Die Patentante, die Patentochter und die Logik

Frage

Gestern wollte ich von meinem Patenkind erzählen und, da es ein Mädchen ist, sagte ich Patentochter – was meine Zuhörer irritierte, da sie – anders als ich – den Gebrauch des Wortes nicht kannten. Dann kamen wir schnell auf die Krux der Formulierung Patentante – Patenkind. Müsste es streng genommen nicht eigentlich Patenneffe und Patennichte sein oder umgekehrt Patenmama und Patenpapa zum Patenkind? Sind die geläufigen Zusammensetzungen von Paten- und Tante oder Kind nicht streng genommen unlogisch?

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wenn immer alles logisch wäre, müsste es vielleicht Patenneffe und Patennichte heißen. Dem ist aber nicht so. Ob es nun logisch ist oder nicht, die allgemein im Deutschen gebräuchlichen Bezeichnungen sind:

der Pate, die Patin (o. die Pate)
der Taufpate, die Taufpatin
der Patenonkel, die Patentante
das Patenkind, die Patentochter, der Patensohn

Sie hatten also ganz recht, als Sie als Patin oder Patentante von Ihrer Patentochter erzählten. Bei der Bezeichnung von Verwandtschaftsverhältnissen werden Systematik und Logik eben manchmal stiefmütterlich behandelt. So haben sich auch schon einmal Deutschlernende mit leicht vorwurfsvollem Ton danach erkundigt, warum es denn Schwager und Schwägerin heiße statt Schwiegerschwester und Schwiegerbruder. Es heiße schließlich auch Schwiegermutter, Schwiegervater, Schwiegereltern, Schwiegertochter und Schwiegersohn. Man kann dann einwerfen, dass Schwieger- und Schwager sprachgeschichtlich miteinander verwandt sind, aber wirklich logisch wird es trotzdem nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Problematische E-Mail-Adressen

Es kommt manchmal vor, dass Fragesteller im Kontaktformular eine „problematische“ E-Mail-Adresse angegeben angeben. Gemeint sind Adressen, bei denen ich nach dem Abschicken der Antwort eine Unzustellbarkeitsmeldung erhalten. Falls Sie sich wundern, weshalb ich nicht antworte, liegt es vielleicht daran. Es geht diesmal um:

René F. (Frage zur Abkürzung inkl./incl.)
Kleon A. (u. a. Frage zu „um … zu“)
Taflo (Frage nach Internetseite mit Angabe zur Wortart)

Wenn Sie noch an einer Antwort interessiert sind, schicken Sie doch einfach Ihre E-Mail-Adresse an diese Adresse:
mailadresse

Ihre Frage habe ich noch und die Antwort ist auch schon formuliert!

Dr. Bopp

Wie viele Häuser hat der Popstar?

Frage

In einer älteren Duden-Ausgabe las ich einmal von einem „distributiven Singular“, der inhaltlich auch schon von Ihnen thematisiert wurde. Mich beschäftigen folgende Zweifelsfälle:

Die Menschen, die ein Haus besitzen …

Ohne Kontext ist der Satz scheinbar uneindeutig. Besitzen mehrere Menschen gemeinsam ein Haus oder besitzt jeder Mensch ein eigenes?

Die Menschen, die Häuser besitzen …

Besitzt jeder Mensch jeweils ein Haus oder besitzt jeder Mensch gleich mehrere Häuser?

Der Popstar besitzt ein Haus / Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich.

Verteilt der Singular „ein Haus“ eine Immobilie auf jedes Land oder muss dazu doch der Plural gesetzt werden. Oder würde der Plural „Häuser“ mehrere Immobilien in jedes Land verorten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Antwort auch diese Frage ist eigentlich ganz einfach: Es gibt keine feste Regel, ob man in diesen Fällen die Einzahl oder die Mehrzahl verwenden muss. Ein paar zusätzliche Worte sind trotzdem angebracht:

Die Menschen, die ein Haus besitzen, …

Hier können mehrere Menschen zusammen ein Haus besitzen oder es kann um ein Haus pro Person gehen. Nur der Zusammenhang oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist.

Die Menschen, die Häuser besitzen, …

Hier kann es um mehrere Häuser pro Person gehen, aber auch um ein Haus pro Person, mehrere Personen pro Haus oder mehrere Personen mit mehreren Häusern. Nur der Kontext oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist. Meistens ist das nicht nötig, denn gemeint sind oft einfach Hausbesitzer, ganz gleich ob sie ein oder mehrere Häuser besitzen und ob sie dies als Einzelperson oder gemeinsam mit anderen tun. So flexibel ist die Sprache.

Das kann, wenn man es sich recht überlegt, sehr praktisch sein. Wenn diese flexible Art etwas auszudrücken nicht erlaubt wäre und man die gleiche allgemeine Aussage machen müsste, ergäbe das eine ziemlich lange, nicht zufällig an Juristendeutsch erinnernde Formulierung:

Die Einzelpersonen oder Personengruppen, die individuell oder zusammen ein oder mehrere Häuser besitzen, …

Nun zu den Häusern des Popstars:

Der Popstar besitzt ein Haus in Italien, Deutschland und Frankreich.

Endlich ein Satz, der eindeutig ist! Es kann sich nur um drei Häuser handeln. Ein entsprechendes Dreiländereck, auf dem ein Haus stehen könnte, gibt es ja nicht. (Die Schweiz liegt „im Weg“.) Die Formulierung ist korrekt, mutet aber trotzdem irgendwie unnatürlich an. Man würde eher sagen je ein Haus in … oder ein Haus in Italien, eines in Deutschland und eines in Frankreich.

Der Popstar besitzt Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich.

Und schon wieder ist es vorbei mit der Eindeutigkeit. Hier kann es um je ein Haus pro Land oder aber um mehrere Häuser pro Land gehen. Nur der Zusammenhang oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist.

Gerade dieser letzte Satz zeigt, dass es sehr oft gar nicht darum geht, mathematisch genaue Angaben zu machen. Ganz im Gegenteil! In einem Prominentenblatt ist vor allem wichtig, dass der Popstar mehrere [!] Häuser hat, und zwar in mehreren [!!] Ländern. Wie viele Häuser genau wo stehen, ist eher nebensächlich (insbesondere wenn es dann doch „nur“ drei sind). Wenn es wichtig ist, zählt man sie einfach auf: zwei Häuser in Italien, drei in Deutschland und eines in Frankreich.

Die Verteilung von Objekten innerhalb eines Satzes ist meistens nicht mathematisch präzise und eindeutig festgelegt. Dem verdankt die Sprache ihre große Flexibilität. Was genau gemeint ist, lässt sich meistens aus dem Kontext ermitteln. Oft ist es auch gar nicht nötig oder gewünscht, alles präzise auszudrücken. Und wenn es doch sein muss, muss man eben umformulieren oder erläutern. So viel ungeregelte Mehrdeutigkeit scheint verwirrend zu sein, das ist es aber nicht. Wir gehen täglich damit um und es funktioniert im Normalfall ausgezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Autos gebeugt werden

Frage

Es geht mal wieder um den Genitiv bei Eigennamen. Heißt es: „Der Aufbau besteht im Wesentlichen aus der Hinterachse des Touareg“ oder „des Touaregs“? Und wie verhält es sich beim VW Transporter? Transporter ist in dem Fall ja ein Eigenname. Hört sich aber merkwürdig an, wenn man „die Hinterachse des Transporter“ schreibt.

Antwort

Guten Tag O.,

von Autos verstehe ich nur sehr wenig, aber am besten schreiben Sie:

die Hinterachse des Touaregs
die Hinterachse des VW Transporters

Die Bezeichnungen Touareg und VW Transporter sind zwar Marken- oder Produktnamen, aber so, wie sie in den Beispielen verwendet werden, keine wirklichen Eigennamen. Sie bezeichnen nicht wie zum Beispiel Rhein, Maria oder Herr Müller eine einzelne, individuelle Einheit, sondern einen Vertreter einer Gattung. Mit Maria meint man eine ganz bestimmte Person (auch wenn es viele Personen gibt, die diesen Namen tragen). Mit Touareg meinen Sie hier nicht ein ganz bestimmtes, individuelles Auto, sondern allgemeiner ein Auto der Gattung Touareg. Touareg bezeichnet eine bestimmte Art Auto, wie zum Beispiel Eiche eine bestimmte Art Laubbaum bezeichnet. Solche Marken- und Produktnamen nehmen eine Position zwischen den eigentlichen Eigennamen und den „gewöhnlichen“ Gattungsbezeichnungen ein.

Das klingt jetzt alles etwas haarspalterisch, soll aber die Begründung dafür sein, warum man solche Bezeichnungen am besten wie gewöhnliche Substantive behandelt und ihnen im Genitiv ein s anhängt.

Die endungslosen Varianten kommen aber auch vor.  Marken- und Produktnamen sind ja, wie gesagt, auch ein wenig Eigennamen. Außerdem klingen die Namen von Automodellen oft sehr fremdländisch. Fremdwörter werden im Genitiv häufiger ohne Endung verwendet (vgl. des Espressos oder des Espresso). Deshalb liest man auch oft des Touareg.

Bevor man mich nun der Schleichwerbung bezichtigt – ich erhalte wirklich keine Vergütung aus Wolfsburg –, sei noch Folgendes erwähnt: Das Gesagte gilt auch für die Hinterachsen des 3er Cabrios, des Insignias, des Picassos, des Mulitplas, des Space Stars, des Mondeos, des Picantos usw. oder eben des 3er Cabrio, des Insignia, des Picasso, des Mulitpla, des Mondeo, des Space Star, des Picanto usw. Kenner mögen mir die Wahl der Modellnamen verzeihen. Ich verstehe wirklich nicht viel von Autos und fahre einen ganz unprätentiösen kleinen Japaner.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Immer endungslos sind Modellnamen, die auf  Ziffern oder auf ein (gesprochenes) s enden. Zum Beispiel: des SL 600, des C70; des Avensis, des Espace, des Matiz.

Das rätselhafte Wort sibyllinisch

Frage

Heute um die Mittagszeit habe ich auf DRS 2 den Ausdruck „sybillisch“ gehört. Weil ich nicht weiß, was das bedeutet, habe ich den Versuch unternommen, das via Duden, Brockhaus, Wikipedia etc. herauszubekommen – ohne Erfolg! Können Sie mir den Begriff erläutern?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

wahrscheinlich meinte der Sprecher oder die Sprecherin das Wort sibyllinisch oder sibyllenhaft. Beachten Sie die Reihenfolge von i und y innerhalb des Wortes. Das hilft beim Suchen. Weil ich das Wort eigentlich nie verwende, kann ich mir die Reihenfolge auch nicht merken. Ich kenne aber eine Sibylle, von der ich diese Eselsbrücke gelernt habe: „Sibylle mit i und y wie im Alphabet“. Das i steht ja auch im Alphabet vor dem y.

Das Adjektiv sibyllinisch oder sibyllenhaft gehört zum gehobenen oder literarischen Sprachgebrauch. Das ist wohl der Grund, weshalb das viel „gewöhnlicher“ klingende sibyllisch nicht üblich ist. Es bedeutet rätselhaft, geheimnisvoll oder auch wahrsagerisch. Es ist von Sibylle, dem antiken Namen weissagender Frauen, abgeleitet. Wenn jemand sibyllinische Worte spricht oder eine Frage sibyllenhaft beantwortet, ist die Aussage nicht direkt, sondern rätselhaft und geheimnisvoll verschlüsselt. Sibyllinische Worte versteht man nicht einfach so, sie müssen gedeutet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So schnell wie möglich, so schnell als möglich

Frage

„Wir haben Ihre Anfrage erhalten und werden diese so schnell als möglich beantworten.“ Ist das korrekt? Müsste es nicht heissen „… so schnell wie möglich“?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

beide Formulierungen sind möglich und korrekt:

so schnell wie möglich
so schnell als möglich

In Vergleichen mit der Grundstufe ist das Vergleichswort normalerweise wie:

Der Baum ist gleich hoch wie das Haus.
Das Mittel war
so teuer wie nutzlos.
Ich bleibe so lange wie möglich bei euch.

In Verbindung mit möglich, das heißt, wenn so … wie möglich die Bedeutung möglichst … hat, wird seltener als statt wie verwendet:

Ich bleibe so lange als möglich bei euch.

Ebenso:

so bald wie möglich / so bald als möglich
so rasch wie möglich / so rasch als möglich
so viel wie möglich / so viel als möglich
usw.

Die Verwendung von als ist seltener, sie gilt aber in diesem Fall als korrekt. Sehen Sie auch diese Seite der CanooNet-Grammatik (insbesondere unter „Vergleichswort“).

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Kaninchen

Heute gibt es Kaninchen. (Ja, Dr. Bopp isst Kaninchen. Siehe hier). Da dies leider oder, je nach Interesse, glücklicherweise keine Kochrubrik ist, verschone ich Sie mit Rezepten und Weintipps. Es geht natürlich um das Wort Kaninchen. Warum denn chen? Ein großes Kaninchen ist doch kein Kanin, wie ein großes Hündchen ein Hund ist oder wie man ein großes Häuschen meist einfach ein Haus nennt. Weshalb also chen?

Mit der Nachsilbe chen bildet man Diminutive oder zu gut Deutsch Verkleinerungsformen. Vor allem im Süden verwendet man dafür oft auch lein. Richtung Norden lockt man deshalb als Hexe Kinder, die sich im Wald verlaufen haben, eher in ein Lebkuchenhäuschen, während man als südliche Hexe eher ein Lebkuchenhäuslein bewohnt, in dem man dann das Mädchen als Mägdchen zur Kinderarbeit zwingt und den Jungen wie ein Kaninchen einsperrt und fett mästet. So geht es jedenfalls – ganz gleich ob Häuschen oder Häuslein – in einem ordentlichen Märchen zu und her.

Kaninchen ist nicht der einzige ursprüngliche Diminutiv, bei dem das Grundwort im heutigen Deutschen nicht mehr bekannt oder gebräuchlich ist. Auch zum Beispiel bei Mädchen und Märchen oder beim Zipperlein, das böse Hexen plagen möge, ist das Grundwort nicht mehr allgemein bekannt. Das Wort Mädchen geht auf Mägdchen, also kleine Magd, zurück und wurde in einer Zeit gebildet, in der eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge weibliche und idealerweise jungfräuliche Person war. Ein Märchen ist eine kurze Mär, das heißt eine kurze Geschichte oder Erzählung. Die Herkunft von Zipperlein erspare ich ihnen; das wird sogar mir zu umständlich.

Bleibt also noch das Kaninchen. Das Grundwort Kanin gab es einmal (und gibt es überigens immer noch als Fachwort für Kaninchenfell). Ein großes Kaninchen war früher also doch ein Kanin! Es geht über das alte französische Wort conin auf lateinisch cuniculus zurück. Auch das Wort Karnickel lässt sich über eine niederdeutsche Verkleinerungsform kanineken aus conin herleiten. Das r hat sich unterwegs einmal als überkorrekte Aussprache eingeschlichen.

Das lateinische caniculus gelangte auch noch auf anderem Wege ins Deutsche und ist so noch in landschaftlich gebräuchlichen Formen wie Künig, Chüngel, Kinigl oder Kiniglhas zu finden. Weil es volkstümlich als mit König (verkl. Königlein) verwandt angesehen wurde, gibt es im Südbayrischen und Österreichischen auch die Bezeichnungen Königlein und König(s)hase.

Beim lateinischen Wort cuniculus könnte es sich um ein Lehnwort aus dem Iberischen (d.h. aus einer der damals auf der Iberischen Halbinsel gesprochenen Sprache) handeln. Eine andere Erklärung sagt, dass der Name des Tieres vom lateinischen Wort für unterirdischer Kanal, Gang, Stollen cuniculus abzuleiten sei. Der Name der Behausung wäre dann auf das Tier übergegangen.

Ein paar Informationen zu Form und Herkunft des Wortes Kaninchen hätte ich somit zusammengesucht und beschrieben. Der Geist ist also wieder frei, sich mit „wichtigeren“ Dingen zu beschäftigen: Wie bereiten wir das Kaninchen zu und welcher Wein könnte gut dazu passen? Doch das ist, wie bereits gesagt, Stoff für ein ganz anderes Blog.

Die Van-Gogh-Ausstellung, die iPod-Touch-Applikation, der Big-Brother-Fan und der Bindestrich.

Frage

Bei uns in der Redaktion ist gerade Streit ausgebrochen in Bezug auf die Bindestrich-Regel bei Eigennamen. Es gibt zum Beispiel eine Veranstaltung namens Intel Friday Night Games. Schreibt man nun Intel Friday Night Games-Teilnehmer oder Intel-Friday-Night-Games-Teilnehmer?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

nach den amtlichen Regeln müssen Sie zwischen allen Teilen der Zusammensetzung Bindestriche verwenden:

der Intel-Friday-Night-Games-Teilnehmer

Wenn eine Zusammensetzung eine mehrteilige Wortgruppe enthält, werden alle Teile der Zusammensetzung mit Bindestrichen verbunden. Das gilt auch dann, wenn der erste Teil ein mehrteiliger Eigenname ist. Weitere Beispiele:

die Van-Gogh-Ausstellung
die Vincent-van-Gogh-Ausstellung
der Tour-de-France-Gewinner
die Rio-de-la-Plata-Mündung
das Einstürzende-Neubauten-Album
eine iPod-Touch-Applikation
Windows-7-Benutzer
Big-Brother-Fans und Gute-Zeiten-schlechte-Zeiten-Zuschauer

Sehen Sie hierzu auch diese Regel und diese Regel.

Wenn Ihnen all diese Bindestriche in Intel-Friday-Night-Games-Teilnehmer nicht gefallen, gibt es noch eine andere Formulierung, die stilistisch sogar ein bisschen besser und auch etwas leserfreundlicher ist:

Teilnehmer an den Intel Friday Night Games

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Glitt er neben ihr oder neben sie ins Bett?

Frage

Es ist mir einmal mehr unmöglich, eine Frage zu klären, trotz des Versuchs, diverse Erklärungen auf Webseiten zu verstehen. Heißt es „Er glitt neben IHR ins Bett“ oder „Er glitt neben SIE ins Bett“ oder ist beides richtig und enthält eine unterschiedliche Aussage?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort neben gehört zu den Präpositionen, die mit dem Dativ oder dem Akkusativ stehen können. Sie werden deshalb gelegentlich auch Wechselpräpositionen genannt. Man verwendet den Dativ, wenn eine Ortsangabe gemacht wird (wo?), und den Akkusativ, wenn das Ziel einer Bewegung angebend wird (wohin?):

Er liegt neben ihr (wo?)
Er legt sich neben sie (wohin?)

Manchmal sind in einem Satz beide Sehensweisen möglich:

Er glitt neben ihr ins Bett.
Wo glitt er ins Bett? – Neben ihr.

Er glitt neben sie ins Bett
Wohin glitt er? – Neben sie ins Bett.

Zwischen den beiden Formulierungen, gibt es, wenn überhaupt, nur einen geringen Bedeutungsunterschied. Sehen Sie auch die allgemeinen Angaben zu dieser Art von Präpositionen, insbesondere: „Oft sind beide Sehensweisen möglich“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Können du und Sie zu ihr werden?

Frage

Wenn ich zwei Personen ansprechen möchte, wobei ich mit der einen per du und mit der anderen per Sie bin (z. B. die Schwiegermama mit ihrer Schwester), spreche ich sie beide mit „ihr“ oder mit „Sie“ an?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

diese Frage kann ich leider nicht eindeutig beantworten. Welche Anrede Sie wählen, hängt davon ab, wie formell die Situation ist und wie formell Sie mit den beteiligten Personen umgehen. In formellen Situationen empfiehlt es sich, Sie zu verwenden oder die Personen einzeln anzusprechen:

– Darf ich Ihnen etwas anbieten?
– Darf ich Ihnen, Frau Muster, und dir, Anna, etwas anbieten?

In informelleren Situationen darf man meiner Ansicht nach ihr verwenden, auch wenn man sich danach wieder mit Sie an eine der beiden Personen richtet. Es ist sicher nicht grundsätzlich ausgeschlossen und auch nicht völlig unüblich, sich mit ihr an Personen zu richten, die man siezt.  Wenn Sie also sagen

– Darf ich euch etwas anbieten?

wird die Schwester der Schwiegermutter Ihnen das als angeheiratete Tante kaum übel nehmen und je nach Tageszeit und persönlichen Vorlieben gerne ein Tässchen Kaffee oder ein Gläschen Portwein annehmen.

Eine eindeutige Antwort gibt es also nicht. Es geht hier nicht um Grammatik, sondern um gesellschaftliche Umgangsformen. Vieles hängt von der Situation und dem Verhältnis zu den beteiligten Personen ab. Wahrscheinlich spielt daneben auch die Region eine Rolle: Was in Rostock und Kiel üblich ist, braucht noch lange nicht in Dresden, Saarbrücken, Luzern oder Wien gang und gäbe zu sein. Mit etwas Fingerspitzengefühl gelingt es einem aber meistens ganz gut, den richtigen Ton zu treffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp