Sind der Kanon und die Kanone miteinander verwandt?

Manchmal überfällt mich mehr oder weniger aus dem Nichts der Wunsch, zu wissen, woher ein bestimmtes Wort kommt. Letzthin war es das Wort „Kanon“, das eine ganz besondere Art mehrstimmigen Gesang bezeichnet (z. B. „Bruder Jakob“ bzw. „Frère Jacques“). Es gleicht seltsamerweise stark dem Wort „Kanone“, mit dem es von der Bedeutung gar nichts zu tun hat. Ich habe also zu den einschlägigen Wörterbüchern gegriffen und herausgefunden, dass „Kanon“ tatsächlich mit „Kanone“ verwandt ist – allerdings um mehrere Ecken.

Das Wort „Kanon“ stammt vom griechischen „kanṓn“ (κανών = gerade Stange, Lineal), das eine Ableitung von „kánna“ (κάννα = Rohr) ist. Schon im Griechischen wurde „kanṓn“ im übertragenen Sinne für u. a. Regel, Vorschrift verwendet. Später gelangte es in die lateinische Kirchensprache. Dort erhielt es neben verschiedene Bedeutungen, die hier nicht so interessant sind, die Bedeutung Lied oder Musikstück, bei dem die Stimmen nach strenger Regel nacheinander einsetzen. Der Weg von Rohr über Lineal und Regel bis hin zu mehrstimmiges Lied war also ziemlich weit und mit einigen Bedeutungsverschiebungen verbunden.

Der Weg, den „Kanone“ zurückgelegt hat, ist ein bisschen kürzer: Er fängt auch beim griechischen „kánna“ (κάννα = Rohr) an. Weiter geht es über lateinisches und italienisches „canna“ (Schilfrohr, Röhre) und die Ableitung „cannone“ (großes Rohr). Dieses Wort wird im 16. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. Die Bedeutung änderte von großes Rohr zu schweres Geschütz, die Form wurde eingedeutscht und das Geschlecht wurde der als weiblich empfundenen Form angepasst. So wurde „canna“ über „il cannone“ zu „die Kanone“.

„Kanon“ und „Kanone“ gehen also beide auf dasselbe Wort zurück, das Rohr bedeutete. Beim Geschütz kann man sich mit etwas Mühe noch recht gut vorstellen, wie aus dem (großen) Rohr eine Kanone wurde. Beim Gesang hingegen ist der Zusammenhang mit der Grundbedeutung wegen der vielen Bedeutungsänderungen nicht mehr ersichtlich. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie flexibel Verwendung und Bedeutung eines Wortes sich im Laufe der Wortgeschichte verändern können, so dass, etwas vereinfacht ausgedrückt, aus einem Rohr sowohl ein schweres Geschütz als auch ein mehrstimmiges Musikstück werden kann – und übrigens auch ein künstlicher Wasserlauf: „Kanal“.

Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

Neben Nebelfeldern scheint die Sonne

Frage

Neulich in der Wettervorhersage der Tagesschau hörte ich eine Formulierung, die tatsächlich sehr verbreitet ist. So verbreitet, dass ich mich frage, ob sie tatsächlich so falsch ist, wie sie mir immer vorkommt:

Sonst scheint neben einigen Nebelfeldern die Sonne

Dabei ist das „neben“ selbstverständlich nicht im lokalen Sinn zu verstehen, sondern das „neben“ dient eher als Aufzählungswort. […] Ist so eine Konstruktion korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diese Ihrer Meinung nach falsche Verwendung von „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ kommt tatsächlich häufiger vor:

Die Sonne lacht neben einigen Nebelfeldern
Die Sonne scheint neben einigen Wolken bis zu 5 Stunden

Vielleicht ist sie in Wettervorhersagen besonders beliebt, aber sie ist auch anderswo zu finden. Leider gerade aktuell ist:

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben
Neben der Coronakrise sprachen sie über den EU-Wiederaufbau und die Klimapolitik

Ob solche Formulierungen bei der Häufigkeit, mit der sie auftreten, wirklich als falsch bezeichnet werden können, bezweifle ich. Sie sind jedenfalls stilistisch nicht sehr bis alles andere als gelungen. Was ist das Problem?

Mit „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ wird ein Wort oder eine Wortgruppe eingeleitet und mit einem Satzteil im Rest des Satzes verbunden. Dabei sollte die neben-Gruppe die gleiche Rolle spielen wie die Bezugsgruppe. Wenn die neben-Gruppe sich zum Beispiel auf das Subjekt des Satzes bezieht, sollte sie in diesem Satz auch als Subjekt eingesetzt werden können:

Neben Sandra waren auch Hans und Franz zu Besuch
Hans und Franz waren auch zu Besuch
Sandra war zu Besuch

In den folgenden Beispielen bezieht die neben-Gruppe sich auf das Akkusativobjekt resp. das Dativobjekt und kann jeweils auch als solches eingesetzt werden:

Neben Schokolade haben wir auch Marzipan gekauft
Wir haben auch Marzipan gekauft
Wir haben Schokolade gekauft

Neben meiner Familie vertraue ich dir am meisten
Ich vertraue dir [daneben] am meisten
Ich vertraue meiner Familie

Diese „Rollenkongruenz“ ist in den folgenden Fällen nicht gegeben:

Neben einigen Nebelfeldern scheint die Sonne**
Die Sonne scheint
nicht: Einige Nebelfelder scheinen

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben.
Die Zinsen werden weiter im Keller bleiben
nicht: Die Coronakrise wird weiter im Keller bleiben

Sätze wie diese, in denen die neben-Gruppe nicht die gleiche Rolle haben kann wie das Bezugswort oder die Bezugsgruppe, sollten besser vermieden werden. Die Lösung ist dann eine andere Formulierung:

Neben einigen Nebelfeldern gibt es auch Sonnenschein
Die Coronakrise gibt zu schaffen, daneben werden die Zinsen weiter im Keller bleiben

Nicht immer ist die Lage so klar wie in den oben stehenden Beispielen. Als Faustregel finde ich diese „Rollenkongruenz“ aber hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Richtig ist dieser Satz dann, wenn die Sonne rein räumlich neben einigen Nebenfeldern scheint. Es sind dann gleichzeitig Nebelfelder und Sonneschein zu sehen.

Das zweideutige „weniger Offensichtliches“

Frage

Wie wird eine Kombination aus Adjektiv/Adverb + substantiviertes Adjektiv richtig geschrieben? Bsp.: „das weniger Offensichtliche“

Die Substantivierung bezieht sich dabei auf die gesamte Konstruktion, also nicht „weniger vom Offensichtlichen“, sondern vielmehr „das, was weniger offensichtlich ist“. Die einzige alternative Schreibweise, die mir einfällt, um diesen Bedeutungsunterschied darzustellen, wäre „das Wenigeroffensichtliche“. Welche ist nun richtig?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

richtig ist hier nur die Getrenntschreibung

das weniger Offensichtliche

wie zum Beispiel

das sehr Exotische
das heute Erreichbare
das auf den ersten Blick nicht so Interessante

Die Formulierung „weniger Offensichtliches“ ist für sich allein stehend tatsächlich zweideutig: „in geringerem Maße Offensichtliches“ oder „eine geringere Menge Offensichtliches“. Das liegt daran, dass „weniger“ hier zwei Bedeutungen haben kann:

  1. in geringerem Maße, nicht sehr, nicht so
  2. eine geringere Menge/Zahl, nicht so viel

Dieser Unterschied lässt sich nicht in der Schreibung ausdrücken, das heißt, man schreibt in beiden Fällen gleich.

Hier ist weniger Offensichtliches zu sehen =
a) Hier ist in geringerem Maße / nicht so Offensichtliches zu sehen
b) Hier ist eine geringere Menge / nicht so viel Offensichtliches zu sehen

Wir müssen mit weniger Begabten arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße Begabten arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl Begabten arbeiten

Oft ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist. So kann „das weniger Offensichtliche“ nur „das in geringerem Maße Offensichtliche“ bedeuten. Wenn dies wie in den zwei Beispielen oben nicht unmittelbar der Fall ist und auch der weitere Zusammenhang keinen Aufschluss gibt, sollte anders formuliert werden. Je nachdem, was gemeint ist, können „in geringerem Maße“, „nicht so“ bzw. „eine kleinere Menge/Anzahl“, „nicht so viel“ oder eine andere Wortwahl dabei helfen.

Die Zweideutigkeit ergibt sich übrigens nicht aus der Substantivierung. Sie besteht auch, wenn „weniger“ mit einem nicht substantivierten Adjektiv verbunden wird:

Wir müssen mit weniger begabten Menschen arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße begabten Menschen arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl begabten Menschen arbeiten

weniger offensichtliche Effekte =
a) nicht so offensichtliche Effekte
b) nicht so viele offensichtliche Effekte

Manchmal wäre ich froh, wenn bei den Fragen weniger Kompliziertes vorbeikäme, aber das gilt in keinem Sinn für diese Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zu 11t?

Frage

Wäre es möglich, „zu elft“ durch „zu 11ft“ zu ersetzen?

Antwort

Guten Tag Herr N.,

man kann und darf abkürzen, wie man will. Wichtig ist dabei eigentlich nur, dass die Abkürzung aus irgendeinem Grund notwendig und in dem Zusammenhang, in dem sie verwendet wird, verständlich ist. Das ist bei Ihrem Vorschlag nicht gegeben.

Es ist theoretisch möglich „zu elft“ durch „zu 11t“ zu ersetzen (nicht „zu 11ft“, da das f ja zu „elf“ gehört und es dann ausgeschrieben „zu elfft“ würde). Die Abkürzung „zu 11t“ ist aber nicht oder kaum üblich. Es ist auch nicht üblich „zu 4t“, „zu 5t“, „zu 6t“ usw. zu verwenden (dabei lasse ich allerdings die Schreibgewohnheiten auf gewissen Social Media außer Acht …). Wenn Sie „zu 11t“ schreiben, riskieren Sie, dass man nicht oder nur schwer versteht, was Sie damit meinen. Meine erste Interpretation von „zu 11t“ ist nämlich „zu 11 Tonnen“, auch wenn streng genommen zwischen 11 und t ein Abstand fehlen würde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich nach einigem Stutzen aus dem Zusammenhang ergeben würde, dass es um eine Gruppe von elf Personen und nicht um elf Tonnen geht, aber der Leserschaft zuliebe sollte man auf „zu 5t“, „zu 7t“ oder „zu 11t“ verzichten und „zu fünft“, „zu siebt“ oder „zu elft“ schreiben. Das liest sich viel leichter.

Man sollte bei Abkürzungen, die nicht üblich sind, darauf achten, dass sie leicht interpretierbar sind. Darüber, was „leicht interpretierbar“ ist, lässt sich natürlich endlos diskutieren, aber bei „zu 11t“ ist diese Grenze meiner Meinung nach überschritten. Außerdem ist der Buchstabengewinn, den die Abkürzung liefert, sowieso gering.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bei »würde werden« steht oft ein »werden« zu viel

Frage

Kürzlich habe ich auf einem Portal eine Wortform gesehen, die ich vorher nie gehört hatte. Es ging um einen Beispielsatz wie:

Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben werden.

Es muss sich um eine seltene Form handeln. Könnten Sie mir bitte sagen, wann man diesen Konjunktiv II Futur II verwendet und woher das zusätzliche „werden“ am Schluss kommt?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

man kann eine Form wie „würde geschrieben haben werden“ zwar bilden, sie gilt aber nicht als korrekt. Die korrekte Form kommt ohne das letzte „werden“ aus. Vergleichen Sie die folgenden Formen:

Indikativ Futur II
Wenn er schnell schreibt, wird er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.

Konjunktiv I Futur II
Wenn er schnell schreibe, werde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.

Konjunktiv II Futur II
Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.**

Das letzte „werden“ im Beispielsatz, den Sie zitieren, kann man dadurch erklären, dass anstelle des Konjunktivs II „würde“, die würde-Form „würde werden“ verwendet wird.

Beispiele von würde-Formen als Ersatz für den Konjunktiv II:

fände = würde finden
schlösse = würde schließen
schriebe = würde schreiben
würde = würde werden

Es ist jedoch nicht sinnvoll und nicht üblich, den Konjunktiv II „würde“ des Hilfsverbs „werden“ durch die würde-Form „würde werden“ zu ersetzen. Es gilt auch nicht als korrekt. Deshalb ist eine Form wie „würde geschrieben haben werden“ nicht als richtig anzusehen.

In der folgenden Liste stehen jeweils 1. der Indikativ, 2. der Konjunktiv II und 3. die nicht korrekte würde-Form des Hilfsverbs „werden“ im Futur und im Passiv:

a.1 Sie wird es schreiben.
a.2 Sie würde es schreiben.
a.3 nicht: *Sie würde es schreiben werden.

b.1 Sie wird es geschrieben haben.
b.2 Sie würde es geschrieben haben.
b.3 nicht: *Sie würde es geschrieben haben werden.

c.1 Das Buch wird geschrieben.
c.2 Das Buch würde geschrieben.
c.3 Das Buch würde geschrieben werden = d.2

d.1 Das Buch wird geschrieben werden.
d.2 Das Buch würde geschrieben werden.
d.3 nicht: *Das Buch würde geschrieben werden werden.

e.1 Das Buch wird bald fertig geschrieben worden sein.
e.2 Das Buch würde bald fertig geschrieben worden sein.
e.3 nicht: *Das Buch würde bald fertig geschrieben worden sein werden.

Die mehrteiligen Verbformen können im Deutschen zwar ziemlich komplex sein, aber ganz so schlimm wie „würde geschrieben haben werden“ und „würde geschrieben worden sein werden“ wird es zum Glück doch nicht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Häufig wird bei so komplexen Futur-II-Formen auf das „Perfekt des Zukünftigen“ ausgewichen, das dann dieselbe Bedeutung hat wie das Futur II:

Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.
Wenn er schnell schriebe, hätte er das Buch bis morgen fertig geschrieben.

Interpunktionsparadies oder Interpunktionsinferno: doppelte und einfache Anführungszeichen am Satzende

Frage

Ich hätte eine Frage zu Zitaten oder wörtlicher Rede innerhalb der wörtlichen Rede und den dazugehörigen Satzzeichen. Folgender Satz enthält eine wörtliche Rede und innerhalb dieser eine weitere zitierte wörtliche Rede:

Sie sagte: »So hat er es immer selbst genannt: ›Bei mir ist die Körpergröße eher Körperkleine.‹«

Ich bin der Meinung, nach dem halben [oder einfachen] Ausführungszeichen müsste auch noch ein Punkt stehen, dann die [doppelten] Anführungszeichen fürs Ende der eigentlichen wörtlichen Rede. Ich bin leider wieder mal nicht fündig geworden und hoffe, Sie können mir helfen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

wenn ein ganzer Satz als zitierte wörtliche Rede innerhalb einer wörtlichen Rede steht und den Gesamtsatz abschließt, steht nur der Schlusspunkt des zuletzt zitierten Satzes:

Sie erwiderte: »So hat er es immer selbst genannt: ›Bei mir ist die Körpergröße eher Körperkleine.‹«

Der Punkt des übergeordneten Zitats und der Punkt des Gesamtsatzes fallen beide weg. Das ergibt sich nicht direkt aus den Angaben der amtlichen Rechtschreibregelung (sie erwähnt diesen Fall nicht ausdrücklich), es ist aber die übliche Interpretation der Regeln.

Wenn die übergeordnete wörtliche Rede weitergeführt wird, fallen der Schlusspunkt des Zitats im Zitat und der Schlusspunkt des Gesamtsatzes weg:

Sie erwiderte: »So hat er es immer selbst genannt: ›Bei mir ist die Körpergröße eher Körperkleine‹, und er hat dabei gelacht.«

Da wir uns schon mit solchen Spitzfindigkeiten der Zeichensetzung herumgeschlagen, hier noch ein paar andere Kombinationen mit verschachtelter direkter Rede, bei denen man sich leicht im »Satzzeichensalat« verlieren kann:

Sie erzählte: »Ich habe ihn nur gefragt: ›Was willst du eigentlich von mir?‹«
Sie erzählte: »Ich habe ihn nur gefragt: ›Was willst du eigentlich von mir?‹, aber er hat nicht geantwortet.«
Sie erzählte: »Ich habe ihn nur gefragt: ›Was willst du eigentlich von mir?‹«, aber das glaube ich ihr nicht.
Hat sie wirklich gesagt: »Ich habe ihn nur gefragt: ›Was willst du eigentlich von mir?‹«?

Dann noch ein paar Beispiele mit zitierten Titeln oder Wortgruppen:

Er behauptete: »Die beste Serie aller Zeiten ist ›Game of Thrones‹.«
Er fragte: »Was hältst du von der Serie ›Game of Thrones‹?«
Hat er wirklich gesagt: »Die beste Serie aller Zeiten ist ›Game of Thrones‹«?
Hast du wirklich gefragt: »Was hältst du von der Serie ›Game of Thrones‹?«?

Er frage: »Was bedeutet ›Quo vadis?‹?«
Sie antwortete: »›Quo vadis?‹ bedeutet ›Wohin gehst du?‹.«
Sie antwortete: »›Quo vadis?‹ bedeutet ›Wohin gehst du?‹, und arbeitete weiter.«

A: »Das steht so bei ›Fragen Sie Dr. Bopp!‹.«
B: »Steht das wirklich so bei ›Fragen Sie Dr. Bopp!‹?«

Und wenn die Satzzeichen bei Ihnen jetzt wie bei mir anfangen, auf dem Bildschirm herumzuschwirren, verstehen Sie, warum man solche Sätze sich selbst zuliebe auch anders formulieren darf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Den Onkel am/im Nachmittag besuchen

Frage

Letztens sprach ich mit meinem Onkel, der mir anbot am späten Nachmittag bei ihm vorbeizukommen. Ich wollte aber lieber im späten Nachmittag bei ihm reinschauen. Können Sie mir sagen, wann ich bei ihm reinschauen soll?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

im Standarddeutschen (und soweit die Coronaregeln es zurzeit zulassen) besucht man den Onkel am späten Nachmittag. Ich kenne die Wendung „im Nachmittag“ oder „im späten Nachmittag“ nicht. Es könnte sein, dass es sich hier um eine regionale oder mundartliche Wendung handelt. Ebenfalls möglich sind Einflüsse aus einer anderen Sprache, die Sie kennen (zum Beispiel engl. in the afternoon, nld. in de (na)middag, frz. dans l’après-midi, sp. en la tarde, ital. nel pomeriggio). Im Deutschen werden solche Tageszeitangaben, nach denen mit „wann“ gefragt werden kann, mit „am“ gebildet:

Es geschah am frühen Morgen.
Sie werden am Vormittag in Frankfurt landen.
Ich besuche meinen Onkel am späten Nachmittag.
Du kannst auch noch am Abend anrufen.

Natürlich geht es nicht ohne Ausnahme. Wenn die Tageszeitangabe weiblich ist, verwendet man doch „in“:

in der Frühe
in der Nacht

Anders sieht es aus, wenn die Tageszeitangabe im Akkusativ steht, weil sie im weitesten Sinne das „Ziel“ ist. Dann kommt auch bei männlichen Tageszeitangaben „in“ zum Zuge:

Sie haben weit in den Morgen hinein geschlafen.
Die Sitzung dauerte bis in den späten Nachmittag (hinein).
Er schwang sich auf sein Ross und ritt in den Abend hinaus.

So viel zu dem, was üblich ist. Ob Sie nun standardsprachlich „am Nachmittag“ oder unüblich „im Nachmittag“ bei Ihrem Onkel vorbeischauen, ist für einen angenehmen Besuch nicht so wichtig (vorausgesetzt, dass Sie sich nicht darüber streiten, ob es „am“ oder „im“ heißen muss …).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Variantenvielfalt: Hat er aufgehört sich zu drehen, sich zu drehen aufgehört oder sich aufgehört zu drehen?

Frage

Ich hätte eine Frage bzgl. Infinitivsätze mit Reflexivpronomen. Ich glaube, ein Satz wie

(1) „Er hat aufgehört, sich zu drehen.“

wird auch oft als

(2) „Er hat sich aufgehört zu drehen.“

gesprochen. Ist der Satz (2) grammatikalisch korrekt?

Ich habe einen Satz gesehen wie:

(3) „Der Hase hat sich versucht zu verstecken.“

und es hieß, korrekter wäre

(4) „Der Hase hat versucht, sich zu verstecken.“

Ist der Satz (3) nur falsch, weil es fehlgedeutet werden kann (als „sich versuchen“ = erfolglos suchen), oder ist er grammatikalisch falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wieder einmal gibt es nicht nur „richtig“ und „falsch“. Es geht um die Stellung der Infinitivgruppe und des ihr übergeordneten Verbs. Wir leisten uns dabei eine recht große Formulierungsfreiheit, die zu ziemlich verschlungenen Resultaten führen kann. Dies übrigens nicht nur, wenn ein Reflexivpronomen beteiligt ist.

Als standardsprachlich korrekt gelten Formulierungen, in denen die Infinitivgruppe außerhalb der Satzklammer hinter dem übergeordneten Verb (= im Nachfeld) steht. Die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz sind dann schön sauber voneinander getrennt – sogar durch ein Komma, wenn man möchte:

a) Er hat aufgehört[,] sich zu drehen.
b) Der Hase hat versucht[,] sich im Kohlfeld zu verstecken.
c) Sie hatte mir versprochen[,] das Fahrrad zu reparieren.

Standardsprachlich ebenfalls akzeptiert sind Formulierungen, bei denen die ganze Infinitivgruppe innerhalb der Satzklammer (= im Mittelfeld) steht, die durch das übergeordnete Verb gebildet wird:

d) Er hat sich zu drehen aufgehört.
e) Der Hase hat sich im Kohlfeld zu verstecken versucht.
f) Sie hatte mir das Fahrrad zu reparieren versprochen.

Nicht von allen als korrekt akzeptiert werden Formulierungen, in denen ein Teil der Infinitivgruppe innerhalb der Satzklammer steht, der Infinitiv selbst aber am Schluss:

g) Er hat sich aufgehört zu drehen.
h) Der Hase hat sich im Kohlfeld versucht zu verstecken.
i) Sie hatte mir das Fahrrad versprochen zu reparieren.

Auch ich halte die verschränkten Formulierungen g), h) und i) für zweifelhaft, zumindest umgangssprachlich kommen sie aber vor.

Es sage noch jemand, die Umgangssprache sei nur eine vereinfachte Version der Standardsprache. Bei derart verschlungenen Formulierungen ist es eigentlich erstaunlich, dass wir nicht „unterwegs“ den Faden verlieren. In den Beispielen oben stehen übrigens nicht alle mehr oder weniger akzeptierten Formulierungsarten, die vorkommen können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Jeff Bezos dieser Welt haben viel, aber keinen Apostroph

Frage

In einer Zeitung lese ich heute:

Wir haben die Welt komplett den Jeff Bezos’, den Mark Zuckerbergs, den Bill Gates’ und den Steve Jobs’ überlassen.

Sind die Apostrophe korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Apostrophe sind nicht korrekt. Warum? Weil es keine Regel gibt, die sie rechtfertigen würde. Richtig ist hier die Schreibung ohne Apostroph:

Wir haben die Welt komplett den Jeff Bezos, den Mark Zuckerbergs, den Bill Gates und den Steve Jobs überlassen.

die Britney Spears und die Katy Perrys dieser Welt

Ein Apostroph steht bei Eigennamen, die auf s, x oder z enden, nur im Genitiv Singular, wenn sie ohne einen Artikel o. Ä. stehen:

Jeff Bezos’ Onlineversandhaus
Bill Gates’ Ehefrau Melinda Gates
Britney Spears’ Vermögen

Echte Beispiele mit deutschen Namen habe ich nicht viele gefunden. Manchmal liest man „die Angela Merkels dieser Welt“, Formulierungen wie „die Andrea Nahles dieser Welt“ oder „die Heiko Maas dieser Republik“ bin ich aber kaum begegnet. Das hat vielleicht damit zu tun, dass bei manchen deutschen Namen spontane Pluralbildungen diese Art auch mit anderen Endungen möglich sind: „die Heiko Maase dieser Republik“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp