Das hartnäckige „zu“

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wiederholung von Wörtern durch Weglassen zu vermeiden. Diese sprachliche „Sparmethode“ ist wichtig, hilfreich und effizient, aber sie hat ihre Grenzen. So sträubt sich zum Beispiel das zu einem Infinitiv gehörende zu erfolgreich dagegen, weggelassen zu werden:

Frage

In einem Buch habe ich diesen Satz gelesen: „Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und lösen.“ Ich verstehe nicht, warum kein „zu“ vor dem Verb „lösen“ steht […].

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn der Satz ist so nicht richtig formuliert. Ein zum Infinitiv gehörendes zu kann auch bei Aufzählungen nicht weggelassen werden, das heißt, es muss immer bei jedem Infinitiv wiederholt werden:

nicht: Ich freue mich darauf dich zu sehen und sprechen.
sondern: Ich freue mich darauf, dich zu sehen und zu sprechen.

nicht: Es begann zu stürmen, donnern und blitzen.
sondern: Es begann zu stürmen, zu donnern und zu blitzen.

nicht: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder verkaufen
sondern: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder zu verkaufen

Der Satz, den Sie zitieren, lautet also richtig:

Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und zu lösen.

So einfach kann es manchmal sein. Diese und weitere Einschränkungen beim Weglassen von gemeinsamen Wörtern in Zusammenziehungen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Knifflige Kommafrage: „egal[,] wie es ist[,] und unabhängig davon, wie es war“

Frage

Bei dem folgenden Satz frage ich mich, ob ein Komma hinter „mag“ gesetzt werden muss oder kann? Ich verzichte bewusste auf das (Kann-)Komma hinter „egal“. Der unvollständige Satz lautet wie folgt:

… egal wie schmal die Straße sein mag und vollkommen unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

bei diesem speziellen Fall sehe ich zwei Möglichkeiten:

  1. … egal, wie schmal die Straße sein mag, und unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.
  2. .… egal wie schmal die Straße sein mag und unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

Man kann dies wie folgt begründen:

  1. Wenn man das fakultative Komma nach egal setzt, trennt man den wie-Satz ab. Das hat zur Folge, dass man ihn auch am Schluss, also nach mag, durch ein Komma abtrennen sollte (vgl. § 71(E1) der amtlichen Rechtschreibregelung). Das und verbindet dann egal mit unabhängig davon. Dabei ist der erste wie-Satz egal untergeordnet, wie der zweite wie-Satz der Wortgruppe unabhängig davon untergeordnet ist:

     
    egal, wie schmal die Straße sein mag,
    und
    unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

  2. Ohne Komma zwischen egal und wie leitet egal wie als mehrteilige Nebensatzeinleitung einen Nebensatz ein. Dieser Nebensatz wird durch und gleichrangig mit der Wortgruppe unabhängig davon verbunden (von der ein Nebensatz mit wie abhängig ist). Zwischen dem Nebensatz und der Wortgruppe steht kein Komma (vgl. § 74(E2) der amtlichen Rechtschreibregelung):

     
    egal wie schmal die Straße sein mag
    und
    unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

Beide Varianten sind vertretbar. Ich würde hier die Variante a) wählen, weil ich sie wegen der parallelen Konstruktion egal, wie und unabhängig davon, wie für übersichtlicher halte. Wenn Sie aber das Komma zwischen egal und wie lieber weglassen, wählen Sie einfach die Variante b).

Noch zwei Beispiele:

  1. … egal, wie es ist, und unabhängig davon, wie es war.
  2. … egal wie es ist und unabhängig davon, wie es war.
  1. Wir fahren in die Berge, vorausgesetzt, dass das Wetter es zulässt, und in der Hoffnung, dass ihr uns begleiten werdet.
  2. Wir fahren in die Berge, vorausgesetzt dass das Wetter es zulässt und in der Hoffnung, dass ihr uns begleiten werdet.

So weit meine Interpretation der Kommaregeln für Fälle wie diese. Zum Glück kommen solche „kommatechnisch problematischen“ Formulierungen nicht oft vor. Besonders[,] wenn sie länger sind[,] sowie in Texten, die leicht verständlich sein sollten, vermeidet man sie besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbform bei Subjekt mit verschiedenen Personen: du und er wirst/werdet/werden?

Frage

Wir haben hier wieder einmal große Diskussionen, wie es richtig heißt. Unsere Sätze lauten:

  1. Der Platzanweiser wird Ihnen zeigen, wo Sie und Ihr Neffe sitzen werden.
  2. Der Platzanweiser wird euch zeigen, wo ihr und euer Neffe sitzen werden/werdet[?]
  3. Der Platzanweiser wird dir zeigen, wo du und dein Neffe sitzen wirst/werdet/werden[?]

Der erste Satz scheint klar zu sein. In den Sätzen 2 und 3 wäre von der Logik her wohl „werdet“ angebracht, aber „werden“ klingt auch nicht falsch. „Wirst“ klingt falsch in Satz 3.

Antwort

Guten Tag Frau L.,

der erste Satz wird tatsächlich wie folgt formuliert:

  1. Der Platzanweiser wird Ihnen zeigen, wo Sie und Ihr Neffe sitzen werden.

Die dritte Person Sie und die dritte Person Ihr Neffe bilden zusammen ein Subjekt. Ein Subjekt mit zwei durch und verbundenen dritten Personen verlangt ein Verb in der dritten Person Plural, also werden.

Der zweite und der dritte Satz sind etwas schwieriger, weil sie ein mehrteiliges Subjekt haben, in dem unterschiedliche Personen miteinander verbunden sind. Das und verbindet nicht zwei gleiche Personen wie im ersten Satz, sondern eine zweite und eine dritte Person. In welcher Person steht dann das Verb? – Wenn von zwei Subjektteilen einer eine zweite und einer eine dritten Person ist, wählt man für das Verb die zweite Person Plural:

ihr und er = ihr
du und er = ihr

Es heißt also:

  1. Der Platzanweiser wird euch zeigen, wo ihr und euer Neffe sitzen werdet.
  2. Der Platzanweiser wird dir zeigen, wo du und dein Neffe sitzen werdet.

Weitere Informationen zu mehrteiligen Subjekten mit unterschiedlichen Personen stehen auf dieser Seite in der LEO-Grammatik, damit Sie und ich, wenn nötig, alles nachschlagen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplexe Modalverbkonstruktionen: „Es müsste operiert worden sein“

Frage

Um was für eine Konstruktion handelt es sich hierbei: „Es müsste gestern operiert worden sein“? „Es müsste“ scheint mir Konjunktiv II zu sein. Aber der Rest? Ich freue mich, wenn Sie Licht in die Sache bringen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es handelt sich hier um eine Modalverbkonstruktion. Bei einer Modalverbkonstruktion wird ein Modalverb (dürfen, können, müssen, mögen, sollen, wollen) mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Hier wird müsste mit operiert worden sein verbunden:

müsste = Konjunktiv II Präteritum 3. Person Singular von „müssen“ (vgl. hier)
operiert worden sein = Infinitiv Perfekt Passiv von „operieren“  (vgl. hier)

Nach seiner Bedeutung wird der Konjunktiv II Präteritum auch Konjunktiv II Gegenwart genannt. Hier drückt müssen im Konjunktiv II zusammen mit einem Partizip Perfekt eine Vermutung in der Gegenwart über etwas Vergangenes aus:

Es müsste operiert worden sein.
= Es ist anzunehmen/wahrscheinlich, dass operiert worden ist.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik zu dieser Verwendung von müssen.

Das ist nicht dasselbe wie:

Es hätte operiert werden müssen.

Damit wird gesagt, dass in der Vergangenheit nicht operiert wurde, obwohl hätte operiert werden müssen. Es ist also keine Vermutung, sondern eine Aussage über etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, obwohl es hätte geschehen müssen (vgl. diesen älteren Blogartikel).

Noch komplexer ist diese Formulierung:

Es hätte operiert worden sein müssen.

Wenn die Formulierung überhaupt noch entzifferbar ist, bedeutet sie, dass zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit nicht operiert worden war, obwohl dies hätte geschehen sein müssen (verstehen Sie’s noch?). Es ist jedenfalls auch keine Vermutung.

Und wie sieht es mit einer Vermutung in der Vergangenheit aus? Sie lässt sich u. a mit dem Indikativ Präteritum von müssen ausdrücken:

Es musste operiert worden sein.
= Es war wahrscheinlich, dass operiert worden war.

Der langen Abschweifung kurzer Sinn: Das Problem bei komplexeren Modalverbkonstruktionen ist weniger, wie man sie korrekt benennt, als vielmehr, was genau mit ihnen gesagt wird oder gesagt werden soll. Häufig ist dann eine Umschreibung mit anderen Worten anzuraten, damit nicht diese Kritik laut wird: „Es hätte leichter verständlich formuliert werden können“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lifttestturm

Wie der Titel zeigt, gibt es Wörter, die man auf Anhieb kaum lesen kann. Einem solchen Wort bin ich auf der Autobahn zwischen Singen und Stuttgart begegnet. Zuerst bin ich eigentlich dem Ding begegnet, das mit dem Wort bezeichnet wird: Von der Autobahn aus sieht man ein Bauwerk, das groß aussieht, sehr groß sogar, so groß, dass ich zuerst an eine optische Täuschung dachte. Beim zweiten und dritten Hinsehen blieb der Turm aber so riesig, wie er auf den ersten Blick schon ausgesehen hatte. Ein Blick ins „allwissende“ Internet zeigte bald, dass es sich um einen 246 Meter hohen Turm handelt, einen Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge (Tipp für Fans von Weit- und Hinuntergucken: Der TK-Elevator-Testturm in Rottweil hat offenbar die höchste Besucherplattform Deutschlands).

Da ich aus einer deutschsprachigen Ecke komme, in der man eher den Lift als den Aufzug oder den Fahrstuhl nimmt, notierte ich mir diese Entdeckung als Lifttestturm. Schon beim Aufschreiben stolpert man irgendwie über die Buchstaben, und als ich die Notiz gestern wieder las, gelang es mir nicht, das Wort sofort zu erkennen. Wäre es nicht ein typischer Fall für einen Bindestrich? Lift-Testturm liest sich schon ein bisschen besser, aber auch beim Lesen von Testturm kommt das Auge gewissermaßen kurz ins Holpern. Da ich einem Zuviel an „verdeutlichenden“ Bindestrichen kritisch gegenüberstehe, kommt für mich Lift-Test-Turm nicht in Frage.

Ich will die Sache nun nicht komplizierter darstellen, als sie ist. Wenn man einmal weiß, dass der Turm dem Testen von Aufzügen dient, meistert man auch Lift-Testturm und Lifttestturm ohne größere Schwierigkeiten. Es geht mir hier auch nicht um ein besonderes orthografisches Problem oder einen wichtigen Rechtschreibhinweis. Mir hat einfach gefallen, dass es Wörter gibt, die beim Lesen ähnliche Schwierigkeiten bereiten wie Zungenbrecher beim Sprechen. Bekanntere Beispiele sind Baumentaster, Fahrspurende, Quietscheente, Rohrohrzucker, Urenkelchen. Dieser Reihe füge ich hiermit Lifttestturm hinzu.

Vom Hufeisen bis zum Kaminfeger: Wenn Begriffe etwas anderes bedeuten

Was haben das Hufeisen, der Fliegenpilz, das vierblättrige Kleeblatt, der Marienkäfer, das Schwein und der Schornsteinfeger gemein? Weshalb wundert sich wohl kaum jemand, dass ich hier etwas Unbelebtes, einen Pilz, eine besondere Erscheinungsform eines Schmetterlingsblütlers, ein Insekt, ein Haustier und eine Berufsbezeichnung zu einer Gruppe zusammenfasse? Es sind alles konkrete Begriffe, viel mehr Gemeinsames haben sie nicht, wenn man ihre wörtliche Bedeutung betrachtet.

Diese konkreten Begriffe verbindet, dass sie alle dieselbe übertragene Bedeutung haben: Sie stehen symbolisch für den abstrakten Begriff „Glück“. Es sind Glückssymbole, die vor allem zum Jahreswechsel immer wieder auftauchen. Sie sind meist schon alt, aber immer noch lebendig und einige haben es sogar schon zum Emoji geschafft.

Das Hufeisen, der Fliegenpilz, das vierblättrige Kleeblatt, der Marienkäfer, das Schwein und der Schornsteinfeger sind schöne Beispiele dafür, dass viele Wörter und Begriffe nicht einfach nur eine einzige Bedeutung haben und wie weit die neue Bedeutung von der ursprünglichen entfernt sein kann. Genau wie die ursprüngliche Bedeutung muss man auch die übertragene Verwendung lernen, denn sonst bleiben die Abbildungen eines Hufeisens, eines Schweinchens oder eines Kleeblattes auf einer Neujahrskarte unverständlich. So habe ich erst vor gar nicht so langer Zeit erfahren, was die Bedeutung der japanischen und chinesischen winkenden Katzen ist, die man auch bei uns immer häufiger sieht: Sie sollen Glück bringen (wenn sie mit der rechten Voderpfote winken). Davor waren diese winkenden Katzen für mich nur ein dekoratives Element, dem ich – aus Unkenntnis zu Unrecht – keine weitere Bedeutung zumaß.

Ob nun der Marienkäfer, das Schwein oder die winkende Katze das Glückssymbol Ihrer Wahl ist, aber auch wenn Sie Glückssymbolen gar nichts abgewinnen können: Ich wünsche allen alles Gute und viel Glück im neuen Jahr!

Onkel Jack im Genitiv: ein Brief ihres Onkel[s] Jack[s]?

Frage

Ich habe eine grammatikalische Frage zu folgendem Satz:

An einem jener Tage bescherte ihr ein Brief ihres Onkel Jacks[?] eine große Überraschung.

Ich weiß, dass bei Namen im Genitiv oft kein ’s‘ verwendet wird
. […] Kann ich davon ausgehen, dass es sich in diesem Fall ebenso verhält, also „ihres Onkel Jack“?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

Sie zweifeln zu Recht an der Formulierung ihres Onkel Jacks. Die richtige Formulierung lautet hier nämlich ihres Onkels Jack:

An einem jener Tage bescherte ihr ein Brief ihres Onkels Jack eine große Überraschung.

Es geht hier nicht um einen mehrteiligen Eigennamen, sondern um die Verbindung einer Verwandtschaftsbezeichnung (Onkel) und eines Namens (Jack). Dann ist es bei der Beugung entscheidend, ob bei der Verbindung ein Artikelwort steht.

Bei der Verbindung eines Titel, einer Berufsbezeichnung, einer Verwandtschaftsbezeichnung u. Ä. mit einem Namen wird der Name gebeugt, wenn die Verbindung OHNE Artikelwort steht:

am Hofe König Edwards
Bundeskanzlerin Angela Merkels Nachfolger
Bürgermeister Anton Hubers Chauffeur
Tante Marthas Testament / das Testament von Tante Marta
Onkel Jacks Brief / ein Brief von Onkel Jack

Steht die Verbindung MIT einem Artikelwort, wird ggf. der Titel usw. gebeugt und der Name bleibt ungebeugt:

am Hofe des Königs Edward
die Nachfolge der Bundeskanzlerin Angela Merkel
der Chauffeur unseres Bürgermeisters Anton Huber
das Testament meiner Tante Martha
der/ein Brief ihres Onkels Jack

Der endungslose Genitiv des König Edward, unseres Bürgemeister Anton Huber bzw. ihres Onkel Jack gilt hier (noch?) nicht als korrekt. Siehe auch hier.

Soweit Linguist Bopps Antwort bzw. die Antwort des Linguisten Bopp.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Auch hier gibt es – wie könnte es anders sein – ein paar Ausnahmen:

Die Anrede Herr wird immer gebeugt, also auch dann, wenn kein Artikel verwendet wird:

Der Chauffeur fährt Herrn Huber nach Hause.
ein Brief von Herrn Huber
Herrn Hubers Chauffeur

Umgekehrt bleibt ausgerechnet der Titel Doktor auch mit Artikel ungebeugt:

Doktor Bopps Antwort
die Antwort des Doktor Bopp

Allen ein frohes Fest im Kreis ihrer/Ihrer[?] Familie

Frage

Ich bin mir nicht sicher, ob im folgenden Satz das Wort „Ihrer“ groß- oder kleingeschrieben werden muss:

Ich wünsche allen ein frohes Fest im Kreise Ihrer/ihrer Familie.

Ich tendiere eher zur Großschreibung. Ganz klar ist es für mich, wenn der Satz lauten würde: „Ich wünsche Ihnen allen ein frohes Fest im Kreise Ihrer Familien.“ Dann würde ich zwei Mal Großschreibung nehmen. Aber welche Schreibweise ist beim ersten Satz richtig?

Antwort

Guten Tag Frau O.,

im ersten Satz sollten Sie die Kleinschreibung wählen, wie es die Grammatik „verlangt“. Der Possessivartikel ihrer bezieht sich auf das Pronomen alle, das keine Anredeform ist und somit keine Großschreibung von ihrer rechtfertigt:

Ich wünsche allen ein frohes Fest im Kreise ihrer Familie.
vgl.:
Ich wünschen allen [Mitarbeitenden] ein frohes Fest im Kreise ihrer Familie.

Ich verstehe aber, dass Sie die Großschreibung in Erwägung ziehen, wenn Sie alle im Sinne von Sie alle verwenden. Die Großschreibung richtet sich dann nicht nach der Grammatik, sondern nach der Bedeutung. Wenn Sie tatsächlich Sie alle meinen, können Sie allerdings die Anredeform Ihnen am besten auch nennen:

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes Fest im Kreise Ihrer Familie.

Dann stimmen – sozusagen – Grammatik, Bedeutung und Orthografie wieder überein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Auch ich wünsche allen ein frohes Fest allein, zu zweit oder in welchem angenehmen Kreis auch immer!

Die vielen Male, die oder dass?

Frage

Was ist korrekt: „die vielen Male, wo …“, „die vielen Male, dass …“ oder „die vielen Male, die …“ – oder sonst etwas? Ich bin ratlos und finde nirgends etwas, das mir weiterhilft.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

am besten wählen Sie hier dass:

Die vielen Male, dass ich das getan habe.

Ebenso wie:

Das erste/zweite/einzige/letzte/sovielte Mal, dass ich das getan habe.

Die Verwendung von wo gilt hier als umgangssprachlich und das Relativpronomen die bzw. im Singular das passt hier nicht.

Warum steht hier nicht das Relativpronomen das oder die, sondern die Konjunktion dass? Dafür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste lautet, dass man das Relativpronomen das immer durch welches und die durch welche ersetzen kann. Die zweite geht mehr auf die Funktion des Wörtchens ein:

Wenn man das Relativpronomen wählt, muss es im Relativsatz eine Funktion haben. Das ist zum Beispiel in seltenen Fällen wie diesen so:

Das ist das eine Mal, das mir noch in Erinnerung geblieben ist.
das = Subjekt; durch „welches“ ersetzbar

Das ist das einzige Mal, das ich hier erwähnen will.
das = Akkusativobjekt; durch „welches“ ersetzbar

Ebenso (die ist durch welche ersetzbar):

die vielen Male, die mir in Erinnerung geblieben sind
die wenigen Male, die ich hier erwähnen will

Die Sätze klingen zum Teil etwas ungewöhnlich.

In den meisten Fällen folgt aber auf Mal kein Relativsatz, sondern ein dass-Satz. Die Konjunktion dass hat keine andere Funktion, als den Nebensatz einzuleiten. Sie hat im Nebensatz selbst keine Funktion:

Das ist das einzige Mal, dass ich das getan habe.
dass = Konjunktion; nicht durch „welches“ ersetzbar
(nicht: Das ist das einzige Mal, *das ich das getan habe.)

die vielen Male, dass ich das getan habe
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die vielen Male, *die ich das getan habe)

die wenigen Male, dass sie ihre Eltern besucht haben
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die wenigen Male, *die sie ihre Eltern besucht haben)

Sie kommen nicht häufig vor, aber es gibt auch andere Konstruktionen, in denen ein dass-Satz von einem (nicht von einem Verb abgeleiteten) Substantiv abhängig ist:

Es ist (höchste) Zeit, dass ihr geht.
Das Problem, dass die beiden Wörter gleich klingen, macht das Schreiben nicht einfacher.

Im letzten Beispielsatz steht der Grund, weshalb das und dass manchmal zu Unsicherheiten und Zweifeln führen – und häufig auch einfach zu Flüchtigkeitsfehlern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommas bei „so gut es geht“?

Frage

Muss im folgenden Satz ein Komma gesetzt werden – oder gar zwei?

Ich mache mich so klein es geht und warte nur ab.

Oder liegt hier ein Fehler in der Formulierung selbst vor?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es liegt kein Fehler bei der Formulierung vor. Man kann höchstens sagen, dass sie eher zur Alltagssprache als zur formellen Standarsprache gehört. Im Weiteren kommt Ihr Satz ganz ohne Kommas aus:

Ich mache mich so klein es geht.
Ich mache mich so klein es geht und warte nur ab.

Ein Satz mit mehr als einer konjugierten Verbform (mache, geht) und trotzdem kein Komma, wie lässt sich das erklären?

In Formulierungen dieser Art leitet so in Verbindung mit einem Adjektiv im Prinzip einen Nebensatz (eine Art Modalsatz) ein, der nach der allgemeinen Regel durch Kommas abgetrennt wird:

Sie werden euch, so gut es geht, bei der Arbeit helfen.
Komm, so schnell es geht, wieder zurück!
Wir strecken nun den Arm, so weit es geht, nach oben.
Ich hacke die Karotten, so fein es geht.

Vielleicht fragen Sie sich beim Lesen der Beispielsätze, ob hier wirklich überall Kommas stehen müssen. Meine Antwort lautet nein. Man kann diese Formulierungen nämlich auch als formelhafte Adverbialbestimmungen interpretieren, die für so _, wie es geht stehen, und die Kommas weglassen. Es ist dann gerechtfertigt und übrigens auch üblich, bei so _ es geht wie bei den „gewöhnlichen“ Adverbialbestimmungen so _ wie möglich oder möglichst _ kein Komma zu setzen:

Sie werden euch so gut es geht bei der Arbeit helfen.
Komm so schnell es geht wieder zurück!
Wir strecken nun den Arm so weit es geht nach oben.
Ich hacke die Karotten so fein es geht.

Formulierungen der Art so _ es geht können also meisten mit und ohne Kommas geschrieben werden.

Und nun kommen wir endlich wieder zum Satz in Ihrer Frage: In Fällen, in denen die adverbiale Wendung so _ es geht nicht weggelassen werden kann, muss man sogar immer auf Kommas verzichten, weil sonst ein unverständlicher Satz entsteht. Das ist bei Ihrem Satz der Fall:

Ich mache mich so klein es geht und warte nur ab.
Sie hat das Wasser auf so kalt es geht eingestellt.
Bleiben Sie so gesund es geht!

Kommas sind umgekehrt dann obligatorisch, wenn man es geht zu einem Vergleichssatz mit wie erweitert:

Sie werden euch so gut, wie es geht, bei der Arbeit helfen.
Ich mache mich so klein, wie es geht, und warte nur ab.
Bleiben Sie so gesund, wie es geht.

Ich habe versucht, die Frage[,] so gut und so einfach es geht[,] zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp