Kennen Sie das Regenschirmsyndrom? Es ist die Überzeugung, dass es immer dann regnet, wenn man keinen Regenschirm bei sich hat, und dass es nie dann regnet, wenn man einen Schirm mitgenommen hat. Bei einem Besuch im Elsass habe ich gestern wieder daran „gelitten“.
In Murbach (schöne romanische Abteikirche!) drohten Regenwolken am Himmel. Wir haben also die fröhlich blauen Regenschirme aus dem Kofferraum geholt, sie in die Kirche mitgetragen und auch noch über den Kreuzweg zur Loretokapelle hinaufgeschleppt. Es fiel „natürlich“ kein Tropfen Regen.
Danach ging es nach Colmar. Trotz grauen Wolken ließen wir die Regenschirme im Kofferraum. Wir waren nun ja Erfahrungsexperten in Sachen Elsässer Wetter, und wer trägt schon gerne einen Schirm mit sich herum, wenn es doch nicht regnet? Selbstverständlich begann es zu tröpfeln, kurz nachdem wir den spezifischen Punkt erreicht hatten, an dem es sich einfach nicht mehr lohnt, zum Auto zurückzugehen. Wir setzten unseren Weg also fort, aßen – wie es sich für rechtschaffene Touristen gehört – einen Flammkuchen mit einem Glas Elsässer Riesling und sahen uns dann mit eingezogenem Kopf und hochgeschlagenem Kragen den Rest der Stadt im Regen an.
Kein Wunder also, dass mich das Regenschirmsyndrom beschlich. Es ist selbstverständlich kein echtes Syndrom. Es ist nicht mehr als eine irrige Annahme, die wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass einem nur dann etwas auffällt, wenn Regen und Regenschirm nicht gleichzeitig anwesend oder nicht gleichzeitig abwesend sind. Regnet es und der Schirm ist bei der Hand, fällt nichts auf. Regnet es nicht und man hat keinen Schirm dabei, fällt ebenfalls nichts auf. An die Situationen, in denen etwas auffällt, erinnert man sich, an die anderen nicht. Und schon ist der hier beschriebene falsche Eindruck entstanden.
Wenn Sie dieses Gefühl kennen, aber keinen Namen dafür haben: Ich schlage den Ausdruck Regenschirmsyndrom vor. Man kann ihn auch für „Erfahrungen“ wie die folgenden verwenden:
Die Milch geht immer erst nach Ladenschluss aus.
Diese Ampel steht immer auf Rot, wenn ich ankomme.
Ich bin immer am Wochenende krank. (= Arbeitnehmerversion)
Er/sie ist immer an Wochentagen krank. (= Arbeitgeberversion)
u. v. a. m.
Manchmal würde man sich ja wünschen, dass dieses „Syndrom“ kein Irrtum wäre, sondern der Wirklichkeit entsprechen würde. Ich wäre dann in diesem Sommer des Öfteren MIT einem Regenschirm aus dem Haus gegangen …