An Zahlungs statt – Genitiv oder Fuge?

Frage

Was halten Sie von der im Juristendeutsch häufig anzutreffenden Wendung „von Verfassungs wegen“? […] Ich meine: Von Sprachbildungs wegen müssten manche Juristen, und seien sie höchstpositioniert, links und rechts abgewatscht werden; dies ist freilich nicht nur von Rechts, sondern auch von Erbarmungs und Menschenwürdes wegen zu unterlassen, und zwar selbst dann, wenn der gleiche Personenkreis von Sachleistungen spricht und schreibt, die „an Zahlungs statt“ zu leisten seien. Wo kommt dieses alberne „ungs-s“ her?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

mit dem „Abwatschen“ würde ich vorsichtig sein. Die Wendung an Zahlungs statt ist zwar ein bisschen veraltend, aber sie gilt standardsprachlich als korrekt und ist in (fast) allen Wörterbüchern zu finden. Früher schrieb man zum Teil auch an Zahlungsstatt. Das s hat sich in Analogie mit an Eides statt und an Kindes statt (früher auch: an Kindesstatt) eingeschlichen. Die Frage ist nun, ob es sich wirklich um eine Genitivendung handelt. Dass dem nicht unbedingt so sein muss, zeigen die alten, zusammengeschriebenen Formen.

Die Präposition (an)statt ist aus einem Substantiv entstanden: die Statt = Ort, Platz, Stelle. Da dieses Substantiv in der präpositionalen Wendung keine substantivischen Merkmale mehr aufweist, schreibt man es klein (so die Rechtschreibregelung).

Wenn man heute an Zahlungsstatt schriebe, würde sich kaum jemand über das s wundern. Es wäre klar, dass es sich um ein Fugen-s handelt, das immer in Zusammensetzungen mit weiblichen Wörtern auf –ung steht und das auch in zum Beispiel Zahlungsauftrag und Zahlungsfrist vorkommt. Da man aber an Zahlungs statt schreibt, ist diese mögliche Herkunft des s nicht ersichtlich.

Bei von Verfassungs wegen ist die Lage ähnlich. Der Ausdruck ist allerdings noch mehr als an Zahlungs statt reiner Fachjargon – Juristendeutsch „vom Feinsten“. Das s wurde hier wohl in Anlehnung an von Rechts wegen eingeschoben. Dieser Einschub wurde dadurch erleichtert, dass auch wegen auf ein Substantiv zurückgeht (Dativ Plural von Weg). Hier ist das s zwar ziemlich sicher ein durch falsche Analogie gesetztes Genitiv-s, es wird aber durch das Fugen-s nach –ung gestützt, das zum Beispiel auch in Verfassungsänderung und verfassungsfeindlich vorkommt.

Natürlich kann ein solches „Analogie-Genitiv-s“ oder „historisch begründbares Fugen-s“ nicht so, wie Sie es scherzhaft in Ihrer Frage tun, überall eingefügt werden. Es kommt nur in einigen wenigen festen Wendungen vor und ist mehr (an Zahlungs statt, von Obrigkeits wegen) oder weniger (von Verfassungs wegen) bekannt und akzeptiert. Die Situation ist also nicht ganz so eindeutig, dass man gleich zum Abwatschen übergehen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Viel übersichtlicher ist die Lage in einem anderen Fall: In den Wendungen des Nachts und eines Nachts handelt es sich eindeutig um ein Genitiv-s, das heißt um Analogiebildungen zu Genitivformen wie des Morgens, eines Morgens, eines Tages usw. (mehr dazu hier).

Noch einmal bis einschließlich

Frage

Heute bin ich beim Verfassen einer Nachricht über folgenden Satz gestolpert: „Ich bin bis einschließlich nächste(r) Woche im Urlaub.“ Wie heißt es richtig? Den Genitiv findet man häufig, der Akkusativ scheint mir jedoch logischer – es heißt ja auch „bis einschließlich nächsten Freitag/fünfzehnten Oktober“.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es heißt üblicherweise tatsächlich:

bis einschließlich nächsten Freitag
bis einschließlich fünfzehnten Oktober

In der Verbindung bis einschließlich wird einschließlich nicht als Präposition, sondern als Adverb verwendet. Als solches hat es keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Substantivs. Den Fall bestimmt hier also bis, das den Akkusativ verlangt. Wenn dies bei nächsten Freitag und fünfzehnten Oktober der Fall ist, wählt man auch bei einer weiblichen Zeitangabe besser den Akkusativ:

Ich bin bis einschließlich nächste Woche im Urlaub.

Etwas ganz anderes ist, dass die Wendung bis einschließlich zumindest in meinen Ohren recht unschön klingt (Papierdeutsch). Besser wäre zum Beispiel:

bis nächsten Freitag
bis zum 15. Oktober

Sehr oft ist nämlich die Bedeutung bis einschließlich in einem einfachen bis enthalten. Wenn ich für einen Artikel bis nächsten Freitag Zeit habe, kann ich ihn nach dem allgemeinen Verständnis auch noch am Freitag abgeben. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch bei Angaben, bei denen bis weniger deutlich ist, kann man mit etwas schöneren Formulierungen als mit bis einschließlich Klarheit schaffen:

Ich bin bis Ende nächster Woche im Urlaub.

Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch bis einschließlich verwenden. Falsch ist es nicht. Und für den Fall, dass es sich nicht nur um einen Beispielsatz handelt, wünsche ich Ihnen, dass Sie bis Ende nächster Woche eine schöne Urlaubszeit verbringen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es tut mir leid wegen …

Frage

Ich such die deutsche Entsprechung für folgenden Satz „I’m sorry about last Saturday“:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.            .
Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

Beides klingt immer komischer, je länger ich draufschaue. Was schlagen Sie vor? Ginge auch „Tut mir leid wegen letzten Samstag“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

eine nicht umgangssprachliche Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ist etwas wortreicher als das englische Original. Je nachdem, was genau gemeint ist, zum Beispiel:

Der Vorfall von letztem Samstag tut mir leid.
Ich bedauere, was letzen Samstag geschehen ist.
Ich möchte mich für den letzten Samstag entschuldigen.

Die Formulierung (es) tut mir leid wegen etwas ist umgangssprachlich. Standardsprachlich heißt es eher: etwas tut mir leid. Deshalb will der „hehre“ Genitiv hier nicht passen, auch wenn er grammatikalisch noch zu verteidigen wäre. So spricht niemand:

nicht: Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

In einer umgangssprachlichen Formulierung klingt der nach wegen standardsprachlich bei vielen so verpönte Dativ – zumindest in meinen Ohren – etwas besser:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.

Auch der Akkusativ kommt vor. Die Zeitangabe letzten Samstag bleibt dann als adverbiale Bestimmung ähnlich wie unflektierbare Adverbien (gestern, damals) „ungebeugt“:

Es tut mir leid wegen letzen Samstag.

Diese Verwendung eines „unveränderlichen Akkusativs“ nach einer Präposition ist aber standardsprachlich ebenfalls nicht üblich.

Wenn Sie in der deutschen Übersetzung eine standardsprachliche Formulierung wählen müssen, sollten Sie umformulieren (Beispiele oben). Nur dann, wenn eine umgangssprachliche Übersetzung passend ist, können Sie hier auch (es) tut mir leid wegen mit dem Dativ (letztem Samstag) oder sogar mit dem Akkusativ (letzten Samstag) wählen.

Wieder einmal gibt es nicht nur „eindeutig richtig“ und „grundsätzlich falsch“. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie bei der Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ein bisschen ins Zweifeln gekommen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der ungebeugte Präsident

Frage

Mir ist aufgefallen, dass es bei „von“ scheinbar unerklärliche Ausnahmen gibt. Dabei geht es mir um folgenden Satz: „Ich halte nichts von Präsident XY.“ Das „von“ sollte doch eigentlich den Dativ fordern, tut es hier aber offensichtlich nicht, da es sonst „PräsidentEN“ heißen müsste. Bildet man den Satz mit einem bestimmten Artikel, so kann man auf einmal korrekt formulieren: „Ich halte nichts von dem Präsidenten XY.“ Könnten Sie mich hier aufklären?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

diese „Ausnahme“ kann man nicht nur bei von und nicht nur bei Präsident beobachten. Sie hat mit der Funktion zu tun, die Wörter wie Präsident (Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandschaftsbezeichnungen u. Ä.) innerhalb einer Personenbezeichnung haben können.

Wenn Präsident ohne Artikel vor einem Namen steht, ist es eine Ergänzung (Apposition) zum Namen. Der Name ist der Kern der Wortgruppe und wird gebeugt. Der Titel bleibt ungebeugt:

Die Bundeskanzlerin empfängt Präsident Hollande.
Europa hat von Präsident Hollande nicht zu fürchten.
Präsident Hollandes Lebensgefährtin

Ebenso zum Beispiel:

der von Fürst Metternich geleitete Kongress
Krimiautor Mario Puzos berühmter Roman
Onkel Bernhards Fiat und Tante Lindas Volvo
Königin Elisabeths Thronjubiläum

Wenn man ein Wort wie Präsident mit einem Artikelwort verwendet, werden die Rollen umgedreht. Der Titel ist der Kern der Wortgruppe und der Name eine Ergänzung (Apposition). Dann wird der Titel gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Die Bundeskanzlerin empfängt den Präsidenten Hollande.
Europa hat vom Präsidenten Hollande nicht zu fürchten.
die Lebensgefährtin des Präsidenten Hollande

Ebenso zum Beispiel:

der vom Fürsten Metternich geleitete Kongress
der berühmte Roman des Krimiautors Mario Puzo
der Fiat meines Onkels Bernhard und der Volvo deiner Tante Linda
das Thronjubiläum der Königin Elisabeth

Mehr zu diesem Thema finden Sie, wenn Sie möchten, in der Canoonet-Grammatik hier und hier.

Es ist also nicht nur bei Präsidenten so, dass ohne Artikel der Name und mit Artikel der Titel gebeugt wird. Das Deutsche behandelt ganz demokratisch auch Königinnen, Krimiautoren und normalsterbliche Onkel und Tanten in dieser Weise.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Natürlich gibt es auch hier wieder Ausnahmen: Die Anrede Herr wird immer gebeugt, also auch dann, wenn kein Artikel verwendet wird:

Frau Merkel empfängt Herrn Hollande.
Europa hat von Herrn Hollande nichts zu befürchten.
Herrn Hollandes Lebensgefährtin.

Umgekehrt bleibt der Titel Doktor auch mit Artikel ungebeugt:

Doktor Bopps Blog
der Blog des Doktor Bopp

Athen und Basel im Genitiv

Frage

Ist es richtig, dass man zum Beispiel „die Territorialverteidigung des hellenistischen Athen“ und nicht „die Territorialverteidigung des hellenistischen Athens“ schreibt? In der Literatur finde ich beides.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

in der Literatur finden Sie beides, weil Athen – wie viele andere Dörfer, Städte, Regionen und Länder – hier mit und ohne Genitiv-s stehen kann. Wenn sonst ohne Artikel stehende geographische Namen mit Artikel verwendet werden, wird die Genitivendung oft weggelassen:

Bremen
der Baumeister Bremens
der Baumeister des neuen Bremens oder
der Baumeister des neuen Bremen

Deutschland
die Hauptstadt Deutschlands
die Hauptstadt des vereinigten Deutschlands oder
die Hauptstadt des vereinigten Deutschland

Ebenso:

Athen
die Territorialverteidigung Athens
die Territorialverteidigung des hellenistischen Athens oder
die Territorialverteidigung des hellenistischen Athen

All diese Formulierungen gelten als korrekt. Sehen Sie hierzu auch die folgenden Angaben in der LEO-Grammatik (am Ende des Abschnitts 1.2.1.5.a Geographische Namen ohne Artikel).

Wenn ich die Schönheit Basels anpreise, muss ich also ein Genitiv-s verwenden. Fakultativ ist dieses s aber dann, wenn ich von der Schönheit des frühlingshaften Basels oder eben des frühlingshaften Basel schwärme. Heute möchte ich ergänzend sagen: Hauptsache, die Sonne scheint!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zahlen im Genitiv

Es geht hier nicht darum, wie man im Genitiv zahlt (zum Beispiel: sich der Kreditkarte bedienen). Mit „Zahlen im Genitiv“ sind  zweier und dreier, die Genitivformen von zwei und drei, gemeint.

Frage

Auf einer Nachrichtenwebseite las ich diese Formulierung: „Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen drei iranischer Überläufer.“ Ist der Genitiv „drei iranischer Überläufer“ so richtig? Ist „dreier Überläufer“ eine oft benutzte falsche Floskel oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Satz, den Sie zitieren, ist tatsächlich nicht ganz richtig formuliert. Wenn die Zahlen zwei und drei ohne ein Artikelwort bei einem Nomen im Genitiv stehen, verwendet man nämlich die Formen zweier und dreier:

der Verkauf zweier Ponys
mit Hilfe dreier Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier Überläufer.

Das gilt auch dann, wenn ein gebeugtes Adjektiv folgt:

der Verkauf zweier schwarzer Ponys
mit Hilfe dreier kleiner Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier iranischer Überläufer.

Mit Artikelwort verwendet man diese Zahlwörter aber ohne Endung:

der Verkauf ihrer zwei [schwarzen] Ponys
mit Hilfe dieser drei [kleinen] Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen der drei [iranischen] Überläufer.

Bei der zitierten Formulierung die Aussagen drei iranischer Überläufer handelt es sich also um eine ungebräuchliche Mischform. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoonet-Grammatik.

Bei Zahlen ab vier sind Gentivformen mit –er übrigens ungebräuchlich. Ohne Artikelwort verwendet man eine Formulierung mit von (auch wenn man dem Genitiv sonst sehr gewogen ist):

mit Hilfe von vier Schräubchen
die Mutter von fünf Kindern
die intelligenten Fragen von sechs Canoonet-Nutzern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vor, während und nach dem Spiel

Frage

Bekanntlich ist ja nach dem Spiel vor dem Spiel. Während man aber vor und nach dem Spiel den Dativ zu benutzen hat, ist während des Spiels der Genitiv angesagt […]. Wenn ich immer den richtigen Fall benutzen möchte, also „vor dem Spiel“, „während des Spiels“ und „nach dem Spiel“, darf ich dann sagen „vor, während und nach dem Spiel“? Oder fühlt sich der Genitiv da vernachlässigt? Gibt es dazu eine Regel? Und gilt diese Regel dann nur auf dem Platz oder auch außerhalb des Platzes? Oder sowohl auf dem als auch außerhalb des Platzes?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Die Grundregel sieht recht kompliziert aus:

Wenn

  • mehr als eine Präposition vor einem Nomen (oder Pronomen) steht,
  • die Präpositionen nicht den gleichen Fall fordern,
  • das Nomen in den unterschiedlichen Fällen unterschiedliche Formen hat,

dann richtet sich das Nomen nach dem Fall der letzten Präposition.

Nach dieser allgemeinen Regel kann man also sagen und schreiben:

vor, während und nach dem Spiel
Die Regel gilt auf und außerhalb des Platzes.
Du redest viel von und über dich.

Nun kommt wohl nicht ganz überraschend das ABER: Solche Zusammenziehungen gelten stilistisch als unschön. Es empfiehlt sich deshalb, das Nomen in solchen Fällen zu wiederholen oder – das ist oft noch besser – eine andere Formulierung zu wählen:

vor dem Spiel, während des Spiels und nach dem Spiel
Die Regel gilt auf dem Platz und außerhalb des Platzes.
Du redest viel von dir und viel über dich.

Wenn ein Wort in den verschiedenen Fällen die gleiche Form hat, ist die Zusammenziehung übrigens stilistisch meist unbedenklich:

vor, während und nach der Feier
Die Regel gilt auf und außerhalb der Spielfläche.
Er redet viel von und über sich.

Eine besondere Stellung haben mit und ohne und mit oder ohne. Die Zusammenziehung ist in diesem Fall standardsprachlich auch dann üblich, wenn ein Wort im Dativ und Akkusativ unterschiedliche Formen hat:

Wir werden die Sache mit oder ohne dich zu Ende führen.
Apfelkuchen mit und ohne gesüßte Schlagsahne

(Siehe auch hier. Mehr Informationen zu dieser Frage finden Sie auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik)

Soweit die grammatischen und stilistischen Grundsätze. Nun noch ein kleiner persönlicher Zweifel (auch Sprachler zweifeln, wenn es um Sprache geht): Bin ich der Einzige, dem vor, während und nach dem Spiel trotz des oben Gesagten auch stilistisch nicht verunglückt vorkommt? Es mag daran liegen, dass meine Wiege im südlichen deutschen Sprachraum stand, in dem der Dativ nach während gang und gäbe ist. Es könnte aber auch sein, dass es eine allgemein akzeptierte Formulierung ist, die erst dann als „stilistisch unschön“ abgetan wird, wenn man bewusst auf den Erhalt des Genitivs nach während achtet. Kurzum: Gleitet man ins Umgangssprachliche ab, wenn man vor, während und nach dem Spiel akzeptabel findet, oder macht man sich anderseits der stilistischen Prinzipienreiterei schuldig, wenn man diese Formulierung für inakzeptabel hält? Wie so oft bei stilistischen Fragen liegt die Antwort wohl irgendwo dazwischen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus 15 Meter(n) Entfernung

Frage

In Fußballreportagen höre ich immer wieder die Formulierung „ein Schuss aus 15 Metern Entfernung“. Meine Frage dazu wäre, ob es „Meter“ oder „Metern“ heißt – oder ist „Metern“ nur richtig, wenn man dahinter nicht mehr das Wort „Entfernung“ anhängt?

Antwort

Guten Tag S.,

beides ist hier möglich. Wenn Meter wie hier als Maßangabe im Plural nach einer Zahlenangabe steht, gelten sowohl die endungslose Form Meter also auch die gebeugte Form Metern als richtig. Ob das Wort Entfernung folgt oder nicht, hat darauf keinen Einfluss:

ein Schuss aus 15 Metern [Entfernung]
ein Schuss aus 15 Meter [Entfernung]

Normalerweise stehen männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben ungebeugt im Nominativ Singular:

2,5 Kilo Äpfel
zwei Paar Schuhe
fast drei Dutzend Polizisten
12 Euro
eine Bildschirmgröße von 17 Zoll/Inch

Eine besondere Stellung nehmen hier die männlichen und sächlichen Maß- und Mengenangaben ein, die auf unbetontes el oder er enden. Speziell sind sie deshalb, weil man ihrer Form oft nicht ansieht, ob sie im Singular oder im Plural stehen:

(der/das) Drittel – (die) Drittel
(der) Liter – (die) Liter
(der) Kilometer – (die) Kilometer

Im Dativ Plural allerdings unterscheiden sich die Wortformen vom Nominativ Singular. Sie haben dann die Endung n, die sie als Pluralform „verrät“:

den Dritteln
den Litern
den Kilometern

Bei Maß- und Mengenangaben dieser Art gelten im Dativ Plural sowohl die gebeugte als auch die endungslose Form als korrekt:

bei zwei Drittel der Befragten
bei zwei Dritteln der Befragten

ein Inhalt von bis zu 7,5 Liter
ein Inhalt von bis zu 7,5 Litern

ein Schuss aus 15 Meter Entfernung
ein Schuss aus 15 Metern Entfernung

eine Höhe von 10 Zentimeter
eine Höhe von 10 Zentimetern

Mehr hierzu finden Sie auf der dieser Seite in der Canoonet-Grammatik (insbesondere Abschnitt „Spezialfall: Meter, Liter, Drittel“).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Außergewöhnlich aufmerksamen Lesern und Leserinnen mag aufgefallen sein, dass dieses Thema im Jahr 2010 schon einmal im Blog behandelt wurde. Da ich davon ausgehe (so realistisch bin ich schon), dass die meisten den Blog nicht so regelmäßig und lesen, nehme ich es niemandem übel, dass die Frage nach diesem Dativ-n immer wieder auftaucht. Ich hoffe, dass mir umgekehrt niemand diese Wiederholung zum Vorwurf macht.

… außer dem Holz im Kamin

Frage

„Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin.“ So beginnt der Roman „Small World“ von Martin Suter. Gerühmt wird dabei allenthalben der eben zitierte Eingangssatz. Ich bin dabei ein paar Male hängengeblieben. Ist das nun richtig mit dem Dativ? […] Gefühlsmäßig hätte ich den Genitiv angewendet. […] Hat das vielleicht damit zu tun, dass Suter Schweizer ist? Es tauchen im Buch eine Reihe von Schweizer Ausdrücken auf, wie z. B. Serviertochter für Kellnerin, Randen für rote Bete etc.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

Serviertocher und Randen sind eindeutig schweizerische Wörter, das erste eher etwas antiquiert, das zweite so lebendig wie gesund. Der Dativ nach außer hingegen ist kein Helvetismus. Den Genitiv verwendet man nach außer nämlich nur in festen Wendung:

außer Landes
außer Hauses

Sonst steht nach der Präposition außer in der Regel der Dativ:

Niemand war im Haus außer mir selbst.
Wir brauchen außer einem Liter Milch auch etwas Butter und Käse.
am Ende jedes Monats außer dem letzten

Deshalb schreibt Martin Suter ganz korrekt (also ohne den Tod des Genitivs zu fördern): außer dem Holz.

Das ist aber nicht alles: Man kann außer auch als Konjunktion verwenden. Die ihm folgende Wortgruppe steht dann im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Alles stand in Flammen, außer das Holz im Kamin.
Niemand war im Haus außer ich selbst.
Wir brauchen außer einen Liter Milch auch etwas Butter und Käse.
am Ende jedes Monats außer des letzten.

Hier steht also

– das Holz im Nominativ wie alles,
– ich selbst im Nominativ wie niemand,
– einen Liter Milch im Akkusativ wie etwas Butter und Käse,
– des letzten im Genitiv wie jedes Monats.

Vgl. die Angaben zu außer in der LEO-Grammatik.

Die mit außer eingeleitete Wortgruppe kann übrigens durch Kommas abgetrennt werden, wenn sie besonders hervorgehoben werden soll. Dies ist bei Suters einleitendem Satz der Fall. Das Komma vor außer deutet hier eine kleine Pause an, die den Überraschungseffekt schön unterstützt:

„Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin.“
[Martin Suter, Small World, Diogenes, Zürich, 1997]

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit Fokus auf den Akkusativ oder mit Fokus auf dem Dativ

Frage

Ich bin zwar Deutsche, verzweifle gerade aber an der Frage, ob es „englischsprachig mit Fokus auf interkulturelle Kompetenz“ oder „englischsprachig mit Fokus auf interkultureller Kompetenz“ heißt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

auch Muttersprachige können hier unsicher werden, sobald sie anfangen, darüber nachzudenken. Das liegt daran, dass Fokus in Kombination mit auf in unterschiedlicher Weise in einem Satz auftreten kann:

Der Fokus ist auf eine Sache gerichtet.
Der Fokus liegt auf einer Sache.

Je nachdem, ob der Fokus gerichtet ist oder ob er liegt, steht nach auf der „dynamische“ Akkusativ oder der „statische“ Dativ. In der Wendung mit Fokus auf kann man nicht sehen, ob es sich um einen liegenden oder einen gerichteten Fokus handelt. Der entscheidende Satzzusammenhang fehlt und es gibt eigentlich keinen merkbaren Bedeutungsunterschied. Deshalb sind beide Formulierungen möglich:

mit Fokus auf interkulturelle Kompetenz
= mit auf interkulturelle Kompetenz gerichtetem Fokus

mit Fokus auf interkultureller Kompetenz
= mit auf interkultureller Kompetenz liegendem Fokus

Der mit der üblichen Vorsicht zu genießende schnelle Google-Blick ins Internet zeigt allerdings, dass der Akkusativ hier häufiger vorzukommen scheint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp