Ohrwürmer

Wenn man an einem Sonntagmorgen Radio hört, ist die Gefahr einer Ohrwurmattacke groß. Bei mir ist heute die Textzeile „Weine nicht, wenn der Regen fällt / dam, dam, dam, dam / Es gibt einen, der zu dir hält / dam, dam, dam, dam“ mit der dazugehörendem Melodie aus Drafi Deutschers Evergreen „Marmorstein Marmor, Stein und Eisen bricht“ in der Endlosschlaufe hängen geblieben. Ohrwürmer sind Melodien, die sich einem so einprägen, dass man sie stunden- und in hartnäckigen Fällen tagelang nicht mehr loswird. Das Bild ist relativ einfach: Wie ein Wurm bohrt sich eine Melodie ins Ohr und lässt einen dann nicht mehr in Ruhe.

Es gibt noch andere Ohrwürmer: die krabbelnden Tierchen mit dem schönen wissenschaftlichen Namen Dermaptera. Ihr deutscher Name ist eigentlich ein Doppelfehler. Es sind keine Würmer, sondern Insekten, und sie interessieren sich nicht sonderlich für Ohren. Man glaubte früher, dass Ohrwürmer in die Ohren Schlafender kriechen und sich mit ihren Zangen einen Weg durchs Trommelfeld zum Hirn bahnen, um dort Blut zu saugen oder – eine noch unangenehmere Vorstellung – ihre Eier abzulegen. Da sich Ohrwürmer wie andere kleinere Tierchen gerne in Ritzen und Spalten verstecken, ist es im Laufe der Menschheitsgeschichte sicher mehr als einmal vorgekommen, dass sich ein Ohrwurm in ein Ohr verirrt hat, aber sehr weit kann ein solches Tierchen mit seinen schwachen Zangen dort nicht vordringen.

Ohrwürmer wurden lange Zeit auch als Mittel gegen Taubheit verwendet. Eines dieser Rezepte schrieb vor, zu diesem Zweck in Hasenurin aufgelöste pulversierte Ohrwürmer zu sich zu nehmen …

Solche Überlieferungen waren nicht nur unter den Deutschsprachigen verbreitet. Auf Englischen heißt der Ohrwurm earwig (Ohr + ein altes Wort für Insekt), auf Französisch perce-oreille (Ohrenbohrer), auf Niederländisch oorworm oder oorwurm (…) und der wissenschaftliche Name des Gemeinen Ohrwurms lautet Forficula auricularia (Ohrenzänglein).

Inzwischen bin ich den musikalischen Ohrwurm leider noch nicht losgeworden: „Nimm den goldenen Ring von mir / dam, dam, dam, dam / Bist du traurig, dann sagt er dir / dam, dam, dam, dam …“ Falls ich sie nun angesteckt habe, tut mir das sehr leid. Und für alle, die diesen Ohrwurm noch nicht kennen, gibt es Youtube.

Die Frage mit dem Ausrufezeichen

Frage

Ich habe eine Frage zu den Satzzeichen. Gesetzt den Fall, es findet eine Unterhaltung statt, in der einer der Partizipierenden sehr aufgebracht ist, wie kann ich das korrekt zum Ausdruck bringen? Zum Beispiel: „Sie wagen es, mich anzugreifen?!?“

Gibt es die Möglichkeit, Ausrufezeichen mit Fragezeichen zu kombinieren? Wenn ich lediglich ein Ausrufezeichen setze, ist zwar zum Ausdruck gebracht, dass hier eine stärkere Emotion vorherrscht, jedoch wird die Bedeutung dadurch verschoben. Was für „korrekte“ Möglichkeiten gibt es?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn eine Frage gleichzeitig auch ein Ausruf ist, kann man nach dem Fragezeichen noch ein Ausrufezeichen setzen:

Sie wagen es, mich anzugreifen?!
Wer soll das noch verstehen?!

Im Prinzip reicht es, ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen zu setzen. Mehrfache Frage- und Ausrufezeichen wirken eher comicartig (was sich allerdings manchmal gut als Stilmittel einsetzen lässt).

Wie man sieht, kann eine Äußerung gleichzeitig Frage und Ausruf sein. Die Grenzen zwischen Frage, Ausruf, Aufforderung und Aussage sind nicht ganz so deutlich, wie man dies auf Anhieb meinen würde.

Eine Frage ist einfach zu erkennen. Sie fängt entweder mit der konjugierten Verbform oder mit einem Fragewort an und man schließt sie mit einem Fragezeichen ab:

Hast du Zeit?
Wann hast du Zeit?

Es gibt aber auch Aussagesätze, die als Frage gemeint sind:

Du bist schon 16 Jahre alt?
Ich kann Deutsch mit Ihnen reden?

Es handelt sich meist um Vergewisserungsfragen, das heißt Fragen, deren Antwort man zu kennen glaubt und die man nur zur Vergewisserung stellt.

Es gibt auch Fragesätze, die gar nicht als Fragen gemeint sind. Dazu gehören rhetorische Fragen:

Wer hört schon auch mich? (= Es hört ohnehin nie jemand auf mich.)
Habe es dir nicht gesagt? (= Ich habe es dir doch gesagt.)

Auch höfliche Aufforderungen kleiden wir oft in die Form einer Frage:

Kannst du bitte herkommen?

Wenn die Aufforderung etwas eindringlicher gemeint ist, kann man auch mit einem Ausrufezeichen abschließen:

Kommst du bitte sofort hierher!

Nicht alle Fragen sind also als Fragesatz formuliert und nicht alles, was  wir als Fragesatz formulieren, ist auch als Frage gemeint.

Noch viel inkonsequenter sind wir, wenn es um Aufforderungen geht. Das Deutsche stellt uns dafür eigentlich den Imperativ, die Befehlform, zur Verfügung:

Geh schlafen!
Löschen Sie bitte das Licht!

Damit geben wir uns aber nicht zufrieden. Wie bereits oben gesagt, gießen wir eine höfliche Aufforderung häufig in die Form einer Frage:

Gehst du bitte schlafen?
Könnten Sie bitte das Licht löschen?

Damit ist unser Repertoire an Aufforderungsarten noch lange nicht ausgeschöpft. Bei Hinweistafeln, Zetteln, Anleitungen, Geboten und Verboten, die sich nicht an eine bestimmte Person richten, steht oft ein Infintiv:

Bitte beim Verlassen des Raumes Licht löschen.

Auch die Modalverben müssen und sollen können verwendet werden, um eine Aufforderung zu formulieren:

Du musst herkommen!
Sie sollten das Licht löschen!

Wenn man ihn entsprechend betont, kann auch ein Aussagesatz im Präsens oder Futur als dringliche Aufforderung dienen:

Du gehst jetzt schlafen!
Sie werden sofort das Licht löschen!

Erstaunlicherweise kann man sogar ein Passiv mit unpersönlichem es oder ganz ohne Subjekt als nachdrückliche Aufforderung verstehen:

Es wird jetzt geschlafen!
Nun wird sofort das Licht gelöscht!

Eine Frage ist nicht immer eine Frage, ein Aussagesatz kann auch Frage oder Aufforderung sein und alle möglichen Formulierungen können als Aufforderung gemeint sein. Wer soll das noch verstehen?!

Ganz so schlimm ist es allerdings nicht. Wir verstehen all diese Formulierungen meist problemlos. Zum Problem werden sie erst dann, wenn man die Bezeichnungen Aussagesatz, Fragesatz und Aufforderungssatz allzu eng nimmt und den Sätzen ausschließlich die Funktion zugesteht, nach der sie benannt sind.

Stilfigur mit URLs

Frage

Ich habe eine Frage zur Präposition vor der URL in folgendem Fall:

Weitere Informationen finden Sie unter www.canoonet.eu.
Weitere Informationen finden Sie auf www.canoonet.eu.

Ist beides möglich?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

beides ist möglich, üblich und meiner Meinung nach auch korrekt:

Weitere Informationen finden sie unter www.canoonet.eu.
Weitere Informationen finden sie auf www.canoonet.eu.
Vgl.
Weitere Informationen finden sie unter [der Adresse] www.canoonet.eu.
Weitere Informationen finden sie auf [der Website] www.canoonet.eu.

Man kann sagen, dass wir es hier mit einer Metonymie (griech. metonymia = Namensvertauschung, Umbenennung) zu tun haben: Ein Ausdruck wird durch einen anderen ersetzt, der in engem sachlichem Zusammenhang dazu steht.

Beispiele sind:

  • Mit ein VW ist eigentlich ein Wagen der genannten Marke gemeint.
  • Wenn man ein Glas trinkt, nimmt man eigentlich den Inhalt des genannten Gefäßes zu sich.
  • Wer Dürrenmatt liest, liest eigentlich ein Werk des genannten Autors.
  • Ein tosender Applaus des ganzen Saales ist eigentlich ein tosender Applaus aller im genannten Raum Anwesenden.
  • Die auf www.canoonet.eu zu findende Information steht eigentlich auf der Website mit der genannten Adresse (URL).

Hier zeigt sich schön, dass wir im täglichen Sprachgebrauch immer wieder diese klassische Stilfigur anwenden, sogar mit modernen Begriffen wie URLs.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf der Hinreise zur Fortsetzung der Rückreise

Schon wieder auf deutschen Autobahnen unterwegs, diesmal bei viel schlechterem Hersbstwetter. Nach dem Knall-schepper-knatter-dröhn-Erlebnis am letzten Wochenende ist es nämlich Zeit, unser vor einer deutschen Autowerkstätte hinterlassenes Auto wieder abzuholen. Wir sind sozusagen auf der Hinreise zur Fortsetzung der eigentlichen Rückreise.

Ach ja, diese Rückreise! Ich habe zwar im ersten Blogbeitrag geschrieben, dass ich Sie nicht mit weiteren Details langweilen möchte, aber auf vielfachen Wunsch (na ja, zwei waren es bestimmt) folgt hier doch noch eine Art Fortsetzung:

Das Auto hatte eine Geräuschpalette von sich gegeben, die nicht viel Gutes erahnen ließ, und der Pannendienst hatte festgestellt, dass die Reparatur nicht an Ort und Stelle durchgeführt werden konnte. Der nette junge Mann vom ADAC (er war wirklich sehr nett, fährt ein altes Sammlerstück, aber nur bei schönem Wetter, bei Regen und Schnee den Corsa seiner Freundin, arbeitet nur in Teilzeit im Auftrag des ADAC und studiert sonst in Esslingen – kurzum ein geselliger Mensch) dieser junge Mann vom ADAC also schleppte unser Auto zuerst zur Markenvertretung, die wegen Fortbildung der Mitarbeiter die ganze folgende Woche geschlossen sein würde, danach zu einer anderen Garage, und bestellte in der Zwischenzeit einen Mietwagen zu dieser zweiten Werkstätte. Der Mietwagen kam dann auch prompt. Er hat uns hier schön vorgezeigt hat, wie man servicegerichtet, unkompliziert und freundlich handelt. Wir sind wirklich sehr zufrieden. So etwas darf man ja auch einmal erwähnen.

Die Rückreise, inklusive Baustellen und Staus, haben wir also im Mietwagen gemacht. Der stand in der Zwischenzeit bei uns vor der Tür und einige Nachbarn wunderten sich wahrscheinlich schon, wo denn der Deutsche herkomme. Zurzeit (ich tippe dies im Auto auf dem Schoßrechner) fahren wir die gut 500 km zurück, um  das reparierte Auto abzuholen. Dann gibt es noch ein bisschen Sightseeing, ein gutes deutsches Essen (saisongerecht etwas mit Pfifferlingen, hoffe ich) und eine Hotelübernachtung. 500 km hin und 500 km zurück am selben Tag, das muss  wirklich nicht sein!

Was das alles kostet! Aber was soll’s. Es ist nichts Ernstes passiert und vielleicht zahlt ja meine Reiseversicherung noch etwas. Letzteres ist allerdings alles andere als sicher, doch das ist eine Geschichte,  mit der ich Sie – großes Linguistenehrenwort! – bestimmt nicht behelligen werde.

Eine kleine Ergänzung für diejenigen, denen die obengengenannte Abkürzung wenig sagt: ADAC steht für Allgemeiner Deutscher Automobil-Club und entspricht ungefähr dem Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring-Club ÖAMTC bzw. dem Touring-Club der Schweiz TCS. Damit wäre an dieser Stelle doch noch etwas im weitesten Sinne Sprachliches gesagt. Es soll hier ja um die deutsche Sprach und Rechtschreibung gehen.

Nachtrag

Noch etwas Regionales: Der Pfifferling heißt in der Schweiz und in Österreich Eierschwamm und Eierschwammerl. Ob Sie nun Pfifferlinge, Eierschwämme oder Eierschwammerln genannt werden, sie schmecken überall gleich gut.

Warum geht einem ein Licht auf und nicht an?

Frage

Warum geht jemanden ein Licht auf ? Das Licht geht doch eigentlich an.

Antwort

Guten Tag C.,

woher der Ausdruck genau stammt, weiß ich leider nicht. Er ist nämlich schon recht alt. So kommt die Wendung schon in der Lutherbibel 1545 vor:

… die da sassen / am ort vnd schatten des tods / den ist ein Liecht auffgangen.
… und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen.
(Matthäus 4, 16)

Gemeint ist weniger das Licht als Glühbirne, die als Zeichen einer Erleuchtung oder guten Idee über dem Kopf von zum Beispiel Daniel Düsentrieb und anderen Donald-Duck-Figuren angeht. Gemeint ist vielmehr das Licht als leuchtender Himmelskörper, der in der Finsternis der Unwissenheit aufgeht und Klarheit bringt. Meistens ist es heute allerdings etwas nüchterner gemeint, wenn man sagt, dass einem ein Licht aufgegangen ist. Das Bild hat im Laufe der Zeit an Kraft verloren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Indirekte Fragen und das Fragezeichen

Indirekte Fragen scheinen bei vielen zu Fragezeichen zu führen. Die Frage lautet: Setzt man ein Fragezeichen oder nicht?

Frage

Immer zweifle ich bei indirekten Fragen: Braucht es am Ende ein Fragezeichen oder nicht? Zum Beispiel:

Kennt sie Weimer gut?
Mich würde interessieren, ob sie Weimar gut kennt.

Wo wohnt deine Schwester jetzt?
Kannst du mir sagen, wo deine Schwester jetzt wohnt?

Haben Sie Feuer?
Darf ich Sie fragen, ob Sie Feuer haben?

Warum steht nach der indirekten Frage manchmal ein Fragezeichen und manchmal nicht?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

eine indirekte Frage hat keinen Einfluss auf das abschließende Satzzeichen. Sie ist zwar eine Art Frage, aber sie hat als Nebensatz in Sachen Satzzeichen (außer bei den Kommas) nichts einzubringen. Entscheidend für die Wahl des abschließenden Satzzeichens ist der übergeordnete Satz. Am besten sieht man dies vielleicht anhand einiger Beispiele. Die direkten Fragen sind:

Kennt sie Weimar gut?
Wo wohnt deine Schwester?

Wenn diese Fragen als indirekte Fragen in einem Gesamtsatz erscheinen, geschieht das Folgende:

Übergeordneter Satz = Aussagesatz:

Mich würde interessieren, ob sie Weimar gut kennt.
vgl. Mich würde das interessieren.

Ich möchte wissen, wo deine Schwester wohnt.
vgl. Ich möchte das wissen.

Übergeordneter Satz = Aufforderungssatz:

Erzähl mir, ob sie Weimar gut kennt!
vgl. Erzähl mir das!

Sag mir sofort, wo deine Schwester wohnt!
vgl. Sag mir das sofort!

Ein Fragezeichen steht nur dann, wenn der übergeordnete Satz eine Frage ist:

Übergeordneter Satz = Fragesatz:

Weißt du, ob sie Weimar gut kennt?
vgl. Weißt du das?

Darf ich dich fragen, wo deine Schwester wohnt?
vgl. Darf ich dich das fragen?

Nun wüsste ich natürlich gerne, ob diese Erklärung verständlich ist. Darf ich Sie fragen, ob diese Erklärung verständlich ist? Sagen Sie mir auf der Stelle, ob diese Erklärung verständlich ist! Den letzten Satz sollten Sie bitte unbedingt als Beispielsatz verstehen. Ganz so unfreundlich bin ich nämlich selten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Knall, schepper, knatter, dröhn

Bei prächtigstem Wetter unterwegs auf einer deutschen Autobahn; so viel Verkehr, dass man sich auch mit einem bescheideneren Untersatz auf die Überholspur wagen kann, ohne gleich von hinten weggedrückt zu werden; dann plötzlich: knall, schepper, knatter, dröhn! Es galt, das Überholmanöver trotz Schreckmoment abzuschließen, das plötzlich wie ein vorsintflutlicher, hoffnungslos überladener Laster bei 18,5 Prozent Steigung dröhnende Gefährt auf die glücklicherweise sogleich auftauchende Ausfahrt zu lotsen und bei der ersten besten Gelegenheit sicher am Straßenrand abzustellen.

Meine technische Kenntnis sagte mir gleich: „Das ist der Auspuff. So, wie das dröhnt und knattert, muss das der Auspuff sein.“ Da ich aber ein bisschen mehr von Grammatik als von Autos verstehe, haben wir doch den Pannendienst angerufen. Der nette junge Mann stellte dann fest, dass die Zündkerze des dritten Zylinders herausgesprungen war, wahrscheinlich weil jemand dem Gewinde Gewalt angetan hatte. „Zu fest angedreht.“ (Wenn Sie der Werkstattchef unserer Autogarage sind, dies lesen und noch nichts davon gehört haben: Wir werde uns noch bei Ihnen melden.)  Aus verschiedenen Gründen – meine technischen Kenntnisse sind wirklich ziemlich beschränkt – kam eine Reparatur an Ort und Stelle nicht in Frage. Unser armes Auto musste abgeschleppt werden und steht nun ganz allein vor einer ihm völlig unbekannten deutschen Autowerkstätte.

So etwas passiert natürlich nicht direkt vor der Einfahrt einer Werkstätte, die gerade um Aufträge verlegen ist und die für den Fall, dass es etwas länger dauern sollte, einen gemütlichen Spaziergang von zu Hause entfernt liegt! Nein, es geschieht Hunderte von Kilometern weit weg an einem Sonntag, auf den ein arbeitsfreier Montag folgt (Tag der Deutschen Einheit) – und man hat zu viel Gepäck im Kofferraum, um einfach per Bus und Zug weiterzureisen. Ich will Sie nun nicht mit weiteren Details langweilen, die unter anderem mit Herumtelefonieren und Mietwagen zu tun haben. Wir sind jedenfalls mit großer Verspätung, aber heil und gesund am Ziel angelangt.

Damit ich hier nicht nur mein „Leid“ klage, sondern auch noch etwas Sprachliches zum Besten gebe, sei noch das Folgende erwähnt: Auch für Ausdrücke wie knall, schepper, brumm, knatter, dröhn, die ich u. a. von früher aus den Comicsheftchen kenne, gibt es (mindestens) ein Fachwort. Man nennt sie Inflektive, weil sie unflektiert, das heißt nicht gebeugt sind. Ihre Form entspricht dem reinen Verbstamm, den man erhält, wenn man bei der Grundform die Endung en resp. n weglässt: knallen, scheppern usw. Mehr dazu finden Sie hier.

Auch hier: Altweibersommer

Nachsommerwetter und insbesondere Altweibersommer sind Wörter, die in den letzten Tagen inflationär verwendet werden. Im Normalfall reagiere ich auf übertrieben Klischeeartiges und Hypemäßiges „offiziell“ mit passender Zurückhaltung und versuche ich „inoffiziell“, mich möglichst wenig darüber zu ärgern. In diesem Fall jedoch würde es mich in keiner Weise stören, wenn die Präsentatoren und Präsentorinnen der Wetterberichte den Arbeitsaufwand minimal halten und ihre Ansagen noch ein paar Tage lang unverändert wiederverwerten könnten. Meine Hoffnung scheint sich zu erfüllen. Es ist deshalb zu erwarten, dass dieser Tage an dieser Stelle nicht viel von mir zu erwarten ist. „Dr. Bopp“ genießt den Altweibersommer und hofft, dass Sie auch ein bisschen die Gelegenheit dazu haben.

Böden, Bögen, Bröte

Frage
In „Allerhand Sprachdummheiten“ bin ich über die Pluralbildung gestolpert:

„Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat … Ärme, Böte, Bröte, Röhre, Täge, Böden, Bögen.“

Bei „Ärme“ und „Bröte“ hab ich ja noch geschmunzelt, aber bei „Böden“ und „Bögen“ fühle ich mich ertappt und Google liefert jede Menge Belegstelle für z. B. „Bögen“, „Sportbögen“, „Pfeile und Bögen“ etc. Gibt es eine heute gültige Regel, die das teilweise erlaubt, oder ist das nach wie vor schlicht falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in den über hundert Jahren, seit „Allerhand Sprachdummheiten“ von Gustav Wustmann (1844 – 1910) erschienen ist*, hat sich in der deutschen Sprache einiges getan; auch in diesem Bereich: Während die umgelauteten Mehrzahlformen Ärme, Böte, Bröte, Röhre und Täge standardsprachlich immer noch als falsch gelten, ist die Bögen heute als die „im Süden“ gebräuchliche Variante zu die Bogen akzeptiert. Die Form die Böden hat den nicht umgelauteten Plural die Boden standardsprachlich sogar ganz verdrängt:

der Bogen – die Bogen, auch: die Bögen
der Boden – die Böden

Eine feste Regel gibt es hier nicht. Entscheidend ist der Gebrauch in der sogenannten Standardsprache. Als Standardsprache gilt – einfach gesagt – die Sprache in der Form, in der sie allgemein akzeptiert im offiziellen und im formelleren Umgang verwendet und auch an Schulen gelehrt wird. Das ist eine recht ungenaue Definition. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass häufiger eine gewisse Uneinigkeit oder Unsicherheit herrscht, welche Formen als standardsprachlich korrekt gelten. So geben einige Wörterbücher bei Kragen auch heute noch nur den Plural die Kragen an (z. B. Wahrig), während andere auch die Krägen als im südlichen deutschen Sprachraum verwendeten Pluralvariante erwähnen (z. B. Duden).

Wenn Sie wissen möchten, was heute als richtiges Deutsch gilt, können Sie also besser in Wörterbüchern und Grammatiken nachschlagen, die etwas jüngeren Datums als „Allerhand Sprachdummheiten“* sind. (Boden, Bogen). Es ist allerdings immer interessant, ältere Beschreibungen der deutschen Sprache zu lesen. Sie zeigen unter anderem, wie zeitgebunden die Etiketten „richtig“ und „falsch“ sein können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Gustav Wustmann: Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen. Grunow, Leipzig 1891;
2. erw. Aufl. 1896; 3. erw. Aufl. 1903; 4. erw.. 1908;
Nachdruck der 3. Aufl 2008.

Ich warte schon darauf/auf ihn

Frage

Für mich war es eigentlich immer klar:

  • Lebewesen: Präposition + Pronomen (mein Vater – ich denke an ihn)
  • Dinge: Pronominaladverb (der Unfall – ich muss oft daran denken).

Mein Problem sind nur Formulierungen wie die folgenden:

Angst – Wie gehe ich mit ihr um?
Schüchternheit – Manche schämen sich für sie, andere ärgern sich über sie und wieder andere fürchten sie.

Natürlich steht im letzten Satz „Schüchternheit = sie“, aber schämt man sich nicht dafür und ärgert sich darüber? Oft klingt die Formulierung Präposition+ Pronomen ganz normal, manchmal bekomme ich aber Bauchschmerzen. Damit kann ich nicht arbeiten! Ich könnte abschließend sagen: „Der nächste Wutanfall beim Korrigieren kommt bestimmt. Ich warte schon darauf / auf ihn“. Ja, was denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es steht zu befürchten, dass ich Ihre eventuellen Wutanfälle nicht durch die Angabe einer eindeutigen Regel verhindern kann. Ich würde Ihnen aber dringend empfehlen, sich in diesem Bereich vor allem auf Ihr Sprachgefühl zu verlassen und die Regeln nicht allzu streng anzuwenden. Das erspart einem Bauchschmerzen und Wutanfälle und ist somit gesund und bekömmlich für Leib und Seele.

Es gilt allgemein standardsprachlich als besser, in Ihren Beispielsätzen Pronominaladverbien zu verwendet:

Angst – Wie gehe ich damit um?
Schüchternheit – Manche schämen sich dafür, andere ärgern sich darüber und wieder andere fürchten sie.

Die Verwendung und Nichtverwendung der Pronominaladverbien wie daran, darauf, damit, darüber usw. ist allerdings ein komplexer, nicht vollständig geklärter Bereich. Man kann deshalb oft keine festen Regeln, sondern nur Tendenzen angeben.

Bei Personen verwendet man (fast) nie Pronominaladverbien:

Die neue Mitarbeiterin – Wir sind sehr zufrieden mit ihr (NICHT damit).
Mein Vater – Ich denke oft an ihn (NICHT daran).

Bei Sachverhalten, Nebensätzen, Infinitiven u. Ä. muss man sie verwenden:

Er ging weg und lachte dabei (NICHT bei ihm).
Rauchen, du solltest damit aufhören (NICHT mit ihm).

Dazwischen, das heißt bei Dingen und Abstrakta, ist die Lage etwas komplizierter. Es ist oft besser, dafür statt für ihn oder für sie zu sagen (vgl. Ihre Beispielsätze oben). Es ist aber nicht immer die einzig richtige Möglichkeit. Die Verbindung Präposition + Pronomen wird nämlich manchmal verwendet, um etwas hervorzuheben oder zu verdeutlichen:

Hervorhebung:
Ich finde diesen Satz den wichtigsten von allen, weil gerade in ihm zum Ausdruck kommt, was …

Verdeutlichung:
Ich habe diese Zeichnung selbst gemacht und möchte wissen was du von ihr hältst.
(d.h. von der Zeichnung, nicht von der Tatsache, dass ich sie selbst gemacht habe)

Sie können entsprechend beides sagen:

Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon darauf.
Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon auf ihn.

Im zweiten Satz verdeutlichen Sie, dass Sie auf den Wutanfall warten und nicht auf das Kommen des Wutanfalls. Das klingt im Zusammenhang mit Wutanfällen allerdings etwas ungewöhnlich. Besser sieht man das bei Bussen:

Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier darauf.
(auf den Bus, auf das Kommen des Busses)
Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier auf ihn.
(auf den Bus)

Es gibt also eine Grundregel, von der man in gewissen Fällen abweichen kann. Wann man abweicht, hängt von Situation, Kontext und Bedeutung/Absicht der Aussage ab. Wahrlich kein einfaches Feld für einfache Regeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine zusammenfassende Darstellung der Verwendung der Pronominaladverbien finden Sie hier.