Für Babys wie mich

Frage

Wir haben eine Frage zur aktuellen Milupa-Werbung. Dort heißt es wörtlich: „Für lebhafte Babys, wie mich, oder mich, ist Muttermilch …“. Dabei sieht man Babys, die die jeweiligen Satzteile oder Wortfolgen als Schilder vor sich halten. Ich bin der Meinung, ohne eine korrekte Begründung dafür nennen zu können, dass „wie mich“ im Zusammenhang mit der Darstellung hier falsch ist. Ich denke, dass die Babys „wie ich“ auf ihren Tafeln halten müssten […].

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Formulierung wie mich in der Werbung des Babynahrungsherstellers ist nicht falsch. Ein mit wie eingeleitetes Attribut (Attribut = nähere Bestimmung) steht im Prinzip im gleichen Fall wie die Wortgruppe, auf die es sich bezieht (vgl. hier):

ein Mensch wie du
ein Baby wie ich
Babys wie ich

für einen Menschen wie dich
für ein Baby wie mich
für Babys wie mich

mit einem Menschen wie dir
mit einem Baby wie mir
mit Babys wie mir

Wenn man nun die einzelnen Schilder zu einem Satz zuzsammenfügt, sieht man, dass die Werbung ganz korrekt formuliert:

Für lebhafte Babys wie mich ist Muttermilch …
Für lebhafte Babys wie mich – oder mich – ist Muttermilch …

Es wäre auch möglich, hier wie ich zu verwenden. Die wie-Gruppe wird dann als verkürzter Vergleichssatz interpretiert (vgl. hier):

Für lebhafte Babys wie ich ist Muttermilch …
= Für lebhafte Babys, wie ich eines bin, ist Muttermilch …

In der Standardsprache wird die Übereinstimmung im Fall (für Babys wie mich) im Allgemeinen vorgezogen. Auch wenn der Werbebranche oft – und manchmal zu Recht – vorgeworfen wird, sie „verhunze“ die Sprache, ist also gegen die Texte dieser süßen schildertragenden Babys zumindest grammatisch nichts einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Dativus Judicantis

Heute einmal keine Grammatikhürde und keine orthografische Finesse, sondern ein lateinischer Fachbegriff, den Sie auch gleich wieder vergessen können, ohne dass Ihre Deutschkenntnisse darunter leiden: der Dativus Judicantis (oder Dativus Iudicantis).

Frage

Steht der Dativus iudicantis wirklich nur in Verbindung mit Gradpartikeln? Beispiel: „Grammatik lernen ist mir angenehm.“ Oder ist MIR in diesem Fall gar kein D. iudicantis?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der Dativus Judicantis ist auf Deutsch der Dativ der beurteilenden Person. Er bezeichnet die Person, die ein Urteil abgibt:

Du fährst mir viel zu schnell. = Nach meinem Urteil fährst du viel zu schnell.

Als Dativus Judicantis wird im Allgemeinen nur ein Dativ bezeichnet, der im Zusammenhang mit Gradpartikeln wie zu und genug steht. Weshalb diese Sonderbehandlung? ­– Sätze mit einem Dativus Judicantis haben die besondere Eigenschaft, dass sie nicht mehr grammatisch sind, wenn die Gradpartikel weggelassen wird:

Du fährst mir zu schnell.
nicht: *Du fährst mir schnell.

Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm genug.
nicht: *Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm.

Die Musik war ihm zu laut.
nicht: *Die Musik war ihm laut.

Er war ihr nicht unternehmungslustig genug.
nicht: *Er war ihr nicht unternehmungslustig.

Nur solche „beurteilende Dative“ sind in der Regel gemeint. Es geht also nicht um jeden Dativ, der (im weitesten Sinne) eine berurteilende Person bezeichnet. Im Beispiel Grammatik lernen ist mir angenehm ist mir kein freier Dativ, sondern ein vom Adjektiv angenehm resp. vom verbalen Ausdruck angenehm sein abhängiges fakultatives Dativobjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So weit die Antwort an Herrn H. Wenn der Begriff Dativus Judicantis Ihnen (Dativobjekt) nichts sagt, weil er Ihnen (freier Dativ: Dativus Judicantis) zu fachchinesisch klingt, ist mir (Dativobjekt) das alles andere als unbegreiflich. Dieser Satz allein schon zeigt es! Ich hätte aber meinen Beruf verfehlt, wenn ich es nicht doch interessant fände.

Rund ein Dutzend und ein rundes Dutzend

 Frage

„… präsentierte die Geschäftsführung einem runden Dutzend Vertretern …“

Müsste es nicht heißen: „… rund einem Dutzend …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das hängt davon ab, was im Text, den Sie zitieren, genau gesagt werden soll. Beide Formulierungen sind möglich, es gibt aber einen kleinen Bedeutungsunterschied:

rund ein Dutzend = ungefähr/etwa ein Dutzend
ein rundes Dutzend = ein ganzes/volles Dutzend

Ebenso zum Beispiel:

Rund eine Woche ist vergangen = ungefähr eine Woche
Eine runde Woche ist vergangen = eine volle Woche

Sie hat damit rund eine Million verdient = etwa eine Million
Sie hat damit eine runde Million verdient = eine ganze Million

Es hängt also davon ab, ob ein ganzes Dutzend oder ungefähr ein Dutzend gemeint ist, welche der beiden Formulierungen in Ihrem Text stehen sollte.

In vielen Fällen ist das aber gar nicht so wichtig. Ob sie nun ungefähr eine Million oder eine ganze Million verdient hat, macht nicht viel aus; der Nachdruck liegt in einer solchen Aussage gewöhnlich auf eine Million. Ob ich nun eine runde Stunde oder rund eine Stunde über diesem Text gebrütet habe, ist nicht so interessant; eine Stunde ist so oder so (zu) lang.

Das erklärt auch, warum der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wendungen beim Formulieren nicht immer streng eingehalten wird und umgekehrt für das Verständnis häufig gar nicht relevant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn ich du wäre – wenn ich dich wäre

Frage

„Wenn ich du wäre …“
„Wenn ich dich wäre …“

Die Menschen hier in Süddeutschland verwenden letztere Variante mit Vorliebe. Würden Sie bitte, bitte die Freundlichkeit haben und ihnen erklären, weshalb jene nicht richtig ist? Ich wäre Ihnen wirklich unsäglich dankbar – man glaubt mir einfach nicht (das Problem ist eben, daß ich keine grammatikalische Regel „aufsagen“ kann).

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

im südlichen deutschen Sprachraum heißt es umgangssprachlich korrekt:

wenn ich dich wäre

Mit diesem etwas provokativen Anfang möchte ich Sie nur darauf hinweisen, dass es mehr als eine Variante der deutschen Sprache gibt. Worum es Ihnen geht, ist die als Standardsprache bezeichnete Variante – und dann haben Sie recht. Auf gut Standarddeutsch heißt es nur und ausschließlich:

wenn ich du wäre

Das du ist ein prädikativer Nominativ (siehe Prädikativ zum Subjekt). Es heißt ja auch:

wenn ich wer wäre? (nicht: *wenn ich wen wäre?)
wenn ich dein Bruder wäre. (nicht: *wenn ich deinen Bruder wäre)

Analog steht standardsprachlich auch bei den Personalpronomen der Nominativ und nicht der Akkusativ:

wenn ich du wäre
wenn du ich wärst
wenn ich er wäre

Dennoch ist hier in vielen Dialekten und Regionalsprachen der Akkusativ gebräuchlich:

wenn ich dich wäre
wenn du mich wärst
wenn ich ihn wäre

In der Umgangssprache dieser Regionen ist dies eine mindestens gleichwertige, wenn nicht sogar die „richtigere“ Variante. Ich würde deshalb empfehlen, die Leute dort nur dann zu korrigieren, wenn Sie als Lehrerin, Korrektorin, Lektorin oder in einer ähnlichen Funktion auftreten oder wenn Sie gefragt werden, was standardsprachlich als korrekt gilt. Wenn es standardsprachlich wirklich einwandfrei sein soll, heißt es ohnehin besser:

an deiner Stelle

Interessant finde ich weiter, dass die Regionalsprachen mit diesem „Fehler“ nicht allein dastehen. Auch im Englischen heißt es:

if you were me

Die Verwendung des Nominativs I ist ebenfalls möglich, aber if you were I scheint für die meisten Englischsprachigen eher gestelzt zu klingen. Auch in anderen germanischen Sprachen kann Ähnliches beobachtet werden. In zum Beispiel dem Niederländischen und dem Norwegischen steht das Personalpronomen bei dieser Formulierung auch im Akkusativ statt im Nominativ:

als ik jou was
als jij mij was

hvis jeg var deg.
hvis du var meg.

Warum es eine Tendenz gibt, hier den Akkusativ zu verwenden, weiß ich leider nicht. Ich konnte keine Erklärung finden. Es zeigt aber, dass die deutschsprachigen dich-Sagenden nicht die einzigen sind.

Und damit mir nun niemand vorwerfen kann, ich propagiere falsches Deutsch, sei noch einmal gesagt, dass im Standarddeutschen nur der Nominativ als korrekt gilt:

wenn ich du wäre

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Urlaub ab 9. August in Worten

Frage

Ich möchte fragen, wie man diese Daten nur mit Buchstaben ausschreibt:

ab 1. Januar
ab 2. 4.

Es klingt so, als ob man „ab ersten“ sagen würde, aber „ab“ geht mit Dativ, nicht wahr?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

diese Daten könne auf Deutsch in verschiedener Weise in Worten ausgedrückt werden:

Am besten gefällt mir die Variante, bei der man den bestimmten Artikel einfügt und dann den Dativ verwendet:

ab 1. Januar = ab dem ersten Januar
ab 2. 4. = ab dem zweiten Vierten

Es ist aber auch möglich, das Datum ohne Artikel zu verwenden. Dann kann sowohl der Dativ als auch – wie Sie gehört haben – der Akkusativ stehen:

ab 1. Januar = ab erstem Januar / ab ersten Januar
ab 2. 4. = ab zweitem Vierten / ab zweiten Vierten

Mehr zu dieser Verwendung von ab finden Sie in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag

Wenn ich schreibe, dass ich ab 9. August zehn Tage Urlaub habe, können Sie das also auf verschiedene Arten lesen:

Er hat
– ab dem neunten August
– ab neuntem August
– ab neunten August
zehn Tage Urlaub.

Ab 19. August bin ich dann wieder ganz für Sie da.

Notenbankchefs und Bindestrich-Haarspaltereien

Frage

Eine kurze Frage:

1) US-Notenbank-Chef oder
2) US-Notenbankchef

Ist beides zulässig? Ich bevorzuge Variante 1).

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wie viele Bindestriche hier benötigt werden, hängt davon ab, was genau gesagt werden soll. Eine dreiteilige Zusammensetzung wie diese (US + Notenbank + Chef) kann auf mehr als eine Art interpretiert werden:

1) der US-Notenbank-Chef = der Chef der amerikanischen Notenbank
2) der US-Notenbankchef = der amerikanische Notenbankchef

Wenn man die Struktur der Zusammensetzung mit Hilfe von Klammern darstellt:

1) [[US-Notenbank]-Chef]
2) [US-[Notenbankchef]]

Auch bei zum Beispiel seinem britischen Amtskollegen sind beide Formulierungen möglich:

1) Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank
2) Mark Carney, der britische Notenbankchef

Im ersten Fall wird ein Wort mit einem Bindestrich (US-Notenbank) mit einem weiteren Wort (Chef) kombiniert. Dann schreibt man nach der Regel zwischen allen Teilen der Zusammensetzung einen Bindestrich (US-Notenbank-Chef).

Im zweiten Fall wird eine Abkürzung (US) mit einem weiteren Wort (Notenbankchef) kombiniert. Dann reicht nach der Regel ein Bindestrich (US-Notenbankchef).

Als „allgemeine Berufsbezeichnung“ würde auch ich 1) vorziehen. Das ist aber eine subjektive Einschätzung und die Variante 2) ist keineswegs falsch. Eine präzise Unterscheidung machen zu wollen würde nämlich zu einem ziemlich haarspalterischen Unternehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dunkle Materie und Dunkelmaterie

Frage

In Physikerkreisen gibt es die Auffassung, es sei besser von „Dunkelmaterie“ zu reden als von „Dunkler Materie“. „Dunkle Materie“ sei im Grunde eine Art ungeschickte Übersetzung von englisch „dark matter“, auf Deutsch müsse nämlich in solchen festen Konstruktionen das Adjektiv mit dem Bezugswort kombiniert werden, siehe „Dunkelwolke“ oder „Dunkelkammer“. Nun heißt es aber auch „Weißer Zwerg“, „Roter Riese“ und „helle Sauce“. Gibt es einen Bedeutungsunterschied zwischen beiden Formen, der erklären würde, wann die Regel (so sie denn existiert) zur Anwendung kommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es gibt keine Regel, nach der entschieden werden kann, ob es dunkle Materie oder Dunkelmaterie heißen muss. Das Einzige, was mit einiger Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass es sich bei Zusammensetzungen von einem Adjektiv und einem Nomen meist um einen festen Begriff handelt. Ein paar Beispiele:

Altbundeskanzler
Dunkelkammer
Fertigprodukt
Gebrauchtwagen
Hochbahn
Normalbenzin

Das Umgekehrte gilt aber nicht: Aus einem Adjektiv und einem Nomen bestehende feste Begriffe müssen nicht als Komposita zusammengeschrieben werden. Einige Beispiele haben Sie selbst schon aufgezählt, andere sind:

der graue Star
das schwarze Schaf,
der goldene Schnitt
Rote Beete
die schwache Deklination
die doppelte Buchführung
die eustachische Röhre
das sekundäre Bewusstsein
das schwarze Loch

Manchmal sind ohne wesentliche Bedeutungsunterschiede beide Formulierungen üblich:

ein direkter Flug –  ein Direktflug
feste Kosten  – Festkosten
der hohe Adel – der Hochadel
die Kommunalwahlen – die kommunalen Wahlen

Der  Ausdruck dunkle Materie ist auch keine grundsätzlich falsche oder „ungeschickte“ Übersetzung aus dem Englischen. Englische Adjektiv-Nomen-Verbindungen können im Prinzip immer auf zwei Arten ins Deutsche übertragen werden. Im Englischen werden Wortgruppen und Komposita, die sich aus einem Adjektiv und einem Nomen zusammensetzen, in der Regel gleich geschrieben: Man schreibt getrennt und das Adjektiv ist zwangsläufig ungebeugt:

Wortgruppe: direkter Flug = direct flight
Kompositum: Direktflug = direct flight

Anhand der Form der englischen Bezeichnung lässt sich also nicht entscheiden, ob im Deutschen eine Wortgruppe oder ein Kompositum vorliegt.

Entscheidend ist also keine grammatische oder orthografische Regel, sondern der Gebrauch. Das englische dark matter wird im Deutschen allgemein als dunkle Materie bezeichnet (fachsprachlich oft auch Dunkle Materie geschrieben, siehe hier). Da dies, wie gesagt, gegen keine Regel verstößt, gibt es keinen zwingenden Grund, dunkle Materie durch das Kompositum Dunkelmaterie zu ersetzen.

Das Wort Dunkelmaterie ist übrigens auch nicht falsch, es ist nur weniger üblich und wird deshalb vielleicht nicht immer auf Anhieb verstanden. Ich persönlich würde deshalb den gebräuchlicheren Begriff dunkle Materie (oder evtl. Dunkle Materie) verwenden. Wenn die Physik aber lieber Dunkelmaterie zum offiziellen Fachwort kürt, ist das natürlich genauso angebracht. Jedes Fach bestimmt seine Terminologie selbst. „Relaxte“ Physikerinnen und Physiker lassen beide Ausdrücke nebeneinander bestehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fährst du als nächstes oder als Nächstes dieses Auto?

Des Öfteren bestimmt der weitere Satzzusammenhang oder das, was genau ausgesagt werden soll, ob groß- oder kleingeschrieben werden muss. Das kann dann geschehen, wenn eine Wortkombination unterschiedliche Deutungen zulässt. Dabei kann man schon einmal recht unsicher werden. Oft hilft dann der Ersatz durch ein anderes Wort. So auch bei dieser an und für sich gar nicht so komplizierten „Angelegenheit“:

Frage

Ich habe eine Frage zu Groß- und Kleinschreibung: „Das ist das Auto, das du als nächstes fahren wirst.“ Ist die Kleinschreibung von „nächstes“ hier korrekt, weil im Sinne von „als nächstes Auto“?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

in diesem Fall ist, je nachdem was im konkreten Satzzusammenhang genau gemeint ist, sowohl die Kleinschreibung als auch die Großschreibung möglich.

Das ist das Auto, das du als nächstes fahren wirst.
Als nächstes wirst du dieses Auto fahren.

Hier ist mit als nächstes gemeint: als nächstes Auto. Deshalb wird nächstes kleingeschrieben – wie immer wenn ein Adjektiv zwar allein steht, sich aber auf ein vorhergehendes oder nachfolgendes Substantiv bezieht (Regel).

Das ist das Auto, das du als Nächstes fahren wirst.
Als Nächstes wirst du dieses Auto fahren.

Hier ist mit als Nächstes gemeint: im Folgenden, als nächste Handlung. Hier wird Nächstes allein stehend wie ein Substantiv verwendet und entsprechend großgeschrieben ­– ebenso wie zum Beispiel als Erstes, als Letztes (vgl. hier).

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man das sächliche Wort Auto durch das männliche Substantiv Wagen ersetzt:

Das ist der Wagen, den du als nächsten fahren wirst.
Als nächsten wirst du diesen Wagen fahren.

Das ist der Wagen, den du als Nächstes fahren wirst.
Als Nächstes wirst du diesen Wagen fahren.

Die Zweideutigkeit von als nächstes/Nächstes bedingt also, das dass man für die Entscheidung zwischen Groß- und Kleinschreibung darüber nachdenken muss, was genau ausgesagt werden soll. Und nachdenken müssen wir tatsächlich selbst, denn hier scheitern selbst die besten Korrekturprogramme insoweit, als sie uns diese Entscheidung nicht abnehmen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Barbecue, Grillparty, Röstfest

Der Sommer ist in unseren Breitengraden ja inzwischen endlich ausgebrochen. Neben den ersten über Hitze Klagenden, vollen Stränden und Schwimmbädern sowie einigen zu stark geröteten Körperteilen ist eine der Auswirkungen, dass die Umsätze bei Holzkohle und Grillwürsten rasant gestiegen sein müssen. Das hat mich auf die Frage gebracht, wie es denn „wortherkünftlich“ um Grill und Barbecue steht, zwei Wörter also, die zu dieser Jahreszeit Hochsaison haben.

Barbecue kommt natürlich aus dem Amerikanischen. Von dort ist es jedenfalls zu uns gelangt, denn wirklich Englisch sieht das Wort ja auf den zweiten Blick nicht aus. Es kommt dann auch vom spanischen Wort barbacoa, das über El Salvador und Mexiko in die Vereinigte Staaten gelangt war. Die eigentliche Ursprungssprache ist eine dahingemordete karibische Sprache der Großen Antillen, in der das Wort einen Rost bezeichnete, auf dem Fleisch getrocknet oder geräuchert werden konnte, der aber unter anderem auch als Bett gedient haben soll.

Echte Barbecue-Fans werden Ihnen genau erklären können, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen der Barbecue- und der Grilltechnik gibt, aber im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe fröhlich nebeneinander verwendet. Barbecue und vor allem seine Variante BBQ gehören dabei aber eher zur Sprache der Lifestyle-Magazine, der Gartencenter-Prospekte und der sommerlichen Sonderangebote in der Fleischabteilung.

Echten Anglizismenjägern ist Barbecue dann auch ein Dorn im Auge. Sie möchten es überall durch Grill oder Bratrost bzw. durch Grillen ersetzt haben. Auch in meinem aktiven Wortschatz kommt Barbecue zwar nicht vor, aber ganz so deutsch sind Grill und Grillen nun auch wieder nicht. Grill kommt nämlich ebenfalls aus dem Englischen. Für die weitere Wortgeschichte können wir dann aber diesseits des Atlantiks bleiben. Die Engländer haben das Wort von den Franzosen (gril o. grille) übernommen. Das französische Wort geht über einige Lautveränderungen auf das lateinische craticulum oder craticula (Diminutiv zu cratis = Flechtwerk) zurück, das Geflecht, kleiner Rost bedeutete. Süddeutsche und Schweizer mögen hier auch eine eventuelle Verwandtschaft mit dem Wort Kratten (eine Art Korb) erkennen.

Ob wir nun grillen oder zum Barbecue einladen, beides kommt ursprünglich aus dem Englischen. Grill und grillen haben sich aber (vorläufig noch?) besser im deutschen Wortschatz etabliert. Wer Englisches ganz vermeiden will, muss anstelle von Barbecue, Grillparty oder Grillfest auf ein Wort wie zum Beispiel Röstfest zurückgreifen. So weit gehen aber auch die eifrigsten Anglizismenwehrer nicht.

Zum Schluss noch etwas „Regionales“: Neben grillen gibt es in der Schweiz auch die Form grillieren: Ein gegrilltes Hähnchen ist ein grilliertes Poulet. Doch während Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen niemals ihr Auto parken, sondern immer nur parkieren, wundert sich auch in der Schweiz kaum jemand, wenn das Poulet einmal gegrillt und nicht grilliert ist.

Viele schöne Grillabende wünsche ich allen, die Gegrilltes mögen!

Nur weil es nicht ganz stimmt, heißt das nicht unbedingt, dass es falsch ist.

Frage

Wir haben hier eine Diskussion über einen Satz, von dem ich vermute, dass er grammatikalisch falsch ist. Der Satz lautet:

(1) Nur weil jemand dich nicht versteht, heißt das nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Ich denke, dass der erste Satz falsch ist und dass diese Alternative funktionieren würde:

(2) Dass jemand dich nicht versteht, heißt nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Können Sie mir bitte sagen ob der Satz (1) grammatikalisch richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

Sie haben recht: Satz (1) klingt bei genauerem Hinhören tatsächlich etwas sonderbar. Die alternative Formulierung, die Sie vorschlagen ist hingegen problemlos:

Dass jemand dich nicht versteht, heißt nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Der erste dass-Satz ist hier ein Subjektsatz, das heißt ein Nebensatz, der im Gesamtsatz die Rolle des Subjekts hat. Vgl.

Dass jemand dich nicht versteht, ist nicht erstaunlich.
Dass jemand dich nicht versteht, wird es immer geben.

Ein Begründungssatz mit weil kann diese Funktion nicht haben.

Nicht: *Nur weil jemand dich nicht versteht, ist nicht erstaunlich
Nicht: *Nur weil jemand dich nicht versteht, wird es immer geben.

Diesen Sätzen fehlt ein Subjekt. Dieses Subjekt wird oft mit es oder das eingefügt:

Nur weil jemand dich nicht versteht, heißt es/das nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Das ist eine häufig vorkommende Ausdrucksweise.

Nur weil ich es nicht sage, heißt es nicht, dass ich es nicht weiß.
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
Nur weil die Welt untergeht, heißt das noch lange nicht, dass es auch die Schweiz betrifft.

Sind Sätze dieser Art nun durch die Einführung eines unpersönlichen das/es-Subjekts „gerettet“? Wenn man die Ausdrucksweise genauer analysiert, ist sie auch mit das oder es nicht ganz richtig. Mit weil wird eine Begründung für das im Hauptsatz Gesagte eingeleitet. Das ist hier aber nicht der Fall. Mit nur weil wird nicht die Begründung dafür eingeleitet, weshalb es nicht heißt, dass … Mit nur weil wird vielmehr der Umstand angegeben, der nicht falsch interpretiert werden darf. Der Satz

Nur weil ich es nicht sage, heißt das nicht, dass ich es nicht weiß.

bedeutet:

Die Tatsache allein, dass ich es nicht sage, bedeutet nicht, dass ich es nicht weiß.

Die Verwendung von nur weil lässt sich durch eine andere Umschreibung erklären:

Nur weil ich es nicht sage, darfst du nicht denken, dass ich es nicht weiß.

Es handelt sich also um eine Zusammenziehung verschiedener Ausdrucksweisen, die zu einer Art festen Redewendung geworden ist:

nur weil …., heißt das/es [noch lange] nicht, dass …
nur weil …., bedeutet das/es [noch lange] nicht, dass …

So häufig diese Ausdrucksweise auch vorkommt und so prägnant sie oft auch klingt, sie sollte stilistisch gesehen mit Vorsicht verwendet werden, weil ihre Konstruktion grammatisch doch eher etwas zweifelhaft ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp