Worin verwandelt sich die Kröte?

Frage

Gestern wurde bei Günter Jauch in „Wer wird Millionär“ folgende Frage gestellt: „Worin verwandelt sich die Kröte durch Versetzen eines Buchstabens?“ Die möglichen Antworten, nur der Vollständigkeit halber: Hund, Katze, Maus, Märchenprinz.

Was mich an der Frage doch sehr verwundert, ist das Fragewort „worin“. Ich würde „in was“ vorziehen.

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage hat auch mich stutzen lassen. Ich finde nämlich wie Sie, dass Worin verwandelt sich eine Kröte … falsch klingt. Aber weshalb?

Im Allgemeinen gilt, dass man in der Standardsprache nicht mit einer Präposition und was fragt, sondern mit der entsprechende Form wo(r)-. Zum Beispiel:

Umgangssprachlich:
Mit was reparierst du das?
Über was redet ihr?
Von was hast du geträumt?

Standardsprachlich:
Womit reparierst du das?
Worüber redet ihr?
Wovon hast du geträumt?

Deshalb hat man sich bei der Quizsendung wohl dazu entschieden, nicht umgangssprachlich in was, sondern worin zu verwenden, wie es sich standardsprachlich zu gehören scheint. Ganz so einfach geht das aber leider nicht. Man kann im Prinzip auch in was besser durch worin ausdrücken. Das ist aber nur dann richtig, wenn mit in wörtlich oder figürlich ein Standort angegeben wird (in mit Dativ):

Worin soll ich das Geld aufbewahren?
Worin besteht der Unterschied?

Man kann worin nicht verwenden, wenn in wörtlich oder figürlich eine Richtung angibt (in mit Akkusativ). Es muss dann worein heißen:

Worein hast du das Geld gelegt?
Worein sollte ich mich weiter vertiefen?

Entsprechend hieße es theoretisch auch:

Worein verwandelt sich die Kröte durch Versetzen eines Buchstabens?

Dieses worein ist aber veraltet, das heißt, kaum jemand verwendet es noch. Wenn man hier in was vermeiden will und worein einem zu archaisch klingt, bleibt einem nichts anderes übrig, als eine andere Formulierung zu wählen.

In diesem Fall ist es gar nicht so einfach, eine andere Formulierung zu finden. Das Verb verwandeln soll einen ja in Verbindung mit der Antwortmöglichkeit Märchenprinz auf eine falsche Fährte führen. Man soll an das Märchen „Der Froschkönig“ denken, damit man nicht gleich auf die Idee kommt, den zweiten Buchstaben der Kröte an die letzte Stelle zu schieben. Das Verb verwandeln ist deshalb für die Fragestellung sehr wichtig. Und dieses Verb verlangt nun einmal die Präposition in mit Akkusativ.

Ich hätte den Quizredakteurinnen und –redakteuren deshalb empfohlen, den Standard für einmal Standard sein zu lassen und zu fragen: In was verwandelt sich die Kröte durch Versetzen eines Buchstabens? Besser eine Formulierung, die als umgangssprachlich angesehen wird, als eine falsche Formulierung. Worin verwandelt sich die Kröte? wäre höchstens dann eine passende Frage, wenn man eine Antwort wie im Schlossbrunnen oder im Schlafgemach der Prinzessin erwarten würde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als oder wie ich neulich …

Frage

Gibt es eine Regel, wann man in Aussagesätzen wie oder als verwendet?

Als ich neulich …
Wie ich neulich …

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

für die zeitliche Verwendung von als und wie gilt das Folgende: Mit als drückt man in der Vergangenheit aus, dass ein einmaliges Geschehen gleichzeitig mit einem anderen Geschehen erfolgt:

Als ich neulich nach Hause kam, stand die Polizei vor der Tür.

Hier sollte man nicht wie verwenden. Man sagt standardsprachlich also besser nicht:

Wie ich neulich nach Hause kam, stand die Polizei vor der Tür.

Wenn man hier trotzdem einmal wie verwendet, steht glücklicherweise nicht gleich die Polizei vor der Tür. Es gilt aber als umgangssprachlich. Nur wenn man etwas Vergangenes erzählt und dabei das sogenannte historische Präsens verwendet, kann als oder wie stehen:

Als ich neulich nach Hause komme, steht die Polizei vor der Tür.
oder
Wie ich neulich nach Hause komme, steht die Polizei vor der Tür.

Diese Angaben können Sie auch in der Canoonet-Grammatik nachlesen. Dort fällt sogar ein Schuss!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das unsystematische „welches“

Regelmäßige Besucher und Besucherinnen wissen, dass ich Sie immer wieder bitte, bei Fragen darauf zu achten, Ihre E-Mail-Adresse richtig anzugeben. Ich kann Ihnen nämlich sonst nicht antworten. Das ist gestern wieder zweimal vorgekommen. Einmal bei Andreas Frage nach dem Fall, der bei analog steht. (Andrea, wenn Sie an der Antwort interessiert sind, schicken Sie bitte eine E-Mail an die auf dieser Seite angegebene E-Mail-Adresse.)

Die zweite „unbeantwortbare“ Frage kam vermutlich aus Russland (.ru). Sie zeigt, dass wir im Deutschen manchmal etwas eigenartig mit der Übereinstimmung in Genus und Numerus umgehen:

Frage

In einem Kinderbuch habe ich folgenden Satz gelesen: „Welches sind die größten Schiffe?“ Dann habe ich noch mehrere ähnliche Fragen entdeckt. Worauf bezieht sich die Endung -s im Wort „welches“?

Antwort

Guten Tag!

Die Form welches ist die sächliche Einzahlform des Fragepronomens welch-. Sie kann sich trotz ihrer sächlichen Einzahl auf alle Genera und sogar auf den Plural beziehen, wenn sie allein steht und über das Verb sein mit einem Substantiv im Nominativ verbunden ist:

Welches ist der richtige Lösungsweg?
Welches war die beste Limonade.
Welches sind die neuen Aufträge und welches die alten?

Man kann hier ohne Bedeutungsunterschied auch die Formen von welch- verwenden, die sich – wie man es eigentlich von einem rechtschaffenen Pronomen erwarten dürfte – nach Geschlecht und Numerus des Wortes richten, auf das sie sich beziehen:

Welcher ist der richtige Lösungsweg?
Welche war die beste Limonade.
Welche sind die neuen Aufträge und welche die alten?

Mehr zu welches finden Sie hier.

Etwas Entsprechendes ist bei den Antwortmöglichkeiten der Fall: Die sächlichen Einzahlformen das, dies und jenes können sich unter den gleichen Voraussetzungen (sein und Substantiv im Nominativ) auch auf alle Genera und den Plural beziehen:

Das/dies/jenes ist der richtige Lösungsweg.
Das/dies/jenes war die beste Limonade.
Das/dies sind die neuen Aufträge und das/jenes die alten.

Das Deutsche ist hier also immerhin noch so konsequent, dass es bei Frage und Antwort gleich inkonsequent ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Weder sie noch er ist – ähm – sind …

Frage

Ich hätte eine Frage zu „weder … noch“. Zum Beispiel: „Weder sie noch er ist besonders darüber erfreut, dass …“

Inwiefern ist hier der Singular richtig? Ich habe ein wenig im Internet nach Beispielen gesucht und dabei entdecken müssen, dass sehr oft Plural gewählt wird, also: „Weder sie noch er sind besonders darüber erfreut, dass …“

Nach meiner Einschätzung müsste aber auf alle Fälle der Singular richtig sein, da dies ja im Prinzip nur eine vereinfachte Kurzform des folgenden Satzes ist: „Weder sie ist besonders darüber erfreut noch er ist besonders darüber erfreut, dass …“

Wie verhält es sich denn?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es verhält sich eigentlich ganz einfach: Wenn eine mit weder … noch verbundene Wortgruppe das Subjekt des Satzes ist, kann das Verb sowohl im Singular als auch im Plural stehen. Beides ist üblich und richtig:

Weder sie noch er ist besonders darüber erfreut, dass …
Weder sie noch er sind besonders darüber erfreut, dass …

Ihre Argumentation für die Verwendung des Singulars ist zwar richtig, aber nicht die einzig richtige. Man kann tatsächlich sagen, dass es sich um die Zusammenziehung von zwei Sätzen handelt:

Weder sie [ist besonders erfreut] noch er ist besonders erfreut.
Weder sie noch er ist besonders erfreut.

Man kann aber auch sagen, dass weder … noch wie und zwei Subjektteile verbindet. Dadurch entsteht ein mehrteiliges Subjekt, das den Plural verlangt:

Er und sie sind besonders erfreut.
Weder er noch sie sind besonders erfreut.

Das Deutsche lässt bei weder … noch beide Sichtweisen zu.

Wenn einer der beiden mit weder … noch verbundenen Teile im Plural steht, wird das Verb im Allgemeinen im Plural verwendet.

Weder sein Geld noch seine guten Beziehungen helfen ihm weiter.
Weder seine guten Beziehungen noch sein Geld helfen ihm weiter.
(Selten: Weder seine guten Beziehungen noch sein Geld hilft ihm weiter.)
(Nicht: *Weder sein Geld noch seine guten Beziehungen hilft ihm weiter.)

Mehr dazu finden Sie hier.

Man kann also sagen, dass weder sie noch er darüber erfreut ist oder sind, dass weder Geld noch gute Beziehungen ihnen weiterhelfen. Dabei geht es wohl nicht um Fragen zu Grammatik und Rechtschreibung, denn dabei hilft einem Canoonet auch ohne Geld und gute Beziehungen weiter!

Wenn man großen Wert auf etwas legt, wird großer Wert darauf gelegt

Frage

Ganz oft lese ich, dass auf eine bestimmte Sache „großen Wert gelegt wird“. Ich bin der Meinung, es müsste „großer Wert“ heißen – schließlich steht es doch im Nominativ.

Antwort

Guten Tag K.,

Sie haben recht. Es muss heißen:

Auf eine bestimmte Sache wird großer Wert gelegt.

Im Satz „Man legt großen Wert auf höfliche Umgangsformen“ ist großen Wert das Akkusativobjekt. Wenn man diesen Satz dann ins Passiv setzt, wird das Akkusativobjekt zum Subjekt, das – wie Sie richtig sagen – im Nominativ steht: „Auf höfliche Umgangsformen wird großer Wert gelegt.“

– Wen oder was legt man auf höfliche Umgangsformen?
– Man legt großen Wert auf höfliche Umgangsformen.

– Wer oder was wird auf höfliche Umgangsformen gelegt?
– Großer Wert wird auf höfliche Umgangsformen gelegt.

Man hört und liest tatsächlich so häufig Formulierungen der Art „Auf diese Sache wird großen Wert gelegt“, dass man schon fast meinen könnte, auch der Akkusativ sei hier korrekt. Das ist er aber nicht. Wenn jemand großen Wert auf eine Sache legt, wird großer Wert darauf gelegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Zwerge hinter Ohren hüpfen, was ist dann deren Fall?

Frage

Ich bin über einen Satz gestolpert: „Der Zwerg hüpft hinter Franz‘ rechtes Ohr.“ Stimmt „rechtes Ohr“? Muss es nicht „rechtem Ohr“ heißen? Je mehr ich darüber nachdenke, umso unsicherer werde ich …

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn es um die Fälle geht, verwirrt langes Nachdenken öfter, als es hilft. Wenn es um hüpfende Zwerge und Ohren geht, ist dies wahrscheinlich noch schlimmer also sonst.

Der Zwerg in Ihrem Satz kann sowohl hinter Franz‘ rechtem Ohr als auch hinter Franz‘ rechtes Ohr hüpfen. Er tut dann aber nicht ganz dasselbe. Die Präposition hinter gehört zu den sogenannten Wechselpräpositionen, die sowohl mit dem Akkusativ als auch mit dem Dativ stehen können. Den Akkusativ verwendet man bei einer Richtungsangabe (wohin?), den Dativ bei einer Ortsangabe (wo?):

Ich stelle den Wagen hinter das Haus.
Der Wagen steht hinter dem Haus.

Hinzu kommt die Bedeutung des Verbs hüpfen: Man kann von einer Stelle an eine andere hüpfen (wohin hüpfen?). Man kann aber auch an einer bestimmten Stelle auf und ab hüpfen (wo hüpfen?).

Wenn der Zwerg von einer anderen Stelle hinter das rechte Ohr von Franz hüpft, steht der Akkusativ (Wohin hüpft er? – Hinter Franz’ rechtes Ohr). Wenn der Zwerg sich hinter Franz‘ Ohr befindet und dort herumhüpft, dann hüpft er hinter dem rechten Ohr von Franz (Wo hüpft er? – Hinter Franz’ rechtem Ohr).

Wenn Zwerge hinter Ohren hüpfen, hängt der Fall der Ohren also davon ab, wie die Zwerge hüpfen. Mehr zu den Wechselpräpositionen wie hinter finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gäbe wie wäre und hätte

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist die Unterscheidung zwischen gebe und gäbe. Da die gleiche Frage bei sei und wäre oder habe und hätte bei weitem nicht so oft gestellt wird, können diese Formen herangezogen werden, wenn dringlich Soforthilfe benötigt wird.

Frage

Gelegentlich werde ich beruflich dazu angehalten, über Sitzungen Protokoll zu führen. Ich verfasse diese im Konjunktiv („XY bestätigt, dass dies richtig sei.“). Nun begegne ich aber immer wieder dem Problem, wann es denn nun richtig ist, „gebe“ oder „gäbe“ zu verwenden. Beispiele:

XY erklärt, es gebe/gäbe Überlegungen…
Bezüglich xy gebe/gäbe es einige Änderungen.
XY berichtet, dass es keine eindeutige Richtlinie gebe/gäbe.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

theoretisch ist es ganz einfach: Die Form gebe steht im Konjunktiv I, die Form gäbe im Konjunktiv II. Doch wer weiß schon immer genau, wann man welchen Konjunktiv verwenden kann, muss oder darf? Deshalb werde ich hier ausnahmsweise auf grammatikalische Betrachtungen verzichten und Ihnen einfach eine Eselsbrücke angeben, die für die meisten** ganz gut funktioniert:

gebe wie sei und habe
gäbe wie wäre und hätte

Man schreibt gebe, wenn man an gleicher Stelle für das Verb sein die Form sei oder für haben die Form habe verwenden würde. Man schreibt gäbe, wenn man für sein oder haben auch die Form mit ä nehmen würde (wäre, hätte).

Für Ihre Beispiele gilt also:

XY erklärt, es gebe Überlegungen
vgl. es sei überlegenswert

Bezüglich xy gebe es einige Änderungen
vgl. bezüglich XY sei einiges geändert worden

XY berichtet, dass es keine eindeutigen Richtlinien gebe
vgl. dass man keine eindeutigen Richtlinien habe

Der Vollständigkeit halber noch zwei Beispiele für gäbe:

XY sagt, dass es eine bessere Lösung gäbe, wenn man mehr Zeit hätte.
vgl. dass eine bessere Lösungen möglich wäre, wenn man …

Wenn er nur endlich Ruhe gäbe!
vgl. Wenn er nur endlich ruhig wäre!

Ganz ohne Grammatikalisches will ich hier doch nicht enden: In der indirekten Rede verwendet man im Prinzip (aber nicht immer …) den Konjunktiv I. Wenn also jemand gibt gesagt oder geschrieben hat, erscheint das in der indirekten Rede als gebe. Falls Sie doch noch mehr zur Verwendung des Konjunktivs wissen möchten, finden Sie auf dieser Grammatikseite allgemeine Angaben und weiterführende Links.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Diese Eselsbrücke funktioniert auch für diejenigen (hauptsächlich Norddeutsche), die es hier besonders schwer haben, weil sie ein langes ä wie ein langes e aussprechen. Wenn man Säle gleich wie Seele und wäre gleich wie Wehre ausspricht, klingt gäbe auch genau gleich wie gebe.

Aus Freude oder vor Freude? – Wenn die Freude einen hüpfen lässt

Frage

Welcher Unterschied besteht zwischen den kausalen Präpositionen „aus“ und „vor“? Wann sage ich : „aus Freude“ oder „vor lauter Angst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Wörterbücher helfen einem bei dieser Frage leider nicht viel weiter. Sie vermelden bei beiden Präpositionen, dass sie bei dieser Verwendung einen Grund, einen Beweggrund oder eine Ursache angeben. Außerdem steht im Duden, dass vor nur in festen Wendungen vorkomme. Ich denke, dass die Wahl zwischen aus und vor tatsächlich oft etwas mit festen Wendungen und Ausdrücken zu tun hat. Ich glaube aber doch, einen gewissen Unterschied erkennen zu können:

  • Mit aus wird der Grund angeben, der zu einer kontrollierten, willkürlichen (vom eigenen Willen gesteuerten) Handlung führt:

aus Freude hüpfen
aus Leidenschaft morden
aus Zorn etwas demolieren
aus Angst nicht zum Zahnarzt gehen
aus Überzeugung handeln

  • Mit vor wird die Ursache eines unkontrollierten, unwillkürlichen (nicht vom eigenen Willen gesteuerten) Geschehens angegeben:

vor Freude zittern
vor Leidenschaft vergehen
vor Zorn erröten
vor Angst nicht klar denken können
vor Anstrengung schwitzen

Dabei können eigentlich willkürliche Handlungen im übertragenen Sinne unwillkürlich werden: So kann man zum Beispiel sagen, dass man vor Freude hüpft, obwohl das Hüpfen in der Regel eine durch den eigenen Willen gesteuerte Handlung ist. Man ruft dann das Bild auf, dass die Freude einen hüpfen lässt, ob man nun hüpfen will oder nicht. Wenn man aus Freude hüpft, hüpft man sozusagen auf eigene Veranlassung, weil man sich freut. Das Ergebnis ist dasselbe: Jemand hüpft erfreut herum. Bei vor lauter Angst wegrennen und aus lauter Angst wegrennen besteht der gleiche Unterschied zwischen bildlichem und wörtlichem „Träger“ der Handlung.

In Fällen wie diesen sind sowohl aus als auch vor möglich. Ich würde den genannten Unterschied bei der Verwendung von aus und vor deshalb nicht eine strenge Regel, sondern eine mehr oder weniger starke Tendenz nennen, die nicht in allen Fällen und nicht von allen in gleicher Weise befolgt wird.

Ich finde, dass diese Erklärung recht einleuchtend klingt. (Das ist nicht erstaunlich, denn ich habe sie ja soeben selbst verfasst.) Sie ist aber mit einiger Vorsicht zu genießen. Um wirklich fundierte Aussagen machen zu können, müsste man genauere Untersuchungen anhand einer großen Anzahl von Textbeispielen anstellen. Bis es vielleicht einmal so weit ist – und eigentlich auch danach –, folgen Sie am besten Ihrem Sprachgefühl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn nach „für“ der Dativ steht

Dass Anderssprachige es mit der deutschen Sprache und ihren Fällen nicht immer einfach haben, wusste ich schon. Aber manchmal wundere ich mich immer noch, mit welchen Tücken sich Deutschlernende herumschlagen müssen. Man lernt die einfache Regel, dass nach für immer der Akkusativ steht (für wen oder was?), freut sich über seine Grammatikkenntnisse und dann begegnen einem plötzlich Sätze, in denen nach für ein Nominativ oder ein Dativ steht! In den letzten Tagen erreichten mich gleich zwei Fragen zu diesem Thema.

Fragen

  • „Was für ein fauler Tag!“ Warum steht hier nach „für“ ein Nominativ und nicht ein Akkusativ?
  • Wie kann man erklären, dass nach „für“ in dem Ausdruck „was für“ kein Akkusativ steht? Wieso heißt es: „Was für ein schöner Tag!“, und nicht: „Was für einen schönen Tag!“?

Antwort

Die Präposition für verlangt tatsächlich den Akkusativ: für wen oder was? Hier geht es aber nicht um die allein stehende Präposition für, sondern um die Wendung was für (ein). Sie leitet eine Frage oder einen Ausruf ein und kann mit allen vier Fällen stehen:

Was für ein schöner Tag!
Was für einen Eindruck macht er?
In was für einem Land leben wir eigentlich?
Anhand was für eines Beispiels lässt sich das Problem am besten beschreiben?

Das ist noch nicht alles, was man zu was für ein lernen muss: Mit was für ein fragt man nach einer Beschaffenheit, einer Eigenschaft, einem Merkmal usw.:

Mit was für einem Wagen fährt sie weg? – Mit einem Sportwagen.
Was für einen Pullover trug er? – Einen roten.

Dadurch unterscheidet sich was für ein von welcher, das eine „auswählende“ Bedeutung hat. Mit welcher fragt man nach einem einzelnen Wesen, einem einzelnen Ding aus einer Gruppe, einer Klasse, einer Gattung usw

Mit welchem Wagen fährt sie weg? – Mit dem Sportwagen.
Welchen Pullover trug er? – Den  roten.

Die Beispielsätze in den Fragen zeigen weiter, dass was für ein auch einen Ausruf einleiten kann:

Was für ein schöner Tag!
Was für ein Dummkopf!

Und wenn Sie nun denken, das sei schon alles, lesen Sie auf dieser Seite, dass man das ein in gewissen Fällen weglässt:

Was für Papier brauchst du?
Mit was für Leuten verkehrt er?

und dass man besser nicht sagt:

Was für welches Papier brauchst du?
Mit was für welchen Leuten verkehrt er?

An dieser Stelle möchte ich nämlich nichts mehr dazu schreiben, damit nicht auch noch die wenigen geduldigen Leser und Leserinnen, die bis hierher durchgedrungen sind, folgenden Stoßseufzer von sich geben:

Was für ein langweiliger Blogeintrag!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebietsweise Schnee und stellenweise Glätte

Ich greife auf  eine in der letzten Woche gestellte Frage zurück, weil mir heute eine ähnlich zweifelhafte Formulierung mit stellenweise und Glätte aufgefallen ist wie der Fragestellerin. Bei so viel Schnee und Glätte, wie wir sie hier zurzeit erleben dürfen, ist es wohl nicht verwunderlich, dass es hin und wieder auch zu sprachlichen Ausrutschern kommt.

Frage

Da meine Kinder in letzter Zeit ständig darüber informiert sein wollen, ob vielleicht die Schule ausfällt, informiere ich mich laufend auf der Website des NDR. Dort las ich Folgendes: „Heute wolkig mit einigen Auflockerungen und gebietsweise Schneeschauer mit STELLENWEISER Glätte.“ Darf man das so formulieren, oder müßte es nicht korrekt heißen: „mit stellenweise auftretender Glätte“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie haben recht: Die Formulierung Schneeschauer mit stellenweiser Glätte ist standardsprachlich nicht richtig. Man kann zum Beispiel sagen:

Schneeschauer mit stellenweise auftretender Glätte
Schneeschauer, stellenweise mit Glätte

Das liegt daran, dass stellenweise und auch gebietsweise keine Adjektive, sondern wie zum Beispiel überall oder nirgends Adverbien sind. Man fragt mit wo? nach ihnen. Sie können in der Regel nicht direkt ein Substantiv bestimmen. Man sagt deshalb NICHT:

*Es ist mit gebietsweisem Schnee zu rechnen.
*die stellenweise Glätte
*bei der Einführung gebietsweiser gebührenpflichtiger Kurzparkzonen

sondern:

Es ist gebietsweise mit Schnee zu rechnen.
die stellenweise auftretende Glätte

Und jetzt kommt natürlich unvermeidlich die Ausnahme, ohne die es nie geht: Gewisse Adverbien, zu denen auch gebietsweise und stellenweise gehören, können trotz des bisher Gesagten wie Adjektive ein Substantiv bestimmen. Es muss sich dabei aber um den Infinitiv oder um eine Ableitung des Verbs handeln, auf das sich das Adverb bezieht:

bei der gebietsweisen Einführung gebührenpflichtiger Kurzparkzonen

etwas gebietsweise einführen
Kurzparkzonen werden gebietsweise eingeführt
beim gebietsweisen Einführen von Kurzparkzonen
bei der gebietsweisen Einführung von Kurzparkzonen

Ganz gleich ob Sie nun gebietsweise und stellenweise standardsprachlich immer richtig oder auch einmal an der falschen Stelle als Adjektive verwenden: Genießen Sie den Schnee und seien Sie bei Glätte besonders vorsichtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp