(Von) anderswoher und (von) woandersher

Frage

Ich denke über das Wort „woanders“ nach. Ich möchte damit ausdrücken, dass jemand von einem anderen Ort kommt. Sind die folgenden Sätze grammatisch? Würden Sie Satz 1 oder Satz 2 bevorzugen?

Satz 1: Er kommt von woanders her.
Satz 2: Er kommt woanders her.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

hier passt am besten „woandersher“ oder „anderswoher“:

Er kommt woandersher.
Er kommt anderswoher.

(In den Wörterbüchern werden diese Adverbien zum Teil als „umgangssprachlich“ bezeichnet, aber das soll uns hier nicht weiter stören.)

Man schreibt also zusammen. Das gilt auch für zum Beispiel irgendwoher, nirgendwoher bzw. woandershin*, anderswohin*, irgendwohin*, nirgendwohin*:

Irgendwoher klang leise Musik.
Als er sie hereinkommen sah, blickte er schnell woandershin.
Wir gehen nirgendwohin.

Die Kombination mit von – also von woandersher, von anderswoher oder von woher – kommt auch vor, sie ist aber eigentlich redundant, denn woher und woandersher drücken ja schon VON einer (anderen) Stelle aus. Dennoch begegnet man dieser Kombination sehr häufig, so dass man sie kaum als falsch bezeichnen kann. Interessant ist hier, dass die entsprechende Verbindung nach woandershin bzw. nach anderswohin nur sehr selten vorkommt.

Meine Empfehlung: statt von woher/von woandersher/von anderswoher besser einfach woher/woandersher/anderswoher und am besten nie nach woandershin/nach anderswohin, sondern nur woandershin/anderswohin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Hier ist manchmal je nach Bedeutung auch eine andere Schreibung möglich:

Wollen wir uns anderswohin setzen? (an einen anderen Ort setzen)
Wollen wir uns anderswo hinsetzen? (an einem anderen Ort hinsetzen)

etwas achtlos irgendwohin legen (an irgendeinen Ort legen)
etwas achtlos irgendwo hinlegen (an irgendeinem Ort hinlegen)

Verständnis einer Sache, Verständnis von einer Sache, Verständnis für eine Sache

Frage

Ich stolpere ständig über Sätze, in denen der Begriff „Verständnis“ vorkommt. Klar ist mir eigentlich, dass mit „Verständnis für etwas“ eher ein Einfühlungsvermögen gemeint ist.

Nun scheint es aber gemäß meiner wiederholten Recherche keinen Unterschied zwischen „Verständnis von etwas“ und „Verständnis + Genitivattribut“ zu geben. Angeblich ist die Genitivkonstruktion üblicher und zu bevorzugen, womit ich jedoch oft ein Problem habe.

Meines Erachtens wird es schlimm, wenn sowohl eine Person als auch ein Gegenstand genannt werden, z. B. „Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur“.

Auch die folgende Formulierung klingt für mich komisch: „Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.“ […]

Antwort

Guten Trag Frau B.,

mit Verständnis für jemanden/etwas wird gesagt, dass man sich in eine Person oder eine Sache hineinversetzen kann. Mit Verständnis einer Sache wird gesagt, dass man etwas versteht, begreift.

Mit der zweiten Bedeutung von Verständnis steht das Objekt (dasjenige, was verstanden wird) im Prinzip im Genitiv:

Viele Fremdwörter erschweren das Verständnis des Textes.
Das Verständnis seiner Motive ist wichtig.

Auch das Subjekt des Verstehens (die Person, die versteht) steht im Prinzip im Genitiv:

das Verständnis des Dichters (der Dichter versteht)
das Verständnis der Schüler fördern (die Schüler verstehen)

Ob der Genitiv das Objekt oder das Subjekt bezeichnet, ergibt sich aus dem Zusammenhang. In der Regel sind bei Verständnis mit dieser Bedeutung Personen Subjekt und Nichtpersonen Objekt. Deshalb ist in Fällen wie den folgenden (mehr oder weniger) klar, was gemeint ist:

das Verständnis des Richters der Motive des Täters
das Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Ebenso zum Beispiel:

die Beurteilung des Richters der Motive des Täters
die Kenntnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Formulierungen dieser Art werden dennoch häufiger vermieden, das heißt, man weicht auf andere Formulierungen aus. Manchmal wird mit für formuliert. Das ist aber nicht zu empfehlen, da Verständnis für eine andere Bedeutung hat (siehe oben):

das Verständnis des Richters für die Motive des Täters (andere Bedeutung)
das Verständnis des Dichters für die mittelalterliche Literatur (andere Bedeutung)

Es ist ebenfalls nicht zu empfehlen auf eine Formulierung mit von auszuweichen. Wenn die Wortgruppe wie hier einen Artikel enthält, gilt dies als umgangssprachlich:

das Verständnis des Richters von den Motiven des Täters (umgangssprachlich)
das Verständnis der Dichters von der mittelalterlichen Literatur (umgangssprachlich)

(Mehr dazu, wann man auch standardsprachlich von statt des Genitiv verwenden kann oder muss, siehe hier.)

Weder für noch von bieten hier also eine gute Lösung. Es ist deshalb standardsprachlich besser, a) den doppelten Genitiv stehen zu lassen oder b) ganz anders zu formulieren, wenn man ihn vermeiden will. Zum Beispiel:

  1. Das Verständnis des Richters der Motive des Täters ist wichtig.
  2. Es ist wichtig, dass der Richter die Motive des Täters versteht.
  1. Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur.
  2. Darin zeigt sich, dass der Dichter ein großes Verständnis der mittelalterlichen Literatur hat.
    Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters im Bereich der mittelalterlichen Literatur.
  1. Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.
  2. Wir sollten den Menschen die Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz besser verständlich machen.

Der Genitiv ist schön, man sollte es aber innerhalb eines Satzes nicht damit übertreiben. Das Verständnis der Lesenden des Inhaltes des Textes könnte darunter leiden – wie dieser letzte Satz zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reagiert man über oder überreagiert man?

Frage

Ich schicke Ihnen eine kleinere Frage zum Verb „überreagieren“. Nach der Betonungsregel parallel zu „einen Mantel überziehen“ klar auf der ersten Silbe betont, also trennbar. Mir ist aber bei „er reagiert über“ sehr unwohl. Kann das stimmen? Und wie ist dann die Form im Perfekt? Ich finde „er hat überreagiert“ richtig.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

problemlos ist hier das Perfekt. Richtig ist:

er hat überreagiert

Anders sieht es bei gebeugten (finiten) Formen im Hauptsatz aus. Die beste Lösung ist hier wieder einmal, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Wenn es doch sein soll, dann am besten ungetrennt:

er überreagiert

Verben mit betontem über mit der Bedeutung zu sehr/stark sind im Deutschen dann problematisch, wenn sie als finite (gebeugte) Form im Hauptsatz stehen. Sind sie dann trennbar oder nicht? Sie müssten eigentlich trennbar sein, denn betonte Vorsilben werden im Hauptsatz abgetrennt:

einen Mantel überziehen – du ziehst den Mantel über
jemanden aufs Festland übersetzen – er setzt uns aufs Festland über
zu einem anderen Thema überwechseln – wir wechseln zu einem anderen Thema über

Bei den Verben dieser Gruppe (über = zu sehr/stark) ist dies aber nicht der Fall. Meist werden sie nur im Infinitiv und als Partizip gebraucht1:

Man sollte nicht überreagieren.
Sie haben überreagiert.

Seltener kommen finite Formen im Nebensatz vor:

Denkst du, dass ich überreagiere?
Ich finde, dass ihr überreagiert.

Im Hauptsatz kommen Verben dieser Art nur selten vor. Nach den Angaben in den Wörterbüchern, wenn sich überhaupt etwas dazu finden lässt, bleiben die Verbformen dann (meist) ungetrennt:

In diesem Fall überreagierst du.
Kleine Kinder überreagieren nicht, sie reagieren einfach ehrlich.

Im DWDS findet sich aber neben [er] überreagiert auch [er] reagiert über. Ich halte die getrennten Formen reagiert über für ungebräuchlich, aber es zeigt sich sowieso, dass hier eine relativ große Unsicherheit herrscht2. Am besten vermeiden Sie bei Unsicherheit solche Formen.

Dasselbe gilt auch für u.a.:

überbelasten, überbelegen, überbelichten, überbetonen, überbewerten, überbezahlen, übererfüllen, überversichern, überversorgen; überdosieren, überinterpretieren, überkompensieren, überregulieren, überstrapazieren, übertrainieren

sowie deren Gegenteil auf unter-, sofern vorhanden. Bei den meisten dieser Verben werden, wenn überhaupt, ungetrennte finite Hauptsatzformen angezeigt (du überbelastest, du überbelichtest, du überbetonst usw.).

Doch wie gesagt: Die Unsicherheit ist bei diesen Formen groß und ihre Häufigkeit (entsprechend?) gering.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Gemäß den Angaben im Online-Duden gibt es sogar gar keine finiten Verbformen von überreagieren. Nach einem kurzen Blick ins Internet und andere Wörterbücher halte ich das für nicht zutreffend.

2 Die Unsicherheit hat vielleicht damit zu tun, dass diese Verben häufig weniger direkte Ableitungen von einem Verb sind als eher Rückbildungen aus Substantiven wie Überreaktion, Überdosierung bzw. aus adjektivischen Partizipien wie überbelastet, überbelichtet usw. Zum Substantiv Überreaktion wird das Verb überreagieren gebildet, zum adjektivichen Partizip überbelichtet das Verb überbelichten usw.

Nebenordnendes „weil“ – vielleicht etwas verwirrend, weil eher selten

NB: Es geht hier nicht um das eher umgangssprachliche weil zwischen Hauptsätzen (Ich komme nicht, weil ich habe keine Zeit), sondern um standardsprachliches weil zwischen Adjektiven.

Frage

Vor kurzem habe ich Folgendes auf der Zeitung gelesen:

Sie bemühen sich weiterhin, ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket zu retten.

Was für eine Funktion erfüllt „weil“ in diesem Satz? Warum steht es zusammen mit einer Infinitivkonstruktion?

Antwort

Guten Tag N.,

in diesem Satz hat weil eine Funktion, die es eher selten hat. In der Regel leitet weil unterordnend einen Nebensatz ein.

Das Rentenpaket ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist.

Seltener kann weil nebenordnend zwischen zwei Adjektiven oder adjektivisch verwendeten Partizipien stehen. Es verbindet dann zwei Attribute (nähere Bestimmungen) miteinander, von denen das zweite das erste begründet:

ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket

In Ihrem Satz fügt weil das Attribut der Zukunft abgewandtes an, und zwar als Begründung für missratenes. Etwas ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist. Dieses weil leitet also nicht einen Begründungssatz ein, sondern es verbindet begründend zwei Adjektive miteinander.

Diese Verwendung von weil wird nicht in allen Wörterbüchern und Grammatiken angegeben und kann insbesondere bei Deutschlernenden für Verwirrung sorgen.

Weitere Beispiele:

eine schlechte, weil lückenhafte Darstellung
uninteressante, weil irrelevante Informationen
die empfehlenswerte, weil sehr abwechslungsreiche Wanderung

Auch begründendes da kann so verwendet werden:

ein missratenes, da der Zukunft abgewandtes Rentenpaket
eine schlechte, da lückenhafte Darstellung
uninteressante, da irrelevante Informationen

So viel zu diesem anfangs vielleicht etwas verwirrenden, weil eher selten vorkommenden nebenordnenden weil. (Den vorhergehenden schwer verständlichen, weil komplizierten Satz formuliert man besser anders, wenn man auf Anhieb verstanden werden möchte – und diesen auch.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Massenhaft Dokumente?

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob der folgende Satz so stimmt?

Massenhaft Dokumente belegen das.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

rein umgangssprachlich ist der Satz gebräuchlich. Das Wort massenhaft hat dabei die Bedeutung sehr viel, zahlreich.

Massenhaft Dokumente belegen das.

Man kann dies mit der ebenfalls umgangssprachlichen Wendung jede Menge vergleichen:

Jede Menge Dokumente belegen das.

ABER: Standardsprachlich gilt diese Verwendung von massenhaft nicht als korrekt. Anders als viel kann massenhaft nämlich nicht ungebeugt vor einem Substantiv stehen und es näher bestimmen. Das Adjektiv muss dann gebeugt werden:

massenhafte Arbeitslosigkeit
massenhafter Ansturm auf die Geschäfte
massenhaftes Auftreten von Problemen

Die ungebeugte Form kann u. a. adverbial verwendet werden (Bedeutung: in Massen, in großen Mengen):

Die Probleme treten massenhaft auf.
Massenhaft treten Probleme auf.
Es treten massenhaft Probleme auf (massenhaft = in Massen)

Die Dokumente wurden massenhaft gefälscht.
Massenhaft wurden Dokumente gefälscht.
Es wurden massenhaft Dokumente gefälscht (massenhaft = in großen Mengen)

Aber nicht bzw. nur umgangssprachlich:

Massenhaft Probleme treten auf.
Massenhaft Dokumente wurden gefälscht.
Massenhaft Dokumente belegen das.

Standardsprachlich sagt man dann besser zum Beispiel:

Zahlreiche Probleme treten auf.
Sehr viele Dokumente wurden gefälscht.
Zahlreiche Dokumente belegen das.

Zusammenfassend: Der Satz in Ihrer Frage stimmt, aber nur umgangssprachlich. Standardsprachlich sollte anders formuliert werden. Dort kann ungebeugtes massenhaft grob gesagt nur dann vor einem Substantiv stehen, wenn es durch in Massen oder in großen Mengen ersetzt werden kann (siehe Beispiele oben).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit oder ohne Komma: „Ohne Daten[,] keine KI“

Frage

Ich habe hier eine kleine Frage zur Kommasetzung und hoffe, dass Sie mir dabei helfen können.

So ist der aktuelle Stand: Ohne Daten[,] keine Bestätigung. Ohne Bestätigung[,] keine Anhörung.

Gefühlt würde ich denken, dass kein Komma stehen sollte.

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihr Gefühl täuscht Sie nicht. Man setzt die Kommas bei verkürzten Sätzen im Prinzip gleich, wie wenn sie vollständig sind. Hier handelt es sich um Sätze, bei denen in der ausformulierten Form keine Kommas stehen. Sie kommen deshalb auch in der verkürzten Form ohne Kommas aus:

Ohne Daten gibt es keine Bestätigung. Ohne Bestätigung gibt es keine Anhörung.

Ohne Daten keine Bestätigung. Ohne Bestätigung keine Anhörung.

Hier noch ein paar Beispiele:

Ohne Zustimmung keine Werbung
Ohne Vorauszahlung kein Versand
Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit
Ohne Daten keine KI

So unkompliziert kann es manchmal sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Modalverben: Wollen, möchten oder sollen wir uns treffen?

Frage

Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“

Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?

ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.

Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.

Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.

Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.

Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?

Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:

Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?

Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.

Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?

Diese Funktion kann hier auch wollen haben:

Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.

Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.

Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:

Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)

Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:

Soll ich dich morgen bei dir treffen?

Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.

Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?

So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißt es „der Grund, warum“ oder „der Grund, aus dem“?

Frage

Kann man sagen: „Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin“, oder geht nur: „Das ist der Grund, warum ich gekommen bin“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

rein grammatisch gesehen geht beides. Man kann nach Grund einen indirekten Fragesatz anschließen. Dann steht warum. Man kann aber auch einen Relativsatz verwenden. Dann steht aus dem.

Was ist besser? – Üblich ist vor allem der Grund, warum. Die Formulierung der Grund, aus dem kommt seltener vor, sie ist aber nicht falsch. Am besten wählen Sie also:

Das ist der Grund, warum ich gekommen bin.

Weniger üblich, aber nicht falsch:

Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin.

Beim Plural Gründe kommt der Relativsatz übrigens häufiger vor als im Singular. Dann sind beide Formulierungen üblich:

Das sind die Gründe, warum ich gekommen bin.
Das sind die Gründe, aus denen ich gekommen bin.

Dann sei hier noch eine weitere Formulierung erwähnt:

Das ist der Grund dafür, dass ich gekommen bin.
Das sind die Gründe dafür, dass ich gekommen bin.

So gibt es auch hier mehr als eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp