Reben anbauen und Rebberge bebauen

Frage

Heißt es einen Rebberg bebauen oder anbauen (gemeint ist: auf einem alten Rebberg wieder neue Reben setzen)?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Ihre Frage hat mit einem dieser kleinen Unterschiede in der Sprache zu tun, die man nicht immer auf Anhieb erklären kann. Ich musste zuerst einmal gründlich nachdenken, bevor ich Ihnen antworten konnte.

Beginnen wir mit dem Unterschied zwischen anbauen und bebauen im Zusammenhang mit Pflanzen: Man bebaut das Land und man baut Pflanzen an. Die gleiche Unterscheidung gilt übrigens auf für bepflanzen und anpflanzen: Bei bepflanzen ist das Objekt der Handlung das Gelände, das mit Pflanzen versehen wird. Bei anpflanzen ist das Objekt die Pflanze, die an einer bestimmten Stelle gepflanzt wird.

Auf Ihr Beispiel bezogen heißt es also:

einen Rebberg [mit Reben] bebauen
Reben [auf einem Rebberg] anbauen

Das beantwortet Ihre Frage noch nicht ganz, denn keine der beiden Formulierungen will so recht zu dem passen, was Sie eigentlich meinen. Es fehlen noch wieder und neu:

einen alten Rebberg wieder bebauen
auf einem ehemaligen Rebberg wieder neue Reben anbauen

Das klingt schon besser. Aber vielleicht könnten Sie auch einfach sagen, dass ein ehemaliger Rebberg wieder neu angelegt werden soll. Das trifft die Sache auch ziemlich genau.

Da ich einem guten Glas Wein nicht abgeneigt bin, finde ich die Wahl zwischen anbauen, bebauen und anlegen letztlich viel weniger wichtig als die Wahl der richtigen Reben für Boden, Lage und Klima. Doch darüber wissen Önologen natürlich viel besser Bescheid als ein „Sprachdoktor“, der sich heute Abend sehr wahrscheinlich ein Gläschen Rebensaft gönnen wird. Ich hoffe aber, dass ich Ihnen wenigstens bei Ihrer Sprachfrage weiterhelfen konnte.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der nützliche Strichpunkt

Der Strichpunkt wird manchmal als schlaffes Satzzeichen für Unentschlossene bezeichnet. Man überlegt sich, was man sagen will, und setzt dann entweder einen Punkt oder ein Komma. Das ist die Meinung der „Entschlossenen“. Ich bin damit nicht einverstanden. Manchmal kann es stilistisch wünschenswert sein, deutlicher zu trennen, als nur mit einem Komma, aber doch keine so strenge Trennung zwischen zwei Gedanken zu setzen, wie ein Schlusspunkt sie darstellt. Das sind allerdings stilistische Fragen. Hier geht es um einen ganz praktischen Aspekt, bei dem der Strichpunkt gute Dienste leisten kann:

Frage

Aufzählungen und Einschübe werden durch Kommas getrennt. Was mache ich aber, wenn beides gleichzeitig auftritt, zum Beispiel bei der Nennung von Firmen und deren Standorte (… Daimler AG, Stuttgart, BMW AG, München, VW AG, Wolfsburg, …)?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

komplexere Aufzählungen kann man mit Hilfe des Strichpunktes oder – mit einem schönen Fremdwort ausgedrückt – mit Hilfe des Semikolons übersichtlicher gliedern. In Ihrem Beispiel sieht das wie folgt aus:

Daimler AG, Stuttgart; BMW AG, München; VW AG, Wolfsburg; …

Andere Beispiele sind:

Abfahrtszeiten: Saarbrücken Hbf 11:33; Saarbrücken-Burbach 11:36; Luisenthal (Saar) 11:39; Völklingen 11:42; Saarlouis Hbf 11:53; Dillingen (Saar) 11:56;  Merzig (Saar) 12:06; Trier Hbf 13:00

Serviert werden belegte Brötchen, Kuchen, Früchte; Kaffee, Tee und Orangensaft.

Wenn man diese beiden Beispiele kombiniert, müsste eine Reise von Saarbrücken nach Trier mit oder ohne Strichpunkte ganz angenehm werden. Weitere Angaben zum Strichpunkt finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der hybride 100-millionste Passagier

Frage

Schreibt man „der 100 millionste Passagier“, „der 100-millionste Passagier“ oder „der 100 Millionste Passagier“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

in einer Quizsendung würde es ungefähr so klingen: „Richtig ist Antwort b: der 100‑millionste Passagier!“

Auch ich werde hier allerdings unsicher, weil es sich um eine Art Hybridschreibung handelt. Das klingt komplizierter als es ist. Ein Hybridauto fährt sowohl mit Strom als auch mit Benzin oder Diesel. Die Hybridschreibung besteht hier darin, dass eine einzelne Zahl sowohl in Ziffern als auch in Worten geschrieben wird. Während Hybridautos wohl eine gute Entwicklung sind, sollte man bei Hybridschreibungen dieser Art vorsichtiger sein.

Anstelle von:

20-tausendste
100-tausendste
10-millionste
der 100-millionste Passagier

schreibt man besser alles in Ziffern:

20 000.
100 000.
10 000 000.
der 100 000 000. Passagier

oder alles in Worten:

zwanzigtausendste
hundertausendste
zehnmillionste
der (ein)hundertmillionste Passagier

Ich finde bei runden Zahlen in einem durchlaufenden Text die Schreibung in Worten die eleganteste Lösung: der einhundertmillionste Passagier.

Ich frage mich immer wieder, wie eigentlich festgestellt wird, wer der hundertmillionste Passagier oder die zehnmillionste Besucherin ist. Da sich bei einer so großen Anzahl sicher ein- oder zweimal jemand verzählt haben muss, darf man diese Zahl wohl nicht allzu wörtlich nehmen … Sie in Worten zu schreiben ist aber trotzdem eine gute Lösung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Hafenwelle

Was es  ist und wie man es nennt, ist seit 2004 vielen bekannt. Am vergangenen 11. März ist auch deutlicher geworden, warum wir dafür ein japanisches Wort verwenden: Tsunami. Seine ursprüngliche Bedeutung ist Hafenwelle, Welle im Hafen (tsu = Hafen, nami = Welle). Es soll von japanischen Fischern stammen, die auf See nichts von Sturm oder großen Wellen bemerkt hatten und  bei ihrer Rückkehr trotzdem einen durch eine große Flutwelle zerstörten Hafen vorfanden.

Die Bedeutung des Wortes ist leicht verständlich. Die schreckliche Bedeutung, die das Phänomen für die Betroffenen haben muss, bleibt trotz aller Fernsehbilder unbegreiflich. Möge das Volk, das unseren Wortschatz auch mit zum Beispiel Bonsai, Ginkgo, Sushi, Sashimi, Shiitake, Sake, Kimono, Futon, Judo, Karate, Ikebana, Origami, Manga, Sudoku und Karaoke bereichtert hat, von weiteren Katastrophen verschont bleiben.

Das zweite l des Kellners

Bei einem Cafébesuch heute Nachmittag waren die Kellner und Kellnerinnen so schlecht organisiert (alle kümmerten sich um alles und deshalb niemand wirklich um etwas), dass man immer ziemlich lange warten musste, obwohl ihre Gesamtzahl kaum geringer war als die Zahl der Gäste. Auch das Kellnern will gelernt sein. Mir kommt dabei die folgende Frage von Frau S. in den Sinn:

Frage

Laut der Rechtschreibregelung wird ein Konsonant nach einem kurzen Vokal nur dann verdoppelt, wenn er allein steht. Wie verhält es sich nun mit dem Wort „Kellner“? Das e wird kurz gesprochen, darauf folgen l und n. Also dürfte das l nicht verdoppelt werden. Wo liegt also der Ursprung des Wortes, durch den man das Doppel-l erklären könnte? Kommt es von „Keller“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort Kellner (lat. cellenarius) ist tatsächlich mit Keller (lat. cellarium) verwandt. Der Kellner war ursprünglich der Kellermeister, der Vorsteher des Wein- und Vorratskellers. Die heutige Bedeutung (Bedienung in Gasthäusern) hat das Wort seit dem 18. Jahrhundert.

Ein Ober ist übrigens nichts anderes als ein verkürzter Oberkellner. Der Oberkellner ist eigentlich der Kellner, der für die Abrechung mit den Gästen verantwortlich ist. Die Kurzversion Ober wird aber in der Regel als Anrede für alle bedienenden Herren verwendet. Wenn man die Aufmerksamkeit einer Kellnerin erheischen will, muss man sich meist mit einem Entschuldigen Sie bitte behelfen. Die Anredeform Oberin hat sich nicht durchgesetzt. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Oberin bereits die Bezeichnung für eine Oberschwester oder die Leiterin eines Nonnenklosters ist. Auch bei Kellnern ziehe ich heutzutage übrigens das Entschuldigen Sie bitte! dem Ober! vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS:

Dieses Entschuldigen Sie bitte! war heute leider etwas häufiger nötig, als mir eigentlich lieb ist. Dafür war das Wetter vorfrühlingshaft schön! Dann wird man auch weniger professionellem Kellnerhandwerk gegenüber vergebungsgesinnt.

Eine Frage betreffend den Akkusativ

Kämpfer für das Überleben des Genitivs gab und gibt es zur Genüge. Ich kümmere mich deshalb lieber hin und wieder um die anderen Fälle. Hier wieder einmal eine Frage, die in vielen Listen der „beliebten“ Fehler zu finden ist:

Frage

Gemäß dem Duden verlangt die Präposition „betreffend“ den Akkusativ. Ich habe nun aber einen Satz, bei dem sich der Akkusativ sehr merkwürdig oder meiner Meinung nach gar falsch anhört. Es handelt sich um den folgenden Satz:

Sie können so alle Beschwerden betreffend die gebuchten Leistungen direkt dem Kundendienst übermitteln.

Können Sie mir bitte sagen, ob „die“ hier wirklich richtig ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

auch gemäß Canoonet, Wahrig und anderen steht betreffend mit dem Akkusativ. Es verlangt auch als Präposition noch den gleichen Fall wie das Verb betreffen, von dem es kommt. In Ihrem Satz muss also tatsächlich die stehen:

Sie können so alle Beschwerden betreffend die gebuchten Leistungen direkt unserem Kundendienst übermitteln.
vgl.
Sie können so alle Beschwerden, die die gebuchten Leistungen betreffen, direkt unserem Kundendienst übermitteln.

Ebenso zum Beispiel:

Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung
Ihre Anfrage betreffend teilen wir Ihnen mit, …
Regelung betreffend den Verleih von Schokoladenfontänen

Bei betreffend sollte standardsprachlich der Akkusativ stehen. Der Genitiv (*betreffend der gebuchten Leistungen) wäre hier nicht richtig. Vielleicht stört Sie hier der Akkusativ, weil das ungefähr gleichbedeutende bezüglich den Genitiv verlangt:

Sie können so alle Beschwerden bezüglich der gebuchten Leistungen direkt unserem Kundendienst übermitteln.

Wirklich schön klingen übrigens weder betreffend noch bezüglich. Aber das ist wieder eine andere Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ebendas ist eben das, was verwirrt

Ebendas und eben das im gleichen Satz zu verwenden, führt selten zu einem stilistischen Meisterwerk. Hier geht es aber nur um die Zusammen- und Getrenntschreibung.

Frage

Schreibt man „ebendeshalb“ und „ebendie, ebender, ebendas“ immer zusammen oder gibt es auch die Möglichkeit auseinanderzuschreiben. Ich sehe es nämlich auch öfter auseinandergeschrieben, insbesondere die letzteren Wörter.

Antwort

Guten Tag M.,

man schreibt ebendeshalb zusammen, wenn damit gerade deshalb, genau deshalb gemeint ist. Man schreibt ebender/ebendie/ebendas zusammen, wenn gerade der/die/das, genau der/die/das gemeint ist. Getrennt sollte man schreiben, wenn eben als Abtönungspartikel im Sinne von halt, nun einmal verwendet wird.

Du vertraust ihnen nicht. Ebendeshalb (= gerade deshalb) solltest du noch vorsichtiger sein.
Ich bin eben deshalb (= halt deshalb) nicht gekommen, weil ich es vergessen habe.

Das ist ebender (= genau der), von dem ich dir damals erzählt habe.
Das ist eben der (= nun einmal der), den wir auch noch mitnehmen müssen.

Das Gleiche gilt auch für zum Beispiel ebendeswegen (gerade deswegen) und eben deswegen (nun einmal deswegen) oder ebendiese (genau diese) und eben diese (halt diese). Ebensolche Unterschiede sind eben solche Unterschiede, die einem die Rechtschreibung manchmal so spitzfindig erscheinen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Neuseeland, das neue Land in der See, oder etwa doch nicht?

Unser niederländischer Freund Hans reist zurzeit durch Neuseeland und schickt uns mit Hilfe des Internets in regelmäßigen Abständen seine Reiseberichte und Fotos. Da die meisten von Ihnen zwar mindestens einen Hans kennen, aber nicht diesen Hans, handelt der heutige Bericht nicht von ihm und seiner Reise, sondern von Neuseeland. Es geht um den Namen des Landes.

Ohne viel zu überlegen ging ich immer davon aus, dass Neuseeland seinen Namen der Tatsache verdankt, dass es bei der Landung der ersten Europäer für diese neues Land mitten in der See war. Der Name Neuseeland lag also nahe. Heute fragte ich mich plötzlich, warum Neuseeland in der Landessprache Englisch mit Z geschrieben wird: New Zealand. Woher kommt das Z? Die englische Entsprechung für die See schreibt man doch auch im Englischen mit s: the sea. Man findet das Z auch in anderen Sprachen: Nouvelle-Zélande (frz.), Nueva Zeland[i]a (span.), Nuova Zelanda (ital.), Nowa Zelandia (poln.), Nya Zeeland (schwed.), Nieuw-Zeeland (nld.) u. a. m.

Woher kommt also dieses Z? Soweit ich es anhand der online verfügbaren Quellen beurteilen kann, schrieb man das englische Wort sea immer mit dem Anfangsbuchstaben s. Der rein sprachgeschichtliche Weg zurück hilft uns hier also nicht viel weiter. Geschichte ist natürlich trotzdem das Schlüsselwort: Der erste Europäer, der Neuseeland erblickt haben soll, war im 17. Jahrhundert der holländische Endeckungsreisende Abel Tasman. Er nannte die Insel zuerst Stateneiland (= Insel der Staten-Generaal, d.h des niederländischen Parlaments; vgl. die Insel Staten Island bei New York, die heute noch so heißt). Herr Tasman entdeckte auch die südlich vor Australien liegende Insel Tasmanien, deren Name hiermit auch gleich erklärt ist. Nebenbei sei noch erwähnt, dass Australien lange Zeit Neu-Holland genannt wurde, bevor es den heutigen Namen erhielt. Die Niederländer, die großen Entdeckungsreisenden des 17. Jahrhunderts, haben auch Neuseeland seinen Namen gegeben: Niederländische Kartographen, die wichtigsten der damaligen Zeit, tauften Tasmans Stateneiland nach der im Südwesten der heutigen Niederlande liegenden Provinz Zeeland auf Nieuw-Zeeland um (dt. Seeland und Neu-Seeland). Das Z, das man in vielen Sprachen im Namen Neuseelands antrifft, ist also niederländischen Ursprungs. Neuseeland ist nicht, wie ich meinte, das neue Land in der See, sondern das neue Seeland.

Unser moderner Entdeckungsreisender Hans bereist somit Inseln, die ihren Namen seinen niederländischen Vorvätern zu verdanken haben. Die Nachfahren der wirklichen Entdecker Neuseelands, die Maori, nennen ihr Land in ihrer Sprache heute meist Aotearoa. Die Bedeutung dieses Namens soll Land der langen weißen Wolke sein. Das ist noch viel poetischer, als Neues Land in der See es gewesen wäre!

Von und de, wenn der Adel in die Schlagzeilen gerät

Der Adel macht es einem nicht einfach, wenn er in die Schlagzeilen gerät. Es geht hier aber nicht um Abgeschriebenes und Rücktritte, sondern nur um die Schreibung von Adelspartikeln wie von und de am Satzanfang.

Frage

Wenn es Frau von der Leyen in die Überschrift einer Zeitung schafft, ist dann am Anfang der Titelzeile ,,von der Leyen tut dies und das“ oder ,,Von der Leyen tut dies und das“ korrekt“?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

das Wörtchen von in Familiennamen verhält sich gleich wie die „gewöhnliche“ Präposition von: Man schreibt es grundsätzlich klein, außer wenn es am Satzanfang steht. Zum Beispiel:

Sehr geehrte Frau von der Leyen, …
Wer folgte Frau von der Leyen im Amt als Familienministerin?
Die deutsche Arbeitsministerin heißt von der Leyen.

Von der Leyen heißt die deutsche Arbeitsministerin.

Man schreibt auch dann groß, wenn der Name in einer Zusammensetzung an erster Stelle steht:

Politik nach Von-der-Leyen-Art

Aus aktuellem Anlass sei noch ergänzt, dass dies im Prinzip auch für die Adelspartikel de gilt:

Sehr geehrter Herr de Maizière, …
Wer folgt Herrn de Maizère im Amt als Innenminister?
Der neue Verteidigungsminister heißt de Maizière.

De Maizière heißt der neue Verteidigungsminister.
Politik nach De-Maizère-Art

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp