Zitate, Angaben von Titeln und die Zeichensetzung

Frage

Ist das Komma vor „lautet“ richtig bzw. zwingend?

„The Women Who Broke up the Beatles“, lautet der Titel eines Artikels in der britischen Frauenzeitschrift „Good Housekeeping“.

Ändert sich die Kommasetzung mit der Länge des Titels? Zum Beispiel:

„Good Housekeeping“, lautet der Titel …

oder noch kürzer:

„Beatlemania“, lautet der Titel …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

Titel sind keine direkte Rede, auch nicht im weiteren Sinne. Sie werden zwar in Anführungszeichen gesetzt, sie sind sonst aber „gewöhnlicher“ Teil des Satzes. Die Zeichensetzung ist entsprechend anders als bei der Wiedergabe von direkter Rede mit einem Begleitsatz. Ein Doppelpunkt steht zum Beispiel nur dann, wenn der Titel angekündigt wird:

Der Artikel trägt den folgenden Titel: „The Women Who Broke up the Beatles“.

Aber ohne Doppelpunkt:

Der Artikel trägt den Titel „The Women Who Broke up the Beatles“.

Entsprechend steht in Ihren Sätzen kein Komma:

„The Women Who Broke up the Beatles“ lautet der Titel eines Artikels.
„Good Housekeeping“ ist der Titel einer britischen Frauenzeitschrift.
„Beatlemania“ lautet der Titel eines Artikels.

Die Länge des Textes spielt übrigens auch bei der Wiedergabe von Zitaten (direkte Rede o. Ä.) keine Rolle für die Zeichensetzung:

„Das sind die Frauen, die die Beatles auseinandergehen ließen“, schreibt die Autorin.
„Warum nicht?“, wollte sie wissen.
„Ach“, seufzte er.

Frage 2

Die Abgrenzung von Titeln und direkter Rede, die mir einleuchtet, war mir bisher nicht so klar. Ist sie immer eindeutig? Vergleichen Sie zum Beispiel diese Beispiele:

„Where have all the flowers gone?“, fragt uns Pete Seeger.
„Where have all the flowers gone?“, sang einst Pete Seeger.
„Where have all the flowers gone?“ ist ein berühmter Song von Pete Seeger.

Stimmt das?

Antwort 2

Ja, das stimmt. „Where have all the flowers gone?“ ist sowohl der Titel als auch eine Textzeile des Liedes von Pete Seeger. Man kann hier also a) den Text zitieren:

„Where have all the flowers gone?“, fragt uns Pete Seeger.

oder b) den Titel nennen:

„Where have all the flowers gone?“ ist ein berühmter Song von Pete Seeger.

Bei Ihrem zweiten Beispielsatz kann beides gemeint sein. Je nachdem, was ausgedrückt werden soll, kann mit oder ohne Komma geschrieben werden:

„Where have all the flowers gone?“, sang einst Pete Seeger.
[Er sang diesen Text]

„Where have all the flowers gone?“ sang einst Pete Seeger.
[Er sang den Song mit diesem Titel; m. M. n. weniger wahrscheinlich, aber möglich]

Auf den ersten Blick scheint vor allem der zweite Teil eine Frage für Feinschmecker oder Haarspalterei zu sein. Ich finde es eher eine Frage für Schreibende, die nicht in jedem Fall eine eindeutige Regel benötigen oder wollen. Es ist ja nicht immer klar, ob der Titel oder eine Textstelle gemeint ist. Genau genommen ist ja auch ein Titel eine Textstelle. Es lohnt sich hier kaum, bis ins letzte Detail zu gehen. Es ist häufig gar nicht wichtig, ob Pete Seeger nun den Text oder den Song gesungen hat – er tat ja jeweils beides.

Auch der Titel in der ersten Frage kann übrigens als Zitat gemeint sein:

„The Women Who Broke up the Beatles“, schreibt eine britische Frauenzeitschrift über einem Artikel …

Zusammenfassend: Titel sind keine Zitate, sie können es aber sein. Und manchmal ist die Grenze fließend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Indikativ und Konjunktiv in Konditionalgefügen: Wie wäre es, wenn wir gehen/gingen?

Frage

Ich kann den folgenden Satz nicht richtig einordnen:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen?

Mein Sprachgefühl verlangt hier das Wort „würde“, also:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen würden?

Zunächst habe ich an einen irrealen Bedingungssatz oder Ähnliches gedacht: „Wenn wir jetzt nach Hause gehen würden, dann könnten wir den Film um 20 Uhr noch sehen.“ Ich glaube aber, dass ich falsch liege. Das „wie wäre es“ lässt sich doch auch ersetzen. […] Bevor ich noch länger darüber nachdenke, frage ich lieber jemanden, der sich damit auskennt.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

der Satz, den Sie nicht richtig einordnen können, hat die Form eines Konditionalgefüges. In einem Konditionalgefüge beinhaltet ein Teilsatz eine Bedingung und ein Teilsatz die Folge bei Erfüllung dieser Bedingung. Im Prinzip stehen dabei beide Teilsätze im Indikativ oder beide Teilsätze im Konjunktiv II (o. würde-Form).

Im Indikativ wird das Gesagt als real angenommen:

Ich komme, wenn ich Zeit habe.
Wenn du gut für dich sorgst, wirst du bald wieder gesund sein.
Errätst du die Zahlen richtig, gewinnst du den Hauptpreis.

Im Konjunktiv II wird das Gesagte als irreal, nur gedacht angenommen:

Ich käme, wenn ich Zeit hätte.
Wenn du besser für dich sorgen würdest/sorgtest, wärst du bald wieder gesund.
Hättest du die Zahlen richtig erraten, hättest du den Hauptpreis gewonnen.

Vor allem in der gesprochenen (Umgangs)sprache kommen auch Formulierungen vor, in denen der Indikativ und der Konjunktiv gemischt werden. Das ist in Ihrem Beispiel der Fall:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen?

Das hat damit zu tun, dass der Konjunktiv II hier nicht „irreal“, sondern einfach nur höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn …? = Was hältst du davon, wenn …?

Ihre Annahme, dass kein echter irrealer Bedingungssatz vorliegt, ist also richtig. Im formaleren Sprachgebrauch sollten solche „Mischformen“ aber besser vermieden werden, also auch dann, wenn der Konjunktiv II einfach höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen würden/gingen?

Auch ein „nur“ höflich gemeintes irreales Konditionalgefüge formuliert man stilistisch besser mit doppeltem Konjunktiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Steht hier ein Komma? – Ja[,] sicher

Frage

Ich hätte folgende Frage: Welche der beiden Schreibweisen ist korrekt: „Ja, sicher“ oder „Ja sicher“?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

beide Schreibweisen sind vertretbar. Welche Sie wählen, hängt von der Betonung und dem damit einhergehenden leichten Bedeutungsunterschied ab.

Wenn die beiden Wörter ohne Pause gesprochen werden und die Hauptbetonung auf dem i von „sicher“ liegt, schreiben Sie:

Ja sicher.

Wenn zwischen „ja“ und „sicher“ eine kurze Pause zu hören ist und beide Wörter gleich betont sind, schreiben Sie:

Ja, sicher.

Die Variante ohne Komma ist als Ganzes eine nachdrücklich positive Antwort und kommt wahrscheinlich am häufigsten vor. Die Variante mit Komma ist ein Ja, das mit einem nach kurzer Pause folgenden „sicher“ bekräftigt wird. Der Bedeutungsunterschied ist nicht wirklich weltbewegend, aber ein „ja sicher“ ist doch nicht ganz dasselbe wie ein „ja, sicher“. Letzteres kann zum Beispiel auf einen leichten Zweifel der Sprecherin oder des Angesprochenem am geäußerten Ja hindeuten.

Das Gleiche oder Ähnliches gilt auch zum Beispiel für:

ja gewiss / ja, gewiss
ja freilich / ja, freilich
ja gern / ja, gern

Wenn es um die Kommas bei u. a. Nebensätzen und Aufzählungen geht, spielt die Betonung kaum eine Rolle (die „gefühlten Kommas“ gibt es dort wirklich nicht, wenn man sich nach den Rechtschreibregeln richtet). In kurzen Äußerungen wie diesen hingegen kann man Kommas häufig mit Pausen in der gesprochenen Sprache gleichsetzen. Wirklich? – Ja, wirklich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sitzt man vor einem Glas kühlem Weißwein oder kühlen Weißweins?

Frage

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

es geht hier um eine Mengenangabe, in der das Gemessene im Singular steht und von einem gebeugten Adjektiv begleitet wird. Dann ist im heutigen Deutsch die Angleichung im Fall üblich, das heißt, das Gemessene (hier: „kühler Weißwein“) steht im gleichen Fall wie die Maßeinheit (hier: „Glas“).

Ein Glas kühler Weißwein stand vor ihr.
Sie trank ein Glas kühlen Weißwein.
mit einem Glas kühlem Weißwein
der Effekt eines Glases kühlen Weißweins

Sechs Flaschen stilles Wasser kosten € …
Wir haben sechs Flaschen stilles Wasser gekauft.
mit sechs Flaschen stillem Wasser
der Preis einer Flasche stillen Wassers

100 g grüner Tee
für 100 g grünen Tee
mit 100 g grünem Tee
wegen 100 g grünen Tees

Als gehoben oder veraltend gilt hier der partitive Genitiv, den echte Genitivfans aber auch benutzen können:

Ein Glas kühlen Weißweins stand vor ihr.
Wir haben sechs Flaschen stillen Wassers gekauft.
mit 100 g grünen Tees

Zurück zu Ihrem Satz. Dort steht „Glas“ im Dativ, der von „vor“ verlangt wird. Entsprechend sollte auch das Gemessene im Dativ stehen:

Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.

Ebenfalls möglich, aber veraltend oder gehoben ist diese Formulierung:

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins

Nicht richtig ist *„Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein“.

Mehr hierzu finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ob nun ein Glas kühler Weißwein vor Ihnen steht oder Sie vor einem Glas stillem Wasser sitzen, genießen Sie den Sommer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man „intravenös“ am besten abkürzt

Frage

Meine Kolleginnen baten mich, Sie zu fragen, wie „I.v.-Injektion“ („intravenöse Injektion“) richtig geschrieben wird. Die Überlegungen gingen zum einen dahin, ob Bindestriche gesetzt werden, zum andern auch, ob das I groß geschrieben werden muss.

Wir haben in unseren Transkriptionsregeln irgendwann mal festgelegt, dass wir i.v. ohne Leerschritt schreiben wollen. Aber strenggenommen ist das ja falsch. […]

Antwort

Guten Tag Frau N.,

genaue und verbindliche Regeln, wie Wörter abzukürzen sind, gibt es kaum. Ich würde die folgenden beiden Schreibweisen empfehlen:

die iv. Injektion
die i.v. Injektion

Üblicherweise schreibt man nur am Schluss eines abgekürzten Wortes einen Abkürzungspunkt:

Ggs. = Gegensatz
Mrd. = Milliarde
ahd. = althochdeutsch
bspw. = beispielsweise
vgl. = vergleiche

Entsprechend würde ich „intravenös“ wie folgt abkürzen:

iv. = intravenös

Diese von mir bevorzugte Schreibweise scheint aber in der Fachsprache nicht oder kaum vorzukommen.

Üblicher ist die Schreibung mit zwei Punkten. Dabei muss nach dem ersten Punkt kein Leerzeichen stehen, denn es steht auch auch kein Leerzeichen vor dem v in „intravenös“. (Ein Leerzeichen sollte dann gesetzt werden, wenn auch in der nicht abgekürzten Schreibung eines steht, also bei aus mehr als einem Wort bestehenden Ausdrücken: z. B. = zum Beispiel, s. u. = siehe unten.)** Entsprechend also:

i.v. = intravenös

Dann noch zur Frage nach dem Bindestrich: Auch wenn „intravenös“ abgekürzt wird, bleibt es ein Adjektiv. Auch die Abkürzung wird deshalb kleingeschrieben (außer am Satzanfang, wo man Abkürzungen allerdings besser vermeidet) und sie bleibt vom folgenden Substantiv getrennt:

iv. Injektion
i.v. Injektion

Ob Sie die meiner Meinung nach bessere „einpunktige“ Variante oder die üblichere Schreibweise mit zwei Punkten wählen, bleibt Ihnen überlassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Die in einigen Wörterbüchern neben „ao.“ angegebene Abkürzung „a. o.“ (mit Leerschritt) für „außerordentlich“ halte ich für zweifelhaft, denn man schreibt gemäß der Rechtschreibregelung „Abt.-Leiter“ („Abteilungsleiter“) auch ohne Leerschritt. Ich würde also „a.o.“ schreiben (oder besser „ao.“). Die beiden Fälle sind aber wegen des Bindestrichs nur schlecht vergleichbar, so dass meine Interpretation wieder einmal nicht die einzig mögliche ist.

Zum Unterschied zwischen einer Superidee und einer super Idee

Frage

Ich möchte mich mit einer Frage zur deutschen Sprache an Sie wenden. Und zwar geht es um die Verschriftlichung von Formulierungen, die man vorwiegend in der Umgangssprache antrifft. […] Kürzlich las ich folgenden Dialog, der das Problem, auf das ich hinauswill, aufzeigt:

»Ich schlafe eigentlich immer gut, ich habe nämlich ein super Bett!«
»Du Glückliche! Vielleicht schlafe ich deshalb häufig nicht gut, weil ich kein Superbett habe.«

Sie ahnen es vielleicht schon – es geht um die beiden verschiedenen Schreibweisen von „super Bett“ versus „Superbett“. Mir ist nicht klar, wieso hier überhaupt verschiedene Schreibweisen gewählt wurden – vielleicht einfach eine versehentliche Inkonsistenz? Aber wenn man sich für eine Variante entscheiden müsste, welche wäre die richtige? Ich will im Folgenden einige weitere Beispiele anführen, um die Frage noch besser zu veranschaulichen:

Ich habe eine super Idee!
Ich habe eine Superidee!
Du hast ein klasse Resultat erzielt!
Du hast ein Klasseresultat erzielt!
Das war eine mega Party.
Das war eine Megaparty.
Das ist ein riesen Problem.
Das ist ein Riesenproblem.

Welche Schreibvariante ist die korrekte? Oder hat man freie Wahl? Und falls ja: Gibt es Bedeutungsunterschiede zwischen den Schreibweisen? Und auf welche Rechtschreibregel(n) lässt sich die Entscheidung für die eine oder andere Schreibung zurückführen? […]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

bei der Wiedergabe von umgangssprachlichen Äußerungen dieser Art ist vor allem die Betonung wichtig:

Das ist eine Súperidee
Das ist eine super Idéé

ein Súperbett
ein super Bétt

Das Affix „Super-“ trägt die Hauptbetonung in der Verbindung und wird mit dem Substantiv zusammengeschrieben. Wenn „super“ bei neutraler Aussprache nicht die Hauptbetonung trägt, wird es als unveränderliches Adjektiv angesehen und klein und vom Substantiv getrennt geschrieben. Vgl. Unterschied bei Betonung und Schreibung in:

ein Rósenstrauß
ein rosa Stráúß

Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen „Super-“ und „super“: Ein super Bett ist ein großartiges Bett, ein Superbett ist ein Bett das qualitativ oder in anderem Sinne weit über einem normalen Bett steht. Ein super Mann und eine super Frau sind nicht gleich Superman und Superwomen, aber es wäre schwierig oder unmöglich, immer eine genaue Bedeutungsgrenze zwischen „Super-“ und „super“ anzugeben. So gibt es zum Beispiel außer der Betonung kaum einen Unterschied zwischen einer „Superidee“ und „super Idee“.

Die Unterscheidung zwischen dem dem Affix „Super-“ und dem unveränderlichen Adjektiv „super“ ist schon so weit eingebürgert, dass sie auch in der Verschriftlichung in dieser Weise üblich geworden ist. Bei anderen Affixen, die umgangssprachlich als unveränderliche Adjektive verwendet werden, ist die Getrenntschreibung gemäß den Wörterbüchern (noch) nicht überall vorgesehen. Sie sollte aber bestimmt in Erwägung gezogen werden, wenn wirkliche Umgangssprache schriftlich wiedergegeben wird.

Es gibt manchmal – also nicht immer – einen mehr oder weniger großen Bedeutungsunterschied zwischen dem betonten Affix (resp. Erstelement einer Komposition) und dem weniger betonten unveränderlichen Adjektiv. Hier einige Beispiele:

ein Klásseresultat
ein klasse Resultát

Kein Bedeutungsunterschied Klasse-/klasse [?]

eine Mégaparty (eine sehr große Party)
eine mega Párty (eine großartige Party)

Bedeutungsunterschied: Mega- = sehr groß / mega = großartig

ein Ríésenproblem
ein riesen Problém

Kein Bedeutungsunterschied Riesen-/riesen

diese Schéíßwurst
diese scheiß Wúrst

Kein Bedeutungsunterschied Scheiß-/scheiß, außer wenn mit Scheiß- nicht schlecht, miserabel, sondern Kot- gemeint ist. Was gemeint ist, ergibt sich dabei in der Regel deutlich aus dem Kontext.

mit extra Käse (mit zusätzlichem Käse)
mit Extrakäse (mit Käse der besonderen Klasse o. Ä.)

Bedeutungsunterschied: Extra- = Sonder- o. zusätzlich / extra = zusätzlich

Die getrennt geschriebenen und entsprechend betonten gesprochenen Varianten gehören der Umgangssprache an. In der Standardsprache kommen die getrennt geschriebenen Varianten also nicht vor. Auch die meisten der oben zusammengeschriebenen Varianten gehören nur der Umgangssprache an. In formellen standardsprachlichen Texten stellt sich das hier behandelte Problem somit kaum – aber man sollte ja auch Umgangssprachliches aufschreiben können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Zu dieser Frage gibt es auch einen schon ziemlich alten Blogartikel.

Ist es immer das gleiche oder immer dasselbe Lied?

Frage

Heißt es a): „Jeden Tag singt sie dasselbe Lied“, oder b): „Jeden Tag singt sie das gleiche Lied“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

unter anderem im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht wird die Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das gleiche“ manchmal als eine Art eiserne Regel vorgestellt, die es so eisern gar nicht gibt. Nach dieser Regel bezeichnet „das gleiche“ Identität der Art und „dasselbe“ Identität des Einzelnen:

Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft. (Identität der Art)
Heute trägt er dasselbe T-Shirt wie gestern. (Identität des Einzelnen)

Lea und Lisa fahren das gleiche Auto (Identität der Art, also je ein eigenes Auto)
Lea uns Lisa fahren dasselbe Auto (Identität des Einzelnen, also ein gemeinsames Auto)

Diese einleuchtende Regel funktioniert bei T-Shirts und Autos problemlos. Sie ist aber häufig gar nicht notwendig, denn normalerweise ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang eindeutig, welche Art der Identität gemeint ist. Viele andere Sprachen kommen mit nur einem Wort für beides aus (z. B. „the same“, „le même“, „lo mismo“, „lo stesso“, „hetzelfde“). Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die vorgeschlagene Unterscheidung auch im Deutschen häufig nicht eingehalten wird (und meist auch gar nicht eingehalten werden muss).

Ihr Beispiel zeigt ein anderes Problem bei der Unterscheidung, um die es hier geht: Gerade bei abstrakteren Begriffen ist es oft schwierig bis unmöglich, zwischen der Identität der Art und der Identität des Einzelnen zu unterscheiden. Ist das Lied, das jeden Tag gesungen wird, am Dienstag dasselbe oder das gleiche wie am Montag? Es ist insofern nicht identisch, als es zu verschiedenen Zeitpunkten gesungen wird → das gleiche Lied. Komposition und Text hingegen sind identisch → dasselbe Lied. Eine Unterscheidung zwischen „dasselbe Lied“ und „das gleiche Lied“ ist vielleicht nicht unmöglich, die dafür notwendigen Entscheidungskriterien wären aber für den normalen Sprachgebrauch viel zu umständlich.

Kurzum, beide Formulierungen sind richtig:

Sie singt jeden Tag dasselbe Lied.
Sie singt jeden Tag das gleiche Lied.

Es gibt hier auch keinen Bedeutungsunterschied. Mehr zum gleichen oder zu demselben Thema finden Sie in diesem einige Jährchen alten Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wiederholte Verbformen lassen sich häufig, aber nicht immer einsparen

Frage

Es geht um das Weg- oder Auslassen von sich ähnlichen und sich anscheinend wiederholenden Satzteilen, meist Verben oder Hilfsverben. Man könnte meinen, es wäre so etwas wie eine Ellipse, doch im Unterschied dazu sind die potenziell auslassbaren Satzteile eben nicht gleich, sondern nur ähnlich. Hier zwei konstruierte Beispiele:

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank mit dem Fahrrad nach Bielefeld
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm nicht.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten in dieser Art und man ist oberflächlich versucht, darüber hinwegzulesen. Doch bei genauerem Hinsehen müsste es natürlich heißen: „… aber Frank fährt …“ und „… aber Wilhelm ist es nicht …“.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

identische Verbformen können weggelassen werden:

Lisa isst einen Apfel und Leo _ eine Birne. [isst]
Die Eltern sind schon hier, aber die Kinder _ noch nicht _.
[sind … hier]

Verbformen können auch dann eingespart werden, wenn sie nicht dieselben grammatischen Merkmale (Person, Numerus) haben. Dabei werden nicht alle Einsparungen von allen gleichermaßen akzeptiert. Die folgenden Arten von Einsparung sind aber möglich:

Ich esse einen Apfel und du _ eine Birne. [isst]
Du isst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Ich gehe heute nicht ins Kino, meine Schwester _ aber schon. [geht]
Du kommst um 15 Uhr an, Susanne _ eine Stunde später _. [kommt … an]
Ihr kommt um 15 Uhr an, Susanne und Max _ eine Stunde später _. [kommen … an]

Bei unterschiedlichem Numerus wird die Einsparung nicht von allen gleichermaßen akzeptiert:

Ich esse einen Apfel und ihr _ eine Birne. [esst]
Ihr esst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Was nützt uns unser Geld und was _ unsere Kenntnisse? [nützen uns]
Was nützen uns unsere Kenntnisse und was _ unser Geld? [nützt uns]
Die Lehrerin musste lachen, ihre Schülerinnen _ ebenfalls _. [mussten … lachen]
Die Schülerinnen mussten lachen, ihre Lehrerin _ ebenfalls _. [musste … lachen]

In Ihren Beispielsätzen unterscheiden sich die Verbformen im Numerus. Das Verb kann in solchen Fällen eingespart werden, auch wenn nicht alle diese Einsparung gleichermaßen akzeptabel finden.

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank _ mit dem Fahrrad nach Bielefeld. [fährt]
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm _ nicht _. [ist … im Urlaub]


Der Vollständigkeit halber muss hier noch gesagt werden, dass das Weglassen nicht immer möglich ist. Ganz allgemein, also auch bei identischen Verbformen, gibt es nämlich Einschränkungen bei der Einsparung von Verbformen:

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Satzkonstruktion haben**:

nicht: Er fürchtete die Einsamkeit und sich vor der Dunkelheit.
nicht: Ich danke für die große Überraschung und allen, die dazu beigetragen haben.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Bedeutung haben**:

nicht: Wir laden zuerst das Gepäck in den Kofferraum und ihr uns dann zum Kaffee ein.
nicht: Er bestellte ihr Grüße von ihrer Mutter und dann ein Bier.
nicht: Sie gab den Brief auf und, weil es regnete, auch den Plan, spazieren zu gehen.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn nur eines der beiden Verben ein Hilfsverb, ein Funktionsverb oder Teil einer festen Wendung ist**:

nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit abgeholt.
nicht: Er nahm einen Hammer und damit die Arbeit in Angriff.
nicht: Ich brachte sie in Verlegenheit und du sie dann nach Hause.
nicht: Dein Problem wird zurzeit behandelt und du bald zufrieden sein.

Wie Sie sehen, ist bei der Einsparung von Verbformen mehr möglich, als Sie vielleicht dachten, aber bei Weitem nicht alles.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Aber bewusst zur Erzeugung eines speziellen, oft humoristischen Effektes:

Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.
Es war sehr kalt, und ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, sondern auch der Ofen war ausgegangen.

Auch Gedanken verdienen Anführungszeichen

Frage

Darf in folgendem Zusammenhang ein Fragezeichen stehen?

Warum hat er mich nicht eingeladen?, fragte sie sich.

Ich habe da bisher immer eins gemacht, analog zur direkten Rede:

„Warum hat er mich nicht eingeladen?“, fragte sie ihren Freund.

Habe da in diversen Foren unterschiedliche Meinungen dazu gefunden, aber keinen richtigen Hinweis auf den Duden.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie haben recht, dass ein Fragezeichen geschrieben werden sollte, Sie sollten aber auch die Anführungszeichen nicht weglassen. Nicht nur eigentliche direkte Rede, also Gesprochenes, sondern auch Geschriebenes oder Gedachtes, das wörtlich zitiert wird, setzt man in Anführungszeichen. Auch sonst werden die Satzzeichen bei wörtlich zitiertem Gedachtem gleich gesetzt wie bei wörtlich zitiertem Gesagtem. Richtig ist also:

Sie fragte: „Ist das wirklich wahr?“
Sie dachte: „Ist das wirklich wahr?“

Auch in Fällen wie diesen setzt man die Satzzeichen gleich wie bei der direkten Redewiedergabe:

„Warum hat er mich nicht eingeladen?“, fragte sie sich.
„Verdammt nochmal!“, dachte sie, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
„Was ist denn hier los?“, wunderte er sich.

Das ergibt sich aus § 89.1 der amtlichen Rechtschreibregelung, insbesondere aus diesem Beispiel:

„Das war also Paris!“, dachte Frank.

Anführungszeichen stehen übrigens auch bei wörtlich Zitiertem, das durch Verben eingeleitet wird, die eigentlich keine Verben des Sagens sind, aber also solche gemeint sind:

„Ich bin einverstanden“, lächelte er (= sagte er lächelnd)
„Wie du meinst“, schmunzelte sie (= sagte sie schmunzelnd)
Der Hauptmann posaunte: „Mir nach!“
„Wie interessant!“, heuchelte der Vicomte.

Wichtig ist vor allem, dass Gesagtes, Geschriebenes und Gedachtes wörtlich zitiert wird, und weniger, womit das Zitierte eingeleitet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wieder einmal die als-Gruppen und der Genitiv: die Entlarvung des Butlers als der/des Mörder(s) der Gräfin

Frage

Beim Lesen eines älteren Buches bin ich auf folgenden Satz gestoßen:

Die Abgrenzung und Erforschung dieses Sondergebietes […] hat zu einer Entdeckung geführt, die der wissenschaftlichen Medizin äußerst unbequem war, nämlich zur Entdeckung der Seele als eines […] krankheitserregenden Faktors.

Meine Unklarheit betrifft vor allem den letzten Teil des Satzes: „zur Entdeckung der Seele als eines krankheitserregenden Faktors“. […] Mir ist nicht klar, weshalb die Wortgruppe nach „als“ im Genitiv steht. […] Gibt es dazu eine Grammatikregel?

Außerdem glaube ich, dass man in heutigem Deutsch diese Kasuskongruenz so gar nicht vorgenommen hätte. Ich wüsste gar nicht, wie man den Satz grammatikalisch korrekt in modernem Deutsch verfassen würde. Ich glaube jedoch in etwa so:

Die Abgrenzung und Erforschung dieses Sondergebietes […] hat zu einer Entdeckung geführt, die der wissenschaftlichen Medizin äußerst unbequem war, nämlich zur Entdeckung der Seele als ein […] krankheitserregender Faktor.

Zusammengefasst möchte ich also wissen:

  1. Warum ist die Angleichung im Genitiv und gibt es dazu Regeln/Erläuterungen?
  2. Wie würde man den Satz in heutigem Deutsch schreiben?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die als-Gruppen oder als-Attribute haben es in sich. Im Prinzip stehen sie im gleichen Fall wie ihr Bezugswort, aber zu dieser „Grundregel“ gibt es viele Ausnahmen. Das ist der Grund dafür, dass die meisten von uns bei solchen Formulierungen hin und wieder unsicher werden, insbesondere dann, wenn wir anfangen, genauer darüber nachzudenken. Für Ihren Fall gilt Folgendes:

Eine als-Gruppe, die sich auf ein Genitivattribut bezieht, steht nach der genannten Grundregel ebenfalls im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Hier bezieht sich die als-Gruppe auf das Genitivattribut „der Seele“ und enthält einen unbestimmten Artikel. Man kann also wie folgt formulieren:

… zur Entdeckung der Seele als eines krankheitserregenden Faktors

Und nun zur Ausnahme: Wenn sich die als-Gruppe auch auf das Wort beziehen kann, das dem Genitivattribut übergeordnet ist (hier „Entdeckung“), kann sie auch im Nominativ stehen:

… zur Entdeckung der Seele als ein krankheitserregender Faktor

Vgl.

… zu deren/ihrer Entdeckung als ein krankheitserregender Faktor

Es folgen noch zwei weitere Beispiele.

  • Mit Angleichung an das Genitivattribut:

die Entlarvung des Butlers als des hinterlistigen Mörders der Gräfin
die Rolle Indiens als eines bedeutenden Handelspartners

  • Mit Bezug auf das übergeordnete Substantiv:

die Entlarvung des Butlers als der hinterlistige Mörder der Gräfin
die Rolle Indiens als ein bedeutender Handelspartner

Ich vermute, dass hier im heutigen Deutsch der Nominativ häufiger vorkommt, ich verfüge aber über keine genaueren Angaben dazu. Wie dem auch sei, beide Formulierungsarten gelten als korrekt.

Weitere Angaben zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp