Befehle Er/Sie heute nicht mehr so!

Frage

Es geht um die etwas altertümliche Anrede „er“. Benutzt man hierbei bei einem Befehl den Imperativ oder den Konjunktiv? Heißt es also beispielsweise „Gib Er mir das Buch!“ oder „Gebe Er mir das Buch!“? Ich bin auf Beispiele gestoßen, die beide Möglichkeiten nahelegen, aber eine eindeutige Aussage habe ich nicht gefunden.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Form der Anrede und Aufforderung ist nicht nur etwas altertümlich, sondern hoffnungslos veraltet. Ob Sie jemanden nun mit „Nehme Er Platz!“ oder „Nimm Er Platz!“ auffordern sich zu setzen, die zu erwartenden Reaktionen sind verwundertes Kopfschütteln, beleidigtes Schnauben,  nicht verstehendes „Wie bitte?“ oder einfach amüsiertes Lächeln. Die Anrede „Er“ für einen Mann oder „Sie“ für eine Frau wurde gegenüber Untergebenen und Standesniedrigeren verwendet.

Johann, melde Er der Gräfin meine Ankunft!
Frau Wirtin, hat Sie guten Wein im Hause?

Das ist ein weiterer Grund, weshalb man diese Anrede heute nur noch scherzhaft oder in Kostümfilmen und historischen Romanen verwenden sollte.

Eine Aufforderung in der dritten Person steht im Prinzip im Konjunktiv I. Dies ist uns aber nicht bewusst, weil die Formen des Indikativs und des Konjunktivs in der dritten Person Plural (Sie)  identisch sind:

Geben Sie mir ein Glas Wasser!
Nehmen Sie Platz!

Der Konjunktiv ist nur noch beim Verb sein ersichtlich:

Seien Sie still!

In den veralteten Befehlsformen der dritten Person Einzahl (Er, Sie) steht ebenfalls der Konjunktiv I. Er ist meistens identisch mit dem Imperativ der zweiten Person Einzahl:

Hole Sie ein Glas Wasser!
Sei er still!
Führe Sie die Kinder hinaus!

Dabei konnte wie im Imperativ die Endung e wegfallen:

Schweig[e] Er!

Nur bei den Verben, die im Imperativ Singular einen Ablaut haben, ist der Unterschied ersichtlich:

Gebe Er mir ein Glas Wasser! (nicht Gib Er …!)
Helfe Er mir auf das Pferd! (nicht Hilf Er …!)
Nehme Sie sich der Kinder an! (nicht Nimm Sie …!)
Trete Sie näher! (nicht Tritt Sie …!)

Man verwendet hier also nicht die Imperativformen der zweiten (!) Person Singular, sondern die Konjunktiv-I-Formen der dritten Person Singular. Bei so viel Formengleichheit ist es allerdnigs nicht erstaunlich, dass sich nicht immer alle an diese Regel halten und gehalten haben.

Dr. Bopp

Am Hafen von Boston

Frage

Ich wüsste gerne, wie es richtig heißt:

Er sitzt auf einer Bank an Bostons Old Harbor.

oder:

Er sitzt auf einer Bank am Bostoner Old Harbor.

Ist womöglich beides richtig? Die zweite Variante schätze ich als richtig ein, aber die erste gefällt mir besser. Oder sitzt man gar nicht am Hafen wie man am Strand sitzt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie können die Formulierung wählen, die Ihnen besser gefällt. Möglich sind beide. Man kann hier sowohl den Genitiv des Ortnamens als auch das zum Ortsnamen gehörende Adjektiv verwenden:

an Bostons Old Harbor
am Bostoner Old Harbor

durch Deutschlands Wälder wandern
durch die deutschen Wälder wandern

in Genfs Nobelquartieren
in den Genfer Nobelquartieren

Tritt Italiens Ministerpräsident zurück?
Tritt der italienische Ministerpräsident zurück?

Der Genitiv wirkt oft etwas gehobener.

Ausnahmen gibt es natürlich auch. Beispiele dafür sind feste Wendungen und Namen, die nur in einer bestimmten Form üblich sind wie die Bremer Stadtmusikanten, das Deutsche Eck, die Salzburger Nachrichten oder die Emmentaler Liebhaberbühne. Zu guter Letzt: Man kann am Hafen sitzen. Wenn es ein schöner oder interessanter und nicht piratenfilmartig gefährlicher Hafen ist, geht das sogar sehr gut!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die im Titel verwendete Formulierung mit von ist meist auch möglich, stilistisch aber nicht immer empfehlenswert und bei einigen sogar als „genitivmordend“ verpönt.

Null Punkte, zéro point

Bemerkung

Das Plural-/Singularthema im Blog rief mir in Erinnerung, dass es in unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Verwendungen des Numerus gibt. Im Deutschen sagt man zum Beispiel „null Punkte“, im Französisch jedoch „zéro point“, also ohne Plural-s. Erst wenn man diese beiden Formen nebeneinander sieht, fällt einem auf, dass die französische Form „logischer“ ist, wir uns aber am deutschen Gebrauch nie an der „unlogischen“ Form gestört haben respektive stören.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

tatsächlich ein bemerkenswerter Unterschied. Während wir ausschweifend pluralisch mit null Punkten unzufrieden und mit null Fehlern zufrieden sind, ärgern oder freuen sich die Französischsprachigen bescheiden singularisch über zéro point und zéro faute. Wir stören uns wahrscheinlich deshalb nicht am Plural, weil er gar nicht so unlogisch ist. Wenn man null mit kein gleichsetzt, sieht man, dass beides etwa gleich sinnvoll ist:

Sie haben keinen Punkt erhalten.
Sie haben keine Punkte erhalten.

Ganz einfach gesagt: Wenn nichts da ist, macht es nicht so viel aus, ob eine Einzahl oder eine Mehrzahl fehlt. Warum wir allerdings nach null immer die Mehrzahl wählen, ist eine Frage, die ich leider nicht zu beantworten weiß.

Wir sind allerdings nicht die einzigen, die hier den Plural dem Singular vorziehen. Zum Beispiel:

en: zero points (Sing. = point)
it: zero punti (Sing. = punto)
sp: cero puntos (Sing. = punto)
nl: nul punten (Sing. = punt)
pl: zero punktów (Sing. = punkt)

Das Französische steht also mit dem Singular zéro point schon ein bisschen allein da.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wem gehört unser Geschenk?

Die erste Weihnachtsbeleuchtung hängt bereits. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen! Passend dazu die folgende Frage, die sich allerdings auf Geschenke aller Art bezieht:

Frage

Ich wollte ein paar Sätze zu einem erhaltenen Geschenk schreiben und bin bei der Suche nach einer geeigneten Formulierung auf folgendes „Problem“ gestoßen. Wenn ich von „unserem Geschenk“ spreche, so ist doch damit eher das Geschenk von uns für jemand anderen gemeint und weniger das Geschenk für uns, also eines, das wir erhalten haben. Oder anders ausgedrückt unser Geschenk ist (zumindest nach dem Schenkvorgang) nicht unseres. Oder verhält es sich doch ganz anders? Gibt es evtl. einen anderen Ausdruck, der zu einer eindeutigeren Formulierung führt?

Antwort

Guten Tag P.,

mit unser Geschenk ist meist unser Geschenk für jemanden gemeint. Es bleibt auch dann unser Geschenk, wenn der Schenkvorgang abgeschlossen ist. Nur die verschenkte Flasche, CD oder iPad-Hülle ist nach dem Schenkvorgang nicht mehr von uns in unserem Besitz. Besitzanzeigende Wörter wie unser geben ein „Besitzverhältnis“ im weitesten Sinne an. Das Wort Geschenk bezieht sich hier gewissermaßen auf den Vorgang und die Absicht, die von uns ausgehen. Vorgang und Absicht bleiben dieselben, nur das Verschenkte wechselt den Besitzer. Sie können sich also gut wie folgt für ein Geschenk bedanken, das Sie erhalten haben: „Vielen Dank für euer Geschenk!“

Es wird allerdings komplizierter! Trotz allem, was bis jetzt gesagt wurde, nennen gelegentlich auch die Beschenkten das Geschenkte unser Geschenk. Dann geht es nicht mehr um Vorgänge und Absichten, sondern um das Haben, das Besitzen im wörtlichen Sinne. So drücken sich zum Beispiel zwei Geschwister grammatikalisch völlig korrekt aus, wenn sie sich unter dem Weihnachtsbaum streiten: „Das ist mein Geschenk, nicht deins!“ Damit wollen die lieben Kleinen in der Regel deutlich sagen, dass sie das mein Geschenk genannte Geschenk erhalten haben.

Sowohl die Schenkenden als auch die Beschenkten können also von unser Geschenk reden. Normalerweise ergibt sich dabei aus dem Kontext, was gemeint ist. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, kann die Schenkrichtung zum Beispiel mit Hilfe von für und von angegeben werden:

Gefällt dir unser Geschenk?

Gefällt dir unser/das Geschenk für deine Mutter?
Gefällt dir unser/das Geschenk von deiner Mutter?

Doch wie gesagt, außer vielleicht dann, wenn mehrere Geschenke für mehrere Personen unter einem Weihnachtsbaum liegen, ist in der Regel klar, um wessen Geschenk es sich bei etwas Geschenktem handelt, ganz gleich ob nun unser, euer oder das vor Geschenk steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Jede(r) der Neubauten

Manchmal sind ganz einfach klingende Fragen auf den zweiten Blick doch gar nicht so einfach.

Frage

Ein schwieriger Fall, der, je länger ich drüber nachdenke, umso verworrener wird: Heißt es „Jeder der Neubauten ist schön“ oder „Jede der Neubauten ist schön“? Ich tendiere ja zu Letzterem.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

zuerst dachte ich, dass die Antwort auf Ihre Frage ganz einfach sei. Dann aber schlug meine eigene Unsicherheit zu. Was ist nun eigentlich richtig? Im Prinzip heißt es:

Jeder der Neubauten ist schön.

Neubauten ist der Plural des männlichen Substantivs Neubau:

der Neubau / die Neubauten

Man sollte hier deshalb die männliche Form jeder verwenden. Vgl.

Jeder der Männer erhielt ein Stück Kuchen.
Jede der Frauen erhielt ein Stück Kuchen.
Jedes der Kinder erhielt eine Stück Kuchen.

Ganz so unkompliziert ist es bei Neubauten allerdings doch nicht. Die Unsicherheit entsteht dadurch, dass die Form Bauten irgendwie so weiblich aussieht. Das liegt daran, dass sie dies eigentlich auch war: Der Plural die Bauten von der Bau gehörte ursprünglich zum heute kaum mehr verwendeten weiblichen Wort die Baute (das Gebäude).

Falls Ihnen die Formulierung jeder der Neubauten immer noch nicht gefallen will (sie „klemmt“ auch in meinen Ohren), verwenden Sie doch einfach eine andere. Zum Beispiel:

Alle diese Neubauten sind schön.
Sämtliche Neubauten sind schön.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die größten Hits aller Zeiten

Frage

Derzeit höre ich mit großem Vergnügen Radio, nämlich die alljährliche Hitparade des südwestdeutschen Senders SWR1. Der häufig wiederholte Werbeslogan dazu macht mich jedoch stutzig: „Die größten Hits aller Zeiten“. Schließt diese Formulierung nicht die Zukunft mit ein? Wird es gar künftig keine weiteren „Hits“ mehr geben? Oder ist dies nur eine reißerische Übertreibung, womöglich gar populär seit jener schrecklichen Zeit, in der 1000 Jahre in zwölf Jahren vergingen und unsägliches Leid geschah?

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

„Die größten Hits aller Zeiten“ ist eine Übertreibung, die nicht allzu ernst gemeint ist und die man entsprechend auch nicht wörtlich nehmen darf. Man kann die größten Hits aller Zeiten mit dem Balken im eigenen Auge, todmüden Kindern oder sich im Schneckentempo vorwärtsbewegendem Verkehr vergleichen. Niemand denkt natürlich beim SWR1 tatsächlich, dass es keine neuen Hits mehr geben wird. Mit den größten Hits aller Zeiten sind nur die populärsten, das heißt bis jetzt am meisten verkauften Pop- und Schlagerhits gemeint. Der Slogan „Die bis jetzt am meisten verkauften Hits“ wäre zwar ehrlicher, aber er klingt so matt, dass er bestimmt kein chancenreicher Anwärter auf den Titel „Bester Werbeslogan aller Zeiten“ wäre.

Ob man sie nun mag oder hasst, sie schön und witzig oder grässlich und eine Zumutung findet, solche Übertreibungen gab und gibt es überall:

der dümmste Slogan aller Zeiten
die schönste Frau des ganzen Universums
die ultimative Lösung für Ihr Kundenmanagement
der beste Döner westlich des Urals

Auch in anderen Sprachen scheut man sich nicht davor:

The greatest hits of all times (eng.)
Les plus gros succès de tous les temps (frz.)
De grootste hits aller tijden (nld.)

Der Ursprung des Slogans „Die größten Hits aller Zeiten“ ist also nicht in der Nazizeit zu suchen. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spass und ungestörten Hörgenuss bei der Hitparade!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Moor und Meer

Gestern war das Wetter herrlich sonnig. Wir beschlossen, das auszunützen und endlich einmal die seit langem geplante Rundwanderung um das Hochmoor zu machen. Es war fantastisch. Man musste an zwei, drei Stellen halbverwilderte Kuhherden umgehen – als Städter natürlich mit leicht beunruhigten Seitenblicken, wenn sich bei genauerem Hinsehen erwies, dass eine der Kühe keine Kuh, sondern ein Stier war. An anderen Stellen war es recht nass und sumpfig, so dass die Schuhe danach zu Hause draußen vor der Tür aufs Abgebürstetwerden warten mussten. Die Kühe und Stiere interessierten sich aber viel mehr für das Gras als für uns und im „Sumpf“ sanken wir nirgendwo viel tiefer ein als anderthalb Schuhsolen. Auch sonst erwiesen sich das Moor und die umliegende Landschaft als sehr friedlich: warme Herbstfarben, in der Sonne glitzernde Spinnfäden, Pilze in allerlei Größen und Formen – und genau zur richtigen Zeit, das heißt nach ungefähr zwei Dritteln des Weges, ein Bänklein mit idyllischer Aussicht auf einen Weiher, Heide und Waldrand. Es war die erste, aber bestimmt nicht unsere letzte Wanderung um das Moor.

Das bringt mich zur Frage, die ich mir heute Morgen plötzlich stellte, als ich an den gestrigen Nachmittag dachte: Moor? Ich habe (zumindest für mich) Erstaunliches herausgefunden: Das Wort Moor ist eine abgelautete Variante von Meer.

Was haben nun das Moor und das Meer gemeinsam, außer dass beide natürlich und sehr feucht sind? Sie haben gemeinsame Vorfahren. Im Althochdeutschen bezeichnete mer(i) ursprünglich nicht etwa das große, salzige Nass, sondern es bedeutete Sumpf, stehendes Gewässer. Später hat es die heutige Bedeutung die See erhalten. Die alte Bedeutung findet sich heute u. a. noch im niederländischen het meer = der See und im gehobeneren englischen the mere = Weiher, kleiner See. Eine viel geringere Bedeutungsänderung hat das Moor hinter sich. Es geht auf die alte Variante mor, muor = Sumpf, Sumpfland zurück. Meer und Moor sind übrigens die germanischen Verwandten des lateinischen Wortes mar = die See, das Meer … Wenn man nun noch die für Fremdsprachige oft verwirrende Unterscheidung der See und die See hinzunimmt, sieht man, dass die deutsche Wortgeschichte auch im Bereich der mehr oder weniger feuchten Landschaftstypen reichlich unsystematisch verlaufen ist. Doch wen kümmert das schon bei einer schönen Wanderung rund ums Hochmoor?

Blogspektrogramm 6

Die sechste Ausgabe des Blogspektrogramms steht in diesem Monat wieder im Sprachlog von Anatol Stefanowitsch:

Auch diesmal gibt es viel Interessantes zur deutschen und anderen Sprachen zu lesen – und zu sehen. Mehr dazu, wie bereits gesagt, im Sprachlog. Viel Spaß beim Lesen!

Blogspektrogramm 6
Blogspektrogramm 5
Blogspektrogramm 4
Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1

1,5 Pfund Erbsen – Singular oder Plural?

Nachdem ich die Antwort auf die untenstehende Frage wieder zurückerhalten habe („Absender unbekannt“), möchte ich Sie wieder einmal bitten, darauf zu achten, im Kontakformular die richtige Adresse anzugeben oder einfach die ebenfalls hier genannte E-Mail-Adresse zu verwenden. Sie erhalten dann nämlich ganz bestimmt eine Antwort – und auch noch schneller.

Frage

Auf Ihrer Webseite http://www.canoonet.eu/services/OnlineGrammar/Wort/Verb/Numerus-Person/ProblemNum.html führen Sie den Beispielsatz an: „Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.“ Mehrere Personen sind der Meinung, dass dies „Hinzu kommt 1,5 Pfund lauten muss“ (ab „2 Pfund“ dagegen Plural). Mit den anderen Beispielsätzen sind wir dagegen einverstanden.

Antwort

Guten Tag!

Als standardsprachlich richtig gilt:

Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.

Vermutlich finden Sie in diesem Beispielsatz die Einzahl besser, weil Sie 1,5 als eine Einzahl ansehen. Dass dies nicht der Fall ist, wird dann ersichtlich, wenn das nachfolgende Substantiv keine immer in der Einzahl stehende Mengenangabe wie Pfund ist:

1 Pfund Erbsen
1,5 Pfund Erbsen
2 Pfund Erbsen

1 Tonne Erbsen
1,5 Tonnen Erbsen (nicht: 1,5 Tonne)
2 Tonnen Erbsen

Ein Tag ist lang.
eineinhalb Tage sind lang. (nicht: eineinhalb Tag)
Zwei Tage sind lang.

Wir haben es also bei 1,5 Pfund Erbsen mit einer Mengenangabe in der Mehrzahl und etwas Gemessenem in der Mehrzahl zu tun. Standardsprachlich sollte das Verb deshalb ebenfalls in der Mehrzahl stehen (siehe hier):

Hinzu kommen 1,5 Pfund Erbsen.

Vgl.

Hinzu kommen 1,5 Tonnen Erbsen.
Hinzu kommen 2 Pfund Erbsen.

Es ist allerdings nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier den Singular wählen möchten: 1,5 (eins Komma fünf) beginnt mit 1 (eins) und Pfund steht trotz der „mehrzahligen“ Bedeutung in der Einzahl (1,5 Pfund, nicht 1,5 Pfunde). Bei so vielen wie eine Einzahl aussehenden Elementen drängt sich die Singularform für das Verb beinahe auf. Standardsprachlich sollte aber, wie gesagt, trotzdem der Plural stehen. Wie bei vielen Mengenangaben, die ja nicht grundlos zu den problematischen Fällen gezählt werden, findet man „in der freien Wildbahn“ auch hier häufig andere Formulierungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer am besten am Lachen ist

Frage

Es ist zwar kein gutes Deutsch, aber wenn man schreibt: „Wir waren heute nur am lachen“, schreibt man „lachen“ groß oder klein? Ich hätte es instinktiv kleingeschrieben, weil es ja eine Tätigkeit ist. Aber dann hieß es, am sei eine Präposition und dann werde „lachen“ großgeschrieben. Jetzt bin ich total verwirrt. Laut Regeln schreibt man Verben, vor denen eine Präposition steht, groß, aber ergibt das einen Sinn? „Wir waren heute nur an dem Lachen?“ Wenn man schreibt: „Ich habe ihn am Lachen erkannt“, das ergibt Sinn. Ich hoffe nun, dass ich mit dieser Frage nicht zur Lachnummer Nr. 1 in ihrem Blog geworden bin .

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

man schreibt in diesem Fall tatsächlich groß:

Wir waren am Lachen.

Ebenso zum Beispiel:

Das ist zum Lachen.
Sie ist beim Lachen beinah erstickt.
Seid ihr fertig mit Lachen?
Haben Sie sich vom Lachen erholt?

Siehe hier und hier.

Ihre Frage ist aber keineswegs eine Lachnummer. Es gibt auch Gründe, die für die Kleinschreibung sprechen. Die Wendung am Lachen sein ist standardsprachlich noch nicht vollständig akzeptiert. Sie ist eine Art Zeitform des Verbs, wie es sie zum Beispiel im Englischen gibt:

we are laughing = wir sind am Lachen

Man nennt diese Form u. a. die rheinische Verlaufsform, weil sie angeblich vor allem am Rhein gebräuchlich ist. Sie kommt aber auch andernorts immer häufiger vor und breitet sich im heutigen Deutsch schnell aus.

Wenn man am Lachen sein in dieser Weise als eine Verbform interpretiert, könnte man auch für die Kleinschreibung argumentieren. Man schreibt schließlich auch die mit am gebildeten Steigerungsformen von Adjektiven klein:

gut, besser, am besten
klein, kleiner, am kleinsten
(Mehr zu dieser Schreibung lesen Sie hier.)

ich lache, ich bin am *lachen
ich werde lachen, ich werde am *lachen sein
ich lachte, ich war am *lachen
usw.

Die Rechtschreibregeln folgen aber nicht dieser Argumentation, sonder einer anderen: Infinitive schreibt man nach Artikel und Präposition groß. Es gibt hier also zwei mögliche Argumentationen, die einander widersprechen. Die Rechtschreibregelung hat sich in diesem Fall für die Großschreibung entschieden. Man schreibt deshalb die oben mit einem Sternchen gekennzeichneten Formen groß: am Lachen sein.

Ich finde die Großschreibung hier gut vertretbar, nicht so sehr weil diese Verlaufsform nicht allgemein akzeptiert ist, sondern weil sie nicht uneingeschränkt verwendbar ist. Anders als die englische ing-Form steht sie hauptsächlich bei einfachen Infinitiven. Je mehr ein Verb mit weiteren Satzteilen erweitert wird, desto unüblicher ist die Form am + Infinitiv:

Wir waren am Reden.
Wir waren miteinander am Reden. (?)
Wir waren über ein anderes Thema am Reden. (?)
Wir waren miteinander über ein anderes Thema am Reden. (??)

Die am-Verlaufsform des Verbs ist also (vorläufig?) viel weniger eine systematisch verwendete Flexionsform als die am-Superlativform des Adjektivs. Wenn wir aber alle fleißig am+Infinitiv am Verwenden sind und bleiben, ändert sich das vielleicht eines Tages.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp