Satzzeichen bei aufgezählten direkten Reden

Frage

Wie immer lese ich sehr gerne Ihren Blog. Diesmal habe ich wieder einmal selbst eine Frage. Wenn bei wörtlicher Rede bzw. Aussagen in Anführungszeichen eine Aufzählung erfolgt, setzt man dann Kommas dazwischen? Zwei Beispiele:

Die Antworten der Kinder waren: „Das war toll!“, „Das hat mir nicht gefallen.“, „Das hätte ich besser gemacht.“

„Wohin fahren wir?“, „Ich freue mich darauf. [Punkt hier oder nicht??]“, „Das wird toll!“ waren die ersten Reaktionen.

Richtig so?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

ich kenne keine Regel, die genau diesen Fall beschreibt. Dann muss man versuchen, sich selbst etwas zurechtzulegen. Ich gehe hier von diesen Grundregeln aus:

  • Satzzeichen, die zum Zitat gehören, stehen innerhalb der Anführungszeichen; Satzzeichen, die zum Begleitsatz gehören, stehen außerhalb der Anführungszeichen.
  • Am Anfang oder Innerhalb eines Satzes bzw. wenn es in einen Satz integriert ist, verliert das Zitat den Schlusspunkt; Fragezeichen und Ausrufezeichen hingegen bleiben stehen.

Für diesen Fall gilt weiter:

  • Bei einer Aufzählung steht zwischen den aufgezählten Elementen ein Komma.
  • Durch die Aufzählung sind die Zitate sozusagen in den Begleitsatz integriert. Das heißt unter anderem, dass sie gegebenenfalls ihren Schlusspunkt verlieren und dass der Gesamtsatz seinen Schlusspunkt immer behält.

Dies alles führt zu den folgenden Schreibungen:

Die Antworten der Kinder waren: „Das war toll!“, „Das hat mir nicht gefallen“, „Das hätte ich besser gemacht“.

Die Antworten der Kinder waren: „Das war toll!“, „Das hat mir nicht gefallen“ und „Das hätte ich besser gemacht“.

„Wohin fahren wir?“, „Ich freue mich darauf“ und „Das wird toll!“ waren die ersten Reaktionen.

Die ersten Reaktionen waren: „Wohin fahren wir?“, „Ich freue mich darauf“, „Das wird toll!“.

Dieser Fall ist, wie gesagt, nicht ausdrücklich geregelt. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass andere zu anderen Lösungen kommen. Und wenn Ihnen diese Lösung nicht gefällt, können Sie zum Beispiel auf eine Liste ausweichen (dann geht es sogar ohne Anführungszeichen):

Die ersten Reaktionen waren:
– Wohin fahren wir?
– Ich freue mich darauf.
– Das wird toll!

Solche Reaktionen stimmen positiv, ganz gleich, ob sie mit Kommas oder in Listenform daherkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Brief von Russlands Präsident/Präsidenten Putin – mit oder ohne Endung?

Frage

Ich mir unsicher bei folgender Aussage: „der Brief von Russlands Präsident/en Wladimir Putin.“

Meinem Gefühl nach würde ich zu „Präsident“ tendieren, auf der andern Seite erfragt man: „Der Brief von wem?“, was eigentlich einen Dativ zur Folge haben müsste. […]

Antwort

Guten Tag Frau S.

hier ist sowohl die ungebeugte Form Präsident als auch die gebeugte Form Präsidenten möglich. Bei der Erklärung, warum das so ist, muss ich etwas weiter ausholen:

Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. können in Verbindung mit einem Namen unveränderlich sein oder gebeugt werden. Mit welcher Konstruktion man es zu tun hat, sieht man in der Regel daran, ob ein Artikelwort verwendet wird oder nicht:

Ungebeugt ohne Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit Fürst Metternich
ein Treffen mit US-Präsident Trump
Krimiautor Mario Puzzos berühmter Roman
Onkel Alberts Fiat und Tante Lisas BMW
Königin Margrethes Abdikation

Gebeugt mit Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit dem Fürsten Metternich
ein Treffen mit dem US-Präsidenten Trump
der berühmter Roman des Krimiautors Mario Puzzo
der Fiat meines Onkels Anton und der BMW deiner Tante Lisa
die Abdikation der Königin Margrethe

Auch das Wort Präsident kann also ohne Artikel vor dem Namen stehen. Es bleibt dann ungebeugt (gebeugt wird ggf. der Name):

ein Treffen mit Präsident Putin
der Brief von Präsident Wladimir Putin
Präsident Wladimir Putins Brief

Präsident kann auch Kern der Wortgruppe sein und den Namen als nähere Bestimmung (Apposition) bei sich haben. Dann hat es ein Artikelwort vor sich und wird gebeugt (der Name bleibt ungebeugt):

ein Treffen mit dem Präsidenten Putin
(der Brief vom Präsidenten Wladimir Putin [nur umgangssprachlich])
der Brief des Präsidenten Wladimir Putin

Und nun kommen wir endlich zu Ihrem Beispiel. In Russlands Präsident Wladimir Putin hat Präsident ein vorangestelltes Genitivattribut. Ein solches Attribut ersetzt ggf. den Artikel:

das Auto von Frau Müller = Frau Müllers Auto
die Wälder Russlands = Russlands Wälder

Ebenso:

der Brief des Präsidenten von Russland Wladimir Putin
= der Brief von Russlands Präsidenten Wladimir Putin

Man kann aber auch ohne Artikel formulieren:

der Brief von Präsident Wladimir Putin von Russland
= der Brief von Russlands Präsident Wladimir Putin

Was Sie wählen, hängt also davon ab, ob es sich um einen Brief des Präsidenten von Russland Putin (→ von Russlands Präsidenten Putin) oder um einen Brief von Präsident Putin von Russland (→ von Russlands Präsident Putin) handelt. Da es hier m.M.n. keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied gibt, passt, wie am Anfang gesagt, beides. Wirklich wichtig wäre ohnehin, dass in einem solchen Brief etwas gemeint Friedliches stünde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wann ist die Preisverleihung?

Frage

Wenn einer Person zu einem gewissen Zeitpunkt ein Preis zugesprochen und dieser Preis zu einem späteren Zeitpunkt überreicht wird – für welchen Vorgang verwendet man korrekterweise das Verb „verleihen“?

Antwort

Guten Tag Frau D.,

üblicherweise wird das (feierliche) Überreichen eines Preises Preisverleihung genannt. Ein Preis, ein Recht, ein Orden, ein Titel u. Ä. wird zuerkannt und dann verliehen. So wird der Friedensnobelpreis jährlich am 10. Dezember verliehen. Wer ihn erhalten soll, wird schon früher bestimmt. Das gilt vor allem dann, wenn wie zum Beispiel bei der Oscarverleihung erst während der Zeremonie bekannt gemacht wird, wer einen Preis erhält. Die Zuerkennung kann auf allerlei Arten erfolgen (öffentlich, geheim, sachkundig, inkompetent, regelgebunden, spontan, demokratisch, [un]begründet, politisch motiviert, ehrlich, vetternwirtschaftlich, korrupt …), die Verleihung ist meist offiziell und feierlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hätte ich es begreifen können oder begriffen haben können?

Frage

In der Netflix-Serie „Sandman“ gibt es dieses Zitat:

Weißt du, zuerst mal war es falsch, einen Plan für den Tag zu machen, damit meine Erwartungen erfüllt werden. Das hat es mir vollkommen unmöglich gemacht, zu genießen, was der Tag an neuen Erfahrungen bereithielt. Das hätte ich inzwischen doch begriffen haben können, oder?

Ich kann die Verbform des letzten Satzes nicht richtig einordnen. […] Wie unterscheiden sich „hätte begreifen können“ und „hätte begriffen haben können“? Ich dachte, es gäbe nur einen Konjunktiv 2 der Vergangenheit.

Auf Englisch lautet dieser Satz übrigens: „You’d think I would have learned that by now.“

Antwort

Guten Tag N.,

die Modalverben (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen) können mit dem Infinitiv Präsens und mit dem Infinitiv Perfekt stehen.

  • Gleichzeitigkeit: Partizip Präsens

Du musst es [jetzt] tun.
Du müsstest es [jetzt] tun.
Du hättest es [damals] tun müssen.

  • Vorzeitigkeit: Partizip Perfekt

Du musst es [vorher/bereits] getan haben.
Du müsstest es [vorher/bereits] getan haben.
Du hättest es [vorher/bereits] getan haben müssen.

Ebenso:

Ich kann es [jetzt] begreifen
Ich könnte es [jetzt] begreifen.
Ich hätte es [damals] begreifen können.

Ich kann es [vorher/bereits] begriffen haben.
Ich könnte es [vorher/bereits] begriffen haben.
Ich hätte es [vorher/bereits] begriffen haben können.

In Ihrem Zitat kann man hätte können auch mit zum Beispiel müsste ausdrücken:

Ich hätte es doch inzwischen begreifen können.
Ich müsste es doch inzwischen begreifen.

Ich hätte es doch inzwischen begriffen haben können.
Ich müsste es doch inzwischen begriffen haben.

Ob es darum geht, inzwischen zu begreifen oder inzwischen begriffen zu haben, ist nicht dasselbe, aber es gibt in diesem Kontext dennoch keinen großen Unterschied. Wenn man es nicht begriffen hat, begreift man es nicht. Deshalb geht hier m.M.n. beides:

Das hätte ich inzwischen doch begreifen können, oder?
Das hätte ich inzwischen doch begriffen haben können, oder?

In beiden Sätzen steht das Modalverb im Konjunktiv II der Vergangenheit (hätte können); im ersten Satz mit dem Infinitiv Präsens (begreifen) im zweiten Satz mit dem Infinitiv Perfekt (begriffen haben). Eine andere Übersetzung des Zitats zeigt, wie groß oder eben klein der Unterschied zwischen den beiden Formulierungen ist:

Man sollte meinen, dass ich das inzwischen begreife.
Man sollte meinen, dass ich das inzwischen begriffen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warme Temperaturen?

Frage

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel hat sich seit einiger Zeit der Begriff „warme Temperaturen“ eingebürgert. Ich halte das für falsch, denn die Temperaturen sind m. E. hoch (oder niedrig), aber nicht warm. Warm sind Luft, Wasser oder das Klima. Wie stehen Sie zu dem Ganzen?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

in der Standardsprache heißt es stilistisch gut:

hohe Temperaturen
niedrige/tiefe Temperaturen

Formulierungen wie warme Temperaturen und kühle Temperaturen sollte man vermeiden. Warm oder kühl ist die Luft, nicht ihre Temperatur.

Noch deutlicher ist der Unterschied zwischen „stilistisch gut“ und „standardsprachlich zu vermeiden“ bei folgenden Beispielen.

Standardsprachlich nicht:

teure Preise, teure Mieten
billige Preise, billige Mieten

sondern:

hohe Preise, hohe Mieten
niedrige/tiefe Preise, niedrige/tiefe Mieten

Teuer ist das Flugticket, nicht sein Preis. Der ist hoch.

Keine dieser Formulierungen ist aber logisch oder grammatisch grundsätzlich falsch. Es ist, wie gesagt, eine Frage der guten Wortwahl und des guten Stils. Man kann für mehr oder weniger billige Preise in die heißen Temperaturen des Südens fliegen, aber stilistisch reist man besser für niedrige Preise in die Hitze des Südens – und klimabewusster fliegt man ohnehin am besten nicht, damit die Temperaturen nicht noch höher werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Infinitivgruppen als Subjekt: sowohl mit als auch ohne „zu“

Frage

Ich beschäftige mich gerade damit, die Masterarbeit einer Freundin zu korrigieren, und dabei bin ich auf eine Satzstruktur gestoßen, die mich ein wenig ins Grübeln bringt. Ich hoffe, Sie können helfen.

Die Position des Schriftstellers miteinbeziehen bedeutet, auch die Entstehung des Werkes zu berücksichtigen.

Diese Satzstruktur kommt recht häufig vor und aus dem Gefühl heraus würde ich sagen, dass hier im ersten Teil ein Infinitiv mit „zu“ stehen müsste („die Position des Schriftstellers miteinzubeziehen bedeutet“). Oder sind hier beide Varianten möglich?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

hier gibt es mehr als eine Möglichkeit. Wenn eine Infinitivgruppe im Satz Subjekt ist, kann sie auch ohne zu stehen. Das Komma entfällt dann.

Dich zu verstehen, ist nicht immer einfach.
Dich verstehen ist nicht immer einfach.

Mit vollem Mund zu reden, gilt als unhöflich.
Mit vollem Mund reden gilt als unhöflich.

Zusammen mit anderen zu spielen, macht mehr Spaß.
Zusammen mit anderen spielen macht mehr Spaß.

Das gilt auch in Ihrem Satz:

Die Position des Autors miteinzubeziehen, bedeutet, auch die Entstehung des Werkes zu berücksichtigen.
Die Position des Autors miteinbeziehen bedeutet, auch die Entstehung des Werkes zu berücksichtigen.*

(* Nicht alle finden es allerdings gut, Infinitivgruppen mit zu und Infinitivgruppen ohne zu in dieser Weise zu kombinieren.)

Bei Verben wie sein, heißen, bedeuten kann die Infinitivgruppe auch als Prädikativ o. Akkusativergänzung ohne zu stehen:

Wellness heißt, sich wohlzufühlen.
Wellness heißt sich wohlfühlen.

Zusammen mit anderen zu spielen, bedeutet, mehr Spaß zu haben.
Zusammen mit anderen spielen bedeutet mehr Spaß haben.

Möglich ist entsprechend auch:

Die Position des Autors miteinbeziehen bedeutet auch den Kontext der Entstehung des Werkes berücksichtigen.

Ich würde hier, wie Sie offenbar auch, die erste Formulierung mit zweimal zu wählen. Die Formulierungen ohne zu sind aber nicht falsch. Dabei gilt allerdings, dass die Kombination von Infinitivgruppe ohne zu und Infinitivgruppe mit zu in einem Satz nicht von allen gleichermaßen akzeptiert wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Mütze, sie/diese/die ist rot

Frage

Ich habe eine Frage zur Verwendung von Demonstrativpronomina: In meiner Schulzeit habe ich gelernt, dass man „diese(r/s)“ verwenden muss, wenn man sich auf das letzte Substantiv im vorherigen Satz bezieht. Beispiel:

Die Ente trägt eine Mütze. Diese ist rot.

Nun hat es sich aber eingebürgert, dass stattdessen oft „der/die/das“ verwendet wird, also:

Die Ente trägt eine Mütze. Die ist rot.

Das klingt in meinen Ohren schrecklich umgangssprachlich. Da meine Schulzeit aber schon eine Weile zurückliegt, würde mich interessieren, wie die offizielle Regelung hierzu aussieht. Gibt es eventuell eine Stelle im Duden, die man heranziehen kann? Mittlerweile habe ich sowohl das Internet als auch die Duden-Grammatik durchforstet, ohne einen brauchbaren Hinweis zu finden.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

Sie finden hier keine festen Regeln, weil die Wahl des Pronomens (diese, die bzw. sie) keine grammatische, sondern eine stilistische Entscheidung ist. Dafür gibt es keine verbindlichen oder offiziellen Regeln.

Keine der folgenden Formulierungen ist falsch:

a) Die Ente trägt eine Mütze. Sie ist rot.
b) Die Ente trägt eine Mütze. Diese ist rot.
c) Die Ente trägt eine Mütze. Die ist rot.

Während bei a) mit etwas gutem Willen auch die Ente rot sein könnte, ist bei b) und c) deutlicher, dass die Mütze rot ist. Dabei ist diese formeller und die etwas weniger formell, ohne gleich umgangssprachlich zu sein. Für einen formellen Text würde ich deshalb diese oder sie empfehlen. In der Alltagssprache ist die aber auch gut vertretbar. Ebenso zum Beispiel:

Wir schauen in den Himmel und er ist blau.
Wir schauen in den Himmel und dieser ist blau.
Wir schauen in den Himmel und der ist blau.

Beim Bezug auf Personen gilt die Wahl von die oder der statt sie bzw. er allerdings als unhöflich und/oder umgangssprachlich:

Frau S. ist meine Nachbarin, aber die sieht man kaum.
Kennst du Rolf? Dem würde ich nicht vertrauen.

Hier geht es aber nicht um eine Person. Es ist also nicht gleich schrecklich umgangssprachlich, wenn man sich mit die auf die Mütze der Ente bezieht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer reinigt die selbstreinigende Küche?

Frage

In meiner Dienststelle hängt folgender Hinweis:

Diese Küche (incl. Kühlschrank etc.) ist selbstreinigend, d. h. jeder, der diese schmutzig macht, reinigt sie auch selbst.

Aus meiner Sicht liegt hier ein klarer sprachlicher Widerspruch vor. Das Adjektiv „selbstreinigend“ beschreibt eine technische Eigenschaft von Dingen, also z. B. bei einem „selbstreinigenden Ofen“ oder einer „selbstreinigenden Toilette“. Es bedeutet, dass sich ein Objekt ohne äußeres Zutun selbst säubert – durch einen eingebauten Mechanismus.

In dem genannten Satz ist jedoch nicht die Küche gemeint, die sich eigenständig reinigt, sondern eine Aufforderung an Personen, ihren Schmutz selbst zu beseitigen.  […]

Es geht mir nicht um Humor oder Ironie, sondern um sprachliche Klarheit und Kohärenz. […] Daher meine Frage an Sie: Ist die Formulierung „Diese Küche ist selbstreinigend“ – in diesem Zusammenhang – aus sprachwissenschaftlicher Sicht korrekt, vertretbar oder inkonsequent?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

Sie haben recht: Eine selbstreinigende Küche ist eine Küche, die sich selbst reinigt. Es ist keine Küche, die man selbst reinigen muss. Es handelt sich hier um einen bekannteren, ursprünglich nur witzig, ironisch oder zynisch gemeinten Spruch, der des Öfteren nicht ganz richtig verwendet wird.

Wenn ein Partizip I (Partizip Präsens) ein Substantiv näher bestimmt, ist dieses Substantiv das Subjekt der Verbhandlung:

der fahrende Zug = der Zug fährt
die lachenden Dritten = die Dritten lachen
eine enttäuschende Entscheidung = die Entscheidung enttäuscht

das selbstfahrende Taxi = das Taxi fährt selbst
selbstklebende Etiketten = die Etiketten kleben selbst
eine selbsttragende Konstruktion = die Konstruktion trägt sich selbst
die selbstreinigende Küche = die Küche reinigt sich selbst

So wie man das selbstfahrend Taxi nicht selbst fahren muss, die selbstklebende Etikette auch durch jemand anderen aufkleben lassen kann und eine selbsttragende Konstruktion nicht selbst abstützen muss, so muss man eine selbstreinigende Küche auch nicht selbst reinigen. Das Taxi fährt sich selbst, die Etikette klebt von selbst, die Konstruktion trägt sich selbst und die Küche reinigt sich selbst – wenn man den Behauptungen der Herstellerfirmen und Marketingmenschen glauben darf.

Wenn ausgedrückt werden soll, was offenbar mit dem Hinweis in Ihrer Dienststelle gemeint ist, gibt es eine andere Formulierung mit dem Partizip I, mit der man „müssen“ ausdrücken kann:

Dies ist eine selbst zu reinigende Küche = eine Küche, die selbst gereinigt werden muss

Vgl. zum Beispiel:

der zu nehmende Zug = der Zug, den man nehmen muss
die zu respektierenden Dritten = die Dritten, die man respektieren muss
die zu treffende Entscheidung = die Entscheidung, die getroffen werden muss
selbst aufzuklebende Etiketten = Etiketten, die man selbst aufkleben muss

Der Hinweis „Diese Küche ist selbstreinigend“ ist also entweder humoristisch gemeint oder nicht richtig formuliert. Dass dies nicht für alle selbsterklärend ist, zeigt die Verwendung des Spruches in Ihrer Dienstelle und an manchen anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Stimmt es, dass hier die Kommas im Nebensatz wegzulassen besser ist?

Vor allem für diejenigen, die sich für Subtilitäten der Zeichensetzung interessieren, hier ein Problem, das ich nicht eindeutig zu lösen weiß:

Frage

Mit der Herausgabe des amtlichen Regelwerks im Jahr 2024 wurde das Kapitel zur Zeichensetzung vollständig überarbeitet. Besonders bei den infiniten Nebensätzen wurden viele, früher fakultative Vorschriften nun obligatorisch. Zum Beispiel müssen nun Subjektinfinitive aufgrund ihrer Satzwertigkeit mit einem Komma abgetrennt werden. Leider konnte ich weder in Ihrem Blog noch im Regelwerk etwas finden, was deren Kommatierung innerhalb von Nebensätzen beschreibt.

Konkret fiel mir beim Lesen folgender Satz auf:

Er erkannte, dass den Mund zu halten besser war, als zu reden.

In einem Hauptsatz wäre das Komma unstrittig:

Den Mund zu halten, war besser, als zu reden.

Auch mit einem Verweiswort/Korrelat wäre die Kommasetzung klar geregelt:

Er erkannte, dass es besser war, den Mund zu halten, als zu reden.

[…] Wie verhält es sich nun hinsichtlich Grammatik und korrekter Zeichensetzung? Ist die Kommatierung eines Subjektinfinitivs innerhalb eines Nebensatzes erforderlich, erlaubt oder verboten?

… dass[,] den Mund zu halten[,] besser war …

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

im Prinzip werden infinite Nebensätze durch Kommas vom übergeordneten Satz abgetrennt. Nach der aktuellen Version der Rechtschreibregeln gilt dies, wie Sie richtig bemerken, auch für infinite Nebensätze mit Subjektfunktion:

Sich selbst zu besiegen, ist der schönste Sieg.
Unsere Gäste zu verwöhnen, macht uns Freude.
Den Mund zu halten, war besser, als zu reden.

Was bedeutet dies für den besonderen Fall in Ihrer Frage? Eine einfache Antwort mit einem Hinweis auf eine Regel muss ich Ihnen schuldig bleiben. Im Regelwerk wird keine Ausnahme für Subjektinfinitive in eingeleiteten Nebensätzen angegeben. Der Infinitiv (den Mund) zu halten bildet meiner Meinung nach auch kein mehrteiliges Prädikat mit war besser, so dass auch hier eigentlich Kommas gesetzt werden müssten. Es kommt ja ein infiniter Nebensatz vor, der nach der allgemeinen Regel abgetrennt werden sollte:

Stimmt es, dass, sich selbst zu besiegen, der schönste Sieg ist? [??]
Wichtig ist, dass, unsere Gäste zu verwöhnen, uns Freude macht. [??]
Er erkannte, dass, den Mund zu halten, besser war, als zu reden [??]

So machen wir es  auch bei andere Nebensätze mit eingeschobenen finiten oder infiniten Nebensätzen (die allerdings nicht Subjekt sind):

Telemachus erkannte, dass, wenn er Gott dienen wollte, er den Menschen dienen müsste.
Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen, das Schiffsvolk einen Albatros ergreift …

Die eingeklammerten Fragezeichen oben sollen angeben, dass ich die Kommasetzung dort für nicht gelungen bis sehr zweifelhaft halte. Als „Lösung“ könnte man hier eine Ausnahme formulieren, die nicht in den Regeln vorgesehen ist und wie folgt lautet: Infinite Nebensätze als Subjekt eines eingeleiteten Nebensatzes werden nicht durch Kommas abgetrennt:

Stimmt es, dass sich selbst zu besiegen der schönste Sieg ist?
Wichtig ist, dass unsere Gäste zu verwöhnen uns Freude macht.
Er erkannte, dass den Mund zu halten besser war, als zu reden.

Wenn auch diese Zeichensetung nicht überzeugt oder wenn man dies alles etwas zu kompliziert findet, kann man das Kommaproblem umgehen, indem man zu weglässt. Das ist bei Subjektinfinitiven möglich:

Stimmt es, dass sich selbst besiegen der schönste Sieg ist?
Wichtig ist, dass unsere Gäste verwöhnen uns Freude macht.
Er erkannte, dass den Mund halten besser war als reden.

Noch besser ist es oft, etwas weniger verschachtelt zu formulieren:

Sich selbst zu besiegen, ist der schönste Sieg. Stimmt das?
Wichtig ist, dass es uns Freude macht, unsere Gäste zu verwöhnen.
Er erkannte, dass es besser war, den Mund zu halten, als zu reden.

Das gilt auch für den nicht allzu leicht verständlichen Titel dieses Beitrages:

Stimmt es, dass es besser ist, im Titel oben die Kommas im Nebensatz wegzulassen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Er macht ein[’n] Fehler – falscher Nominativ oder (fast) unhörbarer Akkusativ?

Frage

Seit geraumer Zeit stelle ich fest, dass für unbestimmte Artikel und Possessivpronomen im Maskulinum Akkusativ gehäuft der Nominativ verwendet wird.

Diesen Wechsel höre ich überall im Alltag, jedoch mittlerweile auch in Filmen, Dokumentationen und Nachrichten. Ist das eine bekannte Entwicklung? Das ist doch einfach fehlerhaft oder habe ich ein Missverständnis?

Beispiele aus dem TV (gestern innerhalb von 3 Stunden):

Ich hab’ kein Schlaf.
Ein Augenblick!
Er macht ein Fehler.
Wir haben ein Hund.
Wenn sie kein Ehevertrag haben, …
Ich mach mir ein Kaffee.
Ich habe auch mein Stolz!
Er soll sich um sein Kram kümmern.
Nehmen Sie ein Schirm mit, es könnte regnen.

Antwort

Guten Tag D.,

auch Muttersprachler und Muttersprachlerinnen verwechseln im „Hochdeutschen“ je nach unterliegendem Dialekt manchmal den Akkusativ und den Nominativ. Das kann dann passieren, wenn es den Unterschied im Dialekt nicht oder kaum gibt. Ich vermute aber, dass dies hier nicht der Fall ist. Es handelt sich bei den Äußerungen, die Sie irritieren, sehr wahrscheinlich nicht um falsche Nominative, sondern um nicht gut hörbare Akkusative.

In der eher informellen (schnell) gesprochenen Sprache fällt bei unbetontem -el, -em und -en am Wortende je nach Region häufig das unbetonte e aus (fachsprachlich unter anderem: optionale Schwa-Tilgung in Reduktionssilben; silbische Konsonanten**). In der geschriebenen Sprache beibt das weggefallene e in der Regel erhalten. Ich schreibe es hier zur Verdeutlichung als Apostroph:

Apf’l (Apfel)
eit’l (eitel)
kein’m (keinem)
rot’m (rotem)
red’n (reden)
les’n (lesen)
Blum’n o. Blum’m (Blumen)

Wenn das unbetonte e der Endung -en nach einem n ausfällt, folgen zwei n aufeinander. Das ist bei schnellerem Sprechen kaum oder gar nicht zu hören**:

Banan’n (Bananen)
spinn’n (spinnen)

Entsprechend auch:

Ich hab kein’n Schlaf.
Ein’n Augenblick!
Er mach ein’n Fehler.
Wir haben ein’n Hund.
Wenn sie kein’n Ehevertrag hab’n …
Ich mach mir ein’n Kaffee.
Ich hab auch mein’n stolz!
Er soll sich um sein’n Kram kümmern.
Nehm’n Sie ein’n Schirm mit!

Ich weiß natürlich nicht mit Sicherheit, ob dies in alle Ihren Beispielen der Fall ist, aber ich vermute, dass es sich in der Regel um eine solchen Ausfall des unbetonten e handelt. Sie haben also sehr wahrscheinlich keine falschen Nominative, sondern kaum/nicht hörbare Akkusative gehört.

Mit freundlich’n Grüß’n

Dr. Bopp

** Was nach dem e-Ausfall übrig bleibt, behält seinen Wert als Silbe. Das ist bei langsamem Sprechen gut zu hören:

A-pf’l
ei-t’l
kei-n’m
re-d’n
ei-n’n
kei-n’n
mei-n’n