Herbst Moto Cross

Heute ist Sonntag. Der Sonntag ist normalerweise auch für mich ein Ruhetag. Da hier aber heute von Ruhe keine Rede sein kann, greife ich doch kurz zur Tastatur.

Ganz in der Nähe des Wochenendhäuschens findet heute eine alljährliche Veranstaltung statt, bei der Männer – ja, es sind hier nur Männer – auf Motorrädern über Hügel springen und durch Mulden rasen. Das ist natürlich mit viel Lärm verbunden, der dank der in diesem Sinne ungünstigen Windrichtung ausgezeichnet zu hören ist. Das ist nicht weiter schlimm, denn hin und wieder müssen die Männer ihren Spaß haben – und wir gehen heute für den ersten Herbstspaziergang dieses Jahres einfach in die andere Richtung. So ist auch diese Situation ohne Ärger, Proteste und Petitionen gut zu meistern.

Motocross

Damit nun die deutsche Sprache und Rechtschreibung auch noch kurz zum Zuge kommen, sei noch dies erwähnt: Ich werde mich bei den Veranstaltern auch nicht darüber beschweren (es wäre ebenso kleinlich wie sinnlos), dass man nicht

Herbst Moto Cross

schreibt – auch nicht auf Ankündigungen und Ähnlichem – sondern

Herbst-Moto-Cross

oder

Herbst-Motocross

Nach der amtl. Regelung schreibt man nämlich Motocross oder Moto-Cross, und Herbst sollte nicht ganz „ungebunden“ alleine vorangestellt, sondern zumindest mit einem Bindestrich als zur Zusammensetzung gehörig gekennzeichnet werden. Dass die gänzliche Zusammenschreibung Herbstmotocross zwar möglich, aber in diesem Zusammenhang für die meisten der „Betroffenen“ wohl etwas zu viel der Guten wäre, verstehe auch ich. Und Sie haben mittlerweile sicher verstanden, dass ich kein echter Motocross-Fan bin.

Ich wünsche einen schönen ersten Herbstsonntag

Dr. Bopp

Lass es mich, lass es mir, lass mich mir …

Frage

Heißt es:

a) Lass es mich den ganzen Tag bewusst sein, dass …
b) Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es hat ein Weilchen gedauert, bis ich sicher war, welche Variante richtig ist. Ein noch etwas längeres Weilchen hat es gedauert, bis mir klar war, weshalb. Nun denn, richtig ist:

Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …

Es folgt nun noch eine Erklärung, die etwas länger und komplizierter ausfällt: Es geht um eine Konstruktion, die Akkusativ mit Infinitiv genannt wird. Sie kommt wie hier bei lassen vor, aber auch bei den Verben hören, sehen, fühlen, spüren und heißen (= befehlen). Das Hauptverb lassen wird mit dem Infinitiv bewusst sein verbunden. Dabei ist der vom Hauptverb abhängige Akkusativ es auch das zum Infinitiv gehörende Subjekt. Die restlichen Satzteile mir und den ganzen Tag gehören zum Infinitivsatz. Also:

Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …
= Lasse zu/Veranlasse, dass es mir den ganzen Tag bewusst ist, dass …

Weitere Beispiele mit dieser besonderen Konstruktion:

Ich arbeite heute zu Hause.
Lass mich heute zu Hause arbeiten.

Er antwortet mir sofort.
Lass ihn mir sofort antworten.

Und dann noch einmal Ihr Satz in einer anderen Form:

Ich bin mir den ganzen Tag bewusst, dass …
Lass mich mir den ganzen Tag bewusst sein, dass…

Das mich, das die Verunsicherung verursacht, hat sich wohl aus dieser Konstruktion eingeschlichen. Zwei ganz ähnliche Formulierungen:

a) Es ist mir bewusst, dass, …
b) Ich bin mir bewusst, dass …

führen zu einem ähnlichen Resultat, wenn sie in einen Akkusativ mit Infinitiv umgewandelt werden:

a) Lass es mir bewusst sein, dass …
b) Lass mich mir bewusst sein, dass …

Die Formulierung mit mich mir finde ich übrigens kein stilistisches Meisterwerk. Allgemein vermieden werden sollten zwei aufeinanderfolgende mich:

Ich freue mich auf das Wochenende.
Lass mich mich auf das Wochenende freuen.

Wie wir gesehen haben, ist das doppelte mich aus rein grammatischer Sicht korrekt. Es ist aber verwirrend und trägt nicht gerade zu einem guten Verständnis bei. Man endet also besser nicht mit einem Akkusativ mit Infinitiv wie diesem:

Lassen Sie mich mich mit freundlichen Grüßen von Ihnen verabschieden

Dr. Bopp

PS: Mehr zum Akkusativ mit Infinitiv und Beispiele mit anderen Hauptverben finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

In kariert, in Kariert oder einach kariert

Wieder einmal eine ganz einfache Frage zur Rechtschreibung, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt:

Frage

Werden folgende Farbbezeichnungen groß- oder kleingeschrieben?

– Die Sofadecke gibt es in Kariert, in Gestreift und in Gemustert.
– Die Sofadecke gibt es in kariert, in gestreift und in gemustert.

kariert gestreift gemustert

Antwort

Guten Tag H.,

auf die Gefahr hin, kleinkariert zu wirken [Verzeihung, ich konnte es einfach nicht lassen], zuerst diese Bemerkung: Das in sollten Sie weglassen:

Die Sofadecke gibt es kariert, gestreift und gemustert.

Das in wird üblicherweise bei Farbbezeichnungen verwendet. Die Adjektive (oder adjektivisch verwendeten Partizipien) kariert, gestreift und gemustert sind keine Farbbezeichnungen. Endungslose Farbadjektive werden häufiger als Substantive verwendet:

ein schönes Blau
dieses Gelb
in einem knalligen Rot
in Grün

Das gilt nicht für die folgenden Adjektive. Es heißt normalerweise nicht:

*ein schönes Kariert
*dieses Gestreift
*in einem bunten Gemustert

(Ich weiß nicht, ob solche Wendungen in der Mode- und Designerbranche vorkommen – diese Bemerkung zeigt, dass ich es mir vorstellen könnte –, aber sie gehören nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch.)

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob Sie korrekt in gemustert oder in Gemustert schreiben müssen, weil die Formulierung meiner Meinung nach eigentlich nicht richtig ist. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind und Sie trotzdem in verwenden wollen oder müssen, würde ich für die Kleinschreibung in kariert, in gestreift, in gemustert plädieren. Die Begründung für die Großschreibung von zum Beispiel in Rot und auf Deutsch ist die amtlichen Regelung § 58 E2:

»Substantivierungen, die auch ohne Präposition üblich sind, werden nach § 57(1) auch dann großgeschrieben, wenn sie mit einer Präposition verbunden werden«

Wie oben gesagt, ist es nicht gebräuchlich, die Adjektive kariert, gestreift und gemustert als Substantivierungen zu verwenden. Sie fallen also nicht unter diese Regel und werden nicht großgeschrieben. Sie sind eher Verbindungen wie gegen bar, von fern oder von privat, die gemäß § 58.3.1 kleingeschrieben werden (vgl. hier). 

Man kann allerdings auch argumentieren, dass die Adjektive in Ihrem Beispiel (ausnahmsweise) wie Farbbezeichnungen verwendet werden und deshalb analog großgeschrieben werden sollten. Auch wenn ich die Kleinschreibung aus den genannten Gründen vorziehe, halte ich diese Argumentation nicht für grundsätzlich falsch.

Eine eindeutige Antwort – außer dass Sie hier in besser weglassen – kann ich Ihnen also nicht geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Inselfrage

Aus irgendeinem Grund wird Deutschlernenden immer wieder gerne die Verwendung der Präpositionen bei Inselnamen vorgelegt; meist in etwas gar vereinfachter Form. Ganz so eindeutig und einfach, wie viele es gerne hätten, ist es nämlich nicht. Es kommt deshalb immer wieder zu Fragen – und gelegentlich sogar zu erhitzten Diskussionen.

Frage

Ich habe gelernt, dass ich die Präposition „aus“ verwenden muss, wenn ich nach meinem Heimatland gefragt werde: „Ich komme aus Kolumbien, aus Deutschland, aus den USA, aus der Schweiz, usw.“ Aber jetzt sagt jemand, dass nicht die Präposition „aus“, sondern die Präposition „von“ verwenden muss, wenn ich in den Kanarischen Inseln oder in den Philippinen geboren wurde: Ich komme von den Philippinen, von den Kanarischen Inseln. Stimmt es und warum?

Insel

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die unterschiedliche Wahl der Präpositionen hat damit zu tun, dass man bei Ländern im Allgemeinen das Bild hat, dass man sich innerhalb von ihnen befindet. Bei Inseln hingegen ist das Bild, dass man sich oben auf ihnen befindet:

Wo?
Ich bin in Deutschland / in Österreich / in Spanien.
Ich bin in der Schweiz / in der Türkei / in den Niederlanden.

Ich bin auf Sardinien / auf Sylt.
Ich bin auf der Mainau / auf den Kanarischen Inseln.

Bei Richtungsangaben wird es komplizierter. Hier muss man zwischen Namen mit Artikel und Namen ohne Artikel unterscheiden:

Wohin?
Ich fahre nach Deutschland / nach Österreich / nach Spanien.
Ich fahre in die Schweiz / in die Türkei / in die Niederlande.
Ich fahre in das schöne Österreich.

Ich fliege nach Sardinien/ nach Kreta.
Ich fahre auf die Mainau / auf die Kanarischen Inseln.
Ich fliege auf das schöne Sardinien.

Bei Herkunftsangaben machen die Grammatiken keine Angaben mehr.  Entsprechend(?) ist die Unterscheidung nicht mehr so streng. Es gilt im Allgmeinen:

Woher?
Ich komme aus Deutschland / aus Österreich / aus Spanien.
Ich komme aus der Schweiz / aus der Türkei / aus den Niederlanden.

Ich komme aus Sardinien / aus Kreta / aus dem schönen Sardinien.**
Ich komme von/(aus) den Antillen / von/(aus) den Kanarischen Inseln.

Die „Grundregel“ ist also schon recht kompliziert. Es halten sich auch lange nicht alle immer daran, und nicht immer sind dies einfach „Leute, die kein Deutsch können“. Wenn eine Insel nämlich als Land oder größere Verwaltungseinheit gesehen wird, können die Präpositionen wie bei Ländern auf dem Festland verwendet werden, ohne dass man gleich von einem Regelverstoß sprechen muss. Es geht dann weniger um die geografische Gestalt als um die politische Verwaltungseinheit. Zum Beispiel:

die Menschenrechtssituation auf Jamaika oder in Jamaika
arbeitslos auf Grönland oder in Grönland

Autofahren auf den Philippinen oder in den Philippinen
von den Philippinen kommen oder aus den Philippinen kommen

Wenn eine Insel ein ganzer Kontinent ist, verschwindet das „Inselgefühl“ sogar ganz. Es heißt immer

in Australien
nach Australien
aus Australien

Ich hätte es gerne einfacher gehalten, aber ganz so eindeutig, wie einige es behaupten, ist die Situation in dieser Inselfrage leider(?) nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Je kleiner und deutscher die Insel, desto stärker offenbar die Tendenz, hier von zu verwenden:

Ich komme von/(aus) Sylt

So, da wären wir

Es ist nicht erstaunlich, dass Deutschlernende sich bei einer Aussage wie derjenigen im Titel wundern, weshalb die Konjunktivform wären steht. Erstaunlich ist eigentlich eher, dass Muttersprachige sich nicht darüber wundern.

Frage

Why is Konjunktiv II preferred in this sentence: „Da wären wir“? This is the statement of someone who arrives at his/her destination, for instance in a taxi on the way home.

Warum wird in diesem Satz der Konjunktiv II bevorzugt: „Da wären wir“? Es ist die Aussage einer Person, die an ihrem Ziel angekommen ist, zum Beispiel in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. [Antwort unten nur auf Deutsch]

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

in diesem Satz steht tatsächlich der Konjunktiv II:

So, da wären wir.

Es ist aber auch möglich, den Indikativ zu verwenden, ohne dass sich die Grundaussage wesentlich ändert:

So, da sind wir.

Die Hauptfunktion des Konjunktivs II ist es, mögliche, angenommene, nur gedachte, aber nicht reale Sachverhalte auszudrücken. Zum Beispiel:

Es wäre schön, wenn es so wäre.
An deiner Stelle wäre ich vorsichtig.
Wenn wir nur schon dort wären!

Im Satz, den Sie zitieren, ist der Sachverhalt aber nicht irreal, sondern ganz wirklich: „Wir“ sind tatsächlich am Zielort angekommen. Es geht hier um eine Verwendung des Konjunktivs II in Sätzen, die ein Resultat ausdrücken, das man meist mit einiger Mühe erreicht hat. Dieser besondere Konjunktiv II wird also nur bei Feststellung der folgenden Art verwendet (vgl. hier):

Da wären wir.
Das wäre geschafft!
Das hätten wir (endlich)!
Damit wäre die Lieferung komplett.

Die Sätze könnten auch im Indikativ stehen, es würde ihnen aber etwas fehlen: Je nach Betonung klingt hier mit dem Konjunktiv II ein kleiner Seufzer der Erleichterung oder ein zufriedenes Aufschnaufen durch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es kann einem auch ohne es kalt sein

Frage

Meine Bekannte, eine Germanistin von der […], behauptet, richtig sei nur „Es ist mir kalt“ oder „Mir ist es kalt“. „Mir ist kalt“ lehnt Sie eindeutig ab, aber viele sprechen doch so. Wie sehen Sie das?

Antwort

Seht geehrter Herr E.,

es gibt eine Art Grundregel, die sagt, dass ein deutscher Aussagesatz ein Subjekt hat. Wenn man diese Regel anwendet, ist die Formulierung

Mir ist kalt.

falsch, weil sie kein Subjekt hat, noch nicht einmal ein rein formales. Die Sätze

Mir ist es kalt.
Es ist mir kalt.

hingegen verstoßen nicht gegen diese Regel, denn sie haben ja das formale Subjekt es. Ich vermute, dass Ihre Bekannte den ersten Satz aus diesem Grund ablehnt.

So weit, so gut. Es gibt natürlich keine Regel ohne Ausnahme. Einige Verben und verbale Wendungen, die ein unangenehmes Empfinden bezeichnen, können ohne dieses unpersönliche es, das heißt ohne Subjekt verwendet werden. Zum Beispiel:

Mich friert schon den ganzen Tag.
Ihm graute vor der Prüfung.
Mir schaudert vor den Konsequenzen.
Bei diesem Anblick wurde ihr übel.
Mir ist/wird ganz schlecht.
Mir ist kalt/warm.
Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt.

In all diesen Sätzen kann ein unpersönliches es als formales Subjekt eingesetzt werden, es muss aber nicht eingesetzt werden. Beispielsätze wie mir ist kalt, ihr ist kalt finden sich auch in vielen Wörterbüchern (zum Beispiel: Duden, DWDS, Wahrig, Pons).

Weiter kommen subjektlose Sätze bei Passivkonstruktionen mit intransitiven Verben mit einem Objekt vor. Das klingt ziemlich kompliziert. Zwei, drei Beispiele können hier deshalb sicher erhellend sein:

Dem Manne kann geholfen werden.
Auf deine Hilfe wird gerechnet.
Der Opfer wurde in der Kirche gedacht.

Ebenfalls ohne Subjekt:

Mit ihm ist nicht zu spaßen.
Dir ist nicht mehr zu helfen.

Subjektlose Sätze kommen im Deutschen also vor. Sie sind zwar eine Ausnahme, aber es gibt keinen Grund, die weit verbreitete Formulierung Mir ist kalt als falsch zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Krieg zu Wortgefecht: Duell

Aus aktuellem Anlass: Duell. Während Frau Merkel und Herr Steinbrück einander bei einem Anlass gegenüberstehen, der als TV-Duell angekündigt wurde, habe ich mich gefragt, woher das Wort Duell kommt. Wenn das sehr politisch uninteressiert klingt, liegt das vor allem daran, dass ich ohne Pass mit Bundesadler natürlich nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen kann. So interessant das Duell auch ist – oder nicht ist –, ich muss mir keine Meinung bilden, wem ich meine Stimme geben soll. Ich erlaube mir deshalb, kurz die wortgeschichtliche Neugier vorgehen zu lassen.

Woher kommt also Duell? Ganz einfach: Wie so viele Wörter, haben wir auch dieses aus dem Französischen übernommen. Sein Ursprung ist lateinisch, frühlateinisch sogar. Duellum ist ein altes lateinisches Wort für Krieg. Es ist ein Vorläufer von bellum, dem klassischen Wort für Krieg, und blieb lange als Nebenform bestehen. Bereits in spätlateinischer Zeit wurde seine Bedeutung dann in Anlehnung an duo = zwei volksetymologisch zu Zweikampf umgedeutet. In diesem Sinne kennen wir es vor allem im Zusammenhang mit sich duellierenden Edelleuten in historischen Romanen und Kostümfilmen und natürlich von den Westernhelden und -bösewichten, die sich in entsprechendem Dekor zum Duell treffen. Daneben hat sich in heutiger Zeit auch die übertragene Bedeutung Wortgefecht herausgebildet. Heute Abend wird also im besagten Programm nicht Krieg geführt, es werden keine Degen gekreuzt und es wird nicht mit Pistolen aufeinander geschossen. Es geht „nur“ um Worte. Und das ist gut so.

Für Babys wie mich

Frage

Wir haben eine Frage zur aktuellen Milupa-Werbung. Dort heißt es wörtlich: „Für lebhafte Babys, wie mich, oder mich, ist Muttermilch …“. Dabei sieht man Babys, die die jeweiligen Satzteile oder Wortfolgen als Schilder vor sich halten. Ich bin der Meinung, ohne eine korrekte Begründung dafür nennen zu können, dass „wie mich“ im Zusammenhang mit der Darstellung hier falsch ist. Ich denke, dass die Babys „wie ich“ auf ihren Tafeln halten müssten […].

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Formulierung wie mich in der Werbung des Babynahrungsherstellers ist nicht falsch. Ein mit wie eingeleitetes Attribut (Attribut = nähere Bestimmung) steht im Prinzip im gleichen Fall wie die Wortgruppe, auf die es sich bezieht (vgl. hier):

ein Mensch wie du
ein Baby wie ich
Babys wie ich

für einen Menschen wie dich
für ein Baby wie mich
für Babys wie mich

mit einem Menschen wie dir
mit einem Baby wie mir
mit Babys wie mir

Wenn man nun die einzelnen Schilder zu einem Satz zuzsammenfügt, sieht man, dass die Werbung ganz korrekt formuliert:

Für lebhafte Babys wie mich ist Muttermilch …
Für lebhafte Babys wie mich – oder mich – ist Muttermilch …

Es wäre auch möglich, hier wie ich zu verwenden. Die wie-Gruppe wird dann als verkürzter Vergleichssatz interpretiert (vgl. hier):

Für lebhafte Babys wie ich ist Muttermilch …
= Für lebhafte Babys, wie ich eines bin, ist Muttermilch …

In der Standardsprache wird die Übereinstimmung im Fall (für Babys wie mich) im Allgemeinen vorgezogen. Auch wenn der Werbebranche oft – und manchmal zu Recht – vorgeworfen wird, sie „verhunze“ die Sprache, ist also gegen die Texte dieser süßen schildertragenden Babys zumindest grammatisch nichts einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Dativus Judicantis

Heute einmal keine Grammatikhürde und keine orthografische Finesse, sondern ein lateinischer Fachbegriff, den Sie auch gleich wieder vergessen können, ohne dass Ihre Deutschkenntnisse darunter leiden: der Dativus Judicantis (oder Dativus Iudicantis).

Frage

Steht der Dativus iudicantis wirklich nur in Verbindung mit Gradpartikeln? Beispiel: „Grammatik lernen ist mir angenehm.“ Oder ist MIR in diesem Fall gar kein D. iudicantis?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der Dativus Judicantis ist auf Deutsch der Dativ der beurteilenden Person. Er bezeichnet die Person, die ein Urteil abgibt:

Du fährst mir viel zu schnell. = Nach meinem Urteil fährst du viel zu schnell.

Als Dativus Judicantis wird im Allgemeinen nur ein Dativ bezeichnet, der im Zusammenhang mit Gradpartikeln wie zu und genug steht. Weshalb diese Sonderbehandlung? ­– Sätze mit einem Dativus Judicantis haben die besondere Eigenschaft, dass sie nicht mehr grammatisch sind, wenn die Gradpartikel weggelassen wird:

Du fährst mir zu schnell.
nicht: *Du fährst mir schnell.

Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm genug.
nicht: *Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm.

Die Musik war ihm zu laut.
nicht: *Die Musik war ihm laut.

Er war ihr nicht unternehmungslustig genug.
nicht: *Er war ihr nicht unternehmungslustig.

Nur solche „beurteilende Dative“ sind in der Regel gemeint. Es geht also nicht um jeden Dativ, der (im weitesten Sinne) eine berurteilende Person bezeichnet. Im Beispiel Grammatik lernen ist mir angenehm ist mir kein freier Dativ, sondern ein vom Adjektiv angenehm resp. vom verbalen Ausdruck angenehm sein abhängiges fakultatives Dativobjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So weit die Antwort an Herrn H. Wenn der Begriff Dativus Judicantis Ihnen (Dativobjekt) nichts sagt, weil er Ihnen (freier Dativ: Dativus Judicantis) zu fachchinesisch klingt, ist mir (Dativobjekt) das alles andere als unbegreiflich. Dieser Satz allein schon zeigt es! Ich hätte aber meinen Beruf verfehlt, wenn ich es nicht doch interessant fände.

Rund ein Dutzend und ein rundes Dutzend

 Frage

„… präsentierte die Geschäftsführung einem runden Dutzend Vertretern …“

Müsste es nicht heißen: „… rund einem Dutzend …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das hängt davon ab, was im Text, den Sie zitieren, genau gesagt werden soll. Beide Formulierungen sind möglich, es gibt aber einen kleinen Bedeutungsunterschied:

rund ein Dutzend = ungefähr/etwa ein Dutzend
ein rundes Dutzend = ein ganzes/volles Dutzend

Ebenso zum Beispiel:

Rund eine Woche ist vergangen = ungefähr eine Woche
Eine runde Woche ist vergangen = eine volle Woche

Sie hat damit rund eine Million verdient = etwa eine Million
Sie hat damit eine runde Million verdient = eine ganze Million

Es hängt also davon ab, ob ein ganzes Dutzend oder ungefähr ein Dutzend gemeint ist, welche der beiden Formulierungen in Ihrem Text stehen sollte.

In vielen Fällen ist das aber gar nicht so wichtig. Ob sie nun ungefähr eine Million oder eine ganze Million verdient hat, macht nicht viel aus; der Nachdruck liegt in einer solchen Aussage gewöhnlich auf eine Million. Ob ich nun eine runde Stunde oder rund eine Stunde über diesem Text gebrütet habe, ist nicht so interessant; eine Stunde ist so oder so (zu) lang.

Das erklärt auch, warum der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wendungen beim Formulieren nicht immer streng eingehalten wird und umgekehrt für das Verständnis häufig gar nicht relevant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp