Islamphobie oder Islamophobie?

Das lange Wochenende anlässlich des christlichen Pfingstfestes steht vor der Tür. Hier eine etwas ältere Frage, die in gewisser Weise etwas mit Religion zu tun hat:

Frage

Das Wort „Islamphobie“ sehe ich […] als zulässige Wortneubildung an. Wie steht es aber nun mit „Islamophobie“, das man ja auch bisweilen hört bzw. das Wikipedia als eine Schreibweise des Begriffs darstellt?

Antwort

Sehr geehrter Herr K,

sowohl Islamphobie als auch Islamophobie sind korrekte Wortbildungen.

Das erste Wort wurde nach einem im Deutschen sehr aktiven, heimischen Wortbildungsprinzip gebildet. Es ist eine Zusammensetzung von zwei Substantiven. Wie zum Beispiel

Kaffe + Tasse = Kaffeetasse
Blog + Eintrag = Blogeintrag
Finanzmarkt + Transaktionssteuer = Finanzmarkttransaktionssteuer

wurden die beiden Wörter Islam und Phobie zum Wort Islamphobie zusammengesetzt. Das hört man auch an der Betonung:  Sie liegt auf dem ersten Wort, wie sich das für eine heimische deutsche Zusammensetzung „gehört“:

Islam + Phobie = Islamphobie

Das zweite Wort ist eine Wortbildung nach (neo)klassischem Muster. Beispiele sind Anglophobie (Abneigung gegen Englisches), Arachnophobie (Angst/Abscheu vor Spinnen) oder Xenophobie (Fremdenhass). Solche Zusammensetzungen gibt es auch mit einem im Deutschen allgemein üblichen Wort an erster Stelle: Insektizid, Kristallographie, Ozeanographie, Filmothek, Filzokratie, Japanologie, Vulkanologie u. a. m. Bei solchen Bildungen liegt die Hauptbetonung nicht auf dem ersten Wort, sondern auf der Endung –ie:

Islam + o + phob[+]ie = Islamophobie

Beide Wörter sind also nach im Deutschen vorkommenden Wortbildungsprinzipien gebildet worden. Islamphobie ist eher „allgemeinsprachlich“, Islamophobie eher „gelehrt“. Zum zweiten Wort gehört übrigens auch das Adjektiv islamophob.

Zum Schluss erlaube ich mir noch eine „extralinguistische“ Bemerkung: Es ist vielleicht interessant, aber nicht wirklich wichtig, nach welchem Wortbildungsprinzip das Wort Islam[o]phobie zustande gekommen ist. Wichtig ist – wie bei allen Phobien –, dass man sich vor dem hütet, was es bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Feierbiest und die Gladiolen

Ich muss noch einmal auf den neuen holländischen Liebling der Nation (genauer: der deutschen Nation) zurückkommen. Vor kurzem habe ich dank Herrn van Gaal die Tradition der Bierdusche für den Meisterschaftssieger und das Wort Tulpengeneral kennen gelernt. Seit kurzem kennt die deutsche Sprache dank Herrn van Gaal zwei neue Ausdrücke (mindestens!):

der Tod oder die Gladiolen
Feierbiest

Die erste Wendung lautet auf Niederländisch de dood of de gladiolen und bedeutet ungefähr alles oder nichts. Sie wird dem Radrennfahrer Gerrie Knetemann (1951-2004) zugeschrieben, der sie als Erster verwendet haben soll. Auch ein anderer Spruch, der die Radler, die an einer langen Etappe der Tour de France teilnehmen, treffend charakterisiert, soll von diesem Amsterdamer stammen: Verstand auf null, Blick auf unendlich. Ich wollte Ihnen diese zweite Redewendung hier nicht vorenthalten, weil eine solche Haltung im Fußballsport so wenig empfehlenswert ist, dass wir wahrscheinlich lange warten müssen, bis Herr van Gaal den Ausdruck für uns importiert.

Aber weshalb Tod oder Gladiolen? Hier die Erklärung, die ich finden konnte: Bei Radrennen erhielt der Sieger oft Gladiolen. Auch beim viertägigen Nijmegenmarsch erhalten die Teilnehmer am Ziel von den Zuschauern Gladiolen. Gerrie Knetemann meinte also, dass man sich so sehr anstrengen soll, dass man entweder tot hinfällt oder die Ziellinie (als Sieger) erreicht.

Die Gladiole verdankt ihren Namen ihrer Form. Das lateinische Wort gladiolus bedeutet kleines Schwert. Mit einem solchen Schwert wurden die Blätter der Gladiole verglichen. So weit, so gut. Nun beginnt der historisch eher wacklige Teil der Erklärung: Auch das Wort Gladiator ist vom lateinischen Wort gladius = Schwert abgeleitet. In einem Gladiatorenkampf gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man verlor und fand den Tod oder man siegte und wurde mit Gladiolen überschüttet.

Irgendwie habe ich diesen Gladiolenregen in Filmen wie „Ben Hur“, „Spartacus“ und „Gladiator“ verpasst. Auch sonst konnte ich nirgendwo eine Bestätigung dieser römischen Variante der Bierdusche finden. Es bleibt aber eine schöne Erklärung, auch wenn sie nicht wahr sein sollte.

Wie dem auch sei, Herr van Gaal durfte die neu-sprichwörtlichen Gladiolen als Feierbiest so richtig schön feiern. Mit dem Wort feestbeest scheint man im Niederländischen jemanden zu bezeichnen, der weiß, wie man Feste feiert.

Gerrie Knetemann mit Gladiolen 1978
Weltmeister Gerrie Knetemann mit Gladiolen, 1978

Das kleine Alpha und das kleine a

Frage

Ich verstehe, dass man Einzelbuchstaben so schreiben soll, wie sie in der Schrift vorkommen, weil Einzelbuchstaben als Zitate dienen. So schreibt man „kleines t“ und „großes T“.

Nichtsdestotrotz stellt sich mir die Frage, ob dies auch bei griechischen Buchstaben gilt. […] Kann man „kleines alpha“ und „großes Alpha“ schreiben oder sind die Buchstaben als substantiviert anzusehen ohne Rücksicht darauf, ob der Buchstabe im Schriftbild groß- oder kleingeschrieben wird?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

man schreibt

ein kleines a und ein großes A

aber:

ein kleines Alpha und ein großes Alpha

Man schreibt bei Alpha nicht den Buchstaben, sondern seinen Namen. Der Name ist ein Substantiv und wird entsprechend großgeschrieben. Wenn man den Buchstaben schreiben will, muss man, wo nötig, auf die griechischen Zeichen zurückgreifen:

ein kleines α  und ein großes Α (Alpha)
ein kleines δ  und ein großes Δ (Delta)

Vergleichen Sie die Schreibweise von Alpha auch mit der Schreibung von Ypsilon:

Yak schreibt man mit Y.
Ägypten schreibt man mit y.

Yak schreibt man mit [einem großen] Ypsilon.
Ägypten schreibt man mit [einem kleinen] Ypsilon.

Siehe auch die Angaben zu Alpha, A, Ypsilon und Y in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein changeant Stoff

Frage

Das Adjektiv „changeant“ ist unflektierbar. Laut DWDS kann man trotzdem sagen: „ein changeant Farbton“ bzw. „changeant Stoffe“. Das klingt in meinen Ohren sehr komisch.

Antwort

Guten Tag M.,

wenn changeant nicht unveränderlich wäre, hieße es:

ein *changeanter Farbton
*changeante Stoffe.

Das Adjektiv ist aber unveränderlich. Man sagt also nicht trotzdem, sondern deshalb:

ein changeant Farbton
changeant Stoffe

Nicht deklinierbar heißt nur, dass ein Adjektiv in allen Stellungen unveränderlich ist. Es heißt nicht, dass es nicht vor einem Substantiv verwendet werden darf.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass diese Formulierungen in ihren Ohren komisch klingen. Sie sind nicht der einzige, dem es so geht. Unveränderliche Adjektive (oft eher „exotische“ Farbbezeichnungen wie rosa, lila, pink, oliv, mauve, bordeaux usw.) scheinen irgendwie nur schlecht ins Flexionssystem des Deutschen zu passen. Deshalb hört und liest man sehr oft anstelle von

ein rosa Kleid
das pink T-Shirt
ein orange Stoff

standardsprachlich:

ein rosafarbenes Kleid
das pinkfarbene T-Shirt
ein orangefarbener Stoff

oder umgangssprachlich:

ein rosanes Kleid
ein pinkiges T-Shirt
ein oranger Stoff

Bei Unsicherheit oder Missfallen über solche unveränderliche Adjektive empfiehlt es sich, auf die Variante mit –farben auszuweichen.

Für changeant gibt es diese Ausweichmöglichkeit allerdings nicht. Man kann hier zum Beispiel die Übersetzung ein mehrfarbig schillernder Stoff verwenden. In einem Zusammenhang, in dem dieses Adjektiv vorkommt, kann es aber auch ganz chic sein, ein changeant Stoff zu sagen und so zu schauen, als ob man tagtäglich solche unveränderlichen Adjektiven verwenden würde. Damit der Effekt nicht verloren geht, ist dabei übrigens zu beachten, dass die Aussprache schangschang und nicht etwa tscheinschent ähnelt. Das Wort wurde nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Französischen übernommen und bedeutet wörtlich schlicht und einfach wechselnd.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wohin kommt bei von und zu das s?

Frage

Ich habe eine Frage zum Genitiv bei „von“-Namen. Heißt es „Reinhard von Neunecks Leben“ oder „Reinhards von Neuneck Leben“?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

bei Namen, die aus Vor- und Familiennamen zusammengesetzt sind, wird nur der letzte Name gebeugt. Das gilt auch dann, wenn der Name von einem Titel o. Ä. begleitet wird oder einen Namenszusatz wie von, van, de, de la, da usw. enthält. Ein paar mehr oder weniger willkürlich gewählte Beispiele:

Reinhard von Neunecks Lebenslauf
Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie
Annette von Droste-Hülshoffs „Der Knabe im Moor“
Dr. Bopps Blog
Professor Minerva McGonagalls Verwandlungsunterricht
Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis’ Geburtstag
Dr. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenbergs Selbstbewusstsein

Mehr Angaben zu diesem Thema finden Sie auf dieser Seite in CanooNet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Bierdusche für den Tulpengeneral“

Die Tradition der Bierdusche war mir nicht bekannt, bis der niederländische Fußballtrainer Louis van Gaal sich eine solche teutonische Behandlung im Falle eines offenbar unvermeidlichen Erfolges des von ihm trainierten FC Bayern München ausdrücklich verbat. Diese Weigerung war allem Anschein nach so erstaunlich und außergewöhnlich, dass die in Presse, Funk und Fernsehen für den Sport Verantwortlichen sie für vermeldenswert hielten. Als die Bayern den Meistertitel dann auch wirklich gewannen und Herr van Gaal, inzwischen „zufälligerweise“ im Trainingsanzug statt wie sonst im eleganten Anzug, der Bierdusche trotz wilder Flucht über den Platz nicht entkommen konnte, wurde sogar außerhalb der Sportrubriken ziemlich ausgiebig darüber berichtet. So habe auch ich – nicht ohne ein gewisses Erstaunen – von dieser Tradition Kenntnis erhalten.

Falls es irgendwo Leser und Leserinnen gibt, die noch blinder und noch tauber für Sportnachrichten sind als ich, hier noch eine kurze Erklärung zum Begriff Bierdusche: Es scheint vor allem in deutschen Fußballkreisen Tradition zu sein, den Sieger einer Meisterschaft mit Bier zu übergießen. Das nennt man dann aus nicht allzu schwer verständlichen Gründen eine Bierdusche. Wenn man diese Tradition nicht kennt und Bier im Allgemeinen lieber in Flasche und Glas als auf Kopf und Kleidung hat, kann man die anfänglich so spielverderberische Haltung des niederländischen Fußballcoachs eigentlich ganz gut verstehen. Doch darum geht es hier nicht.

Van Gaal, der nicht gerade das allerbeste Deutsch spricht, das man je aus niederländischem Munde vernommen hat (nichts für ungut!), kannte diese Bierdusche. Bopp, der sich anmaßt, Ihre Fragen zur deutschen Sprache zu beantworten, kannte sie nicht. Das zeigt, dass man Begriffe nicht immer deshalb kennt, weil man eine Sprache eingermaßen gut beherrscht, sondern oft vielmehr deshalb, weil man einen bestimmten Lebensbereich gut kennt. So hat der „Sprachdoktor“ dank eines holländischen Fußballtrainers einen deutschen Begriff gelernt – oder eigentlich zwei: Das Prädikat Tulpengeneral, das Herr van Gaal seiner Herkunft und seinem offenbar eher autoritären Führungsstil zu verdanken hat, kannte ich nämlich auch nicht. Den Titel Bierdusche für den Tulpengeneral hätte ich ohne Hintergrundinformationen bis vor kurzem also gar nicht verstanden. Er ist auch nicht von mir. Dieses Meisterwerk der Schlagzeilenpoesie haben wir  Stern.de zu verdanken.

Gibt es die Verschlagwortung?

Frage

In einem Blog habe ich einen Beitrag gelesen, der für mich die folgende Frage aufwirft: Gibt es das dort verwendete  Wort „Verschlagwortung“ und, wenn ja, was bedeutet dieser Begriff? Er steht in keinem Wörterbuch.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

das Wort Verschlagwortung gibt es. Es bedeutet Zuordnung zu einem Schlagwort, Indexierung.

Die Tatsache, dass ein Wort nicht in einem Wörterbuch steht, bedeutet nicht, dass es ein Wort nicht gibt. Diese „Regel“ gilt nur beim Scrabblespielen. Im Deutschen werden nämlich ständig neue Wörter gebildet. Nicht all diese (möglichen) Wörter können in einem Wörterbuch stehen.

Neue Wörter werden nicht nur aus anderen Sprachen übernommen, sondern sehr oft nach bestimmten Prinzipien aus bestehenden Wörtern gebildet. Das Wort Verschlagwortung ist das Substantiv zu verschlagworten. Dieses Verb ist in gleicher Weise von Schlagwort abgeleitet wie z.B.

verabschieden von Abschied
vergletschern von Gletscher
verkabeln von Kabel
verunglücken von Unglück
verursachen von Ursache
verwursten von Wurst

Ebenso fachsprachliche Ausdrücke wie:

vergesellschaften von Gesellschaft
vermessingen von Messing
verstoffwechseln von Stoffwechsel

Das Wortbildungsprinzip wird hier genauer beschrieben.

Das Verb verschlagworten ist also eine mögliche und korrekte Wortbildung. Die zweite Frage ist nun, ob ein solches Wort auch mehr als nur ein- oder zweimal verwendet wird. Das Wort verschlagworten scheint in gewissen Fachbereichen recht üblich zu sein; so üblich, dass man es sogar schon in den neuesten Auflagen von Rechtschreibwörterbüchern findet**.

Man kann der Verschlagwortung also die Daseinsberechtigung aus zwei Gründen nicht absprechen: Das Wort wurde korrekt gebildet und es wird verwendet. Ob man dieses Fachwort besonders schön findet, ist dann eine ganz andere Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Verschlagwortung/verschlagworten in Rechtschreibwörterbüchern:

Verschlagwortung
PONS

verschlagworten (einem Schlagwort zuordnen)
Duden, Deutsche Rechtschreibung, 25. Auflage, 2009 (in der 24. Auflage stand das Verb noch nicht).

Von Marias Blumenladen zur Gesundheit von Amy Winehouse

Weil immer wieder danach gefragt und viel darüber geklagt wird: der Apostroph bei Eigennamen

Frage

Immer wieder werden Eigennamen mit Apostroph geschrieben, ist das korrekt? Ich gehe eigentlich davon aus, dass es sich um einen ganz normalen Genitiv handelt und der Apostroph falsch ist. Beispiele: Maria’s Blumenladen, Rainer’s Eck.

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip steht auch bei Eigennamen kein Apostroph vor dem Genitiv-s. Nach der neuen Rechtschreibregelung kann man aber in gewissen Fällen einen Apostroph verwenden, um die Grundform des Namens zu verdeutlichen.  Zum Beispiel:

Carlo’s Blumenladen
Andrea’s Eck

Der Apostroph soll hier die Verwechslung mit den Vornamen Carlos und Andreas verhindern. Auf Firmenschildern und Briefpapier kann dies sogar sinnvoll sein. Da es aber meistens zu keinen Verwechslungen und Undeutlichkeiten kommen kann, ist der Apostroph in Fällen wie diesen unnötig:

Marias Blumenladen
Rainers Eck
Hendriks Blog
Evelines Witz des Tages

Selbst englische und amerikanische Namen kommen im Deutschen bestens ohne einen Apostroph vor dem Genitiv-s aus:

George W. Bushs Päsidentschaft
Hillary Clintons Asienreise
Clooneys Kaffeereklame
Lady Gagas offizielle Website

Nur manchmal muss man einen Apostroph verwenden, dann nämlich, wenn der Name auf ein (gesprochenes) s endet:

Friedrich Engels’ Werke
Marguerite Duras’ Romane
Robbie Williams’ Privatleben
Amy Winehouse’ Gesundheit

Hier weicht man aber oft auf eine andere Formulierung aus (z. B. die Gesundheit von Amy Winehouse).

Mehr zum Apostroph bei Eigennamen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fahrausweis und Führerschein

Der Nachbarsjunge ist dieses Jahr achtzehn geworden und darf seit kurzem Auto fahren. Er hat die Fahrprüfung bestanden. Ganz stolz verkündete er dies in der ganzen ihm bekannten Nachbarschaft. Bei Kindern (oder in diesem Fall jungen Erwachsenen), die ihr ganzes Leben an einem Ort gewohnt haben und die keine trägen „Bildschirmkinder“ sind, bedeutet „in der ganzen ihnen bekannte Nachbarschaft“: bei allen Menschen, die innerhalb und nicht allzu weit außerhalb des (einst) erlaubten Spielradius rundum das elterliche Haus wohnen. Da wir gleich neben dem elterlichen Haus und somit innerhalb dieses Radius wohnen, durfte auch ich ihm herzlich zum  – ja, wozu eigentlich gratulieren?

Das erste Wort, das mir hier in den Sinn kommt, ist Fahrausweis. So nenne ich spontan die amtliche Bescheinigung im Kreditkartenformat, die einen berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen. Aber irgendwie beschleicht mich sofort das Gefühl, dass es sich hier wieder einmal um einen Helvetismus, das heißt ein nur in der Schweiz übliches Wort handeln könnte. Regelmäßigere Besucher und Besucherinnen dieses Blogs wissen nämlich, dass man mich des öfteren bei der Verwendung eines solchen Helvetismus „ertappen“ kann. Ein kurzer Blick ins Wörterbuch zeigt, dass mein Gefühl mich nicht trügt. In gutem Standarddeutsch heißt das bei vielen Achtzehnjährigen so begehrte Dokument Führerschein (Dld. und Österr.) oder Lenkerberechtigung (Österr.). In der Schweiz lautet die offizielle Bezeichnung Führerausweis neben umgangssprachlich Fahrausweis. Ein Fahrausweis ist eigentlich etwas anderes, nämlich eine Fahrkarte im öffentlichen Verkehr.

Das Wort Fahrausweis ist in diesem Zusammenhang also nicht nur ein Helvetismus, sondern auch noch umgangssprachlich! Als Ausrede könnte ich anführen, dass man das Wort fast nie verwendet, sondern immer nur wortlos(!) kontrolliert, ob man das Ding dabei hat, bevor man sich ans Steuer setzt. Doch ich brauche eigentlich keine Ausrede. Es macht mir nämlich nicht so viel aus, hin und wieder einen Regionalismus oder eine eher umgangssprachliche Formulierung zu verwenden. Das absolut neutrale Standardhochdeutsch gibt es nicht – oder es hört sich ziemlich steril an. Außerdem liefert mir ein Wort wie Fahrausweis Stoff für einen Blogeintrag!

Ein Fahrausweis ist auch in der Schweiz eine Fahrkarte, die zur Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels berechtigt. Man trifft dieses Wort aber nur in offiziellen Reglementen im Bereich des öffentlichen Verkehrs an. Im normalen Leben nennt man eine Fahrkarte „natürlich“ Billet. Um die Sache weiter zu komplizieren und das Billet über den Fahrausweis mit dem Führerschein zu verbinden, folgt hier noch ein weiterer Helvetismus: Wenn jemandem der Führerschein entzogen wird, kann man in bester Schweizer Umgangssprache sagen, dass dieser Person das Billet weggenommen wird.

Dem jungen Nachbarn wünsche ich, dass er so vorsichtig und vernünftig fährt, dass man ihm nie den Führerschein entziehen müssen wird. Er ist schon ein paar Kilometer in unserem Auto gefahren. Dabei habe ich gesehen, dass er zwar noch etwas unsicher, aber konzentriert, kontrolliert, ruhig und vorausschauend fährt. Wenn er so weitermacht, wird man ihm nie das Billet wegnehmen müssen.

Richtig ist, was üblich ist: -ation und -ierung

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner in Sachen Wortbildung: …ation und …ierung.

Frage

Ich habe eine Frage zur Nomenbildung und zwar zu den Endungen …ation und …ierung. Es gibt viele Verben, die mit beiden Endungen ein Nomen bilden (Information/Informierung, Kompensation/Kompensierung etc.). Die Frage ist nun, welche Form ist „richtiger“? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

wenn man von einem auf …ieren endenden Verb ein Nomen ableitet, gibt es keine festen Regeln. „Richtig“ ist, was gebräuchlich ist. Manchmal haben die Ableitungen auf …ierung und …ation die gleiche Bedeutung (z. B. Stabilisierung = Stabilisation), in anderen Fällen gibt es einen Bedeutungsunterschied. Als allgemeine, grobe Tendenz kann man sagen, dass die Ableitungen auf …ierung stärker den Verbvorgang betonen:

Informierung = das Informieren
Information = die Auskunft, Nachricht; das Informieren

Kompensierung = das Kompensieren
Kompensation = das Kompensieren; Entschädigung, die man erhält

Kanalisierung = das Kanalisieren
Kanalisation = unterirdisches Röhrensystem; das Kanalisieren

Delegierung = das Delegieren
Delegation = die abgeordneten Personen; das Delegieren

Dies ist aber – wie gesagt – keine feste Regel, sondern eine grobe Tendenz. So bezeichnet  z.B. Legierung nicht nur das Legieren, sondern auch das Resultat des Prozesses.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp