Ist „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ auch „Ihr Einverständnis voraussetzend“?

Frage

Es gibt die Ausdrücke „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ und „Ihr Einverständnis voraussetzend“. In meinen Augen bedeuten sie nicht dasselbe. Bei Ersterem muss ich noch auf das Einverständnis warten, bei Letzterem setze ich es einfach voraus.

Allerdings sind nicht alle derselben Meinung wie ich. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

im Prinzip haben Sie recht: Mit Ihr Einverständnis vorausgesetzt ist in der Regel gemeint, dass das Einverständnis noch gegeben werden muss. Ihr Einverständnis voraussetzend bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass man einverstanden ist. Es gibt also einen wesentlichen Unterschied:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt werde ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weiterleitet.
= Unter der Voraussetzung/Bedingung, dass Sie einverstanden sind …

Ihr Einverständnis voraussetzend habe ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weitergeleitet.
= In der Annahme / Davon ausgehend, dass Sie einverstanden sind …

ABER: Wie Sie selbst festgestellt haben, sind bei diesen sehr ähnlich aussehenden Formulierungen nicht alle derselben Meinung, wenn es darum geht, was sie genau bedeuten. Ich vermute, dass dies daran liegt, dass vorausgesetzt unterschiedlich verstanden werden kann:

Einerseits kann vorausgesetzt mit der Bedeutung verstanden werden, das es als Einleitung eines Bedingungssatzes hat (vorausgesetzt [dass] = unter der Bedingung, dass):

Vorausgesetzt, dass Sie Ihr Einverständnis geben …
= Falls Sie Ihr Einverständnis geben …

Andererseits kann vorausgesetzt wörtlich als das Partizip des Verbs voraussetzen verstanden werden (voraussetzen = als gegeben annehmen):

Ich habe Ihr Einverständnis vorausgesetzt …
= Ich bin davon ausgegangen, dass Sie einverstanden sind …

Obwohl „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ üblicherweise die erste Bedeutung hat, ist es nicht auszuschließen, dass manchmal auch die zweite gemeint ist.

Diese Zweideutigkeit könnte auch einen Einfluss auf die sehr ähnlich klingende Wendung „Ihr Einverständnis voraussetzend“ haben. Bei den Beispielen, die ich an verschiedenen Orten finden konnte ist nicht immer klar, ob das Einverständnis als gegeben angenommen oder noch erwartet wird.

Man kann hier allerlei Begründungen anführen, weshalb welche Wendung welche Bedeutung haben „muss“, aber in der Sprachrealität halten sich nicht alle daran. Ich würde deshalb empfehlen, in wichtigen Fällen auf eine Formulierung auszuweichen, die von allen gleich verstanden wird. Zum Beispiel:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt
→ falls Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihr Einverständnis voraussetzend
→ davon ausgehend, dass Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihre Zustimmung voraussetzend melde ich mich jetzt ins Wochenende ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist man ü40, ü-40, ü 40 oder ü. 40, wenn man über vierzig ist?

Frage

Ich habe eine Frage zu einer Schreibweise, bei der ich mir trotz Wälzung der Rechtschreibregeln unsicher bleibe:

Das betrifft nicht nur die Generation zwischen zwanzig und dreißig, sondern inzwischen auch die Menschen Ü-vierzig.

„Ü-vierzig“ sieht für mich seltsam aus, aber ich weiß nicht, wie es besser wäre, insbesondere, wenn man die „vierzig“ als Wort belassen möchte: „ü‑vierzig“, „ü vierzig“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

mit den Rechtschreibregeln kommt man hier nicht sehr weit und die Wörterbücher geben auch nicht viel her. Es gibt deshalb keine eindeutige, allgemein gültige Antwort auf Ihre Frage.

Im Prinzip müsste man „über“ in „über vierzig“ mit Hilfe eines Abkürzungspunktes abkürzen:

die Menschen, die ü. vierzig sind
die Menschen, die ü. 40 sind

Der Abkürzungspunkt ist aber nicht bei allen Abkürzungen üblich. Weiter ist es fraglich, ob Wendungen dieser Art nicht schon zu einer eigenständigen Formulierung mit eigener Schreibweise geworden sind. Die folgenden Varianten kommen u. a. vor (ich nenne nur die Schreibungen mit kleinem ü, siehe weiter unten):

die Menschen ü 40
die Menschen ü-40
die Menschen ü40

In Wörterbüchern ist, wie gesagt, nur wenig zu diesem Thema zu finden. Erwähnt wird nur die Verwendung dieser Abkürzungsart als Erstglied in Zusammensetzungen:

die Ü-30-Party o. die Ü30-Party

Die Verwendung der Abkürzung als eigenständiges Zahlwort wird nicht erwähnt. Sie haben hier also eine gewisse Freiheit, da die Schreibung (noch) nicht standardisiert ist. Es liegt an Ihnen, welche der oben genannten Varianten (ü. 40, ü 40, ü‑40, ü40) Sie wählen. Am nächsten bei der traditionellen Schreibweise ist ü. 40. Sie ist für mich auch die am besten geeignete Variante in Verbindung mit dem ausgeschriebenen Zahlwort: die Menschen, die ü. vierzig sind. Sonst könnte ich mich auch mit ü 40 und ü40 anfreunden, denn sie passen am besten zu die Ü-30-Party bzw. die Ü30-Party.

Vom Großbuchstaben Ü, der auch häufiger vorkommt, würde ich bei der Zahlenangabe „über vierzig“ abraten, weil er eigentlich durch nichts zu rechtfertigen ist. In „Ü-30-Party“ wird er verwendet, weil er am Wortanfang eines Substantivs steht. [Nachtrag: Für die vor allem im Sport übliche Großschreibung in Alterklasse Ü40 siehe Kommentare zum Artikel.]

Wir haben es hier mit einem verhältnismäßig neuen Sprach- und Schreibphänomen zu tun, das sich den hergebrachten Gebräuchen und Regeln entzieht und noch nicht durch den Gebrauch und/oder die Wörterbücher standardisiert ist. Den Fans von Eindeutigkeit bleibt hier deshalb nur, über vierzig auszuschreiben und abzuwarten, ob sich eine der Varianten durchsetzen wird. Bis dann bin ich vielleicht einiges weiter ü 40, als dies ohnehin schon seit längerer Zeit der Fall ist. Vielleicht bleibt diese Ausdrucksweise auch nur eine zeitlich beschränkte Modeerscheinung, die  irgendwann wieder außer Gebrauch kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

100 x 1 Filmtablette(n)

Frage

Was würden Sie sagen: 100 x 1 Filmtablette oder 100 x 1 Filmtabletten?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier ist die Einzahl zu empfehlen:

100 x 1 Filmtablette

Es geht zwar insgesamt um 100 Filmtabletten, aber in Worten ausgeschrieben bedeutet dies ja:

hundertmal eine Filmtablette

So kann man ausdrücken, dass man nicht zum Beispiel ein Glas mit hundert Tabletten, sondern hundert (separat verpackte) Einheiten von je einer Tablette meint.

Ob ich zehn Fragen oder zehnmal eine Frage beantworte, kann, aber muss nicht dasselbe sein. Grammatisch ist beides richtig formuliert. Nicht richtig hingegen wäre es, *zehnmal eine Fragen zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal die Regel mit den 2 G, diesmal mit +

Frage

In einem Ihrer stets lesenswerten Blog-Artikel haben Sie bereits die Frage bezüglich der korrekten Schreibung(en) „2-G-Regel“ bzw. „2G-Regel“ geklärt [siehe hier]. Eine Frage stellt sich mir diesbezüglich aber immer noch:

Warum wird das G großgeschrieben? Es steht doch für die Adjektive „geimpft“, „genesen“, „getestet“. Wann immer die Abkürzung „2G“ oder „3G“ erklärt wird, erfolgt ein Verweis auf diese drei Adjektive, praktisch nie auf die Nomen „Geimpfte“, „Genesene“, „Getestete“. […]

Inzwischen ist es sogar noch komplizierter geworden, denn die Begriffe „2G“ und „2G-Regel“ wurden noch um ein „Plus“ erweitert. In den vergangenen Tagen habe ich u. a. in meiner Tageszeitung die verschiedensten Schreibvarianten hierzu gefunden – offenbar schreibt jeder einfach nach Gefühl. Hier ein paar Beispiele:

2G-Plus-Regel / 2G-plus-Regel
Ab sofort gilt in vielen Bereichen 2G plus / 2G Plus / 2G-plus / 2G-Plus

Vollends durcheinander geht es, wenn das „Plus“ durch das Pluszeichen + ersetzt wird, was zurzeit auch immer häufiger geschieht. Dann kommen solche Varianten dabei heraus (ebenfalls in Printmedien entdeckt):

2G+
2G +
2G+ Regel
2G+-Regel
2G + Regel
2G-+-Regel

Was ist richtig? […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

gerade bei Abkürzungen regeln die Regeln nicht alles. Außerdem stimmt bei Abkürzungen das, was streng nach Regeln sein müsste, oft nicht mit dem überein, was ist. Das gilt auch hier. Mit einer Argumentation, die sich, so gut es geht, an die wenigen Angaben hierzu in der amtlichen Rechtschreibregelung hält, kommt man zu diesen Schreibungen:

2 G plus
2 G +
2-G-plus-Regel
2-G-+-Regel oder 2-G +-Regel [?]
Zwei-G-plus-Regel

Das große G lässt sich damit erklären, dass nur Substantive zählbar sind, nicht aber Adjektive. Nur in Fällen wie Man schreibt Egge mit zwei g ist die Kleinschreibung richtig. Sonst schreibt man nach Zahlwörtern groß: die Regel mit den zwei G.

Das Wort „plus“ sollte kleingeschrieben und ohne Bindestrich angefügt werden,  wie dies zum Beispiel bei fünf Grad plus, eine Zwei plus bekommen oder im Alter von 70 plus der Fall ist.

Wie das Pluszeichen in Zusammensetzungen behandelt werden soll, bleibt schwierig, weil nicht klar ist, wie bei Zeichen dieser Art vorzugehen ist. Ein ähnlicher Fall ist das Prozentzeichen. So schreibt man gemäß Duden 5 %-Klausel. DWDS hingegen schreibt 5-%-Hürde und gibt 5 %-Hürde und 5%-Hürde als ungültige Schreibungen an.

Wichtig ist hier aber, sich (auch) nach dem zu richten, was allgemein üblich ist, nämlich 2G und 3G. Zusammen mit plus bzw. + komme ich dann zu den folgenden Schreibungen:

2G plus
2G+ (eigentlich: 2G +)
2G-plus-Regel
2G+-Regel

Da diese Schreibungen, wie erwähnt, nicht vollständig durch Regeln belegbar „richtig“ sind, sind Abweichungen davon nicht automatisch „falsch“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum es für jedermann und nicht für jedenmann ist

Frage

Ein Deutschlernender möchte wissen, warum es „eine Untersuchung für jedermann“ und nicht „eine Untersuchung für jedenmann“ heißt. Ich kann das leider nicht begründen. […]

Antwort

Guten Tag Frau F.,

das Pronomen jedermann ist aus jeder Mann entstanden. Seine Bedeutung änderte sich im Laufe der Zeit zu jeder/jede. Mit dieser Bedeutung wurde es nicht mehr als Verbindung von jeder und Mann, sondern als eine selbständige Einheit empfunden. Das zeigt sich auch in der Betonung: Die Hauptbetonung verschob sich (bei neutraler Aussprache) auf die erste Silbe von jedermann:

jéder Mánn → jédermann

Dass der Ausdruck nicht mehr als Verbindung von jeder und Mann, sondern als eine Einheit gedeutet wurde, hatte auch zur Folge, dass man das Wort nun als Ganzes beugt:

jedermann
für jedermann
mit jedermann
jedermanns Sache

Auch die Schreibung widerspiegelt dies: Man schreibt nicht getrennt jeder Mann, sondern klein und zusammen jedermann:

jeder Mann → jedermann

Wir haben es hier mit einer wortgeschichtlichen Entwicklung zu tun, in der eine Wortverbindung zu einem selbständigen Wort mit eigener Bedeutung, Betonung und Beugung geworden ist.

Die ursprüngliche Bedeutung ist allerdings nicht ganz verloren gegangen. Wie auch die Frage des Deutschlernenden zeigt, sieht man dem Wort seine Herkunft noch sehr gut an. Es wird deshalb im Rahmen der geschlechtergerechten Sprache häufig empfohlen, statt jedermann eine andere Formulierung mit zum Beispiel jeder und jede oder alle zu verwenden. Wenn man es jedermann recht machen möchte, sagt man also besser, dass man es allen recht machen möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige „zu“

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wiederholung von Wörtern durch Weglassen zu vermeiden. Diese sprachliche „Sparmethode“ ist wichtig, hilfreich und effizient, aber sie hat ihre Grenzen. So sträubt sich zum Beispiel das zu einem Infinitiv gehörende zu erfolgreich dagegen, weggelassen zu werden:

Frage

In einem Buch habe ich diesen Satz gelesen: „Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und lösen.“ Ich verstehe nicht, warum kein „zu“ vor dem Verb „lösen“ steht […].

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn der Satz ist so nicht richtig formuliert. Ein zum Infinitiv gehörendes zu kann auch bei Aufzählungen nicht weggelassen werden, das heißt, es muss immer bei jedem Infinitiv wiederholt werden:

nicht: Ich freue mich darauf dich zu sehen und sprechen.
sondern: Ich freue mich darauf, dich zu sehen und zu sprechen.

nicht: Es begann zu stürmen, donnern und blitzen.
sondern: Es begann zu stürmen, zu donnern und zu blitzen.

nicht: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder verkaufen
sondern: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder zu verkaufen

Der Satz, den Sie zitieren, lautet also richtig:

Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und zu lösen.

So einfach kann es manchmal sein. Diese und weitere Einschränkungen beim Weglassen von gemeinsamen Wörtern in Zusammenziehungen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Knifflige Kommafrage: „egal[,] wie es ist[,] und unabhängig davon, wie es war“

Frage

Bei dem folgenden Satz frage ich mich, ob ein Komma hinter „mag“ gesetzt werden muss oder kann? Ich verzichte bewusste auf das (Kann-)Komma hinter „egal“. Der unvollständige Satz lautet wie folgt:

… egal wie schmal die Straße sein mag und vollkommen unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

bei diesem speziellen Fall sehe ich zwei Möglichkeiten:

  1. … egal, wie schmal die Straße sein mag, und unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.
  2. .… egal wie schmal die Straße sein mag und unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

Man kann dies wie folgt begründen:

  1. Wenn man das fakultative Komma nach egal setzt, trennt man den wie-Satz ab. Das hat zur Folge, dass man ihn auch am Schluss, also nach mag, durch ein Komma abtrennen sollte (vgl. § 71(E1) der amtlichen Rechtschreibregelung). Das und verbindet dann egal mit unabhängig davon. Dabei ist der erste wie-Satz egal untergeordnet, wie der zweite wie-Satz der Wortgruppe unabhängig davon untergeordnet ist:

     
    egal, wie schmal die Straße sein mag,
    und
    unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

  2. Ohne Komma zwischen egal und wie leitet egal wie als mehrteilige Nebensatzeinleitung einen Nebensatz ein. Dieser Nebensatz wird durch und gleichrangig mit der Wortgruppe unabhängig davon verbunden (von der ein Nebensatz mit wie abhängig ist). Zwischen dem Nebensatz und der Wortgruppe steht kein Komma (vgl. § 74(E2) der amtlichen Rechtschreibregelung):

     
    egal wie schmal die Straße sein mag
    und
    unabhängig davon, wie hoch das Tempo ist.

Beide Varianten sind vertretbar. Ich würde hier die Variante a) wählen, weil ich sie wegen der parallelen Konstruktion egal, wie und unabhängig davon, wie für übersichtlicher halte. Wenn Sie aber das Komma zwischen egal und wie lieber weglassen, wählen Sie einfach die Variante b).

Noch zwei Beispiele:

  1. … egal, wie es ist, und unabhängig davon, wie es war.
  2. … egal wie es ist und unabhängig davon, wie es war.
  1. Wir fahren in die Berge, vorausgesetzt, dass das Wetter es zulässt, und in der Hoffnung, dass ihr uns begleiten werdet.
  2. Wir fahren in die Berge, vorausgesetzt dass das Wetter es zulässt und in der Hoffnung, dass ihr uns begleiten werdet.

So weit meine Interpretation der Kommaregeln für Fälle wie diese. Zum Glück kommen solche „kommatechnisch problematischen“ Formulierungen nicht oft vor. Besonders[,] wenn sie länger sind[,] sowie in Texten, die leicht verständlich sein sollten, vermeidet man sie besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbform bei Subjekt mit verschiedenen Personen: du und er wirst/werdet/werden?

Frage

Wir haben hier wieder einmal große Diskussionen, wie es richtig heißt. Unsere Sätze lauten:

  1. Der Platzanweiser wird Ihnen zeigen, wo Sie und Ihr Neffe sitzen werden.
  2. Der Platzanweiser wird euch zeigen, wo ihr und euer Neffe sitzen werden/werdet[?]
  3. Der Platzanweiser wird dir zeigen, wo du und dein Neffe sitzen wirst/werdet/werden[?]

Der erste Satz scheint klar zu sein. In den Sätzen 2 und 3 wäre von der Logik her wohl „werdet“ angebracht, aber „werden“ klingt auch nicht falsch. „Wirst“ klingt falsch in Satz 3.

Antwort

Guten Tag Frau L.,

der erste Satz wird tatsächlich wie folgt formuliert:

  1. Der Platzanweiser wird Ihnen zeigen, wo Sie und Ihr Neffe sitzen werden.

Die dritte Person Sie und die dritte Person Ihr Neffe bilden zusammen ein Subjekt. Ein Subjekt mit zwei durch und verbundenen dritten Personen verlangt ein Verb in der dritten Person Plural, also werden.

Der zweite und der dritte Satz sind etwas schwieriger, weil sie ein mehrteiliges Subjekt haben, in dem unterschiedliche Personen miteinander verbunden sind. Das und verbindet nicht zwei gleiche Personen wie im ersten Satz, sondern eine zweite und eine dritte Person. In welcher Person steht dann das Verb? – Wenn von zwei Subjektteilen einer eine zweite und einer eine dritten Person ist, wählt man für das Verb die zweite Person Plural:

ihr und er = ihr
du und er = ihr

Es heißt also:

  1. Der Platzanweiser wird euch zeigen, wo ihr und euer Neffe sitzen werdet.
  2. Der Platzanweiser wird dir zeigen, wo du und dein Neffe sitzen werdet.

Weitere Informationen zu mehrteiligen Subjekten mit unterschiedlichen Personen stehen auf dieser Seite in der LEO-Grammatik, damit Sie und ich, wenn nötig, alles nachschlagen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplexe Modalverbkonstruktionen: „Es müsste operiert worden sein“

Frage

Um was für eine Konstruktion handelt es sich hierbei: „Es müsste gestern operiert worden sein“? „Es müsste“ scheint mir Konjunktiv II zu sein. Aber der Rest? Ich freue mich, wenn Sie Licht in die Sache bringen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es handelt sich hier um eine Modalverbkonstruktion. Bei einer Modalverbkonstruktion wird ein Modalverb (dürfen, können, müssen, mögen, sollen, wollen) mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Hier wird müsste mit operiert worden sein verbunden:

müsste = Konjunktiv II Präteritum 3. Person Singular von „müssen“ (vgl. hier)
operiert worden sein = Infinitiv Perfekt Passiv von „operieren“  (vgl. hier)

Nach seiner Bedeutung wird der Konjunktiv II Präteritum auch Konjunktiv II Gegenwart genannt. Hier drückt müssen im Konjunktiv II zusammen mit einem Partizip Perfekt eine Vermutung in der Gegenwart über etwas Vergangenes aus:

Es müsste operiert worden sein.
= Es ist anzunehmen/wahrscheinlich, dass operiert worden ist.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik zu dieser Verwendung von müssen.

Das ist nicht dasselbe wie:

Es hätte operiert werden müssen.

Damit wird gesagt, dass in der Vergangenheit nicht operiert wurde, obwohl hätte operiert werden müssen. Es ist also keine Vermutung, sondern eine Aussage über etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, obwohl es hätte geschehen müssen (vgl. diesen älteren Blogartikel).

Noch komplexer ist diese Formulierung:

Es hätte operiert worden sein müssen.

Wenn die Formulierung überhaupt noch entzifferbar ist, bedeutet sie, dass zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit nicht operiert worden war, obwohl dies hätte geschehen sein müssen (verstehen Sie’s noch?). Es ist jedenfalls auch keine Vermutung.

Und wie sieht es mit einer Vermutung in der Vergangenheit aus? Sie lässt sich u. a mit dem Indikativ Präteritum von müssen ausdrücken:

Es musste operiert worden sein.
= Es war wahrscheinlich, dass operiert worden war.

Der langen Abschweifung kurzer Sinn: Das Problem bei komplexeren Modalverbkonstruktionen ist weniger, wie man sie korrekt benennt, als vielmehr, was genau mit ihnen gesagt wird oder gesagt werden soll. Häufig ist dann eine Umschreibung mit anderen Worten anzuraten, damit nicht diese Kritik laut wird: „Es hätte leichter verständlich formuliert werden können“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lifttestturm

Wie der Titel zeigt, gibt es Wörter, die man auf Anhieb kaum lesen kann. Einem solchen Wort bin ich auf der Autobahn zwischen Singen und Stuttgart begegnet. Zuerst bin ich eigentlich dem Ding begegnet, das mit dem Wort bezeichnet wird: Von der Autobahn aus sieht man ein Bauwerk, das groß aussieht, sehr groß sogar, so groß, dass ich zuerst an eine optische Täuschung dachte. Beim zweiten und dritten Hinsehen blieb der Turm aber so riesig, wie er auf den ersten Blick schon ausgesehen hatte. Ein Blick ins „allwissende“ Internet zeigte bald, dass es sich um einen 246 Meter hohen Turm handelt, einen Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge (Tipp für Fans von Weit- und Hinuntergucken: Der TK-Elevator-Testturm in Rottweil hat offenbar die höchste Besucherplattform Deutschlands).

Da ich aus einer deutschsprachigen Ecke komme, in der man eher den Lift als den Aufzug oder den Fahrstuhl nimmt, notierte ich mir diese Entdeckung als Lifttestturm. Schon beim Aufschreiben stolpert man irgendwie über die Buchstaben, und als ich die Notiz gestern wieder las, gelang es mir nicht, das Wort sofort zu erkennen. Wäre es nicht ein typischer Fall für einen Bindestrich? Lift-Testturm liest sich schon ein bisschen besser, aber auch beim Lesen von Testturm kommt das Auge gewissermaßen kurz ins Holpern. Da ich einem Zuviel an „verdeutlichenden“ Bindestrichen kritisch gegenüberstehe, kommt für mich Lift-Test-Turm nicht in Frage.

Ich will die Sache nun nicht komplizierter darstellen, als sie ist. Wenn man einmal weiß, dass der Turm dem Testen von Aufzügen dient, meistert man auch Lift-Testturm und Lifttestturm ohne größere Schwierigkeiten. Es geht mir hier auch nicht um ein besonderes orthografisches Problem oder einen wichtigen Rechtschreibhinweis. Mir hat einfach gefallen, dass es Wörter gibt, die beim Lesen ähnliche Schwierigkeiten bereiten wie Zungenbrecher beim Sprechen. Bekanntere Beispiele sind Baumentaster, Fahrspurende, Quietscheente, Rohrohrzucker, Urenkelchen. Dieser Reihe füge ich hiermit Lifttestturm hinzu.