Zusammenkunft mit Trinkgelage

In dieser Woche habe ich einen Kongress besucht, auf dem ich an einem Symposium teilnehmen durfte. Ich habe dort viele Lexikographen und Lexikographinnen gehört und gesprochen. Es war, kurz gesagt, interessant und lehrreich.

Ich glaube nicht, dass diese Mitteilung für Sie sehr interessant und lehrreich ist. Ich mache sie vor allem deshalb, weil ich die Wörter Kongress, Symposium und Lexikograph verwenden wollte. Mir fiel nämlich in einer ruhigeren Minute wieder einmal auf, dass am Kongress viele Fremdwörter benutzt wurden, für die es auch deutsche Wörter gäbe. Das ist unter Fachleuten gang und gäbe. (Zwei ganz unterschiedliche gäbe hintereinander; das wäre auch einmal einen Blogeintrag wert, aber hier schweift der „Sprachler“ in mir ab.) Lexikograph ist so ein Fremdwort. Es bedeutet eigentlich nichts anderes als Wörterbuchmacher oder Wörterbuchschreiber. Da das Wort aber außerhalb der Lexikographie nur selten vorkommt und deshalb in allgemeinsprachlichen Texten sowieso kurz erklärt werden sollte, kann man wohl kaum von „schädlichem Fremdworteinfluss auf die deutsche Sprache“ sprechen.

Bei Kongress sieht es ein bisschen anders aus. Kongresse gibt es in allen Berufsgattungen und Interessenbereichen. Es gibt viele Städte, die sich rühmen, Kongressstadt zu sein, oder zumindest danach streben, eine zu werden. Kongress ist ein Wort, das sich in die Allgemeinsprache „eingeschlichen“ und sich dort einen Platz erobert hat. Es wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Lateinischen entlehnt, wo congressus unter anderem Zusammentreffen, Zusammenkunft bedeutet. Was die Gebildeten des ausgehenden 17. Jahrhunderts dazu bewogen haben mag, Kongress statt des gleichbedeutenden deutschen Wortes Zusammenkunft zu verwenden, weiß ich natürlich nicht genau. Ich vermute aber, dass es etwas mit Prestige – Verzeihung – Ansehen zu tun hatte. Auch heute noch klingt Kongress nach „mehr“ als die deutschen Entsprechungen Zusammenkunft oder Tagung. Genau deshalb hat es seinen Platz im deutschen Wortschatz auch verdient.

Symposium liegt, was die Fachsprachlichkeit angeht, irgendwo zwischen Kongress und Lexikograph. Es kommt nicht so häufig vor wie Kongress, man begegnet ihm aber öfter als Lexikograph auch in allgemeineren Texten und Aussagen. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich das Zusammentrinken, das Trinkgelage. Man kam bei den alten Griechen – und nicht nur bei ihnen – beim Trinken oft ins Philosophieren. Heute ist der Aspekt des Trinkens ganz in den Hintergrund getreten (bei unserem Symposium gab es Kaffee und Tee). Es geht nun um den Aspekt des Miteinanderredens: Ein Symposium ist eine „dem Austausch von Gedanken und Erkenntnissen dienende Zusammenkunft von Wissenschaftlern? (DWDS). Man könnte anstatt des Fremdwortes also auch einfach eine deutsche Entsprechung wie wissenschaftliche Gesprächszusammenkunft verwenden. Das tut man aber nicht, denn es klingt einfach viel weniger wissenschaftlich. Genau deshalb ist das Wort Symposium ein gutes Wort. Es gibt uns die Möglichkeit, mit einem Wort Zusammenkunft, Gedankenaustausch und den Anspruch der Wissenschaftlichkeit auszudrücken.

Ich stichle hier ein bisschen gegen allzu eifrige „Anglizismenjäger“, die englische Lehnwörter prinzipiell ablehnen. Ich fand es deshalb ganz amüsant, als ich beim Recherchieren das Folgende entdeckte: Im 18. und  19. Jahrhundert verwendete man im Deutschen die griechische Form Symposion. Die Form mit der lateinischen Endung –um trat erst im 20. Jahrhundert in den Vordergrund – wahrscheinlich unter dem Einfluss des Englischen … Anglizismen findet man wirklich überall!

Falls Sie noch auf eine Antwort von mir warten, liegt es daran, dass ich auf einem Kongress an einem Symposium teilgenommen habe, und nicht etwa daran, dass ich an einer Zusammenkunft mit Trinkgelage war.

Wurde der Torwart elegant umspielt oder grob umgespielt?

Frage

Canoonet gibt die Partizip-II-Form von „umspielen“ mit „umspielt“ an. Was ist aber mit der Form „umgespielt“? Zum Beispiel: Wenn ein Fußballer am Torwart vorbeispielt, dann hat er ihn „umspielt“. Was ist aber, wenn er so spielt, dass der Torwart umfällt? Hat er den Torwart dann „umgespielt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Form umgespielt lässt sich problemlos bilden. Wenn der Torwart wegen rüden Spiels zu Fall kommt und das Verb spielen bei der Beschreibung des Vorfalls eine Rolle spielen soll, kann man umspielen mit betontem um verwenden:

umspielen – spielte um – hat umgespielt

Das trennbare Verb umspielen bedeutet dann durch (grobes) Spielen zu Fall bringen:

Er spielte den Torwart um. Er hat ihn umgespielt.

Wenn der Ball hingegen elegant um den Torwart herumgespielt wird, wird der gute Mann umspielt:

Er umspielte den Torwart. Er hat ihn umspielt.

Das trennbare úmspielen ist aber eher eine Gelegenheitsbildung, die stilistisch vielleicht nicht allen gleich gut gefällt.

Die trennbaren Vorsilbe um ist im Deutschen produktiv, das heißt, mit ihr können neue Verben gebildet werden. Diese Verben drücken unter anderem aus, dass jemand oder etwas aus dem Gleichgewicht, zum Umfallen gebracht wird. Zum Beispiel:

umfächeln, fächelte um, hat umgefächelt
Die Baronin fächelte mit ihrem Spitzenfächer verärgert das Kartenhaus um.

umflattern, flatterte um, hat umgeflattert
Der große Vogel hat den kleine einfach umgeflattert.
Die Taube flatterte beinahe das Limonadenglas um.

umspülen, spülte um, hat umgespült
Die große Welle hat mich einfach umgespült.

umbeamen, beamte um, hat umgebeamt
Mit der Waffe beamst du alle Aliens sofort um!

umrütteln, rüttelte um, hat umgerüttelt
Laternenmast umgerüttelt: Jugendliche schafften es nach mehreren Versuchen, einen Laternenmast komplett zu Fall zu bringen, weil er durch das Rütteln an einer Schweißnaht durchbrach.
Auch auf der Ladefläche eines Lastwagens stehend, kann man auf schlaglochreicher Straße umgerüttelt werden.

umdrücken, drückte um, hat umgedrückt
Münze nicht zur Hand – Schranke umgedrückt!

usw.

Nicht all diese Bildungen sind jeweils in den Wörterbüchern verzeichnet, vor allem diejenigen nicht, die man den selbsterklärenden Gelegenheitsbildungen zurechnen kann. Das gilt übrigens auch für Verbableitungen mit den Präfixen ab-, auf-, aus-, durch-, unter-, über- usw. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das noch lange nicht, dass es das Wort nicht gibt! Damit würden unserer Sprache viel zu enge Zügel angelegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wegen Rechte/Rechten/Rechter Dritter

Wieder einmal eines meiner „Lieblingsthemen“: wegen. Auf dem korrekten Umgang mit diesem Wort ist von gewissen Sprachpflegern so sehr herumgeritten worden, dass ein Teil der Deutschschreibenden akut verkrampft, wenn der geforderte Genitiv einmal nicht passen will.

Frage

Im Vertragsrecht geht es oft um die Rechte Dritter. Wie würde man eine Kausalität mit „wegen“ formulieren?

wegen Rechte Dritter …(6450)
wegen Rechten Dritter …(428)
wegen Rechter Dritter …(198)

Die Zahlen entsprechen der Trefferzahl bei Google.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist:

wegen Rechten Dritter

Das Wörtchen wegen hat es in sich ­– vor allem dann, wenn man den strengen Grammatikern folgt. Im Prinzip steht standardsprachlich nach wegen der Genitiv. Der Dativ gilt bei vielen als falsch. ABER: Wenn im Plural der Genitiv nicht ersichtlich ist, verwendet man auch standardsprachlich den Dativ. Der Genitiv ist im Plural dann nicht ersichtlich, wenn das Wort oder die Wortgruppe im Genitiv gleich aussieht wie im Nominativ. Ein Beispiel:

wegen der Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = die Probleme)
wegen gewisser Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = gewisse Probleme)

aber nicht: wegen Probleme mit der Steuerung; (vgl. Nominativ = Probleme)
sondern: wegen Problemen mit der Steuerung

Das ist auch hier der Fall:

Nominativ: (die) Rechte Dritter
Genitiv: (der) Rechte Dritter
Dativ: (den) Rechten Dritter

Ohne Artikel sieht der Genitiv wie der Nominativ aus. Man muss hier also auf den Dativ ausweichen. Standardsprachlich korrekt heißt es somit:

wegen Rechten Dritter

Dass viele wegen Rechte Dritter schreiben (und einige sogar wegen Rechter Dritter!), liegt vielleicht daran, dass uns zum Teil sehr nachdrücklich gelehrt wird, dass nach wegen der Genitiv und nicht der Dativ zu stehen hat. Das ist aber, wie wir gesehen haben, auch standardsprachlich nicht ganz immer der Fall (vgl. hier).

Ich würde übrigens auch in Vertragstexten wo möglich eine etwas natürlicher klingende Formulierung wie die folgende empfehlen:

wegen der Rechte Dritter

Sie hat sogar den schönen Nebeneffekt, dass sie den Genitiv nach wegen „rettet“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Sich-sehr-Wundern und die sich sehr Wundernden

Warnung: Es folgt trockener Stoff. Er könnte diejenigen Interessieren, die sich wie Herr F. wundern, warum man „offiziell“ das Sich-sehr-Wundern und die sich sehr Wundernden schreibt.

Frage

[…] Immer noch unsicher bin ich in folgendem Fall:

Das Sich-Weiterbilden/Sichweiterbilden ist heute sehr wichtig.
Das Angebot richtet sich an Sich-Weiterbildende/Sichweiterbildende/sich Weiterbildende.

Irgendwie wird mir nicht klar, ob und wenn ja warum sich die Schreibung von substantivierten Infinitivgruppen von derjenigen substantivierter Partzipgruppen (erweitert oder nicht) unterschiedet:

das Sich-Verändern – das Sich-schnell-Verändern
ABER
das sich schnell Verändernde – das sich schnell Verändernde

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich wundert – oder stilistisch unschön, aber zur Frage passend: Sie sind nicht der einzige sich Wundernde. Bei einer als Substantiv verwendeten Infinitivgruppen gilt (Regel):

zwei Elemente → Zusammenschreibung
mehr als zwei Elemente → Schreibung mit Bindestrichen

Also:

sich verändern → das Sichverändern
sich schnell verändern → das Sich-schnell-Verändern

Deutlich anders sieht die Schreibung bei einer substantivierten Partizipgruppe aus:

sich verändernd → das sich Verändernde
sich schnell verändernd → das sich schnell Verändernde

Die einfache Antwort auf die Frage nach der unterschiedlichen Schreibung von substantivierten Infinitivgruppen und substantivierten Partizipgruppen lautet: Weil es so in der amtlichen Rechtschreibregelung steht. Das ist aber eine wenig befriedigende Auskunft.

Eine etwas ausführlichere Begründung könnte die folgende sein: Der Hauptunterschied liegt in der Veränderung der syntaktischen Rolle der Wortgruppe, die bei der Substantivierung auftreten kann. Das klingt recht kompliziert – und sehr einfach ist es tatsächlich nicht. Im Einzelnen gilt:

Bei der Substantivierung einer Infinitivgruppe wird eine verbale Gruppe zu einer nominalen Gruppe. Die ganze Wortgruppe erhält im Satz eine andere Funktion. Entsprechend wird die ganze Gruppe in der Rechtschreibung als Substantiv gekennzeichnet. Dies geschieht durch Großschreibung sowie Zusammenschreibung oder Schreibung mit Bindestrichen.

Verbgruppe wird Nomengruppe:
sich schnell verändern → das Sich-schnell-Verändern

Bei der Substantivierung einer Partizipgruppe wird im Prinzip einfach der Kern einer nominalen Gruppe verschoben. Der (gedachte) substantivische Kern fällt weg und das adjektivisch verwendete Partizip übernimmt die Rolle des Wortgruppenkerns. Die Gruppe hat im Satz immer noch die gleiche Funktion. Orthografisch wird nur der verschobene Kern gekennzeichnet, und zwar durch Großschreibung:

Nomengruppe bleibt Nomengruppe:
das sich schnell verändernde Etwas → das sich schnell Verändernde

Es folgen ein paar Beispiele:

sich weiterbilden müssen
→ die Verpflichtung des Sichweiterbildens
die Wünsche der sich weiterbildenden Menschen
→ die Wünsche der sich Weiterbildenden

Er möchte Rad fahren.
→ Sein Wunsch ist das Radfahren.
Die Rad fahrenden o. radfahrenden Leute leben gesund.
Die Rad Fahrenden o. Radfahrenden leben gesund.

den Text sehr klein drucken
das Sehr-klein-Drucken des Textes
das sehr klein gedruckte Etwas
das sehr klein Gedruckte

Man kann sich sehr über die Rechschreibung wundern.
→ Die Rechtschreibung gibt Anlass zum Sich-sehr-Wundern.
Sie sind nicht der einzige sich sehr wundernde Mensch.
→ Sie sind nicht der einzige sich sehr Wundernde.

Die hier beschriebenen Unterschiede bedingen nicht logisch zwingend, dass in dieser Weise unterschiedlich geschrieben werden muss. Es ist aber in der deutschen Rechtschreibung so üblich. Gerne würde ich es einfacher machen, ich weiß aber leider nicht wie. Nur dies: Oft lohnt es sich, substantivierte Infinitivgruppen und Partizipgruppen zu vermeiden. Man umgeht dann nicht nur diese Rechtschreibfrage, sondern formuliert in vielen Fällen auch stilistisch besser. Die letzten Beispielsätze zeigen es deutlich!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vermaist, verspargelt und versolarzellt

Als ich gestern Nachmittag – ich Glücklicher hatte frei – durch die Landschaft radelte und es mir manchmal vorkam, als führe mein Weg mich durch eine grüne Schlucht mit hohen Wänden von Maispflanzen, da kam mir fast zwangsläufig ein Wort in den Sinn, das ich diese Woche noch bei der ARD gehört hatte: Vermaisung. Mit „Vermaisung der Landschaft“ ist die Tendenz gemeint, immer mehr und immer größere landwirtschaftliche Anbauflächen mit Mais zu bepflanzen, der als Futtermittel oder als Grundstoff für die Biogasgewinnung dient. Von Vermaisung wird meist dann gesprochen, wenn von den negativen Folgen dieses intensivierten Maisanbaus die Rede ist.

Nach dem gleichen Wortbildungsprinzip wie Vermaisung wurde ein anderes Wort gebildet, das Frau T. interessiert:

Frage

Eben bin ich bei der Zeitungslektüre über den Begriff „Verspargelung“ gestolpert. Ich frage mich gerade, was Windräder mit Spargel zu tun haben. Seit wann wird dieser Begriff benutzt und woher stammt er? Wird Verspargelung auch in Kontexten verwendet, die nichts mit Windrädern zu tun haben? Vielen Dank!

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

der Begriff Verspargelung wird vor allem in Verbindung mit Windrädern (seltener auch Hochspannungsmasten) verwendet. Die Windräder erinnern in der Landschaft an große Spargeln, vor allem wenn sie in Gruppen auftreten. Obwohl Spargel vielen sehr gut schmeckt, ist der Begriff Verspargelung negativ besetzt: Die Verspargelung der Landschaft wird beklagt oder vor ihr wird gewarnt.

Wann der Begriff zum ersten Mal verwendet wurde, weiß ich leider nicht. Er kam in den Neunzigerjahren auf. (vgl. hier). Das stimmt zeitlich mit dem Aufkommen größerer Windkraftanlagen in Deutschland überein. Der älteste Beleg, den ich „auf die Schnelle“ finden konnte, stammt aus dem Jahr 1994 (siehe hier). Das Wort „Verspargelung“ stand 2004 übrigens zum ersten Mal im Rechtschreibduden. Es hat sich also schon ein Plätzchen im deutschen Wortschatz erobert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als ich durch die vermaiste Landschaft fuhr, kam mir also gleich nach Vermaisung auch Verspargelung in den Sinn. Beide Begriffe sind gleich gebildet worden und bezeichnen negativ empfundene Ergebnisse der Umstellung auf erneuerbare Energieformen. „Was noch fehlt“, dachte ich, „ist der Begriff Versolarzellung deutscher Dächer.“ Ich täuschte mich: Es gibt ihn schon als Versolarzellung und als Solarverzellung.

In den grünen Maisschluchten dachte ich weiter, dass die Vermaisung immerhin den Vorteil hat, dass man zu dieser Jahreszeit die Verspargelung und die Versolarzellung nicht sieht. Die negativen Effekte der Umstellung auf erneuerbare Energieformen sind aber ein zu ernstes Thema, als dass man sie mit einem Witz dieser eher niedrigen Güteklasse abtun sollte. (Dieser Blog ist allerdings nicht der geeignete Ort für eine Diskussion der Vor- und Nachteile der Energiewende.)

Carinthischer Sommer im Kärntner Sommer

Frage

Ich war 10 Tage in Kärnten und es hat mir gut gefallen. In Kärnten spricht man über den „Carintischen Sommer“. Ich verstehe das nicht. Der carinthische Sommer oder der kärntnerische Sommer??

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wenn man ein Adjektiv zu Kärnten braucht, steht eine relativ große Auswahl zur Verfügung. Am häufigsten wird das unveränderliche, großgeschriebene Kärntner verwendet. Daneben gibt es kärntnerisch, insbesondere im Zusammenhang mit den in Kärnten gesprochenen Mundarten. Sonst gibt es keinen eindeutigen Anwendungsunterschied zwischen Kärntner und kärntnerisch (vgl. Schweizer vs schweizerisch). Weiter kommt offenbar seltener auch noch kärntisch vor.

Das Adjektiv carinthisch ist eine neuere Bildung, die von Carinthia, der neulateinischen Bezeichnung für Kärnten, abgeleitet ist. Sie kommt vor allem in gehobeneren und kulturellen Kontexten vor. Carinthischer Sommer ist dann auch der Name eines Musik- und Kulturfestivals. Wenn man vom Sommer in Kärnten spricht, heißt es in der Regel einfach Kärntner Sommer oder kärntnerischer Sommer.

Ob diese Angaben wirklich ganz genau dem Gebrauch dieser Adjektive in Kärnten entsprechen, wage ich nicht zu behaupten. Dafür kenne ich Kärnten bei Weitem nicht gut genug. Aus allgemeinsprachlicher Sicht sollten sie aber zutreffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Gerne würde ich an Ort und Stelle der Frage nachgehen, ob die obenstehenden allgemeinen Angaben auch für Kärnten selbst gelten. Der Sommer ist zwar vorbei (zumindest der meteorologische), aber einer „Studienreise“ nach Kärnten wäre ich auch im Herbst keineswegs abgeneigt. Da dies leider heuer nicht möglich ist, bin ich für eventuelle Berichtigungen auf Kärntner Leserinnen und Leser (oder andere Kärntenkundige) angewiesen.

Der oder das Kindle

Frage

Mich würde mal interessieren, ob der E-Book-Reader „Kindle“ den Artikel „der“ oder „das“ hat – oder besser gesagt in Zukunft bekommen wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Verwendet werden zurzeit sowohl der Kindle als auch das Kindle. Die männliche Form orientiert sich wohl an der E-Book-Reader, die sächliche Form wahrscheinlich an das Lesegerät. Die männliche Form scheint häufiger vorzukommen, doch genaue und zuverlässige Zahlen stehen mir leider nicht zu Verfügung.

Welche Form in Zukunft einmal „gewinnt“, ist nicht vorherzusagen. Der allgemeine Sprachgebrauch wird dies bestimmen. Nach den Regeln des Deutschen sind nämlich beide Formen gut vertretbar. Es ist deshalb alles andere als unwahrscheinlich, dass der Kindle und das Kindle nebeneinander bestehen bleiben werden.

Solche Schwankungen beim Wortgeschlecht kommen ja auch in anderen Fällen vor. Beispiele sind der Blog und das Blog, der Place de la Concorde und die Place de la Concorde sowie – der bekannte Streitfall an deutschen Frühstückstischen – die Nutella oder das Nutella. Für moderne Kaffeetrinker und -trinkerinnen schon ein ziemlich alter Hut, aber dennoch eher neueren Datums ist der schwankende Genusgebrauch im folgenden Fall: der Latte macchiato und die Latte macchiato (männlich wie das italienische il latte; weiblich wie die deutsche Übersetzung die Milch).

Zur Frage, wer in solchen Fällen recht hat, sind schon viele Tasten abgewetzt worden. Das ist meiner Meinung nach wenig sinnvoll, denn meist gibt es für beide Varianten eine grammatisch vertretbare, plausible Erklärung. Des etwas lang geratenen Textes kurzer Sinn: Sowohl der Kindle als auch das Kindle ist richtig. Sie können also

die Latte macchiato neben den Kindle
die Latte macchiato neben das Kindle
den Latte macchiato neben den Kindle
den Latte macchiato neben das Kindle

stellen, ohne einen Fehler zu machen. Ein wirklicher Fehler wäre es nur, das Latte-macchiato-Glas dann umzustoßen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kritik an sich – auf wen bezieht sie sich?

Frage

Neulich hörte ich am Radio den folgenden Satz: „Grass kann die Kritik an sich nicht nachvollziehen.“ Gemeint ist die Kritik an seiner Person. M. E. sollte es heißen: „Grass kann die Kritik an ihm nicht nachvollziehen.“ […] Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

ob der Inhalt stimmt, kann ich nicht beurteilen, aber grammatisch ist der Satz richtig formuliert:

Grass kann die Kritik an sich nicht nachvollziehen.

Das Reflexivpronomen bezieht sich im Allgemeinen auf das Subjekt des Satzes. Das Subjekt, auf das sich hier Bezug nimmt, ist Grass.

Ihr Zweifel ist aber verständlich, denn ganz so einfach ist die Lage nicht. Bei Attributen, die mit einer Präposition (hier an) eingeleitet werden, kommt es häufig vor, dass auch das Personalpronomen gerechtfertigt sein könnte. Bei Ihrem Satz gilt zum Beispiel, dass das eigentliche Subjekt, das die Kritik ausübt, nicht Grass, sondern eine andere Person ist. Nennen wir sie einfach einmal Müller:

Müller kritisiert Grass →  Müllers Kritik an Grass → Müllers Kritik an ihm

Trotzdem steht in solchen Sätzen mit einem Präpositionalattribut normalerweise das Reflexivpronomen:

Grass kann die Kritik an sich nicht nachvollziehen (statt: an ihm).
Gaby erträgt den Rummel um sich herum mit aller Gelassenheit und döst (statt: um sie herum).
Sie sahen sich alte Filmaufnahmen von sich an (statt: von ihnen).

Und jetzt wird es so richtig schön kompliziert: Das Reflexivpronomen sich kann sich nämlich auch auf ein Genitivattribut statt auf das Subjekt beziehen:

Alines Unzufriedenheit mit sich selbst war spürbar.
Schweinsteigers Kritik an sich und den Bayern kam nicht ganz unerwartet.
Müllers Kritik an sich = Müllers Selbstkritik

Wenn nun ein Genitivattribut und ein Präpositionalattribut zusammentreffen, kann sich sowohl auf das Subjekt als auch auf das Genitivattribut bezogen werden:

Grass kann Müllers Kritik an sich nicht nachvollziehen.
= Müllers Selbstkritik oder Müllers Kritik an Grass?

Wenn Müllers Kritik an Grass gemeint ist, wird oft auf das Personalpronomen ausgewichen:

Grass kann Müllers Kritik an ihm nicht nachvollziehen.

Ganz eindeutig ist der Satz aber auch dann noch nicht, denn es könnte auch Müllers Kritik an einer weiteren männlichen Person gemeint sein. Wenn der Satzzusammenhang nicht verdeutlicht, welche Bedeutung genau gemeint ist, formuliert man deshalb in solchen Fällen am besten um.

Das Reflexivpronomen sich bezieht sich im Prinzip auf das Subjekt des Satzes oder Teilsatzes, in dem es steht. Das ist aber offensichtlich nicht ganz immer so. Manchmal entstehen dadurch wie hier Unklarheiten. Zum Glück riskiert man aber bei der Verwendung von sich nur selten, sich in möglichen und unmöglichen Bezugsfäden zu verstricken. Meistens folgt es brav der Grundregel.

Mehr zum Bezug der Reflexivpronomen finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einschließlich seiner selbst, aber dann einfacher

Manchmal entwickeln Sie, liebe Fragestellerinnen und Fragesteller, vorübergehend eine Vorliebe für gewisse Themen oder Wörter. In letzter Zeit ist es das etwas papieren wirkende Wort einschließlich, das Sie interessiert. Warum gerade jetzt und warum gerade dieses Wort? Es wird wohl Zufall sein.

Frage

Darf man in der folgenden Formulierung nach der Präposition „einschließlich“ statt des Genitivs („seiner selbst“) den Akkusativ verwenden?

Er hasst alles und jeden, einschließlich sich selbst.

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

Sie wären nicht die Einzige, die hier einschließlich sich selbst schreiben würde. Wenn ich ganz ehrlich bin, klingt es in meinen Ohren gar nicht so furchtbar falsch. Das Wort einschließlich wird häufiger a) mit dem Dativ verwendet oder b) wie in ihrem Beispiel als Konjunktion, wobei der Fall nicht durch einschließlich, sondern durch das Verb bestimmt wird:

a) Sie kennt hier alle, einschließlich dem Türsteher.
b) Sie kennt hier alle, einschließlich den Türsteher.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier allerdings nur c) der Genitiv*:

c) Sie kennt hier alle, einschließlich des Türstehers.

Für Ihr Beispiel bedeutet dies, dass standardsprachlich nur der Genitiv seiner als richtig gilt:

Er hasst alles und jeden, einschließlich seiner selbst.

Ich verstehe gut, dass Sie diese Formulierung gerne vermeiden würden. Die Präposition einschließlich in Kombination mit seiner ist schon etwas viel des Guten, wenn man seinen Text lieber etwas leichter und luftiger halten möchte. Wenn Sie eine standardsprachlich als korrekt geltende Alternative verwenden wollen, können Sie aber nicht auf einschließlich sich selbst ausweichen. Gibt es keine andere Möglichkeit?

Wie so oft, wenn man einmal nicht mehr weiterweiß, empfiehlt es sich, eine andere Formulierung zu verwenden. Am besten lassen Sie dabei das Wort einschließlich fallen. Es klingt ohnehin fast so steif und trocken wie inklusive und ist stilistisch gesehen kein allzu großer Verlust. Ersatzkandidaten sind zum Beispiel einbegriffen oder – mein persönlicher Favorit an diese Stelle –  das schlichte Wörtchen auch:

Er hasst alles und jeden, sich selbst einbegriffen.
Er hasst alles und jeden, auch sich selbst.

Auch sich selbst anstelle von einschließlich seiner selbst: so schön kann Schlichtheit sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ganz so einfach ist es natürlich nicht. In gewissen Fällen ist nach einschließlich nicht der Genitiv, sondern die endungslose Form (einschließlich Porto) oder der Dativ Plural (einschließlich Getränken) richtig. Mehr dazu hier.

An Zahlungs statt – Genitiv oder Fuge?

Frage

Was halten Sie von der im Juristendeutsch häufig anzutreffenden Wendung „von Verfassungs wegen“? […] Ich meine: Von Sprachbildungs wegen müssten manche Juristen, und seien sie höchstpositioniert, links und rechts abgewatscht werden; dies ist freilich nicht nur von Rechts, sondern auch von Erbarmungs und Menschenwürdes wegen zu unterlassen, und zwar selbst dann, wenn der gleiche Personenkreis von Sachleistungen spricht und schreibt, die „an Zahlungs statt“ zu leisten seien. Wo kommt dieses alberne „ungs-s“ her?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

mit dem „Abwatschen“ würde ich vorsichtig sein. Die Wendung an Zahlungs statt ist zwar ein bisschen veraltend, aber sie gilt standardsprachlich als korrekt und ist in (fast) allen Wörterbüchern zu finden. Früher schrieb man zum Teil auch an Zahlungsstatt. Das s hat sich in Analogie mit an Eides statt und an Kindes statt (früher auch: an Kindesstatt) eingeschlichen. Die Frage ist nun, ob es sich wirklich um eine Genitivendung handelt. Dass dem nicht unbedingt so sein muss, zeigen die alten, zusammengeschriebenen Formen.

Die Präposition (an)statt ist aus einem Substantiv entstanden: die Statt = Ort, Platz, Stelle. Da dieses Substantiv in der präpositionalen Wendung keine substantivischen Merkmale mehr aufweist, schreibt man es klein (so die Rechtschreibregelung).

Wenn man heute an Zahlungsstatt schriebe, würde sich kaum jemand über das s wundern. Es wäre klar, dass es sich um ein Fugen-s handelt, das immer in Zusammensetzungen mit weiblichen Wörtern auf –ung steht und das auch in zum Beispiel Zahlungsauftrag und Zahlungsfrist vorkommt. Da man aber an Zahlungs statt schreibt, ist diese mögliche Herkunft des s nicht ersichtlich.

Bei von Verfassungs wegen ist die Lage ähnlich. Der Ausdruck ist allerdings noch mehr als an Zahlungs statt reiner Fachjargon – Juristendeutsch „vom Feinsten“. Das s wurde hier wohl in Anlehnung an von Rechts wegen eingeschoben. Dieser Einschub wurde dadurch erleichtert, dass auch wegen auf ein Substantiv zurückgeht (Dativ Plural von Weg). Hier ist das s zwar ziemlich sicher ein durch falsche Analogie gesetztes Genitiv-s, es wird aber durch das Fugen-s nach –ung gestützt, das zum Beispiel auch in Verfassungsänderung und verfassungsfeindlich vorkommt.

Natürlich kann ein solches „Analogie-Genitiv-s“ oder „historisch begründbares Fugen-s“ nicht so, wie Sie es scherzhaft in Ihrer Frage tun, überall eingefügt werden. Es kommt nur in einigen wenigen festen Wendungen vor und ist mehr (an Zahlungs statt, von Obrigkeits wegen) oder weniger (von Verfassungs wegen) bekannt und akzeptiert. Die Situation ist also nicht ganz so eindeutig, dass man gleich zum Abwatschen übergehen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Viel übersichtlicher ist die Lage in einem anderen Fall: In den Wendungen des Nachts und eines Nachts handelt es sich eindeutig um ein Genitiv-s, das heißt um Analogiebildungen zu Genitivformen wie des Morgens, eines Morgens, eines Tages usw. (mehr dazu hier).