Beide oder beides? – Plural oder Singular?

Frage

[…] Sie haben am Ende einer Erklärung mit zwei Beispielen das Folgende geschrieben: „Beides ist hier möglich“:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Wäre nicht logischer und damit (stilistisch) besser „Beide sind hier möglich“?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „beide“ kommt tatsächlich sehr häufig im Plural vor. Das ist dann der Fall, wenn es sich auf zwei Personen oder auf zwei gleichartige Dinge bezieht:

Meine Mutter und mein Vater, beide kommen aus dem Schwarzwald.
Zwei Stühle zu verkaufen, beide in gutem Zustand
Ich kenne die erste und die zweite Strophe. Ich finde beide schön.
Du hattest zwei Versuche. Beide sind missglückt.

Nur allein stehend kommen die Singularformen „beides“ (Nominativ und Akkusativ) und „beidem“ (Dativ) vor. Sie beziehen sich auf zwei verschiedenartige Dinge, Eigenschaften oder Vorgänge:

Kuckucksuhr und Kirschtorte, beides gehört zu den Schwarzwälder Klischees.
Tisch und vier Stühle zu verkaufen, beides in gutem Zustand
Rot oder Grün? – Mir gefällt beides.
Hierbleiben oder mitkommen, ich bin mit beidem einverstanden.

In der zitierten Antwort halte ich nur den Singular für richtig:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Erst wenn man „sein würde“ und „werden würde“ durch das Hinzufügen von z. B. „Form“ zu gleichartigen Elementen macht, ist auch der Plural möglich:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beide sind hier möglich.
(beide Formen)

Der Singular ist dann aber nicht ausgeschlossen:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.
(Zustand angeben mit „sein würde“ + Vorgang angeben mit „werden würde“)

Dieses Beispiel zeigt, dass die Grenzen manchmal fließend sind. Das liegt daran, dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen gleichartigen und verschiedenartigen Dingen nicht immer möglich ist.

Ich habe einen Tisch und einen Stuhl neu gestrichen, beides hellblau.
(Tisch und Stuhl = zwei verschiedene Dinge)
Ich habe einen Tisch und einen Stuhl gekauft, beide in der Höhe verstellbar.
(Tisch und Stuhl = zwei Möbelstücke)

Kurz zusammengefasst: Bei Personen und gleichartigen Dingen heißt es „beide“, bei verschiedenartigen Dingen heißt es „beides“ – und manchmal ist beides möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bahnbrechende Ideen und sich Bahn brechende Ideen

Frage

Ich kenne das Adjektiv „bahnbrechend“. In meiner Zeitung steht: „Er habe Verständnis, dass sich diese Emotionen haben bahnbrechen müssen, sagte der Vereinsvorsitzende.“ Das Verb „bahnbrechen“ habe ich jedoch in keinem Nachschlagewerk gefunden. Gibt es das überhaupt oder müsste es „Bahn brechen“ heißen?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Wendung (die ich ehrlich gesagt in meinem ganzen Leben noch nie gebraucht und deshalb zur Sicherheit nachgeschlagen habe) lautet:

sich Bahn brechen
= sich durchsetzen
Neue Ideen brechen sich Bahn.
= Neue Ideen setzen sich durch.

Wenn man so formuliert, dass die Wendung als Partizipgruppe vor einem Substantiv steht, wird wie folgt geschrieben:

eine sich Bahn brechende Idee
= eine Idee, die sich durchsetzt

Das Adjektiv „bahnbrechend“, das Sie in Ihrer Frage anführen, hat eine eigene Bedeutung erhalten, nämlich „umwälzend“, „eine ganz neue Entwicklung einleitend“:

eine bahnbrechende Idee
= eine umwälzende Idee; eine Idee, die eine ganz neue Entwicklung einleitet

Bei bahnbrechenden Ideen ist nicht immer gesagt, dass sie sich Bahn brechen. Nicht jede umwälzende Idee setzt sich auch durch.

Zurück zu Ihrer Frage: Der im Artikel zitierte Vereinsvorsitzende meinte wahrscheinlich, dass die Emotionen sich haben durchsetzen müssen. Richtig ist dann die Getrenntschreibung:

Die Emotionen brechen sich Bahn.
= Die Emotionen setzen sich durch.
Die Emotionen haben sich Bahn brechen müssen.
Er habe Verständnis dafür, dass diese Emotionen sich Bahn haben brechen müssen.
auch: Er habe Verständnis dafür, dass diese Emotionen sich haben Bahn brechen müssen.

Sie haben also recht, dass im Artikel nicht „bahnbrechen“, sondern besser „Bahn brechen“ stehen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Viren mutieren: Mutationen und Mutanten

Ich darf zwar ein „Dr.“ vor meinem Namen führen, aber außer wie man mit Kamillentee, Paracetamol, Jod oder Alkohol und Pflastern umgeht, sind Krankheiten eindeutig nicht mein Fachgebiet. Ein solcher Doktor bin ich nicht. Mein Beitrag zum Thema Virus ist deshalb rein sprachlicher Natur, wie es sich für einen „Sprachdoktor“ gehört:

Frage

Vermehrt hört man jetzt nicht nur von Mutationen (des Virus) sondern auch von Mutanten. Letzteres hört sich in diesem Kontext falsch an. Was sagen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das zum Themenkreis „Pandemie“, „Lockdown“, „Schutzmaske“ und „Impfstoff“ gehörende Wort „Mutation“ bedeutet wörtlich „Veränderung“ und kommt in diesem Zusammenhang aus der Fachsprache der Biologie. Dort hat es eine viel engere Bedeutung: „Veränderung in den Erbanlagen eines Organismus“. Mit den englischen, brasilianischen oder südafrikanischen Mutationen sind genau genommen Mutationen oder eben Veränderungen am Erbgut des Covid-19-Virus gemeint, die in England, Brasilien bzw. Südafrika zum ersten Mal festgestellt wurden.

In den Medien, in Diskussionsprogrammen und an anderer Stelle sind manchmal nicht die Veränderungen an den Erbanlagen, sondern die veränderten Viren oder Virenstämme gemeint, wenn von zum Beispiel „den englischen Mutationen“ die Rede ist. Das ist – zumindest fachsprachlich – nicht ganz zutreffend, denn die mutierten, das heißt veränderten Organismen werden nicht „Mutationen“, sondern „Mutanten“ genannt. Bei der Einzahl hat man die Wahl zwischen „der Mutant“ (Genitiv: „des Mutanten“) oder „die Mutante“.

Kurz zusammengefasst: Mutanten sind durch Mutation entstanden. Es ist also auch in diesem Kontext korrekt, von Mutanten zu sprechen – vorausgesetzt, man meint damit nicht die Veränderungen, sondern die veränderten Viren. Und wenn es nicht vorrangig um die Veränderungen an den Erbanlagen des Coronavirus geht, kann man auch einfach von den verschiedenen Varianten des Virus sprechen.

Ganz gleich ob Mutation, Mutant(e), Variation oder „Original“, passen Sie gut auf, dass das Virus Sie möglichst nicht erwischt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anglizismus des Jahres 2020

„Ereignisse“ wie die Wahlen zum Wort des Jahres sind in der Regel kein Thema in diesem Blog. Wer gerne wissen möchte, welches die Wörter und Unwörter des vergangenen Jahres waren (auch wenn es schon wieder Februar ist!), findet sie für Deutschland, Österreich und die Schweiz in Wikipedia.

Nur auf den Anglizismus des Jahres weise ich gelegentlich hin:

(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Dieses Jahr hat ein Wort den Titel „Anglizismus des Jahres“ gewonnen, das ihn leider wirklich verdient:

Lockdown

Mehr Informationen zu dieser Wortwahl finden Sie auf der Seite Anglizismus des Jahres.

Wenn Gedankenstriche und andere Satzzeichen aufeinandertreffen

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema „Komma und Gedankenstrich“. Je länger ich auf folgende Sätze starre, desto unsicherer werde ich:

Die Gestaltung des Gartens – der mosaikverzierte Fischteich, das aufwändig angelegte Pflanzenrondell –,(?) beeindruckte ihn.

Thomas, der wieder bei Andrea wohnte – die ebenfalls Grüße bestellte –,(?) kündigte seinen Besuch an.

Ich weiß wirklich nicht, ob nun ein Komma nach dem letzten Strich gesetzt werden muss.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

bei Einschüben mit Gedankenstrichen muss zwischen den Satzzeichen, die zum übergeordneten Satz gehören, und den Satzzeichen, die zum Einschub gehören, unterschieden werden.

a) Satzzeichen des übergeordneten Satzes

Bei einem Einschub mit doppelten Gedankenstrichen gilt, dass man die Satzzeichen im übergeordneten Satz gleich setzt, wie wenn der Einschub nicht stünde.

Bei Ihrem ersten Beispielsatz steht kein Komma nach dem Gedankenstrich, weil dort auch ohne Einschub kein Komma stehen würde:

Die Gestaltung des Gartens – der mosaikverzierte Fischteich, das aufwändig angelegte Pflanzenrondell beeindruckte ihn.
vgl.: Die Gestaltung des Gartens beeindruckte ihn.

Beim zweiten Satz folgt direkt nach dem abschließenden Gedankenstrich ein Komma, nämlich das Komma, das auch ohne Einschub geschrieben würde:

Thomas, der wieder bei Andrea wohnte – die ebenfalls Grüße bestellte –, kündigte seinen Besuch an.
vgl.: Thomas, der wieder bei Andrea wohnte, kündigte seinen Besuch an.

Und hier noch zwei weitere Beispiel, in denen Satzzeichen des übergeordneten Satzes nach dem schließenden Gedankenstrich stehen:

Das Problem war – schon zum x-ten Mal –, dass jemand den Waschküchenschlüssel nicht zurückgelegt hatte.
vgl.: Das Problem war, dass jemand den Waschküchenschlüssel nicht zurückgelegt hatte.

Dann behauptete er – niemand glaubte ihm –: „Ich habe die Frau noch nie gesehen.“
vgl.: Dann behauptete er: „Ich habe die Frau noch nie gesehen.“

Die Satzzeichen des übergeordneten Satzes müssen also immer geschrieben werden. Wie sieht es aus, wenn der Einschub Satzzeichen hat?

b) Satzzeichen am Ende des Einschubes

Fragezeichen und Ausrufezeichen, die zu einem eingeschobenen Zusatz oder Nachtrag gehören, werden vor dem zweiten Gedankenstrich geschrieben:

Unser Geheimnis – du weißt doch noch welches? – bleibt weiterhin unter uns.

Das Problem war – schon wieder! –, dass jemand den Waschküchenschlüssel nicht zurückgelegt hatte.

Ein Punkt, der zu einem eingeschobenen Zusatz oder Nachtrag gehört, fällt weg, auch wenn es sich um einen vollständigen Satz handelt:

Die zwölf Punkte aus Zypern gingen auch dieses Jahr – die Festivaltradition will es so  – an Griechenland.

Dann behauptete er – niemand glaubte ihm –, er habe die Frau noch nie gesehen.

Auch ein abschließendes Komma am Schluss des Einschubs wird nicht geschrieben:

Die Gestaltung des Gartens – vor allem das aufwändig angelegte Pflanzenrondell, in dem exotische Blumen gediehen – beeindruckte ihn.

Thomas, der wieder bei Andrea wohnte – seiner Freundin, die ebenfalls Grüße bestellte –, kündigte seinen Besuch an.

Zusammenfassend

Die Satzzeichen des übergeordneten Satzes werden alle geschrieben, wie wenn es keinen Einschub gäbe. Ein zum Einschub gehörendes Frage- oder Ausrufezeichen wird vor dem abschließenden Gedankenstrich geschrieben. Ein abschließender Punkt oder ein abschließendes Komma am Ende des Einschubes fällt weg.

All dies – und viele weitere Informationen zur Zeichensetzung beim Gedankenstrich! – finden Sie auch auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bindestrich nach Fugen-s:
Ausführungsbestimmungs-konform oder ausführungsbestimmungskonform?

Frage

Wegen des Fugen-s besteht Unsicherheit, welche Möglichkeiten man hat, folgende Wortzusammensetzung zu schreiben.

1) Ausführungsbestimmungs-konform
2) ausführungsbestimmungskonform

Falls beide Möglichkeiten gehen, was ist die Empfehlung?

Antwort

Guten Tag A.,

die Rechtschreibregelung „verbietet“ es nicht, einen Bindestrich auf ein Fugenelement folgen zu lassen. Stilistisch ist es meist nicht sehr überzeugend, direkt nach einem Fugenelement einen Bindestrich zu schreiben. Schließlich gibt ja das Fugenelement schon an, wo die Trennstelle zwischen den beiden Wortteilen liegt. Bei unübersichtlichen und sehr (oder viel zu) langen Zusamensetzungen ist dennoch die Bindestrichschreibung anzuraten:

Hochgeschwindigkeits-Internetzugang
(oder: Hochgeschwindigkeitsinternetzugang)

Manchmal ist der Bindestrich auch obligatorisch, zum Beispiel in Zusammensetzungen mit Abkürzungen:

Installations-ID
Fugen-s

Für das Wort in Ihrer Frage sind somit beide Schreibungen möglich. Ich neige allgemein dazu, die Schreibungen mit „verdeutlichendem“ Bindestrich für gar nicht so verdeutlichend zu halten und die Zusammenschreibung zu wählen:

ausführungsbestimmungskonform
die ausführungsbestimmungskonforme Verarbeitung personengebundener Daten

Hier kommt hinzu, dass der Bindestrich bei Substantiv-Adjektiv-Zusammensetzungen bewirkt, dass das Gesamtwort einen großen Anfangsbuchstaben erhält, obwohl es ein Adjektiv ist. Das macht nach meinem Empfinden die durch den Bindestrich gewonnene Verdeutlichung wieder zunichte:

Ausführungsbestimmungs-konform
die Ausführungsbestimmungs-konforme Verarbeitung personengebundener Daten

In diesem Fall würde ich – wenn irgendwie möglich – sowieso eine weniger „bürokratische“, lesefreundlichere Variante wählen wie zum Beispiel:

den Ausführungsbestimmungen konform
mit den Ausführungsbestimmungen konform

eine [mit] den Ausführungsbestimmungen konforme Verarbeitung personengebundener Daten
personengebundene Daten in Übereinstimmung mit den Ausführungsbestimmungen [zu] verarbeiten

Formulierungen dieser Art sind zwar länger, aber für das nicht an Behördendeutsch gewöhnte Auge wahrscheinlich schneller und einfacher zu verstehen. Meine Empfehlung, allzu lange Wörter zu vermeiden, ist letztlich aber Ansichts- oder Geschmackssache. Streng nach Regeln sind, wie gesagt, sowohl „ausführungsbestimmungskonform“ als auch „Ausführungsbestimmungs‑konform“ mögliche Schreibungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein wenig, ein bisschen und der Genitiv

Frage

Ich habe eine Frage zu „ein wenig“ und „ein bisschen“ in Bezug auf den Genitiv. Sind folgende Formulierungen korrekt?

wegen ein wenig Wein/Milch
wegen ein bisschen Wein/Milch

Ist auch der Genitiv möglich?

wegen ein wenig Weins/Milchs
wegen ein bisschen Weins/Milchs

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn auf „ein wenig“ und „ein bisschen“ ein allein stehendes Substantiv folgt, kann es nicht im Genitiv stehen. Im Singular ist dann die ungebeugte Form (Nominativ) üblich, wie Sie dies in Ihren ersten Beispielen getan haben:

wegen ein wenig Wein
wegen ein bisschen Milch

So weit, so einfach. Die Beugung bei „ein wenig“ und insbesondere bei „ein bisschen“ hat aber noch ein paar Finessen bereit:

Wenn das Substantiv mit einem gebeugten Adjektiv o. Ä. steht, kommt doch der Genitiv zum Zug:

wegen ein wenig roten Weins
wegen ein bisschen frischer Milch

Bei „ein bisschen“ bleibt „bisschen“ immer ungebeugt, aber der unbestimmte Artikel kann gebeugt werden. Wenn man sich für die Beugung des Artikels entscheidet, steht auch das Substantiv im Genitiv (auch wenn mir das irgendwie nicht „logisch“ vorkommt):

wegen eines bisschen Weins
wegen eines bisschen Stoffs

Mit einem gebeugten Adjektiv:

wegen eines bisschen roten Weins
wegen eines bisschen frischer Milch

Und wenn wir schon dabei sind: Wie sieht es diesbezüglich im Dativ aus? – Ganz ähnlich, das heißt, „ein wenig“ bleibt ungebeugt und bei „ein bisschen“ kann der unbestimmte Artikel gebeugt werden:

mit ein wenig [rotem] Wein
mit ein/einem bisschen [frischer] Milch

Und nun „zusammenfassend“ für die Liebhaber und Liebhaberinnen von Tabellen und Ähnlichem

ein wenig Wein/Milch
für ein wenig Wein/Milch
mit ein wenig Wein/Milch
wegen ein wenig Wein/Milch

ein wenig roter Wein/frische Milch
für ein wenig roten Wein/frische Milch
mit ein wenig rotem Wein/frischer Milch
wegen ein wenig roten Weins/frischer Milch

ein bisschen Wein/Milch
für ein bisschen Wein/Milch
mit ein/einem bisschen Wein/Milch
wegen ein bisschen Wein/Milch
wegen eines bisschen Weins/Milch

ein bisschen roter Wein/frische Milch
für ein bisschen roten Wein/frische Milch
mit ein/einem bisschen rotem Wein/frischer Milch
wegen ein/eines bisschen roten Weins/frischer Milch

Mit der Bitte um ein wenig Nachsicht, weil es ein bisschen viel Information geworden ist, und mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

———

Nachtrag für „unverbesserliche“ Genitivfans:

Nach „ein wenig“ und „ein bisschen“ ist der partitive Genitiv nicht gebräuchlich. Es heißt also nicht:

Ein wenig/Ein bisschen frischer Luft tut gut.
für ein wenig/ein bisschen roten Weins
mit ein wenig/ein[em] bisschen guten Willens

sondern wie nach zum Beispiel „viel“ oder „wenig“:

Ein wenig/Ein bisschen frische Luft tut gut.
für ein wenig/ein bisschen roten Wein
mit ein wenig/ein[em] bisschen gutem Willen

Das Komma in „die Verpflichtung[,] zu helfen und zu heilen“

Frage

Ich habe folgende Frage:

Wir haben als Ärzte die Verpflichtung zu helfen.

Das ist klar: kein Komma, weil kein erweiterter Infinitiv mit „zu“.

Wir haben als Ärzte die Verpflichtung, schnell zu helfen.

Das ist mir auch klar: ein Komma, weil erweiterter Infinitiv mit „zu“.

Jetzt die Frage:

Wir haben als Ärzte die Verpflichtung, zu helfen und zu heilen.

Steht hier nach „Verpflichtung“ ein Komma, wie ich es in der Zeitung gelesen habe?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Ihre Erklärung zu den ersten beiden Sätzen ist nicht ganz zutreffend. Nach der geltenden Rechtschreibregelungen kann eine Infinitivgruppe mit „zu“ immer durch Kommas abgetrennt werden, auch wenn sie nur aus „zu“ und einem reinen Infinitiv besteht. Es ist also immer richtig, Kommas zu setzen. Die Frage ist vielmehr, wo man das Komma weglassen darf.

In diesem Fall ist die Infinitivgruppe von „Verpflichtung“ abhängig. Wenn eine Infinitivgruppe von einem Substantiv abhängig ist, gilt nach § 75.2 der amtlichen Rechtschreibregelung, dass Kommas gesetzt werden:

der Plan, abzureisen
der Plan, heimlich abzureisen

Wir haben die Verpflichtung, zu helfen.
Wir haben die Verpflichtung, schnell zu helfen.
Wir haben die Verpflichtung, zu helfen und zu heilen.

Nach § 75 E1 können die Kommas hier weggelassen werden, wenn ein bloßer Infinitiv vorliegt und keine Missverständnisse entstehen können. Also auch:

der Plan abzureisen
Wir haben die Verpflichtung zu helfen.

Nun zum Fall, um den es Ihnen eigentlich geht: Man könnte sagen, dass zweimal ein bloßer Infinitiv vorliegt und dass deshalb das Komma auch entfallen kann. Ich interpretiere die Regel aber anders. Wir haben es nicht mit einem bloßen Infinitiv zu tun, sondern mit zwei bloßen Infinitiven und der Konjunktion „und“. Deshalb würde ich das Komma nicht weglassen. Also nur mit Komma:

Wir haben die Verpflichtung, zu helfen und zu heilen.
Sie hat die Fähigkeit, zuzuhören und zu schweigen.
Viele spüren heute die Sehnsucht, zu berühren und zu umarmen.

Und selbst wenn man diese Interpretation nicht teilt, ist gemäß den Rechtschreibregeln das Komma hier jedenfalls nicht falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„X ist das neue Y“ und die Großschreibung

„X ist das neue Y“ – Es geht hier nicht um die Frage der Originalität solcher Formulierungen, sondern nur um die Groß- oder Kleinschreibung.

Frage

„Regional ist das neue international“ im Sinne von „Rot ist das neue Grün“ oder so ähnlich. Schreibt man „international“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

der Artikel „das“ und das gebeugte Adjektiv zeigen an, dass es sich hier um eine Substantivierung handelt. Richtig ist deshalb die Großschreibung. Das gilt nicht nur für Serientitel wie„Orange ist das neue Schwarz“ oder das zurzeit häufig strapazierte „das neue Normal“, sondern auch für:

Regional ist das neue International

Und weil es so schön unkompliziert ist, hier noch ein paar Beispiele:

Analog ist das neue Digital
Doof ist das neue Schlau
Freaky ist das neue Cool
Getrennt ist das neue Zusammen
Langsam ist das bessere Schnell

Wie man sieht, muss es nicht immer kompliziert sein. Mit einem „neuen Einfach“ kann ich aber leider nicht aufwarten, dafür gibt zu viele alte und neue Tücken der Rechtschreibung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nein, dies ist keine doppelte Verneinung

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema „doppelte Verneinung“. In einer bayrischen Online-Zeitung stand vor kurzem folgende Überschrift:

#Faktenfuchs: Nein, beim Impfen werden keine Mikrochips eingesetzt

Ich habe daraufhin geschrieben: „… es werde also doch Chips eingesetzt.“ Die Antwort der Zeitung war: „Bei dieser Überschrift handelt es sich nicht um eine doppelte Verneinung. Das Satzzeichen trennt die beiden Sätze voneinander.“

Da laust mich doch der A….. – Hat sich unsere Sprache schon so verselbständigt, dass nun jeder schreibt, wie er will? Wann endlich wird es für solche Fälle Klarheit geben? Es kann doch nicht so schwer sein. Andere Sprachen können das doch auch!

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Zeitung hat recht. Es handelt sich hier nicht um eine doppelte Verneinung, auch wenn zwei verneinende Elemente vorkommen. Es handelt sich um eine negative Antwort oder Entgegnung, die aus zwei separat zu betrachtenden Teilen besteht. Die Überschrift, die Sie zitieren, ist als Antwort auf eine Frage oder als Entgegnung auf eine Aussage zu verstehen:

– Werden bei der Impfung Mikrochips eingesetzt?
– Nein, bei der Impfung werden keine Mikrochips eingesetzt.

– Bei der Impfung werden Mikrochips eingesetzt.
– Nein, bei der Impfung werden keine Mikrochips eingesetzt.

Die Antwort oder Entgegnung besteht aus zwei Teilen: aus der Antwortpartikel „nein“ und einem verneinten Satz. Hier werden zwei einfache Verneinungen nebeneinandergestellt. Dass sie separat zu betrachten sind, zeigt in der Schrift das Komma und in der gesprochenen Sprache eine kurze Pause an. Vielleicht illustrieren ein paar einfache Beispiele etwas besser, dass wir häufig so formulieren:

– Geht es dir gut?
Nein, mir geht es nicht gut.

– Hast du jemanden gesehen?
Nein, ich habe niemanden gesehen.

– Ich habe recht.
Nein, du hast nicht recht.

Es kommen jeweils zwei verneinende Wörter vor, aber es handelt sich bei diesen Äußerungen nicht um doppelte Verneinungen. Die verneinende Wirkung von „nein“ erstreckt sich nämlich nicht auf den ihm folgenden Satz. Es ist eine selbstständige Einheit, die sozusagen als eigenständiger Satz betrachtet werden kann. Das ist ohne Zweifel klar und gilt allgemein für das Deutsche. Niemand würde wie folgt verneinend formulieren:

– Ich habe recht.
– Nein, du hast recht.

Diese Entgegnung ist nicht möglich, weil die verneinende Wirkung von „nein“ beim Komma stoppt, so dass das Nachfolgende eine eigene Verneinung benötigt, wenn es verneint zu verstehen ist:

– Ich habe recht.
Nein, du hast nicht recht.

Das gilt nicht nur für das Deutsche, sondern auch für andere Sprachen. So enthalten die folgenden Übersetzungen von „Nein, du hast nicht recht“ auch jeweils zwei verneinende Elemente: „No, you are not right“; „Nee, je hebt niet gelijk“, „No, non hai ragione“, „Non, tu n’as pas raison“, „Ne, nemáš pravdu“.

Im Gegensatz dazu haben wir es bei den folgenden Beispielen mit einer doppelten Verneinung zu tun, die zu zumindest standardsprachlich zu einer Bejahung wird:

Bei der Impfung werden nicht keine Mikrochips eingesetzt.
(= Es werden Mikrochips eingesetzt)
Du hast nie nicht recht.
(= Du hast immer recht)
Mir geht es nicht nicht gut.
(= Mir geht es gut)
Niemand hat mich nicht gesehen.
(= Alle haben mich gesehen)

Hier stehen die beiden Verneinungen nicht separat nebeneinander. Sie haben beide denselben Wirkungsbereich und heben sich dadurch gegenseitig auf.

Die Tatsache, dass in einer Äußerung zwei Verneinungen vorkommen, bedeutet nicht immer, dass es sich um eine doppelte Verneinung mit bejahender Bedeutung handelt. Wenn die verneinten Elemente selbstständig nebeneinanderstehen, wie dies bei „nein“ und einem verneinten Satz der Fall ist, heben sie sich nicht gegenseitig auf. Sie sind als Wiederholung zu verstehen und bleiben verneint.

Die Überschrift, die Sie bemängeln, bedeutet somit eindeutig, klar und in Übereinstimmung mit der deutschen Grammatik, dass bei der Impfung keine Mikrochips eingesetzt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp