Er fürchtet nichts so sehr, als mit sich allein zu sein

Frage

Vor ein paar Tagen zitierte ein Radiosender den von mir für seine Aphorismen mittlerweile sehr geschätzten Wissenschaftler Blaise Pascal wie folgt:

Der Mensch, welcher nur sich selbst liebt, fürchtet nichts so sehr, als mit sich allein zu sein.

Ich würde ja anstelle des „als“ ein „wie“ verwenden, da es sich meiner Meinung nach um einen Gleichheit ausdrückenden Komparativsatz handelt. Bei einem Freund bin ich damit auf Unverständnis gestoßen und er unterstellte mir, dass ich „als“ und „wie“ verwechsle, was ich allerdings tunlichst zu vermeiden versuche. Handelt es sich vielleicht sogar um einen Übersetzungsfehler?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Sie haben recht. Auch ich würde hier wie satt als verwenden. Die Übersetzung des Zitats ist aber nicht unbedingt falsch, sondern vermutlich älteren Datums. Da ich nicht weiß, von wem die Übersetzung stammt, kann ich diese Vermutung leider nicht beweisen. Ich vermute es aufgrund einer veralteten Verwendung von als statt wie und einer eher altmodischen Verwendung von welcher statt der.

Pascal schreibt im französischen Original (heutige Orthographie):

L’homme qui n’aime que soi ne hait rien tant que d’être seul avec soi.
[Pensées – XXVI. Misère de l’homme]

Ich würde dies wörtlich wie folgt übersetzen:

Der Mensch, der nur sich selbst liebt, hasst nichts so sehr, wie mit sich allein zu sein.

Im heutigen Standarddeutsch steht nach Vergleichen mit [nicht] so sehr, [nicht] so groß, [nicht] so viel usw. das Vergleichswort wie. Zum Beispiel:

Er ist nicht so groß wie du.
Rede bitte nicht so viel wie das letzte Mal.
Ich mag nichts so sehr wie deine Kochkunst.
Ich mag nichts so sehr, wie wenn du für mich kochst.
Er fürchtet nichts so sehr, wie mit sich allein zu sein.

Die Verwendung von als gilt hier als veraltet, regional- oder umgangssprachlich. Deutschlehrer und -lehrerinnen müssten also im eingangs zitierten Satz einen Fehler anstreichen, wenn ein heutiger Blasius ihn in einem Aufsatz so formulieren würde.

Das Vergleichswort als wird heutzutage in einem Satz wie diesem verwendet:

Der Mensch, der nur sich selbst liebt, hasst nichts mehr, als mit sich allein zu sein.

Das Pascal-Zitat (oder vielmehr seine Übersetzung) zeigt, dass auch eine „eindeutige“ Regel wie die Unterscheidung zwischen als und wie in Vergleichen nicht immer so felsenfest verankert war, wie wir dies oft annehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn ab morgen alle auf korrekte Adressangaben achten

Frau G. hat für ihre Frage das Kontaktformular verwendet. Dabei hat sie sich bei der Angabe ihrer E-Mail-Adresse wohl vertippt. Ich habe nämlich die Antwort postwendend zurückerhalten: user unknown, d.h. Empfänger(in) unbekannt.

Ich möchte alle Fragesteller und Kommentatorinnen wieder einmal bitten, auf die Angabe einer korrekten Antwortadresse zu achten, wenn sie das Kontaktformular verwenden. Wenn alle dies ab morgen tun, schicke ich nie mehr vergeblich Antworten ins Netz. Noch besser wäre natürlich ab heute.

Und hier dann die Antwort auf Frau G.s Frage:

Frage

Was bedeutet : „ab morgen“? Ist damit der morgige Tag gemeint oder erst der darauf folgende, also übermorgen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

ab morgen bedeutet von morgen an. Ein paar (hoffentlich) erläuternde Beispiele:

Wenn am 12. September gesagt wird, dass ein Pass ab morgen gültig ist, können Sie den Pass vom 13. September an benutzen. Der Pass ist am 13. bereits gültig.

Wenn der Zutritt ab nächstem Mittwoch nicht mehr möglich ist, bleiben die Türen bereits vom nächsten Mittwochmorgen an und nicht erst am nächsten Donnerstag verschlossen.

Wenn die Preise ab nächstem Monat erhöht werden, kann man nur noch bis zum Letzten des laufenden Monats günstiger „zuschlagen“. Am Ersten des folgenden Monats (und danach) ist es dann teurer.

Wenn ein Film für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben ist, dürfen Sechzehnjährige sich den Film anschauen, ohne sich älter machen zu müssen, als sie sind.

Etwas gar theoretisch ausgedrückt: Bei Zeitangaben mit ab ist die nach ab genannte Zeiteinheit inbegriffen. Bei ab morgen wird der morgige Tag also mitgezählt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Bei Zeitangaben ohne Artikelwort kann nach ab der Dativ oder der Akkusativ stehen (vgl. hier):

ab nächstem Mittwoch oder ab nächsten Mittwoch
ab nächstem Monat oder ab nächsten Monat
Jugendliche ab 16 Jahren oder Jugendliche ab 16 Jahre

PS: Eine ähnliche Frage wird hier behandelt: Bis oder bis einschließlich.

Zusammensetzung, Zahl und Bindestrich

Zum Wochenende relativ leichte Kost – es muss ja nicht immer so kompliziert sein:

Frage

Gibt es eine Regel oder Norm die besagt, wie Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Einheiten korrekt geschrieben werden? Zum Beispiel:

230 V Antrieb,
230-V-Antrieb oder
230 V-Antrieb?

Antwort

Sehr geehrte Frau V.,

in Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Abkürzungen setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich. Beispiele sind:

der 230-V-Antrieb
der 500-m-Lauf
das 1.-Kl.-Abteil
die 4-Zr.-Wohnung
die 100-km/h-Grenze
die 9/11-Attentate

Auch wenn das nicht abgekürzte Wort steht, verwendet man Bindestriche:

der 230-Volt-Antrieb
der 500-Meter-Lauf
das 1.-Klasse-Abteil
die 4-Zimmer-Wohnung
die 100-Stundenkilometer-Grenze
die 11.-September-Attentate

Die entsprechende Regeln finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wegen etwas anderen? – Manchmal passt der Genitiv einfach nicht

Frage

Ich bin gerade sehr verwirrt. Schreibe ich „wegen etwas anderem“ oder „wegen etwas anderen“?

Antwort

 

Guten Tag M.,

am besten schreiben Sie wegen einer anderen Sache oder aus einem anderen Grund.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

– nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
– nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Zurück zu Ihrer Frage: Wenn nach wegen nur der Genitiv verwendet werden darf, muss es heißen: wegen etwas anderen. Diese Formulierung erfüllt aber die genannten Bedingungen nicht: etwas ist unveränderlich und die Genitivendung von ander- ist hier weder es noch er, sondern en. Deshalb hat diese Wendung Sie in Verwirrung gebracht und deshalb ist sie auch im Standarddeutschen unüblich. Man weicht hier oft auf den Dativ aus: wegen etwas anderem. Weil viele den Dativ nach wegen leider grundsätzlich für falsch halten, empfehle ich Ihnen, in der schriftlichen Standardsprache vorsichtshalber auf eine Formulierung wie wegen einer anderen Sache auszuweichen. Das Gleiche gilt für zum Beispiel *wegen nichts anderen, für das man üblicherweise wegen nichts anderem oder (vor allem wenn der Dativ nach wegen einem grundsätzlich ein Gräuel ist) aus keinem anderen Grund verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kiefer

Vergangene Woche war ich beim Kieferchirurgen. Mein Zahnarzt meinte, dass das unerlässlich sei, denn sonst hätte ich bestimmt von einem Besuch bei einem Vertreter oder einer Vertreterin dieses Berufsstandes abgesehen. Es  ging um die Behandlung einer Entzündung und die dadurch bedingte Extraktion (klingt besser als Ziehen, läuft aber exakt aus dasselbe hinaus) eines Backenzahns im rechten Unterkiefer. Das Resultat des halbstündigen Besuches ist, dass ich zurzeit nicht nur Linkshänder, sondern auch Linkskauer bin.

An Zahnarztphobie Leidende müssen diesen Beitrag nicht unbedingt sofort wegklicken. Weitere Einzelheiten werden nicht erwähnt. Es geht hier eigentlich um das Wort Kiefer. Es war mir nie besonders aufgefallen, außer als Beispiel für gleich klingende Wörter, die nichts miteinander zu tun haben: der Kiefer und die Kiefer. Um es gleich vorwegzunehmen: Die beiden Wörter haben abgesehen von der Form wirklich nichts miteinander zu tun. Die Wortgeschichte der beiden Kiefer ist zum Teil ungeklärt und zum Teil zu komplex, als dass ich sie wirklich verstehen würde. Auch hier erspare ich uns deshalb die Details.

Die Kiefer verdankt ihren Namen wahrscheinlich einer undurchsichtig gewordenen Zusammenziehung von Kien und Föhre: kienforha → Kiefer. Kiefernholz war (und ist es bestimmt immer noch) für die Herstellung von Kienspänen und Fackeln geeignet, weil es sehr harzreich ist. Kien ist ein altes Wort für Kienspan, Fackel. Föhre diente schon in althochdeutscher Zeit als Baumname (forha) und wird auch heute noch vor allem im südlichen deutschen Sprachraum für Kiefer verwendet.

Beim anderen Kiefer ist die Herkunft dunkler: Das männliche Wort Kiefer wird in unterschiedlicher Weise auf Wörter im Bedeutungsbereich Mund, Rachen, kauen, essen zurückgeführt. Es soll mit Wörtern wie kauen, Kieme und Käfer[!] verwandt sein. Mit Käfer wurden zuerst vor allem fresssüchtige schädliche Insekten wie die Heuschrecken bezeichnet. Erst später wurde es allgemeiner im heutigen Sinne verwendet.

Das Wort der Kiefer hat also schon lange etwas mit Essen und Kauen zu tun. Das erstaunt mich zurzeit gar nicht. Erst wenn man beim Kauen aufpassen muss, merkt man so richtig, dass dies die Hauptfunktion eines Kiefers ist. Nur bei Schauspielern, deren markanter Unterkiefer ihnen ein besonders männliches Aussehen verleiht, hat der Kiefer eine weitere Funktion: Er verhilft zu Machoheldenrollen und zu Auftritten in Werbespots für Rasierprodukte. Die Brötchen, die diese „Breitkinnigen“ damit verdienen, müssen dann allerdings auch wieder gekaut werden.

Zu guter Letzt noch ein Stoßseufzer, den man mir bitte verzeihen möge: Linkshänder will ich gerne bleiben – ich bin es schon mein Leben lang –, aber ich habe jetzt schon genug davon, Linkskauer zu sein! Es wird hoffentlich nicht allzu lange dauern.

Die Radiorubrik

Am Freitag, dem 2. September, ziemlich genau um 08:45 startet bei Radio Basel eine Serie von Kurzbeiträgen mit „Dr. Bopp“. Ich werde dort jeweils am Freitag kurz (es dauert nicht länger als zwei Minuten) eine Sprachfrage beantworten. Wenn Sie Schweizerdeutsch verstehen – oder einfach mal hören wollen, dass es wirklich möglich ist, auf Schweizerdeutsch über Fragen der deutschen Grammatik zu reden – können Sie sich die Sendung gerne einmal anhören. Falls Ihnen die Sendezeit nicht zusagt: Man kann sich den Beitrag danach als Podcast auf der Website von Radio Basel (www.radiobasel.ch) anhören:

Seit Anfang 2012 sendet Radio Basel nicht mehr aus.

Auch große Zahlen bleiben klein

Frage

Ich habe eine Frage, die mich schon geraume Zeit foltert. Es handelt sich dabei um die Groß- oder Kleinschreibung von ausgeschriebenen Zahlen in einer bestimmen Begriffskonstellation. Beispielsweise:

– Heißt es „Flug dreiunddreißig“ oder „Flug Dreiunddreißig“?
– Heißt es „Camp einhundertzwei“ oder „Camp Einhundertzwei“?
– Heißt es „Sektor fünf“ oder „Sektor Fünf“?

Ich habe einmal gehört, dass in solchen Fällen die Kleinschreibung richtig ist. Allerdings kommt mit sehr oft die Großschreibung unter. Was stimmt denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

darf ich annehmen, dass „foltern“ nur eine rhetorische Übertreibung ist? Rechtschreibfragen sind nämlich nicht so wichtig, dass Sie zu schlaflosen Nächten oder gar geistiger Folter führen sollten. Ich hoffe, dass ich Sie aus dieser quälenden Ungewissheit erlösen kann:

Nach der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Grundzahlen unter einer Million klein:

Flug dreiunddreißig
Camp einhundertzwei
Sektor fünf
Buslinie zwölf
Kapitel zwanzig

Oft stellt sich die Frage der Groß- und Kleinschreibung bei Verbindungen dieser Art gar nicht, weil Ziffern verwendet werden:

Flug AF5201
Camp 102
Sektor 5
Buslinie 12
Kapitel 20

Auch in anderen Zusammenhängen haben Grundzahlen meist einen kleinen Anfangsbuchstaben, wenn man sie in Worten schreibt:

drei Grad über null
eins und zwei gibt/ist/macht drei
Wir treffen uns um halb vier.
Er ist gestern fünf geworden.
Mit siebzehn hat man noch Träume.
Die ersten zehn können hereinkommen.
Euch drei will ich hier nicht mehr sehen!

Auch große Zahlen bleiben klein:

Auf diese dreitausend mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an.
eine Einwohnerzahl von mehr als zweihundertfünfzigtausend

Nur wenn die Zahl an und für sich gemeint ist, schreibt man sie groß:

die Ziffer Drei
Schreibt eine Zwei auf euren Zettel!
Im letzten Zeugnis hatte ich eine Vier in Französisch.
Du hast dreimal hintereinander eine Sechs gewürfelt!
Er hat alles auf die Dreizehn gesetzt.
ein rundes Schild mit rotem Rand und einer schwarzen Hundert auf weißem Hintergrund

Wenn Sie mehr wissen möchten (zum Beispiel zu Sonderfällen, die es ja immer gibt …), finden Sie in Canoonet die entsprechenden Regeln und weitere Beispiele für Zahlen wie fünf, dreißig und hundert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reib(e)käse

Wenn Sie heute Abend Spaghetti essen oder einen Auflauf mit Käse überbacken, verwenden Sie dann Reibkäse oder Reibekäse?

Frage

Heißt es Reibkäse oder Reibekäse? Nach meiner bisherigen Recherche scheint es so zu sein, dass mit Reibe- Substantive beginnen, die etwas bezeichnen, das durch Reibung entstanden ist, z. B. Reibekuchen oder Reibelaut. Reib- hingegen scheint Verwendung zu finden, wenn das Substantiv etwas bezeichnet, das unmittelbar mit Reibung zu tun hat, wie z. B. das Reibeisen.

Nach dieser Folgerung wäre der Reibkäse ein Produkt, welches zur Verwendung in geriebener Form gedacht, also noch am Stück ist. Dagegen wäre Reibekäse Käse in geriebener Form.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

Ihr Gedankengang klingt einleuchtend. Ich kann Ihre Schlussfolgerung leider trotzdem nicht teilen. Ob man in Zusammensetzungen mit einem Verb an erster Stelle ein e verwendet oder nicht, hängt meist nicht von der Bedeutung ab. Entscheidend ist die Form des Verbstammes – und was üblich ist.

Zur Form: Bei Verbstämmen, die wie reib(en) auf ein b enden, wird manchmal ein e eingefügt und manchmal nicht. Zum Beispiel:

Werbeagentur – Webstuhl
Lebewesen – Lebzeiten
gebefreudig – schreibgewandt.

Was ist üblich: Bei reiben kommen sowohl Bildungen mit e als auch Bildungen ohne e vor. Die Bedeutung spielt hierbei keine Rolle:

Reibeisen = Eisen, das zum Reiben dient
Reibebrett = Brett, das zum Reiben dient

Reibkäse = Käse der gerieben wird/gerieben werden kann
Reibeputz = Putz der aufgerieben wird/aufgerieben werden kann

Reibelaut, Reibekuchen – Reibfläche, Reibrad

Es gibt also keine feste Regel, nach der man entscheiden könnte, ob Reib- oder Reibe- richtig ist.

Gehen wir nun zum Ausgangswort zurück: Die häufiger in Wörterbüchern verzeichnete Form lautet Reibkäse, weil es wahrscheinlich die etwas häufiger verwendete Variante ist. Man nennt dabei sowohl den Käse, der gerieben werden kann, als auch den bereits geriebenen Käse Reibkäse. Daneben wird aber auch sehr häufig – und nicht weniger korrekt – Reibekäse gesagt und geschrieben; dies ebenfalls sowohl für den reibbaren als auch für den geriebenen Käse. Es könnte hier regionale Unterschiede geben, doch dazu habe ich keine Angaben finden können. In meinem persönlichen Wortschatz kommt nur Reibkäse vor.

Meine Schlussfolgerung lautet: Sowohl Reibkäse als auch Reibekäse sind korrekte Formen. Einen Bedeutungsunterschied gibt es nicht. Sowohl reibbarer Käse am Stück als auch bereits geriebener Käse wird jeweils mit dem gleichen Wort bezeichnet.

Mehr zum Fugenlaut e bei Verben finden Sie hier. Und ob Sie nun Reibkäse oder Reibekäse verwenden: Achten Sie auf gute Qualität! Es lohnt sich!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Andreas‘ A

Nein, es geht hier nicht um den Apostroph!

Frage

Heute bin ich über die Pluralform von Buchstaben gestolpert und habe gemerkt, dass es „die A“ und nicht die „As“ heißt. Somit schreibt man also: „Andreas aß alle A aus der Buchstabensuppe“. Ich hoffe, so weit, so richtig. Wie ist das in einem Genitiv-Fall? Heißt es dann: „Anna aß Andreas‘ A aus der Buchstabensuppe“? Dann wäre ja nicht klar, ob die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Buchstaben sind in der Standardsprache unveränderlich. Umgangssprachlich werden sie im Genitiv der Einzahl und in der Mehrzahl auch mit der Endung s gesprochen. Geschrieben wird diese Endung aber nicht (siehe hier). In Ihrem Beispielsatz

Anna aß Andreas‘ A aus der Buchstabensuppe

ist deshalb tatsächlich nicht klar, ob es sich bei A um eine Einzahl- oder um eine Mehrzahlform handelt. Der Genitiv spielt hier insofern eine Rolle, als die Genitivform eines Eigennamens vor dem A steht und dabei den Artikel ersetzt. (Mehr dazu finden Sie hier.) Der Satz enthält also nichts mehr, das es erlauben würde, den Numerus von A zu bestimmen. Wenn man diese Unklarheit vermeiden will, muss man den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

Anna aß alle von Andreas‘ A aus der Buchstabensuppe.
Anna aß das A von Andreas aus der Buchstabensuppe.

oder ohne von:

Anna aß alle A aus Andreas‘ Buchstabensuppe.
Anna aß das A aus Andreas‘ Buchstabensuppe.

Unklarheiten dieser Art gibt es übrigens nicht nur bei Buchstaben. Sie entstehen immer dann, wenn ein Nomen ohne ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv steht, dieses Nomen nicht Subjekt des Satzes ist und seine Singular- und Pluralform sich im verlangten Kasus nicht voneinander unterscheiden:

Anna spricht mit Andreas‘ Neffen.
Anna bezahlt Andreas‘ Berater.
Andreas sorgt für Annas Kaninchen.
Andreas hasst Annas Kater.

Spricht Anna mit einem oder mit mehreren Neffen? Bezahlt sie einen oder mehrere Berater? Sorgt Andreas für ein oder für mehrere Kaninchen? Hasst er nur einen oder mehr als einen Kater? Bei solchen isolierten Beispielsätzen lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Sehr oft verdeutlicht allerdings der Satzzusammenhang, ob die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint ist. Wenn nicht, sollte man umformulieren.

Es zeigt sich hier, dass Sätze nicht immer eindeutig sind, wenn man sie einzeln betrachtet. Ganz ohne Kontext ist übrigens auch ziemlich unklar, warum Anna Andreas‘ A aus der Suppe aß, ganz gleich, ob nun ein oder mehrere A in der Buchstabensuppe schwammen. Sie tat es wohl um des Stabreimes willen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bei hältst behältst du das t

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner in allen Hitparaden der häufig vorkommenden Schreibfehler:

Frage

Jahrelang schrieb ich „du erhälst“ auf diese Art und fühlte mich dabei ganz sicher, bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das eigentlich falsch sei und „erhältst“ geschrieben werden sollte. Meine Nachforschungen auf canoonet bestätigen das zwar, aber in der Praxis sehe ich fast nur die erste Variante. Hat das eventuell etwas mit einer schweizerischen Schreibweise zu tun?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

richtig ist nur du erhältst. Das t vor der Endung st gehört zum Stamm erhalt/erhält des Verbs erhalten. Dies gilt für den gesamten deutschen Sprachraum vom Nord- und Ostseestrand bis hin zum Alpenrand (und darüber hinaus). Alle Formen von erhalten sehen Sie hier.

Die Schreibung erhälst kommt deshalb häufig vor, weil man bei der Aussprache das t vor der Endung st oft nicht (gut) hört. Sie gilt aber allgemein als falsch. Dasselbe gilt für halten und andere von ihm abgeleitete Verben. Man schreibt zum Beispiel:

Du hältst einen Vortrag (nicht: du hälst)
Du behältst die Übersicht (nicht: du behälst)
Du verhältst dich sonderbar (nicht: du verhälst dich)
…, wo immer du dich aufhältst (nicht: dich aufhälst)
…, wenn du die Augen zuhältst (nicht: die Augen zuhälst)

Oder ganz einfach gesagt: „Du hältst dich an die Regel, wenn du bei hältst das t behältst.“ Ich habe allerdings schon bessere Eselsbrücken gehört …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp