwähnung → oben erwähnen (nicht: obig erwähnen)
die einmalige Zahlung → [nur] einmal / ein Mal zahlen (besser nicht: einmalig zahlen)
die erstmalige Aufführung → erstmals / zum ersten Mal aufführen (besser nicht: erstmalig aufführen)

Adjektive auf –malig wie einmalig, erstmalig und letztmalig werden zwar relativ häufig auch adverbial verwendet, aber stilistisch gesehen ist es besser, auf  zum Beispiel einmal, erstmals, letztmals oder zum ersten/letzten Mal zurückzugreifen.

Man kann also nicht sagen, dass ausnahmslos alle attributiv verwendeten Adjektive auch adverbial verwendet werden. Es gibt, wie man sieht, ein paar Ausnahmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum Gewerbetreibende immer Gewerbetreibende sind, Arbeitsuchende aber auch Arbeit Suchende sein können

Eine des Öftern auftauchende Frage im Zusammenhang mit der Zusammen- und Getrenntschreibung:

Frage

Könnten Sie mir bitte mitteilen, weshalb „arbeitsuchend“ auch getrennt „Arbeit suchend“ geschrieben werden kann, während „gewerbetreibend“ zusammengeschrieben werden muss? Oder geht auch die Schreibweise „Gewerbe treibend“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Verbindungen von einem Substantiv und einem Partizip müssen nach den Rechtschreibregeln zusammengeschrieben werden, wenn das erste Wort für eine Wortgruppe steht:

computergesteuert = von einem Computer gesteuert
abendfüllend = den Abend füllend
gewerbetreibend = ein Gewerbe treibend

Verbindungen mit einem Partizip können getrennt oder zusammengeschrieben werden, wenn ihnen als Ganzes eine Wortgruppe zugrunde liegen kann:

sogenannt = so genannt
erdölexpotierend = Erdöl exportierend
arbeitsuchend = Arbeit suchend

Der Unterschied liegt anders gesagt darin, dass man im ersten Fall etwas hinzufügen muss, um eine vollständige Infinitivgruppe zu erhalten, während dies im zweiten Fall nicht notwendig ist:

EIN Gewerbe treiben
Die Leute treiben EIN Gewerbe. (nicht: *Die Leute treiben Gewerbe.)
die gewerbetreibenden Leute

Arbeit suchen
Die Leute suchen Arbeit.
die Arbeit suchenden Leute / die arbeitsuchenden Leute.

Was hier zur Getrennt- und Zusammenschreibung gesagt wurde, gilt auch bei Substantivierungen:

die Gewerbetreibenden
die Arbeit Suchenden / die Arbeitsuchenden

Das ist jetzt etwas gar kurz und bündig. Für die entsprechenden Regeln und weitere Beispiele verweise ich Sie deshalb auf diese und diese Stelle in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Veilchen, Bratschen und Violen

Nachdem sich der Herbst in den letzten Tagen definitiv nicht nur als Tagedieb, sondern auch als Regenwetterlieferant eingenistet hat, habe ich dieses Wochenende die Balkonbegrünung der Jahreszeit angepasst: Blauweiße Stiefmütterchen zieren die Blumentöpfe.

Nach den Angaben des Gartencenters handelt es sich bei diesen Blumen um Vertreterinnen der Familie Viola cornuta. Sie gehören also zur Gattung Viola, das heißt zu den Veilchen. Immer wenn mir der wissenschaftlichen Name der Veilchen begegnet, wundere ich mich, was diese Pflanzen mit Saiteninstrumenten wie der Geige (Violine) und der Bratsche* (Viola) zu tun haben.

Für mich war der Zusammenhang bis jetzt relativ klar: die Form. Schließlich haben die Blumen und die Musikinstrumente, mit etwas Phantasie betrachtet, eine ähnliche Form:

Bevor ich diese äußerst interessante Erkenntnis mit Ihnen teilen konnte, wollte ich nur kurz prüfen, ob sie auch wirklich zutrifft. Ich musste feststellen, dass ich mir hier meine eigene „volksetymologische“ Erklärung zusammengebastelt hatte. Die blumigen Violen haben nämlich nichts mit den musikalischen Violen zu tun.

Der Blumenname Viola kommt direkt aus dem Lateinischen, wo er für Blumen verschiedener Art verwendet wurde. Die Gelehrten nehmen an, dass er aus einer alten, unbekannten Mittelmeersprache stammt. Auch das Wort Veilchen geht auf dieses Viola zurück. Über Formen wie fiol, viol(e) und viel(e) kam es zu veil und veile. Seit dem 17. Jahrhundert wird praktisch nur noch die Verkleinerungsform Veilchen verwendet (vgl. hier).

Das Wort Viola für das Musikinstrument kommt aus dem Italienischen. Das Italienische hat es wahrscheinlich aus dem Altprovenzalischen übernommen. Die Liebeslyrik der provenzalischen Minnesänger soll zur Verbreitung dieses Namens in den romanischen Sprachen gesorgt haben. Danach – oder besser davor – ist die Geschichte unklar. Es gibt unterschiedliche nicht bestätigte Theorien (vgl. z. B. hier). Es könnte sogar sein, dass Viola über ein paar Ecken mit Fiedel verwandt ist.

Außer der klanglichen Übereinstimmung ihres fremdwörtlichen Namens und einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit haben die Veilchen und die Bratschen, anders als ich meinte, nichts miteinander zu tun. Es lohnt sich also immer, in etymologischen Wörterbüchern nachzuschlagen, bevor man seine selbstgestrickten wortgeschichtlichen Befindungen publik macht. Auch ein Linguist ist nicht gegen Trugschlüsse dieser Art gefeit.

*Bratsche kommt vom italienischen viola da braccio = Armgeige (braccio = Arm).

Baldmöglich, baldmöglichst, möglichst bald

Frage

Gibt es das Wort „baldmöglich“ überhaupt? Muss es nicht korrekt „baldmöglichst“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man es rein statistisch anschaut, gibt es das Wort baldmöglich. Ein kurzer Google-Blick ins Netz zeigt nämlich, dass baldmöglich sehr häufig vorzukommen scheint (über 90 000 Treffer). Google-Zahlen sollten mit großer Vorsicht behandelt werden, sie zeigen hier aber immerhin, dass baldmöglich eine des Öfteren aus Tastaturen fließende Wortform ist. Trotzdem ist in zweierlei Hinsicht etwas nicht ganz in Ordnung.

Zuerst die Form:

Sie haben recht, dass es eigentlich baldmöglichst heißt. Der Ausdruck ist nicht mit so bald wie möglich, sondern mit möglichst bald verbunden. Es ist die Form, die man in den Wörterbüchern findet und die Google (man beachte wiederum den Bitte-mit-Vorsicht-genießen-Zeigefinger) mit über einer Million Treffern auch „statistisch“ unterstützt. Die im Deutschen übliche Form ist baldmöglichst.

Dann der Stil:

Die „korrekte“ Form baldmöglichst vermag allerdings nur mäßig zu überzeugen. Sie gilt im Allgemeinen als stilistisch unschöne, papierdeutsche Formulierung, die man besser vermeidet. Wenn Sie in einem Brief oder einer Mail versprechen wollen, eine Anfrage baldmöglichst zu behandeln, sollten Sie sich also überlegen, ob Sie die Anfrage nicht vielleicht viel eleganter so bald wie möglich oder möglichst bald behandeln möchten.

Das Wort baldmöglich gibt es in diesem Sinne nicht. Auch die übliche Form baldmöglichst sollte aus stilistischen Gründen vermieden werden. Letzteres ist allerdings, wie immer bei Stilistischem, vor allem eine Frage des Geschmacks.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Entbiehrt, entbahr, entbohren

Frage

Auf Wiktionary finde ich beim Verb „entbehren“ auch die Präteritumformen „entbahr, entbahrst usw.“, die Partizip II-Form „entbohren“ sowie die Konjunktiv II-Formen „entbähre, entbährest usw.“. Ähnliche Ausführungen finde ich auf http//verben.texttheater.net/Rote_Liste. Sind das obsolete oder nur (noch) regional gebrauchte Formen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Verb entbehren wird im heutigen Standarddeutsch schwach gebeugt.

entbehren; entbehrst, entbehrt; entbehrte, hat entbehrt

Das entnehme ich u. a. den Wörterbüchern Canoonet, Duden, Pons und Wahrig. Bei Grimm steht u. a., dass die schwachen Formen im 17. Jahrhundert aufkamen. Ob es Regionalsprachen oder Dialekte gibt, in denen die sonst nicht mehr üblichen starken Formen entbiehrst, entbahr, entbähre, entbohren noch verwendet werden, weiß ich leider nicht.

Ihre Frage rief bei mir die Frage auf, woher entbehren überhaupt kommt. Das Verb entbehren geht auf die althochdeutsche Form inberan zurück. Sie bedeutete nicht (bei sich) tragen. Den Verbstamm ber von beran = tragen finden wir heute übrigens noch in verschiedener Form in anderen Wörtern: Bahre, Bürde, Eimer (über Eimbar = einhenkliges Gefäß), Gebärde und gebären. Beim Verb gebären sind die starken Formen bis heute erhalten geblieben: gebierst, gebar, gebäre, geboren. Bei entbehren hingegen haben die schwachen Formen, wie gesagt, die starken Formen verdrängt.

Ich weiß nicht, weshalb Wiktionary die starken Formen noch aufführt. Sie werden auch in der gehobenen Schriftsprache nicht mehr verwendet. In der „Roten Liste“, die Sie ebenfalls zitieren, werden die Formen zwar aufgeführt, sie sind aber mit einem Sternchen gekennzeichnet. Dieses Sternchen hat folgende Bedeutung:

Auch starke Formen, die es früher, in Dialekten oder anderweitig abseits der Hauptströmungen des Deutschen gab oder gibt, können hier – mit einem * gekennzeichnet – aufgenommen werden.

In dieser eher mit einem Augenzwinkern zu lesenden Liste stehen zum Beispiel auch die folgenden Präteritumsformen von beginnen:

begann, begonde*, begunde*, begonnte*, begunnte*, begünte*, begunste*

Als Referenz für das heutige Deutsch entbehrt diese Liste also einer gewissen Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das (nicht) wegfallende es

Grammatikalarm: Lesen Sie nicht weiter, wenn Grammatisches Sie nur mäßig interessiert! Zum Glück machen wir es mit dem es meistens richtig, ohne dass wir die Regeln kennen müssen.

Frage

Bei den Sätzen:

Es ist schön, dass du kommst.
Ich finde es schön, dass du kommst.

fällt das „es“ weg, wenn der Nebensatz an der ersten Stelle steht:

Dass du kommst, ist schön.
Dass du kommst, finde ich schön.

Aber mir ist nicht ganz klar, ob das auch bei Nebensätzen mit „wenn“ geschieht.

Es ist schön, wenn du kommst.
Ich finde es schön, wenn du kommst.

Welche Sätze sind richtig formuliert, wenn der Nebensatz an erster Stelle steht?

Wenn du kommst, ist es schön.
Wenn du kommst, finde ich es schön.

oder:

Wenn du kommst, ist schön.
Wenn du kommst, finde ich schön“.

Die letzten beiden Sätze scheinen mir falsch zu sein. Aber ich verstehe nicht warum „es“ bei dass-Sätzen weg bleibt und bei wenn-Sätzen nicht …

Antwort

Guten Tag L.,

wenn ein dass-Satz an die erste Stelle tritt, fällt das unpersönliche Platzhalter-es weg:

Es ist schön, dass du kommst.
Dass du kommst, ist schön.

Ich finde es schön, dass du kommst.
Dass du kommst, finde ich schön.

Wenn ein Temporalsatz an die erste Stelle tritt, fällt das unpersönliche es nicht weg:

Es ist schön, wenn du kommst.
Wenn du kommst, ist es schön.

Ich finde es schön, wenn du kommst.
Wenn du kommst, finde ich es schön.

Der Hauptunterschied liegt darin, dass die dass-Sätze und die wenn-Sätze im Gesamtsatz nicht die gleiche Funktion haben.

Der dass-Satz ist das Subjekt oder das Objekt des Gesamtsatzes. Das es ist der Platzhalter für den dass-Satz, wenn dieser nicht an erster Stelle steht.

Wer oder was ist schön?
Dass du kommst, ist schön.
Es ist schön, dass du kommst.

Wen oder was finde ich schön?
Dass du kommst, finde ich schön.
Ich finde es schön, dass du kommst

Das es kann bei Erststellung des dass-Satzes deshalb wegfallen, weil der Satz auch ohne diesen Platzhalter den benötigten Satzteil Subjekt resp. obligatorisches Akkusativobjekt hat, nämlich den dass-Satz.

Der wenn-Satz hingegen ist weder Subjekt noch Objekt, sondern eine Adverbialbestimmung. Das es ist das unpersönliche Subjekt zu schön sein resp. ein unpersönliches, von schön finden abhängiges Objekt. Es fällt auch dann nicht weg, wenn die Adverbialbestimmung an die erste Stelle tritt:

Wann ist es schön?
Wenn du kommst, ist es schön.
Es ist schön, wenn du kommst.

Wann finde ich es schön?
Wenn du kommst finde ich es schön.
Ich finde es schön, wenn du kommst.

Das es kann bei solchen Adverbialsätzen nicht wegfallen, weil dem Gesamtsatz ohne es ein Subjekt respektive ein obligatorisches Akkusativobjekt fehlen würde.

Damit ist aber nur die unterschiedliche Behandlung von es bei dass-Sätzen und wenn-Sätzen erklärt (und für weniger Grammatikinteressierte noch nicht einmal das). Warum wir überhaupt das unpersönliche es und das Platzhalter-es verwenden, ist ein ganz andere Frage, die ich an dieser Stelle nicht beantworten kann – und ehrlich gesagt auch nicht so schnell zu beantworten wüsste. Wenn man Deutsch lernen muss, macht es es einem sicher nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Falls Sie mehr dazu lesen möchten, hier einige Links:

Subjektsatz
Adverbialsatz
Platzhalter-es
es bei unpersönlichen Verben

Der Abkürzungspunkt bleibt stehen

Wenn es um die Satzzeichen geht, ist das Komma zweifellos das größte Sorgenkind. Manchmal gibt aber auch der Punkt zu Fragen Anlass.

Frage

Folgt bei der Abkürzung eines Namens, wenn dieser lediglich mit einem Buchstaben geschrieben wird, also zum Beispiel „Herr K.“ oder “Frau F.“, ein Beistrich oder wird der Punkt weggelassen, wenn ein Beistrich folgt? Beispiel: 
“Manuel wartet inzwischen immer noch auf Post aus H., weil er denkt, dass Linda ihm doch noch antworten wird.“ Mein automatisches Wordkorrekturprogramm weist mir das als Fehler aus.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Abkürzungspunkt bleibt immer stehen. Die anderen Satzzeichen setzt man gleich, wie wenn ein nicht abgekürztes Wort steht. Sie werden auch nach einem Abkürzungspunkt geschrieben. Beispiele:

Manuel wartet auf Post aus H., weil er denkt, dass Linda …
Liebe Frau F., ich möchte Ihnen eine Frage stellen.
Rentnerin gewinnt 14 Mio.!
Kennst du Herrn K.?
Das Folgende sah ich in H.: das Kunstmuseum, das Rathaus und die Kathedrale.
Ich sorge für alles (Essen, Trinken, Geschirr usw.).
Die Salontür wurde aufgerissen auf und herein stürzte Lady L. …

Ausnahme: Unmittelbar nach einem Abkürzungspunkt wird kein Schlusspunkt gesetzt (vgl. hier):

Manuel wohnt in H. Er wurde auch dort geboren.
Die erste Frage stellte Frau F. Die Antwort gab Frau K.
Ich sorge für Essen, Trinken, Geschirr usw. Du kümmerst dich um die Musik.

Das automatische Korrekturprogramm hat also nicht immer recht, auch nicht das der Firma M.!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein wenig der Milch

Eine Frage, die schon vor einiger Zeit gestellt worden ist:

Frage

Ich denke über „mit ein wenig Milch“ nach. Warum wird „ein wenig“ nicht dekliniert? Und warum wird „Milch“ unverbunden angeschlossen und kein Genitiv- oder präpositionales Attribut (mit von) verwendet? Den gleichen Befund zeigen Wörter wie „viel“ oder „genug“.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

es würde der Struktur des Deutschen nicht grundsätzlich widersprechen, wenn man statt ein wenig Milch auch ein wenig der Milch oder ein wenig von Milch sagen würde, doch man tut dies nicht. Warum genau sich eine Sprache für eine von mehreren Möglichkeiten entscheidet, ist oft schwierig oder unmöglich zu ergründen. Hier folgen zumindest ein paar Angaben dazu, wie man die im Deutschen übliche Ausdrucksweise analysieren kann:

  • Das unbestimmte Pronomen und Artikelwort ein wenig ist immer unveränderlich (siehe hier).
  • Die unbestimmten Zahlwörter viel und wenig bleiben im Singular vor einem Nomen meist ungebeugt (siehe hier).
  • Das Wort genug wird meist bei den Adverbien eingeteilt. In zum Beispiel genug Milch hat es aber wie viel und wenig die Funktion eines unbestimmten Zahlwortes. Auch als unbestimmtes Zahlwort ist es unveränderlich.

Es handelt sich hier also um unbestimmte Artikelwörter oder Zahlwörter, die vor dem Nomen stehen und in der Regel unveränderlich sind.

(Es ist übrigens nicht immer unmöglich, ein wenig der Milch zu sagen. Man hat dann schon von einer bestimmten Art oder Menge von Milch gesprochen und fährt dann zum Beispiel wie folgt weiter: „Gießen Sie ein wenig der Milch in eine Tasse und …“)

Nach dem Grund, warum viel und wenig im Singular meist ungebeugt bleiben, müsste ich raten. Die Wendung ein wenig hat im Laufe ihrer Entwicklung den substantivischen Charakter verloren und ist zum unveränderlichen Artikelwort resp. Pronomen „degradiert“ worden. Das spiegelt sich auch in der Rechtschreibung wieder: ein wenig wird kleingeschrieben. Eine ähnliche Entwicklung haben auch ein bisschen und ein paar durchlaufen.

Wie Sie sehen, ist es gut möglich, eine Entwicklung oder ein Phänomen zu beschreiben. Die Frage danach, warum eine Entwicklung so und nicht anders verlaufen ist und warum man etwas so und nicht anders sagt, kann aber sehr oft nicht beantwortet werden. Das ist ein bisschen frustierend, wenn man wie ich lieber schöne Erklärungen anbieten möchte, aber es muss auch einmal gesagt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder“ einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!