Die vielen Male, die oder dass?

Frage

Was ist korrekt: „die vielen Male, wo …“, „die vielen Male, dass …“ oder „die vielen Male, die …“ – oder sonst etwas? Ich bin ratlos und finde nirgends etwas, das mir weiterhilft.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

am besten wählen Sie hier dass:

Die vielen Male, dass ich das getan habe.

Ebenso wie:

Das erste/zweite/einzige/letzte/sovielte Mal, dass ich das getan habe.

Die Verwendung von wo gilt hier als umgangssprachlich und das Relativpronomen die bzw. im Singular das passt hier nicht.

Warum steht hier nicht das Relativpronomen das oder die, sondern die Konjunktion dass? Dafür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste lautet, dass man das Relativpronomen das immer durch welches und die durch welche ersetzen kann. Die zweite geht mehr auf die Funktion des Wörtchens ein:

Wenn man das Relativpronomen wählt, muss es im Relativsatz eine Funktion haben. Das ist zum Beispiel in seltenen Fällen wie diesen so:

Das ist das eine Mal, das mir noch in Erinnerung geblieben ist.
das = Subjekt; durch „welches“ ersetzbar

Das ist das einzige Mal, das ich hier erwähnen will.
das = Akkusativobjekt; durch „welches“ ersetzbar

Ebenso (die ist durch welche ersetzbar):

die vielen Male, die mir in Erinnerung geblieben sind
die wenigen Male, die ich hier erwähnen will

Die Sätze klingen zum Teil etwas ungewöhnlich.

In den meisten Fällen folgt aber auf Mal kein Relativsatz, sondern ein dass-Satz. Die Konjunktion dass hat keine andere Funktion, als den Nebensatz einzuleiten. Sie hat im Nebensatz selbst keine Funktion:

Das ist das einzige Mal, dass ich das getan habe.
dass = Konjunktion; nicht durch „welches“ ersetzbar
(nicht: Das ist das einzige Mal, *das ich das getan habe.)

die vielen Male, dass ich das getan habe
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die vielen Male, *die ich das getan habe)

die wenigen Male, dass sie ihre Eltern besucht haben
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die wenigen Male, *die sie ihre Eltern besucht haben)

Sie kommen nicht häufig vor, aber es gibt auch andere Konstruktionen, in denen ein dass-Satz von einem (nicht von einem Verb abgeleiteten) Substantiv abhängig ist:

Es ist (höchste) Zeit, dass ihr geht.
Das Problem, dass die beiden Wörter gleich klingen, macht das Schreiben nicht einfacher.

Im letzten Beispielsatz steht der Grund, weshalb das und dass manchmal zu Unsicherheiten und Zweifeln führen – und häufig auch einfach zu Flüchtigkeitsfehlern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommas bei „so gut es geht“?

Frage

Muss im folgenden Satz ein Komma gesetzt werden – oder gar zwei?

Ich mache mich so klein es geht und warte nur ab.

Oder liegt hier ein Fehler in der Formulierung selbst vor?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es liegt kein Fehler bei der Formulierung vor. Man kann höchstens sagen, dass sie eher zur Alltagssprache als zur formellen Standarsprache gehört. Im Weiteren kommt Ihr Satz ganz ohne Kommas aus:

Ich mache mich so klein es geht.
Ich mache mich so klein es geht und warte nur ab.

Ein Satz mit mehr als einer konjugierten Verbform (mache, geht) und trotzdem kein Komma, wie lässt sich das erklären?

In Formulierungen dieser Art leitet so in Verbindung mit einem Adjektiv im Prinzip einen Nebensatz (eine Art Modalsatz) ein, der nach der allgemeinen Regel durch Kommas abgetrennt wird:

Sie werden euch, so gut es geht, bei der Arbeit helfen.
Komm, so schnell es geht, wieder zurück!
Wir strecken nun den Arm, so weit es geht, nach oben.
Ich hacke die Karotten, so fein es geht.

Vielleicht fragen Sie sich beim Lesen der Beispielsätze, ob hier wirklich überall Kommas stehen müssen. Meine Antwort lautet nein. Man kann diese Formulierungen nämlich auch als formelhafte Adverbialbestimmungen interpretieren, die für so _, wie es geht stehen, und die Kommas weglassen. Es ist dann gerechtfertigt und übrigens auch üblich, bei so _ es geht wie bei den „gewöhnlichen“ Adverbialbestimmungen so _ wie möglich oder möglichst _ kein Komma zu setzen:

Sie werden euch so gut es geht bei der Arbeit helfen.
Komm so schnell es geht wieder zurück!
Wir strecken nun den Arm so weit es geht nach oben.
Ich hacke die Karotten so fein es geht.

Formulierungen der Art so _ es geht können also meisten mit und ohne Kommas geschrieben werden.

Und nun kommen wir endlich wieder zum Satz in Ihrer Frage: In Fällen, in denen die adverbiale Wendung so _ es geht nicht weggelassen werden kann, muss man sogar immer auf Kommas verzichten, weil sonst ein unverständlicher Satz entsteht. Das ist bei Ihrem Satz der Fall:

Ich mache mich so klein es geht und warte nur ab.
Sie hat das Wasser auf so kalt es geht eingestellt.
Bleiben Sie so gesund es geht!

Kommas sind umgekehrt dann obligatorisch, wenn man es geht zu einem Vergleichssatz mit wie erweitert:

Sie werden euch so gut, wie es geht, bei der Arbeit helfen.
Ich mache mich so klein, wie es geht, und warte nur ab.
Bleiben Sie so gesund, wie es geht.

Ich habe versucht, die Frage[,] so gut und so einfach es geht[,] zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reihenfolge: „er oder sie“ oder „sie oder er“?

Frage

[…] Der folgende Satz in einem Brief an die Beschäftigten führt zur Irritation:

Dadurch wird niemand benachteiligt, weil er oder sie vor verschlossenen Türen stehen muss.

Mein Chef möchte, dass ich „er oder sie“ in „sie oder er“ abändere. Ich finde, dass dadurch der Eindruck entstehen könnte, dass „sie“ öfter vor verschlossenen Türen stehen könnte als „er“. Gibt es eine Geschlechterregel der Reihenfolge?

Antwort

Guten Tag Frau B,

es gibt keine Regel, nach der es er oder sie oder sie oder er heißen muss. Früher was es üblicher Herr und Frau X als Frau und Herr X zu verwenden. Bei höflichen Anreden ist es umgekehrt auch heute noch üblich, meine Damen und Herren und sehr geehrte Damen und Herren zu sagen und zu schreiben. Wer eher der „alten Schule“ angehört, findet auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter galanter als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, aber eine allgemeine Regel gibt es hier wie gesagt nicht.

Entsprechend gibt es keinen Bedeutungsunterschied zwischen weil er oder sie vor verschlossenen Türen steht und weil sie oder er vor verschlossenen Türen steht. Es ist nicht so, dass die mit dem ersten Pronomen gemeinten Personen häufiger vor verschlossenen Türen stehen als die mit dem zweiten Pronomen gemeinten Personen. Sie können also die Reihenfolge beibehalten, die Sie ursprünglich gewählt haben, oder sie gemäß dem (galanten?) Wunsch des Chefs anpassen. (Situationen wie diese, in denen es wenig bis nichts ausmacht, eignen sich manchmal besonders gut dafür, Vorgesetzten wieder einmal wohlwollend recht zu geben – aber das ist ein ganz anderes Thema).

Dadurch wird niemand benachteiligt, weil er oder sie vor verschlossenen Türen stehen muss.
=
Dadurch wird niemand benachteiligt, weil sie oder er vor verschlossenen Türen stehen muss.

Es gibt also keine „Geschlechterregel“ zur Reihenfolge der Pronomen sie und er, ihm und ihr, sein und ihr usw. In längeren Texten steht manchmal abwechselnd er oder sie und sie oder er, vielleicht um dem Missverstand vorzubeugen, die Erstgenannten seien die Wichtigeren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hasauf spielen: Was tut man, wenn man Hasauf spielt?

Frage

Ich bin ein großer Bewunderer des deutschen Schriftstellers Jakob Wassermann und lese gerade sein Buch „Der goldene Spiegel – Erzählungen in einem Rahmen“. Ich bin auf einen Ausdruck gestoßen, den ich nicht wirklich verstehe: „Sie wollen Hasauf spielen.“ Leider kann ich die Übersetzung von „Hasauf“ nicht finden. Könnten Sie mir bitte bei dieser Übersetzung helfen?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

den Ausdruck „Hasauf spielen“ kenne auch ich nicht. Ich kann ihn auch in keinem historischen oder Dialektwörterbuch finden (außer im DWB in einem Beispielsatz bei „spielen“, und dies ohne weitere Erklärung1). Wenn die Wörterbücher nichts hergeben, muss man sich die Texte genauer anschauen.

Die wenigen Stellen in älteren Texten, in denen „Hasauf“ vorkommt, lassen keine eindeutige Interpretation zu, außer dass diese Wendung nicht positiv gemeint sein kann:

Jedoch werden die Deutschen allwege von diesen Nationen gering geschätzt, und nicht anders genannt als die Vollsäufer, stolze Federhansen, hohe Pocher, Gotteslästerer, Hans Muffmaff mit dem Bettelsack, die gern Hasauf spielen.2

»Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. — »Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« — »Die wollen Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. […] »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief Hennecke und ballte die Faust.3

Das „Has(e)“ in „Hasauf“ legt die folgende Interpretation nahe:

Hasauf spielen = die Flucht ergreifen, flüchten

Das passt zum Bild des Hasen als Feigling, wie es heute noch in „das Hasenpanier ergreifen“, „Hasenfuß“ und „Angsthase“ vorkommt.

Ein weiteres, stärkeres Indiz, das in dieselbe Richtung zeigt, kommt aus dem Niederländischen. Es gibt oder besser gab dort die heute nicht mehr gebräuchliche Redewendung „haas-op spelen“ mit der Bedeutung „flüchten“ (vgl. hier und hier).

Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass „Hasauf spielen“ wirklich „flüchten, wegrennen“ bedeutete. Ich bin aber der Meinung, dass diese Deutung durch das Bild des Hasen und die wörtliche Entsprechung in einer nahe verwandten Sprache stark unterstützt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Falls jemand  die Wendung „Hasauf spielen“ kennt, wären Herr M. und  ich froh, mehr darüber zu erfahren.


Siehe DWB, Bedeutung II/7/d/ε
Gustav Freitag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 1859-67, Bd. 3, Der Dreißigjährige Krieg
3 Jakob Wassermann, Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen, 1911

Warum „Es muss die Lösung gefunden werden“ irgendwie seltsam klingt

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „es“ in Passivsätzen, in denen das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat.

Mir ist klar, wie ich einen unpersönlichen Passivsatz mit dem unbestimmten Artikel bilde (a. = Aktiv, b. = Passiv mit „es“):

a. Man muss eine Lösung finden.
b. Es muss eine Lösung gefunden werden.

a. Man kann Patienten empfangen.
b. Es können Patienten empfangen werden.

Aber was passiert, wenn das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat, kann man in diesem Fall das Pronomen „es“ anwenden?

a. Man muss die Lösung finden.
b. Es muss die Lösung gefunden werden.

a. Man kann die Patienten empfangen.
b. Es können die Patienten empfangen werden

Hier klingt das Passiv mit „es“ komisch. Meine konkrete Frage lautet deshalb: Ist das Passiv mit „es“ Anfang des Satzes nur mit dem unbestimmten bzw. ohne Artikel möglich?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die Sätze, die Sie für zweifelhaft halten sind nicht falsch, aber sie sind ungewöhnlich und wirken veraltet oder dichterisch. Das liegt tatsächlich am bestimmten Artikel oder eigentlich daran, was mit dem bestimmten Artikel in der Regel ausgedrückt wird.

Es gibt in der deutschen Wortstellung eine Tendenz, dass Bekanntes, bereits Erwähntes (= Bestimmtes) im Satz weiter links steht als Neues, erstmals Erwähntes (= Unbestimmtes). Zum Beispiel:

Er gibt das Buch einem Freund.
Er gibt dem Freund ein Buch.

Sie hat gestern Patienten empfangen.
Sie hat die Patienten gestern empfangen.

Diese Tendenz scheint auch zu wirken, wenn es um das sogenannten Platzhalter-es geht (= das es, das im Satz an erster Stelle vor der konjugierten Verbform steht, wenn kein anderes Satzglied diese Stelle einnimmt; siehe hier). Wie wir gesehen haben, steht ein bestimmtes Subjekt tendenziell an erster Stelle. Das hat zur Folge, dass das Platzhalter-es  dort weniger gut zum Zuge kommen kann. Bei einem unbestimmten Subjekt hingegen, das tendenziell weiter hinten im Satz steht, kann das es viel einfacher die erste Stelle im Satz einnehmen:

Es können hier Patienten empfangen werden. (problemlos)
Es können die Patienten hier empfangen werden. (ungewöhnlich)

Es muss eine Lösung gefunden werden. (problemlos)
Es muss die Lösung gefunden werden. (ungewöhnlich)

Das gilt auch bei anderen Formulierungen mit dem Platzhalter-es:

Es steht ein Schrank im Korridor. (problemlos)
Es steht der Schrank im Korridor. (ungewöhnlich)

Es wartet eine Frau auf Sie. (problemlos)
Es wartet die Frau auf Sie. (ungewöhnlich)

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Regel, die Sie am Schluss Ihrer Frage andeuten, ist richtig, außer dass es keine Regel, sondern nur eine starke Tendenz ist: Im heutigen Deutschen wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es und einem Subjekt mit einem bestimmten Artikel meistens ungewöhnlich, das heißt veraltet, dichterisch oder sehr gehoben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz so einfach ist es natürlich auch hier nicht, denn auch diese Tendenz kennt Ausnahmen. Zum Beispiel:

Es stellt sich hier die Frage, welche und wie viele Ausnahmen es gibt.

Diese Wendung klingt nicht ungewöhnlich, obwohl das Subjekt (die Frage) den bestimmten Artikel bei sich hat.

Omikron und Omega

Aus wenig erfreulichem aktuellem Anlass hört und liest man zurzeit sehr häufig das Wort Omikron. An dieser Stelle soll es nicht um den Anlass gehen und auch nicht darum, wie wenig erfreulich er ist. Es geht vielmehr um eine kleine Einsicht, die ich zu meinem Erstaunen erst jetzt gehabt habe.

Mir ist nämlich klargeworden, dass Omikron von griechisch ò mikrón kommt und kleines O bedeutet. Den Wortbestandteil mikro(n) = klein kennen wir ja von zum Beispiel dem Mikroskop, mit dem man sehr Kleines sehen kann, der Mikrofaser, einer aus kleinsten Strukturen bestehenden Faser, oder den Mikroorganismen, den Klein- und Kleinstlebewesen.

Das wussten viele von Ihnen sicher schon, aber diesen ersten Schritt meiner neuen „Erkenntnis“ finde ich noch nicht sehr erstaunlich. So oft bin ich dem Wort Omikron bis vor Kurzem auch wieder nicht begegnet. Das gilt nicht für sein Gegenstück, das Omega. Ihm begegnet man in gelehrteren oder religiösen Kontexten in der Form von Alpha bis Omega (ΑΩ), aber vor allem auf dem Fernseh- oder einem anderen Bildschirm, wenn bei Sportveranstaltungen neben der Zeitmessung die Marke des Zeitmessers steht. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) man es so oft sieht, ist mir bis jetzt nie klargeworden, dass Omega einfach großes O bedeutet. Wie mikro ist ja auch mega = groß nicht unbekannt: vom Megabyte über den Megastar bis hin zu megaerstaunlich.

Ich habe mich gleich auf die Suche gemacht, ob das griechische Alphabet noch andere Buchstaben mit einer solchen Bedeutung hat, bin aber kaum fündig geworden. Neben Epsilon (einfaches E) und Ypsilon (einfaches I) sind nur noch Alpha und Gamma nennenswert: Alpha kommt vom hebräischen Wort ạlęf = Ochse (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Ochsenkopf) und Gamma kommt von hebräisch gạmạl = Kamel (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Kamelhals).

Das Omikron wird klein genannt, weil es kurz ist. Das Omega ist groß, weil es lang ist. Warum genau das Epsilon und das Ypsilon einfach sind, ist mir vorläufig noch ein Rätsel. Für die Schreibung der Laute /e/ und /i/ hat das Griechische so viele Möglichkeiten, dass der Grund wohl dort zu suchen ist.

Und um doch noch kurz auf den unerfreulichen Anlass für die derzeit häufige Verwendung des Wortes Omikron einzugehen: Hoffen wir, dass Omikron wirklich klein bleibt und Omega uns in diesem Zusammenhang erspart bleibt.

Reden wir von Switches, Switchs oder Switchen?

Die Beugung von noch nicht allzu fest im Deutschen intergrierten Fremdwörtern führt immer wieder zu Fragen:

Frage

In meinem Text steht eine Liste von Eigenschaften eines Switchs (o. eines Switches?). In dem speziellen Punkt geht es um die Verbindung zwischen zwei Switches/Switchen/Switchs. Ich habe im Internet gesucht, aber keine Informationen gefunden, wie man „Switch“ am besten dekliniert. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

die Beugung von Fremdwörtern aus dem Englischen (und anderen Sprachen) kann dann zu Unsicherheiten führen, wenn sie noch nicht wirklich in den deutschen Wortschatz integriert sind. Was ist richtig, die Form aus der Ursprungssprache oder die ans Deutsche angepasste Form? Die Antwort lautet  wie so häufig: Richtig ist, was üblich ist.

Zuerst zum Genitiv: Wie Sie den Genitiv von Switch schreiben, hängt davon ab, wie Sie ihn aussprechen. Bei auf (gesprochenes) sch endenden Wörtern ist im Genitiv Singular sowohl -s als  auch -es möglich:

Aussprache wie /switschs/ → des Switchs
(vgl. Fischs, Froschs, Eibischs, Tratschs)

Aussprache wie /switsches/ → des Switches
(vgl. Fisches, Frosches, Eibisches, Tratsches)

Da bei Fremdwörtern der s-Genitiv üblicher ist als der es-Genitiv, würde ich des Switchs sagen und schreiben. Die Schreibung des Switches kommt aber häufiger vor. Ich vermute, dass diese Schreibung in vielen Fällen durch den englischen Plural switches beeinflusst ist und weniger auf eine Aussprache mit der Endung -es zurückzuführen ist.

Auch der endungslose Genitiv des Switch ist nicht ausgeschlossen, aber nur dann, wenn auch keine Endung gesprochen wird:

Aussprache wie /switsch/ → des Switch

Diese sozusagen aus dem Englischen übernommene endungslose Variante passt dann am besten, wenn auch der Plural noch englisch ausgesprochen wird. Und hiermit sind wir schon bei den Pluralformen:

Auch für den Plural von „Switch“ gilt, dass die Schreibung davon abhängt, wie Sie die Wortform aussprechen. Bei englischer Aussprache (/switschis/) schreiben Sie zwei Switches. Bei deutscher Aussprache (/switschs/) schreiben Sie zwei Switchs. Auch der Ersatz von -s durch die deutsche Endung -e ist nicht ausgeschlossen, aber (noch?) nicht so gebräuchlich. Also:

Aussprache wie /switschs/ → die Switchs
(vgl. Clutchs, Matchs, Patchs, Scotchs)

Aussprache wie /switschis/ → die Switches
(vgl. Clutches, Stretches)

Aussprache wie /switsche/ → die Switche
(vgl. Matche, Sketche)

Die Pluralformen von Clutch, Match, Patch, Sketch, Stretch und Scotch zeigen, dass es keine einheitliche Tendenz gibt, wie Substantive dieser Form ins Deutsche integriert werden. Wenn Sie diese Wörter in verschiedenen Wörterbüchern nachschlagen, werden Sie feststellen, dass nicht alle Wörterbücher überall dieselben Formen angeben. Es herrscht hier also eine recht große Unsicherheit (man kann es optimistischer auch eine recht große Freiheit nennen).

Ich kann Ihnen also nur empfehlen, sich nach der Aussprache zu richten. Welche Aussprache in Ihrem Fachbereich bei Switch üblicher ist, weiß ich leider nicht. Solange sich keine einheitliche(re) Verwendung des Wortes Switch eingebürgert hat, ist keine der obenstehenden Formen falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Diejenigen oder jene, die …?

Frage

Leider tauchen immer wieder Fragen zur deutschen Grammatik auf, bei denen die eigene Internetrecherche und der Blick in Nachschlagewerke und Sprachratgeber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führt. […] Ich wende mich also wieder an Sie. Im Duden, Bd. 9 heißt es:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht korrekt, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“

Vor dem Hintergrund dieser Dudenregel leuchtet mir der Gebrauch von „jener“ eigentlich nur noch bei „dieser/jener“ ein. Um die Sache an Beispielen zu verhandeln:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

Diese Sätze müssten nach dem Obigen falsch sein. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich darüber aufklären könnten, 1) welcher Gebrauch vom Duden als korrekt angesehen wird, 2) welcher Gebrauch Ihnen sinnvoll erscheint. Ich gehe davon aus, dass der De-facto-Sprachgebrauch in diesem Fall stark von der Dudenregel abweicht. In der österreichischen Zeit im Bild geht es beispielsweise allabendlich um „jene, die geimpft oder genesen sind“.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie verwenden wahrscheinlich eine ältere Ausgabe von Duden Bd. 9, Richtiges und gutes Deutsch. In der 8. Auflage, 2016, steht die zitierte „Regel“ nämlich in etwas abgeschwächter Form:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht sinnvoll, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen, weil mit „jener“ auf etwas Fernes verwiesen wird. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“ Nicht: „Das sind meine Absichten und jene meiner Kollegen.“ Sondern: „Das sind meine Absichten und die meiner Kollegen.“

Die Angabe nicht korrekt wurde zu nicht sinnvoll heruntergestuft. Als Begründung wird angegeben, dass mit jener auf etwas Fernes verwiesen werde. Das ist dann richtig, wenn jener nur als Gegensatz zu dieser verwendet werden kann. Ist das wirklich so? Das hängt davon ab, wo man sich befindet. Nach den Angaben der Variantengrammatik zu diesem Thema wird – etwas vereinfacht ausgedrückt – in Deutschland vor allem derjenige, der verwendet, während in der Schweiz und vor allem in Österreich jener, der vorherrscht. Besser wäre es also, zu sagen, dass es in Deutschland nicht üblich ist, jener, der zu verwenden, dies aber in Österreich und der Schweiz – auch in der Standardsprache – gebräuchlich ist.

Diese Sicht wurde inzwischen auch von der Duden-Redaktion übernommen. In der 9. Auflage von Duden Bd. 9, 2021, steht nun:

3. jener / der[jenige]: Als Demonstrativpronomen wird „derjenige (dasjenige, diejenige)“ in Deutschland klar gegenüber „jener (jenes, jene)“ bevorzugt: „Die Zahl derjenigen, die beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen, nimmt seit Jahren zu“ (Hessische/Niedersächsische Allgemeine). In Österreich und der Schweiz hingegen wird häufiger „jener“ verwendet: „Er […] werde sich mit der ganzen Energie für jene einsetzen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“ (Salzburger Nachrichten).

Die „teutonozentrische“ Sichtweise wurde hier also zugunsten einer Sichtweise verlassen, die regionale Unterschiede respektiert.

Zu Ihren Beispielen: Wenn ich die Angaben in Variantengrammatik und Duden richtig verstehe, heißt es in Deutschland vor allem:

Sie sprach über die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über die[jenigen] Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

In Österreich und in der Schweiz (sowie in Liechtenstein und in Südtirol) eher:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene/die Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

All denjenigen oder all jenen, die glauben, dass Regeln in Grammatik- und Stilbüchern unverrückbar feststehen, möge dies ein Beispiel für das Gegenteil sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zahlen unter und über zwölf: zehn bis 15 Prozent?

Frage

Zahlen bis zwölf soll man ausschreiben, heißt es. Doch wie verhält man sich in folgender Situation?

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.

Schreibt man 10 aus, erhält man eine optisch unbefriedigende Lösung. Darf man hier 10 unausgeschrieben lassen oder schreibt man stattdessen „fünfzehn“? Was ist Ihre Empfehlung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

auch ich bin irgendwann einmal während meiner Schulzeit der Regel begegnet, dass man Zahlen bis zwölf ausschreiben und bei höheren Zahlen Ziffern verwenden soll. Diese „Regel“ ist nur eine Empfehlung, von der man nicht nur jederzeit abweichen darf, sondern sehr häufig auch abweichen sollte. Wichtig ist nicht so sehr die Größe der Zahl, als vielmehr die Art des Textes, in dem man sie verwendet: In technischen Texten stehen eher Ziffern, in literarischen Texten stehen auch hohe Zahlen in Worten, und in Texten dazwischen verwendet man (je nach Kontext) das, was besser passt. Das steht auch in einem nicht mehr ganz taufrischen Blogartikel (siehe hier).

Bei der Verbindung von Zahlenangaben mit bis, und, oder usw. empfiehlt es sich immer, nicht zu mischen, sondern alle Zahlen entweder mit Ziffern oder in Worten auszudrücken:

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.
Windturbinen könnten hier zehn bis fünfzehn Prozent des Strombedarfs decken.

Der Vorgang dauert zwischen 2,5 und 3 Stunden.
Der Vorgang dauert zwischen zweieinhalb und drei Stunden.

Es fielen 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter.
Es fielen hundert bis hundertfünfzig Liter Regen pro Quadratmeter.

auf 1000 oder 1200 Metern Höhe
auf tausend oder tausendzweihundert Metern Höhe
auf tausend oder zwölfhundert Metern Höhe

Ob Sie Ziffern oder Buchstaben wählen, hängt von der Art des Textes und/oder vom weiteren Zusammenhang ab, in dem die Zahlenangabe steht. Die Wahl bleibt aber letztlich Ihnen überlassen. Richtig ist jeweils beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ist es[?] nicht würdig, erwähnt zu werden

Auch Dr. Bopp ist nicht unfehlbar (das wussten Sie natürlich schon):

Frage

Bitte erläutern Sie mir die Satzkonstruktion Ihres Satzes

Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden

in diesem Artikel.

Das „es“ ist abhängig von „würdig“ und Akkusativ […], aber „würdig“ wird normalerweise mit dem Genitiv kombiniert. Der Genitiv von „es“ ist „seiner“ (was aber merkwürdig klingen würde). Kann „es“ auch der Genitiv von „es“ sein oder wird „würdig“ auch mit einem Akkusativ kombiniert? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das „es“ in „Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden“ ist ein Korrelat, das heißt, es ist ein Wort, das im übergeordneten Satz stellvertretend für die Infinitivgruppe „erwähnt zu werden“ steht. Die Wendung „würdig sein“ verlangt, wie Sie richtig bemerken, den Genitiv („jemandes/einer Sache würdig sein“). Das Korrelat für einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe mit der Funktion eines Genitivobjekts ist eigentlich „dessen“. Es müsste also heißen:

Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.

Ein solches Korrelat im Genitiv ist aber sehr selten, denn es klingt sehr gehoben. Häufig wird deshalb statt a) einer Formulierung mit „dessen“ b) eine Konstruktion mit einem anderen Korrelat oder c) eine Konstruktion ohne ein Korrelat gewählt:

a) mit Korrelat „dessen“
b) mit anderem Korrelat
c) ohne Korrelat

a) Ich schäme mich dessen, dich nicht erkannt zu haben.
b) Ich schäme mich dafür, dich nicht erkannt zu haben.
c) Ich schäme mich, dich nicht erkannt zu haben.

a) Sie vergewisserte sich dessen, dass die Fenster geschlossen waren.
b) Sie vergewisserte sich davon, dass die Fenster geschlossen waren.
c) Sie vergewisserte sich, dass die Fenster geschlossen waren.

a) Das ist dessen nicht wert, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht wert, erwähnt zu werden.
c) Das ist nicht wert, erwähnt zu werden.

Die Alternativen b) mit einem anderen Korrelat sind dann gut möglich, wenn es für die Konstruktion mit dem Genitiv auch standardsprachlich akzeptierte Varianten gibt. Das ist bei den Beispielen oben der Fall:

sich einer Sache schämen (dessen)
sich für etwas schämen (dafür)

sich einer Sache vergewissern (dessen)
sich von etwas vergewissern (davon)

einer Sache wert sein (dessen)
etwas wert sein (es)

Wie ist es nun beim Satz, den Sie zitieren?

a) Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden. [?]
c) Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden.

Während „etwas wert sein“ standardsprachlich akzeptiert ist, gilt dies für „etwas würdig sein“ (noch?) nicht. Deshalb hätte ich in einer Sprachrubrik besser nicht die Variante b) mit „es“, sondern die Variante c) ohne Korrelat verwendet. Obwohl ein schneller Blick in die Korpora zeigt, dass „es (nicht) würdig sein + Infinitivgruppe o. dass-Satz“ heute hin und wieder auch in standardsprachlichen Kontexten vorkommt, ist diese Konstruktion nicht oder noch nicht allgemein akzeptiert. Und warum nicht die Variante a) mit „dessen“? – Weil sie mir einfach zu gehoben oder veraltend klingt.

Bevor Sie nun vermuten, ich wolle mich mit vielen Worten herausreden, hier noch eine kurze Antwort: Die Formulierung mit „es“ ist bei „würdig“ standardsprachlich (noch?) nicht akzeptiert. Ich hätte besser „Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden“ oder eine andere Formulierung verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp