In beide(n) Richtungen gesperrt

Frage

Regelmäßig stolpere ich über die folgende Formulierung, die täglich in Radio und Fernsehen zu hören ist: „Die Straße ist in beiden Richtungen gesperrt.“ […] Wenn ich mich frage, welcher Fall hier stehen muss, dann scheint es mir, es müsste doch eigentlich der Akkusativ sein und nicht der Dativ. Richtungsangaben erfordern doch – wenn ich mich richtig erinnere – den Akkusativ.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

es ist richtig, dass nach in der Akkusativ steht, wenn es um eine Bewegung geht, und der Dativ, wenn es um einen Zustand geht (Grammatik):

Wir gehen ins Haus.
Ich lege mich in die Sonne.
Bewegung, dynamisch => Akkusativ

Wir sind im Haus.
Ich liege in der Sonne.

Zustand, statisch => Dativ

Das Wort Richtung wird sowohl mit dem Akkusativ als auch mit dem Dativ verwendet. Das hat damit zu tun, dass das Wort sowohl eine statische (Dativ) als auch eine dynamische (Akkusativ) Komponente hat. Die Richtung an und für sich ist nämlich nicht dynamisch. Sie ist wie ein Wegweiser mit einem Pfeil, der irgendwohin weist, der aber selbst statisch ist. Etwas, das sich in diese/dieser Richtung bewegt, ist dynamisch, bezüglich der Richtung ist es aber gewissermaßen statisch, denn die Richtung bleibt ja gleich.

Das Wort Richtung kann also sowohl dynamisch als auch statisch interpretiert werden. Mit Bewegungsverben, die ebenfalls dynamisch sind, wird häufiger der Akkusativ verwendet:

in die gleiche Richtung gehen
seltener: in der gleichen Richtung gehen

Bei statischen Ausdrücken wie gesperrt sein hingegen wird eher der Dativ verwendet:

in beiden Richtungen gesperrt sein
selten: in beide Richtungen gesperrt sein

Wie Sie sehen, können in der Sprache sogar so eindeutig unterscheidbare Begriffe wie statisch und dynamisch, Zustand und Bewegung, in gewissen Fällen Anlass zu Zweifeln geben und zu unterschiedlichen Interpretationen führen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das zähe Wörtchen Frühstück

Nachdem unsere neue Nachbarin gestern Abend beim Abendessen gezeigt hatte, dass sie sympathisch und dem Weine nicht ganz abgeneigt ist, hatte ich heute Morgen beim Frühstück einen etwas schwereren Kopf als sonst. Da es kein ausgewachsener, kampfeslustiger Kater war, trat er schon nach einer Tasse Kaffee den Rückzug an, sodass doch noch ein paar einigermaßen klare Gedanken aufkamen. Einer davon war: „Frühstück? Weshalb Frühstück? Früh kann ich noch erklären, aber Stück?“

Natürlich bin ich nach einer zweiten Tasse Kaffee dieser Frage für Sie und für mich nachgegangen. Dabei bin ich recht schnell auf eine wenig spektakuläre Antwort gestoßen: Das Wort Frühstück gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Wie das mittelhochdeutsche Morgenbrot bezeichnete es das erste in der Frühe gegessene Stück Brot.

Es ist ein recht robustes Wort. Es gelang ihm, Morgenbrot zu verdrängen und später aufkommende Konkurrenten wie Frühkost erfolgreich hinter sich zu lassen. Auch fremdsprachlichen Thronprätendenten bietet es erfolgreicher die Stirn als seine Vettern Mittagessen und Abendessen. In der Zeit, in der man in der besseren Gesellschaft beim Parlieren ein mit französischen Ausdrücken gespicktes Deutsch benutzte, kannte man zwar das Wort Dejeuner und benutzte es für Frühstück oder leichtes Mittagessen. Viel schwerer hatte es aber das Abendessen, das je nach Festlichkeitsgehalt Diner oder Souper genannt wurde. In der heutigen Hochzeit des Englischen hört man zwar öfter, dass Kollegen zum Lunch gehen, dass ein Dinner organisiert wird oder dass man sich am Sonntag zum Brunch trifft, aber von Breakfast redet im täglichen Sprachgebrauch eigentlich kaum jemand. Ein zähes Wörtchen, dieses Frühstück!

Natürlich geht es wieder einmal nicht ganz ohne regionale Unterschiede. Für die Schweizer war und ist Frühstück eine Art Fremdwort. In der Deutschschweiz nimmt man am Morgen das Morgenessen oder im Dialekt den Zmorge zu sich. Es wundert mich, dass ich keine anderen regionalen Varianten finden konnte, denn üblicherweise gibt es gerade bei solchen häuslichen Dingen oft mehr landschaftliche Varianten als sonst. Vielleicht kennen Sie ja noch andere gebräuchliche Ausdrücke. Und sonst gilt eben – wie bereits gesagt –: ein zähes und robustes Wörtchen, dieses Frühstück!

E-Mail-Adressen vorlesen

Frage

Ich weiß nicht, wie man eine E-Mail-Adresse liest. Es geht insbesondere um die Zeichen _ und @.

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

E-Mail-Adressen werden in der heutigen Zeit nicht mehr oft vorgelesen. Manchmal kommt man aber doch nicht darum herum. Man kann dann von Glück reden, wenn man eine möglichst einfache Adresse ohne 4 für for, unmotiviertes Q, maxxximale doppelte bis dreifache X oder andere momentan gerade modische Verzierungen hat. Das erspart einem einiges Buchstabieren. Neben dem Buchstabieren gibt es noch Stolpersteine wie Zeichen, die man sonst nie verwendet: _ und @.

Das Zeichen _ nennt man Unterstrich. Das Zeichen @ heißt At-Zeichen oder At-Symbol und wird wie englisches at (= bei) ausgesprochen: ätt. Eine Adresse wie diese:

stephan_bopp@canoo.com

liest man dann also – abgesehen vom leidigen Buchstabieren wegen ph (noblesse oblige), pp und canoo – in dieser Weise:

stephan Unterstrich bopp ätt canoo Punkt com

(Diese Adresse gibt es übrigens nicht! Die wirkliche Kontaktadresse finden Sie hier.)

Das ist die mehr oder weniger offizielle Version. Anstelle von Unterstrich wird oft auch die englische Bezeichnung Underscore verwendet und für @ gibt es unter anderem so schöne (umgangssprachliche) Namen wie Klammeraffe und Affenschwanz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man Herrscher beugt: Kaiser Karl im Genitiv

Wie ich schon des Öfteren erwähnt habe, kommen Fragen manchmal wie in Wellen. Diese und letzte Woche war die Beugung von Herrschernamen an der Reihe. Warum das wohl so ist? Mit der Regierungsbildung in Deutschland kann es nicht so viel zu tun haben, denn von Angela der Ersten habe ich noch nie gehört und zu Guido dem Ersten wird es wohl nur schon wegen der Größe seiner Partei nicht kommen (auch wenn ihm das vielleicht gar nicht so missfallen würde). Doch ich schweife wieder einmal ab.

Frage

Wir würden uns gerne Gewissheit darüber verschaffen, ob man korrekterweise die Kaiserpfalz Karls des Großen oder die Kaiserpfalz Karl des Großen schreibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

bei Herrschernamen werden sowohl der Name selbst als auch der Zusatz gebeugt. Wenn Karl der Große das Thema ist, redet man über Karl den Großen. Man beschäftigt sich also mit Karl dem Großen. Im Genitiv sagt und schreibt man:

die Kaiserpfalz Karls des Großen

Das gilt auch für Frauen: Wenn Katharina die Große das Thema ist, redet man über Katharina die Große. Man beschäftigt sich also mit Katharina der Großen. Und im Genitiv:

die Herrschaft Katharinas der Großen

Sehen Sie hierzu diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Etwas komplizierter wird es, wenn man vor dem Namen den Titel nennt. Der Titel bleibt ungebeugt, wenn er ohne Artikel steht:

die Pfalz Kaiser Karls (des Großen)
die Herrschaft Kaiserin Katharinas (der Großen)
die Truppen Herzog Wilhelms (des Eroberers)

Wenn der Titel mit Artikel steht, übernimmt er die Herrschaft in der Wortgruppe und wird deshalb gebeugt. Dafür tritt der Eigenname zurück und verliert die Endung:

die Pfalz des Kaisers Karl (des Großen)
die Herrschaft der Kaiserin Katharina (der Großen)
die Truppen des Herzogs Wilhelm (des Eroberers)

Das bisher Gesagte gilt auch dann, wenn man Herrscher sozusagen durchnummeriert:

die Herrschaft Karls des Fünften
die Truppen Herzog Wilhelms des Zweiten
das Reich der Kaiserin Katharina der Ersten

Zu guter Letzt noch ein Hinweis zur Schreibweise: Wenn man die Namen „nummerierter“ Herrscher mit römischen Ziffern abkürzt, fällt der Artikel vor der Ordnungszahl weg (nur in der Schrift; bei lautem Lesen muss er gesprochen werden). Hinter der Ziffer schreibt man einen Punkt:

die Herrschaft Karls V.
die Truppen Herzog Wilhelms II.
das Reich der Kaiserin Katharina I.

Das klingt alles recht kompliziert – und das ist es auch. Wir sind diese Namen eben nicht mehr so gewohnt, weil es außer im Vaduz Hans-Adams II. von und zu Liechtenstein in den deutschsprachigen Gefilden keine „richtigen“ Herrscher mehr gibt. Das stimmt allerdings nicht ganz, denn auch unter den Untertanen Alberts des Zweiten von Belgien und den Landsleuten Großfürst Henris von Luxemburg gibt es Deutschsprachige.

Ist umsonst auch vergebens?

Frage

Woher stammt  der Begriff umsonst? Was hat es mit Wortspielen auf sich, die sagen, dass umsonst nicht vergeblich sei? Zum Beispiel:

Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, da die Ausstellung schon geschlossen hatte.
Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, weil ich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gefunden habe.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort umsonst hat drei Bedeutungen:

  1. kostenlos, ohne Gegenleistung: Ich habe es umsonst bekommen.
  2. vergebens, vergeblich: Ich habe umsonst auf ihn gewartet.
  3. (nur verneint) ohne Zweck, grundlos: Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt.

Nun gibt es Leute, die meinen, es sei nicht richtig, umsonst im Sinne von vergebens zu verwenden. Diese Verwendung von umsonst ist aber ebenso alt, wie sie üblich und eingebürgert ist. Solange man darauf achtet, missverständliche Formulierungen zu vermeiden, ist deshalb nichts dagegen einzuwenden. Meist gibt ja – wie in Ihren Beispielsätzen – der Satzzusammenhang an, was gemeint ist. Wenn Sie am Telefon hören: „Sie rufen umsonst an, der Kinderwagen ist schon weg“, ist ganz klar, dass Sie den Anruf vergebens und nicht kostenlos gemacht haben. Wenn man sagt: „Umsonst geht nur die Sonne auf“, ist damit nicht gemeint, dass die Sonne vergebens aufgeht, sondern dass es nun einmal nichts gratis gibt.

Das Wort geht auf mittelhochdeutsches umbe sus zurück, das eigentlich um dieses, um so bedeutete. Wenn man das Aussprechen von sus (dieses, so) mit einer wegwerfenden, herablassende Geste begleitete, bedeutete die Wendung also um nichts, für nichts (Quelle: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“).

Wenn Sie nun hoffen, dass ich hier auf ein allzu naheliegendes Wortspiel verzichte, hoffen Sie umsonst. Ich kann es einfach nicht lassen:

Fragen Sie Dr. Bopp! Fragen stellen Sie immer umsonst, aber nie umsonst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „am besten“ kein großes B hat

Frage

Ich weiß nicht, ob es auf folgende Frage überhaupt eine Antwort gibt, aber wieso werden Superlative, die mit am gebildet werden, nicht wie Nomen behandelt und großgeschrieben? Spielt mir mein Sprachgefühl hier einen Streich und macht mich glauben, dass diese Superlative großgeschrieben werden „sollten“, da nach der verschmolzenen Präposition (an + dem = am) großgeschrieben wird?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

warum schreibt man Superlativformen mit am wie zum Beispiel am besten klein, wenn man mit wie nach ihnen fragen kann? Die einfachste Antwort auf diese Frage lautet: weil dies in den Rechtschreibregeln ausdrücklich so steht (amtl. Regelung § 58.2).

Es geht hier um eine Frage, die zeigt, dass es in Sprache und Rechtschreibung oft mehr als eine „logische“ Lösung gibt. Man könnte nach der allgemeinen Regel sagen, dass ein Adjektiv nach am (an dem) wie ein Nomen verwendet wird und deshalb großgeschrieben werden sollte (wie zum Beispiel in: sich nur mit dem Besten zufriedengeben). Andererseits kann man sagen, dass diese Superlativform einfach eine gebeugte Form des Adjektivs ist, die mit am und der Endung -sten gebildet wird. Entsprechend schreibt man klein.

Die Rechtschreibregelung wählt die zweite Variante. Warum? – Die Superlativform mit am wird genau gleich verwendet wie die ungebeugten Formen des Positivs und des Komparativs:

Ich finde das gut/besser/am besten.
Dieses Auto fährt schnell/schneller/am schnellsten.
das schnell/schneller/am schnellsten fahrende Auto

Die Form am …sten übernimmt die Rolle der ungebeugten Superlativform, die es bis auf wenige Ausnahmen wie herzlichst (in herzlichst grüßen) nicht gibt. Sie wird deshalb nicht als Substantivierung gesehen, sondern als eine besondere Beugungsform des Adjektivs. Dafür spricht auch die Tatsache, dass das am in dieser Verwendung auch bei besonderer Betonung nicht in an dem aufgelöst werden kann:

Ich bin nur am Besten interessiert
Ich bin nur an dem Besten interessiert

Du weißt am besten, was du brauchst.
NICHT: Du weißt an dem besten, was du brauchst.

Bei der Schreibung der mit am gebildeten Superlativformen hat also eine „logische“ Begründung (Kleinschreibung als Flexionsform) die besseren Karten als die andere (Substantivierung durch bestimmten Artikel).

Natürlich geht es auch hier nicht ganz ohne Komplikationen. Wenn man nicht mit wie, sondern mit woran fragen kann, „gewinnt“ die Substantivierung aus syntaktischen Gründen. Man schreibt die Superlativform dann auch nach am groß:

Das brauchen sie am nötigsten (Wie brauchen sie das?)
Es fehlt ihnen am Nötigsten (Woran fehlt es ihnen?)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Männliche Autos und weibliche Motorräder

Frage

Mich irritiert eine Sache ganz gewaltig: Wenn ich ein Auto z. B. der Marke BMW besitze, sage ich: „Ich fahre einen BMW.“ Habe ich aber ein BMW-Motorrad, sage ich: „Ich fahre eine BMW.“ Da sowohl das Motorrad als auch das Auto sächlich sind, muss der Ursprung für diese Ausdrucksweise ja zum Beispiel von Synonymen (welchen?) oder aber von importierten Möglichkeiten anderer Sprachen entstanden sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bis auf wenige Ausnahmen sind Autos männlich und Motorräder weiblich. Zum Beispiel:

Autos:
der Alfa Romeo
der Audi
der Citroën
der Honda

Motorräder:
die Ducati
die Honda
die Harley
die Kawasaki

Den genauen Grund für die Wahl des männlichen und weiblichen Artikels kann ich nicht mir Sicherheit angeben. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass bei den Autos das männliche Wort der Wagen und bei den Motorrädern das weibliche Wort die Maschine eine entscheidende Rolle gespielt haben. Aber warum nicht einfach das? Hier muss ich raten: Wagen klingt eben vornehmer und teurer als Auto und Maschine macht einen schnelleren und sportlicheren Eindruck als Motorrad. Motorfahrzeuge haben ja für viele von uns nicht nur die Funktion, einen von A nach B zu bringen.

Den Einfluss anderer Sprachen kann man eigentlich ausschließen. Die heute einflussreichste Fremdsprache, das Englische, kennt ja außer bei Personen kein Wortgeschlecht. Ihre Vorgänger in Sachen Einfluss, das Französische und zum Teil auch das Italienische, können auch nicht „schuld“ sein. Aus Frankreich und Italien kommen zwar viele Autos, aber dort sind sie weiblich: la Renault, une Peugeot; la Fiat, una Ferrari. Grammatische Einflüsse dieser Art aus dem Japanischen und Koreanischen, also aus Sprachen weiterer Autoländer, kommen wohl ebenfalls nicht in Frage. Diese Sprachen sind dafür nicht nur geographisch etwas zu weit entfernt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kanzler, Kanzlei, abkanzeln

Aus einem in diesem Fall nicht gerade unerfindlichen Grund kam bei mir dieses Wochenende die Frage auf, woher denn das Wort Kanzler(in) stammen könnte. Damit meine ich nicht die geschichtlichen oder gar staatsrechtlichen Hintergründe, warum man in Deutschland einen Reichskanzler hatte und zurzeit gerade eine Bundeskanzlerin eine nicht ganz unwichtige Rolle im politischen Leben dieses Landes spielt. Ich meine nur ganz einfach das Wort.

Das Wort Kanzler geht auf das spätlateinischen Wort cancellarius zurück.  Ein cancellarius war im Mittelalter ein hoher Beamter, der für die Ausfertigung wichtiger Urkunden zuständig war. Wie  man ganz genau von dieser Bedeutung zur heute in Deutschland und übrigens auch in Österreich gebräuchlichen Bedeutung des Wortes Bundeskanzler(in) kam, weiß ich nicht so genau. Man kann sich diesen Bedeutungswandel aber leicht vorstellen.

Die cancellarii hatten ihren Namen der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Tätigkeit in einem durch Schranken oder Gitter abgetrennten Raum ausübten: in der Kanzlei (von lateinisch cancelli = Gitter, Schranken). Auch die Kanzel, von der aus man manchmal abgekanzelt wurde und wird, hat den gleichen Ursprung. Wenn man ein, zwei Schritte weiter zurückgeht, trifft man sogar auf den Vorläufer des Wortes Kerker. Man sollte also froh sein, dass bei Wörtern, die historisch miteinander verwandt sind, in der gegenwärtigen Sprache oft nur noch sehr wenig von dieser Verwandtschaft übriggeblieben ist. Was immer man eventuell von Bundeskanzlern und -kanzlerinnen halten mag, als die Gemeinde abkanzelnde Kerkermeister(innen) kann man sie glücklicherweise nicht bezeichnen.

An seinem wievielten Geburtstag wird man sechs?

Frage

Seit Tagen verwirrt mich eine Geburtstagseinladung, die meine Tochter kürzlich bekommen hat: „Endlich werde ich 6! Am […] möchte ich gerne meinen 7. Geburtstag feiern.“ Auf meine Frage erklärte mir die Mutter des Kindes, es sei kein Fehler, es sei richtig den Tag der Geburt mitzurechnen. Wenn man 6 Jahre alt werde, feiere man den 7. Geburtstag. Einige Leute, die die Diskussion mitbekamen, darunter eine Deutschlehrerin, bestätigten die Behauptung. Bitte klären Sie mich auf: Hat die Mutter recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

es ist nicht erstaunlich, dass diese Geburtstagseinladung Sie verwirrt hat. Im Allgemeinen feiert man nämlich, wenn man sechs Jahre alt wird, seinen sechsten Geburtstag. Auch die Tatsache, dass man 50 Jahre alt wird, feiert man an seinem fünfzigsten und nicht an seinem einundfünfzigsten Geburtstag. Die Volljährigkeit erreicht man in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht an seinem neunzehnten, sondern an seinem achtzehnten Geburtstag.

Das Wort Geburtstag hat nämlich zwei Bedeutungen. Nur in der Amtssprache wird es manchmal wörtlich als Tag der Geburt verwendet. In der Allgemeinsprache bedeutet es nicht Tag der Geburt, sondern Jahrestag der Geburt. Wenn man ein Jahr alt wird, feiert man den ersten Jahrestag seiner Geburt, also den ersten Geburtstag. Entsprechend feierte das Mädchen, das sechs Jahre alt wurde, seinen sechsten Geburtstag. Es handelte sich um den sechsten Jahrestag seiner Geburt und nicht um den siebten Tag seiner Geburt. Sie wurde ja – um es überspitzt auszudrücken – nicht zum siebten Mal geboren.

Die Mutter des Kindes, die Deutschlehrerin und andere machen den Fehler (scherzhaft oder unbewusst – das kann ich natürlich nicht beurteilen), die beiden Bedeutungen des Wortes Geburtstag gleichzusetzen. Das klingt vielleicht „logisch“, es ist im Deutschen aber nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

5:1 für Bayern – Wer hat denn jetzt gewonnen?

Frage

Neulich auf unserer Terrasse, wir hatten die Nachbarn zu Besuch, fragte ich nach dem Spielstand der Bayern. Als Antwort bekam ich: „Eins zu fünf für Bayern.“ Ich freute mich schon, sagte aber, dass ich traurig sei, dass Bayern verloren hätte. „Nein, nein“, war die Antwort, Bayern hätte auswärts gespielt und gewonnen. Darauf ich: „Wenn ich ohne Zusatzkenntnisse (Auswärtsspiel) das Resultat 1:5 für Bayern höre, dann hat Bayern für mich verloren.“ Wie ist es richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

wenn der Spielstand mit x:y für Bayern angegeben wird, hat Bayern gewonnen, ganz gleich, ob die Bayern nun auswärts oder zu Hause gespielt haben. Die Angabe für ist nämlich für Fußballunkundige wie mich gedacht, die nicht wissen, wer wann wo spielt und in welcher Reihenfolge die Spielstände üblicherweise angegeben werden. 5:1 für Bayern oder 1:5 für Bayern, in beiden Fällen haben die Bayern gewonnen. Das für bedeutet so viel wie zugunsten von und bezieht sich auf den ganzen Spielstand (1:5).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachschrift

Das war vorgestern. Ich war mir auch ganz sicher. Da ich aber wirklich ein Fußballbanause der ersten Güteklasse bin, frage ich mich jetzt, ob ich nicht vielleicht etwas übersehen habe, was für Kenner und Eingeweihte selbstverständlich ist. Lassen Sie es Herrn D. und mich bitte wissen, wenn dem so sein sollte.