Blogspektrogramm 4

Die vierte Ausgabe des Blogspektrogramms finden Sie diesen Monat im Texttheater.

Diesmal geht es um das Wort Titelhuberei, um das sch, um Euro(s), um die Frauenfußballweltmeisterschaft, passend dazu um sicksche Kommentare zur Sprache in Frauenfußballkommentaren und darum, worauf er und sie sich beziehen. Es gibt also vieles, das an der deutschen Sprache Interessierte interessieren könnte!

Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1

Von Amphoren zu Eimern

Frage

Woher kommt das Wort „Eimer“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort Eimer hat eine interessante Entstehungsgeschichte, bei der Entlehnung, Umdeutung und lautliche Entwicklung eine Rolle spielen.

Seinen Ursprung findet Eimer bei einem Lehnwort, das schon in alter germanischer Zeit aus dem Lateinischen übernommen wurde und das wir viel später noch einmal ins Deutsche übernommen haben: amphora. Das ursprünglich griechische Wort bezeichnet ein zweiohriges Gefäß oder ein Gefäß, das mit zwei Händen getragen wird. Im Althochdeutschen hatte es die Form amber, im heutigen Deutschen die lateinische Form Amphora oder Amphore. Die erste Entlehnung wurde bereits im althochdeutschen Volksmund zu einer Zusammensetzung aus dem Zahlwort ein und einer Form von beran umgedeutet. Das Verb beran bedeutete tragen. (Das Wort Bahre geht auch auf dieses beran zurück.) Der Hintergrund für die Umdeutung war, dass der Eimer nur einen Henkel hat, den man zum Tragen benutzt. Über Formen wie eimbar und eimber entstand dann das heutige Wort Eimer.

Wir haben es also bei Eimer mit einem Wort zu tun, das nicht nur einen Teil seiner ursprünglichen Bedeutung verloren hat, sondern sich durch volksetymologische Umdeutung und jahrhundertelange „ungenaue“ Aussprache auch ganz anders anhört. Trotz „Fehlern“ bei der Bedeutung (einhenkelig statt zweiohrig), bei der Herkunftsbestimmung (germanische Zusammensetzung statt griechisch-lateinisches Lehnwort) und bei der Aussprache (u. a. amber statt amphora) ist im Laufe der Zeit ein nützliches und brauchbares Wort entstanden und erhalten geblieben. Dank dieser Verselbständigung des Wortes Eimer konnten wir das Wort amphora später sogar noch einmal „importieren“ – diesmal mit seiner klassischen Bedeutung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Brücken, Tunneln, Unter- und Überführungen

Frage

Für die Kreuzung nicht niveaugleicher Verkehrswege oder von Verkehrswegen mit Hindernissen (Täler, Berge) finden sich in der deutschen Sprache die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung, Überführung und vielleicht weitere.

Was ist nun was?

Eine Brücke führt über etwas hinweg, ein Tunnel unter oder durch etwas hindurch. Aber wird eine Brücke zum Tunnel, wenn man unter ihr hindurch geht? Und was ist eine Unterführung/Überführung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

verschiedene Wörter haben sehr oft nicht genau voneinander abgegrenzte Bedeutungen. Dies ist auch hier der Fall.

  • Eine Brücke führt einen Verkehrsweg über Wasser, eine Tiefe, einen anderen Verkehrsweg u. Ä. hinweg.
  • Ein Tunnel ist ein langer, unterirdisch angelegter Verkehrsweg oder Gang.
  • Eine Überführung führt einen Verkehrsweg über einen anderen Verkehrsweg hinweg.
  • Eine Unterführung führt einen Verkehrsweg unter einem anderen Verkehrsweg hindurch.

Daraus kann man schließen:

  • Eine Überführung ist in der Regel eine Brücke, aber längst nicht jede Brücke ist eine Überführung.
  • Eine Unterführung kann ein Tunnel sein. Nicht jede Unterführung ist ein Tunnel und längst nicht jeder Tunnel ist eine Unterführung.

Und zum Beispiel auch:

  • Der Weg unter einer Brücke hindurch ist kein Tunnel. Dafür ist der Durchgang in der Regel einfach nicht lang, schmal und unterirdisch genug.

Die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung und Überführung bezeichnen also unterschiedliche Konzepte, die sich teilweise überschneiden.

Das Interessante daran finde ich, dass man diese Wörter im Alltagsleben problemlos benutzt. Erst wenn man genaue, deutlich gegeneinander abgegrenzte Definitionen geben möchte, kommt man ein bisschen ins Schleudern. Die obenstehenden Definitionen decken nämlich längst nicht alle Fälle ab: Eine Autobahnbrücke, die in 136 Meter Höhe das Moseltal überspannt, ist keine echte Überführung, auch wenn sie über zwei Straßen, eine Eisenbahnlinie und einen als Verkehrsweg genutzten Fluss führt. Genauso wenig werden die beiden Straßen und die Eisenbahnlinie, die durch das Moseltal führen, an dieser Stelle Unterführungen genannt. Warum nicht? Eine andere zu klärende Frage ist zum Beispiel: Wie lange (und schmal?) muss eine Fußgängerunterführung sein, damit man sie einen Fußgängertunnel nennt? Oder muss sie einfach unterirdisch sein?

Die Definitionen müssten also verfeinert werden, damit sie auch diese und weitere Fälle abdecken. Für den normalen Sprachgebrauch ist das aber gar nicht notwendig. Wir sind, auch ohne bewusst eine genaue Definition zu kennen, in der Lage, die Wörter Brücke, Tunnel, Überführung und Unterführung richtig zu benutzen. Selbst die Tatsache, dass es zum Beispiel Brücken gibt, die einige eine Überführung nennen und andere nicht, führt in der Regel zu keinen größeren Verständigungsschwierigkeiten. Das ist, wenn man darüber nachdenkt, eines der Wunder der Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kein und nicht bei dummen Fragen

Frage

„Dumme Fragen gibt es nicht!“ Warum steht hier „nicht“ statt „kein“? Ist „kein“ nicht die Verneinung bei Substantiven ohne Artikel (hier Plural)? „Keine dumme Fragen gibt es“ klingt schon ein bisschen komisch, aber bei anderer Wortstellung ist es doch richtig: „Es gibt keine dumme Fragen“?

Antwort

Guten Tag B.,

man sagt tatsächlich:

Es gibt keine dummen Fragen.

Nur in gewissen Fällen kann man auch sagen:

Es gibt nicht dumme Fragen …

Was aber, wenn ich den Satzteil (keine) dumme Fragen im Satz an die erste Stelle setzen möchte? Ohne Verneinung ist das ganz einfach:

Es gibt dumme Fragen.
Dumme Fragen gibt es.

Mit Verneinung ist die Umstellung ein bisschen komplexer:

Es gibt keine dummen Fragen.
Dumme Fragen gibt es nicht.

Man sagt seltener auch

Dumme Fragen gibt es keine.

aber nie

*Keine dummen Fragen gibt es.

Die Verneinung ist im Deutschen ziemlich komplex. Es gibt häufig verschiedene, einander widersprechende Tendenzen und deshalb kaum „Regeln“, die in allen Fällen gelten. Das ist auch hier der Fall. Wenn im Prinzip kein stehen könnte oder müsste, aber die Verneinung durch eine Umstellung (Hervorhebung) im Satz nicht direkt vor dem Substantiv steht, verneint man den Satz oft mit nicht statt kein:

Wir verkaufen keine Einzelstücke.
Einzelstücke verkaufen wir nicht.

Sie sprechen dort keine Fremdsprachen.
Fremdsprachen sprechen sie dort nicht.

Es gibt keine dummen Fragen.
Dumme Fragen gibt es nicht.

Es gibt also auch im Bereich der Verneinung keine ausnahmslos in allen Fällen geltendend Regeln, oder: Ausnahmslos in allen Fällen geltende Regeln gibt es auch im Bereich der Verneinung nicht. Keine Regel ohne Ausnahme!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als oder zum Dank

Frage

Wie lautet der Satz richtig:

– Als Dank für seine Firmentreue wird Herr … geehrt.
– Zum Dank für seine Firmentreue wird Herr … geehrt.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

beides ist üblich und richtig:

Als Dank für seine Firmentreue wird Herr M. geehrt.
Zum Dank für seine Firmentreue wird Herr M. geehrt.

Die erste und wichtigste Begründung lautet, dass im Deutschen beide Formulierungen verwendet, verstanden und akzeptiert werden. Bei fest(er)en Wendungen ist oft keine bessere Erklärung als diese möglich. Manchmal hilft selbst ein Abstecher in die Sprachgeschichte nicht oder nur bedingt weiter (vgl. diesen älteren Beitrag).

In diesem Fall sind allerdings beide Formulierungen auch grammatisch erklärbar: Die Formulierung mit als drückt aus, dass Herrn M.s Ehrung der Dank für seine Firmentreue ist. Die Ehrung dient als Dank. Mit zum wird gesagt, dass der Dank für die Firmentreue der Anlass, der Grund für Herrn M.s Ehrung ist. Gemeint ist in beiden Fällen, dass man Herrn M. für seine Firmentreue dankbar ist und ihn deshalb ehrt.

Ich nehme an, dass die Ehrung aus hoffentlich wohlgemeinten positiven Worten besteht. Ich hoffe weiter, dass Herr M. als oder zum Dank dafür, dass er so lange bei der Firma war, neben dem unvermeidlichen Blumenstrauß auch einen seinem Einsatz entsprechenden Bonus erhält, auch wenn er nicht zum vielleicht schon bonusgewöhnten obersten Management gehört. Doch hier beginne ich mich in Personalangelegenheiten einzumischen, die mich als „Sprachdoktor“ gar nichts angehen. Nichts für ungut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von den Social Media zum Möchtegern-Latin-Lover

Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht hier nicht um besondere Aspekte des Internetdatings, sondern lediglich um den Bindestrich bei englischen Lehnwörtern.

Frage

Ich habe eine Frage zu getrennt geschriebenen Wörtern, die es in der englischen Sprache gibt (Social Media, Social Network): Laut den Regeln sollte man überall einen Bindestrich dazwischensetzen, sobald man sie ins Deutsche übernimmt. Wie schreibe ich einen Begriff, den ich aus der englischen Sprache übernehme und mit einem deutschen Wort verbinde?

Antwort

Sehr geehrter Herr Rest,

englische Lehnwörter machen uns das Schreiben manchmal schwer. Wenn wir englische Komposita übernehmen, die man in der Ursprungssprache getrennt schreibt, wird die Lage besonders heikel. Man sieht dann sehr oft, dass sie auch im Deutschen getrennt geschrieben werden. Das ist aber nach den amtlichen Rechtschreibregeln sehr oft falsch. Aus zwei Substantiven bestehende Zusammensetzungen sollten im Deutschen nämlich entweder mit Bindestrich oder zusammengeschrieben werden:

Beauty-Case oder Beautycase
Bungee-Jumping oder Bungeejumping
Internet-Dating oder Internetdating
Midlife-Crisis oder Midlifecrisis

Auch aus einem Verb und einer Partikel bestehende Zusammensetzungen schreibt man mit Bindestrich (oder, wenn die Lesbarkeit es zulässt, zusammen):

das/der Back-up oder Backup
das Coming-out oder Comingout
der/das Flash-back oder Flashback
das Make-up

Wer jetzt verständlicherweise meint, dass man bei Verbindungen aus dem Englischen immer einen Bindestrich verwenden kann, irrt sich leider. So einfach wird es uns nicht gemacht:

Die beiden Beispiele in Ihrer Frage bestehen aus einem Adjektiv und einem Substantiv. Adjektiv-Substantiv-Verbindungen wie Social Media, Social Network, Electronic Banking oder Latin Lover werden nicht mit Bindestrich geschrieben, sondern wie im Englischen getrennt (oder, wenn die Hauptbetonung auf dem Adjektiv liegt, auch zusammen: Latinlover). Andere Beispiele:

der Long Drink oder Longdrink
Slow Food oder Slowfood
das Mobile Banking
Public Relations

Wenn solche getrennt geschriebenen Wortgruppen in Zusammensetzungen vorkommen, setzt man allerdings wieder Bindestriche, und zwar zwischen alle Teile der Zusammensetzung:

das Slow-Food-Restaurant*
die Public-Relations-Managerin
die Social-Media-Plattform
eine Mobile-Banking-ähnliche Dienstleistung
der Möchtegern-Latin-Lover*

(*Bei Zusammenschreibung Slowfood und Latinlover auch möglich:
Slowfood-Restaurant oder Slowfoodrestaurant
Möchtegern-Latinlover oder Möchtegernlatinlover)

Eine Übersicht über die Verwendung von Bindestrichen bei Fremdwörtern finden Sie hier. Für Angaben zur Getrennt- und Zusammenschreibung bei Fremdwörtern, siehe hier.

Damit ist noch nicht ganz alles zur Schreibung von mehrteiligen englischen Lehnwörtern gesagt, aber ich will ich Sie hier nicht mit weiteren Detailfragen belästigen. Wer weiß, wie man Wörter wie Mobile-Banking-ähnlich und Möchtegern-Latin-Lover richtig schreibt, weiß in Sachen Rechtschreibung eigentlich mehr als genug. Den Rest schlägt man notfalls nach – oder man fragt „Dr. Bopp“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Überraschen überraschend einfach

Frage

Viele Wörter im Deutschen lassen sich zerlegen und offenbaren dadurch eine Bedeutung, die einem so nicht bewusst war. Heute bin ich im gleichen Sinne über das Wort „überraschen“ gestolpert. Nun frage ich mich, gibt oder gab es das Wort „raschen“ und wenn ja, was bedeutet es?

Antwort

Guten Tag L.,

das Wort überraschen gehört zu den Wörtern, die so selbstständig, selbstverständlich und selbstbewusst in unserem Wortschatz auftreten, dass man sich kaum je die Frage stellt, wie sie eigentlich zustande gekommen sind. Mir war der Zusammenhang zwischen der Form über+rasch+en und der Bedeutung überraschen jedenfalls auch nicht klar.

Woher kommt also überraschen? Auch wenn es so einfach klingt, dass man es kaum glauben mag: überraschen ist von rasch abgeleitet. Das Verb hat also nichts mit rascheln zu tun. Es bedeutet nicht etwas für jemanden tun, ohne es durch Rascheln zu verraten oder so laut rascheln, dass die anderen etwas nicht bemerken. Es ist auch keine durch Präfixaustausch und Umstellung von a und r dezent verhüllte Variante des eher vulgären Ausdrucks verarschen. So kompliziert ist es nicht. Das Verb überraschen ist einfach eine direkte Ableitung des Adjektivs rasch = schnell. Es bedeutete ursprünglich rascher als jemand sein oder kriegerischer rasch über jemanden herfallen, jemanden rasch überfallen.

Die heutige Bedeutung ist glücklicherweise meistens in einem abgeschwächten, übertragenen Sinne zu verstehen. Man muss also bei zum Beispiel einer Geburtstagsüberraschung in der Regel nicht befürchten, eventueller teurer Geschenke wegen an seinem Geburtstag rasch überfallen zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welche Künste gibt es auch im Plural?

Frage

Nach welchen Regeln haben z. B. Kochkunst und Malkunst einen Plural (…künste), Filmkunst aber nicht?

– Weitere Beispiele mit Pluralformen: Kriegskunst, Verführungskunst
– Weitere Beispiele ohne Pluralformen: Dichtkunst, Schmiedekunst

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau Z.,

es gibt keine allgemeinen Regeln, die festlegen, welche Wörter einen Plural haben und welche nicht. Entscheidend sind die Bedeutung und der Gebrauch. Für Zusammensetzungen mit Kunst an zweiter Stelle gilt Folgendes:

Wörter wie Kochkunst, Malkunst, Filmkunst, Dichtkunst usw. haben keinen Plural, wenn es um die Kunst des Kochens, des Malens, des Filmemachens, des Dichtens usw. geht. Bei einigen dieser Wörter wird aber häufiger der Plural verwendet, wenn damit das Können, die Fähigkeiten auf einem gewissen Gebiet gemeint sind:

die Kochkünste der Küchenchefin
die Malkünste unserer Kleinen
die Verführungskünste eines Latin Lovers
usw.

Es gibt, wie gesagt, keine feste Regeln, bei welchen Wörtern dieser Plural vorkommt. Möglich ist er im Prinzip überall. Wenn ein solches Wort in unserem Wörterbuch Mehrzahlformen hat, bedeutet dies, dass der Lexikograph oder die Lexikographin in den zur Verfügung stehenden Wörterlisten und anderen Quellen solche Formen gefunden hat. Wenn keine Pluralformen angegeben werden, bedeutet dies entsprechend, dass zur Zeit der Spezifikation in den verfügbaren Quellen keine oder fast keine Pluralformen zu finden waren. Es bedeutet nicht, dass man nicht in einem bestimmten Zusammenhang von den Filmkünsten eines Urlaubscineasten oder den Dichtkünsten einer Hobbypoetin reden dürfte.

Bei der Bestimmung, ob ein Wort Pluralformen hat oder nicht, geht es bei abstrakten Begriffen wie …kunst oft um eine Art Gratwanderung zwischen dem, was theoretisch möglich ist, und dem, was wirklich (einigermaßen regelmäßig) vorkommt. Es ist deshalb leider nicht immer möglich, eine in jeder Hinsicht konsequente Darstellung anzubieten. So weit reichen unsere Wörterbuchkünste leider nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie viel ist ein Riese wert?

Frage

Bisher kannte ich das Wort „Riese“ nur in der Bedeutung „1 000 Euro“. Doch der Duden definiert es als die „höchste Banknote (einer bestimmten Währung)“. Ebenso übersetzt das italienisch-deutsche PONS-Wörterbuch das Wort „testone“ ungefähr mit „Riese“ und schreibt dies in Klammern mit „500 Euro“ um.

Meine Frage ist: Wie kommt es zu der Bedeutung „1 000 Euro“? Weil 1 000 einfach eine riesige Zahl ist oder weil die frühere Bedeutung „1 000 Deutsche Mark“ falsch in die heutige übertragen wurde?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

hier zeigt sich, wie ungenaue Wörterbuchdefinitionen zu einer „Regel“ mutieren können, die nicht stimmt. Riese war die Bezeichnung für die höchste Banknote (1 000 DM). Heute meint man – wie auch Sie sagen – mit einem Riesen 1 000 Euro, auch wenn der 500-Euro-Schein die höchste Eurobanknote ist.

In den deutschsprachigen Versionen amerikanischer und englischer Bücher und Filme wurde und wird das Slangwort grand (= 1 000 Dollar resp. 1 000 Pfund) mit Riese übersetzt. Wenn die Kidnapper im Original ein Lösegeld von fifty grand verlangen, fordern die Entführer in der Übersetzung oft fünfzig Riesen für die Freilassung der Geisel. Die höchste jemals gedruckte Dollarbanknote war aber 100 000 Dollar [!] wert und seit 1946 ist der 100-Dollar-Schein die höchste neu gedruckte Dollarnote. Beim britischen Pfund ist die 50-Pfund-Note seit dem Zweiten Weltkrieg die höchste Banknote.

Ein Riese bezeichnet also nicht die höchste Banknote einer bestimmten Währung, sondern 1 000 Einheiten gewisser Währungen. Die Dudendefinition, die Sie zitieren, ist in diesem Sinne nicht (mehr) korrekt. „Falsch“ ist also nicht die Verwendung von Riese für 1 000 Euro, sondern die Wörterbuchdefinition. Manchmal schießen Wörterbuchartikel beim Spagat zwischen einer möglichst prägnanten und einer möglichst umfassenden Beschreibung daneben.

Beim italienischen Wort testone gilt, dass mit un testone früher eine Million Lire gemeint war. Das entspricht ungefähr 500 Euro. Soweit ich verstanden habe, herrscht in Italien (noch) keine Einigkeit darüber, ob ein testone nun einer Million Euro, tausend Euro oder fünfhundert Euro (d. h, dem Gegenwert von einer Million Lire) entsprechen soll. Mit der Verwendung des deutschen Wortes Riese hat dies also nur wenig zu tun.

Die Bezeichnung Riese für 1 000 Euro lässt sich sowohl auf den „riesigen“ Betrag als auch auf die frühere Bedeutung 1 000 Mark zurückführen. Wer drei Riesen verdiente, erhielt am Ende des Monats 3 000 Mark. Wer heute drei Riesen verdient, darf ein Salär von 3 000 Euro erwarten – nicht etwa nur 1 500 Euro.

Größere Verständigungsschwierigkeiten sind in keinem Fall  zu erwarten. Bei Lohngesprächen und anderen seriöseren Verhandlungen, in denen es um größere Geldbeträge geht, bedient man sich wohl kaum je des umgangssprachlichen Ausdrucks Riese. Man sagt und schreibt in solchen Situationen tausend Euro, wenn man tausend Euro meint. In den Milieus, in denen man auch bei wichtigen Geschäften mit Riesen rechnet, weiß man auch ganz ohne Duden und Dr. Bopp sehr gut, was gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich Blasen laufen

Noch ein Nachtrag zum Urlaub: Stefan schreibt das Folgende in einem Kommentar zur Ankündigung „Dr. Bopp geht wandern“:

Frage

Lieber Dr. Bopp, haben sie sich “eine Blase gelaufen?? Dazu gleich meine Frage: Wieso “läuft? man sich eine Blase? Eigentlich “bekommt? man doch eine, oder “zieht sie sich zu?… Ich hoffe sie hatten einen schönen Urlaub!

Antwort

Guten Tag Stefan,

Der Urlaub war schön. Siehe hier.

Wieso läuft man sich Blasen? Man kann die Wendung sich … laufen verwenden, wenn man sich laufend etwas zuzieht oder sich oder etwas anderes laufend in einen bestimmten Zustand bringt. Zum Beispiel:

sich müde laufen
sich hungrig laufen
sich außer Atem laufen
sich die Füße wund laufen
sich Löcher in die Schuhe laufen

Und ebenso:

sich Blasen laufen
sich ein große Blase laufen

Reflexive Wendungen dieser Art sind nicht nur mit dem Verb laufen möglich:

sich einen Bruch heben
sich heiser singen/reden/brüllen/schreien
sich die Augen rot weinen
u. a. m.

Ich habe mich übrigens einige Male ziemlich müde gewandert, aber mir zum Glück dank gutem Schuhwerk keine Blasen gelaufen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp