Muttersprachige, Muttersprachler und Muttersprachlerinnen

Frage

Neulich habe ich bemerkt, dass Sie „Muttersprachige“ statt der längeren Formulierung „Muttersprachlerinnen und Muttersprachler“ verwenden. Das Wort „Muttersprachige“ hat mir so gefallen, dass ich es verwendet und dabei diese komische Reaktion geerntet habe: „Das Wort gibt es nicht!“ Ich habe vermutet, „Muttersprachige“ wäre eine Substantivierung des Adjektivs „muttersprachig“, kann das Adjektiv aber in keinem meiner Wörterbücher finden. Hinken die Wörterbücher ­– und einige Muttersprachler – bloß hinterher?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

dass es den Begriff muttersprachig nicht gebe, kann nur behaupten, wer meint, dass es Wörter nur dann gibt, wenn sie im Wörterbuch stehen. Das Wort wird verwendet (in der Schweiz vielleicht etwas häufiger als anderswo). Es passt gut in die Reihe von Wortbildungen wie:

deutschsprachig – die Deutsche Sprache sprechend
(ebenso: französischsprachig, englischsprachig usw.)
zweisprachig – zwei Sprachen sprechend
mehrsprachig – mehrere Sprachen sprechend
anderssprachig – eine andere Sprache sprechend
fremdsprachig – eine Fremdsprache sprechend

Es ist aber tatsächlich kein häufig vorkommendes Wort. Ich verwende es, um die umständliche Formulierung Muttersprachler und Muttesprachlerinnen zu umgehen. Das ist vor allem dann sehr praktisch, wenn es gegenüber Deutschlerndende oder Fremdsprachige steht. Das in Wörterbüchern aufgeführte muttersprachlich eignet sich weniger für diesen Zweck, weil die Adjektive auf -sprachlich in der Regel bedeuten: in einer gewissen Sprache geäußert, verfasst.

Die Verwendung von Muttersprachige im Sinne von Muttersprachler und Muttersprachlerinnen ist nicht sehr verbreitet. Ich verwende es aber trotzdem, weil es so schön praktisch und leicht verständlich ist. Und ich finde es auch nicht hässlicher als zum Beispiel Studierende und Steuerzahlende. Ob es sich einmal in den Wörterbüchern etablieren wird, weiß ich natürlich nicht.

Mit freundlichen Grüße

Dr. Bopp

Der Mut, die Anmut und die Demut

Frage

Laut Duden stammen „der Mut“, „die Anmut“ und „die Demut“ alle vom mittelhochdeutschen, althochdeutschen „muot“. Normalerweise würde ich denken, dass das Genus gleich sein muss, wie bei anderen komplexen Nomen üblich ist. Warum hier nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

im Prinzip haben präfigierte und zusammengesetzte Nomen das gleiche Geschlecht wie das (rechte) Basiswort.

der Eierlöffel wie der Löffel
die Astgabel wie die Gabel
das Hackmesser wie das Messer
der Unterteller wie der Teller

So ist das im Prinzip auch bei Wortbildungen, in denen Mut am Schluss steht:

der Edelmut, der Hochmut, der Lebensmut, der Löwenmut,  der Opfermut, der Heldenmut, der Todesmut, der Übermut, der Wagemut, der Wankelmut wie der Mut

Bei die Anmut und die Demut ist dem aber tatsächlich nicht so. Das lässt sich teilweise dadurch erklären, dass diese beiden Wörter keine direkten Ableitungen von Mut sind, auch wenn sie auf den ersten Blick so aussehen.

Demut ist eine weibliche Abstraktbildung zu einem alten Adjektiv, das die Bedeutung demütig hatte. Sehr vereinfachend ausgedrückt ging die Ableitung also so vor sich: Mut → demütig → Demut.

Die genaue Herkunft von Anmut ist ungeklärt. Es wird vermutet, dass es eine Rückbildung zu anmutig ist, das wiederum von anmuten kommt. Auch hier eine vereinfachende Darstellung der Ableitungsgeschichte: Mut → anmuten → anmutig → Anmut.

Wie man sieht, ist die Ableitungsgeschichte hier nicht ganz so gradlinig, wie man es der Form der Wörter nach vermuten würde. Damit lässt sich der Unterschied beim Wortgeschlecht teilweise erklären – jedenfalls besser als mit der manchmal nicht einmal humoristisch gemeinten hobbywortgeschichtlichen Feststellung, Mut sei eine männliche Eigenschaft und Anmut und Demut seien weibliche Tugenden. Was müsste man dann von der Unverstand  und die Intelligenz halten?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

—
Die entsprechenden etymologischen Angaben finden Sie unter anderem im DWDS, jeweils unter dem Abschnitt „Etymologie“:

Verlängern vs verkürzen

Frage

Wenn ich aus Adjektiven Verben machen will, sieht das doch oft so aus:

groß größer vergrößern
klein kleiner verkleinern
gut besser verbessern
lang länger verlängern
aber: kurz kürzer verkürzen!

Wo ist das R geblieben und warum ist es verschwunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

allzu konsequent sieht das tatsächlich nicht aus – und ich fürchte, dass ich Ihnen eine wirklich befriedigende Antwort schuldig bleiben muss.

Verschwunden ist hier nicht ein r, sondern das er, dass bei Adjektiven den Komparativ (die Höherstufe) angibt. Wenn ein Verb von einem Adjektiv abgeleitet wird, das eine bestimmte Eigenschaft ausdrückt, und wenn das Verb die Bedeutung hat, dass diese Eigenschaft intensiviert wird, ist häufig die Komparativform des Adjektivs die Basis:

anreichern = reicher machen
verbreitern= breiter machen

Ebenso zum Beispiel:

bereichern, verallgemeinern, verbessern, verfeinern, vergrößern, verkleinern, verlängern, verschlechtern, verschlimmern, verschmälern, verwildern, zerkleinern

Das ist aber nicht immer der Fall. Manchmal ist trotz der Verbbedeutung x-er machen nicht die Komparativform x-er die Basis, sondern einfach nur x. Das ist zum Beispiel bei den folgenden Verben der Fall:

eindicken = dicker machen
verjüngen = jünger machen

einengen, verbilligen, verdichten, verdünnen, verfrühen, verhässlichen, verjüngen, verlangsamen, vertiefen

Manchmal gibt es sogar beide Formen:

verengen – verengern
verschönen – verschönern

Warum manchmal die Komparativform und manchmal die einfache Form als Basis für solche Verben dient, lässt sich kaum erklären. In gewissen Fällen spielt die Form eine Rolle: Die Komparativform wird nicht gewählt, wenn ein Adjektiv auf unbetontes -er, -el, -ig, -lich endet (zum Beispiel verteuern, veredeln, verbilligen, vermenschlichen ). Sonst gibt es aber keine eindeutigen Kriterien. Richtig ist, was gebräuchlich ist.

Die Antwort auf die Frage, warum es gebräuchlich ist, kenne ich leider nicht. Insbesondere bei verlängern und verkürzen geben weder die Bedeutung noch die Form irgendeinen Hinweis auf die unterschiedliche Art der Verbbildung preis. Es tut mir leid, dass ich dieses Phänomen nicht weiter verdeutlichen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Meiner Meinung nach, ist dieses Komma nicht richtig

Frage

Ich verzweifle grade an folgenden Sätzen. Meine Schüler haben hier Kommas gesetzt und ich bin nun richtig verwirrt, ob das KANN-Komma-Situationen sind.

Einer aktuellen Studie nach (,) träumen viele Jugendliche von …
Im Gegensatz zu diesen Jugendlichen (,) hat sich ein anderer Teil der Heranwachsenden für …

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

durch eine Präposition eingeleitete und ähnliche Wortgruppen können durch Kommas als Einschub oder Nachtrag gekennzeichnet und hervorgehoben werden (siehe hier):

ohne Kommas:
Er kam wegen eines Staus viel zu spät an seinem Ziel an.
Sie hat dank einem Lottogewinn ein Haus am See gekauft.
Dieses Komma ist meiner Meinung nach nicht richtig.
Die Gesamtsumme beläuft sich auf ca. 100 € einschließlich Buchungskosten.

mit Kommas:
Er kam, wegen eines Staus, viel zu spät an seinem Ziel an.
Sie hat, dank einem Lottogewinn, ein Haus am See gekauft.
Dieses Komma ist, meiner Meinung nach, nicht richtig.
Die Gesamtsumme beläuft sich auf ca. 100 €, einschließlich Buchungskosten.

Die Kommas entsprechen Pausen in der gesprochenen Sprache.

Die Regel sagt, dass man solche Wortgruppen durch Kommas als Einschub oder Nachtrag kennzeichnen kann. Einschübe stehen im Satzinnern, Nachträge am Satzende. Steht die Wortgruppe am Satzanfang, ist sie weder ein Einschub noch ein Nachtrag und darf sie deshalb nicht durch ein Komma abgetrennt werden. Also nur ohne Komma:

Wegen eines Staus kam er viel zu spät an seinem Ziel an.
Dank einem Lottogewinn hat sie ein Haus am See gekauft.
Meiner Meinung nach ist dieses Komma nicht richtig.
Inklusive Buchungskosten beläuft sich die Gesamtsumme auf ca. 100 Euro.

Für Ihre beiden Sätze bedeutet dies, dass sie ohne Komma stehen müssen:

Einer aktuellen Studie nach träumen viele Jugendliche von …
Im Gegensatz zu diesen Jugendlichen hat sich ein anderer Teil der Heranwachsenden für …

Nur im Satzinneren kann man, falls gewünscht, Kommas setzen:

Viele Jugendliche träumen[,] einer aktuellen Studie nach[,| von …
Ein anderer Teil der Heranwachsenden hat sich[,| im Gegensatz zu diesen Jugendlichen[,] für …

Im Gegensatz zu beispielsweise dem Englischen und Französischen trennt das Deutsche also solche Wortgruppen am Satzanfang nicht durch ein Komma ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplett herstellen und komplettes Herstellen

Frage

Bei uns im Geschäft ist die Frage aufgetaucht, wie man einen Bestelltext bezüglich Groß- und Kleinschreibung richtig formuliert. Es geht darum, ob weitere Bearbeitungen an einem Werkstück, wie zum Beispiel „verzinken“, „versilbern“ und so weiter, groß- oder kleingeschrieben werden.

Komplett herstellen nach Zeichnung, versilbern und montieren nach Zeichnung.
Komplett herstellen nach Zeichnung, Versilbern und Montieren nach Zeichnung.

Momentan sind 5 Personen für die klein geschriebene Version und 2 für die groß geschriebene. Vielleicht können Sie uns helfen, diese Frage endlich zu klären.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

bei den folgenden Formulierungen ist beides möglich. Man kann die Formen sowohl als Verbformen (klein) als auch als Substantivierungen (groß) interpretieren:

herstellen, versilbern und montieren nach Zeichnung
Herstellen, Versilbern und Montieren nach Zeichnung

Geht probieren wirklich über studieren?
Geht Probieren wirklich über Studieren?

Siehe hier.

In Ihrem Beispiel steht aber das Adverb (eigentl. das adverbial verwendete ungebeugte Adjektiv) komplett vor herstellen. Deshalb muss herstellen eine Verbform sein. Vor der Substantivierung müsste nämlich ein gebeugtes Adjektiv stehen. Vgl.

komplett herstellen
das Produkt komplett herstellen

komplettes Herstellen
komplettes Herstellen des Produktes

Auch beim folgenden Beispiel kann man am begleitenden Adverb/Adjektiv sehen, ob es sich um eine kleinzuschreibende Verbform oder eine großzuschreibende Substantivierung handelt:

Geht einfach probieren wirklich über lange studieren?
Geht einfaches Probieren wirklich über langes Studieren?

Sorgfältig arbeiten ist wichtig.
Sorgfältiges Arbeiten ist wichtig.

Das Wort herstellen muss also in Ihrem Text kleingeschrieben werden, weil es durch das adverbial verwendete komplett begleitet wird. Wie sieht es nun endlich mit den anderen Verben aus, um die es Ihnen eigentlich geht? Vor montieren und versilbern steht kein Adverb oder Adjektiv, da sie aber in einer Aufzählung mit der Verbform herstellen stehen, sollten sie ebenfalls als Verbformen kleingeschrieben werden:

Komplett herstellen nach Zeichnung, versilbern und montieren nach Zeichnung.

Oft ist lang erklären / Langes Erklären weniger wirksam als kurz erläutern / kurzes Erläutern. Ich hoffe, dass diese Erklärung trotzdem nicht allzu wortreich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von deinem/deinen 50 % Rabatt profitieren

Frage

Ich bin gerade auf folgende Unsicherheit […] gestoßen: Wenn eine Mengenangabe im Plural kombiniert mit einem Substantiv im Singular steht und ein Adjektiv hinzukommt, folgt dessen Deklination dann der Mengenangabe (Plural) oder dem Substantiv (Singular)? Oder geht beides?

Beispiel: „Profitiere von deinen 50 % Rabatt“ oder „von deinem 50 % Rabatt“.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

in diesem Fall sind beide Formulierungen möglich. Sie werden aber nicht ganz gleich geschrieben:

a) Profitiere von deinen 50 % Rabatt!
b) Profitiere von deinem 50 %-Rabatt!

Oder mit Prozent statt %:

a) Profitiere von deinen 50 Prozent Rabatt!
b) Profitiere von deinem 50-Prozent-Rabatt!

Sie sind wahrscheinlich eher an der Formulierung a) interessiert. Bei einer Mengenangabe im Plural und einem Substantiv im Singular richtet man sich in der Regel nach der Mengenangabe:

Diese 100 Gramm Mehl in die Masse einrühren.
Die Kapseln enthalten die letzten 2 ml Impfstoff.
Wie werde ich meine zwei Kilo Weihnachtsspeck wieder los?
Profitiere von deinen 50 % Rabatt!

Ganz unabhängig davon, wie man es formuliert und schreibt, sind 50 % Rabatt resp. ist ein 50 %-Rabatt ein Preisnachlass, von dem man tatsächlich profitieren sollte (falls man das so Angepriesene auch wirklich will und braucht).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was nach »eine Vielzahl« alles stehen kann

Frage

Soeben bin ich bei einer Formulierung mit dem Wort „Vielzahl“ hängen geblieben, da es hier scheinbar eine Vielzahl an (oder von?) Möglichkeiten gibt, den Satz zu bilden. Damit sind wir auch schon beim Thema. Es geht nämlich um folgenden Ausdruck:

eine Vielzahl interessanter Nachmieter

Nun frage ich mich, ob es nicht auch heißen kann oder muss:

eine Vielzahl an interessanten Nachmietern

oder sogar:

eine Vielzahl von interessanten Nachmietern

Vielleicht können Sie ein wenig Licht ins Dunkel bringen und die Vielzahl an Formulierungen auf eine Einzahl reduzieren.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Vielzahl ist eine ungenaue Mengenangabe, bei der verschiedene Formulierungen möglich sind. Standardsprachlich üblich ist nach Vielzahl bei allein stehenden Substantiven eine Formulierung mit von:

eine Vielzahl von Möglichkeiten
eine Vielzahl von Nachmietern

Mit einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv steht nach Vielzahl standardsprachlich in der Regel der Genitiv:

ein Vielzahl verschiedener Möglichkeiten
eine Vielzahl interessanter Nachmieter

Mit Adjektiven seltener auch von:

ein Vielzahl von verschiedenen Möglichkeiten
eine Vielzahl von interessanten Nachmietern

Das ist aber immer noch nicht alles: Selten kommt auch der direkte Anschluss als Apposition vor, wie dies auch bei zum Beispiel eine [große] Menge üblich ist:

eine Vielzahl Möglichkeiten
eine Vielzahl interessante Nachmieter

Zusammenfassend gibt es also nicht weniger als drei mehr oder weniger übliche Formulierungen für die Wendung in Ihrer Frage:

eine Vielzahl interessanter Nachmieter
eine Vielzahl von interessanten Nachmietern
eine Vielzahl interessante Nachmieter

Nur die Formulierung mit an (eine Vielzahl an [interessanten] Nachmietern) ist nicht üblich.

Mehr zu dieser erstaunlichen Variantenvielfalt finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommalos: Ich wünsche alles Gute und dass …

Wir beginnen das neue Jahr mit Ihrem „Lieblingsthema“, nämlich einer Kommafrage:

Frage

Würde man in folgendem Satz ein Komma vor „und dass“ einfügen müssen im Sinne eines Nebensatzes (freuen uns, dass …)?

Wir freuen uns über Ihr Interesse und dass wir Ihnen behilflich sein können.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wie meistens bei und steht auch vor dem und in Ihrem Satz kein Komma:

Wir freuen uns über Ihr Interesse und dass wir Ihnen behilflich sein können.

Wenn eine Wortgruppe (hier: über Ihr Interesse) und ein Nebensatz (hier: dass wir…) durch und verbunden werden, setzt man kein Komma vor und.

Ich kaufe die Geschenke für die Kinder und was wir für die Reise benötigen.
Was wir für die Reise benötigen und die Geschenke für die Kinder habe ich gestern schon gekauft.

Obwohl noch vier Konzerte geplant waren und trotz des großen Erfolges brach die Sängerin ihre Tournee ab.

Das gilt übrigens auch bei oder:

Wenn es neblig ist oder bei Sturmwind fährt die Bahn nicht.
Die Bahn fährt nicht bei Sturmwind oder wenn es neblig ist.

Vor und und oder steht also kein Komma, wenn sie eine Wortgruppe und einen Nebensatz miteinander verbinden (Regel siehe hier). Damit ist aber noch nicht ganz alles gesagt. Wie steht es nämlich mit der Abgrenzung zwischen dem Nebensatz und dem übergeordneten Satz?

In allen Beispielen, die oben angeführt werden, steht die Wortgruppe zwischen dem übergeordneten Satz und dem Nebensatz. Dann setzt man auch kein Komma zwischen den übergeordneten Satz und die Wortgruppe. Ein solches Satzgefüge kommt also ausnahmsweise ohne Kommas aus, obwohl es einen Nebensatz enthält (vgl. Beispiele oben). Selbst bei der Abgrenzung von Nebensätzen geht es also nicht ganz ohne Ausnahmen!

Wenn nun aber der Nebensatz und der übergeordnete Satz direkt nebeneinanderstehen, muss zwischen sie ein Komma gesetzt werden (jedoch immer noch kein Komma vor und resp. oder):

Ich kaufe, was wir für die Reise benötigen und die Geschenke für die Kinder.
Die Geschenke für die Kinder und was wir für die Reise benötigen, habe ich gestern schon gekauft.

Trotz des großen Erfolges und obwohl noch vier Konzerte geplant waren, brach die Sängerin ihre Tournee ab.

Bei Sturmwind oder wenn es neblig ist, fährt die Bahn nicht.
Die Bahn fährt nicht, wenn es neblig ist oder bei Sturmwind.

Und wenn Ihnen das Ganze etwas zu kompliziert oder „kommamäßig“ irgendwie unbefriedigend vorkommt, vermeiden Sie am besten solche Konstruktionen.

Ich wünschen alles Gute für das neue Jahr und dass 2017 viel Schönes bringen möge!

Dr. Bopp