Mit oder ohne Komma: „Ohne Daten[,] keine KI“

Frage

Ich habe hier eine kleine Frage zur Kommasetzung und hoffe, dass Sie mir dabei helfen können.

So ist der aktuelle Stand: Ohne Daten[,] keine Bestätigung. Ohne Bestätigung[,] keine Anhörung.

Gefühlt würde ich denken, dass kein Komma stehen sollte.

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihr Gefühl täuscht Sie nicht. Man setzt die Kommas bei verkürzten Sätzen im Prinzip gleich, wie wenn sie vollständig sind. Hier handelt es sich um Sätze, bei denen in der ausformulierten Form keine Kommas stehen. Sie kommen deshalb auch in der verkürzten Form ohne Kommas aus:

Ohne Daten gibt es keine Bestätigung. Ohne Bestätigung gibt es keine Anhörung.

Ohne Daten keine Bestätigung. Ohne Bestätigung keine Anhörung.

Hier noch ein paar Beispiele:

Ohne Zustimmung keine Werbung
Ohne Vorauszahlung kein Versand
Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit
Ohne Daten keine KI

So unkompliziert kann es manchmal sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Modalverben: Wollen, möchten oder sollen wir uns treffen?

Frage

Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“

Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?

ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.

Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.

Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.

Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.

Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?

Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:

Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?

Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.

Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?

Diese Funktion kann hier auch wollen haben:

Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.

Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.

Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:

Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)

Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:

Soll ich dich morgen bei dir treffen?

Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.

Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?

So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißt es „der Grund, warum“ oder „der Grund, aus dem“?

Frage

Kann man sagen: „Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin“, oder geht nur: „Das ist der Grund, warum ich gekommen bin“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

rein grammatisch gesehen geht beides. Man kann nach Grund einen indirekten Fragesatz anschließen. Dann steht warum. Man kann aber auch einen Relativsatz verwenden. Dann steht aus dem.

Was ist besser? – Üblich ist vor allem der Grund, warum. Die Formulierung der Grund, aus dem kommt seltener vor, sie ist aber nicht falsch. Am besten wählen Sie also:

Das ist der Grund, warum ich gekommen bin.

Weniger üblich, aber nicht falsch:

Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin.

Beim Plural Gründe kommt der Relativsatz übrigens häufiger vor als im Singular. Dann sind beide Formulierungen üblich:

Das sind die Gründe, warum ich gekommen bin.
Das sind die Gründe, aus denen ich gekommen bin.

Dann sei hier noch eine weitere Formulierung erwähnt:

Das ist der Grund dafür, dass ich gekommen bin.
Das sind die Gründe dafür, dass ich gekommen bin.

So gibt es auch hier mehr als eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es zu Sarahs Linker oder zu Sarahs Linken?

Frage

Ich bin über die Frage eines Kollegen gestolpert, bei deren Antwort ich mir recht unsicher bin. Es geht um Folgendes:

Der Korridor führte auf die Terrasse. Zu Sarahs Linker ging es durch eine weitere Tür in den Essbereich.

Müsste es nicht heißen: „Zu Sarahs Linken ging es …“? Ich denke mir das so: „zur Linken von Sarah“, „zu Sarahs Linken“. Es heißt ja auch: „zu ihrer Linken“. Oder denke ich da völlig falsch? Ist vielleicht sogar beides richtig?

Antwort

Guten Tag R.,

das Wort Linke ist eine Substantivierung des Adjektivs linke. Es wird im Prinzip gleich gebeugt, wie wenn es als Adjektiv vor einem Substantiv steht:

zu ihrer linken Seite → zu ihrer Linken
zur linken Seite der Gastgeberin → zur Linken der Gastgeberin

Aber stark gebeugt, wenn ohne Artikel nach einem Genitiv:

zu Sarahs linker Seite → zu Sarahs Linker

Warum steht hier die Endung er? – Ohne Artikelwort wird ein Adjektiv, also auch linke, stark gebeugt:

zu Sarahs großer Freude
mit Sarahs kleiner Schwester
mit Frau Müllers ältester Tochter → mit Frau Müllers Ältester
zu Svens rechter Seite → zu Svens Rechter

Man hört und liest gelegentlich auch Formulierungen wie zu Sarahs Linken und zu Svens Rechten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Wendung nur selten mit einem vorangestellten Genitiv erscheint und sonst meist mit der Endung en steht. Grammatisch korrekt ist hier aber die starke Endung er, also zu Sarahs Linker und zu Svens Rechter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugtes „wert“: ein 20 000 Euro wertes Gebäude?

Frage

Kann man das Adjektiv „wert“ attributiv gebrauchen und zum Beispiel von einem „20 000 Euro werten Grundstück“ sprechen? Belege finde ich.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

in der Standardsprache kommt wert mit der Bedeutung einen bestimmten Wert haben nur in der Wendung etwas wert sein vor:

Das Grundstück ist 20 000 Euro wert.
Dein Urteil ist mir viel wert.

Dieses wert kann standardsprachlich nicht attributiv verwendet werden, das heißt, es kann nicht gebeugt vor einem Substantiv stehen:

nicht: ein 20 000 Euro wertes Grundstück
nicht: dein mir viel wertes Urteil

Formulierungen dieser Art kommen vor, sie gelten aber als umgangssprachlich oder, wenn man ganz streng ist, als falsch. Man sollte zum Beispiel so formulieren:

ein Grundstück mit einem Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück im Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück, das 20 000 Euro wert ist

Siehe auch zum Beispiel die Angaben im DWDS.

Gebeugtes wert gibt (oder gab) es allerdings auch, und zwar mit der Bedeutung hochgeschätzt, verehrt. Zum Beispiel:

Sie begrüßten die werten Gäste.
Sie erkundigte sich höflich nach seinem werten Befinden.
Werte Frau Konsulin (Anrede)

Heutzutage ist diese Verwendung von wert aber eher veraltet.

Es gilt also, werter Herr T., dass es standardsprachlich keine etwas werten Dinge gibt, sondern nur Dinge, die etwas wert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

U. a. am Satzanfang

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob dieser Satz grammatisch ist?

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Frage: Kann man „U. a.“ so verwenden, damit der Satz grammatisch ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

der Satz ist so im Prinzip korrekt:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Die Wendung unter anderem ist hier eine adverbiale Bestimmung und kann als solche im Satz an erster Stelle vor dem Verb stehen. So zum Beispiel auch:

Beispielsweise wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Nicht immer sind aber Wendungen wie unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls eigenständige Satzglieder. Wenn nach ihnen das folgt, was unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls gemeint ist, bestimmen sie als adverbiale Wendung ein Satzglied näher. Dann können sie zusammen mit diesem am Satzanfang stehen. Genau betrachtet ist der folgende Satz deshalb nicht eindeutig:

Am Zoll wird unter anderem Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Er kann bedeuten, dass

  1. am Zoll eine Prüfung des Reisedokuments auf Gültigkeit und Echtheit sowie andere Vorgänge stattfinden;
  2. am Zoll das Reisedokument sowie andere Dokumente/Dinge auf Gültigkeit und Echtheit geprüft werden.

Den Unterschied sieht man bei Verschiebung an den Satzanfang gut:

a) Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
b) Unter anderem Ihr Reisedokument wird am Zoll auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Wahrscheinlich ist die Variante a) gemeint und Ihr Satz entsprechend korrekt. Ohne Kontext ist die Variante b) aber nicht auszuschließen.

Dann noch Folgendes: Es gilt als stilistisch weniger gut, einen Satz mit einer Abkürzung mit Punkt zu beginnen. Deshalb standardsprachlich eher nicht:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Z. B. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Ggf. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Sondern besser zum Beispiel:

Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Zum Beispiel wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Mit freundlichen Grüßen (= besser als M. f. G.)

Dr. Bopp

Wird oder werden in Kanada Französisch und Englisch gesprochen?

Frage

In einem Textbuch ist der Satz „In Kanada wird Englisch und Französisch gesprochen“ als richtige Lösung angegeben für „In Kanada ___ Englisch und Französisch gesprochen“. Warum nicht „werden gesprochen“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

hier ist der Singular üblich, weil in Französisch sprechen und Englisch sprechen das Substantiv eng mit dem Verb verbunden ist:

In Kanada wird Französisch und Englisch gesprochen.
In der Schweiz wird Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen.

Ebenso zum Beispiel:

Am 5. November wird im Foyer Klavier und Geige gespielt.
ein Ort, an dem Fußball und Volleyball gespielt wird
Im Winter wird dort Ski und Schlittschuh gelaufen.
Bei einem besseren ÖVPN-Angebot wird weniger Auto und Fahrrad gefahren.

Es ist unüblich, hier das Verb im Plural zu verwenden.

Das Verb steht aber in Formulierungen wie den folgenden im Plural:

In Kanada werden zwei Sprachen gesprochen, Französisch und Englisch.
In Kanada werden die Sprachen Französisch und Englisch gesprochen.
In Kanada werden die französische Sprache und die englische Sprache gesprochen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn „Bibliotheken als Dritter Ort“ im Genitiv (oder Dativ) steht

Frage

Gerne würde ich Sie zur korrekten Beugung von „dritter“ bei diesen zwei stichwortartigen Einträgen befragen:

Bibliothek als „Dritten Ort“ entwickeln (Akkusativ)
Entwicklung von Bibliotheken als „Dritten Ort“ (auch Akkusativ?)

Vielen Dank für Ihre Hilfe.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

wenn eine als-Gruppe sich auf ein Genitivattribut oder ein von-Attribut bezieht kann sie a) eng mit dem Attribut verbunden sein (→ gleicher Kasus). Sie kann sich aber auch b) auf das übergeordnete Substantiv beziehen (→ Nominativ):

a) die Entwicklung der Bibliotheken als „Dritten Ortes“
b) die Entwicklung der Bibliotheken als „Dritter Ort“

a) die Entwicklung von Bibliotheken als „Drittem Ort“
b) die Entwicklung von Bibliotheken als „Dritter Ort“

Mit einem Artikelwort funktioniert das ebenso, gemäß Duden ist die Übereinstimmung im Fall dann aber etwas üblicher als der Nominativ:

a) die Entwicklung der Bibliotheken als eines „Dritten Ortes“
b) die Entwicklung der Bibliotheken als ein „Dritter Ort“

a) die Entwicklung von Bibliotheken als einem „Dritten Ort“
b) die Entwicklung von Bibliotheken als ein „Dritter Ort“

Es kann jeweils einen leichten Bedeutungsunterschied geben, der aber in den meisten Kontexten unwichtig ist. Mir gefällt hier der Nominativ besser, die Fallangleichung (Genitiv bzw. Dativ) ist aber auch möglich und korrekt.

Dann noch eine allgemeine Bemerkung. Der Fall in als-Gruppen führt oft zu Zweifeln. Man begegnet deshalb häufiger auch anderen „Lösungen“, die aber standardsprachlich nicht als korrekt gelten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man „Neunzehnhundertsechziger- und Neunzehnhundertsiebzigerjahre“ abkürzen kann

Wer diesen Blog häufiger liest, hat wahrscheinlich schon festgestellt, dass es oft mehr als nur eine korrekte Schreib- oder Formulierungsweise gibt. Diesmal ist es aber fast ein bisschen übertrieben.

Frage

Ich habe einen Text, bei dem die Schreibung der Jahreszahlen unterschiedlich ist: zum Beispiel „in den 1960er-/70er-Jahren“ und „in den 1960er-/1970er-Jahren“. Diese Begriffe kommen im gesamten Text sehr oft vor. Welche Schreibweise ist regelkonform oder gehen evtl. beide? Wenn ja, welche Version würden Sie empfehlen?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

eine „offizielle“ Regel hierzu gibt es nicht. Ähnlich wie es in der gesprochenen Sprache verschiedene Möglichkeiten gibt, so gibt es auch verschiedene geschriebene Varianten, die als korrekt gelten können. Je nachdem, wie stark man abkürzen muss oder will, sind dies mehr oder weniger empfehlenswerte Schreibweisen:

in den Neunzehnhundertsechziger- und Neunzehnhundertsiebzigerjahren
in den 1960er- und 1970er-Jahren
in den 1960er-/1970er-Jahren
in den 1960er/1970er-Jahren
in den 1960er-/70er-Jahren
in den 1960er/70er-Jahren
in den 1960/70er-Jahren

Auch ohne Bindestrich:

in den neunzehnhundertsechziger und neunzehnhundertsiebziger Jahren
in den 1960er und 1970er Jahren
in den 1960er/1970er Jahren
in den 1960er/70er Jahren
in den 1960/70er Jahren

Die Schreibung ganz ohne Ziffern bleibt literarischen Texten vorbehalten und ist auch dort kein Wunder der Lesbarkeit. Ich würde hier die zweitlängste Variante wählen, wenn der Platz es zulässt:

in den 1960er- und 1970er-Jahren

Wenn abgekürzt werden soll, dann würde ich es nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ tun:

in den 1960/70er-Jahren

Alle anderen Varianten sind aber auch mehr oder weniger gut vertretbar. Von den beiden Schreibweisen in Ihrer Frage gefällt mir in den 1960er-/1970er-Jahren besser.

Es gibt also weit mehr als nur eine akzeptable Möglichkeit. Es ist allerdings zu empfehlen, innerhalb eines Textes möglichst konsequent die gleiche Schreibweise zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Geflüchtete“ falsch?

Ein Wort, das immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt. Hier geht es nur um die Grammatik.

Frage

Mir erscheint der Ausdruck „Geflüchtete“ grammatisch falsch. Vielleicht weil man „geflüchtet“ nicht im Passiv verwenden kann.

Antwort

Guten Tag Frau V.,

das Substantiv Geflüchtete ist nicht falsch. Das ist schon deshalb der Fall, weil das Wort allgemein üblich ist, auch standardsprachlich verwendet wird und in den Wörterbüchern zu finden ist. Was üblich und gebräuchlich ist, ist richtig.

Aber auch „streng“ grammatisch gibt es nichts einzuwenden. Es geht hier um ein Partizip Perfekt (Partizip II), das wie ein Adjektiv verwendet und dann substantiviert wird. Dabei gilt als allgemeine Regel unter anderem Folgendes:

a) Die Perfektpartizipien transitiver Verben (Verben, die im Passiv stehen können) können auch als Adjektive verwendet werden.

der geschlagene Hund
das gesprochene Wort
die angestellte Frau

Dabei hat das Partizip die Bedeutung des Passivs:

Man hat den Hund geschlagen → der geschlagene Hund
Man hat das Wort gesprochen → das gesprochene Wort
Man hat die Frau angestellt → die angestellte Frau

b) Die Perfektpartizipien intransitiver Verben, die mit sein konjugiert werden, können auch als Adjektive verwendet werden, wenn sie eine abgeschlossene Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen (perfektive intransitive Verben):

die verblühte Blume
der angekommene Zug
das gesunkene Schiff

Hier hat das Partizip die Bedeutung des Aktivs:

Die Blume ist verblüht → die verblühte Blume
Der Zug ist angekommen → der angekommene Zug
Das Schiff ist gesunken → das gesunkene Schiff

Das Verb flüchten gehört zur zweiten Gruppe, wenn die Flucht abgeschlossen ist:

die Menschen sind geflüchtet → die geflüchteten Menschen

Adjektive und adjektivisch verwendetet Partizipien können im Prinzip immer auch als Substantiv verwendet werden. So auch:

das Gesprochene
die Angestellte
der Angekommene
die Geflüchteten

c) Andere intransitive Verben werden in der Regel nicht als Adjektive verwendet:

Der Chor hat gesungen
nicht: *der gesungene Chor / *der Gesungene
Der Regen hat aufgehört
nicht: *der aufgehörte Regen / *der Aufgehörte
Die Kinder sind herumgeirrt
nicht: *die herumgeirrten Kinder / *die Herumgeirrten
Die Frau ist zu Fuß gegangen
nicht: *die zu Fuß gegangene Frau / *die zu Fuß Gegangene

Wenn aber durch eine Richtungs- oder Zielangabe eine abgeschlossene Handlung entsteht:

Die Gäste sind nach Hause gegangen
→ die nach Hause gegangenen Gäste / die nach Hause Gegangenen

Ganz so kompliziert, wie es den Anschein hat, ist es nicht. Außerdem macht man es meist ganz spontan richtig, ohne dass man diese Regeln bewusst kennen und anwenden muss. Der Zweifel entsteht oft erst dann, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp