Finessen der Wortstellung: es dir empfehlen vs dir das empfehlen

Frau T.s Frage steht stellvertretend für die Schwierigkeiten, denen Lehrerinnen und Lehrer im DaF-Unterricht im Bereich der Wortstellung begegnen (DaF = Deutsch als Fremdsprache). Sie zeigt auch, wie wichtig in diesem Bereich gute, auf das Lernniveau abgestimmte Unterrichtsmittel sind, denn alles auf einmal „richtig“ und verständlich erklären kann niemand. Dafür ist die relativ freie, aber eben nicht ganz freie deutsche Wortstellung viel zu komplex.

Es folgt also keine umfassende Betrachtung eines bestimmten Phänomens, sondern nur zwei Beispiele, die aufzeigen, dass man bei der Bestimmung der deutschen Wortstellung manchmal auf ganz verschiedene Dinge achten muss. Wer es genauer wissen möchte, folgt den Links in die Grammatik.

Frage

Ich habe ein Problem, meinen DaF-Schülern den Satzbau korrekt zu erklären, denn jedes Mal wenn ich nach einem angeblich immer korrekten Schema arbeite, kann ich es gleich mit einem meiner Meinung nach richtigem Beispiel widerlegen.

Korrekt laut Lehrbuch:

Ich kann dir das empfehlen.
Subjekt + Modalverb + Dativ + bekanntes Objekt + Verb

Meiner Meinung nach ebenso korrekt, aber nicht dem Schema entsprechend ist diese Formulierung:

Ich kann es dir empfehlen.
Subjekt + Modalverb + bekanntes Objekt + Dativ + Verb

Auch laut Lehrbuch korrekt:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
Subjekt + Verb + Dativ + Objekt + Adverbialbestimmung

Aber dann:

Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.
Subjekt + Verb + Dativ+ Adverbialbestimmung + Objekt

Ich wäre dankbar zu wissen, auf welchen Regeln dies beruht, um meine Schüler nicht zu verunsichern. Deutsch zu lernen, ist schon schwer genug.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

die Wortstellung des Deutschen ist deshalb so schwierig zu vermitteln, weil es nur wenige wirklich feste Regeln gibt. Es gibt vor allem mehr oder weniger starke Tendenzen. Deshalb finden Sie zu beinahe jeder „festen“ Regel meist mühelos Gegenbeispiele. Die Regeln und Tendenzen sind auch viel komplexer, als sie in Lehrmitteln dargestellt werden können.

Eine Übersicht über die wichtigsten Tendenzen finden Sie hier.

Beim ersten Beispiel, das Sie anführen, spielt für die Wortfolge nicht nur die Art der Satzglieder eine Rolle, sonder vor allem die Tatsache, dass es sich um Pronomen handelt. Die Personalpronomen, das Reflexivpronomen sich und das Indefinitpronomen man stehen nämlich in der Regel vor Nomen und anderen Pronomen:

Ich kann dir das Buch empfehlen.
Ich kann dir das empfehlen.

Das Personalpronomen dir steht vor das. (Vgl. hier.)

Wenn wie in Ihrem „Gegenbeispiel“ zwei Personalpronomen vorhanden sind, kommt der Akkusativ vor dem Dativ:

Ich kann es dir empfehlen.

Das Personalpronomen im Akkusativ es steht vor dem Personalpronomen im Dativ dir. (Siehe hier unter „Pronomen: Akkusativobjekt vor Dativobjekt“.)

Bei Ihrem zweiten Beispiel spielt die Art der Adverbialbestimmung eine Rolle:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
oder
Ich schenke meinem Vater zum Geburtstag ein Handy.
aber nur
Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.

Die Schwierigkeit ist hier, dass zum Geburtstag als sogenannte gebundene Adverbialbestimmung angesehen werden kann, aber auch als freie Adverbialbestimmung. Als gebundene, das heißt fest zu schenken gehörende Adverbialbestimmung steht zum Geburtstag am Schluss. Als freie Adverbialbestimmung steht es wie die freie Adverbialbestimmung morgen vor dem unbestimmten Objekt ein Handy. (Siehe hier.)

Die Art des Satzgliedes, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, die Wortart (Personalpronomen oder Nomen resp. anderes Pronomen) und die Art der Bindung der Adverbialbestimmung (frei oder gebunden), all diese Aspekte spielen bei der Wortstellung in Ihren eigentlich ganz einfachen Beispielsätzen eine Rolle! Versuchen Sie also nicht, den Schülern eiserne, immer gültige Regeln zu vermitteln, denn es gibt sie kaum. Es ist vielleicht besser, ihnen „nur“ mit Hilfe des Lehrwerks die wichtigsten Tendenzen aufzuzeigen. Wie die Beispiele zeigen, ist eine umfassende Darstellung des Problems für den DaF-Unterricht meist viel zu komplex.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unter anderem geht immer, unter anderen nicht

Frage

Eine Anregung und Bitte hätte ich zudem noch: Wäre es möglich, einen kleinen Artikel zum Gebrauch der Wortgruppe „unter anderem“ zu erstellen? Das ist […] auch so ein Thema, an dem sich immer wieder die Geister scheiden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es gibt tatsächlich immer wieder Diskussionen darüber, ob es nun unter anderem oder unter anderen heißen muss. Diese Diskussionen sind manchmal überflüssig, weil häufig beides möglich ist. Aber natürlich nicht immer.

Die Verwendung von unter anderem ist eigentlich ganz einfach. Es ist eine feste adverbiale Wendung wie zum Beispiel von neuem, ohne weiteres, trotz allem und außerdem. Sie kann überall dort stehen, wo man auch das in der Bedeutung sehr ähnliche zum Beispiel verwenden kann.

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. Die Unterscheidung von Konkreta und Abstrakta spielt unter anderem in der Syntax eine Rolle.
  3. Auf diese Weise soll unter anderem die Abwanderung deutscher Studierender an ausländische Hochschulen verhindert werden.
  4. Er hat mich unter anderem beschimpft und einen Lügner genannt.
  5. Das Thema wird unter anderem von Frau Dr. Mayer behandelt.
  6. An der Veranstaltung sprach unter anderem Frau Dr. Mayer.
  7. Zu den Besuchern gehörte unter anderem auch sein Bruder.

In all diesen Fällen kann unter anderem problemlos durch zum Beispiel ersetzt werden. In all diesen Fällen ist die unpersönliche adverbiale Wendung unter anderem als korrekt anzusehen. (Siehe aber unten die stilistische Anmerkung.)

Bei der Verwendung von unter anderen gibt es mehr Einschränkungen, denn anderen in unter anderen ist nicht unpersönlich, sondern es steht stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv. Anders gesagt: Die Formulierung unter anderen ist nur dann möglich, wenn man nach anderen ein Substantiv ergänzen kann und dieses Substantiv eine Gruppe von gleichartigen Dingen oder Leuten bezeichnet, zu denen das Genannte/ die genannte Person auch gehört.

Bei den oben stehenden Sätzen ist das in den folgenden Fällen möglich:

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
    Vgl.: Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen [Artikeln] Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
    Vgl.: An der Veranstaltung sprach unter anderen [Sprecherinnen] Frau Dr. Mayer.
  3. Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.
    Vgl.: Zu den Besuchern gehörte unter anderen [Besuchern] auch sein Bruder.

Bei den anderen Beispielsätzen, insbesondere 2. bis 4., kann kein solches Substantiv ergänzt werden und ist unter anderen deshalb ausgeschlossen.

Ein Zweifelsfall ist auf den ersten Blick der fünfte Satz:

  1. Das Thema wird unter anderem/anderen von Frau Dr. Mayer behandelt.

Wenn gesagt werden soll, dass neben anderen Personen auch Frau Dr. Mayer das Thema behandelt, ist hier nur unter anderem möglich. Man kann nämlich nicht in dieser Weise ergänzen:

  • *Das Thema wird unter anderen [Sprecherinnen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Möglich ist diese Formulierung:

  • Das Thema wird von, unter anderen [Sprecherinnen], Frau Dr. Mayer behandelt.

Oder eventuell auch diese, aber mit anderer Bedeutung:

  • Dieses Thema wird unter anderen [Themen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter anderem immer dann geht, wenn auch zum Beispiel stehen kann. Im Gegensatz dazu kann unter anderen nur dann verwendet werden, wenn es stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv im Plural steht.

Dann noch eine letzte Bemerkung: Wenn grammatisch beides geht, genießt stilistisch gesehen bei Dingen oft unter anderem und bei Personen meist unter anderen den Vorzug:

  • Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  • An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
  • Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deine Opa und Oma – ganz ohne Wiederholung geht es nicht.

Frage

Wie heißt es: „dein XY und dein AZ“ oder „deine XY und AZ“? Beide sind männlich.

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

Sie sollten hier „dein“ wiederholen:

dein Sebastian und dein Tom

Wenn man bei zwei Nomen ein gemeinsames Artikelwort weglässt, fasst man die beiden Nomen zu einer Einheit zusammen. Bei Personen läuft das in der Regel darauf hinaus, dass man beim Weglassen eines gemeinsamen Artikelwortes mit beiden Nomen ein und dieselbe Person bezeichnet. Ein Beispiel:

dein Freund und dein Nachbar (oft zwei Personen)
dein Freund und Nachbar (eine Person)

der italienische Unternehmer und der italienische Politiker (oft zwei Personen)
der italienische Unternehmer und Politiker (eine Person)

Die folgenden Formulierungen sind deshalb nicht möglich, wenn es sich um zwei Personen handelt (und bei einer Person äußerst befremdlich)

*dein Sebastian und Tom
*lieber Sebastian und Tom

Man kann auch nicht zwei in der Einzahl stehende Nomen mit einem Artikelwort in der Mehrzahl verwenden, das sich auf beide Nomen beziehen soll:

nicht: *Deine Freund und Lehrer haben dir gratuliert.
sondern: Dein Freund und dein Lehrer haben dir gratuliert.

Entsprechend heißt es besser nicht:

*deine Sebastian und Tom
*liebe Sebastian und Tom

sondern eben:

dein Sebastian und dein Tom
lieber Sebastian, lieber Tom

Zusammenfassen ließen sich die beiden Namen zum Beispiel so:

deine Freunde/Kollegen/Nachbarn Sebastian und Tom

Wenn XY und AZ weiblich sind, funktioniert es genau gleich:

deine Freundin und Nachbarin (eine Person)
deine Freundin und deine Nachbarin (oft zwei Personen)

nicht: *Deine Freundin und Lehrerin haben dir gratuliert.
sondern: deine Freundin und deine Lehrerin haben dir gratuliert.

nicht: *deine Sandra und Jasmin /  *liebe Sandra und Jasmin
sondern: deine Sandra und deine Jasmin / liebe Sandra, liebe Jasmin

Und auch bei gemischtgeschlechtlichen Grüßen sollte man nicht zusammenfassen:

nicht: *deine Oma und Opa
sondern: deine Oma und dein Opa

Manchmal geht es eben nicht ohne Wiederholung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Sprachler und Artikelschreiber Dr. Bopp

Eine Pluralfrage: der Fundus – die ?

Frage

Das Wort „Fundus“ scheint in Bezug auf Pluralbildung ein sehr merkwürdiges zu sein.

Sie geben den Plural im Einklang mit dem Duden mit „Fundus“ (also unverändert) an. Dies erinnert an Wörter wie „Status“, die der lateinischen u-Deklination entstammen und im Plural mit langem u ausgesprochen werden. Ich finde für den Plural des lateinischen Wortes „fundus“ jedoch die Angabe „fundi“. Hierzu passt, dass auch der Duden (anders als bei „Status“) keine lange Aussprache des u angibt.

Gibt es eine Erklärung für den merkwürdigen Plural, der offenbar nicht auf die Ursprungssprache zurückzuführen ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß nicht, wie sich der unveränderliche Plural die Fundus ergeben hat. Die Pluralbildung bei Fremdwörtern in Fachsprachen ist manchmal unergründlich – zumindest für mich.

Der Nominativ Plural des lateinischen fundus (Grund, Boden) lautet tatsächlich fundi. Wie Sie richtig bemerken, gehört Fundus also nicht zu den Wörtern wie der Status und der Kasus, die im Deutschen wie im Lateinischen den (Nominativ) Plural in der Schrift gleich und in der Aussprache mit langem u bilden: die Status, die Kasus.

Wie gehen wir im Deutschen mit anderen Wörtern um, die aus der gleichen lateinischen Deklinationsklasse stammen? Bei fundus–fundi könnte man in Analogie mit anderen Wörtern die folgenden Pluralformen erwarten:

  • die Fundi
    wie zum Beispiel: Bonus–Boni, Modus–Modi, Terminus–Termini

Der Plural Fundi kommt tatsächlich neben die Fundus in der Medizin vor, wo Fundus die Bedeutung Hintergrund, Boden eines Organs hat. In anderen Bereichen lassen die Wörterbücher aber diesen Plural nicht zu (Theater usw.: Bestand an zurzeit nicht gebrauchten Requisiten, Dekorationen, Kostümen; bildungssprachlich: Grundbestand, Grundstock).

  • *die Funden
    wie zum Beispiel: Ritus–Riten, Zyklus–Zyklen, Globus–Globen
  • *die Fundusse
    wie zum Beispiel: Bonus–Bonusse, Globus–Globusse, Zirkus–Zirkusse)

Funden kommt nicht vor und Fundusse gilt nicht als korrekt. Herausgekommen ist nach den Wörterbüchern dieser unveränderliche Plural:

  • die Fundus
    wie zum Beispiel: Akanthus–Akanthus, Lotus–Lotus, Abakus–Abakus*

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es keine eindeutige Regel gibt, wie der Plural von Fremdwörtern im Deutschen gebildet wird. Die Wortformen in der Ursprungssprache, der Grad der Eindeutschung und Analogien (auch falsche) mit ähnlichen Wörtern können hier eine Rolle spielen. Die genaue Antwort auf die Frage, wie und in welcher Fachsprache der unveränderliche Plural für Fundus sich herausgebildet hat, konnte ich im Fundus meiner Kenntnisse leider nicht aufstöbern. Vielleicht weiß jemand anders mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*umstritten neben Abakusse und Abaki

Die zweisilbige Oma

Frage

Wörter mit nur 3 Buchstaben (Deo, Ode, Oma) sollte man wohl nicht trennen (richtig?), aber abgesehen von Rechtschreibung und Worttrennung: Bestehen sie nun eigentlich aus einer oder zwei Silben?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

die allgemeine Regel lautet, dass man Wörter nach Sprechsilben trennt. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahmen: Einzelne Vokalbuchstaben werden am Wortanfang und Wortende nicht abgetrennt. Daraus lässt sich ableiten, dass ein einzelner Vokalbuchstabe für eine Sprechsilbe stehen kann, denn sonst wäre die Ausnahmeregel ja gar nicht nötig.

Die drei Beispielwörter dürfen nicht getrennt werden. Sie haben aber alle zwei Silben, wie Sie bei langsamer und deutlicher Aussprache bestimmt gut erkennen können:

De – o
O – de
O – ma

Das Gesagte gilt übrigens nicht nur für Wörter mit drei Buchstaben. Ebenfalls zweisilbig, aber am Zeilenende untrennbar sind zum Beispiel:

Tri – o
neu – e
schau – e
E – feu
I – dee

Die Worttrennung basiert zwar auf der Silbenstruktur, sie gibt diese aber nicht immer eins zu eins wieder. Ein Beispiel sind Oma und Opa, die trotz Zweisilbigkeit nicht getrennt werden dürfen. Ein anderes Beispiel ist das ck: Ein Wort wie lecker besteht aus zwei Sprechsilben /lek-ker/. Die erste Silbe endet also mit einem /k/, in der Schrift nimmt man aber heute das ganze ck auf die neue Zeile: le-cker.

Dieses nicht allzu konsequente Vorgehen ist darauf zurückzuführen, dass die Worttrennung nicht in erster Linie dazu dient, die Silbenstruktur wiederzugeben, sondern einigermaßen sinnvolle und begreifliche* Trennstellen am Zeilenende festzulegen. Das ist, wie man sieht, nicht immer ganz dasselbe.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Darüber, was in der Rechtschreibung (und anderswo) sinnvoll und begreiflich ist, lässt sich natürlich öfter endlos streiten.

Die beschuldigte Gruber oder die Beschuldigte Gruber

Vor einigen Tagen war im Blog von/vom Schwager Albert die Rede. Dabei ging es um Wortgruppenkerne und Attribute (nähere Bestimmungen), die manchmal ganz einfach die Stellung wechseln können. Eine scheinbar ganz andere, aber letztlich sehr ähnliche Frage hat Frau S. gestellt. Es geht um die Groß- und Kleinschreibung, wenn Frau Gruber beschuldigt wird.

Frage

Hallo, bitte um Bewertung des nachfolgenden Satzes:

  1. Die beschuldigte Gruber gab die Tat zu.
  2. Der Beschuldigte Gruber gab die Tat zu.

Soweit ich weiß, sind beide Schreibweisen richtig. Was ist jedoch der Unterschied?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

beide Schreibweisen sind tatsächlich richtig. Es geht hier um die Unterscheidung zwischen dem Kern der Wortgruppe und der näheren Bestimmung. Bei der ersten Formulierung wird ein Substantiv, der Name Gruber, durch das Adjektiv beschuldigte näher bestimmt. Bei der zweiten Formulierung wird das substantivische Adjektiv Beschuldigte durch die Apposition Gruber näher bestimmt.

Als Attribut ist beschuldigte ein kleingeschriebenes Adjektiv, als Wortgruppenkern ist Beschuldigte ein großgeschriebenes Substantiv:

die beschuldigte Gruber = die Gruber, die beschuldigt wird (welche Gruber?)
die Beschuldigte Gruber = der Beschuldigte namens Gruber (welche Beschuldigte?)

Glücklicherweise finden wir in solchen Fällen die richtige Schreibweise meistens mehr oder weniger automatisch, ohne dass wir längere grammatische Überlegungen zu Wortgruppenkernen und Attributen anstellen müssen!

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

WhatsApp-Nachricht und Whatsapp-Nachricht

Frage

Schreibweise von

Whatsapp-Nachricht oder
WhatsApp-Nachricht?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

bei Namen und Bezeichnungen dieser Art steht man immer vor der Wahl, den mehr oder weniger fantasievollen grafischen Einfällen der Werbe- und Marketingleute zu folgen oder sich mehr an die Vorgaben der Rechtschreibregelung zu halten. Beides ist je nach Art der Bezeichnung, Kontext, Auftraggebenden, Leserschaft usw. usw. vertretbar. In diesem Fall heißt das:

  • Wenn Sie das Originalschriftbild beibehalten wollen oder müssen, schreiben Sie:

eine WhatsApp-Nachricht

  • Wenn Sie sich genau nach der Rechtschreibregelung richten wollen oder müssen – sie sieht die Großschreibung im Wortinnern nicht vor –, können Sie den Namen sozusagen orthografisch eindeutschen:

 eine Whatsapp-Nachricht

Man muss sich in der Regel nämlich nicht an die Logos und Schreibweisen halten, die Firmen, Institutionen usw. verwenden. Es ist also nicht notwendig, die adidas-Reklame und der Artikel über die Gewerkschaft ver.di  in DER SPIEGEL zu schreiben. Man darf ungestraft Adidas-Reklame, Gewerkschaft Verdi und im Spiegel aus der Tastatur fließen lassen.

Wie eingangs erwähnt ist nicht das eine immer zu empfehlen und das andere immer zu lassen. Ich bin im Allgemeinen für die regelkonformere Schreibung ohne kleine Anfangsbuchstaben bei Eigen- und Produktnamen und ohne Großbuchstaben im Wortinnern. Aber nicht immer. Bei zum Beispiel iPhone und iPad kann man das regelkonforme I-Phone und I-Pad benutzen, diese Schreibweise macht sich aber zum Beispiel in einem Livestyle-Artikel und im Smartphone-Shop nicht so gut.

Und wenn Sie sich kommerziell mit solchen Namen und Logos beschäftigen, sollten Sie sowieso die geltenden Bestimmungen zur Verwendung geschützter Markennamen beachten.

Im Allgemeinen halte ich die regelkonforme Schreibung für empfehlenswert. Sie stört das Schriftbild und den Lesefluss in der Regel viel weniger. Deshalb arbeite ich für Canoo und beantworte ich Fragen zum Inhalt von Canoonet, auch wenn die Logos eigentlich ein kleines c vorschreiben würden (siehe oben links).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von oder vom Schwager Albert

Frage

Heißt es „von“ oder doch „vom“?

Von/Vom Schwager Albert borgten wir ein hochwertiges Fernglas aus Armeebeständen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beides ist möglich. Wenn Sie von Schwager Albert schreiben, ist die Verwandtschaftsbezeichnung Schwager Teil des Namens. Wenn Sie vom Schwager Albert sagen, ist Schwager nicht Teil des Namens, sondern der Name ist eine genauere Angabe, um welchen Schwager es sich handelt.

Etwas „grammatischer“ gesagt: In der Formulierung ohne Artikel ist der Personenname der Kern der Wortgruppe und die Verwandtschaftsbezeichnung eine Apposition. Eine Apposition ist ein nähere Bestimmung (ein Attribut) in der Form eines Substantivs oder einer Substantivgruppe. In der Formulierung mit Artikel (vom = von dem) ist umgekehrt die Verwandtschaftsbezeichnung der Kern der Wortgruppe und der Personenname ist eine Apposition. Weglassbar ist (standardsprachlich) jeweils die Apposition:

Anwesend war auch [Schwager] Albert.
Anwesend war auch mein Schwager [Albert].
Es geht auch ohne [Schwager] Albert.
Es geht auch ohne den Schwager [Albert].
Wir haben das Fernglas von [Schwager] Albert geborgt.
Wir haben das Fernglas vom Schwager [Albert] geborgt.

Am deutlichsten wird der Unterschied im Genitiv:

[Schwager] Alberts Fernglas
das Fernglas des Schwagers [Albert]

Das Ganze funktioniert übrigens auch mit Titeln, Berufsbezeichnungen usw.

Anwesend war auch [Trainer] Uli Forte.
Anwesend war auch der Trainer [Uli Forte].
Sie spielen ohne [Stürmerin] Maya Groß.
Sie spielen ohne die Stürmerin [Maya Groß].
Sie sprachen mit [Anwalt] K.
Sie sprachen mit dem Anwalt [K.].
nach Aussage der Bundeskanzlerin [Merkel]
nach [Bundeskanzlerin] Merkels Aussage

Vgl. auch hier und hier.

So einfach können manchmal der Kern der Wortgruppe und die nähere Bestimmung die Stellung wechseln. Je nach Kontext wählen Sie die eine oder die andere Formulierung. Möglich sind wie in Ihrem Beispiel oft beide. Sie können Ihre Fragen also gerne an Linguist Stephan Bopp oder an den Linguisten Stephan Bopp richten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Werde haben geliebt werden wollen

Manche Fragen können nur von besonders eifrigen Deutschlernenden oder eventuell von sehr an Regeln und Tabellen interessierten Muttersprachigen gestellt werden. Mir wäre sie jedenfalls spontan nicht in den Sinn gekommen.

Frage

Ein ausländischer Bekannter fragt: „Warum ist die Wortstellung im Futur II Aktiv Modalverben + haben (ich werde geliebt werden wollen haben), aber im Aktiv genau umgekehrt, haben + Modalverben (ich werde haben lieben wollen)?“ Und ich ergänze: Hat er überhaupt Recht?

Antwort                                                        

Sehr geehrter Herr W.,

wenn diese Formen verwendet würden, sähen sie so aus:

Ich werde haben lieben wollen.
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Gemäß der üblichen Wortstellung für den Ersatzinfinitiv bei Modalverben sollte das Hilfsverb haben, von dem das Modalverb abhängig ist, m. E. in beiden Fällen nicht am Schluss, sondern am Anfang der abschließenden infiniten Verbgruppe stehen.

nicht: (werde) geliebt werden wollen haben
sondern: (werde) haben geliebt werden wollen

Aber – und hier kommt das große Aber – insbesondere der zweite Beispielsatz ist eine rein akademische Übung. Niemand verwendet das Futur II Passiv mit Modalverb, weil die Form auch für Muttersprachige nicht mehr zu handhaben ist. Eine finite und vier infinite Wortformen kann kaum jemand ohne längere Überlegung in (irgend)eine vernünftige Reihenfolge bringen.

Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass andere bei dieser theoretischen Übung zu einem anderen als dem oben gezeigten Resultat kommen. Die Regel lässt sich nämlich nicht anhand der Sprachrealität überprüfen, das heißt, es ist nicht möglich, festzustellen, ob die vorgeschlagene Form auch wirklich regelmäßig so vorkommt.

Besser ist hier immer der Ersatz durch eine andere Formulierung. Zum Beispiel:

Ich werde gewollt haben, dass ich geliebt werde.
Ich habe wahrscheinlich geliebt werden wollen.
statt
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Es wird nötig sein gewesen, die Waschmaschine zu reparieren.
Die Waschmaschine hat wahrscheinlich repariert werden müssen.
statt
Die Waschmaschine wird haben repariert werden müssen.

Es wird nicht möglich sein gewesen, diese Form zu bilden.
Diese Form hat wahrscheinlich nicht gebildet werden können.
statt
Diese Form wird nicht haben gebildet werden können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es geht auch ohne Bindestrich: webbasiert, gamesüchtig, userfreundlich

Eine Ihrer Lieblingsfragen betrifft den Bindestrich in Zusammensetzungen mit Fremdwörtern. Deshalb zum Wochenende wieder einmal eine Frage dieser Art:

Frage

Momentan stecke ich fest, und zwar bei der Schreibweise von „web-basiert“, „webbasiert“ oder „Web-basiert“. Ich würde die letzte Variante nehmen. Der Duden empfiehlt allerdings „webbasiert“, ohne alternative Schreibweise. Entsprechend müsste man doch aber auch z. B. „onlineaffin“, „internetsüchtig“, „softwarebasiert“ usw. schreiben? Das ist verwirrend.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es ist eigentlich ganz einfach: Zusammensetzungen mit einem Fremdwort werden gleich behandelt wie Zusammensetzungen mit nur deutschen Elementen. Das heißt also, dass hier wie bei heimischen Zusammensetzungen im Prinzip zusammengeschrieben wird. Nach der Rechtschreibregelung sind somit folgende Schreibungen korrekt:

webbasiert, softwarebasiert (wie netzbasiert, nutzerbasiert)
onlineaffin (wie chromaffin, kulturaffin)
gamesüchtig (wie drogensüchtig, alkoholsüchtig)
userfreundlich (wie nutzerfreundlich, kinderfreundlich)

Sie finden diese Schreibweise vielleicht deshalb verwirrend, weil bei solchen Zusammensetzungen unnötig oft der Bindestrich verwendet wird oder häufig sogar die nicht korrekte Getrenntschreibung anzutreffen ist.

Die Schreibung mit dem „verdeutlichenden“ Bindestrich ist – wie eigenlich immer – ebenfalls möglich, aber nicht notwendig und meiner Ansicht nach auch nicht empfehlenswert*:

Web-basiert (Netz-basiert, Nutzer-basiert)
online-affin (Chrom-affin, Kultur-affin)
Game-süchtig (Drogen-süchtig, Alkohol-süchtig)
User-freundlich (Nutzer-freundlich, Kinder-freundlich)

Siehe auch diesen älteren Blogbeitrag. Was dort steht, gilt auch für Zusammensetzungen mit einem Erstelement, das aus dem Englischen stammt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Anders sieht es bei Texten aus, die für Menschen mit Leseschwächen bestimmt sind.