Wasser sparen hilft die Umwelt schonen, und das mit und ohne „zu“

Liebhaber und Liebhaberinnen einer einzigen korrekte Formulierung ist das folgende Thema wohl eher ein Gräuel. Wer Variantenvielfalt mag, lese weiter und freue sich!

Frage

Ich bin etwas unsicher bei manchen Infinitivkonstruktionen, wenn sie ohne „zu“ stehen. Zum Beispiel:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Ist dieser Satz als mögliche Verkürzung von „Wasser zu sparen hilft die Umwelt zu schonen“ zulässig oder ist das „zu“ obligatorisch?

Antwort

Sehr geehrter Herr U.,

der Satz kann ohne zu formuliert werden:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Die erste Infinitivkonstruktion ist das Subjekt des Satzes: Wer oder was hilf die Umwelt zu schonen? Wenn eine Infinitivkonstruktion die Funktion des Subjekts hat, kann sie mit oder ohne zu stehen:

Dich zu verstehen ist nicht immer einfach.
Dich verstehen ist nicht immer einfach.

Somit auch:

Wasser zu sparen hilft …
Wasser sparen hilft …

Je länger und komplexer die Infinitivkonstruktion ist, desto üblicher ist es übrigens, zu zu verwenden. (Siehe diese Grammatikseite ganz unten. Dort finden Sie auch Angaben zum dem, was nun folgt).

Die zweite Infinitivkonstruktion ist von helfen abhängig. Wenn der Infinitiv allein steht, steht er ohne zu:

Er hilft mir abwaschen.

Eine erweiterte Infinitivgruppe steht bei helfen meistens mit zu, sie kann aber auch ohne zu verwendet werden:

Er hilft mir[,] das Geschirr abzuwaschen.
Er hilft mir das Geschirr abwaschen.

Die zweite Infinitivkonstruktion in Ihrem Beispiel steht somit eher mit zu, sie kann aber auch ohne zu stehen:

… hilft Wasser zu sparen.
… hilft Wasser sparen.

Beide Infinitivgruppen können also mit oder ohne zu stehen. Daraus ergeben sich alles in allem vier mögliche Formulierungen:

Wasser zu sparen hilft die Umwelt zu schonen.
Wasser sparen hilft die Umwelt zu schonen.
Wasser zu sparen hilft die Umwelt schonen.

und eben auch:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Genau genommen gibt es orthografisch sogar noch mehr Möglichkeiten. Die „zu-lose“ Infinitivgruppe Wasser sparen kann nämlich auch als Substantivierung aufgefasst und zusammengeschrieben werden (das Wassersparen):

Wassersparen hilft die Umwelt [zu] schonen.

Weiter können die Infinitivgruppen mit zu fakultativ durch ein Komma abgetrennt werden (Regel). Ich erspare aber Ihnen und nicht zuletzt auch mir die Aufzählung der dadurch entstehenden möglichen Schreibvarianten. Die Variantenvielfalt ist jetzt schon groß genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alpenstock, ein Anglizismus deutscher Herkunft?

Frage

[…] Mit „Alpenstock“ ist es auch geheimnisvoll. Ist das ein Archaismus? Warum steht das Wort in keinem Wörterbuch der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts? Längst aus dem Gebrauch gekommen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich über diese Fragen aufklären könnten.

Antwort

Das Wort Alpenstock kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf, also ungefähr zur der Zeit, als die Engländer den Tourismus in größerem Stil in die Alpen brachten. In dieser Epoche erlebte es auch seine Blütezeit. Danach wurde es schnell durch das zur gleichen Zeit aufkommende Wort Bergstock überflügelt und fast verdrängt. Aber eben nur fast (siehe ungefähre Häufigkeit von Alpenstock und Bergstock). Ich weiß deshalb nicht, ob man Alpenstock als Archaismus bezeichnen darf. Ich komme nicht oft genug in die Berge – und dann immer ohne Stock –, so dass ich auch nicht aus eigener Erfahrung sagen kann, ob man zwischen Matterhorn, Zugspitze und Großglockner neben Bergstöcken nicht auch hin und wieder Alpenstöcke bei sich hat. In den Wörterbüchern kommt jedenfalls nur Bergstock vor.

Anders sieht es im Englischen aus. Dort wird der Gebirgswanderstock nämlich alpenstock genannt (siehe z. B. hier und hier). Alpenstock gehört zu den deutschen Wörtern, die dank englischer Touristen und Touristinnen ihren Weg aus den Alpen in die englische Sprache gefunden haben. Andere Beispiele sind rucksack und (im britischen Englisch) to abseil und abseiling. Man kann also sagen, dass das englische alpenstock mit Bergstock auf Deutsch übersetzt werden sollte. Es ist allerdings gut möglich, dass Alpenstock heute dank international operierender Hersteller und Verkäufer von Sportgeräten wieder häufiger im Deutschen auftaucht. Alpenstock ist dann ein Anglizismus der ganz besonderen Art!

(Für die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 reicht es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Die Vorauswahl ist bereits abgeschlossen, das Wort war im Jahr 2012 weder in irgendeiner Weise aktuell noch wurde es häufig gebraucht, und es ist letztlich wohl doch viel zu deutsch für einen „echten“ Anglizismus.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

0,1 und die rätselhafte Mehrzahl

Frage

Heißt es „Wir haben 0,1 Sekunde Zeit“ oder „Wir haben 0,1 Sekunden Zeit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach 0,1 und 0,01 steht die Maßbezeichnung erstaunlicherweise im Plural:

in 0,1 Sekunden
mit 0,01 Sekunden Rückstand

Dies gilt allerdings nur für Maßbezeichnungen, die auch nach anderen Zahlenangaben wie 2, 10 oder 843 im Plural stehen. Das sind in der Regel die weiblichen Maßbezeichnungen (siehe hier):

in 0,1 Sekunden wie in 2 Sekunden
0,1 Meilen wie 10 Meilen

Bei männlichen und sächlichen Maßbezeichnungen hingegen steht die Singularform (vgl. hier):

0,1 Kilo wie 2 Kilo
0,01 Euro wie 10 Euro

Unabhängig vom Genus der Maßbezeichnung werden Angaben mit 0,1 und 0,01 im Satz als Mehrzahl behandelt:

0,1 Gramm müssen hinzugefügt werden.
0,01 Sekunden sind einfach zu kurz!

Bei 0,2 verstehe ich die Mehrzahl ja sofort. Bei 0,1 bleibt sie für mich eher rätselhaft. Falls hier eine mathematische oder andere Logik dahintersteckt, ist sie mir bis jetzt entgangen. Aber so schreiben wir es nun einmal. In der gesprochenen Sprache kommt null Komma eins ja eher selten vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Kaiserliche am Sherry

Beim Wort Sherry denke ich unwillkürlich an das Klischeebild gelangweilter Damen, die sich dem spätnachmittäglichen Alkoholgenuss hingeben, und natürlich an Miss Sophie, die in „Dinner for One“ Sherry zur Suppe servieren lässt. Ich bin kein großer Sherryliebhaber. Mir schmeckt vor allem die Fino genannte Variante, und das eigentlich nur auf einer andalusischen Terrasse zu den Tapas. Leider bin ich nicht allzu oft in Andalusien, bis jetzt genau ein Mal vor ungefähr zehn Jahren. Ich bin also alles andere als ein Sherrykenner, und wenn Sie önologische oder feinschmeckerische Betrachtungen zum Thema Sherry erwarten, muss ich Sie enttäuschen.

Wenn es nicht um den Geschmack geht, was ist dann kaiserlich am Sherry? Auf einem Kalenderblatt habe ich gelesen, wo die Bezeichnung Sherry herkommt. Der Wein verdankt seinen Namen der spanischen Stadt Jerez, die früher Xeres geschrieben wurde. Als die Engländer den Wein und den Namen im 16. Jahrhundert aus Andalusien auf ihre Insel mitnahmen, wurde das X noch als sch-Laut ausgesprochen. Der Name Xeres wiederum geht auf den arabischen Namen Sherish zurück. Andalusien stand ja jahrhundertelang unter maurischer Herrschaft. Die Weinproduktion lag übrigens auch in dieser Zeit nicht still. Die muslimischen Herrscher durften zwar keinen Alkohol trinken, aber wirtschaftlich war der Weinanbau dennoch interessant. Beim Geldverdienen wurde und wird zu allen Zeiten ein Auge zugedrückt.

Und nun kommen wir dann endlich zum Kaiserlichen: Gemäß dem Kalenderblatt und einigen etymologischen Wörterbüchern geht Sherish auf den lateinischen Namen (urb) Caesaris, Stadt des Cäsars, zurück. Wie Sie vielleicht wissen, kommt auch unser Wort Kaiser vom lateinischen Caesar. Und schon sieht man, dass der Sherry wortgeschichtlich gesehen ein wahrlich kaiserliches Getränk ist.

(Andere Quellen sagen allerdings, dass Sherish auf einen alten, evtl. phönizischen Namen Xera zurückgeht, den die Region schon in der Zeit vor den Römern trug.)

Interessant ist vielleicht noch, wo der Konsonant am Ende des Wortes geblieben ist. Die Engländer nannten den Wein aus Xeres anfänglich Sherris. Da dieses Wort als Mehrzahl angesehen wurde, verschwand das s am Wortende allmählich. Wir haben hier also wieder einmal einen kleinen Beweis dafür, dass der heutige Standard auf die Fehler unserer Vorfahren zurückgeht. Diese Erkenntnis verdiente es, mit einem Gläschen Sherry begossen zu werden, aber dafür ist es vor dem Mittagessen für mich noch etwas zu früh.

www am Satzanfang

Frage

Schreibt man die Abkürzung www am Satzanfang groß? Www.irgendwas.de sieht schon komisch aus.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

am Satzanfang sollte ein Großbuchstabe stehen. Wenn ich entsprechend am Satzanfang Www.canoonet.eu schreibe, sieht das aber tatsächlich sehr gewöhnungsbedürftig aus:

Www.canoonet.eu ist die Adresse unserer Website.

Eine mögliche Lösung wäre, die Großbuchstabenregel außer Acht zu lassen und am Satzanfang ausnahmsweise einmal kleinzuschreiben. Das verdient aber auch keine Nominierung für den Nobelpreis für Rechtschreibung. Es sieht nämlich mindestens ebenso gewöhnungsbedürftig aus:

www.canoonet.eu ist die Adresse unserer Website.

Ich empfehle Ihnen deshalb die Ausweichroute: Stellen Sie nie eine Webadresse an den Satzanfang! Am besten formulieren Sie um. Das ist meistens recht einfach möglich. Zum Beispiel:

Die Adresse www.canoonet.eu gehört zu unserer Website.
Unsere Website hat die Adresse www.canoonet.eu.
Unter www.canoonet.eu erreichen Sie Canoonet.

Wenn eine Internetadresse allein auf einer Zeile steht oder nicht in einen Satz integriert ist, kann sie allerdings mit kleinem Anfangsbuchstaben stehen:

Canoonet erreichen Sie unter
www.canoonet.eu

Webadresse: www.canoonet.eu

Im Allgemeinen gilt, dass Abkürzungen, die für mehr als ein Wort stehen, nicht am Satzanfang erscheinen sollten. Man schreibt sie am Satzanfang wenn möglich aus (was allerdings bei einer Webadresse nicht sehr sinnvoll wäre) oder verschiebt sie ins Satzinnere:

nicht: Z. B. Tom und Anna sind beliebte Namen.
sondern: Zum Beispiel Tom und Anna sind beliebte Namen.
oder: Beliebte Namen sind z. B. Tom und Anna.
nicht: I. d. R. werden mehrteilige Abkürzungen am Satzanfang ausgeschrieben.
sondern: In der Regel werden mehrteilige Abkürzungen am Satzanfang ausgeschrieben.
oder: Mehrteilige Abkürzungen werden am Satzanfang i. d. R. ausgeschrieben.
nicht: M. f. G.
sondern besser:

Mit freundlichen Grüßen

Dr. [sic] Bopp

Kongruenz des Verbs bei Gleichsetzungsnominativen

Wenn eine Frage schnell zu beantworten ist, soll wenigstens der Titel eindrücklich klingen – und die Einleitung etwas länger sein:

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation auch: Eine Schülerin, ein Schüler oder eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, die Tücken der deutschen Sprache zu meistern, stellt Ihnen die Frage: „Heißt es so oder so?“ Mit etwas Glück handelt es sich nicht um einen dieser leidigen Zweifelsfälle und ist die Frage ganz einfach mit „Es heißt so“ beantwortet. Sie lehnen sich also gemächlich zurück, zufrieden, die gute Tat für den heutigen Tag vollbracht zu haben. Und dann kommt sie, die zweite Frage: „Warum heißt es so, wie lautet die Regel?“ Man kann diese Frage niemandem wirklich übel nehmen, denn Regelkenntnis kann beim Erlernen einer Sprache hilfreich sein. Trotzdem wäre es Ihnen viel lieber gewesen, wenn die Frage nicht gestellt worden wäre. Der Grund: Sie haben keine blasse Ahnung, warum es so heißt.

In dieser Situation war Frau E. und in diese Situation hat sie mich mit der hierher weitergeleiteten Frage gebracht. Ich wende mich in solchen Fällen natürlich vertrauensvoll an die Canoonet-Grammatik. Auch diesmal bin ich fündig geworden!

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Satz:

Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das Verb hier völlig korrekt im Plural steht. Aber warum? Eigentlich müsste es doch heißen „Das Thema ist …“, aber eben, die Emissionen sind ja Plural. Können Sie mir eine Regel nennen, die ich dazu im Unterricht gegebenenfalls zitieren könnte?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

es handelt sich hier um einen Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ. Bei dieser Konstruktion werden zwei Nominative über Verben wie sein, bleiben und werden miteinander verbunden

A ist/bleibt/wird B.

Wenn die beiden so verbundenen Substantive den gleichen Numerus haben, ist die Lage ganz einfach:

Das Kind ist eine Nervensäge.
Die Kinder sind Nervensägen.

Wie lautet nun die „Regel“ für den Fall, der Sie beschäftig? – Ganz einfach: Wenn die beiden Nominative nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb im Plural, ganz gleich in welcher Reihenfolge die Substantive stehen:

Die Kinder sind ihre größte Freude.
Ihre größte Freude sind die Kinder.
Stiefel bleiben auch diesen Winter ein Muss.
Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite (ganz unten):

Zufrieden mit dieser Antwort lehnt „Dr. Bopp“ sich zurück. Es soll nun niemand wagen, die Frage zu stellen, warum hier der Plural gewinnt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine 400 km lange Skipiste – oder doch nicht?

Frage Ist in folgenden und ähnlichen Fällen jeweils auch der Plural möglich?
Mit 400 Kilometern Piste(n) sind wir das grösste Skigebiet der Schweiz. Auf 20 Kilometern Trail(s) kommen Biker in den Genuss zahlreicher …
Antwort Sehr geehrter Herr F., der Plural ist hier auch richtig. Theoretisch kann man einen Unterschied zwischen den beiden Formulierungen sehen:
a) mit 400 km Piste = 1) mit einer 400 km lange Piste
b) mit 400 km Pisten = 2) mit Pisten in einer Gesamtlänge von 400 km
a) auf 20 km Trail = 1) auf einem 20 km langen Trail
b) auf 20 km Trails = 2) auf Trails in einer Gesamtlänge von 20 km
Ich würde aber nicht mein Taschengeld darauf verwetten, dass diese theoretische Unterscheidung in der Sprachpraxis eingehalten wird. Mit b) ist immer 2) gemeint. 400 km Pisten sind immer mehrere Pisten, die insgesamt 400 km lang sind. Mit a) hingegen wird wahrscheinlich häufiger ebenfalls 2), also nicht immer nur 1) ausgedrückt. Das ist meist unproblematisch: Ob eine Angabe wie 400 km Piste sich auf eine oder mehrere Pisten bezieht, ergibt sich oft aus dem Kontext. So findet man zum Beispiel in keinem Skigebiet der Schweiz (und auch nicht anderswo) eine vierhundert Kilometer lange Skipiste. Dafür sind die Berge nicht hoch und die Ausdauer der Skifahrer nicht groß genug. Falls Sie sich nicht nur schreibend mit Skipisten beschäftigen, sondern sich auch wirklich auf die Skis wagen wollen, wünsche ich Ihnen viel Wintersportvergnügen. Schneemangel soll ja zurzeit kein Problem sein. Mit freundlichen Grüßen Dr. Bopp

Das Fugenelement in der Bank[en]sprache

Es geht hier weniger um die Bankensprache oder Banksprache an sich als um das Fugenelement en in Zusammensetzungen mit Bank-:

Frage

Ich habe eine Frage zu Komposita mit dem Bestimmungswort Bank. Es gibt einerseits Komposita wie z. B. Bankgeheimnis, Bankkonto und Banknote, die allesamt im Duden aufgeführt sind und die ich auch so schreiben würde.

Daneben gibt es aber eine Reihe von Komposita, bei denen ich unsicher bin: Heißt es Bankensektor oder Banksektor? Bankenwesen oder Bankwesen? Banksprache oder Bankensprache? Interbankengeschäft oder Interbankgeschäft? Interbankzahlungen oder Interbankenzahlungen? Interbankkredite oder Interbankenkredite?

Ich vermute, dass in diesen Fällen beide Varianten möglich sind. Sind Ihnen dazu Tendenzen bekannt?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Faustregel für Fugenelemente in Zusammensetzungen sagt, dass man bei neuen Zusammensetzungen gleich vorgehen sollte wie bei bestehenden Zusammensetzungen mit dem gleichen Bestimmungswort. Neue Zusammensetzungen mit dem Bestimmungswort Bank sollten demnach gleich gebildet werden, wie bestehende Komposita mit Bank an erster Stelle.

Diese „Regel“ führt im Fall von Bank zu einem kleineren Problem: Es gibt gefestigte Komposita ohne Fugenelement (Bankkonto, Bankgeheimnis), aber auch Komposita mit dem Fugenelement en (Bankenaufsicht, Bankenviertel). Mehr als die genannte Faustregel steht uns aber nicht zur Verfügung. Grammatisch gesehen sind also jeweils beide Bildungen korrekt. Nur der allgemeint Gebrauch kann mit der Zeit bestimmen, was in den Wörterbüchern aufgenommen wird.

Ein mit der üblichen Vorsicht zu genießender Blick ins Internet zeigt, dass bei all Ihren Beispielen beide Formen vorkommen – oft allerdings in unterschiedlicher Häufigkeit.

  • Bankensektor häufiger als Banksektor
  • Bankwesen viel häufiger als Bankenwesen
  • Banksprache häufiger als Bankensprache
  • Keine deutliche Tendenz scheint es bei Interbank- vs Interbanken- zu geben.

Wie Sie richtig vermutet haben, dürfen also immer beide Varianten als korrekt angesehen werden. Sie können sich bei Ihrer Wahl nach der Häufigkeit, aber auch nach Ihrem eigenen Sprachempfinden richten. Wichtig ist höchstens, innerhalb eines Textes oder einer Textsorte (oder einer Firmenterminologie) möglichst konsequent immer zum Beispiel Interbankengeschäft oder Interbankgeschäft zu verwenden. Wären doch alle Bank[en]probleme so einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aßlar, Esslingen, Pressburg

Die Rechtschreibreform liegt einige Jährchen zurück und die Wogen haben sich zumindest in der öffentlichen Diskussion seit einiger Zeit wieder geglättet. Auch an dieser Stelle werden kaum mehr Fragen dazu gestellt. Hier folgt doch noch ein Thema, das vielleicht noch für diejenigen neu sein könnte, die nicht in oder neben einem Ort wohnen, der mit ß geschrieben wird:

Frage

Heute geht es mir um eine Diskussion darüber, wie die deutsche Version von Bratislava zu schreiben ist. Da es sich um einen historischen Namen handelt, meine ich, dass es Preßburg heißen muss, also die Regeln der Rechtschreibreform in diesem Spezialfall nicht greifen. Allerdings sieht das die Redaktion der zweibändigen Ausgabe von „WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung“, 2007, anders. Auf Seite 1360 steht blau hervorgehoben „Pressburg“ […].

Ein weiteres Argument für Preßburg: Auch die Schreibweise von Altjeßnitz, Aßlar, Aßling, an der Riß, Eßbach, Faßberg, Saßnitz und etlicher anderer Orte müssten – wenn Preßburg neuerdings Pressburg hieße, wohl geändert werden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die aktuellen Ausgaben von Wahrig, Duden und Canoonet geben die Schreibung Pressburg an. Wie kommen sie dazu? Die Schreibung von Eigennamen ist nur bedingt an die Rechtschreibregelung gebunden. Eine wichtige Rolle spielt dabei, ob es sich um einen offiziellen Ortsnamen in einem deutschsprachigen Gebiet handelt oder nicht.

Bei offiziellen Ortsnamen (Städte, Dörfer, Länder, Landkreise, Bezirke usw.) in Regionen mit Deutsch als Amtssprache ist die Schreibung juristisch festgelegt. Diese amtlich festgelegte Schreibung kann nur durch einen Rechtsakt geändert werden, wenn sie zum Beispiel der Reformschreibung angepasst werden soll. Deshalb gelten an vielen Orten noch die hergebrachten Schreibungen: Aßlar, Aßling, Haßloch, Meßkirch. Bei Esslingen am Neckar und Sassnitz wurde der offizielle Name übrigens schon vor der Reform geändert: Eßlingen wurde 1964 offiziell zu EsslingenSaßnitz 1993 zu Sassnitz. Diese beiden Namen werden also seit der Reform sozusagen wieder „richtig“ geschrieben.

Bei anderen geografischen Namen (Weiler, Höfe, Berghütten, Flurnamen usw.) wird die Schreibung durch die Eigentümer oder durch verantwortliche Institutionen bestimmt. Es wird empfohlen, die Namen der reformierten Schreibung anzupassen, es gibt aber keine Verpflichtung dazu, denn auch die amtliche Regelung lässt bei geografischen Bezeichnungen Schreibungen zu, die nicht mit den allgemeinen Rechtschreibregeln übereinstimmen (Amtl. Regelung, Laut-Buchstaben-Zuordnung, Vorbemerkungen, Absatz 3.2.).

Es bleiben noch die deutschen Namen für Orte in Regionen, die nicht Deutsch als Amtssprache haben. Es wird empfohlen und es ist auch üblich, hier die neue Schreibung zu verwenden. Beispiele sind Elsass, Russland, Parnass (Griechenland), Pressburg, Schässburg (Rumänien) statt wie vor der Reform Elsaß, Rußland, Parnaß, Preßburg, Schäßburg.

Dies erklärt die unterschiedliche Handhabung der ss/ß-Schreibung bei zum Beispiel Aßlar und Pressburg.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

20 % auf alles/allem

Auch wenn es vielerorts fast das ganze Jahr hindurch Ausverkauf zu sein scheint, ist der Januar traditionell immer noch eine gute Zeit für die Schnäppchenjagd. Hierzu eine passende Frage:

Frage

Heißt es 20 % auf alles oder auf allem?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

am besten sagen und schreiben Sie:

20 % auf alles

Die Form alles ist ein Akkusativ. 20 % auf alles steht für 20 % Rabatt auf alles. Man gewährt, gibt oder erhält Rabatt auf eine Sache, nicht auf einer Sache. Nach Rabatt auf folgt also der Akkusativ:

10 % Rabatt auf den Listenpreis
2 € Rabatt auf alle Nagellacke
bis zu 50 % Rabatt auf Markenanzüge
20 % Rabatt auf alles

Der Dativ auf allem ist aber theoretisch gar nicht so abwegig. Er ruft das Bild auf, dass auf allem ein Rabatt von 20 % liegt. Dieses Bild des verführerisch auf der loszuwerdenden Ware drapierten Rabatts verwenden wir aber im Deutschen (leider) nicht. 20 % auf allem ist deshalb nicht üblich.

Spannender als die Frage nach Akkusativ oder Dativ ist natürlich, ob das gute Stück, das im Ausverkauf erworben werden soll, immer noch da ist, wenn 20 % auf alles zu 50 % oder sogar 75 % auf alles geworden ist – falls die Preise tatsächlich so tief sinken. Bei dieser Problematik sind Sie aber auf sich selbst und Ihren persönlichen Shoppingassistenten angewiesen, als Linguist kann ich hier nicht weiterhelfen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp