Es tut mir leid wegen …

Frage

Ich such die deutsche Entsprechung für folgenden Satz „I’m sorry about last Saturday“:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.            .
Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

Beides klingt immer komischer, je länger ich draufschaue. Was schlagen Sie vor? Ginge auch „Tut mir leid wegen letzten Samstag“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

eine nicht umgangssprachliche Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ist etwas wortreicher als das englische Original. Je nachdem, was genau gemeint ist, zum Beispiel:

Der Vorfall von letztem Samstag tut mir leid.
Ich bedauere, was letzen Samstag geschehen ist.
Ich möchte mich für den letzten Samstag entschuldigen.

Die Formulierung (es) tut mir leid wegen etwas ist umgangssprachlich. Standardsprachlich heißt es eher: etwas tut mir leid. Deshalb will der „hehre“ Genitiv hier nicht passen, auch wenn er grammatikalisch noch zu verteidigen wäre. So spricht niemand:

nicht: Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

In einer umgangssprachlichen Formulierung klingt der nach wegen standardsprachlich bei vielen so verpönte Dativ – zumindest in meinen Ohren – etwas besser:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.

Auch der Akkusativ kommt vor. Die Zeitangabe letzten Samstag bleibt dann als adverbiale Bestimmung ähnlich wie unflektierbare Adverbien (gestern, damals) „ungebeugt“:

Es tut mir leid wegen letzen Samstag.

Diese Verwendung eines „unveränderlichen Akkusativs“ nach einer Präposition ist aber standardsprachlich ebenfalls nicht üblich.

Wenn Sie in der deutschen Übersetzung eine standardsprachliche Formulierung wählen müssen, sollten Sie umformulieren (Beispiele oben). Nur dann, wenn eine umgangssprachliche Übersetzung passend ist, können Sie hier auch (es) tut mir leid wegen mit dem Dativ (letztem Samstag) oder sogar mit dem Akkusativ (letzten Samstag) wählen.

Wieder einmal gibt es nicht nur „eindeutig richtig“ und „grundsätzlich falsch“. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie bei der Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ein bisschen ins Zweifeln gekommen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Falsche E-Mail-Adressen

Wenn Sie Ikuto, Kalborn oder Max heißen, für Ihre Frage das Kontaktformular verwendet haben und immer noch auf eine Antwort warten, liegt das daran, dass Sie sich bei der Angabe Ihrer E-Mail-Adresse wohl vertippt haben. Ich habe nämlich die Antwort postwendend zurückerhalten: „Nicht zustellbare E-Mail zurück an Absender.“ Ich benötige also noch eine korrekte E-Mail-Adresse von Ihnen.

Ich möchte alle Fragesteller und Kommentatorinnen wieder einmal bitten, auf die Angabe einer korrekten Antwortadresse zu achten, wenn Sie das Kontaktformular verwenden. Vielen Dank!

Schwarzfahren und sich schwarz ärgern

Schwarzfahren und sich schwarz ärgern

Frage

Woher kommt eigentlich der Ausdruck schwarzfahren? Wahlweise auch Schwarzarbeit, schwarzsehen usw. […] Wie kam es zu dieser Ableitung? Und was war zuerst da? Das Schwarzsehen, -fahren, -arbeiten? Und passt sich schwarz ärgern in die Systematik?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

nach dem etymologischen Wörterbuch von Pfeifer1 kann das Wort schwarz in der Bedeutung illegal mit einem alten Verb schwärzen = schmuggeln in Verbindung gebracht werden. Pfeifer umschreibt die Entstehung ungefähr wie folgt:

Das Verb schwärzen bedeutete im Rotwelschen (der deutschen „Gaunersprache“) schmuggeln, dies wahrscheinlich in Anlehnung an etwas bei Nacht, im Dunkeln tun. Daran schließt die Verwendung von schwarz mit der Bedeutung ungesetzlich an. Dieses Adjektiv tauchte in den Verbindungen schwarzer Markt, Schwarzmarkt und Schwarzhandel auf, mit denen illegaler Valutahandel und dann auch unerlaubter Handel mit rationierten Lebensmitteln und Waren gemeint waren. Dies geschah während des Ersten Weltkriegs oder eventuell in der Inflationszeit um 1923. Später wurde der Anwendungsbereich auf Begriffe wie Schwarzarbeit, schwarzhören, schwarzfahren und schwarzschlachten ausgeweitet.

Das Wort Schwarzmarkt war eventuell sogar ein Exportschlager: So sollen unter anderem englisch black market, französisch marché noir, italienisch mercato nero und polnisch czarny rynek (alle mit derselben Bedeutung) auf diesen deutschen Ausdruck zurückgehen.

In der Wendung sich schwarz ärgern hat schwarz wohl einen anderen Ursprung. Ich habe aber leider nirgendwo entsprechende Angaben finden können und müsste deshalb raten. Man kann sich übrigens auch grün und gelb ärgern oder grün und blau ärgern und man kann auf etwas warten, bis man schwarz wird. Unnatürliche Farbveränderungen scheinen also auszudrücken, dass man etwas sehr intensiv oder sehr lange empfindet. Es gibt hier vielleicht einen Bezug zur früheren Lehre der Körpersäfte. Nach dieser Lehre mit dem schönen Namen Humoralpathologie sind die vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim beim gesunden Menschen im Gleichgewicht und entsprechend bei Kranken aus dem Gleichgewich geraten. Dabei wurde allerdings ein Zuviel an gelber Galle für Wut und Aufbrausen verantwortlich gemacht. Bei zu viel schwarzer Galle war man melancholisch. Ein direkter Bezug zwischen sich schwarz ärgern und diesen Körpersäften ist also eher unwahrscheinlich. Finanzverantwortliche des öffentlichen Verkehrs müssten sich demnach ja – wenn überhaupt – nicht schwarz, sondern gelb über Schwarzfahrer ärgern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer) im DWDS. Die gleiche Erklärung auch in: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Gruyter, 2002, unter dem Stichwort schwärzen.

Informanten informieren Informanden

Frage

Warum werden Reaktanten am Ende mit einem t geschrieben? Diese Frage taucht regelmäßig auf, wenn es um chemische Reaktionen geht. Nun hatte ich nie Latein, aber denke, dass es etwas mit dem „Vorgang“ zu tun haben könnte, denn ein Doktorand ist ja jemand, der gerade dabei ist, seinen Doktortitel anzustreben; er ist im Prozess des Doktorwerdens. Bei einem Konfirmanden kann man ähnlich argumentieren. Ist ein Reaktant nun etwas, was einfach reagiert?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Reaktant bedeutet wörtlich Reagierender. Die Endung –ant geht auf die Endung des lateinischen Partizip Präsens Aktiv (–ans/–antis) zurück. Es gibt im Deutschen relativ viele Fremdwörter dieser Form. Zum Beispiel:

Demonstrant/-in = demonstrierende Person
Informant/-in  = informierende Person
Simulant/-in  = simulierende Person
Sympathisant/-in  = sympathisierende Person
Repräsentant/-in  = repräsentierende Person

Es gibt auch „Nichtpersonen“ auf –ant:

Hydrant = Zapfstelle am Wasserleitungsnetz; wörtlich: Hydrierender (Wassergebender)
Reaktant = Stoff, der mit einem anderen eine chemische Reaktion eingeht; wörtlich: Reagierender
Konsonant = Mitlaut; wörtlich: Mitklingender

Die Variante –ent (lat. -ens/–entis) hat die gleiche Bedeutung:

Assistent/-in = assistierende Person
Dirigent/-in  = dirigierende Person
Konkurrent/-in  = Konkurrierende(r)
Produzent/-in  = Produzierende(r)
Student/-in  = studierende Person
Substituent = Atome, die in einem Molekül andere Atome ersetzten können; wörtlich: Substituierender (Ersetzender)

Nun kommen wir zur zweiten Endung, die Sie erwähnen: Ein Doktorand ist wörtlich genommen eine Person, die zum Doktor gemacht werden soll. Die Endung –and geht auf die Endung des lateinische Gerundivs (–andus) zurück. Diese Verbform entspricht im Deutschen einer Umschreibung mit zu + Partizip Präsens (…and = zu …end). Sie drückt aus, dass etwas mit jemandem oder einer Sache getan werden sollte. Weitere Beispiele sind:

Konfirmand/-in = Person, die konfirmiert wird/werden soll
Informand/-in = zu informierende Person
Multitplikand = zu multiplizierende Zahl

Promovend/-in = zu promovierende Person
Subtrahend = zu subtrahierende Zahl

Der Informant ist also der Informierende und der Informand der zu Informierende. Das ist eine klare Rollenverteilung: Informanten informieren Informanden. Trotzdem begegnen sich die beiden in der Sprachrealität erstaunlich selten. Das hat damit zu tun, dass Fremdwörter, wie auch Ihr Beispiel Reaktant zeigt, oft in einem bestimmten Zusammenhang verwendet werden. Informanten versorgen in der Regel die Polizei und (wissenschaftliche) Untersuchungen mit Informationen. Der Begriff Informand hingegen kommt vor allem im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung vor – es sei denn, es handle sich, wie recht oft, um einen falsch geschriebene Informanten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Entgegen der Regel nicht wiederholen

Frage

Wie verhält es sich mit Sätzen wie:

Ich bin nachhause gefahren und jetzt sehr müde.
Ich bin (metaphorisch) gestorben und jetzt im Paradies.

Muss „bin“ wiederholt werden, weil es bei der ersten Aussage als Hilfsverb fungiert (von „gefahren“ bzw. „gestorben“), aber bei der zweiten als Kopulaverb resp. als Vollverb?

Ich bin nachhause gefahren und bin jetzt sehr müde.
Ich bin (metaphorisch) gestorben und bin jetzt im Paradies.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

in den meisten Grammatiken steht – wenn überhaupt etwas zu diesem Thema –, dass man wiederholte gebeugte Verbformen nicht weglassen kann, wenn sie unterschiedliche Funktionen haben (Vollverb, Hilfsverb, Kopulaverb, Modalverb, Teil einer festen Wendung; für Genaueres siehe hier). Zum Beispiel:

Nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit nach Hause gebracht.
Nicht: Die Stimmung drohte umzuschlagen und die Präsidentin mit dem Rücktritt.
Nicht: Er nahm auf niemanden Rücksicht und den ganzen Kuchen für sich allein.
Nicht: Er lebt in München und auf großem Fuß.

Man muss hier die kursiv geschriebene Verbform wiederholen oder den Satz umformulieren.

Dies ist eine Regel, die es sich zu merken lohnt, vor allem wenn man gerne (zu) kurz und bündig formuliert.

So weit, so gut. Nun kommen wir zu Ihren Beispielen. Nach der genannten Regel sind auch Ihre Sätze nicht korrekt, denn bin hat tatsächlich jeweils eine andere Funktion (Hilfsverb/Kopulaverb resp. Hilfsverb/Vollverb):

Ich bin nachhause gefahren und jetzt sehr müde.
Ich bin gestorben und jetzt im Paradies.

Die Beispiele zeigen aber, dass die Regel in dieser Form keine eiserne Regel ist. Ihre Sätze kommen mir nämlich (wie Ihnen?) recht akzeptabel vor. Je nachdem, wie groß der Unterschied zwischen Funktion oder Bedeutung ist, scheint ein Verstoß gegen die Grundregel zumindest bei haben und sein mehr oder weniger „schlimm“ zu sein:

sicher nicht: Ich habe einen Hund und ihn sehr gern.
nicht?: Ich habe gegessen und jetzt keinen Hunger mehr.

sicher nicht: Ich bin aus Hamburg angereist und ein Staubsaugervertreter.
nicht?: Ich bin aus Hamburg angereist und jetzt sehr müde.

Die mit nicht? markierten Sätze halte ich spontan für richtig. Wenn ich sie als falsch bezeichnen würde, dann vor allem, weil mir die oben genannte Grundregel bekannt ist, und nicht etwa, weil mir mein Sprachgefühl dies eingeben würde.

Es scheint also in diesem Bereich zumindest für haben und sein keine haarscharfe Grenze zwischen korrekten und falschen Formulierungen zu geben. Liebhabern und Liebhaberinnen strenger Regeln kann ich an dieser Stelle leider nicht weiterhelfen: Ich kenne keine genaueren Untersuchungen in diesem Bereich – und mir fehlt leider die Zeit dazu.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Griechischer Salat vs schottischer Whisky

Frage

Worin besteht der Unterschied zwischen einem „griechischen Salat“ und einem „Salat griechischer Machart“? Meiner Meinung nach kann ein Salat griechischer Machart von jedem gemacht werden, ein griechischer Salat jedoch muss in Griechenland gezogen und geerntet oder von einem Griechen zubereitet sein!

Antwort

Guten Tag F.,

griechischer Salat und Salat griechischer Machart bezeichnen sehr oft dasselbe. In Griechenland geernteten Salat nennt man zwar tatsächlich nur griechischen Salat, aber ein Salat griechischer Machart wird meistens ebenfalls einfach griechischer Salat genannt. Diese Bezeichnung hat sich für ein Salatgericht, das unter anderem Tomaten, Gurken, Feta und Oliven enthält, eingebürgert.

Geografische Adjektive bezeichnen nicht immer die direkte Herkunft, sondern manchmal, wie hier, die ursprüngliche oder sogar nur die vermeintliche Herkunft. Gerade bei Gerichten kommt dies häufiger vor:

griechischer Salat
französische Salatsauce
chinesische Nudeln
russische Eier
Wiener Schnitzel
Frankfurter Würstchen

All diese Gerichte müssen nicht aus dem entsprechenden Land oder der entsprechenden Stadt kommen. Sie können sie selbst in Ihrer Küche zubereiten, in Ihrem Lebensmittelgeschäft kaufen oder in einem Restaurant in Ihrer Umgebung bestellen.

Bezeichnungen dieser Art kommen auch im „Non-Food-Bereich“ vor (insbesondere Pflanzen- und Tiernamen):

Appenzeller Sennenhund (eine Hunderasse)
Sibirische Schwertlilie (eine Lilienart)
amerikanische Buchhaltung (Art der doppelten Buchführung)
englische Krankheit (Rachitis)
russisches Roulette (lebensgefährlich!)

Gewisse Namen sind allerdings geschützte geografische Angaben, das heißt, die Produkte müssen aus der im Namen genannten Region kommen. Zum Beispiel:

Bündnerfleisch
Dresdener Stollen
Nürnberger Lebkuchen
Kölnisch Wasser

Ganz allgemein ist man bei der Verwendung von geografischen Bezeichnungen an strengere Regeln gebunden, wenn man Produkte verkaufen will. Wenn es sich nicht um eine gebräuchliche Bezeichnung für etwas handelt, darf eine Herkunftsbezeichnung nur dann verwendet werden, wenn das Produkt auch tatsächlich aus der entsprechenden Region kommt. Toskanisches Olivenöl muss aus der Toskana kommen, spanische Wurst aus Spanien, schottischer Whisky aus Schottland usw.

Über die Begriffe italienischer Fußball und deutscher Fußball schreibe ich heute, „am Tag danach“, besser nichts .

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der ungebeugte Präsident

Frage

Mir ist aufgefallen, dass es bei „von“ scheinbar unerklärliche Ausnahmen gibt. Dabei geht es mir um folgenden Satz: „Ich halte nichts von Präsident XY.“ Das „von“ sollte doch eigentlich den Dativ fordern, tut es hier aber offensichtlich nicht, da es sonst „PräsidentEN“ heißen müsste. Bildet man den Satz mit einem bestimmten Artikel, so kann man auf einmal korrekt formulieren: „Ich halte nichts von dem Präsidenten XY.“ Könnten Sie mich hier aufklären?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

diese „Ausnahme“ kann man nicht nur bei von und nicht nur bei Präsident beobachten. Sie hat mit der Funktion zu tun, die Wörter wie Präsident (Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandschaftsbezeichnungen u. Ä.) innerhalb einer Personenbezeichnung haben können.

Wenn Präsident ohne Artikel vor einem Namen steht, ist es eine Ergänzung (Apposition) zum Namen. Der Name ist der Kern der Wortgruppe und wird gebeugt. Der Titel bleibt ungebeugt:

Die Bundeskanzlerin empfängt Präsident Hollande.
Europa hat von Präsident Hollande nicht zu fürchten.
Präsident Hollandes Lebensgefährtin

Ebenso zum Beispiel:

der von Fürst Metternich geleitete Kongress
Krimiautor Mario Puzos berühmter Roman
Onkel Bernhards Fiat und Tante Lindas Volvo
Königin Elisabeths Thronjubiläum

Wenn man ein Wort wie Präsident mit einem Artikelwort verwendet, werden die Rollen umgedreht. Der Titel ist der Kern der Wortgruppe und der Name eine Ergänzung (Apposition). Dann wird der Titel gebeugt und der Name bleibt unverändert:

Die Bundeskanzlerin empfängt den Präsidenten Hollande.
Europa hat vom Präsidenten Hollande nicht zu fürchten.
die Lebensgefährtin des Präsidenten Hollande

Ebenso zum Beispiel:

der vom Fürsten Metternich geleitete Kongress
der berühmte Roman des Krimiautors Mario Puzo
der Fiat meines Onkels Bernhard und der Volvo deiner Tante Linda
das Thronjubiläum der Königin Elisabeth

Mehr zu diesem Thema finden Sie, wenn Sie möchten, in der Canoonet-Grammatik hier und hier.

Es ist also nicht nur bei Präsidenten so, dass ohne Artikel der Name und mit Artikel der Titel gebeugt wird. Das Deutsche behandelt ganz demokratisch auch Königinnen, Krimiautoren und normalsterbliche Onkel und Tanten in dieser Weise.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Natürlich gibt es auch hier wieder Ausnahmen: Die Anrede Herr wird immer gebeugt, also auch dann, wenn kein Artikel verwendet wird:

Frau Merkel empfängt Herrn Hollande.
Europa hat von Herrn Hollande nichts zu befürchten.
Herrn Hollandes Lebensgefährtin.

Umgekehrt bleibt der Titel Doktor auch mit Artikel ungebeugt:

Doktor Bopps Blog
der Blog des Doktor Bopp

Pläuschchen

Frage

Wie heißt die Verniedlichung von „Plausch“? Heißt es „Pläuschen“ oder „Pläuschchen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau V.,

die Verkleinerungsform von Plausch ist:

Pläuschchen

Wenn der Stamm eines Substantivs auf sch endet, bildet man den Diminutiv, indem man wie bei anderen Wörtern chen anhängt (und ggf. umlautet). Zum Beispiel:

Fischchen
Fläschchen
Täschchen
Tischchen
Rüschchen
Bürschchen
usw.

Das gilt auch dann, wenn man das chen nicht ganz standardgemäß als schen ausspricht („Hündschen, mach mal Männschen für das Frauschen!“): Auch wer Handtäschen sagt, sollte Handtäschchen schreiben.

Wem die Konsonantenfülle schch etwas zu viel ist, kann natürlich auch auf die eher südliche Variante lein ausweichen:

Pläuschlein
Fischlein
Fläschlein
usw.

Notwendig ist das aber nicht. Bei Zusammensetzungen bewältigen wir nämlich noch viel eindrücklichere Konsonantenhäufungen: Herbststurm, Angstschweiß. (Mehr dazu finden Sie hier.)

Wie immer man es aussprechen und schreiben mag, ein kleines Pläuschchen oder Pläuschlein ist immer gut fürs Gemüt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Umgeschlossen?

Frage

Ich bin beim Verb „umschließen“ auf Ihre Partizip-Perfekt-Form „umschlossen“ gestoßen. Die Form „umgeschlossen“ kann ich in Canoonet nicht finden.

Ich bin auf diese Form einmal im Zusammenhang mit Telefonverträgen gestoßen. Wenn man mit seiner Rufnummer den Telefonprovider wechselt, stellt sich die Frage, wann der Umschluss der Rufnummer auf den neuen Anbieter stattfindet. Also: Wann wird „umgeschlossen“?

Zum anderen finden in Haftanstalten auch Umschlüsse statt. Wenn z. B. Häftlinge temporär von einer in eine andere Zelle verbracht werden, spricht man davon, dass sie „umgeschlossen“ wurden. In beiden Fällen heißt der Infinitiv Präsens „umschließen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.

wenn ein Wort nicht in den Wörterbüchern zu finden ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass es das Wort nicht gibt. Häufig heißt es einfach, dass es eine weniger häufig vorkommende Ableitung oder Zusammensetzung ist, die nach einem gängigen Wortbildungsmuster gebildet wurde und einfach zu interpretieren ist. So auch hier: Neben dem in den meisten Wörterbüchern vorkommenden untrennbaren umschlíéßen (auf schließ betont, Partizip: umschlóssen, Bedeutung: einschließen, umgeben, umfassen) kommt auch das trennbare úmschließen vor (auf um betont, Partizip úmgeschlossen).

Im Deutschen gibt es viele Verben mit um-. Sie lassen sich grob in drei Klassen einteilen.

  • Mit um- werden trennbare Verben mit dem Bedeutungselement zurück, herum, zu Boden gebildet. Zum Beispiel:

úmschauen, úmkehren, úmrühren, úmstürzen, úmwerfen

  • Mit um- werden weiter trennbare Verben mit dem Bedeutungselement neu, anders, allgemein verändern gebildet. Zum Beispiel:

úmbauen, úmbuchen, úmfüllen, úmprogrammieren und úmschließen

  • Mit um- werden auch untrennbare Verben mit dem Beutungselement rundum, um herum gebildet. Zum Beispiel:

umgéhen, umflíéßen, umfássen, umrúnden und umschlíéßen

(Interessant sind die manchmal nicht ganz unwichtigen Bedeutungsunterschiede zwischen trennbaren und untrennbaren Verben. So macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ich ein Hindernis umfáhre oder úmfahre: Wenn man nicht zufällig auf einem großen Bulldozer sitzt, ist es einfacher, einen Baum zu umfahren als ihn umzufahren.)

Es gibt, wie gesagt, sehr viele Verben mit um-. Viele davon sind in Wörterbüchern verzeichnet, aber bei weitem nicht alle. Beschränken wir uns einmal auf die Gruppe der trennbaren Verben mit dem Bedeutungselement verändern. In den meisten Wörterbüchern verzeichnet sind zum Beispiel:

umarbeiten, umbauen, umbuchen, umdatieren, umpflanzen, umprogrammieren, umschulen, umschichten, umschminken, umstellen, umziehen …

Nach demselben Muster werden auch Verben gebildet, die es (noch) nicht bis in alle Wörterbücher geschafft haben:

umfädeln, ummontieren, umplanen, umreihen, umschienen, umspuren, umstöpseln, umtüten, umschließen …

Auch wenn man sie nicht im Wörterbuch findet, sind solche Bildungen meistens leicht verständlich. In der Regel hilft nämlich der Kontext, sie richtig zu interpretieren. Als ich Ihre Frage las, war mir nicht sofort klar, was die allein stehende Form umgeschlossen bedeutet. Sobald aber der Kontext hinzukommt (im einen Fall werden Telefonanschlüsse umgeschlossen, im anderen Fall werden Gefangene umgeschlossen), wird deutlich, was mit umschließen gemeint ist: anders anschließen bzw. an einem andern Ort einschließen.

Das Wortbildungselement um- kann mit vielen Verben kombiniert werden. Nicht immer führt dies zu einem stilistischen Meisterwerk, aber meistens zu einem einfach verständlichen Wort. Das trennbare Verb umschließen – schließt um – hat umgeschlossen gibt es also, auch wenn es wie viele andere nicht im Wörterbuch steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Blogspektrogramm 14

Die viezehnte Ausgabe des Blogspektrogramms ist während meiner Abwesenheit bei */ˈdɪ?kæf/ erschienen:

Es wird wieder auf Interessantes zur deutschen und diesmal auch zu anderen Sprachen hingewiesen. Von der Frage, ob Stundenkilometer korrekt gebildet ist, über die (Un–)Beliebtheit des Sächsischen, den Kampf gegen Anglizismen, die Bedrohung durch das „Bürokratische Monster“ bis hin zum Siezen im Englischen und hartnäckigen Missverständnissen über die chinesischen Schriftzeichen (Letzeres auf Englisch) findet sich viel Lesenswertes. Mehr dazu, wie bereits gesagt, bei */ˈdɪ?kæf/. Viel Spaß beim Lesen!

Frühere Ausgaben:
Blogspektrogramm 13
Blogspektrogramm 12
Blogspektrogramm 11
Blogspektrogramm 10
Blogspektrogramm 9
Blogspektrogramm 8
Blogspektrogramm 7
Blogspektrogramm 6

Blogspektrogramm 5
Blogspektrogramm 4
Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1