Eine Ost-West-Frage: Europa und der Atlantik

Frage

Auszug aus dem Geographieunterricht der Klasse 5 (Lückentext): „Europa und _____ grenzen im Osten an den _____ Ozean.“ Die Antwort des Lehrers lautet: „Europa und Afrika grenzen im Osten an den Atlantischen Ozean.“ Ist das richtig? Bezieht sich der Osten nun auf die genannten Erdteile oder den Ozean? Meiner Meinung nach grenzen Europa und Afrika im Westen an den Atlantischen Ozean.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn Eltern nicht mit den Lehrern und Lehrerinnen ihrer Kinder einverstanden sind, haben nach meiner Erfahrung oft die Lehrer(innen) recht. Nicht so in diesem Fall: Europa und Afrika grenzen im Westen an den Atlantischen Ozean. Man sagt auch nicht, dass Deutschland im Norden an die Schweiz und Österreich grenzt. Im Norden grenzt Deutschland an Dänemark, die Nord- und die Ostsee.

Die Sache mit den Himmelsrichtungen ist eben nicht ganz so einfach. Es kommt immer darauf an, worauf die Angabe sich im Satz genau bezieht. Achten Sie unter anderem auf die Stellung der Angabe der Himmelsrichtung in Bezug auf an:

Europa grenzt im Westen [d. h. in seinem Westen] an den Atlantischen Ozean.
Deutschland grenzt im Süden [d. h. in seinem Süden] an Österreich und die Schweiz.

Aber:

Europa grenzt an den Osten des Atlantischen Ozeans.
Deutschland grenzt an den Norden Österreichs und der Schweiz.

Der Lehrer (oder der Verfasser des Lückentextes) hat sich hier bei der Formulierung der Frage sozusagen in der Himmelsrichtung geirrt. Das kommt immer wieder einmal vor, denn Angaben von Himmelsrichtungen sind in gewissem Sinne relativ: Der Osten eines Gebietes grenzt an den Westen des Nachbargebietes. Der Süden einer Region liegt nördlich des Nordens der südlich angrenzenden Region. Da können einem die Himmelsrichtungen schon einmal durcheinanderkommen, wenn man sich nicht konzentriert.

Hinzu kommt, dass das Versehen auf den ersten Blick gar nicht so auffällt, weil Europa nur an einen einzigen Ozean grenzt. Die Antwort, die einem deshalb automatisch in den Sinn kommt, ist der Atlantische Ozean. Dabei achtet man gar nicht so sehr darauf, ob in der Frage Osten oder Westen steht, denn diese Angabe ist eigentlich überflüssig. Weiter liegt auf der gleichen Seite dieses Ozeans nur Afrika. Informationen, die man für das Verständnis nicht wirklich benötigt, lässt man oft außer Acht. Ich hätte den Lückentext spontan so ausgefüllt, wie der Lehrer es wollte. Erst durch Ihre Frage bin ich auf den Irrtum aufmerksam geworden. Gehen Sie also nicht allzu hart mit dem Lehrer ins Gericht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Autos als Lebensinhalt und Deutschland als Weltmeisterin

Es geht hier nicht um die Frage, ob die Deutschen ihr Auto mehr lieben als der Rest der Welt.

Frage

Wie erklärt der Sprachwissenschafler das Besondere folgender Opel-Werbung: „Wir leben Autos“ (FAS 13.9.09)? Wodurch entsteht grammatikalisch die Wirkung? Und wie ist es bei der folgenden Mercedes-Werbung: „Deutschland ist Weltmeisterin“ (FAZ 12.9.09)?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

beide Werbesprüche haben das wichtigste Ziel erreicht: Sie fallen auf. Das beweisen nur schon Ihre Frage und meine Antwort. Doch wie fallen Sie auf? Am besten fällt man auf, indem man abweicht. In beiden Werbeslogans steht eine Formulierung, die vom normalen Sprachgebrauch abweicht.

Wir leben Autos

In der Opelwerbung fällt die Verwendung des Wortes Autos als Akkusativobjekt bei leben auf. Normalerweise sagt man einfach leben, gut leben, an einem Ort leben, für etwas leben, von etwas leben, mit etwas leben usw. usw. Man sagt praktisch nie etwas leben. Dies ist nur üblich, wenn es um Begriffe geht, die man durchleben, vorleben oder im Leben praktizieren kann. Zum Beispiel: ein einfaches Leben leben, Demokratie leben, seinen Glauben leben, seine eigene Geschichte leben u. Ä. Es geht also um abstrakte Begriffe. Autos hingegen sind konkrete Dinge, die man im Prinzip nicht leben kann. Durch den Werbeslogan wird etwas Konkretes wie Autos zu etwas Abstraktem, zu so etwas wie einer Weltanschauung, einem Lebensinhalt. Das fällt auf.

Deutschland ist Weltmeisterin

Der Mercedes-Slogan knüpft an den Weltmeistertitel der deutschen Fußballfrauen an. Mercedes-Benz war ja der Generalsponsor der deutschen Frauen-Fußballnationalelf. Hier fällt auf, dass die weibliche Form Weltmeisterin sich auf Deutschland bezieht. Man kann sich zwar mit weiblichen Personenbezeichnungen auf eine Sache, Institution usw. beziehen, aber das ist nur dann möglich, wenn es sich um ein weibliches Wort handelt:

Antragstellerin ist die Universität
Die Firma AX ist Lieferantin des Produktes.

Bei männlichen und sächlichen Wörtern ist dies im Prinzip nicht möglich. Trotzdem bezieht sich im Mercedes-Slogan die weibliche Personenbezeichnung Weltmeisterin auf das sächliche Wort Deutschland. Obwohl es Frauen waren, die den Weltmeister(innen)titel errungen haben, ist das grammatisch gesehen eigentlich falsch und fällt deshalb entsprechend auf.

Sehen Sie hierzu auch diesen und diesen älteren Blogeintrag.

Werbesprüche können also mit Hilfe „grammatischer Vergehen“ auffallen und dadurch wirkungsvoll sein. Bei Opel und Mercedes hat das jedenfalls insofern gut funktioniert, dass die Markennamen einige Male in diesem Blog genannt werden …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wo bist Du? – Ich bin einkaufen

Dank einer Frage von Frau D. habe ich eine neue Verbalkonstruktion entdeckt! Damit meine ich nicht, dass ich deren Entdecker bin. Diese Ehre kommt wahrscheinlich dem Linguisten Casper de Groot zu (s. u.). Neu ist die Konstruktion nur insofern, als sie erst vor Kurzem beschrieben wurde und ich noch nie etwas über sie gelesen hatte. Es geht also nicht, wie Sie vielleicht vermuten könnten, um das Doppelperfekt (ich habe gesagt gehabt) oder das Doppelplusquamperfekt (ich hatte gesagt gehabt). Diese Formen sind ja fast so bekannt wie sie bei vielen verpönt sind. Nein, es geht um etwas anderes:

Frage

Schon seit vielen Jahren unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache und heute hat mir eine Teilnehmerin eine Frage gestellt, auf die mir auch nach längerem Grübeln keine richtige Antwort einfiel. Was hat es mit der Form ich bin laufen gewesen auf sich? Wäre es ein Perfekt, müsste doch das Präsens logischerweise ich bin laufen heißen? Ist es vielleicht tatsächlich nur Umgangssprache und entbehrt einer grammatischen Grundlage? Mache ich einen Denkfehler?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

der Satz Ich bin laufen gewesen steht im Perfekt. Im Präsens müsste die Form also tatsächlich heißen: Ich bin laufen. Im Präsens klingt der Satz aber recht ungewohnt. Weshalb? – Weil er in der ersten Person steht. Eine etwas ausführlichere Erklärung ist hier sicher angebracht:

Es handelt sich hier um eine Konstruktion, die aus dem Verb sein und einem Infinitiv besteht. Beispiele:

Präs: Wo ist er? – Er ist einkaufen.
Perf: Wo ist sie gewesen? – Sie ist schwimmen gewesen.
Prät: Wo waren sie? – Sie waren Fußball spielen.

Diese Konstruktion kann, vereinfacht gesagt, bei den gleichen Verben verwendet werden, bei denen auch die Konstruktion gehen+Infinitiv verwendet wird:

Er geht einkaufen – Er ist einkaufen.
Sie ist schwimmen gegangen – Sie ist schwimmen gewesen.
Sie gingen Fußball spielen – Sie waren Fußball spielen.

Die Konstruktion sein+Infinitiv wird Absentiv genannt (absent = abwesend). Das Subjekt der Verbhandlung ist nämlich abwesend (und man erwartet, dass die abwesende Person wieder zurückkehrt). Im Perfekt ist das auch in der ersten Person kein Problem:

Ich bin einkaufen gewesen.

Ich bin also abwesend gewesen, bevor ich diese sage. Im Präsens klingt die gleiche Wendung dann aber etwas ungewohnt.

Ich bin einkaufen.

Ich muss also abwesend sein, während ich dies sage. Der Satz klingt deshalb ohne jeden Kontext etwas sonderbar. Aus diesem Grund konnten Sie ich bin laufen auch nicht einordnen. In der heutigen Zeit ist aber dank moderner Kommunikationsmittel vieles möglich, auch ein Absentiv in der ersten Person im Präsens. Der Satz Ich bin einkaufen klingt als Antwort auf die Frage „Wo bist du?“ übers Handy ganz passabel. Während ich dies sage, bin ich im Normalfall für die Person am anderen Ende der Telefonverbindung abwesend. Hier sieht man, das technischer Fortschritt auch neue grammatische Möglichkeiten mit sich bringen kann.

Stilistisch ist diese Konstruktion eher der gesprochenen Umgangssprache zuzuordnen. Wie Sie sehen, entbehrt sie aber keineswegs einer grammatischen Grundlage. Sie hat sogar einen eigenen, richtig eindrücklich grammatisch klingenden Namen: Absentiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

de Groot, Casper. 2000. The absentive. In: Dahl, Östen (ed.) Tense and aspect in the languages of Europe. Berlin: Mouton de Gruyter. 641-667.

Performant, gibt es das?

Frage

Existiert eigentlich das Wort performant im Deutschen? Ich lese das Wort bei „führenden“ technischen Online-Portalen […] und habe es selbst textlich ebenfalls schon verwendet.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

wenn Sie das Wort verwenden und es auch in führenden Online-Publikationen zu finden ist, dann gibt es das Wort. Die Frage ist nur, ob performant ein „gutes“ deutsches Wort ist. So wie ich das auf die Schnelle beurteilen kann, ist es ein im IT-Bereich sehr übliches Fachwort, das sich lautlich und formal gut in den bestehenden Fremdwortschatz einfügt. Ich finde es deshalb ein „gutes“ Fachwort. In der Allgemeinsprache würde ich es aber nicht verwenden. Dort verwendet man vielleicht besser zum Beispiel leistungsfähig, leistungsstark oder je nachdem ein anderes, bekannteres Fremdwort wie effizient.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich würde sagen …

Frage

„Spontan würde ich sagen, dass hier ein Komma stehen muss.“ Während des Schreibens dieses Satzes zwang sich mir eine Frage förmlich auf: Quizshowmoderatoren wie beispielsweise Günther Jauch hätten mich beim Hören dieses Satzes unter Umständen gefragt, ob ich das nur sagen würde oder auch sage, und mich darauf hingewiesen, dass sie keine Konjunktive als Antworten annehmen. Wie verhält es sich also mit der Verbindlichkeit dieser Aussage? Müsste ich, wenn ich tatsächlich eindeutig antworten möchte, auf diesen Konjunktiv verzichten und schreiben: „Spontan sage ich, dass hier ein Komma stehen muss“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn es sich nicht um wichtige, rechtlich verbindliche Vertragstexte oder Prozessakten handelt,  können Sie ohne Weiteres die würde-Form verwenden. Den Konjunktiv II oder die entsprechende würde-Form verwenden Sie in solchen Fällen nämlich, weil Sie als höflicher, zurückhaltender Mensch eine höfliche, unaufdringliche Aussage machen. Ich würde sagen klingt weniger schroff als ich sage. Mit der würde-Form gibt man hier an, dass man nicht ganz sicher ist oder dass man weiß, dass man sich täuschen könnte. Sehr forsch ausgesprochen kann der Indikativ nämlich den Eindruck erwecken, man sei sich seiner Sache sehr sicher und dulde keinen Widerspruch. Ganz so schwarzweiß ist die Verwendung des Konjunktivs und des Indikativs in solchen Fällen natürlich nicht. Vieles hängt davon ab, wer in welchem Ton was zu wem sagt.

Weitere Beispiele, in denen der Konjunktiv nicht etwas Irreales oder eine Möglichkeit ausdrückt, sondern vor allem der Höflichkeit halber verwendet wird:

Würden Sie bitte etwas zur Seite treten?
Dürfte ich Sie etwas fragen?
Ich würde Ihnen empfehlen vorher anzurufen.
Ich wüsste schon, was ihr tun könntet.

Sehen Sie hierzu auch diesen Abschnitt in der CanooNet-Grammatik.

Quizmoderatoren äußern ihre Forderung nach dem Indikativ wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen:

  • Sie interpretieren den höflich gemeinten Konjunktiv absichtlich wörtlich als irrealen Bedingungssatz (Wenn dies und das so wäre, würde ich sagen). Das ist dann scherzhaft gemeint.
  • Die Forderung nach dem Indikativ dient dazu, einen allzu lange zögernden Kandidaten endlich zu einer Entscheidung zu bewegen.
  • Die Forderung nach einer „verbindlichen“ Aussage im Indikativ soll der ganzen Sache mehr Gewicht geben. Es gibt schließlich etwas zu gewinnen.
  • Die würde-Form gibt ihnen die Gelegenheit, etwas zu sagen. Das Erkennen und Benutzen solcher Momente ist eine Fähigkeit, die man als Quizmoderator unbedingt haben muss. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie ich eine ganze Sendung vollreden müsste.

Wie dem auch sei, der Konjunktiv und die würde-Form spielen eine wichtige Rolle bei der Formulierung von höflichen Aufforderungen und Aussagen. Man kann ihre Verwendung übertrieben „säuselnd“ oder „alte Schule“ finden, aber ich persönlich höre und lese oft lieber „Könnte das falsch sein?“ als „Das ist falsch!“, ganz egal ob es sich tatsächlich um einen Fehler handelt oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat?

Zurzeit befinden wir uns in einem saisonalen Niemandsland oder, besser gesagt, einem jahreszeitlich doppelt besetzten Zeitraum. Das klingt ungewöhnlich, fast schon ein bisschen beunruhigend. Keine Angst, es hat nichts mit Klimawandel oder ähnlich Besorgniserregendem zu tun! Solche Perioden kommen jedes Jahr viermal vor. Das liegt schlicht und einfach am Unterschied zwischen den meteorologischen Jahreszeiten und den astronomischen Jahreszeiten. Die meteorologischen Jahreszeiten beginnen immer am ersten des Monats. Das scheint unter anderem die statistische Rechnerei zu vereinfachen. Die astronomischen Jahreszeiten hingegen richten sich nach den Sonnenhöchst- und -tiefstständen. Meteorologisch gesehen befinden wir uns deshalb schon seit dem 1. September im Herbst, während astronomisch gesehen der Sommer erst am 23. September endet. Solche „Doppelbesetzungen“ gibt es auch zwischen dem 1. und dem 21. Dezember, dem 1. und dem 21. März sowie dem 1. und dem 21. Juni.

Dies zeigt wieder einmal, das selbst Begriffe, die eigentlich ganz eindeutig sind, doch nicht immer ganz so eindeutig definiert sind. Und trotzdem gibt es selten Verständigungsschwierigkeiten, wenn es um Frühling, Sommer, Herbst und Winter geht.

Das Wort Herbst geht weit zurück. Es hat über ein paar Ecken auch mit dem lateinischen Wort für pflücken carpere und mit griechischen Wort für Frucht κα?πος zu tun und bedeutete ursprünglich Zeit der Ernte. Diese Bedeutung findet sich noch im englischen Wort für Ernte: harvest. Sein „Gegenspieler“, Lenz, ist ein ebenso altes Wort. Es ist mit lang verwandt und bezeichnete ursprünglich so etwas wie das Längerwerden der Tage.

Wofür ich keine Erklärung finden konnte, ist Folgendes: Herbst gehört auch heute noch zum allgemeinen Wortschatz. Lenz hingegen erscheint nur noch in Ausdrücken wie „zwanzig Lenze zählen“ (zwanzig Jahre alt sein) und „sich einen faulen Lenz machen“ (sehr wenig arbeiten) oder in wahren Perlen von Schlagertexten wie  „Veronika, der Lenz ist da. Die Mädchen singen tralala …“ Weshalb sagen wir heute Frühling oder Frühjahr statt Lenz, aber nur selten Spätjahr und nie Spätling anstelle von Herbst? Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat? Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen und mir leider schuldig bleiben.

Ungewohnt unveränderlich: Campus, Status, Kasus

Frage

Bei einer etwas umfangreicheren Übersetzungsarbeit bin ich auf Fragen gestoßen, die ich nicht mit den üblichen Rechtschreib-Nachschlagwerken beantworten konnte. So verlangt der englische Originaltext den Plural von Campus, den es laut Duden oder auch laut Canoo nicht gibt – bzw. der mit dem Singular identisch ist:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

So sehr ich mich bemühe, klingt das Wort Campus an dieser Stelle äußerst komisch. Im Internet wird Campusse oder auch Campi als Plural vorgeschlagen. Natürlich kann man einfach auf das deutsche Wort Universitätsgelände ausweichen, das sich ohne Schwierigkeiten deklinieren lässt.

Ähnlich ist es mit dem Wort Status, für das es im Deutschen auch keinen Plural gibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

auch wenn sie ungewohnt aussieht, ist Ihre Formulierung richtig:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

Ich habe es noch einmal für Sie kontrolliert: Die mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher geben für Campus alle wie CanooNet die Pluralform die Campus an. (Nur Wahrig weicht davon ab, indem angegeben wird, dass Campus keinen Plural habe. Letzteres hilft Ihnen aber nicht viel weiter, wenn Sie eine Mehrzahlform von Campus benötigen.) Wenn Sie also einen standardsprachlich korrekten Text schreiben möchten, verwenden Sie, wie gesagt, einfach die Campus. Sie können tatsächlich auch auf eine andere Formulierung ausweichen und hier zum Beispiel „und auf hunderten von Universitätsgeländen“ oder einfach „und an hunderten von anderen Universitäten“ schreiben.

Campus ist nicht das einzige Wort, das im Plural unveränderlich ist. Im Prinzip gehören die meisten männlichen und sächlichen Wörter, die auf unbetontes -er oder -el enden, auch dazu: die Reiter, die Esel, die Ruder, die Übel. Diese Wörter bilden allerdings eine große Gruppe, deren Pluralformen zu häufig vorkommen, als dass uns ihre Unveränderlichkeit in irgendeiner Weise erstaunen würde. Außerdem sind sie nicht völlig unveränderlich, denn im Genitiv Singular haben sie ein s und im Dativ Plural ein n. Wörter mit einer anderen Form haben meistens Pluralformen, die durch eine Endung (oder einen Umlaut) markiert sind. Deshalb sieht die Campus so ungewohnt aus, dass man lieber eine markierte Pluralform einsetzen würde. Hier bietet sich in Anlehnung an zum Beispiel Kaktusse, Globusse und Atlasse am ehesten Campusse an. Diese Form ist aber (noch?) nicht akzeptiert, so dass Sie sich dem Risiko aussetzen, dass man Ihnen einen Fehler vorwirft. Die Form Campi würde ich außerhalb eines lateinischen Kontextes (z.B. Campi Elysii) nicht empfehlen.

Beim Wort Status kann man ebenfalls nicht sagen, dass es keinen Plural gebe. Die Pluralformen sind (in der Schrift) einfach unveränderlich: der Status/die Status. Hier erklärt sich die ungewohnte Pluralform aus der lateinischen Beugung. Andere Beispiele sind der Kasus/die Kasus und der Passus/die Passus. Auch hier gilt, dass die Pluralformen vielleicht ungewohnt aussehen, aber in dieser Weise korrekt sind:

Im Deutschen gibt es vier Kasus.
Einige Passus daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Status

Vor allem in nicht fachsprachlichen Texten wird aber auch hier im Plural oft auf andere Wörter ausgewichen:

Im Deutschen gibt es vier Fälle.
Einige Passagen daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum Rotkäppchen zu seiner Großmutter ging

Wie wir wahrscheinlich alle wissen, ging Rotkäppchen zur Großmutter, um ihr ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein zu bringen. Mit der Frage im Titel ist dann auch nicht gemeint, aus welchem Grund die junge Dame den gefährlichen Fußmarsch durch den Wald unternahm, sondern warum Rotkäppchen zu seiner und nicht zu ihrer Großmutter ging.

Frage

Warum heißt es zum Beispiel: „Rotkäppchen ging nach Hause, und niemand tat ihm etwas zuleid“? Verlangt Rotkäppchen nicht eigentlich die Form: „… und niemand tat ihr etwas zuleid“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Rotkäppchen ist grammatisch gesehen ein sächliches Nomen (das Rotkäppchen), auch wenn das natürliche Geschlecht weiblich ist. Bei der grammatischen Übereinstimmung richtet man sich im Deutschen in der Regel nach dem grammatischen und nicht nach dem natürlichen Geschlecht. Deshalb geht Rotkäppchen zu seiner Großmutter, nicht zu ihrer Großmutter. Dieser Besuch wird ihm beinahe fatal, weil es den Wolf für seine Großmutter hält, aber glücklicherweise rettet der wackere Jäger das Mädchen, das sonst sein Leben als Wolfsmahl hätte lassen müssen.

Wie man sieht, gilt diese Regel der grammatischen Übereinstimmung auch für  Mädchen. Ein weiteres Beispiel:

Das Mädchen, das seinen Namen verloren hatte.

Bei diesem Wort wird allerdings immer häufiger auch die weibliche Form verwendet. Dies geschieht insbesondere dann, wenn der Abstand zwischen Mädchen und dem Pronomen größer ist:

Aber Tom konnte das Mädchen nicht vergessen. Er durfte nicht mehr durch die verborgene Tür gehen, aber er musste doch versuchen, hinter ihren Namen zu kommen.

Die Formulierung „hinter seinen Namen zu kommen“ ist hier aber mindestens ebenso korrekt. Wörter wie Rotkäppchen, Mädchen und Kind bleiben eben in der Regel grammatisch sächlich, auch wenn sie weibliche Personen bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Über das Teilen von Meinungen

Vielleicht ist Ihnen das Folgende schon lange einmal aufgefallen. Ich aber bin erst heute durch eine E-Mail aus Frankreich auf zwei ähnlich lautende Ausdrucksweisen aufmerksam geworden, die ziemlich widersprüchlich sind, wenn man sie miteinander kombiniert:

eine Meinung teilen = die gleiche Meinung haben
geteilter Meinung sein = nicht die gleiche Meinung haben

Ist es nicht erstaunlich, dass man gerade dann geteilter Meinung ist, wenn man eine Meinung nicht teilt?!

Sich von jemandem scheiden – lassen

Frage

Man hört immer häufiger: „Ich scheide mich von dir!“ Ist dies einfach nur bedauerlich oder auch grammatikalisch falsch? Kann man sich also aktiv von jemandem scheiden oder muss man sich scheiden lassen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn es um eine Ehescheidung geht, ist die scheidende Instanz (= das Subjekt der Verbhandlung) eine Richterin, ein Richter, das Gericht o. Ä. Man kann deshalb in der deutschen Sprache nicht sagen: „Ich scheide mich von dir!“ Das würde bedeuten, dass man die Scheidung selbst aussprechen kann. Man kann es natürlich versuchen, aber eine solche Scheidung ist noch nicht einmal dann rechtsgültig, wenn ein Richter seine eigene Ehe in dieser Weise beenden will.

Wenn man seinem Gatten oder seiner Gattin eine Ehescheidung ankündigt, stehen einem eine Reihe anderer, korrekter Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Zum Beispiel:

Ich lasse mich von dir scheiden.
Ich will von dir geschieden werden.
Ich reiche die Scheidung ein.
Du hörst noch von meinen Anwalt.

Man kann im Deutschen auch sagen: „Ich scheide von dir.“ Das bedeutet aber nicht, dass eine Ehescheidung ansteht, sondern nur, dass man jemanden verlässt, bei jemandem weggeht. Außerdem klingt diese Formulierung recht veraltet oder sehr gehoben. Auch sich scheiden gibt es, aber dann geht es zum Beispiel um Wege, die sich scheiden, oder um einen Meeresstrom, der sich in mehrere Arme teilt.

Die richtige Formulierung lautet also: „Ich lasse mich von dir scheiden!“ Auch eine grammatisch korrekte Ausdrucksweise macht aber leider eine Scheidung kein bisschen einfacher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp