Wieder einmal „einschließlich“ und der Genitiv

Heute wieder einmal „einschließlich“, weil’s so schön komplex ist:

Frage

Ich habe gerade folgenden Satz übersetzt: 

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichem Notdienst.

Normalerweise muss bei „einschließlich“ ja der Genitiv stehen und der Dativ lediglich in gewissen Fällen im Plural. Dennoch scheint mir der Dativ in diesem Fall vom Gefühl her richtig zu sein. Was ist richtig, Dativ oder Genitiv?

Antwort

Guten Tag Herr P.,

man hört und liest zwar häufig andere Formulierungen, aber standardsprachlich gilt in Ihrem Satz nur der Genitiv als richtig:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichen Notdienstes.

Das macht irgendwie einen sehr gehobenen oder gezierten Eindruck. Die Formulierung klingt vielleicht etwas natürlicher, wenn Sie den Artikel einfügen:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. des ärztlichen Notdienstes.

Warum wird häufig anders formuliert und warum sind wir häufig unsicher? Es könnte damit zu tun haben, dass standardsprachliches „einschließlich“ im Prinzip zwar den Genitiv verlangt:

die Versandkosten einschließlich des Portos
Catering einschließlich aller Getränke
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich [des] ärztlichen Notdienstes

… dass dem aber auch standardsprachlich nicht immer so ist. Die wichtigsten Ausnahmen sind:

Ein allein stehendes Substantiv (ohne vorhergehendes gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv) im Singular wird in der Regel nicht gebeugt:

die Versandkosten einschließlich Porto
die Seitenzahl einschließlich Inhaltsverzeichnis
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich Notdienst

Ein Substantiv im Plural, das nicht von „der“ und oder einem anderen Wort mit der Genitivendung -er begleitet wird, steht im Dativ:

Catering einschließlich Getränken
zehn Personen einschließlich Familienmitgliedern und Freunden
LED-Lichtpaket einschließlich vier Rückfahrscheinwerfern

Und damit es so richtig schön kompliziert wird, sei noch erwähnt, dass die Eigennamen sich sich zum Teil anders verhalten:

viele Länder einschließlich Italien/Italiens
alle Gemeinden einschließlich Wien/Wiens
fünf Personen einschließlich Peter
die Vorstandsmitglieder einschließlich Sandra Meier

Ist es verwunderlich, dass uns bei so vielen Sonderregeln nach „einschließlich“ (und übrigens auch „ausschließlich“, „inklusive“ und „exklusive“) hin und wieder die Fälle durcheinandergeraten?! Eine kurze Zusammenfassung für „Notfälle“ finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Sehen Sie“ statt „Siehe“ für höfliche Menschen?

Frage

Im Zusammenhang mit Abkürzungen ist mir aufgefallen, dass es Abkürzungen nicht nur für Substantive, Adjektive, Adverbien und Partikeln gibt, sondern auch „s.“ für „siehe“ und „vgl.“ für „vergleiche“, das heißt für flektierte Verbformen (beides Imperativ der 2. Person Singular). Wenn ich diese Abkürzungen verwende, duze ich dann den Leser? Gibt es noch andere Abkürzungen für flektierte Verben?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn man davon ausgeht, dass „siehe“ und „vergleiche“ hier einfach Imperativformen sind, sieht es tatsächlich so aus, als würde man die Leserschaft duzen. Wären dann für höfliche Menschen nicht eher Formulierungen wie „sehen Sie“ und „vergleichen Sie“ angebracht? – Nein, das muss nicht sein.

Die Form „siehe“ ist eine spezielle Imperativform, die fast nur in gewissen Ausrufen und eben bei Verweisen vorkommt:

Siehe da!
Siehe unten/Seite 22/nächstes Kapitel/…

Der „normale“ Imperativ Singular von „sehen“ kommt in der Regel ohne die Endung e aus:

Ändere die Einstellungen und sieh was passiert!
Sieh ihn als das, was er ist!

Bei „vergleiche“ könnte man mit ganz viel gutem Willen auch sagen, dass es eine Verkürzung von „man vergleiche“ ist, also ein Konjunktiv der dritten Person Singular (vgl. „man bemerke“).

Es ist aber gar nicht so wichtig, ob „siehe“ eine spezielle Form ist und „vergleiche“ als Konjunktiv angesehen werden kann. In Texten sind „s.“ und „siehe“ bzw. „vgl.“ und „vergleiche“ feststehende Ausdrucksformen, die nicht als Duzformen empfunden werden, ganz gleich wie man sie formal interpretiert. Sie können also auch als höflicher Mensch diese Art zu verweisen in Ihren Texten verwenden, ohne dass Sie damit riskieren, jemandem zu nahe zu treten.

Konjugierte Verbformen sind bei den gebräuchlichen Abkürzungen tatsächlich vergleichsweise selten. Hier noch ein paar Beispiele:

erg. = ergänze
d. h. = das heißt
d. i. = das ist
u. A. w. g. = um Antwort wird gebeten

Etwas häufiger sind Abkürzungen für infinite Verbformen (Partizip, Infinitiv), zum Beispiel:

anschl. = anschließend
beil. = beiliegend
erw. = erwähnt; erweitert
hrsg. = herausgegeben
übers. = übersetzt
zgst. = zusammengestellt
abk. = abkürzen
b. w. = bitte wenden

So viel zu bei V. übl. Abk. Wie man sieht, ist abgekürzt zwar kurz und bündig, aber nicht immer allzu lesefreundlich (und höflich?).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie lange oder für wie lange?

Frage

Wie kann man am besten den Unterschied zwischen „wie lange“ und „für wie lange“ erklären und was genau ist der Unterschied? […] In den folgenden Sätzen ist mir der Bedeutungsunterschied nicht ganz klar:

Für wie lange / Wie lange gehst du nach Amerika?
Ich gehe für 3 Monate / 3 Monate nach Amerika.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Ich bleibe nur für drei Tage / drei Tage in Kiel.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

es ist schwierig, einen Unterschied zwischen Angaben der Art „wie lange“ und „für wie lange“ anzugeben. Einen eindeutigen Bedeutungsunterschied gibt es nicht und häufig ist – wie in Ihren Beispielen – beides möglich. Einen tendenziellen Unterschied sehe ich hierin:

Bei den Angaben mit „für“ geht es in der Regel um eine Zeitdauer, die so vorgesehen ist oder so vorgesehen war. Am Anfang der Zeitdauer ist oder war klar, wie lange es (ungefähr) dauert.

Ich hatte für sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Die Zeitdauer von sechs Wochen lag schon am Anfang der Anstellung mehr oder weniger fest.

Bei Angaben ohne „für“ ist/war die Zeitdauer nicht bestimmt, sie kann es aber sein/gewesen sein.

Ich hatte sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Hier ist ohne Kontext nicht klar, ob die Zeitdauer von sechs Wochen am Anfang der Anstellung festlag oder nicht. Es kann ein von Anfang an auf sechs Wochen befristetes Arbeitsverhältnis gewesen sein (wie oben mit „für“). Es ist aber auch möglich, dass die Stelle nach sechs Wochen unerwartet gekündigt wurde. Nur der weitere Zusammenhang kann hier mehr Klarheit schaffen.

Man formuliert also eher ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang nicht festliegt:

Ich musste zwei Stunden warten.
Das Küken hat nur zwei Tage gelebt.
Wie lange kannst du unter Wasser bleiben?
Ich hatte erst sechs Wochen in dem Hotel gearbeitet, als mir plötzlich gekündigt wurde.

Mit oder ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang schon festliegt:

Man hat die Sängerin [für] zwei Monate engagiert.
Ich werde euch [für] zehn Minuten allein lassen.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Bis zum Semesterbeginn arbeite ich [für] sechs Wochen in dem Hotel.

Diese Unterscheidung ist nicht absolut, das heißt, es wird auch davon abgewichen. Außerdem steht ausgerechnet „dauern“, das „zeiträumliche“ Verb schlechthin, immer ohne „für“, auch wenn von Anfang an klar ist, wie lange etwas dauern wird:

Es wird genau zwei Stunden dauern.

Eine eindeutige, immer von allen befolgte Regel gibt es also nicht. Als grobe Richtschnur kann aber dienen: Zeitangaben mit „für“ geben einen Zeitraum an, der von Anfang an festliegt. Angaben dieser Art ohne „für“ werden ebenfalls so verwendet, aber auch dann, wenn die Zeitdauer nicht festliegt. Häufig kann deshalb beides stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viele oder viel Möglichkeiten: Wann bleiben „viel“ und „wenig“ ungebeugt?

Frage

Ich möchte Sie fragen, ob das Adjektiv „viel“ im folgenden Satz dekliniert wird. Es handelt sich um eine Grammatikübung, wo jeweils das Adjektiv zu deklinieren ist.

Natürlich gibt es dort manchmal auch –viel– Regen.

[…] Die gleiche Frage habe ich auch, wenn statt „viel“ das Wort „wenig“ stehen würde?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

üblich ist hier die ungebeugte Form „viel“ resp. „wenig“:

Natürlich gibt es manchmal auch viel Regen.
Natürlich gibt es manchmal nur wenig Regen.

Im Singular bleiben „viel“ und „wenig“ vor einem Substantiv meistens ungebeugt, wenn sie ohne Artikel stehen.

Viel Arbeit wurde verrichtet.
Da hilft auch viel Zureden nichts.
Sie haben nur wenig Geld dafür ausgegeben.
Man findet hier wenig Nützliches.

Im Dativ und im Genitiv kommen seltener auch die gebeugten Formen vor:

Sie reisten mit viel Gepäck – selten: mit vielem Gepäck
Es ist mit wenig Aufwand verbunden – selten: mit wenigem Aufwand
Es bedurfte viel Zuredens – auch: vielen Zuredens

Das ist aber noch nicht alles, was sich zur Beugung oder Nichtbeugung von „viel“ und „wenig“ sagen lässt.

Im Plural werden „viel“ und „wenig“ häufig gebeugt, im Genitiv sogar immer:

Auf dem Regal standen nur wenige Bücher – selten: wenig Bücher
Sie haben sich viele Gedanken gemacht – selten: viel Gedanken
Die Preise sind dort mit wenigen Ausnahmen höher – selten: mit wenig Ausnahmen
Nach Ansicht vieler Leute ist dies falsch.

Wenn ein Artikelwort vorausgeht, werden „viel“ und „wenig“ immer gebeugt:

Die viele Arbeit hat sich gelohnt.
Sie haben dieses viele Geld dafür ausgegeben.
Wohin mit ihrem vielen Gepäck?
Sie wollten trotz der vielen Kritik nicht zurücktreten.

Auf dem Regal standen die wenigen Bücher, die sie noch besaß.
Du solltest deine vielen Gedanken aufschreiben.
Anhand dieser wenigen Daten lässt sich keine fundierte Aussage machen.

Bei so vielen/viel Möglichkeiten kann man schon einmal ins Zweifeln geraten, insbesondere bei isolierten Sätze in Grammatikübungen u. Ä. Allzu viele/viel Sorgen sollte man sich deswegen aber nicht machen, denn es geht auch ohne viel Nachdenken meistens gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

(K)ein schließendes Komma am Ende eines Zitats?

Frage

Ich habe eine Frage zur Kommasetzung, zu der ich auch im »Interpunktionsduden« keine Antwort finde. Vielleicht wissen Sie ja Rat. Es geht um Sätze, in denen entweder ein Zitat oder ein Werktitel enthalten ist, der mit einem Nebensatz endet. Also zum Beispiel:

Der Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ spielt unter anderem in Aserbaidschan.

Oder der Satz:

Für sie mache eher „das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit“ das Feindbild aus.

Würden Sie jeweils ein Komma hinter das Zitat bzw. den Romantitel setzen?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

in Fällen wie diesen würde ich wie Sie das abschließende Komma nicht setzen:

Der Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ spielt unter anderem in Aserbeidschan.
Für sie mache eher „das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit“ das Feindbild aus.

In einem Titel wird das abschließende Komma eines Nebensatzes oder Nachtrags sowieso nicht gesetzt:

Der Spion, der mich liebte
Nachts, wenn der Teufel kam
Sara, die kleine Prinzessin
Der Russe ist einer, der Birken liebt

Man würde also ein Komma setzen, das es im zitierten Titel gar nicht gibt. Außerdem gilt auch das Folgende:

Bei einem Nebensatz oder einem Nachtrag steht das abschließende Komma nur dann, wenn der Satz weitergeführt wird. Ist dies nicht der Fall, übernimmt der Schlusspunkt die Funktion des schließenden Kommas:

Carmen war die Rolle, die sie am meisten liebte.
Mich interessiert hier nur eine Person, nämlich der Barmann.
Das Feindbild ist für sie das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit.

In Ihrem Beispiel steht der Einschub/Nachtrag am Ende des Zitats. Dann übernimmt das abschließende Anführungszeichen die Funktion des schließenden Kommas:

Nach der Biografie sei Carmen „die Rolle, die sie am meisten liebte gewesen.
Er kokettierte damit, dass ihn „nur eine Person, nämlich der Barmann interessiert habe.
Für sie mache eher „das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit das Feindbild aus.

Es ist also in Ihren Sätzen nicht notwendig, ein Komma zu setzen, das den Nebensatz oder Nachtrag am Ende des Zitats abschließt – wodurch sich angenehmerweise auch die Frage erübrigt, ob dieses Komma vor oder nach dem abschließenden Anführungszeichen stehen müsste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht?

Frage

Warum sagt man „zu etwas aufbrechen“ („ich breche zu einer Expedition auf’“)?

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage gehört zu den Fragen, bei denen ich mich frage, warum ich sie mir nie selbst gestellt habe. Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht? Was wird hier gebrochen oder aufgebrochen?

Die Antwort findet sich in einer Formulierung, die man heute nicht mehr verwendet. Früher konnte man das Lager oder die Zelte aufbrechen, wenn man sein Lager abbrach, um weg- oder weiterzuziehen. Im heutigen Sprachgebrauch werden Lager und Zelte nur noch abgebrochen, nicht mehr aufgebrochen (wenn sie aufgebrochen werden hat das nichts mehr mit Weggehen, sondern mit Einbruch zu tun – erstaunlich vielfältig, das Verb „brechen“!). Heute verwendet man dieses „aufbrechen“ noch in übertragenem Sinne für „fortgehen“, „sich auf den Weg machen“. Man kann also zu einer Expedition, in den Urlaub, nach Stuttgart oder zum Besuch bei den Großeltern aufbrechen, ohne dass dabei ein Lager oder auch nur ein Zelt abgebrochen werden muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich wenigem/wenig/??? bewusst sein

Frage

In einem Text steht der Satz: „So wenigem ist man sich bewusst.“ Ich weiß, dass „sich bewusst sein“ den Genitiv erfordert, aber das klingt dann irgendwie schräg. Lasse ich „wenig“ unflektiert?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Wendung „sich einer Sache bewusst sein“ verlangt tatsächlich ein Genitivobjekt:

eine Frau, die sich ihres Erfolgs bewusst war
Ich bin mir dessen bewusst.

Die Dativform „wenigem“ gilt deshalb als nicht korrekt.

nicht: *So wenigem ist man sich bewusst.

Das Problem ist hier wieder einmal die sogenannte Genitivregel:

Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn diese zwei Bedingungen erfüllt sind:
1) Die Wortgruppe enthält mindestens ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv.
2) Die Wortgruppe enthält mindestens ein Wort mit Endung -es/-s oder -er.

Zum ersten Teil der Regel gibt es ein paar wenige Ausnahmen** (wie könnte es auch anders sein!). Der zweite Teil der Regel muss fast immer erfüllt sein (Ausnahme: „dessen/derer/deren“). Die allein stehenden Genitivform „wenigen“ erfüllt keine der beiden Bedingungen. Das ist der Grund, weshalb der Satz mit „wenigen“ schräg oder falsch klingt.

nicht: *So wenigen ist man sich bewusst.

Auch der ungebeugten Form „wenig“ fehlt eine entsprechende Genitivendung:

nicht: *So wenig ist man sich bewusst.

Damit kann nur gemeint sein: „In so geringem Maße (= so wenig) ist man sich bewusst“. Außerdem fehlt das Genitivobjekt, das heißt die Sache, derer man sich wenig bewusst ist.

Was ist also die Lösung, wenn der Genitiv verlangt wird, dieser aber nicht passt und man auch nicht auf den Dativ ausweichen darf? – Man muss anders formulieren. Man kann die Wortgruppe so anpassen, dass sie die Bedingungen der Genitivregel erfüllt:

So weniger Dinge ist man sich bewusst.

Es ist aber auch möglich, die Formulierung so zu ändern, dass kein Genitivobjekt mehr Schwierigkeiten macht:

So wenig ist einem bewusst.
So wenige Dinge sind uns bewusst.

Die oben genannte Genitivregel ist übrigens außerhalb der Grammatikwelt nicht sehr bekannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Fälle wie diesen meistens mehr oder weniger bewusst vermeidet und „automatisch“ anders formuliert. Ihre Frage zeigt aber, dass bewusste Sprachbenutzerinnen und -benutzer doch hin und wieder auf diese Grammatikhürde stoßen und es dann hilfreich sein kann, einmal etwas von der Genitivregeln gehört zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** In gewissen Fällen kann auch ein allein stehendes Substantiv im Genitiv stehen. Zum Beispiel:

Sandros Ferienpläne
das Wahrzeichen Wiens (auch: das Wahrzeichen von Wien)
wegen Umbaus geschlossen (meist: wegen Umbau geschlossen)

Das Pronomen „solches“ wird als solches immer kleingeschrieben

Heute geht es ausnahmsweise einmal um eine Frage, auf die eine kurze, eindeutige Antwort ohne Ausnahmen möglich ist. So etwas gibt es zum Glück ja auch.

Frage

Gibt es Fälle bei denen man „solchen“, „solches“ großschreibt? Ein Beispiel:

Das Geld kann aus einer kriminellen Tätigkeit oder der Beteiligung an einer solchen/Solchen stammen.

Wird „solchen“ groß- oder kleingeschrieben?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

das Pronomen „solcher/solche/solches“ wird immer kleingeschrieben:

solch eine Frechheit
Wer solches behauptet, …
Es gibt immer solche und solche.
Einen solchen will ich nicht.
der Bürger als solcher / die Bürgerin als solche
das Dasein als solches
die Bedeutung des Staates als eines solchen

Auch in Ihrem Satz ist also die Kleinschreibung richtig:

Das Geld kann aus einer kriminellen Tätigkeit oder der Beteiligung an einer solchen stammen.

So einfach kann es manchmal sein! Leider ist nicht alles, was mit „solch“ verbunden ist, ganz so unproblematisch; siehe zum Beispiel hier und hier (falls Lesezeit und -lust vorhanden).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dursten und dürsten

Frage

Was ist der Unterschied zwischen den Verben „dursten“ und „dürsten“? Kann man statt „Dürstende“ auch „Durstende“ sagen, z. B. in der Wendung „Hungernde und Durstende“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

im wörtlichen Sinne ist insbesondere in Verbindung mit „hungern“ die Variante „dursten“ üblich:

die Hungernden und die Durstenden
Sie mussten lange hungern und dursten**

Sonst ist auch „dürsten“ möglich – vor allem bei der gehobenen unpersönlichen Wendung:

Es durstet/dürstet mich
Das Vieh musste dursten/(dürsten)

Im übertragenen Sinne ist es ohne Bedeutungsunterschied „dürsten“ oder „dursten“:

nach Informationen dürsten/(dursten)
nach Anerkennung dürsten/(dursten)

Im heutige Sprachgebrauch ist hier allerdings vor allem „dürsten“ gebräuchlich.

Eine exakte Grenze gibt es also nicht, aber für die nach „Eindeutigkeit“ Dürstenden sei zusammenfassend gesagt: Im wörtlichen Sinne „Durst haben“ ist „dursten“ üblicher. Im übertragenen Sinne „ersehnen; heftiges Verlangen haben“ ist vor allem „dürsten“ gebräuchlich. Wenn Sie „dursten“ und „dürsten“ so verwenden, werden Sie niemanden irritieren. Umgekehrt sollten Sie sich aber auch nicht irritieren lassen, wenn jemand diese Unterscheidung nicht einhält.

Und wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zu „durstig“: Wer Durst hat, ist im heutigen Sprachgebrauch nur noch umlautlos „durstig“. Auch im übertragenen Sinne heißt es zum Beispiel „durstig auf Abenteuer“, „durstig nach Wissen“ und „abenteuerdurstig“, „freiheitsdurstig“, „rachedurstig“, „tatendurstig“ oder „wissensdurstig“. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahme: Bei „blutdürstig“ verwenden wir doch noch die umgelautete Form.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Aber im übertragenen Sinne:

Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden
Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden
(Matthäus, 5.6)

Kann man Gebäude und Personen evakuieren?

Frage

Im Katastrophenfall werden häufig Gebäude evakuiert. Hin und wieder hört man aber auch davon, dass Personen evakuiert wurden, was hinsichtlich der Letalität des Vorgangs selten wirklich hilfreich sein dürfte. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

Wörter haben häufig mehr als eine Bedeutung. Das gilt auch für „evakuieren“, das u. a. diese Bedeutungen hat:

  1. einen Ort evakuieren: alle Bewohner des genannten Ortes an einen sicheren Ort bringen
    ein Gebäude evakuieren; ein Gebiet evakuieren
  2. jemanden evakuieren: jemanden wegen einer drohenden Gefahr an einen sicheren Ort bringen
    die Bewohner evakuieren; die Zivilbevölkerung evakuieren

Ihr Einwand gegen die Verwendung von „evakuieren“ mit der Bedeutung b) gilt nur dann, wenn man die wörtliche Bedeutung des lateinischen Stammwortes „evacuare = leer machen“ hinzuzieht. Dieses Verb hatte aber schon im Lateinischen und später im Französischen, über das es zu uns gekommen ist, weitere Verwendungen. Das Verb hat im Laufe der Zeit eine Entwicklung durchgemacht, die im Deutschen und anderen Sprachen u. a. zur allgemein üblichen und akzeptierten Bedeutung b) geführt hat. Menschen, die evakuiert werden, werden also nicht leer gemacht, sondern an einen sicheren Ort gebracht. Solche Bedeutungsverschiebungen und -erweiterungen kommen sehr häufig vor.

Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht seltsam, dass dasselbe Verb sowohl den Ort, aus dem jemand weggebracht wird, als auch die Personen, die von diesem Ort weggebracht werden, als Objekt haben kann:

das Gebäude evakuieren
die Bewohner evakuieren

Führt das nicht zu Missverständnissen? – Nein. Wenn das Akkusativobjekt bei „evakuieren“ ein Ort ist, hat es die Bedeutung a). Wenn das Akkusativobjekt ein lebendes Wesen ist, muss es sich um die Bedeutung b) handeln. Hier zeigt sich, dass Wörter ihre genaue Bedeutung häufig erst im Satzzusammenhang erhalten. Der unmittelbare Zusammenhang gibt schnell und eindeutig an, welche Bedeutung von „evakuieren“ gemeint ist.

Das ist übrigens gar nichts Außergewöhnliches. Nehmen wir das deutsche Wort „ausleeren“ (aus-leeren – e[x]-vacuare): Man kann sowohl den Eimer ausleeren als auch das Wasser ausleeren. Das sind zwei unterschiedliche Bedeutungen, die den unterschiedlichen Bedeutungen von „evakuieren“ sehr ähnlich sind.

Dank der Flexibilität der Sprache kann man also nicht nur Gebäude und Gebiete evakuieren, sondern auch Personen, ohne dass dies allzu schädlich für deren Gesundheit ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp