Behängt und behangen, verhängt und verhangen

Frage

Die Erklärung in meinem Grammatikbuch zu „hängen“ ist meiner Meinung nach nicht  vollständig: Es müsse „hing, gehangen“ heißen, wenn KEINE Ergänzung im Akkusativ vorliege. Liege eine Ergänzung im Akkusativ vor, so müsse es „hängte, gehängt“ heißen.

Das Problem ist, dass es Satzkonstruktionen gibt, bei denen weder ein Dativ- noch ein Akkusativobjekt in Erscheinung tritt, so dass man dann anhand dieser Regelung keine Entscheidung treffen kann:

Der Himmel war wolkenverhangen.
Er hat eingehängt (Telefon).
Der Baum war mit Kugeln behängt.
…, so muss ein -n angehängt werden.

Wie kann man hier die Verwendung der jeweiligen Form begründen bzw. erklären? […]

Antwort

Guten Tag Herr G.,

die Erklärung aus dem Grammatikbuch ist so, wie Sie sie zitieren, vielleicht etwas zu einfach formuliert. Es geht hier nicht so sehr darum, ob im Satz ein Akkusativobjekt vorhanden ist, als darum, ob das Verb transitiv ist. Transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt fordern. Wo ist dann aber der Gegensatz, den ich soeben erwähnt habe? Auf den ersten Blick macht es keinen Unterschied, ob ein Akkusativobjekt vorhanden ist oder ob das Verb transitiv ist. Ganz so einfach ist es aber nicht immer.

Die schwachen Formen hängte, gehängt stehen beim transitiven Verb hängen (resp. anhängen, aufhängen, einhängen, behängen, verhängen …), also beim hängen, das ein Akkusativobjekt fordert:

Wir hängten das Bild an die Wand.
Wir hängten ein n an. [Das Akkusativobjekt ist hier „ein n“]
Er hat den Hörer eingehängt.
Sie behängten den Baum mit Kugeln.
Sie haben die Fenster (mit Tüchern) verhängt.

Und nun kommen wir zum oben erwähnten Unterschied. Beim transitiven Verb einhängen kann das Akkusativobjekt den Hörer auch weggelassen werden. Das Akkusativobjekt ist dann nicht mehr vorhanden, einhängen ist aber immer noch ein transitives Verb:

Er hat eingehängt.

Auch wenn wir die Sätze ins Passiv umwandeln, gibt es kein Akkusativobjekt mehr, denn es wird im Passiv ja zum Subjekt:

Das Bild wurde an die Wand gehängt.
Ein n wurde angehängt.
Der Hörer wurde eingehängt.
Der Baum wurde mit Kugeln behängt.
Die Fenster wurden mit Tüchern verhängt.

Das gilt auch für das sein-Passiv (soweit es möglich/sinnvoll ist):

Der Hörer ist eingehängt.
Der Baum war mit Kugeln behängt.
Die Fenster waren mit Tüchern verhängt.

Die schwachen Formen gehören also zu den transitiven Verben hängen, aufhängen, einhängen, behängen, verhängen usw.

Und nun wird es noch etwas komplizierter: Das Partizip Perfekt von behängen und verhängen wird auch in Sätzen verwendet, die wie ein sein-Passiv aussehen, die aber nicht in ein Aktiv umgewandelt werden können. Dann verwendet man in der Regel die starken Formen behangen und verhangen:

Der Baum war mit Früchten behangen.
mit Schnee behangene Zweige
Der Himmel ist mit Wolken verhangen (o. wolkenverhangen)
Der Keller war mit Spinnweben verhangen.

Etwas ist behängt oder verhängt, wenn ein Subjekt es aktiv behängt oder verhängt hat. Etwas ist behangen oder verhangen, wenn kein aktives Subjekt es behängt oder verhängt hat. Niemand hat den Baum mit Früchten behängt. Der Himmel wurde von niemandem mit Wolken verhängt und die Spinnen haben die Netz nicht gewebt, um den Keller damit zu verhängen (sondern um Beutetiere zu fangen).

So weit die Theorie. Die Unterscheidung zwischen den starken und schwachen Partizipien von behängen und verhängen wird in der Sprachpraxis nicht immer so eingehalten. Es ist auch schwierig, so schnell genau zu unterscheiden zwischen zum Beispiel mit Fähnchen behängten und mit Äpfeln behangenen Bäumen oder mit Tüchern verhängten und mit Efeu verhangenen Fenstern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zusammengeschrieben oder nicht: Rumverschnitt oder Rum Verschnitt?

Frage

Vor einigen Tagen haben wir in unserem Freundeskreis über die korrekte Schreibung von „Rum Verschnitt“ bzw. „Rumverschnitt“ gesprochen. Es herrschte eine Unsicherheit, denn die Motiviertheit zur getrennten Schreibung beider Lexeme äußerte sich bei manchen u. a. bei der Betonung. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Determinativkomposita wurde die 2. Komponente genauso stark oder noch stärker betont. Dies würde darauf hindeuten, dass es sich hier um eine Aneinanderreihung handelt. […] Auch die Bedeutung lässt mehrere Interpretationen zu. Wie würden Sie sich dazu positionieren?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

weder bei der Betonung noch bei der Bedeutung und auch nicht bei der Beugung spricht etwas gegen die Zusammenschreibung Rumverschnitt. Hier ein paar Worte zu den einzelnen Aspekten:

• Betonung: In Zusammensetzungen liegt die Hauptbetonung bei „neutraler“ Aussprache auf dem ersten Element (Tíschbein, Rásenmäher, Kúndendienst, Verkéhrsverbund). Das gilt auch bei der normalen Aussprache von Rumverschnitt. Es wird gleich betont wie zum Beispiel Rumgemisch oder Rumfabrik. Man kann anders betonen, wenn der zweite Teil besonders hervorgehoben werden soll, aber normalerweise ist es Rúmverschnitt.

• Bedeutung: In sogenannten Determinativkomposita bestimmt das erste Glied der Zusammensetzung das zweite Glied näher (Tischbein = Bein eines Tisches, Rasenmäher = Mäher für Rasen, Verkehrsverbund = Verbund im Verkehrsbereich). Ein Rumverschnitt ist ein Verschnitt (eine Mischung verschiedener Alkohole), bei dem Rum beteiligt ist und der wie Rum schmeckt oder schmecken soll. Der erste Teil der Zusammensetzung (Rum) gibt genauer an, um was für einen zweiten Teil (Verschnitt) es sich handelt. Ähnlich wird eine Mischung von Wein verschiedener Sorten, Jahrgänge oder Lagen u. a. Weinverschnitt genannt.

• Beugung: Auch die Wortbeugung zeigt, dass es sich um ein „gewöhnliches“ Kompositum handelt, bei dem nicht nur ein Teil, sondern die ganze Zusammensetzung gebeugt wird (die Tischbeine, des Rasenmähers, die Kundendienste). Der Genitiv Singular von Rumverschnitt ist des Rumverschnitts, nicht des Rums Verschnitt. Der Plural ist nicht die Rums Verschnitt oder die Rum Verschnitt, sondern die Rumverschnitte.

Substantivverbindungen, bei denen das Bestimmungswort nachgestellt ist, kommen im Deutschen nur selten vor, hauptsächlich bei Eigennamen und Ähnlichem. Sie werden in der Regel getrennt geschrieben, zum Beispiel: Bahnhof Tíérgarten – des Bahnhofs Tiergarten; der Whiskey Cóla – zwei Wiskey(s) Cola.

Wie bei allen Komposita ist bei Rumverschnitt im Prinzip auch die Schreibung mit „verdeutlichendem“ Bindestrich möglich: Rum-Verschnitt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich auf, für oder zu etwas committen

Frage

Heißt es „sich auf etwas committen“ oder „sich zu etwas committen“? Ist beides möglich im Sinne von „sich auf etwas verständigen“ bzw. „sich zu etwas bekennen“?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

nach zum Beispiel DWDS und PONS heißt es „sich zu etwas committen“. Das stimmt mit der Präposition überein, die auch bei den deutschen Entsprechungen „sich zu etwas verpflichten“ und „sich zu etwas bekennen“ steht. Verben aus anderen Sprachen übernehmen häufig die Konstruktion eines deutschen Verbs mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Das „zu“ kann aber auch eine direkte Übersetzung des „to“ im englischen „to commit to something“ sein.

In der freien Sprachwildbahn kommen allerdings auch die Formulierungen „sich auf etwas committen“ und „sich für etwas committen“ vor, dies vielleicht unter dem Einfluss von deutschen Konstruktionen wie „sich auf etwas festlegen“ bzw. „sich (bedingungslos) für etwas einsetzen“.

Der Gebrauch von „sich committen“ hat sich offensichtlich im Deutschen noch nicht stabilisiert. Das gilt nicht nur für die Präposition, mit der das Verb verwendet wird, sondern auch für seine Bedeutung. Nicht alle verwenden „sich committen“ mit der gleichen Bedeutung. Das kann einen Einfluss auf die Wahl der Präposition haben. Wirklich falsch ist also keine der Präpositionen. Wenn ich dieses Verb überhaupt verwenden würde*, wählte ich „sich zu etwas committen“, weil für mich „sich committen“ am nächsten bei „sich verpflichten“ steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ich dieses Verb je verwenden werde, aber ausschließen kann ich es natürlich nicht – und außerdem ist das eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

„Weder … noch …“ und die Kommasetzung: „Weder ist das eine zu hinterfragen noch[,] ob alle das andere tun können“

Frage

Bei der Kommasetzung des folgenden Satzes bin ich mir unsicher. Dass „weder – noch“ ohne Komma steht, ist mir bewusst. Aber wie verhält es sich im folgenden Fall, in dem sich ein Nebensatz mit „ob“ anschließt?

Weder ist das Antragsrecht zu hinterfragen[,] noch[,] ob tatsächlich alle Beteiligten einen entsprechenden Antrag stellen können.

[…] Wird beim obigen Satz ein Komma gesetzt?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

bei der Kommasetzung in so komplexen Formulierungen ist es oft schwierig, eine einfache, eindeutige Lösung zu finden. Ich habe in solchen Fällen die Neigung, anders zu formulieren, nicht zuletzt, weil das der Verständlichkeit häufig zugutekommt. Ich bleibe hier aber beim Satz, so wie Sie ihn zitieren. Hier mein Versuch einer Antwort, für den ich etwas ausholen muss:

Wenn „weder – noch“ gleichrangige Nebensätze verbindet, werden nach § 72 der amtl. Rechtschreibregelung bei ihnen keine Kommas gesetzt (das Komma vor „weder“ trennt jeweils den Nachtrag ab):

Diese Verpflichtung gilt nicht, weder wenn du einreist noch wenn du ausreist.
Ich wusste es nicht, weder dass er verheiratet war noch dass er Kinder hatte.

Das gilt auch hier:

Es ist nichts zu hinterfragen, weder ob das Antragsrecht besteht noch ob tatsächlich alle Beteiligten einen entsprechenden Antrag stellen können.

Wenn wir jeweils den ersten Nebensatz durch eine Nomengruppe ersetzen, sehen die Sätze so aus:

Diese Verpflichtung gilt nicht, weder bei der Einreise noch wenn du ausreist.
Ich wusste es nicht, weder von seiner Frau noch dass er Kinder hatte.
Es ist nichts zu hinterfragen, weder das Antragsrecht noch ob tatsächlich alle Beteiligten einen entsprechenden Antrag stellen können.

Wenn aber „weder – noch“ zum übergeordneten Satz gehört, sollten bei den Nebensätzen Kommas gesetzt werden:

Diese Verpflichtung gilt weder, wenn du einreist, noch, wenn du ausreist.
Ich wusste weder, dass er verheiratet war, noch, dass er Kinder hatte.
Weder ist zu hinterfragen, ob das Antragsrecht besteht, noch, ob tatsächlich alle Beteiligten einen entsprechenden Antrag stellen können.

Ersetzt man auch hier jeweils den ersten Nebensatz durch eine Nomengruppe, entfallen die Kommas dieses Nebensatzes:

Diese Verpflichtung gilt weder bei der Einreise noch, wenn du ausreist.
Ich wusste weder von seiner Frau noch, dass er Kinder hatte.

Und hier dann endlich der Satz in der Form, in der er in Ihrer Frage steht:

Weder ist das Antragsrecht zu hinterfragen noch, ob tatsächlich alle Beteiligten einen entsprechenden Antrag stellen können.

Ich komme also zum Schluss, dass in Ihrem Satz vor dem Nebensatz ein Komma stehen sollte. Meine Erklärung holt aber weit aus und ist so komplex, dass ich ein fehlendes Komma hier nicht als Fehler anstreichen würde. In Fällen wie diesem sollte man die Kommasetzung nicht allzu strikt sehen. Manchmal führt auch in der Zeichensetzung mehr als ein Weg zum Ziel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht alle transitiven Verben sind gleich transitiv

Frage

Können gewisse Verben sowohl transitiv als auch intransitiv sein? So zum Beispiel das Verb geben in „Ich gebe ihr die Hand“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt bei sich haben. Verben die kein Akkusativobjekt bei sich haben können, sind intransitiv. So weit die einfache Darstellung. Natürlich ist die ganze Sache – wie so oft, wenn es um sprachliche Kategorien geht – etwas komplizierter. Es folgt eine einfache Darstellung der wichtigsten Fälle anhand von Beispielverben:

  • Das Verb „verteidigen“ ist ein transitives Verb mit einem obligatorischen Akkusativobjekt:

jemanden/etwas verteidigen
Sie verteidigen die Burg.
nicht: *Sie verteidigen.

  • Das Verb „lesen“ ist ein transitives Verb, das auch ohne Akkusativobjekt verwendet werden kann:

etwas lesen
Ich lese ein Buch.
auch: Ich lese.

Transitive Verben können neben dem Akkusativobjekt auch andere Objekte (obligatorisch oder fakultativ) bei sich haben. Das ist unter anderem beim Verb in Ihrer Frage der Fall:

  • Das Verb „geben“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Dativobjekt hat:

jemandem etwas geben
Ich gebe dir die Hand.

  • Das Verb „beschuldigen“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Genitivobjekt haben kann:

jemanden [einer Sache] beschuldigen
Sie beschuldigen ihn der sexuellen Belästigung.

  • Das Verb „erinnern“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Präpositionalobjekt hat:

jemanden an jemanden/etwas erinnern
Sie erinnert ihn an seine Schwester.

Bis jetzt haben wir keine Verben gesehen, die transitiv und intransitiv sind (im Satz „Ich lese“ gilt „lesen“ als intransitiv verwendetes transitives Verb). Es gibt aber einige Verben, die transitiv und intransitiv sein können. Dabei verändert sich die Bedeutung. Zum Beispiel:

  • Das Verb „rollen“ kann transitiv sein (etwas rollend fortbewegen), es kann aber auch intransitiv sein (sich rollend fortbewegen):

transitives Verb: Ich rolle den Ball.
intransitives Verb: Der Ball rollt.

  • Das Verb „kochen“ kann ein transitives Verb sein (durch Erhitzen [Speisen] zubereiten), das auch ohne Akkusativobjekt stehen kann. Es kann aber auch intransitiv sein (siedend sein):

transitives Verb: Ich koche die Kartoffeln.
intransitiv verwendetes transitives Verb: Ich koche gern.
intransitives Verb: Die Milch kocht.

Es gibt also transitive Verben, die auch intransitiv verwendet werden (z. B. „lesen“), es gibt transitive Verben, die neben dem Akkusativobjekt noch weitere Ergänzungen bei sich haben (z. B. „geben“, „beschuldigen“, „erinnern“) und es gibt transitive Verben, die eine intransitive Variante haben (z. B. „rollen“, „kochen“). Und das ist noch nicht alles, denn es gibt auch noch reflexive Verbvarianten, pseudotransitive Verben u. a. m. Diese Darstellung zeigt aber so schon, dass nicht einmal ein relativ einfaches grammatisches Konzept wie „transitiv–intransitiv“ wirklich einfach ist. Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Es“ oder „so viel“: Was ist das Subjekt in „Es wurde so viel verlangt“?

Frage

Gegeben ist ein einfacher Passivsatz:

In der Firma wurde immer so viel verlangt, dass ich abends todmüde war.

Die Frage ist, was das Subjekt des Hauptsatzes ist. Zunächst dachte ich, dass es das weggelassene „es“ sein muss: „Es wurde in der Firma so viel verlangt …“. Dann fiel mir ein, dass das Verb „verlangen“ ein Akkusativobjekt („viel“) hat. Dann müsste „viel“ das Subjekt im Passivsatz sein. Leider konnte ich dazu keine Erläuterung finden, mit der ich mit Sicherheit die eine oder andere Lösung als richtig oder falsch beurteilen konnte.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in Ihrem Satz ist tatsächlich die Pronomengruppe „so viel“ das Subjekt. Bei einem transitiven Verb (= einem Verb mit Akkusativobjekt) wird das Akkusativobjekt im Passiv zum Subjekt (vgl. hier):

Aktiv:
Man verlangte in der Firma so viel
(Man verlangte wen oder was?)

Passiv:
So viel wurde in der Firma verlangt …
(Wer oder was wurde verlangt?)

Dass „so viel“ das Subjekt ist, sieht man auch dann gut, wenn Sie „so viel“ durch „so viele Dinge“ ersetzen. Das Verb wird dann in den Plural gesetzt, weil es in Numerus und Person mit dem Subjekt übereinstimmen muss:

In der Firma wurde immer so viel verlangt, dass ich abends todmüde war.
In der Firma wurden immer so viele Dinge verlangt, dass ich abends todmüde war.

Das Subjekt ist hier also „so viel“. Aber wenn „so viel“ das Subjekt ist, was ist dann „Es“ am Anfang der folgenden Formulierung?

Es wurde in der Firma immer so viel verlangt …

Dieses „es“ ist das sogenannte Platzhalter-es. In einem deutschen Aussagesatz muss immer ein Satzteil vor dem gebeugten Verb stehen. Das ist eine der wenigen „ehernen Gesetzte“ der deutschen Grammatik. Es ist so stark, dass man den Satz mit einem völlig bedeutungslosen „es“ beginnt, wenn sonst nichts vor der gebeugten Verbform steht. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Beschreibung von als-Gruppen als komplexem/komplexes Problem

Die als-Gruppen sind zu Recht einer Ihrer „Lieblingsproblemfälle“. In welchem Fall das Substantiv in einer als-Gruppe stehen sollte, ist nämlich bei Weitem nicht immer eindeutig. Entsprechend groß ist die Unsicherheit, die daraus entstehen kann – insbesondere dann, wenn man anfängt darüber nachzudenken. Wenn ich alle Aspekte dieser Frage ausführlich in Artikeln beschreiben wollte, wäre der Blog bis Ende Jahr gefüllt – und ich übertreibe nur mäßig. Weil das recht langweilig wäre, veröffentliche ich weiterhin einfach hin und wieder Einzelfragen zu diesem Thema (eine Übersicht der Regeln und Ausnahmen finden sie auf dieser Grammatikseite). Heute eine Frage von Herrn K.:

Frage

Wir sind uns intern nicht einig, welcher Fall nach „als“ gesetzt werden soll. Der Satz lautet folgendermaßen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO [ein Firmenname] als attraktiver/attraktivem Arbeitgeber.

Setzt man nach „als“ den Nominativ oder den Dativ?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die Uneinigkeit ist begreiflich, denn das Thema ist sehr komplex – und beide Formulierungen sind möglich.

Als Grundregel gilt, dass eine als-Gruppe dieser Art im gleichen Fall steht wie das Wort, auf das sie sich bezieht. In Ihrem Satz kann die als-Gruppe sich auf „TERMO“ beziehen. Der Firmenname steht im Dativ, den „von“ verlangt. Die als-Gruppe kann also im Dativ stehen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO als attraktivem Arbeitgeber.

Ebenso zum Beispiel:

Ankündigung der Einstellung von Sandro Müller als neuem Abteilungsleiter
Sie verurteilten den Einsatz von Kindern als billigen Arbeitskräften.

Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen zu dieser Grundregel. Mit einer solchen haben wir es auch hier zu tun:

Wenn eine als-Gruppe wie hier bei einem Präpositionalattribut mit „von“ steht, kann sie auch vom übergeordneten Substantiv abhängig sein. Das übergeordnete Substantiv ist hier „Konstanz“ und das dazugehörende Präpositionalattribut mit „von“ ist „von TERMO“. Wenn dies der Fall ist, kann die als-Gruppe im Nominativ stehen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO als attraktiver Arbeitgeber.
Ankündigung der Einstellung von Sandro Müller als neuer Abteilungsleiter
Sie verurteilten den Einsatz von Kindern als billige Arbeitskräfte.

In diesem Fall (die als-Gruppe enthält ein gebeugtes Adjektiv, aber keinen Artikel) ist die Konstruktion mit dem Nominativ gebräuchlicher, der Dativ gilt aber ebenfalls als richtig (vgl. hier).

Man sollte bei der Beschreibung von als-Gruppen als komplexem/komplexes Problem nicht übertreiben, aber einfach machen sie es uns wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dilettantinnen und Amateure

Heute morgen las ich wieder einmal eine Wortkombination, die gerne dann aus der Schublade der abwertenden Bemerkungen gezogen wird, wenn jemandes Fachkompetenz niedergesäbelt werden soll:

Das sind alles Amateure und Dilettanten!

In dieser Kombination können die Wörter „Amateur“ und „Dilettant“ sowie die weiblichen Entsprechungen „Amateurin“ und „Dilettantin“ nur als negative Beurteilung der Fachkompetenz der so bezeichneten Personen verstanden werden. Dabei waren diese Wörter ursprünglich gar nicht negativ beladen.

Amateure und Amateurinnen sind im heutigen Deutsch Nichtfachpersonen, also Personen, die eine Tätigkeit nicht als Beruf, sondern aus Liebhaberei ausüben. Wir haben das Wort – die Endung -eur verrät es schon – aus dem Französischen übernommen. Dort hat es mehr oder weniger die gleiche Bedeutung. Es geht auf lateinisches „amator“ (Liebhaber) zu „amare“ (lieben, Gefallen an etwas finden) zurück. So gibt es zum Beispiel Amateurfunker, Amateurfilmer, Amateurbiologinnen und Amateursportlerinnen aller Art, die die jeweilige Tätigkeit nicht als Beruf ausüben. Diese Bezeichnungen haben im Prinzip keine negativen Nebenbedeutung. Dennoch erhält „Amateur“ wie auch „nicht professionell“ eine negative Ladung, wenn die Kompetenz der Ausführenden in Zweifel gezogen wird. Wenn jemand „wie ein Amateur“ arbeitet, ist damit selten gemeint, dass die Tätigkeit gut ausgeführt wird. Wenn man es richtig gemacht haben will, braucht es Fachpersonen, keine nicht professionell arbeitenden Liebhaber bzw. Amateure. Das ist die dahinterliegende „Verurteilung“.

Noch weiter gesunken ist das Wort „Dilettant“. Es ist im 18. Jahrhundert aus dem Italienischen übernommen worden. Es gehört zum Verb „dilettare“ (erfreuen, ergötzen). Es hatte und hat im Italienischen die Bedeutung „Laie“, „Amateur“ und kann wie unser „Amateur“ neutral oder negativ gemeint sein. Im Deutschen ist vor allem die negative Bedeutung gebräuchlich: Noch stärker als ein negativ gemeinter Amateur ist ein Dilettant ein Stümper. „Dilettant“ und „Dilettantin“ können zwar nach Angaben der Wörterbücher neutral gemeint sein, aber wer in der alltäglichen Sprachrealität als Dilettantin bezeichnet wird, kann ziemlich sicher sein, dass der Begriff nicht neutral, sondern im wenig schmeichelnden Sinne von „Stümperin“ gemeint ist.

Amateure und Dilettanten sind also ursprünglich Liebhaber einer gewissen Tätigkeit. Amateure und Amateurinnen sind dies auch im heutigen Deutschen häufig noch, nicht aber Dilettanten und Dilettantinnen. Und die Kombination „Amateure und Dilettanten“ kann trotz der ursprünglich positiven Bedeutung der beiden Wörter wirklich nur noch negativ verstanden werden.

Haben oder sind wir im Kreis getanzt?

Frage

Ich habe eine Frage zum Verb „tanzen“. Wird es in diesem Satz mit „haben“ oder „sein“ verwendet?

Wir haben/sind im Kreis getanzt.

Ich habe im Wörterbuch die folgende Erklӓrung gefunden: „sich tanzend oder mit hüpfenden Schritten fortbewegen (durch den Saal tanzen)“, aber ich weiß nicht, ob sich diese Regel auf meinen Satz bezieht. Oder hӓngt es vielleicht davon ab, was man damit meint (Tanzart oder eine Bewegung)?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

beide Hilfsverben können hier verwendet werden. Welches man wählt, hängt  – wie Sie richtig vermuten – davon ab, was genau gemeint ist.

Wie viele Bewegungsverben kann „tanzen“ mit „haben“ und mit „sein“ konjugiert werden. Mit „haben“ steht transitives „tanzen“ (= „tanzen“ mit einem Akkusativobjekt):

Wir haben einen Tango getanzt.
Er hat mit mir einen Wiener Walzer getanzt.
auch: Sie haben den ganzen Abend Walzer/Tango/Salsa getanzt.

Intransitives „tanzen“ wird mit „haben“ konjugiert, wenn die Handlung des Tanzens gemeint ist:

Sie haben die ganze Nacht getanzt.
Ich habe früher viel getanzt.
Sie hat nicht mit mir getanzt.

Das Hilfsverb „sein“ wird dann verwendet, wenn mit „tanzen“ gemeint ist, dass man sich tanzend fortbewegt (Ortsveränderung):

Sie sind durch den ganzen Saal getanzt.
Sie ist vor Freude über den Hof getanzt.
Die Schneeflocken sind vom Himmel getanzt.

Das bedeutet für Ihr Beispiel, dass erst der weitere Zusammenhang angeben kann, welches Hilfsverb man hier am besten wählt:

Wir sind vor Freude im Kreis getanzt (= vor Freude herumgetanzt)
Wir haben im Kreis getanzt (= einen Kreistanz/Rundtanz ausgeführt)

Im Prinzip ist also beides möglich. Außerdem ist die Trennung manchmal gar nicht so streng, weil nicht immer eindeutig ist, ob Tanzart oder die Bewegung (oder beides) gemeint ist. Das Hilfsverb bei Bewegungsverben hat übrigens schon manchen Deutschlernenden ein oder zwei Seufzer entlockt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„An“ oder „von“: Ist es ein Feuerwerk an Einfällen oder von Einfällen?

Frage

Ich lese immer wieder die Präposition „an“, wo ich eher einen Genitiv oder evtl. ein zusammengesetztes Substantiv setzen würde, zum Beispiel „ein Feuerwerk an Einfällen“, „eine Variation an Veranstaltungen“, „das Angebot an Wohnungen“. Wie ist das: Lässt sich das Wort „an“ einfach mit dem Genitiv vertauschen? […]

Antwort

Guten Tag Frau W.,

wie so häufig bei Sprachlichem lautet die Antwort ja und nein. Manchmal kann oder sollte eine Formulierung mit „an“ statt eines Genitivattributs oder einer Präpositionalgruppe mit „von“ stehen.

Mit „an“ wird eine unbestimmte Menge als Attribut zu bestimmten Substantiven angegeben (z. B. „ein Mangel an [innovativen] Ideen“). Dieselbe Funktion/Bedeutung kann der Genitiv resp. die Präposition „von“ haben (z. B. „eine Flut innovativer Ideen“, „eine Flut von [innovativen] Ideen“). Es hängt dabei vom Substantiv ab, ob „an“ üblich, möglich oder ungebräuchlich ist.

  • In der Regel mit „an“ bei z. B. diesen Substantiven:

die Armut an Bodenschätzen
die Armut an hochwertigen Bodenschätzen
der Bedarf an Hilfskräften
der Gehalt an Silber
der Mangel an Ideen
der Reichtum an Bodenschätzen
ein Überfluss an Konsumgütern

  • Mit „an“ oder „von“ resp. Genitiv bei z. B. diesen Substantiven:

das Angebot an/von Wohnungen
das Angebot an/von bezahlbaren Wohnungen / das Angebot bezahlbarer Wohnungen
ein Übermaß an/von Freude
eine Vielfalt an/von Herausforderungen
der Zuwachs an/von Neukunden

  • Üblicherweise nicht mit „an“ bei z. B. diesen Substantiven:

ein Heer von Ameisen
ein Heer von fleißigen Ameisen / eine Heer fleißige[r] Ameisen
eine Vielzahl von Vorschriften
eine Flut von Beschwerden

  • Bei Substantiven, die im übertragenen Sinne verwendet werden, kommen ebenfalls häufig verschiedene Formulierungen vor:

ein Feuerwerk an/von Einfällen
ein Feuerwerk an/von guter Laune / ein Feuerwerk guter Laune
ein ganzer Reigen an/von Sehenswürdigkeiten
ein Schatz an/von Weisheit

Es gibt also keine feste Regel, wann „an“ und „von“ resp. der Genitiv bei dieser Art von Angaben mit unbestimmten Mengen zu verwenden sind. Entscheidend ist der Gebrauch und entsprechend groß ist die Variation, der man in der Sprachrealität begegnen kann. Häufig ist beides gebräuchlich. Bei Zweifel hilft oft – aber leider nicht immer – ein Blick ins Wörterbuch. Was dort steht, gilt als akzeptiert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Auch ohne übergeordnetes Substantiv kann „an“ bei der Angabe unbestimmter Mengen erscheinen:

Was wurde an Beweisen gefunden
Was haben Sie an preiswerten Tablets auf Lager?